Freitag, 30. September 2016

The Actor (Satoko Yokohama, Japan 2015)

Please welcome Yavuz! Ein neuer Autor bei Schneeland! Yavuz Say ist freier Autor und Teammitglied bei Nippon Connection e.V., Japanese Film Festival Frankfurt, wo er - laut Eigenaussage - ironischerweise nie zum Filmegucken kommt. Den Film "The Actor", der auch dieses Jahr auf dem Festival lief und der, wenn ich mich recht erinnere, sehr gut beim Publikum ankam, den hat er nun nachgeholt.
 

 Der Schauspieler Takuji Kameoka (Ken Yasuda) ist vor allem wegen einem gefragt: auf Kommando tot umzufallen. Takuji ist nämlich ein Spezialist für kirare-yaku, die Kunst, auf der Leinwand oder der Bühne zu sterben. Regisseure und Schauspielkollegen verehren ihn wegen seiner Gabe. Doch mit nur einem Ausdruck will er sich nicht mehr zufrieden geben. Als er eines Abends Bardame Azumi (Kumiko Aso) kennenlernt, beschließt er, ein „richtiger“ Schauspieler zu werden.

 Satoko Yokohamas Film springt oftmals zwischen Flashbacks und Flash-forward hin und her, ohne diese zu markieren - und das manchmal so erratisch, dass der Zuschauer die Zeitebenen gedanklich kaum noch einordnen kann. Oftmals wirken sie eher wie Tagträume, in denen sich der Protagonist verliert. In der Vermischung von Realem und Fiktion erlebt der Zuschauer auch die Reise von Takuji, die ihn zu dessen schauspielerischer Weiterentwicklung führen soll. Die Motivationen und Gefühle seiner Figuren, so bringt es ihm seine Lehrerin bei, sollen von ihm verinnerlicht werden. Ein erotischer Moment, den die beiden dann am Höhepunkt des Films miteinander bei einer Theaterperformance erleben, lässt durch seine Doppelkodierung das ambivalente Verhältnis von Gespieltem und Realem erahnen. 

 Dieser Drahtseilakt, auf dem Takuji sich bewegt, wird skurril und witzig, größtenteils aber eher gemächlich inszeniert – immerhin ist der Film, wie so viele andere aus Japan, ziemlich genau 2 Stunden lang. Dabei ist es irgendwie passend, dass man Takuji bei seiner Odyssee durch die Filmszenerien der jidai-geki und gendai-geki folgt. Schließlich dienen diese beiden Hauptgenres des japanischen Films, der Historienfilm und Gegenwartsfilm, nicht nur als zentrale Kulissen für den Selbstfindungstrip des Helden, sondern auch für die Reise in die Vergangenheit des japanischen Filmes, der noch heute Elemente des minimalistischen Kabuki- und Noh-Theaters in sich trägt.

  Den Mittelweg zwischen Pose und expressivem Ausleben der Rolle findet Takuji schließlich bei spontanen Improvisationen, bei denen er nicht mehr Wert darauf legt, ob er überhaupt noch von der Kamera gefilmt wird (worauf der Regisseur vor lauter Begeisterung sogar noch mehr Kameras aufstellen lässt). Als er dann ans Ende des Weges und damit an sein vermeintliches Ziel gelangt, bleibt für ihn konsequenterweise nur noch eine Handlung: nämlich die Einengung durch den filmischen Raum endgültig zu verlassen. Dies tut er dann auch, wortwörtlich, indem er in der letzten Einstellung aus der Kadrierung geht.

Yavuz Say

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Freitag, 23. September 2016

Bitter Money (Wang Bing, Hong Kong/Frankreich, 2016)


 Es sind ganz verschiedene Eindrücke, die mich an Wang Bings Dokumentarfilm BITTER MONEY nicht mehr loslassen. Stärker übrigens,  als das bei TA'ANG der Fall war, alleine schon, weil ich hier die Kamera viel interessanter finde. Aber was es genau ist, weiß ich nicht (und TA'ANG abwerten, das will ich nun gleich gar nicht). Es geht um prekäre Arbeitsverhältnisse: arme Leute aus den ländlichen Gegenden reisen in eine Großstadt, um dort in einer, mehreren Textilfabriken zu arbeiten. Irgendwo in China gibt es eine solche Stadt, wo eben viele kleinere Unternehmen angesiedelt sind, und dort strömen eine ganze Menge Leute hin. Man wohnt auch dort, baut sich vielleicht was auf. Der Film beginnt am Anfang der Reise, im Zug. Alle sitzen, schlafen, essen, quatschen stundenlang mit- und gegeneinander. Verlorene, Familien, Liebende, auf der Suche nach Geld, Glück, Sicherheit. Einer Zukunft. Dann kommen sie in der Stadt an und arbeiten, essen, schlafen. Laufen herum, telefonieren. Wang Bing driftet von einer Person zur nächsten, erzählt viele Geschichten in diesem knapp dreistündigen Film. Leider hört er dann irgendwann auf, ich hätte noch lange weiter gucken wollen.

 Der Film also erzählt nicht eine Geschichte kohärent von einem Anfangs- hin zu einem Endpunkt, sondern gibt lediglich den Rahmen vor, den man sich vorher ausgedacht hat. Abreise, Ankunft, Arbeit, Abreise. Die Geschichten, die erzählt werden, die fallen hinein in dieses Muster, ohne diese Stadien zu durchlaufen, sondern jede erzählt etwas, einen Teilaspekt, einen Ausriss aus dem großen Ganzen (das man Leben nennen könnte - oder Film). Und bei einer anderen Person ist es eben anders gelaufen - und dann doch auch wieder gleich, irgendwie. Das ist auch das Schöne an diesem Film, dass alle Personen Individuen sind, und zugleich Stellvertreter für viele. Jede Figur weist über sich selbst hinaus, obwohl alles so furchtbar alltäglich ist. Die banale Existenz.

 Natürlich wird nicht kommentiert, es "entlarvt sich" auch nichts "selbst", wie vielleicht bei Ulrich Seidl. Wang Bing zeigt einfach nur, und sagt gar nichts. Braucht er auch nicht, sein Werk ist völlig offen, und der Zuschauer kann daraus machen, was er will. Die Bilder selbst, das ist seine Auswahl, sein Gestalten. Und wenn einer zehn Stunden an einer Nähmaschine sitzt, dann kann man das schlimm finden, aber was wirklich los ist, weiß man nicht so richtig. Plötzlich lacht der, und freut sich, dass er so und soviele Teile heute genäht hat. Kapitalismuskritik schwingt freilich mit, aber so einfach ist es nun auch wieder nicht. Später sitzt man dann auf der Straße herum, trinkt Bier und flirtet mit ein, zwei Mädchen. Wenn ich an den Flm denke, dann häufig an diese Nachtszenen, in denen mal gegessen, mal gearbeitet wird. Oder geschlafen, zu dritt in einem Verschlag. Und klar hätte man sicherlich gerne eine eigene Wohnung, aber man kann nicht sagen, dass sich jemand beklagen würde. Auch die Mädels, die nicht viel anders hausen, gehen duschen und machen sich dann hübsch fürs Ausgehen. Eine streitet mit ihrem Ehemann, der wird dann ruppig, und man wünscht sich, dass das dann gespielt ist, eine fiktionale Szene. Ich bezweifle es, aber ganz sicher kann man sich nie sein.

 Das verdiente Geld ist natürlich bitteres Geld. Alle sind fern ihrer Heimat, viele haben die eigene Familie verlassen müssen und schicken das Geld nach Hause. Alle sind das, was wir arm nennen würden. Aber alle haben ihre Würde behalten, keiner und keine lässt sich verarschen. Alle nehmen die Sache (und sich selbst) ernst. Und wenn etwas völlig unakzeptabel ist, dann wird direkt gekündigt. So wenig Sicherheiten man hat, so viel Unverbindlichkeit (oder Freiheit?) genehmigt man sich. Keine der Personen lässt sich einsperren. Gibt es irgendwo bessere Arbeit, besser bezahlt oder sonstwie attraktiver, dann ist man sofort weg und bereit, alles hinter sich zu lassen. Das ist eine ganz merkwürdig faszinierende Freiheit, die sich die Menschen hier nehmen: die die instabilen Verhältnisse verinnerlicht haben und oft genug den Spieß umdrehen, wenn sie sich selbst das Wichtigste werden. Also auch in dieser Hinsicht, im Hinblick auf Arbeitsverhältnisse im 21. Jahrhundert, ist Wang Bings BITTER MONEY ein äußerst faszinierender Film. Die Personen allein und ausschließlich als Opfer der Verhältnisse wahrzunehmen, wäre völlig fehl am Platz. Auch wenn diesen Lebenswelten eine deutlich existenziellere Dringlichkeit innewohnt, als dem, was wir in Mitteleuropa als bedrohlich zu empfinden gewohnt sind. Mit poverty porn hat dieser Film nun aber gar nichts zu tun.

Michael Schleeh

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Donnerstag, 8. September 2016

The Priests / Geomeun sajedeul (Jang Jae-hyun, Südkorea 2015)

 

 Man kann nun dem Regie-Neuling Jang Jae-hyun schlecht Vorwürfe machen, dass sein Film nicht noch besser geworden ist, als er es ohnehin ist. Denn wenn jeder Debüt-Film das Niveau von The Priests aufweisen würde, dann müsste man sich um den Nachwuchs in Sachen Film keine Sorgen machen. Jang konnte zuvor mit einem Kurzfilm überzeugen, 12th Assistant Deacon, auf dem nun dieser Langfilm aufbaut. Eine Einschränkung kommt jedoch immer mit einem aber einher, und es ist nun leider auch nicht von der Hand zu weisen, dass der Film seine Schwächen hat. Vor allem im ersten Teil, wo aufwändig eine europäisch-genealogische Historizität des Religiösen - und somit des Dämonischen - aufgebaut werden muss (wie auch eine unbewusste Mitschuld der Priester an den Ereignissen selbst). Wie bekannt sein dürfte, ist Korea in weiten Teilen äußerst streng katholisch, was sich etwa in den traditionell frühen Heiratsplänen der meist noch jungen Eheleute manifestiert. Es verwundert also nicht, dass auch das Böse seinen Weg ins kleine Land irgendwo unterhalb von China und Russland gefunden hat. Und wer hätte da nicht sofort an Friedkins Der Exorzist gedacht, oder ganz aktuell: an The Wailing von Na Hong-jin, der ebenfalls mit einer fulminanten, klassischen Exorzismus-Szene aufwarten kann. Und wenn man ehrlich ist, dann ist die auch noch etwas eindrücklicher gelungen. Insgesamt mangelt es The Priests, das mein Hauptkritikpunkt am Film, etwas an Originalität und Eigenständigkeit.

 Aber dennoch: Jang ist ein fesselnder und äußerst atmosphärischer Film geglückt, der am Ende zu einem klaustrophobischen Kammerspiel mutiert, während aus einem kleinen Mädchen ein uralter Dämon herausbricht. Das liegt nun nicht zu geringem Teil auch an den beiden Protagonisten, von denen der junge Diakon Choi (gespielt von Gang Dong-won aus Kundo - Age of the Rampant) und insbesondere Priester Kim (Kim Yoon-seok) völlig überzeugen kann. Kim ist sowieso einer der momentan besten und angesagtesten Schauspieler Südkoreas. Ein Blick in seine Filmografie sagt alles: Running Wild, The Chaser, The Yellow Sea, Tazza, The Thieves, Hwayi, Sea Fog und viele mehr. Er gehört zu den Schauspielern, die selbst mit versteinertem Gesicht noch viel mehr aussagen können, als andere selbst durch grimassierendes Overacting (man vergleiche das einmal mit der Darstellung des Helden in Level Up, der ebenfalls auf dem Fantasy Filmfest läuft). Nicht ganz unironisch versuchen die beiden Priester (Lehrer und Schüler aka. Ersatzvater und Sohn) den Geist in einem Ferkel zu fangen, das immer grunzend durchs Zimmer läuft. Aber Scherz beiseite, denn ein weiterer Gegensatz macht sich bemerkbar: der zwischen der hochtechnologisierten Industrienation und der dunklen Mystik, der in die Vorzeiten der Geschichte zurückreicht, in der noch alte Traditionen ihre Bestimmung haben. Anschaulich wird das immer wieder in den Szenen der Teufelsaustreibung, wenn der in der Nacht hellerleuchtete Boulevard voller junger Menschen mit der dunklen Gasse kontrastiert wird, in der es zum Ort des Exorzismus geht. Kameraflüge, die die Nähe der beiden so getrennten Welten veranschaulichen. Hoch in einem traditionellen Haus ohne Glasfassade und Aufzug, über enge Flure und Treppen geht es in einen heruntergekommenen Raum, in dem sich bei Dunkelheit die Mäuse und Kakerlaken ein Stelldichein geben. Während wenige Meter weiter ein Apple-Store (oder dergleichen) die Nacht erhellt. Doch die Menschen im Jetzt und Heute bekommen von dieser zweiten Welt nichts mit. Die Priester sind Außenseiter, die heute keiner mehr versteht, ja verstehen kann. 

 Auch die Polizisten sind schnell dabei, einen Mordfall auszurufen, als sie den leblosen Körper des Mädchens entdecken. Die Nähe des Unheils, das hier eben noch unter dem Einsatz des eigenen Lebens abgewehrt wurde, und die Brisanz der Ereignisse werden den Ordnungshütern nicht bewusst. In dieser Welt zählen Logik und Ratio, Kausalitäten und Tatsachen. Jedes weitere Wort wäre vergeblich, und so bleibt erstmal nichts als Schweigen. Und die Hoffnung, dass es Autoritäten werden richten können. Doch Freunde haben die Teufelsaustreiber in den eigenen Reihen nicht viele, denn auch dort denkt man vor allem zunächst an die eigene Karriere. Es kann eben nur sein, was sein darf. Vor diesem Hintergrund, der sich problemlos auf andere gegenwärtige Problemlagen übertragen lässt, erzählt dieser Film - wenn auch wenig Neues und zunächst etwas ungelenk, dann aber in der zweiten Hälfte mitreissend und mit Verve. Ich bin auf Jangs zweiten Film gespannt und hoffe, er muss nicht jahrelang warten, bis er wieder auf den Regiestuhl darf. Potenzial hat der Mann ganz offensichtlich mehr als genug.

Michael Schleeh

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Samstag, 27. August 2016

Waiting (Anu Menon, Indien 2015)


 In der Leere und Einsamkeit eines nächtlichen Hospitals lernen sich Shiv und Tara kennen: sie, völlig verzweifelt, da ihr frisch angetrauter Ehemann nach einem Unfall in Cochin mit schwerer Kopfverletzung ins Krankenhaus eingeliefert wurde und nun unansprechbar ist; er, schon mit Routine vor Ort, da seine Gattin bereits seit zehn Monaten im Koma liegt. Neben allen emotionalen Problemen ist Shiv dabei, sich finanziell zu ruinieren und kann dennoch nicht von der Hoffnung lassen, dass am Ende noch alles gut wird. Obwohl es kaum mehr Aussicht auf Besserung gibt. Tara dagegen immer kurz vor der Hysterie, erfasst von tiefer Trauer und Verzweiflung, die nicht weiß, wie mit der Situation umzugehen ist. Shiv ersetzt ihr bald schon einen väterlichen Freund, der ihr mit seiner Erfahrung und beruhigenden Art wenigstens wieder etwas Stabilität geben kann. Doch sie ergänzt ihn ebenfalls: aus der Festgefahrenheit auszubrechen und sich Neuem zu öffnen. Eine Balance, die ganz nach den Spielregeln des Arthouse-Kinos funktioniert. Etwas Erotisch-Sexuelles hat ihre Beziehung übrigens niemals, dafür ist schon der Altersunterschied zu groß. Shiv wird gespielt vom großartigen Naseeruddin Shah, Tara von Kalki Koechlin. Keine Frage, auf dem gemeinsamen Weg der beiden Einsamen kommt es öfters auch durchaus zum handfesten Streit: denn es geht natürlich irgendwie auch immer um alles. Das Leben an sich. Und da prallen zwei Generationen aufeinander.

 Das vielleicht größte Verdienst von Regisseurin Anu Menons flüssig inszeniertem Film ist wohl das völlige Fehlen jeden Gefühlskitschs. Beinahe nüchtern und observierend werden die Ereignisse dargestellt, und auch die Musik ist da keinen Moment zu laut oder aufdringlich emotionsverstärkend. Bisweilen wünscht man sich sogar, emotional noch etwas näher an die Figuen heranzukommen, als es der Film zulässt. Aber vielleicht ist auch gerade diese Distanziertheit, die es dem Zuschauer erlaubt, selbst zu wählen, auf welche Weise er sich auf den Film einlassen will. Denn schwerwiegende Themen werden hier allerhand angesprochen: von der doch merklichen Abwesenheit der engen Freunde Taras, die alle plötzlich keine Zeit haben, von der Instant-Religiosität, die helfen soll, wenn alle medizinischen Lösungen versagen, vom schwierigen Verhältnis zwischen den Familien und der Hoheit der Verantwortung, vom schlechten Gewissen, in Zeiten der Krise doch wieder Freude am Leben zu empfinden, bis hin zur Entscheidung über das Abschalten der Maschinen. Anu Menons Filmskript durchsegelt aber auch ein paar weniger spannende Untiefen, die allzu genrekonform abgehakt werden müssen: Exzesse der Wut einer Verzweifelten, das plötzliche Aufdecken einer geheim gehaltenen Liebesromanze beim Durchstöbern des Handys des Verunfallten (was übrigens merkwürdig konsequenzlos bleibt - ein Faden, der fallengelassen wird), die beste Freundin, die spät aber dann doch noch kommt, und der recht wenig einfällt, wenn es um Anteilnahme und echte, tröstende Worte geht. Auch muss sie recht schnell wieder weg nach Hause (irgendein familiärer "Notfall").

 Am Ende bleibt der Film offen. Denn die eine Frage bleibt unbeantwortet im Raum stehen, die zu den schlimmsten gehört, die man sich vorstellen kann: wie entscheidet man sich, wenn es bei dem Menschen, den man liebt, keine Aussicht auf Besserung gibt? Ein offenes, aber auch abruptes Ende also, was grundsätzlich begrüßenswert ist. Dennoch hätte man sich ein paar weitere Filmminuten gewünscht, die ihn etwas abgerundet hätten. So jedenfalls wirkt er seltsam unfertig und übereilt zu Ende gebracht. Wofür eigentlich kein Grund besteht, da er bei seiner recht kurzen Spielzeit von gerade mal 92 Minuten durchaus aus dem Rahmen fällt. Dass man es hier mit einem waschechten Arthouse-Problemfilm zu tun hat, dürfte klar geworden sein, und somit muss man in diesem Hindi-Film auf jede eskapistische Gesangsnummer verzichten. Passt aber so, inhaltlich, und auf diese Weise ist er auch international kompatibler. Waiting ist ein spannender Film, der tieftraurig ist, ohne kitschig oder tränendrüsig melancholisch zu sein. Das ist schon eine reife Leistung. 

Michael Schleeh

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Donnerstag, 18. August 2016

Eega / Makkhi (S.S. Rajamouli, Indien 2012)


 Neu auf netflix und deswegen jetzt endlich von mir einmal nachgeholt: S.S. Rajamoulis Fantasy-Filmfest-Hit EEGA / MAKKHI, ein genreübergreifender Tierhorror-Thriller über eine rachelustige Stubenfliege. Ja, eine Stubenfliege. Bizarr ist das, und so eilt dem Film ein gewisser Ruf voraus. Aber wer unlängst das Meisterwerk Baahubali gesehen hat, der ahnt vielleicht schon, woher dieser Regisseur kommt. Rajamouli macht südindische Telugu-Filme (aus "Tollywood"), manchmal auch in Tamil, und wer die Filme dieser Provinzen kennt, der weiß auch, dass dort im Mainstream-Kino keine Gefangenen gemacht werden. Die Superhelden sind unbesiegbar, die Bösewichte die grimmigsten der Welt, die Explosionen größer, die Verfolgungsjagden spektakulärer, ein Augenzwinkern des Schnauzbartträgers genügt, damit die Angebetete dahinschmilzt. Und eben so beginnt auch EEGA (Telugu), bzw. MAKKHI (Hindi). Als schnulzige Romantikkomödie, in der ein glückloser Niemand namens Jani (Nani) endlich den Mut findet, zu seiner hübschen Nachbarin Bindu (Samantha Prabhu) Kontakt aufzunehemen. Zwei Jahre des Schmachtens sind vorbei. Diese findet ihn nett, aber wohl leider nicht mehr. Ein reicher Industrieller (Sudeep) indes, ein unerträglicher Macho, der gewohnt ist, alles zu bekommen was er begehrt, hat sich ebenfalls in die Dame verkuckt. Und als er bemerkt, dass da so ein Lümmel in seinem Revier wildert, bringt er ihn kurzerhand um. Mit überraschender Grausamkeit, übrigens. Die dramatische Tragödie will es, dass dies nun genau in dem Moment geschieht, in dem die Heldin erkennt, dass sie ich in ihn verliebt hat. Doch ihre SMS und Anrufe landen nur noch auf der Mailbox. Bindu verliert ihren Geliebten und scheint Sudeep schutzlos ausgesetzt. Doch unser Held wird überraschend wiedergeboren: als Stubenfliege. Und als er gelernt hat, was man so zum Stubenfliegendasein alles braucht, da erwacht in ihm der Gedanke, Rache zu üben. Er nimmt sogar zur Geliebten Kontakt auf, und auch sie erkennt ihn wieder. Und von diesem Moment an wird der Film rasant, originell, lustig, steckt voller Ideen.

Die beste Entscheidung, die Rajamouli treffen konnte, war sicherlich die, sehr häufig mit der Kamera in die Ich-Perspektive der Stubenfliege zu wechseln. Erkennbar wird das immer daran, dass das Filmbild leicht gerastert und gekrümmt erscheint - ganz so, als wäre man als Zuschauer in den Helikopterkopf der Fliege versetzt und schaut durch diese große Augen hinaus in die Welt. Da gibt es dann freilich tonnenweise Flug-Action, Stunts, Dramatik. Die Fliege hält sich zudem nicht nur in Innenräumen auf, sondern auch in der Stadt, muss die Schauplätze wechseln - und rast durch den Stadtverkehr, über Köpfe hinweg und durch Motorradrikschas hindurch. Viel Lokalkolorit zeigt sich also auch in diesen Szenen. Eine ganze Menge der Gags erwachsen (ähnlich wie bei Ratatouille) daraus, dass die klitzkleine Fliege ihre Winzigkeit zu ihrem Vorteil nutzen kann. Der böse Gangster erwischt sie einfach nie, so sehr er sich auch enragiert. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihn zu terrorisieren. Ihn permanent zu stören, zur Not auch, ihm den Schlaf zu rauben. Und damit den Verstand. Die Groteske dreht dann irgendwann soweit, dass er bereit ist, sein ganzes Haus zu zerlegen, nur um diese doofe Fliege loszuwerden.

Rajamouli macht das sehr geschickt, wie er den Film zusammenhält. Viele Elemente, kleine Details tauchen immer wieder im Film auf und übernehmen diverse rote Fäden, an denen der Film eine Struktur erhält - und wodurch er trotz seiner Abstrusitäten als ein erstaunlich geschlossenes Werk erscheint. Ein Beispiel wäre die Mikrokunst der Heldin, die ganz zu Beginn eingeführt wird. Sie schnitzt aus Reiskörnern Objekte, die dann in Schmuckstücke eingearbeitet werden. Diese Fähigkeit nutzen später die beiden Verbündeten, um sich gegen den Feind zu rüsten. Sie diente auch als Hilfsmittel dazu, sich überhaupt zu erkennen, und dann dem Film wiederum als Symbol der Liebesverbindung zwischen den beiden so ungleichen Liebenden. Mehrfach wird also das Thema aufgegriffen und vermittelt so den Eindruck, dass eben alle kleinen Details einen Sinn und Zweck haben. Weitere Themen wären durchaus auch größer zu begreifen, etwa der Gebrauch der Waffen. Das beginnt schon in der allerersten Szene beim Tontaubenschießen, in der die Waffe als Angriff auf das weibliche Geschlecht eingeführt wird: die Schrotflinte als errigiertes Phallussymbol. Diese Männlichkeit wendet sich jedoch am Ende gegen den Besitzer, der sich damit selbst zerstört. Aber auch eine der Waffen der Fliege führt beinahe zum eigenen Ruin: die Nadel, mit der die Fliege den Gegner Sudeep nicht nur pieksen, sondern ersthaft zu verletzen versteht, kehrt sich gegen den Besitzer, als sie, magnetisch angezogen, den Kämpfenden unter sich einklemmt und somit wehrlos macht. Derlei Motive lassen sich zuhauf in diesem Film finden, der neben seiner Unterhaltungsebene deutlich tiefgründiger ist, als es zunächst erscheint. Mit EEGA / MAKKHI ist S.S. Rajamouli jedenfalls ein wunderbar spannender und zugleich origineller Film gelungen, der nicht zuletzt etwas Empathie im Betrachter schüren könnte, wenn das nächste Mal eine Fliegenpatsche zur Hand genommen wird um eine lästige Stubenfliege loszuwerden. Denn Vorsicht, da wird ein Leben ausgelöscht. Es könnte ja die eigene Oma sein, die mal kurz "Hallo!" sagen wollte.

Michael Schleeh

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Donnerstag, 11. August 2016

Monsoon Mangoes (Abi Varghese, Indien 2016)


Es ist generell ein eher schlechtes Zeichen, wenn ein Künstler in seinem Erstlingswerk das Scheitern des Künstlers an der Kunst thematisiert. Ganz egal, ob es sich dabei um einen Roman handelt über einen Schriftsteller, der unter einer Schreib-Blockade leidet, oder einen Filmemacher, der keinen Film zustande bekommt, da er keine Geschichte zu erzählen hat. Der Verdacht liegt allzu nahe, da wolle jemand partout etwas erreichen, für das er nicht geschaffen ist. Und da man ratlos ist, thematisiert man eben das Ratlos-sein. Was läge da näher, als die Ratslosigkeit des Protagonisten mit der Ratlosigkeit des Autors gleichzusetzen? Nun, generell gilt es als grober Fehler, wenn diese Verknüpfung hergestellt wird - denn wieso sollte ein Autor so sein wie dessen Werk? Nur, wenn eben auch im Kunstobjekt selbst, dem Film, dem Buch, nichts Gescheites geschieht, und sich alles dröge dahinschleppt ohne rechte Entwicklung, so ohne künstlerische Form, ohne anders geartete Ausdruckskraft, etwa im Bild oder der formalen Finesse, dann wird der Verdacht eben mithin bestärkt: dieser Autor hat wohl leider nichts zu sagen. Und da helfen auch keine Amélie-Petitessen weiter, mit Plinkerplunker-Musik und kleinen Details, die im cineastischen Landesmuseum ausgeliehen wurden. Auch das eine oder andere gelungene Filmbild rettet da schließlich nicht das Gesamtwerk, das ohne zwingende künstlerische Kraft isoliert im Filmgemenge herumsteht.

Schade ist das, denn meine zweite Malayalam-Komödie - nach dem ziemlich gelungenen TWO COUNTRIES (Review) - ist eine ziemlich trübe Erfahrung gewesen. Dabei ist sie etwas Besonderes, ein Sonderfall: MONSOON MANGOES ist ein Malayali Film, der beinah ausschließlich in den Südstaaten der USA gedreht wurde. Somit ist es auch ein Film, der das Leben der NRIs (Non Residential Indians) portraitiert, ein Film für die indische Community, die schon lange im Ausland lebt. Auch hier wurden Chancen vertan, denn was der Film an Lebensrealitäten abbildet, erschöpft sich in halbgaren Scherzen (einmal sagen sie triumphierend, dass sie nun den letzten Amerikaner aus ihrem Viertel endgültig vertrieben hätten) und im Groteskwitzeln (die Kräutermischungen des Vaters, die die Lebenskraft bestärken sollen, und die keiner anrühren mag). Aber eigentlich geht es um einen jungen Autoren und Filmfreak, der seinen Debutfilm machen möchte. Sein Office-Job langweilt schon lange, da macht er sich auf die Suche nach einem ehemaligen Bollywood-Schauspieler ("Prem Kumar"), der seine Tage mit dem Austrinken billiger Whiskyflaschen zubringt. Deswegen hieß der Film auch ursprünglich Bourbon Street. Hauptdarsteller ist der wohl recht bekannte Humorist Fahadh Faasil, der den eingeschüchterten Regisseur Daveed P. Pallikkal mimt, mit einer Zurückhaltung übrigens, die schon an Teilnahmslosigkeit grenzt. Wenig engagierter sind da Vijay Raaz als Prem Kumar oder Vinay Forrt, der als sein Assistent fungiert. Einzig die Filmmusik von Jakes Bejoy sticht aus dem Film heraus, die sich einer Mixtur aus modernen indischen Tönen mit pariser Komödienmuzak bedient. Ein leider allzu abgekartetes Spiel, das aus nur vier Songs besteht.

Song & Dance-Szenen werden einem im diesem Film nicht geboten, man fragt sich, warum. Allerdings stellt sich auch die Frage, wie da die Choreographie wohl ausgesehen haben würde - bei einem Film, der nie wirklich aus dem Quark kommt, und der auch mit seinem finalen Höhepunkt, auf den der Film zusteuert, doch ziemlich enttäuscht. Euphorie ist hier fehl am Platze, und da wundert man sich schon, dass es auf der IMDb so großartige Kritiken zu diesem Film gibt - aber überall anderswo der insgesamt dröge Film generell abgewatscht wird. Da werden wohl wieder ein paar der Produktion Nahestehende ihre Superlative nicht im Zaume haben halten können. Das wird dabei doch allzu schnell offensichtlich, sollte man sich selbst einmal in diesen trüben Film hinein begeben haben, der dabei doch so taghell strahlt in seinen sonnigen Südstaatenfarben. Das ist alles schon etwas schade, und man drücke dem Regisseur Abi Varghese die Daumen, dass der Nachfolger zu seinem Filmdebut - bisher hat er ausschließlich beim Fernsehen reüssiert - etwas interessanter und vor allem: zugkräftiger daherkommt.

Michael Schleeh

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Dienstag, 2. August 2016

R100 (Hitoshi Matsumoto, Japan 2013)


Das japanische Kino ist weithin bekannt für das Durchgeknallte und das Bizarre: und R100 steht eindeutig in der Tradition dieser Filme. Kein Wunder also, dass er nun – mit etlicher Verspätung allerdings – auch in unseren Breiten veröffentlicht wird, scheint sich doch der DVD-Markt mit Vorliebe auf Filme dieser Provenienz zu konzentrieren. Es verkaufe sich eben gut, ist da meist die Antwort – und also entsteht über die Jahre hinweg der Eindruck, dort drüben in Japan, da sind sie halt alle verrückt. Was freilich völliger Humbug ist, aber so funktioniert eben der Markt. R100 also ist der vierte Film des Schauspielers, Comedian, Drehbuchschreibers und Regisseurs Hitoshi Matsumoto, ein Mann, der in Personalunion einen Großteil der Arbeit an seinen Filmen selbst stemmen kann. So ungewöhnlich sind sie dann auch. Man erinnere sich nur an den abgehalfterten Monsterbekämpfer in seinem Debut-Film Dai-Nipponjin, Der Große Japaner, an den Mann im weißen Raum in Symbol, oder an den leider weitestgehend untergegangenen Scabbard (bzw. Zaya) Samurai. Seine Helden sind Anti-Helden, die Gesellschaft, in der wir leben, wird nicht gerade freundlich gezeichnet. Hier hat jeder massenhaft Probleme, eine Depression oder einen Dachschaden mindestens. Dabei zeichnen sich die Filme durch eine durchaus melancholische Stimmung aus, es ist gar nicht aufgebauscht hysterisch oder potenziert albern. Furzwitze gibt es bei Matsumoto nicht. Dafür, in seinem neuesten, sehr viel Speichel via Saliva-Domina.

Da ist ein Mann (gespielt von Matsumoto selbst), der arbeitet in einem Einrichtungshaus. Seine Tage sind trist und öde und gleichförmig. Seine Frau liegt seit mehreren Jahren im Koma, aber er fährt jeden Tag hin und bringt Blumen für die Vase. Sein Sohn fragt ihn immer noch und immer wieder, wann denn die Mutter nach Hause käme. Und er sagt dann immer wieder: vielleicht an Ostern. Wann Ostern ist, das weiß man aber nicht. In seiner Verzweiflung und menschlichen Vereinsamung regt sich ein Bedürfnis nach Veränderung, und so geht er eine Mitgliedschaft beim mysteriösen Sexclub Bondage ein. Dieser Club versorgt seine Kunden mit langbeinigen Dominas und kreativen S/M-Spielereien, allerdings: nicht im Club, sondern in der realen Welt der Kunden. Und immer überraschend. Ohne Vorankündigung, immer an anderen Orten. Das Abo geht ein Jahr und ist unkündbar. Also kommt es schließlich wie immer: es wird zuviel, die Lust der Qualen verwandeln sich allzu schnell in reale Pein, und als schließlich selbst am Arbeitsplatz die Übergriffe stattfinden, da will er endgültig raus. Er kann aber nicht. Da legt er sich mit der Korporation an, und weiß natürlich gar nicht, mit wem er sich eigentlich anlegt. Dann hätte er sich das vielleicht nochmal anders überlegt.

Der Film ist nun ein zweigesichtiger Dämon. Zum einen hat man es mit der totalen Tristesse dieses endlos gleichen Arbeitslebens in einer anonymen Großstadt zu tun, zum anderen mit so ausgefallenen Körperspielereien, deren Auswirkungen den Protagonisten noch weiter in den Erdenmulch treten werden. Der sexuelle Höhepunkt zeichnet sich dann immer wieder in einem grotesken Speizialeffekt in den Film hinein, von dem aus dann ein neues Kapitel begonnen wird. Anschaulich wird die Freude (oder eine Lust) daran aber nicht. Zumal sich alles, der gesamte Fim, in einem entfärbten, wie leblosen grau-braun gehaltenen Look präsentiert, ganz so, als sein mit der verloren gegangenen Lebensfreude auch alle Farbe aus der Welt verschwunden. Der einzige Glanz ist die Reflektion des Lichts auf dem Lack und Leder der Dominas. Das alles ist dann über die Spilefilmlänge aber doch sehr episodisch geraten und recht wenig, an dem sich das Interesse festhalten könnte. Auch die eingestreuten Meta-Sessions der Filmproduzenten-Bosse, die eben jenen R100 gerade im Vorführraum zum ersten Mal begutachten – und für konfus und verstörend empfinden – tragen nicht gerade zur Geschlossenheit dieser ohnehin zerklüfteten Erzählung bei. R100 ist ganz offensichtlich auch ein Hieb in Richtung Filmbetrieb, und der Regisseur, der dort im Kino in der ersten Reihe sitzt, schaut wohl nicht ganz umsonst so aus wie der betagte Maverick des japanischen Films: wie Seijun Suzuki mit seinem langen, weißen Bart. So richtig Spaß an diesem Film hat nämlich nur einer: der Regisseur selbst. Plötzlich breitet sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht aus und die Augen fangen an zu leuchten. Und wir, die Zuschauer, beneiden ihn um diesen Schalk.

R100, Japan 2013; Regie: Hitoshi Matsumoto.

Die Blu-ray des Films, die hier zur Sichtung vorlag, erscheint via Donau Film am 29.7.2016 im Handel. Auf dem Cover befindet sich das etwas untypische Varieté-Bild, das man auch im Netz schon sehen konnte, und das mit seiner Farbigkeit etwas irreführend ist. Auch der deutsche Untertitel „Härter ist Besser“ weist auf Ereignisse hin, die viel versprechen, im Film aber so nicht eingelöst werden. Ein Sexfilm ist R100 nämlich nur sehr bedingt, er will etwas anderes. Der Film liegt im Original-Ton vor, mit zuschaltbaren Untertiteln, sowie in – bei kurzem Reinhören – scheinbar und erfreulicherweise sehr ordentlicher deutscher Synchronisation. Was man vom Bild nicht unbedingt behaupten kann. Das grieselt ziemlich stark, vor allem da der Film eher dunkel und düster ist, und die Braun- und Schwarztöne doch sehr am Knistern sind. Natürlich stellt sich so auch eine gewisse Unschärfe ein. Die Bonusfeatures beschränken sich auf den Original-Trailer sowie eine TV-Werbung für den Film. Ansonsten finden sich noch weitere Trailer des Labels als übliches Zubrot. Eine technisch insgesamt eher durchwachsene Veröffentlichung.


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Donnerstag, 21. Juli 2016

Meine Brüder und Schwestern im Norden (Cho Sung-hyung, Deutschland/Nordkorea 2016)



 Ist es nicht furchtbar öde, sich immer wieder in seinen eigenen Vorurteilen bestätigen zu lassen? Und gerade das – übrigens nur scheinbar – hermetisch abgeriegelte Nordkorea ist ein Paradebeispiel für die Mechanismen der westlichen Meinungsmachermaschinerie, die Böseste aller Nationen und das bedrohlichste aller politischen Systeme immer wieder aufs Neue mit denselben Bildern zu skandalisieren und vorzuführen. Militär-Paraden, herausgeputzte Panzer, im Gleichschritt marschierende Soldaten und Soldatinnen, leere Supermarkt-Regale, Hungersnöte, das graue Pjöngjang. Nordkorea – das Land, in dem niemand lächelt. Vor dieser Folie kann man sich selbst ganz wunderbar als Fackelträger der Freiheit inszenieren und, das ist auch klar, da erscheint die eigene korrupte Gesellschaft ganz wie von selbst als das Paradies auf Erden. Der Mensch glaubt eben, was er glauben will. Und sollten es noch so ausgelutschte Klischees und Stereotypen sein. Sollte man ihm diese Freiheit nehmen?

Als Dokumentaristin hat sich die gebürtige Südkoreanerin und deutsche Staatsbürgerin Cho Sung-hyung schon längst einen Namen gemacht: Filme wie Full Metal Village (über das Heavy Metal-Festival in Wacken), 11 Freundinnen („Durch den DFB habe ich gelernt, wie ein totalitäres System funktioniert“) und den sehr humorvoll-zärtlichen Endstation der Sehnsüchte (über ein „deutsches Dorf“ in Südkorea) belegen eindrucksvoll ihr Interesse für gesellschaftliche Mikrokosmen, die sich eher unbemerkt entwickelt haben und die sich an der Peripherie aufhalten. Das Schöne dabei: das Dargestellte steht für sich selbst. Die Regisseurin erhebt sich nicht über die Bilder, stellt nichts aus. Wenn sich etwas entlarvt, dann entlarvt es sich selbst. Sie schreibt einem nicht vor, wie man etwas zu interpretieren hat. Und so wird auch in diesem Film nichts beschönigt oder verdammt. Es wird thematisiert, wie schwierig es war, überhaupt ins Land einzureisen. Es wird immer wieder gezeigt, wie sehr sich die Menschen für ihr Land aufopfern und für ihren Führer Kim Jong Un. Wie sehr sie in Systemen drinstecken, wie etwa die Näherinnen in der Kleiderfabrik in Wonsan. Was für eine große Rolle das Militär in diesem Lande spielt. Aber es wird eben auch gezeigt: fußballspielende Kinder; lachende Schüler; interaktiver Englischunterricht; Bauern, die ihren Strom durch Solarzellen gewinnen; Badegäste in einem Vergnügungspark; gedeckte Tische; Interesse am Ausland; Sonne; Himmel; Farben; idyllische Natur; lachende Menschen beim Selfie-Schießen in schönen Landschaften; der grüne Rasen von Pjöngjang.

Man bekommt ein Nordkorea zu Gesicht, wie es von westlichen Medien offenbar nur allzugerne ausgespart wird. Und man bekommt Geschichten erzählt, die man sonst niemals zu hören bekommt. Etwa von einer junge Frau, die  Mode-Designerin werden will, oder wie ein Künstler mit seinen Gemälden zu großem Reichtum gekommen sei. Man sieht ihm schon von weitem an, dass er schwindelt, aber er möchte wohl die Regisseurin beeindrucken. Alles ganz menschlich, also. Man merkt aber auch, wie bescheiden und zurückhaltend die Menschen jenseits der Joint Security Area zu sein scheinen. Da können einem schon ein wenig die Augen feucht werden, wenn eine Großmutter die Regisseurin darum bittet, die Wiedervereinigung voranzutreiben, damit man endlich den Leichnam des Großvaters aus dem Süden des Landes in den Norden holen könne. Man hat jedenfalls nicht den Eindruck, dass hier irgendwer weg will. Wer hätte das gedacht?

Michael Schleeh


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