Donnerstag, 18. August 2016

Eega / Makkhi (S.S. Rajamouli, Indien 2012)


 Neu auf netflix und deswegen jetzt endlich von mir einmal nachgeholt: S.S. Rajamoulis Fantasy-Filmfest-Hit EEGA / MAKKHI, ein genreübergreifender Tierhorror-Thriller über eine rachelustige Stubenfliege. Ja, eine Stubenfliege. Bizarr ist das, und so eilt dem Film ein gewisser Ruf voraus. Aber wer unlängst das Meisterwerk Baahubali gesehen hat, der ahnt vielleicht schon, woher dieser Regisseur kommt. Rajamouli macht südindische Telugu-Filme (aus "Tollywood"), manchmal auch in Tamil, und wer die Filme dieser Provinzen kennt, der weiß auch, dass dort im Mainstream-Kino keine Gefangenen gemacht werden. Die Superhelden sind unbesiegbar, die Bösewichte die grimmigsten der Welt, die Explosionen größer, die Verfolgungsjagden spektakulärer, ein Augenzwinkern des Schnauzbartträgers genügt, damit die Angebetete dahinschmilzt. Und eben so beginnt auch EEGA (Telugu), bzw. MAKKHI (Hindi). Als schnulzige Romantikkomödie, in der ein glückloser Niemand namens Jani (Nani) endlich den Mut findet, zu seiner hübschen Nachbarin Bindu (Samantha Prabhu) Kontakt aufzunehemen. Zwei Jahre des Schmachtens sind vorbei. Diese findet ihn nett, aber wohl leider nicht mehr. Ein reicher Industrieller (Sudeep) indes, ein unerträglicher Macho, der gewohnt ist, alles zu bekommen was er begehrt, hat sich ebenfalls in die Dame verkuckt. Und als er bemerkt, dass da so ein Lümmel in seinem Revier wildert, bringt er ihn kurzerhand um. Mit überraschender Grausamkeit, übrigens. Die dramatische Tragödie will es, dass dies nun genau in dem Moment geschieht, in dem die Heldin erkennt, dass sie ich in ihn verliebt hat. Doch ihre SMS und Anrufe landen nur noch auf der Mailbox. Bindu verliert ihren Geliebten und scheint Sudeep schutzlos ausgesetzt. Doch unser Held wird überraschend wiedergeboren: als Stubenfliege. Und als er gelernt hat, was man so zum Stubenfliegendasein alles braucht, da erwacht in ihm der Gedanke, Rache zu üben. Er nimmt sogar zur Geliebten Kontakt auf, und auch sie erkennt ihn wieder. Und von diesem Moment an wird der Film rasant, originell, lustig, steckt voller Ideen.

Die beste Entscheidung, die Rajamouli treffen konnte, war sicherlich die, sehr häufig mit der Kamera in die Ich-Perspektive der Stubenfliege zu wechseln. Erkennbar wird das immer daran, dass das Filmbild leicht gerastert und gekrümmt erscheint - ganz so, als wäre man als Zuschauer in den Helikopterkopf der Fliege versetzt und schaut durch diese große Augen hinaus in die Welt. Da gibt es dann freilich tonnenweise Flug-Action, Stunts, Dramatik. Die Fliege hält sich zudem nicht nur in Innenräumen auf, sondern auch in der Stadt, muss die Schauplätze wechseln - und rast durch den Stadtverkehr, über Köpfe hinweg und durch Motorradrikschas hindurch. Viel Lokalkolorit zeigt sich also auch in diesen Szenen. Eine ganze Menge der Gags erwachsen (ähnlich wie bei Ratatouille) daraus, dass die klitzkleine Fliege ihre Winzigkeit zu ihrem Vorteil nutzen kann. Der böse Gangster erwischt sie einfach nie, so sehr er sich auch enragiert. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihn zu terrorisieren. Ihn permanent zu stören, zur Not auch, ihm den Schlaf zu rauben. Und damit den Verstand. Die Groteske dreht dann irgendwann soweit, dass er bereit ist, sein ganzes Haus zu zerlegen, nur um diese doofe Fliege loszuwerden.

Rajamouli macht das sehr geschickt, wie er den Film zusammenhält. Viele Elemente, kleine Details tauchen immer wieder im Film auf und übernehmen diverse rote Fäden, an denen der Film eine Struktur erhält - und wodurch er trotz seiner Abstrusitäten als ein erstaunlich geschlossenes Werk erscheint. Ein Beispiel wäre die Mikrokunst der Heldin, die ganz zu Beginn eingeführt wird. Sie schnitzt aus Reiskörnern Objekte, die dann in Schmuckstücke eingearbeitet werden. Diese Fähigkeit nutzen später die beiden Verbündeten, um sich gegen den Feind zu rüsten. Sie diente auch als Hilfsmittel dazu, sich überhaupt zu erkennen, und dann dem Film wiederum als Symbol der Liebesverbindung zwischen den beiden so ungleichen Liebenden. Mehrfach wird also das Thema aufgegriffen und vermittelt so den Eindruck, dass eben alle kleinen Details einen Sinn und Zweck haben. Weitere Themen wären durchaus auch größer zu begreifen, etwa der Gebrauch der Waffen. Das beginnt schon in der allerersten Szene beim Tontaubenschießen, in der die Waffe als Angriff auf das weibliche Geschlecht eingeführt wird: die Schrotflinte als errigiertes Phallussymbol. Diese Männlichkeit wendet sich jedoch am Ende gegen den Besitzer, der sich damit selbst zerstört. Aber auch eine der Waffen der Fliege führt beinahe zum eigenen Ruin: die Nadel, mit der die Fliege den Gegner Sudeep nicht nur pieksen, sondern ersthaft zu verletzen versteht, kehrt sich gegen den Besitzer, als sie, magnetisch angezogen, den Kämpfenden unter sich einklemmt und somit wehrlos macht. Derlei Motive lassen sich zuhauf in diesem Film finden, der neben seiner Unterhaltungsebene deutlich tiefgründiger ist, als es zunächst erscheint. Mit EEGA / MAKKHI ist S.S. Rajamouli jedenfalls ein wunderbar spannender und zugleich origineller Film gelungen, der nicht zuletzt etwas Empathie im Betrachter schüren könnte, wenn das nächste Mal eine Fliegenpatsche zur Hand genommen wird um eine lästige Stubenfliege loszuwerden. Denn Vorsicht, da wird ein Leben ausgelöscht. Es könnte ja die eigene Oma sein, die mal kurz "Hallo!" sagen wollte.

Michael Schleeh

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Donnerstag, 11. August 2016

Monsoon Mangoes (Abi Varghese, Indien 2016)


Es ist generell ein eher schlechtes Zeichen, wenn ein Künstler in seinem Erstlingswerk das Scheitern des Künstlers an der Kunst thematisiert. Ganz egal, ob es sich dabei um einen Roman handelt über einen Schriftsteller, der unter einer Schreib-Blockade leidet, oder einen Filmemacher, der keinen Film zustande bekommt, da er keine Geschichte zu erzählen hat. Der Verdacht liegt allzu nahe, da wolle jemand partout etwas erreichen, für das er nicht geschaffen ist. Und da man ratlos ist, thematisiert man eben das Ratlos-sein. Was läge da näher, als die Ratslosigkeit des Protagonisten mit der Ratlosigkeit des Autors gleichzusetzen? Nun, generell gilt es als grober Fehler, wenn diese Verknüpfung hergestellt wird - denn wieso sollte ein Autor so sein wie dessen Werk? Nur, wenn eben auch im Kunstobjekt selbst, dem Film, dem Buch, nichts Gescheites geschieht, und sich alles dröge dahinschleppt ohne rechte Entwicklung, so ohne künstlerische Form, ohne anders geartete Ausdruckskraft, etwa im Bild oder der formalen Finesse, dann wird der Verdacht eben mithin bestärkt: dieser Autor hat wohl leider nichts zu sagen. Und da helfen auch keine Amélie-Petitessen weiter, mit Plinkerplunker-Musik und kleinen Details, die im cineastischen Landesmuseum ausgeliehen wurden. Auch das eine oder andere gelungene Filmbild rettet da schließlich nicht das Gesamtwerk, das ohne zwingende künstlerische Kraft isoliert im Filmgemenge herumsteht.

Schade ist das, denn meine zweite Malayalam-Komödie - nach dem ziemlich gelungenen TWO COUNTRIES (Review) - ist eine ziemlich trübe Erfahrung gewesen. Dabei ist sie etwas Besonderes, ein Sonderfall: MONSOON MANGOES ist ein Malayali Film, der beinah ausschließlich in den Südstaaten der USA gedreht wurde. Somit ist es auch ein Film, der das Leben der NRIs (Non Residential Indians) portraitiert, ein Film für die indische Community, die schon lange im Ausland lebt. Auch hier wurden Chance vertan, denn was der Film an Lebensrealitäten abbildet, erschöpft sich in halbgaren Scherzen (einmal sagen sie triumphierend, dass sie nun den letzten Amerikaner aus ihrem Viertel endgültig vertrieben hätten) und im Groteskwitzeln (die Kräutermischungen des Vaters, die die Lebenskraft bestärken sollen, und die keiner anrühren mag). Aber eigentlich geht es um einen jungen Autoren und Filmfreak, der seinen Debutfilm machen möchte. Sein Office-Job langweilt schon lange, da macht er sich auf die Suche nach einem ehemaligen Bollywood-Schauspieler ("Prem Kumar"), der seine Tage mit dem Austrinken billiger Whiskyflaschen zubringt. Deswegen hieß der Film auch ursprünglich Bourbon Street. Hauptdarsteller ist der wohl recht bekannte Humorist Fahadh Faasil, der den eingeschüchterten Regisseur Daveed P. Pallikkal mimt, mit einer Zurückhaltung übrigens, die schon an Teilnahmslosigkeit grenzt. Wenig engagierter sind da Vijay Raaz als Prem Kumar oder Vinay Forrt, der als sein Assistent fungiert. Einzig die Filmmusik von Jakes Bejoy sticht aus dem Film heraus, die sich einer Mixtur aus modernen indischen Tönen mit pariser Komödienmuzak bedient. Ein leider allzu abgekartetes Spiel, das aus nur vier Songs besteht.

Song & Dance-Szenen werden einem im diesem Film nicht geboten, man fragt sich, warum. Allerdings stellt sich auch die Frage, wie da die Choreographie wohl ausgesehen haben würde - bei einem Film, der nie wirklich aus dem Quark kommt, und der auch mit seinem finalen Höhepunkt, auf den der Film zusteuert, doch ziemlich enttäuscht. Euphorie ist hier fehl am Platze, und da wundert man sich schon, dass es auf der IMDb so großartige Kritiken zu diesem Film gibt - aber überall anderswo der insgesamt dröge Film generell abgewatscht wird. Da werden wohl wieder ein paar der Produktion Nahestehende ihre Superlative nicht im Zaume haben halten können. Das wird dabei doch allzu schnell offensichtlich, sollte man sich selbst einmal in diesen trüben Film hinein begeben haben, der dabei doch so taghell strahlt in seinen sonnigen Südstaatenfarben. Das ist alles schon etwas schade, und man drücke dem Regisseur Abi Varghese die Daumen, dass der Nachfolger zu seinem Filmdebut - bisher hat er ausschließlich beim Fernsehen reüssiert - etwas interessanter und vor allem: zugkräftiger daherkommt.

Michael Schleeh

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Dienstag, 2. August 2016

R100 (Hitoshi Matsumoto, Japan 2013)


Das japanische Kino ist weithin bekannt für das Durchgeknallte und das Bizarre: und R100 steht eindeutig in der Tradition dieser Filme. Kein Wunder also, dass er nun – mit etlicher Verspätung allerdings – auch in unseren Breiten veröffentlicht wird, scheint sich doch der DVD-Markt mit Vorliebe auf Filme dieser Provenienz zu konzentrieren. Es verkaufe sich eben gut, ist da meist die Antwort – und also entsteht über die Jahre hinweg der Eindruck, dort drüben in Japan, da sind sie halt alle verrückt. Was freilich völliger Humbug ist, aber so funktioniert eben der Markt. R100 also ist der vierte Film des Schauspielers, Comedian, Drehbuchschreibers und Regisseurs Hitoshi Matsumoto, ein Mann, der in Personalunion einen Großteil der Arbeit an seinen Filmen selbst stemmen kann. So ungewöhnlich sind sie dann auch. Man erinnere sich nur an den abgehalfterten Monsterbekämpfer in seinem Debut-Film Dai-Nipponjin, Der Große Japaner, an den Mann im weißen Raum in Symbol, oder an den leider weitestgehend untergegangenen Scabbard (bzw. Zaya) Samurai. Seine Helden sind Anti-Helden, die Gesellschaft, in der wir leben, wird nicht gerade freundlich gezeichnet. Hier hat jeder massenhaft Probleme, eine Depression oder einen Dachschaden mindestens. Dabei zeichnen sich die Filme durch eine durchaus melancholische Stimmung aus, es ist gar nicht aufgebauscht hysterisch oder potenziert albern. Furzwitze gibt es bei Matsumoto nicht. Dafür, in seinem neuesten, sehr viel Speichel via Saliva-Domina.

Da ist ein Mann (gespielt von Matsumoto selbst), der arbeitet in einem Einrichtungshaus. Seine Tage sind trist und öde und gleichförmig. Seine Frau liegt seit mehreren Jahren im Koma, aber er fährt jeden Tag hin und bringt Blumen für die Vase. Sein Sohn fragt ihn immer noch und immer wieder, wann denn die Mutter nach Hause käme. Und er sagt dann immer wieder: vielleicht an Ostern. Wann Ostern ist, das weiß man aber nicht. In seiner Verzweiflung und menschlichen Vereinsamung regt sich ein Bedürfnis nach Veränderung, und so geht er eine Mitgliedschaft beim mysteriösen Sexclub Bondage ein. Dieser Club versorgt seine Kunden mit langbeinigen Dominas und kreativen S/M-Spielereien, allerdings: nicht im Club, sondern in der realen Welt der Kunden. Und immer überraschend. Ohne Vorankündigung, immer an anderen Orten. Das Abo geht ein Jahr und ist unkündbar. Also kommt es schließlich wie immer: es wird zuviel, die Lust der Qualen verwandeln sich allzu schnell in reale Pein, und als schließlich selbst am Arbeitsplatz die Übergriffe stattfinden, da will er endgültig raus. Er kann aber nicht. Da legt er sich mit der Korporation an, und weiß natürlich gar nicht, mit wem er sich eigentlich anlegt. Dann hätte er sich das vielleicht nochmal anders überlegt...
 

Michael Schleeh

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Donnerstag, 21. Juli 2016

Meine Brüder und Schwestern im Norden (Cho Sung-hyung, Deutschland/Nordkorea 2016)



 Ist es nicht furchtbar öde, sich immer wieder in seinen eigenen Vorurteilen bestätigen zu lassen? Und gerade das – übrigens nur scheinbar – hermetisch abgeriegelte Nordkorea ist ein Paradebeispiel für die Mechanismen der westlichen Meinungsmachermaschinerie, die Böseste aller Nationen und das bedrohlichste aller politischen Systeme immer wieder aufs Neue mit denselben Bildern zu skandalisieren und vorzuführen. Militär-Paraden, herausgeputzte Panzer, im Gleichschritt marschierende Soldaten und Soldatinnen, leere Supermarkt-Regale, Hungersnöte, das graue Pjöngjang. Nordkorea – das Land, in dem niemand lächelt. Vor dieser Folie kann man sich selbst ganz wunderbar als Fackelträger der Freiheit inszenieren und, das ist auch klar, da erscheint die eigene korrupte Gesellschaft ganz wie von selbst als das Paradies auf Erden. Der Mensch glaubt eben, was er glauben will. Und sollten es noch so ausgelutschte Klischees und Stereotypen sein. Sollte man ihm diese Freiheit nehmen?

Als Dokumentaristin hat sich die gebürtige Südkoreanerin und deutsche Staatsbürgerin Cho Sung-hyung schon längst einen Namen gemacht: Filme wie Full Metal Village (über das Heavy Metal-Festival in Wacken), 11 Freundinnen („Durch den DFB habe ich gelernt, wie ein totalitäres System funktioniert“) und den sehr humorvoll-zärtlichen Endstation der Sehnsüchte (über ein „deutsches Dorf“ in Südkorea) belegen eindrucksvoll ihr Interesse für gesellschaftliche Mikrokosmen, die sich eher unbemerkt entwickelt haben und die sich an der Peripherie aufhalten. Das Schöne dabei: das Dargestellte steht für sich selbst. Die Regisseurin erhebt sich nicht über die Bilder, stellt nichts aus. Wenn sich etwas entlarvt, dann entlarvt es sich selbst. Sie schreibt einem nicht vor, wie man etwas zu interpretieren hat. Und so wird auch in diesem Film nichts beschönigt oder verdammt. Es wird thematisiert, wie schwierig es war, überhaupt ins Land einzureisen. Es wird immer wieder gezeigt, wie sehr sich die Menschen für ihr Land aufopfern und für ihren Führer Kim Jong Un. Wie sehr sie in Systemen drinstecken, wie etwa die Näherinnen in der Kleiderfabrik in Wonsan. Was für eine große Rolle das Militär in diesem Lande spielt. Aber es wird eben auch gezeigt: fußballspielende Kinder; lachende Schüler; interaktiver Englischunterricht; Bauern, die ihren Strom durch Solarzellen gewinnen; Badegäste in einem Vergnügungspark; gedeckte Tische; Interesse am Ausland; Sonne; Himmel; Farben; idyllische Natur; lachende Menschen beim Selfie-Schießen in schönen Landschaften; der grüne Rasen von Pjöngjang ...

Das vollständige Review weiterlesen bei Hard Sensations.

Michael Schleeh

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Samstag, 16. Juli 2016

Veteran (Ryoo Seung-wan, Südkorea 2015)


 Wenn man sich auf etwas verlassen kann, dann die Tatsache, dass man, bei eigentlich egal welchem Film aus Südkorea, immer (mehr als) sehr ordentliche production values zu sehen bekommt. Da steckt in jeder Produktion erstaunlich viel Geld drin (vielleicht abgesehen von in Ungnade gefallenen Regisseuren wie KIM Ki-duk, von dessen letztem Film überhaupt niemand mehr spricht) - und ebenso hart ist es, sich auf diesem Markt zu behaupten. Wo sähe man nicht jedes Jahr unzählige neue Talente relativ große Filme machen, die danach völlig von der Bildfläche verschwinden? Und Ryoo Seung-wan gehört definitiv nicht dazu: THE CRYING FIST, CITY OF VIOLENCE, ARAHAN oder THE BERLIN FILE gehören zu seinem Oeuvre und da verwundert es nicht, wenn sein letzter Film VETERAN in Korea an den Kinokassen völlig abgeräumt hat. Es soll der vierterfolgreiche koreanische Film aller Zeiten sein und man sieht schon nach wenigen Minuten, warum das so ist: eine hochoktane Actionkomödie mit beliebten Darstellern, die sich nie zu schade dafür ist, humorig und albern zu sein - und zugleich Vollgas zu geben. 

Es geht um einen superslicken Business-Tycoon, aus einer reichen Familie stammend, der sich wie ein Tyrann gebärdet. Nicht nur im geschäftlichen, sondern auch im privaten Bereich. Seoul gehört ihm, das merkt man schnell. Das Netzwerk, das er aufgebaut hat, ist undurchschaubar und weitverzweigt. Als eine Polizeieinheit einen vermeintlichen Selbstmord eines Lastwagenfahrers untersucht, bemerkt sie, dass da etwas nicht stimmen kann und kommt so nach und nach hinter die illegalen Machenschaften dieses Geschäftemachers. Doch sein Einfluss macht auch vor der Polizeibehörde selbst nicht halt. Einer der Cops lässt sich jedoch nicht einschüchtern - er ist der titelgebende "Veteran", wie er einmal von seinen jüngeren Kollegen bezeichnet wird, und dieser will ihm das Handwerk legen. Ein durch und durch generischer Plot also, hundert mal gesehen und also zunächst wenig erquicklich. Dass sich das bald ändert, liegt einerseits an der klug verschachtelten Struktur des Films, an den eingewobenen Subplots etwa, als auch am spielfreudigen Cast, der hier eine irre überzeugende Arbeit abliefert. Den fahlen Geschmack im Mund wird der Film aber niemals ganz los - er ist eben dann doch nur ein weiterer Polizeifilm unter vielen anderen. Zwar nicht völlig austauschbar, aber es ist wenig Fleisch an ihm dran, das aus der Masse herausstechen würde.

Indes, interessante Frauenrollen sind in diesem Film nicht vorzufinden. Eine der Polizistinnen fällt mehrfach durch ihre rabiate Art auf, und auch durch ihre blitzschnellen Kicks. In zwei, drei Szenen tritt sie Gangstern eindrücklich vors Hirn, viel mehr darf sie aber nicht machen. Andere Frauen existieren in diesem Film eigentlich nicht. Freilich, da gibt es eine Ehfrau, die sich wie eine Ehefrau verhält und Partychicks, die sich wie Koksnutten gebärden. Den Bechdel-Test besteht VETERAN nicht, und so richtig dürfte das niemanden verwundern: in diesem Film sind alle Frauenrollen einfallslose Stereotypisierungen.

Viel mehr gibt es - von meiner Seite aus -  nicht zu sagen zu diesem Blockbuster: er scheint sich und seinem Genre zu genügen. Die Geschichte des Erfolges fortzuschreiben, ohne ihm etwas Neues dabei einzuschreiben. Freilich könnte man die Figuren als Stellvertreter für gewisse gesellschaftliche Mechanismen betrachten, die in der Geschäftswelt überhand genommen haben. Einen zivilisatorischen und gesellschaftskritischen Aspekt will ich ihm nicht absprechen - da wird schon mehrfach die Schere angesprochen, die die wenigen Superreichen und Erfolgreichen vom Rest des Fussvolks trenne. Zugleich sind die Figuren schon richtige Individuen mit einem mehr oder weniger beschränkten Innenleben. Figuren also, die durch ihre individuelle, singuläre Erscheinung zum Erzählgegenstand des Films werden und somit gerade nicht generalisierbar und zu verallgemeinern sind. Meines Erachtens weist der Film nicht über sich hinaus. Er verharrt in dem ihm zugedachten Schutzraum, in dem er sich entfalten kann - und verschafft dem Zuschauer dadurch eventuell ein schönes Kinoerlebnis, aber ganz sicher keine schlaflose Nacht. VETERAN schafft es in keinem Moment, den Zuschauer aufzuwühlen oder zu verunsichern. VETERAN ist purer Mainstream.

Michael Schleeh

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Mittwoch, 13. Juli 2016

Bajirao Mastani (Sanjay Leela Bhansali, Indien 2015)


Ein Historienepos, angesiedelt im 17. Jahrhundert, ein Kostümfilm, der durch seinen Detailreichtum begeistert und der alles, was da ist, in jedem Moment überhöht: Bajirao Mastani erzählt die unglückliche Liebesgeschichte vom Peshwa und Kriegsherren Bajirao aus dem Marathen-Reich (Ranveer Singh) und seiner zweiten Frau Mastani (Deepika Padukone), die aus religiösen Gründen nicht zueinander finden können. Während in der ersten Filmhälfte der Fokus auf imposanten Schlachten liegt, verlagert sich die Handlung in der zweiten immer mehr in die Innenräume der Festungen und Tempelanlagen – und somit auch in die Innenwelten der Charaktere. Dort dann auch eindrücklichste Song & Dance-Szenen, die sowohl durch ihre visuelle Opulenz als auch durch die tollen Songs zu überzeugen wissen. Aber auch Bajiraos Kriegstanz „Malhari“ im Zelt auf weiter Steppe ist ein grandioser Einblick in die Fähigkeiten dieser Regie und ihrer Akteure. Freilich, es wird alles bis in die Karikatur hinein verzerrt. Man sieht aber direkt, wie dieser Film funktioniert.

Der religiöse Graben, der sich bald als tiefer Riss durch das Glück der Protagonisten zieht – auch, verständlicherweise, verstärkt durch die Eifersucht von Bajiraos erster Frau Kashibai (Priyanka Chopra) - läßt schon früh erahnen, dass diese Heldengeschichte nur mit dem Exil oder dem Tod der Helden enden kann. Zu unvereinbar scheinen die religiösen Positionen zu sein, die um die jeweilige Gewaltenhoheit fürchten. Am Ende ist Bajirao Mastani wohl so etwas wie eine Romeo & Julia-Variation mit Schlachtfeldern und Glaspalästen und Boudoirs, bei der ein familiärer Konflikt auf Nationen und Glaubensgemeinschaften ausgeweitet wurde. Ein hauchdünner Plot, der nicht von den visuellen Reizen des Filmes ablenkt. Mughal-e-Azam, anyone?

Wenn ein Film viele Jahre in der Planung ist und dann immer wieder aus verschiedensten Gründen verschoben wird, dann tut ihm das in der Regel nicht gut. Bajirao Mastani merkt man davon nichts an. Ganz im Gegenteil, alle Energie scheint in die Perfektioniereung der Bilder geflossen zu sein, die zwar – im besten Sinne – Überwältigungskino bieten, aber dennoch nie das Auge für das richtige Maß vermissen lassen. Dass der Film dann doch nicht ganz so hohe emotionale Wellen geschlagen hat, wie zum Beispiel zuletzt der völlig euphorisch gefeierte Baahubali, das könnte zum einen am allzu bekannten Plot, zum anderen an der autoritären Reserviertheit von Ranveer Singhs Filmfigur Bajirao liegen. Diesem Herrscher und Krieger, der selbst ein zerrissener ist, kann man mitunter nur schwer nahe kommen. Viel eher sind es die Frauenrollen, die einen empathischen Zugang ermöglichen. Ein Rest der Distanz aber bleibt. Dennoch: Bajirao Mastani ist ein überwältigendes Meisterstück, dessen größtes Verdienst sicherlich das Einfordern von religiöser Toleranz darstellt, und das dabei spannend ist, unterhaltend und durchkomponiert bis ins letzte funkelnde Filmdetail.

Bajirao Mastani, Indien 2015; Regie: Sanjay Leela Bhansali.

Die DVD ist bei Rapid Eye Movies erschienen und kann mit einem ausgezeichneten Bild glänzen. Und auch die Tonspur ist auffällig brillant. Neben dem Hauptfilm in deutscher Synchro und Original Hindi mit deutscher Untertitelspur finden sich noch vier kleine Schauspielerportraits mit Szenen aus dem Film und Snippets von Interviews. Neben den üblichen Shortcuts zu den Songs im Film ist noch eine Trailershow der jüngsten REM-VÖs vorhanden, die eindrücklich vor Augen führt, wer hier in Deutschland immer noch die Nase vorn hat, wenn es um indisches Mainstream-Kino geht. Eine rundum gelungene Veröffentlichung.


Michael Schleeh


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Freitag, 8. Juli 2016

Udaan (Vikramaditya Motwane, Indien 2010)

 
In einer industriellen Provinzstadt angesiedelt, bringt Udaan das notwendige Setting mit, um einen "ungeschminkten Blick" auf die nervenaufreibende coming-of-age-Geschichte des 17 Jahre jungen Rohan zu werfen. Einer, der gerne Schriftsteller werden will, dessen Vater aber besser weiß, was gut für ihn ist: nämlich das Ingenieurswesen. Kein Wunder scheitert der schüchterne Schöngeist prompt an der Hochschule und wird dann für kurze Zeit sogar empfänglich für das Laster Alkohol. Als sein jüngerer Bruder vom Vater mit dem Gürtel verdroschen wird und sogar ins Krankenhaus muss, spitzt sich die Lage weiter zu, und lange Arbeitstage in der Fabrik, zu denen er gezwungen wird, machen ihn auch nicht glücklicher. Da kommt ein Anruf seiner besten Kumpels - die haben ein Restaurant in Bombay übernommen und wollen unbedingt, dass sich Rohan ihnen anschließt. Doch kann er sich gegen den dominanten Vater durchsetzen?

Udaan kommt allgemein gut an in der Filmszene, hat er doch alles, um zu begeistern: Einen starken Hang zum Realismus (schmutzige Fabrikschlote, einsame und staubige Straßen, verschwitzte T-Shirts, kein Song & Dance weit und breit); eine bengalisch anmutende Verkannter-Künstler-Thematik; einen prügelnden Patriarchen, dessen Zeit offensichtlich abgelaufen ist; generell schwierige Familienkonstellationen und einen starken Hang zum Arthouse-Kino, das lange Einstellungen liebt und den Film in einen eher schleppenden Rhythmus versetzt. Allein: es ist von allem zu viel. Das sind zu viele Stereotype und Klischees, die sich hier anhäufen, und so wirkt der Film wie entschleunigtes, dabei tatsächlich sehr bemühtes Weltkino, das auf den internationalen Markt zugeschnitten ist. Auch Motwanes ziemlich toller Lootera (Review) spielt ja mit seinem Genre und seinen Klischees, schafft es dabei aber deutlich besser und souveräner, einen eigenen, authentischen Standpunkt zu beziehen. 

Udaan hingegen schwimmt sich niemals frei, man sieht in ihm immer viele andere Filme, die alle schon da waren und gezeigt haben, wie es stilsicherer funktioniert. Die tollen Schauspieler allerdings federn das alles etwas ab, schaffen einen Ausgleich, sodaß der Film von seinen Stereotypen nicht erdrückt wird. Wie auch die reduziert eingesetzte und gerade deswegen effektive Musik. Aber in solchen Momenten, wie ziemlich gegen Ende, als sich Rohan in das Auto seines Vaters setzt - über Fabrikschlote blickend und über sein Leben sinnierend - und dieses dann nicht anspringt, das sind zu schlichte Metaphern, zu einfache Bilder aus dem Baukasten für ein emotional angeschlagenes und aufgebrachtes Subjekt. Freilich war das noch nicht genug, also muss auch noch das Fahrzeug durch Rohan zerstört werden (und eigentlich prügelt er damit auf seinen Vater ein, ein hilfloser Akt der Rache). Also nimmt er eine Eisenstange und zerlegt den Wagen, wie man es aus James Dean-Tagen noch kennt. Erst die Fenster, dann die Frontscheinwerfer, und dann die Seitenspiegel. Am Ende auch noch die Motorhaube. Naja. Auf einer Brücke (!), über einem dreckigen Fluß (!), ach ich höre besser auf. Man sieht, wie konstruiert und überdeutlich das dann doch alles ist, wenn man genauer hinschaut. Letztlich ist der Film eben nicht viel mehr als sehr durchschnittliche Betroffenheitskost. Ein echter Täuscher, der - immerhin - mit einem Bein auf der guten Seite steht.

Michael Schleeh

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Montag, 4. Juli 2016

Im Strahl der Sonne (Vitaly Mansky, 2016)


Es hätte ein Dokumentarfilm über „das echte Nordkorea“ werden sollen, so Regisseur Vitaly Mansky im Interview. Geworden ist Im Strahl der Sonne dann ein Film über die Selbst-Inszenierung eines Landes, in dem laut Parteiorder immer die Sonne aufgeht. Denn, auch die kleine Sin-mi weiß natürlich, dass dies im Osten geschieht. Und aus diesem Grund beginnt der Film am frühen Morgen in der nagelneuen Luxus-Wohnung des dokumentierten Familienlebens: die Mutter zieht die Vorhänge beiseite und läßt das Licht herein. Auf der schwarzen Leinwand erscheint das erste Filmbild. Die Fiktion beginnt.

Da dem Regisseur alles vorgegeben wird, was und wen und wie er filmen darf, zeichnet Im Stahl der Sonne nun aus, dass Mansky eben den Spieß umdreht und genau jene Inszeniertheit des Dargestellten zum Thema seines Filmes macht – und sie somit entlarvt als das, was sie ist: Schauspiel. Das sind Filmszenen, die er angeblich heimlich außer Landes brachte, um so seinem Film einen neuen roten Faden zu geben. So wird auch während des Films immer wieder vom „Drehbuch“ gesprochen, welches freilich jenes ist, welches sich die Koreaner für den Regisseur ausgedacht haben. Hier Mansky, du drehst das jetzt so und so. Sin-mi frühstückt mit ihren Eltern und sagen nun dies und jenes; Sin-mi kommt zu den Jungpionieren, alle stellen sich folgendermaßen auf; Sin-mi kommt ins Krankenhaus, das Team fährt ins nagelneuste der Stadt; Sin-mi in der Schule, die beste des Landes. Jede Bewegung ist vorgeplant, immer ist eine Begleitung dabei, kein Schritt kann alleine gemacht werden. Mansky findet dafür die entsprechenden Bilder zwischen kommunistischen Bombastbauten und schlechtem Wetter. Was wir lernen: in Nordkorea ist immer noch alles ganz schön grau.

So wie wir das gerne hätten, denn man braucht ja Bestätigung für die eigenen Vorurteile. Andere Filme sind da allerdings heute schon weiter, seit es seit ein paar Jahren wieder eine neue kleine Welle an Filmen gibt, die sich auf Nordkorea fokussieren. Auch auf der Berlinale liefen zwei. Bei netflix läuft momentan The Propaganda Game. Ein Film, der deutlich mehr Lust hat auf eine augenzwinkernde Darstellung, und der sich zu zeigen getraut, dass auch in Nordkorea mitunter tatsächlich mal die Sonne scheint. Und nicht alle Regale im Supermarkt immer leer sind. Es ist ein Kreuz mit den Schablonen, und Mansky bedient sie scheinbar nur allzu gerne.

So ist Im Strahl der Sonne vor allem ein Film über die Inszenierung von Bildern geworden, die als authentisch gelten sollen. Alles was man sieht, sieht man als Produkt einer fiktiven Gegenwart, die mit einer tatsächlichen Realität nichts zu tun haben. So Mansky. Woher sich Mansky da immer so sicher ist, das ist das Rätsel dieses Films: da er die andere Seite ja nicht kennen kann. Das Land ist also einmal mehr schuldig aufgrund Verdachts. Das sind für meinen Geschmack ein paar Abkürzungen zuviel im Jahre 2016. Dass dem Film dann kritikerseits die üblichen, erwartbaren – und gerne auch überheblichen – Schlagworte und Worthülsen an den Hals gedichtet werden, ist ebenfalls wenig verwunderlich: er sei „ein entlarvendes Dokument“, eine „Realsatire aus dem Rotgardisten-Stadl“, das „Dokument einer schamlosen Inszenierung“ und das „Bloßlegen der Mechanismen einer erschreckenden Diktatur“. Nun, um es kurz zu machen: das alles ist und macht der Film nur bedingt. Denn mit Skandalisierungen hält sich Mansky zurück. Aber man kann sich solche Sätze erlauben, da man meint, die moralische Hoheit zu besitzen. Und es alle sowieso gerne glauben wollen (ganz ähnlich wie die Smog-Bilder aus Peking). Schade, denn der Film ist tatsächlich sehr sehenswert. Als Zeugnis eines traurigen Kindes, das nicht sein eigenes Leben leben darf. Das viel zu sehr nach fremder Nase tanzen muss. Als Mensch in einer Maschine. Der Rest ist: Fiktion.

Michael Schleeh

Dieses Review ist zuerst bei Hard Sensations erschienen.

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