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Dienstag, 29. Juli 2008

Jiang Hu -The Triad Zone (Dante Lam, Hongkong 2000)


Jimmy (Tony Leung Ka Fai) ist der mächtigste Boss innerhalb der Welt der Triaden; nun kommen neue und vor allem: jüngere Aspiranten, um sich den Platz unter den Nagel zu reißen. Da erfährt er durch einen Informanten, daß ein Anschlag auf ihn geplant ist. Als er ein Treffen der Clanchefs anberaumt, um heraus zu finden, woher der Übeltäter kommt, stellt sich heraus, daß einer der Bosse an Lungenkrebs erkrankt ist. Nun steht also auch noch die Nachfolge zur Debatte, und Jimmy muß sich mit den Aufteilungskämpfen herumschlagen.

Der zunächst standardmäßig daherkommende Triadenthriller löst sich sehr früh in eine verschachtelte Erzählweise auf, da die Konfrontation mit dem Tod Jimmy zur Reflektion über das Leben bringt. So läßt er seinen eigenen Werdegang Revue passieren, erinnert sich an das romantische Kennenlernen mit seiner Frau (Sandra Ng), an die Kämpfe, das erfahrene Glück, seine Geliebte (Lee Siu-Kei), und sucht nach einer Rettung aus der allzu gewalttätigen realen Welt: etwa durch den Buddhismus. Fantastisch gestylte Bilder werden mit einem tollen 80er Jahre Score begleitet, und immer wieder bricht der Film mit den eigenen Strukturen: er gönnt sich einige Ausflüge in die Komödie. Dies nun aber angenehmer Weise nicht hysterisch und albern, sonden furztrocken: da wird keine Miene verzogen. Und so erscheint der Film - über die sich vom eigentlichen Geschehen distanzierenden Schauspieler - bisweilen wie ein Film über Film. Die Metaebene, die sich durch den Film zieht, ermöglicht den Figuren stets, ihr Handeln zu überdenken und gegenüber einer fiktiven Standardsituation abzugleichen, und so neue Freiräume zu erhalten.

Der sehr unterhaltsame Film bolzt aber dennoch in steter Folge seine Gewalt auf den Bildschirm. Die muß man also auch hier nicht missen. Nicht zu verwechseln ist dieser Film übrigens mit JIANG HU von 2004 mit Andy Lau und Jacky Cheung. Da muß man aufpassen. Eric Tsang spielt allerdings in beiden mit. Und immer freue ich mich, wenn ich den kleinen Sympathen sehe. Fazit: ein seltsam gelungener Film. Schön.

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Sonntag, 27. Juli 2008

A Lustful Man / Koshoku ichidai otoko (Yasuzo Masumura, Japan 1961)


Japan im 17. Jahrhundert: Ein Mann, der die Frauen liebt - aber auf besondere Art: er möchte sie glücklich machen. Das bedeutet nicht, daß er sie nicht bei jeder Gelegenheit auf die Tatami werfen möchte! Doch scheut er auch finanziell keine Ausgaben, die Angebetete zu beglücken. Ein Lächeln auf ihrem Gesicht... und er hat seine Mission erfüllt.
So bekommt der Casanova relativ schnell Probleme mit dem strengen und enorm geizigen Vater, dessen Geld er nur allzu willig zum Fenster hinauswirft. Ein Reise nach Edo soll den Kopf des Heißsporns kühlen und eine Stelle als einfacher Angestellter in einer Filliale des väterlichen Geschäfts Vernunft in ihn hineinzwingen. Dieser weiß natürlich, was da gespielt wird, und entfleucht auf eine mehrjährige Reise durch die Städte und Provinzen des Landes - ein Taugenichts mit edlem Ansinnen.
Denn abgesehen von sexuellen Vergnügungen versteht sich Yonosuke (glänzend burlesk gespielt von Raizo Ichikawa) tatsächlich als Glücksbringer der unglücklichen, oft mißhandelten Frauen. Dies ist eben die zweite Ebene des Films, die bittere reale. Ist ein guter Teil des Filmes in buntem Komödienton gehalten, so ist die andere eine der Gewalt und der Armut. Arm und Reich, das sind zwei strikt voneinander getrennte Welten, und daß die Armen unten bleiben, darum kümmern sich die Reichen mit großer Leidenschaft: Frauen werden vergewaltigt, in die Gosse getreten. Sie kommen in diesem Film sowieso fast nur als Prostituierte vor - oder als geprügelte Hausfrauen verarmter Samurai oder eben geiziger Händler. Wenn sich in den ärmeren Schichten Widerstand regt, dann wird der blutig niedergeschlagen. Und auch das zeigt Masumura in drastischen Bildern, etwa wenn Bauern von einer Überzahl an Schlägern totgeprügelt, oder wenn Emporkömmlinge enthauptet werden. Da sieht man die Köpfe sauber aufgereiht zur Abschreckung der unteren Stände.
Diese Bilder kontrastieren stark mit den bunten, heiteren, burlesken Kapriolen des Frauenbeglückers; und verbürgen gleichzeitig seine Mission. Yonosuke leidet tatsächlich unter den Ungerechtigkeiten, die den Schwächsten und Wehrlosen angetan werden. Dafür nimmt er auch gerne den eigenen Ruin in Kauf. Doch die Bezahlung in sexueller Währung, die ist ihm mehr als recht.
A LUSTFUL MAN ist ein skuriler Film, voller Esprit und dynamischer Szenen - eine sehr unterhaltsame Komödie und ein erschreckendes Gesellschaftsportrait zugleich. Raizo Ichikawa brilliert in dieser extravaganten und picaresken Rolle, und ihm gelingt es, die komplexen Anforderungen an seinen Charakter nicht nur glaubhaft, sondern wie federleicht darzustellen. Ganz toll.

Freitag, 25. Juli 2008

Afraid to Die / Karakkaze yarô (Yasuzo Masumura, Japan 1960)


Auch dieser Film beginnt - wie schon bereits KISSES - mit einer Ankunft am Gefängnis; der Wagen fährt langsam die graue Wand entlang, bis er das Tor erreicht. Der Besucher ist diesmal aber nicht der Sohn, sondern ein angeheuerter Killer, der im Auftrag einer Yakuza-Bande Takeo (Yukio Mishima) umlegen soll. Dieser ist aber gerade bei einem Ballspiel und schickt einen befreundeten Insassen an seiner statt. Und kommt so nochmal davon. Später allerdings, als er wieder draußen ist, wird er der Gejagte sein.

Das Gejagt-sein ist auch das zentrale Motiv des Filmes - denn Yukio findet keine Ruhe. Dies liegt aber nicht nur an den äußeren Umständen, etwa daß ihm der Gangsterboss Sagara (Jun Negami) einen weiteren Killer auf den Hals hetzt. Es liegt auch an Takeos sprunghaftem Charakter, an seiner Art, sich nicht für etwas entscheiden zu können. Als ihm sein Onkel und Boss Gohei Hirayama (Takashi Shimura (!) mit fantastischem Ganzkörpertattoo) die Pistole auf die Brust setzt, warum er seine Gegner nicht auslösche, kann er keine Antwort liefern und druckst herum. Auf die Frage seines Freundes, warum er sich nicht für ein Leben entscheide - das des Gangsters oder das des Geschäftsmanns - weiß er nichts zu erwidern. Er scheint von allem etwas abhaben zu wollen, und nirgends die Verantwortung zu übernehmen. Nie ist er mit dem Herzen bei der Sache. So auch gegenüber den Frauen: seine eigene Braut läßt er sitzen, nachdem er sie nochmals durchgenudelt hat, als er aus dem Knast kam. Die süße und unschuldige Kartenabreißerin des Kinos, Yoshie (Ayako Wakao), vergewaltigt und schwängert er. Sie nimmt dieses Schicksal, auch das Kind, mit einer merkwürdigen Mischung aus Nächstenliebe und Masochismus an, und muß ihn zur Annahme der Konsequenzen zwingen. Auch sie handelt aus egoistischen Motiven, und nimmt es auf sich, wiederholt von Takeo geschlagen zu werden.
Der kometenhafte Aufstieg Mishimas als Schriftsteller zu Beginn der 50er Jahre hat der Publicity des Filmes sicher gut getan, ebenso das Mitwirken Ayako Wakaos, die der Star des Studios war und auch mit Mizoguchi, Ichikawa und Ozu gedreht hat. Masumura zeigt uns auch in diesem Film wieder Charaktere, die sich in einem gewalttätigen System der Abhängigkeiten beweisen müssen. Doch anders als in KISSES oder in GIANTS AND TOYS scheint in AFRAID TO DIE das Dunkle und Brutale, das Andere, vielleicht 'Abartige' nun aus den Menschen selbst zu kommen. In diesem Film gibt es eigentlich keine Sympathiefiguren, ganz sicher nicht die Protagonisten. Allenfalls der alte Boss, von Shimura mit Menschlichkeit gespielt, erscheint noch mit postiver Ausstrahlung (auch wenn er selbst den Gesetzen der Banden gehorcht); er gehört aber bereits deutlich auf's Abstellgleis. Takeos Unentschiedenheit ist auch gleichzeitig eine Unkontrollierbarkeit - man weiß nie, was man von diesem Heißsporn in Lederjacke halten soll. In einem Moment küßt er die Angebetete wild, im nächsten verdrischt er sie, weil sie ihm widerspricht.
AFRAID TO DIE ist ein Film, der in Masumuras Werk einen neuen Ton anschlägt: die Verlagerung des Grausamen in den Menschen hinein. Daß aus dem relativ action-armen Film, gepaart mit dem von nicht unbedingt grenzenlosem Talent gesegneten Schauspieler Mishima, dennoch ein unterhaltsamer geworden ist, dürfte dem Geschick und dem Können Masumuras anzurechnen zu sein. Ob der fehlenden Sympathiefigur ist dieser allerdings ein spröder Film geworden, und scheint bereits die harten und unerbittlichen, die harschen Yakuza-Dramen Kinji Fukasakus vorweg zu nehmen.

Freitag, 18. Juli 2008

Giants & Toys / Kyojin to gangu (Yasuzo Masumura, Japan 1958)


Als die Umsätze des Süßigkeitenherstellers “World Caramel” einbrechen und die alljährige Werbeoffensive ansteht, geht es um nichts weniger, als die Konkurrenten „Giant“ und „Apollo“ zu verdrängen. Die Marketingabteilung ist da gefragt, und es wird nach dem ultimativen Konzept gesucht. Ein neues Gesicht muß her, und wenig später auch in der einfachen, aber charmanten Automechanikerin Kyoko (Hitomi Nozoe) gefunden. Ihre Besonderheit: sie hat abstehende, kariöse Zähne. Doch Goda und sein Partner Nishi (Hiroshi Kawagushi) glauben an das ungewöhnliche Konzept, und tatsächlich: eine lancierte Fotostrecke mit Kyoko wird zum Erfolg.

Masumuras Film ist eine äußerst mutige und gesellschaftskritische Wirtschaftssatire, und das zu einem Zeitpunkt, als Japans Wirtschaft nach dem Weltkrieg ‚endlich wieder’ florierte. Auch Akira Kurosawa nahm sich des Themas an, allerdings in Form eines Wirtschafts-Thrillers: THE BAD SLEEP WELL, in dem es um korrupte Machenschaften in einer Konzernführungsschicht geht. Masumura jedoch hält der Gesellschaft den Spiegel auf sehr unterhaltsame Weise vor, ohne dabei auf sehr deutliche Kritik zu verzichten. War der wunderbare KISSES noch in rasanten s/w-Bildern gefilmt, so ist dieser schnell, laut und knallbunt in Daiei-Scope gefilmt. Die üblichen Tanzeinlagen dürfen nicht fehlen und die beiden Liebenden aus KISSES scheinen auch hier zunächst zusammenzufinden. Aber nur solange, bis Nishi die erfolgreiche Marketingexpertin der Konkurrenz kennenlernt, welche ihn gekonnt zu verführen weiß; gut möglich aber, daß sie es nur auf interne Informationen abgesehen hat. Das Bläsercrescendo erinnert dabei durchaus an den Kollegen 007.

Die japanische Wirtschaftselite wir als seelenlose und machtbesessene Bande vorgeführt, die ausschließlich an der Maximierung der Gewinne interessiert ist – und sei es um den Preis, daß die eigene Ressourcen, sprich: die kreativen Köpfe, verschlissen werden. Die Verkaufszahlen sind absolute Priorität im Turbokapitalismus, der Mensch zählt nichts („Sales are everything.“); der Angestellte opfert sich für das Wohl der Firma. In einer zunächst rührenden und romantischen Szene, sagt Nishi der fröhlichen Kyoko sehr deutlich, wo der Hammer hängt: Sie sei gar nichts (wert), man habe sie morgen wieder vergessen: „You are salable goods.“
Doch der harte Kampf um Gewinnmaximierung und die eigene Karriere setzt den Leuten zu: der ehemalige kreative Kopf der Abteilung ist von Goda hinausgedrängt worden, er sei zu alt, er würde nicht mehr verstehen, was heutzutage los sei. Dieser kommt mit dem Samurai-Ehrenkodex an, mit dem Bushido, „What about dignity? We are not thieves!“ Doch da wird er vor versammelter Mannschaft nur ausgelacht. Daraufhin bekommt er einen Hustenkrampf, bei dem sich sein ganzer Körper schüttelt: er spuckt Blut.

Das Geschwür des Kapitalismus ist ganz in den Menschen vorgedrungen.

Auch Goda, der sich selbst schindet bis zum Umfallen, der mehrere Nächte nicht mehr geschlafen hat, für den der berufliche Erfolg vom Gelingen der Kampagne abhängt, wird am Ende des Filmes seine Beförderung in den Händen halten. In einem Hustenkrampf bespuckt er sie mit Blut. Auch er hat seine Gesundheit im Kampf um den Erfolg ruiniert.

Dienstag, 15. Juli 2008

Kuchizuke / Kisses (Yasuzo Masumura, Japan 1957)


Masumuras Debut markiert ein Wende im japanischen Kino: das Portrait eines jungen Paares, das zunächst noch zusammenfinden muß, zeichnet sich durch einen engagierten s/w-Stil aus, der lange Einstellungen mit harten Schnitten paart, häufig unter Verwendung einer Handkamera und dadurch sehr dicht dran ist am hungrigen Leben zweier junger Menschen, die gegen die repressive Gesellschaft, die soziale Ordnung rebellieren –er, weil er wild ist, und sie, weil sie versucht, selbstbewußt zu sein: sie ist romantisch und arbeitet zugleich als Acktmodell für Kunststudenten und Maler. Nagisa Oshima ließ sich zu der bekannt gewordenen Aussage hinreißen: „[a] powerful, irresistible force has arrived in Japanese cinema.“

Ein Junge und ein Mädchen lernen sich kennen und verbringen einen Tag miteinander: Es geht um den jungen Kinichi (Hiroshi Kawaguchi), der seinen Vater im Gefängnis besucht. Dieser ist ein Politiker und sitzt wegen Wahlbetrugs ein. Der Vater wird nun nicht gerade als emotionales Zentrum der Familie gezeichnet, ist sehr barsch und bestimmend. Gleichzeitig allerdings gibt er seinem Sohn die kaum lösbare Aufgabe, die 100 000 Yen Kaution zu besorgen, wozu Kinichi in seinem Tatendrang natürlich sofort bereit ist. Der Vater allerdings unterstützt ihn nicht, liest lieber die Zeitung. So muß er sich allein mit dem Staatsanwalt herumschlagen, der von dem jungen Bilderstürmer naturgemäß überhaupt nichts hält.
Im Gefängnis lernt er die hübsche Akiko (Hitomi Nozoe) kennen, die ebenfalls ihren Vater besucht, der wie Kinichis Vater 100 000 Yen benötigt. Beider Familien sind zerrüttet. Die Väter im Gefängnis, und die Mütter abwesend – Akikos liegt krank im Spital, das nicht mehr bezahlt werden kann, und Kinichis hat sich vom Vater getrennt und vom Sohn losgesagt.

Interessant sind gleich die ersten drei Szenenkomplexe zu Beginn:
In der Eröffnungssequenz läuft Kenichi die staubige Straße am Gefängnis entlang, auf dem Weg zum Vater und wischt sich den Schweiß ab. Dann streckt er sich gelangweilt. Das kennt er bereits alles, er hat das scheinbar schon oft erlebt. Ein Polizeiwagen fährt vorbei und wirbelt Staub auf. Kenichi spuckt wütend aus. Hier hat einer kaum noch Respekt vor den Autoritäten, der Obrigkeit. Er wirkt wie ein noch sehr junger Yakuza aus einem Fukasaku-Film. Nach 30 Sekunden ist also das Hauptthema des Filmes klar: das Aufbegehren der Jugend gegen die Autoritäten.
In der zweiten Sequenz ist Kenichi im Wartesaal angekommen und muß sich anmelden; die Beamten sind unfreundlich und barsch. Kenichi wirft verächtlich seinen Studentenausweis auf den Schreibtisch. Großaufnahme. Dadurch wird zweierlei erreicht: die Einführung der Person und eine weitere Deutungsebene: der Intellektuelle vs. die Bürokratie.
In der dritten Sequenz wird Kenichi selbst als Gefangener gezeigt, im Gang zwischen den Beamten stehend, die in ihren verglasten Büros die Anmeldung abfertigen. Das Bild wird von horizontalen und vor allem: vertikalen Linien dominiert, in denen Kenichi selbst nun als Gefangener erscheint.
Im Folgenden werden alle Bilder sehr stark durch Linien strukturiert, die eine starke Ordnung und Einengung verdeutlichen. Das wird durch die Art und Weise erreicht, wie die Architektur ins Bild gesetzt wird, oder der Lichteinfall und daraus resultierende Schatten.
Dann kommt der Ausbruch: als Kenichi im Flur vor den Besuchsräumen steht, platzt Akiko aus dem ihrigen heraus und rennt ihn fast über den Haufen. Ein stürmisches Kennenlernen im Schmerz, sie heult und rennt davon, nicht ohne sich noch einmal umzudrehen. Kenichi hat angebissen.

Im Laufe des Tages werden sie gemeinsam Motorradfahren, auf der Radrennbahn eine Wette gewinnen, im Meer baden, Rollerskates laufen usw. Bis sie wieder zurück müssen in ihr Leben voller Verantwortung und Verpflichtungen. Die Jugendlichen scheinen in diesem Film oft erwachsener als die Eltern.
Die gemeinsamen Tage sind also auch ein Ausbruch aus der ausweglosen und die Jugendlichen überfordernden Situation. Eine gefühlte Nähe zu Godards AUßER ATEM stellt sich ein, die wilden Fahrten auf dem Motorrad, das sich kennenlernende Paar, die jump-cuts, sind einige Parallelen, ohne jedoch formal wie inhaltlich die Radikalität des französischen Filmes zu erreichen. Aber das war wohl auch nicht Masumuras Anliegen. Wir haben es hier mit einer Romanze zu tun, und der Kuß am Ende, die nackte Haut Akikos am Strand und die langen Beine beim Skaten dürfte einige Kinobesucher Ende der 50er schon ausreichend zugesetzt haben.

Und so ist der Film offenkundig beides: einerseits noch einem relativ traditionellen Erzählstil verpflichtet (und zahmer als einige seiner späteren Filme), andererseits aber durchaus deutlich auf Mißstände der Gesellschaft hinweisend, eine Gesellschaft, die ihre Kinder verstößt und kein zuhause mehr bietet.

Montag, 14. Juli 2008

FILME VON YASUZO MASUMURA : RETROSPEKTIVE

Das japanische Kino erlebte in den Fünfzigern und Sechzigern seine Blütezeit – mit den weltweit bekannten Regisseuren Akira Kurosawa, Kenji Mizoguchi, Yasujiro Ozu, Kon Ichikawa, Mikio Naruse oder auch Kaneto Shindô, die in diesen 20 Jahren einige ihrer wichtigsten Filme drehten. Die nachfolgende Generation, die häufig bei diesen Herren als Regieassistenten tätig war, sollte den Weg frei machen zu einer neuen Form des Kinos: radikaler in Inhalt und Form, gesellschaftliche Standards hinterfragend und kritisierend, und die sozialen Konventionen torpedierend: die japanische New Wave (Nuberu bagu). Masumura ist nun solch ein Mann der Schnittstelle, hat er doch den Weg bereitet für Leute wie Nagisa Oshima, Hiroshi Teshigahara, Masahiro Shinoda und Shohei Imamura, und später in den Siebzigern eindrücklich zum Exploitation-Kino beigetragen.
Masumura jedoch läßt sich schwer klassifizieren, denn sein Oeuvre umfaßt beinah 60 Filme -jährlich drehte er drei bis vier (!)- und er war in vielen Genres zuhause. Da er innerhalb der kommerziellen Filmindustrie verankert war, erlang er nie den Kultstatus eines Underdogs wie etwa Oshima, der einige seiner Filme bei der unabhängigen Art Theatre Guild realisieren konnte, nachdem Shochiku seinen NGHT AND FOG IN JAPAN (1960) verstauben ließ. Dennoch schaffte es Masumura immer sein wichtigstes Thema, den oft gewalttätigen Kampf des Individuums gegen die unterdrückende Gesellschaft, gepaart mit einer Faszination für extreme Leidenschaften bis hin zum Wahnsinn und zu sexuellen Abartigkeiten, darzustellen.

"My goal is to create an exaggerated depiction featuring only the ideas and passions of living human beings. [...] In Japanese society, which is essentially regimented, freedom and the individual do not exist. The theme of Japanese film is the emotions of the Japanese people, who have no choice but to live according to the norms of that society .”

Angefangen jedoch hat er als Abbrecher: 1924 geboren in Kofu auf Honshu, brach er sein Jurastudium an der Tokioter Universität ab, und begann als assistant director bei Daiei. Er war fasziniert von Filmen, denn als Jugendlicher bereits war er häufig im Kino gewesen. Dies hatte ihm ein Freund aus Kindergartentagen ermöglicht, dessen Vater ein Kino besessen hatte. Als Kurosawas SANSHIRO SUGATA anlief, sah er ihn sich dreimal in Folge an.
Später dann, 1949, beendete er ein Philosophiestudium, das ihm ein Stipendium einbrachte. Dieses ermöglichte ihm nach Italien zu gehen und bei drei sehr großen italienischen Regisseuren in Rom am Centro Sperimentale Cinematografico zu studieren. 1953 kehrte er nach Japan zu Daiei in Kyoto zurück, und war ab 55 second-unit director erst bei Mizoguchi und anschließend bei Ichikawa. 1957 erhielt er die Chance seinen ersten eigenen Langfilm zu drehen: KISSES.

Freitag, 11. Juli 2008

Ugetsu monogatari / Erzählungen unter dem Regenmond (Kenji Mizoguchi, Japan 1953)


Im Japan des 16 Jahrhunderts herrscht Bügerkrieg: marodierende Söldner ziehen über das Land, verwüsten Dörfer, plündern, entführen die Männer und vergewaltigen die Frauen. In den Kriegswirren gelingt es dem Dörfler Genjuro, einem Töpfer, in der entfernten Stadt seine Tonwaren zu einem guten Preis zu verkaufen, wobei er sich jedoch immerzu auf die gefährliche Reise machen muß, und so auch seine Frau und seinen noch sehr jungen Sohn zurücklassen muß. Sein Schwager Tobei hilft ihm im Familienunternehmen; auch er möchte Geld verdienen um sich eine Samurairüstung kaufen zu können, um endlich ein angesehener und stattlicher Herr werden zu können. Genjuro verliert über seinen wirtschaftlichen Erfolg immer mehr den Überblick und entwickelt sich zu einem habgierigen Geschäftemacher, der lieber sein Leben auf's Spiel setzt, als den Ofen ausgehen zu lassen, was den Brennvorgang seiner Waren unterbrechen und ruinieren würde. Auch Tobei verliert den Blick für das wesentliche, was soviel heißt wie ein kleines, aber glückliches Leben mit seiner Frau. Den beiden Frauen sind ihre etwas ärmeren, aber dafür lebendigen Männer lieber, als reiche und dafür tote.

Als die beiden wieder einmal in der Stadt sind, kommt das Unheil mit Riesenschritten auf sie zu: die adlige Lady Wakasa verdreht Genjuro den Kopf, und Tobei schließt sich einem Samurai-clan an. Ihre Frauen hätten sie diesmal besser nicht zurückgelassen, denn ihnen wird übel mitgespielt...

Im Folgenden wandelt sich der Film zu einem Schauplatz aus realistischer Gewalt (Miyagi und Ohama, die Ehefrauen), Geistererzählung (Genjuro und Wakasa), Besessenheit (Genjuro) und Groteske (Tobei). Und was für mich westlichen Filmgucker ungewöhnlich ist, nämlich die Disparatheit und die Vermischung der Genres und Topoi, das ist für den Japaner wohl ganz normal; vor allem liegt das vermutlich daran, daß "Geister" für sie nicht wie für uns in westlichen Kulturen übernatürliche und vor allem irreale, ins Reich der Fiktion und Illusion gehörige Wesen sind, die in Opposition zu so etwas wie "Realität" stehen; im asiatischen Kulturkreis ist der Geist an sich ja kulturell verankert, und tritt in unterschiedlichsten Formen bis hin zum Dämonen auf. Dieser hat auch eine starke Wirkung bis in unsere 'tatsächliche' Realität hinein: das geht weit über das angesichtig werden der Geister hinaus, es wird mit ihnen geredet, geschlafen, gestritten, und sie können den lebenden Menschen sogar töten. Und das wird akzeptiert, ohne ein Dr. Watson oder Van Helsing-Fundament aufbauen zu müssen. Und so entpuppt sich auch Wakasa als Geist einer einst unglücklichen Frau, besser: ein Dämon, der in seiner Trauer einen Bräutigam sucht. Also weniger mononoke als vielmehr yûki.
Das hat Konsequenzen für das filmische Erzählen und die daraus folgende "realistische als-ob" Bildgestaltung. Deshalb auch die Verstörung beim westlichen Rezipienten, der die Geisterszenen nicht gekennzeichnet findet, wie in unserem Kulturkreis üblich. Nicht einmal eine dämliche unheilvolle Begleitmusik als Hinweis. Und zum Schluß kommt alles zusammen als Erzählung über menschliche Verirrung und die abschließende Frage, was denn die Realität ausmacht, wenn man die Augen aufmacht und Dinge sieht. Dinge, die andere vielleicht nicht sehen können. Die sie aber akzeptieren würden, könnten sie das.