DVD BluRay

Dienstag, 30. September 2008

Jigoku (Nobuo Nakagawa, Japan 1960)


Von Nobuo Nakagawa kannte ich bislang nur den Geisterfilm Kaiidan – The Living Koheiji (1982) und das eher klassische Chambara-Drama The Ceiling at Utsunomiya (1956). Mit Jigoku jedenfalls schlägt er einen ganz anderen Ton an.

Blick auf die Hölle, wie wir sie nicht kennen: eine leere dunkle Ebene mit einem stilisierten Fluß. Man wähnt sich in einer Theatersituation. Heutigen Betrachtern fällt da vielleicht Lars von Triers Dogville ein oder George Lukas’ Stilisierungen des Raumes in THX1138 - hier als dunkles Komplementärstück. Später wird sie sich allerdings beleben: die Toten wandeln in ihr, das Feuer brennt lichterloh und der Sünder wird über dem Feuer gebraten. Die Haut wird abgezogen und der Leib vom Skelett. Der Film macht sprichwörtlich keine Gefangenen.
Und einen Plot gibt es auch noch: der Student Shiro (Shigeru Amachi) ist mit der Professorentochter Sachiko verlobt. Doch der eigentliche Dreh- und Angelpunkt ist dessen Freund Tamaru (Hiroshi Hayachi), Mensch, Dämon und Alter Ego Shiros zugleich. Bei einer Autofahrt durch eine schlecht beleuchtete Straße überfährt Tamaru einen Yakuza, der betrunken vor den Wagen taumelt. Shiros Gewissensbisse –ganz im Gegensatz zu Tamaru, der damit sehr gut zurechtkommt- bringen ihn an den Rand des Verstandes. Als er Sachiko zu einer Fahrt im Taxi überredet fährt dieses gegen einen Baum. Sachiko überlebt den Unfall nicht. Fortan kommt Shiro mit der Schuld nicht mehr zurecht. Jedoch: Sekunden vor dem Unfall sahen wir, wie an Stelle des Taxifahrers Tamaru mit diabolischem Grinsen am Steuer des Wagens saß. Hat er das Schicksal beeinflußt? Und das vielleicht schon die ganze Zeit?

In diesem Horrorfilm, der sich in ein rauschhaftes Moralstück hineinsteigert mit gräulichen Visualisierungen der Hölle, finden östliche Theologien (Shintoismus, Buddhismus) eine explosive Gestaltung. Der westliche Zuschauer dürfte häufig überfordert sein mit all den Anspielungen und Allegorien, Mythen und Ästhetikprinzipien, die hier ihre Realisierung finden. Das macht aber nichts – man überläßt sich einfach den grellbunten, faszinierenden Bildern dieses Horrortrips. Eines ist am Ende jedoch klar: ein Bad im „Blutteich“ ist wenig erholsam.

Montag, 29. September 2008

Exodus (Pang Ho-Cheung, Hongkong 2007)


EXODUS ist ein weiterer Vertreter des HK-Cop-Thrillers, aber ein besonderer! Die Handlung ist seltsam und kurios zugleich: Polizist Tsim (Simon Yam) nimmt die Anzeige eines scheinbar verwirrten Mannes auf, der behauptet, "Frauen" würden ihm nach dem Leben trachten. Ein Tag darauf scheint er eingeschüchtert worden zu sein und widerruft seine Aussage. Die einzige Person, zu der er Kontakt hatte, war jedoch eine von Tsims Kolleginnen. Das macht ihn neugierig, und so macht er die Aufklärung des Falles zu seiner persönlichen Sache.

Wer möchte, klar, kann hier mit einem Genderdiskurs anknüpfen. Meines Erachtens ist das Besondere des Films aber die Machart. Der Film ist extrem arthausig photographiert, eine Sache die zunächst positiv überrascht. Die Bilder orientieren sich sehr an Perspektiven, an architektonischen Strukturen. Dazu gesellen sich sehr langsame, kontemplative Schwenks in einer häufig nächtlichen, halbdunklen oder abgedunkelten Situation. Auf Dauer wirkt das etwas maniriert, sehr gesucht. Man fragt sich, ob das Bild nicht gewaltsam mit Originalität aufgeladen wird. Etwa wenn ständig der eigentliche Bildmittelpunkt, also zum Beispiel der Protagonist, ganz an den Bildrand gedrängt wird. Oder wenn dicht an einer Wand entlang in die Flucht geschossen wird, in der gerade zwei Personen einen Flur hinabgehen. Dadurch entstehen schöne Bildschirmschoner, aber gesehen hat man das ja auch schon öfter.
Natürlich läßt sich dieses An-den-Rand-Drängen inhaltlich begründen, da "die Männer" eben an den Rand gedrängt werden sollen, bzw. aus der Gesellschaft hinaus. Dennoch wirkt dieses Vorgehen auf Dauer bemüht. Ein sehr zurückhaltender Score und stark reduzierte Umweltgeräusche evozieren zudem die Abgeschlossenheit diese Systems, spiegeln die psychische Lage Tsims wieder, der sich immer mehr in den Fall hineinstürzt, und sich zunehmend von seiner Frau entfremdet.
Ein offenes Ende, das zur Diskussion einlädt, rundet diesen ungewöhnlichen Film ab, der mir letztlich gut gefallen hat und aus dem Einheitsbrei des HK-Thrillers positiv heraussticht.

Beyond our Ken (Pang Ho-Cheung, HK 2004)


Drei Jahre vor EXODUS konnte Edmond Pang mit dieser anspruchsvolleren Mixtur aus Liebeskomödie und Drama brillieren. Zwei junge Frauen lernen sich kennen - die eine ist die Freundin von Ken, die andere dessen Ex. Auslöser sind Nacktbilder der Ex im Internet, und sie wendet sich in ihrer Verzweiflung an die aktuelle Geliebte. Je besser sie sich jedoch kennenlernen, desto mehr tauschen sie sich über Ken aus; wobei ihnen immer klarer wird, was für ein Schwein hinter der liebevollen Maske steckt. Das fängt schon damit an, daß er sie mit denselben Sprüchen rumgekriegt hatte. Und das ist nur der Gipfel des Eisberges.

Pang ist hier ein ordentlicher Genremischer: Komödie, Drama und Detektivgeschichte fügt er zu einem wunderbaren Film, manchmal etwas zu hip, zu ausnahmslos schön, zu sehr ins rechte Licht gesetzt. Aber das sieht man ihm gerne nach, macht der Film doch ordentlich Spaß, hat einen geschickt konstruierten Handlungsverlauf mit einigen Überraschungen und zwei Darstellerinnen, die nicht von dieser Erde stammen. Kameramäßig hat er sich auch was überlegt: ganz im Gegensatz zu EXODUS dominiert hier die Handkamera, die sehr dicht an den Personen dran ist. Das paßt sehr gut, ist dieser doch letztlich auch ein sehr intimer Film. Und irgendwann denkt man sich wirklich, sie sollen jetzt endlich den Typen links liegen lassen, sich in die Arme nehmen und anfangen zu knutschen!

Donnerstag, 25. September 2008

Ochazuke no aji / The Flavor of Green Tea Over Rice Yasujiro Ozu, Japan 1952

Der Film beginnt als Komödie: Taeko (Michiko Kogure) konstruiert eine windige Geschichte um einen ärztlichen Notfall, der ihre Anwesenheit bei der Nichte erfordere um ihren Mann zu täuschen und so ihr Ausbleiben zu erklären. Denn eigentlich möchte sie mit ihren Freundinnen ein Wochenende in einem Badeort verbringen. Männer will man dabei natürlich nicht dabei haben, und die „Notlüge“ soll ihn nicht vergrätzen. Als die Nichte dann plötzlich gesund und munter im Raum steht, versucht sich Taeko herauszuwinden mit schnell hingeworfenen und unklar formulierten Sätzen. Dann dreht sie sich auf dem Absatz um und geht einfach hinaus. Ihr nachsichtiger Ehemann fragt nicht weiter nach. Bei Setsuko (Keiko Tsushima) steht allerdings auch einiges an, denn als Frau Mitte 20 ist sie immer noch Single. Sie soll in den Hafen der Ehe geführt werden, zur Not auch mit Hilfe der Eltern, die den von ihnen auserwählten Bräutigam zum „Interview“ laden – Setsuko jedoch hat ihren eigenen Willen und hält überhaupt nichts von arrangierten Ehen in denen die Liebe zu kurz kommt. Da ist sie ganz moderne, unabhängige Frau. Ein schlechtes Beispiel sind eben genau Taeko mit ihren Freundinnen, die in der Ehe zum Lügen gezwungen sind, wenn es um die eigenen Bedürfnisse geht.

Die Familie als Baustelle und der Umbruch der Traditionen- Themen, die nach dem Krieg, Mitte der 50er einige Filmemacher Japans beschäftigt haben. Dieser Konflikt speist sich aus einer Kontroverse von Tradition und Moderne, und hier hauptsächlich aus dem aufkommenden Selbstbestimmungsbedürfnis der Frauen, die die männliche Dominanz abzuschütteln suchen.


Und da schlägt die amüsante Komödie auch in ein nie tragisches, aber doch emotional wirkmächtiges Drama um: Denn das Auseinanderleben und -driften der Ehepartner wird als schmerzlicher Prozeß dargestellt; zumindest für den sanftmütigen Ehemann Taekos, der sein Los mit stoischem Gleichmut zu ertragen versucht. Als seine Frau endlich ihre harte Konfrontationsposition aufgibt und ihm -symbolisch- erlaubt, das Arme-Leute-Essen des mit grünem Tee übergossenen Reises zu essen, ist eine Versöhnung in Sicht, die auf einem Miteinander basiert, auf einer gemeinsamen, gestaltbaren Zukunft des gegenseitigen Vertrauens mit dem Ziel Einschränkungen, woher immer sie auch kommen, zu überwinden.

Ozus Kamera ist für seine Verhältnisse sehr dynamisch: es gibt 2-3 Kamerafahrten und eine Fahrt im Automobil, sowohl eine im Zug, die in ihrer Bewegung eine im sonst statischen Kontext große Wirkung entfalten. Fast stockt einem der Atem.

Und doch wird die Bewegung, wenn sie etwa ganz sanft und langsam auf die Personen zugleitet (nur wenige Meter und nie zu weit) nie aufdringlich, oder kommt den Personen zu nah. Es ist eine sanfte Annäherung, die ganz so, wie sich auch die Personen aneinander annähern, gestaltet ist. Mit Zurückhaltung und Würde.

Ansonsten sind wieder streng komponierte Bilder zu bewundern, die sich häufig an den Wohnraumarchitekturen orientieren (Zimmer, Flure) oder den Gebäuden (Stadt) und Fluchtpunkten (Eisenbahn). Die Kamera findet dadurch immer stark strukturierte und geordnete Bilder, die das Gefühl transportieren, einem System, einer Ordnung zugehörig zu sein. Veränderung, die kann nur von innen kommen.

Selbstredend entspricht auch dies einer japanischen Ästhetik, die im Westen mit dem Schlagwort „Minimalismus“ tituliert wird, welche esoterisch verbrämt ist und naturgemäß an der Sache vorbeigeht. Die Reichhaltigkeit im Anblick des Reduzierten wird so eben genau nicht betont. Es ist auch ein menschlich Geschaffenes, diese Obkekthaftigkeit, und in seiner Fülle eine Einladung zur Reflektion.

Dazu natürlich Ozus Kamera- Blick aus der Untersicht. Er betreibt das bis in die letzte Konsequenz: als die Kamera auf Sitzhöhe am Rücken des Ehemanns vorbeischießt, kommt die Bedienstete herein, die Kamera bleibt statisch. Da sie ja noch steht, ist der Kopf abgeschnitten - erst als sie sich setzt, ist sie voll im Bild. Auch diese Reduktion, die eine Klarheit des Bildes erschafft, wirft uns förmlich aus dem Rezeptionsprozeß, da man es schlicht anders gewohnt ist. So zu sehen, ist ungewöhnlich. Dieses Neue, das weg nimmt und Dinge nicht tut in seiner Statik (vgl. Schnitt/Gegenschnitt in Dialogen) macht den Raum frei für ein Sehen und ein Reflektieren über die Bilder, die einem ein geführteres Sehen (durch die Kamera), nicht ermöglichen würde. Die oft strenge Ozusche Stilistik befreit uns aus den Zwängen der Konvention und macht so die Augen auf für eine neue Art der Filmrezeption, für eine neue Art des eigenen Dialogs mit Film.

Sonntag, 21. September 2008

Heat after Dark Ryuhei Kitamura, Japan 1998


Zwei Gangster sollen eine Leiche entsorgen, und als sie dummerweise von einem Polizisten angehalten werden und dieser eine Fahrzeugkontrolle durchführen möchte, scheint die Situation zu eskalieren. Doch beim Öffnen des Kofferraumes sind alle verblüfft: er ist leer…

Kitamura, zu dem ich ein mehr als zwiespältiges Verhältnis habe, legt mit seinem ersten, nur gute 50 min dauernden Film eine wundevolle Yakuza-Ballade vor, die ein wenig an Tarantino, und sehr an Sabus Grotesken erinnert. Ein klassischer Die etwas unbeholfenen aber sympathischen Trottel geraten in eine ausweglose Situation-Plot. Die Stärke des Films ist aber genau diese Reduktion auf eine kaum vorhandene, bzw. sehr ausgedünnte Handlung, die sich letztlich in einem atmosphärisch dichten und von leisem Humor durchzogenen Finale, einem Duell, entlädt. Dieses Finale nimmt nach den kurzen Präliminarien fast die gesamte Spielzeit ein und ist angenehmerweise sehr ruhig gestaltet - so ruhig und kontemplativ, wie es das verlassene Tal in den Bergen hinter dem Tunnel (vgl. KAKASHI, 2001) fordert. Soll heißen: kein Schnittgewitter, dafür esoterisch-atmosphärische Musik, viel Stille. Der Film will nicht viel, aber das, was er zeigt, macht er gut. Sehr schön.

Samstag, 20. September 2008

Haruki Murakami : Afterdark (2007).

Der letzte von mir gelesene Roman Haruki Murakamis war Kafka am Strand. Der hatte streckenweise noch durchaus gefallen können mit seinem ansprechenden Themenmix aus Roadmovie, Adoleszenzthematik und Bibliotheksmystik. Doch starke Abnutzungserscheinungen machten sich breit: man kannte das alles mittlerweile aus zahlreichen Vorgängern. Und das Gefühl, weshalb man einen Murakami liest –also genau dieses ich-will-einen-Murakami-lesen-Gefühl- fühlte sich schon bald taub und leblos an während des Lesens; in etwa so, als ob man Weihnachten feiert und sich auch darauf gefreut hat, aber plötzlich ist doch alles wieder total langweilig und die Geschenke sind so unoriginell, daß man sich fragt, was sich die Leute dabei eigentlich gedacht haben. Schlechte Ausbeute. So ging es mir mit Kafka.
Murakamis Kurzgeschichten habe ich gelernt zu boykottieren, außer denen aus After the Quake bündeln sie das, was ich an Murakami schlecht finde. Schnell hingerotzte Teeniegeschichten für das Emoherz, irgendwo zwischen Loner-tum, pseudointellektuellem Popkulturnamedropping und der großen Liebe. Gähn.

Nun also der letzte Roman des Dainipponjin: was soll man dazu sagen! Er ist sicherlich der Tiefpunkt von Murakamis Schaffen. Er ist einfach entsetzlich schlecht. Ein Roman, der sich aus verschiedenen Erzählsträngen zusammensetzt, wie das ähnlich LA Crash, Magnolia oder Robert Altmans Short Cuts für den Film realisiert haben. Murakamis übliche Strategie, die er in jedem Langtext durchexerziert – das stete Abwechseln der beiden Erzählstränge – wird hier aufgestockt zu dreien. Durch diese Collagentechnik versucht er einen Eindruck der Ereignisse einer (1) Nacht wiederzugeben – und natürlich sind die Geschichten lose verknüpft.

Zusammengehalten werden die Stränge durch eine übergeordnete Erzählerinstanz: eine Tokyo überfliegende Kamera, die je nach Kapitel das entsprechende Bild aufzoomt, sodaß man wieder in der anstehenden Geschichte landet. Nun gibt es ja ein weltbekanntes Beispiel für einen Roman mit beobachtender Kamera: La Jalousie von Alain Robbe-Grillet, der eindrucksvoll vorgemacht hat, wie man im Nouveau Roman so einen Blick authentisch realisieren kann und zugleich einen Krimiplot miterzählt. Von dieser qualitativen Meßlatte ist Murakami jedoch -leider- meilenweit entfernt. Das scheitert schon daran, daß er den Kamerablick zu einem kommentierenden Erzähler ausbaut, was nicht nur enorm nervig ist, formal falsch angelegt und schon technisch überhaupt nicht möglich ist. Eine absurde Konstruktion, die er anwendet. Eine ärgerliches Vorgehen zudem.
Potenziert wird die Lage durch die äußerst nervige Art des Kamera-Erzählers, alles erklären zu müssen, was er sieht, und so dem Leser jede Art Eigenleistung abzunehmen. Was für ein unglaublicher Quatsch! Da kann man richtig sauer werden.
Hätte er die drei Erzählstränge einfach als Kurzgeschichten publiziert, dann wäre das eine halbwegs vergnügliche Lektüre über eine entstehende Liebe, einen Mißbrauch und einen J-Horror induzierten Mystikquatsch geworden.

So aber muß man beschämt das Buch zur Seite legen und schüttelt mißmutig den Kopf… Man kann sich kaum vorstellen, daß der Autor von The Wind-Up Bird Chronicle, Wild Sheep Chase oder Hard-Boiled Wonderland diesen Schmarrn produziert hat. Wegtreten!

Montag, 15. September 2008

Death Note / Desu nôto (Shusuke Kaneko, Japan 2006)


 Der Jurastudent Light (sprich: „Raito“) findet ein Heft mit dem Titel „Death Note“ des Nachts auf der Straße liegend. Schreibt man einen Namen hinein, so wird die Person Sekunden später an einer Herzattacke sterben. Sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und seine Fähigkeiten als Computerhacker vereinen sich: er bricht in das Computersystem der Polizei ein, und läßt „Gerechtigkeit“ walten: denn die Namen davongekommener oder zu milde bestrafter Verbrecher finden ihren Weg ins tödliche Notizbuch. Keine Frage, die vielen Toten erwecken Unruhe, und schon bald ist der Held des Films selbst ein gesuchter Mann. Der Zufall will es, daß ausgerechnet sein Vater die Ermittlungen gegen Kira (den „Killer“) führt. Dieser bekommt vom zunächst unerkannt bleibenden Computerspezialisten „L“ Unterstützung, der mit seinen analytischen Fähigkeiten und seiner Ausdauer den ermittelnden Polizisten überlegen ist.

Was lernen die Juristen an der Uni in Japan eigentlich? Kurios, diese Handlung. Doch Light, der Gerechtigkeit nicht von Recht unterscheiden will, gerät dann ziemlich schnell in die moralische Sackgasse, auch wenn er zum Helden der Boulevardpresse hochgejubelt wird. Als Korrektiv muß die hübsche Freundin herhalten, die, ohne zu wissen, wer er ist, recht schnell Zweifel an der Legitimation von Kiras Handeln anmeldet. Der böse Einflüsterer jedoch, der Light förmlich auf der Schulter sitzt, das ist der Gott des Todes selbst. Eine Art Geisterfigur, ein Dämon, eine animierte Mischung aus Batmans Joker und Geier, der direkt aus MAD MAX einzufliegen scheint und sich ausschließlich von Äpfeln ernährt (…?). In Opposition dazu dann „L“, der sich nur von Süßigkeiten zu ernähren scheint, in weißem Longsleeve und Kajal um die Augen: das optimale Love-object für alle 16jährigen „Emo-“Gören.
Interessant ist an diesem Film vor allem auch, wie mit den Zuschauererwartungen gespielt wird. Scheint doch zunächst Light der Sympathieträger zu sein, nur um später von L abgelöst zu werden. Und so schlägt der Plot einige spannende Haken, sodaß letztendlich ein durchaus suspensehaltiger Fantasythriller dabei herauskommt.

Auch die Frage, aus wessen Perspektive die tolle Eröffnungssequenz eigentlich gefilmt ist, klärt sich auf (ein Kameraflug am nächtlichen Himmel, dann der Durchstoß durch die Wolken, das Überfliegen der Megalopolis, zwei, drei Jump-cuts, das Herabsegeln des Heftes aus der Untersicht gefilmt). Es ist natürlich die subjektive Sicht des Todesdämons, der sich der Stadt nähert und das Heft fallen läßt. Da sich der Blick mit dem des Zuschauers synchronisiert, wird elegant darauf angespielt, wer hier eigentliches Movens der Handlung ist: wir, die Rezipienten, die Actionsüchtigen, die etwas Dramatisches sehen wollen.

Noch eine abschließende Einschränkung: Diese Manga-Verfilmung krankt vor allem an der recht durchschnittlichen Schauspielleistung des Hauptdarstellers (Tatsuja Fujiawara), der seiner Figur nicht die nötige Tiefe und Komplexität verleihen kann. Ansonsten jedoch ist DEATH NOTE ein ordentlicher Film mit toller blockbusternder Inszenierung (auch wenn sich das eine oder andere Fernsehbild einschleicht) mit –natürlich- dickem Cliffhanger am Ende. Das läßt unbefriedigt zurück: und ja, wir wollen Teil 2 sehen!

Samstag, 13. September 2008

Camera Japan - Filmfestival Rotterdam

Nun, das Festival hat sich ja eigentlich zu DER Pflichtveranstaltung für alle Japanophilen (17. - 25. 9. in Rotterdam, danach in versch. Städten) gemausert. Und wenn man sich das Programm anschaut wird auch schnell klar, warum. Hervorheben möchte ich lediglich vier Highlights:
Shinya Tsukamotos NIGHTMARE DETECTIVE 2,
Nobuhiro LINDA LINDA LINDA Yamashitas A GENTLE BREEZE IN THE VILLAGE, und
Ryuichi VIBRATOR, TOKYO TRASH BABY Hirokis YOUR FRIENDS
Garniert wird das mit einer kleinen Masumura-Retro. Filme, die ich weder kenne noch besitze! Als da wären HOODLUM SOLDIER, BLUE SKY MAIDEN, THE WIFE OF SEISHU HANAOKA und WARM CURRENT. Müßte man Urlaub nehmen...hmmm. Wenn ich mir's recht überlege, dann hab' ich ja sogar welchen!

Dienstag, 9. September 2008

Samurai Spy (Masahiro Shinoda, Japan 1965)


Dieser politisch engagierte Samurai-Streifen hat vor allem ein großes Problem: er nimmt sich mehrerer Themen gleichzeitig an, leuchtet aber keines so richtig zufriedenstellend aus. Zunächst steht man erst einmal vor einer politisch verworrenen Situation: Japan im Jahr 1600. Mehrere Clans lauern auf die Chance, die Vorherrschaft im Land an sich reißen zu können. Und nach einer Phase relativen Friedens werden Spione ausgesandt, die die Neuigkeiten zu den jeweiligen Anführern bringen. Sasuke, der Held, ist einer von ihnen. Der Frieden treibt aber auch so einige Ronin durchs Land, arbeitslose Söldner, die sich durchschlagen müssen (siehe Sword of Doom). Einer der Samurai spricht es dann auch aus, was es denn schon Sinnvolles im Leben gebe, außer "Women and Sake". Sasuke, der Held, sieht das natürlich anders.

Nun gesellt sich hierzu eine Vielzahl an Personen, die nicht nur Spys, sondern Doppelagenten sind; Personen die entweder zur Regierung oder zu einem Clan, zu einer Räuberbande oder einem Tempel, zu einem Dorf oder sonstwo dazu gehören. Das geht dann teilweise noch in die Väter- und Vorvätergeneration zurück, sodaß innerhalb weniger Minuten ein Dostojewskischer Figurenkosmos ausgebreitet wird. (Auf der DVD befindet sich auch ein Figurenindex (!), der alle wichtigen Personen (etwa 12) näher beschreibt, was ich aber leider erst nach der Sichtung gesehen habe.) Man sieht schon, es wird einem nicht leicht gemacht. Mit dieser Vielzahl an Personen verliert sich in kürzester Zeit der Überblick, und man läßt sich ganz auf die Geschichte ein, denkt man.

Doch ist das Drehbuch nicht auf’s Erzählen hin konzipiert. Shinoda geht folgendermaßen vor: Gespräch (verschiedener Personen über versch. Personen, deren Machtpositionen und Loyalitäten usw.), dann Kampfszene, dann wieder Gespräch, wieder Kampfszene,… usw usf. Dadurch wird fast schon eine Anti-Dramaturgie aufgebaut, da man ständig verfolgen muß, wer mit wem, und warum dann gleich wieder gekämpft wird. Eine richtige Handlung im herkömmlichen Sinne mit abfolgenden Plotpoints wird also nicht entwickelt.

Man denkt: OK, schau ich mir die Kämpfe. Jedoch will Shinoda die Entpersönlichung der Samurai zeigen, und legt diese dummerweise als Ninja an (die ich, nur so nebenbei, eh nicht leiden kann). Also schwarz gewandete Fassadenhüpfer vor schwarzem Hintergrund. Man sieht demnach überhaupt nichts, und plötzlich ist einer tot. Wurfstern in die Stirn, oder ähnlich doofe Tricks. Es gibt also wenig Schwertkämpfe. Dazu kommt permanenter Nebel in Situationen, wo man etwas sehen könnte; also bei Tag. Shinoda macht das wohl deswegen, da dies die unklare politische Situation symbolisieren soll. Nun gut, das ist ihm gelungen, aber vom Kampf sieht man halt dann wenig. Und plötzlich ist wieder einer tot.

Verquickt wird das noch mit experimentellen Kamerapositionen, die sich häufig sehr weit vom Geschehen befinden. Cinemascope-Totale, und plötzlich ist wieder einer tot. Nun gut. Dazu gibt’s noch eine Liebesgeschichte, in der man die emotionalen Verwicklungen aber nicht so recht nachvollziehen kann, man hat inzwischen vollkommen den Überblick über die Figuren verloren, und plötzlich gibt es also neben der Ehre noch die Liebe. Letztenendes ist der Film aber doch noch ganz interessant. Es gibt viele schöne Bilder, Großaufnahmen von blutbespritzten Gesichtern und hartkontrastigen film noir - Schwarz/Weißaufnahmen a la Sword of Doom. Und nach 1 1/2 Stunden ist der Spaß vorbei. Gott sei's gedankt. Vielleicht hilft eine Zweitsichtung…

***

Donnerstag, 4. September 2008

Manji - Die Liebenden (Yasuzo Masumura, Japan 1964)


Die gelangweilte Hausfrau Sonoko (Ayako Wakao) lernt in der Zeichenklasse einer Kunstschule die schöne Mitsuko (Kyoko Kishida) kennen. Bald darauf lädt sie diese zu sich nach Hause ein und überredet sie dazu, Modell zu stehen. Als sie nur wenige Zentimeter unbedeckter Haut von Mitsuko sieht, ist sie so sehr von ihrer Schönheit fasziniert, daß sie ihr in einem ausufernden Duell zunächst der Worte, dann in einem Ringkampf ihr den letzten Fetzen vom Leib reißt. Geblendet von ihrer Schönheit bringt Mitsuko wiederum Sonoko dazu, sich ebenfalls zu entkleiden, und sie versinken in einer tiefen Umarmung. Aus der Anbetung der Anderen erwächst Liebe, und je mehr die beiden Frauen sich aufeinander einlassen, desto weniger sind sie gewillt, den Konventionen der Gesellschaft, dem engen Korsett der Ehe bzw. des Verlobtseins zu folgen. In einer sich anheizenden Liebeseuphorie steigern sie sich hinein bis in den Todesgedanken. Doch dann kommen die Ehemänner…

Masumura hat viel gewagt, mit diesem leicht hysterischen Film über eine lesbische Liebe, der so gut wie keine normal ablaufenden Handlungspunkte hat. Es ist ein waschechtes Charakterdrama, das zudem fast vollständig in Innenräumen spielt. Auch bricht Masumura sehr subtil mit den Konventionen, denn es ist nicht die junge Frau, die sich in das Leben der Reifen drängt, mit einem frischen Geist, mutig und intellektuell; nein, es ist die ältere, verheiratete Frau im Kimono, die die junge im farbenprächtigen Blumenkleid begehrt. Die ihrem Ehemann dann irgendwann die Stirn bietet, sich nichts mehr gefallen läßt, und den Schritt wagt, sich ganz für ihre Liebe –auch gesellschaftlich- zu opfern. Als Mitsuko dies merkt, beginnt sie ein gefährliches Spiel der Täuschungen, das Sonoko immer weiter in eine emotionale Abhängigkeit treibt. Und natürlich stellt sich die Frage, was die schöne, begehrenswerteste Frau tatsächlich vorhat.

Ein sehr reduzierter, klassischer Score begleitet den Film, der seine Kraft aus den emblematischen Bildern und der Darstellungskraft der Schauspieler zieht. Dabei ist schon interessant, wie spannend der Film ist – schöpft er die Spannung doch rein aus der ganz langsam sich steigernden Atmosphäre, die auf einen –ja!- Höhepunkt hinausläuft.

Daß letztlich dem Film eine Art moralisches Erzählkonzept via Rahmenhandlung und Flashback übergestülpt wurde, dürfte an den Produktionsbedingungen des Studios gelegen haben. Das stört jedoch nicht, ist es doch offensichtlich, um was es Masumura gelegen ist. Auch möglich, daß MANJI nicht Masumuras bester Film ist – doch wen juckt das noch, wenn man Film um Film dieses Regisseurs sieht, und jeder scheint gelungen und deutlich über dem Durchschnitt. Sehr sehenswert.