DVD BluRay

Sonntag, 26. Oktober 2008

Fires on the Plain / Nobi (Kon Ichikawa, Japan 1959)


Soldat Tamura (Eiji Funakoshi) wird von seinem Vorgesetzten mehrfach ins Gesicht geschlagen und 5 Minuten ununterbrochen angebrüllt. Der tubekulosekranke Soldat erträgt die Demütigung, nur um mit etwas Essen und einer Handgranate erneut zum Lazarett geschickt zu werden. Dort solle er sich nicht wieder fortschicken lassen, denn mit seiner Krankheit sei er hier an der Front nicht zu gebrauchen. Sollte er erneut abgewiesen werden, dann soll er sich selbst - ein letzter Dienst für die japanische Armee - mit der Handgranate in die Luft sprengen....

So beginnt dieser s/w- Film, der 1945 auf den Philippinen spielt. Die Amerikaner sind bereits gelandet, die japanische Armee nur noch ein zersprengter Haufen ausgezehrter Soldaten, mehr tot als lebendig. Es geht nur noch darum zu überleben, und dazu ist jedes Mittel recht: auch Kannibalismus.
Der Film erzählt vom Weg Tamuras zu einem (utopischen ?) Stützpunkt seiner Armee, von dem die Heimreise angetreten werden kann. Sein Weg gleicht einem Taumel in der Hitze, der Gefahr, den Bombenangriffen, den wahnsinnig gewordenen Soldaten ringsum, dem allgegenwärtigen Hunger.
Ichikawa findet niederschmetternde Bilder für die Zerstörung und eine zerrüttete Narration spiegelt die Psyche der/des Soldaten. So fügen sich in diesem Film eher Stationen innerhalb eines Erzählrahmens zusammen, die nach und nach abgeschritten werden, als daß ein herkömmlicher Handlungsablauf im Sinne eines "Spielfilms" präsentiert würde. Der emotionale Zugang fällt naturgemäß schwer bei all dem Nihilismus, und manchmal kommt einem Tamura wie eine Hiob-Leidensgestalt vor, der mehr erträgt, als er tragen kann. Dennoch klagt er nicht, ist er ja eigentlich längst schon tot. Kriegsfilme dieser Art lassen vergleichbares aus Amerika aussehen wie war-porn, auch wenn diesem Film vorgeworfen wurde, er würde nur das individuelle Leiden des Japaners zeigen, nicht aber die Greueltaten der japanischen Armee.

Dieser Film ist sehr rauh und fern allen Heldenglanzes. Im Kopf bleiben viele eindrucksvolle Bilder, der leere Blick durch den durchgelatschen Schuh etwa, dem die Sohle fehlt, das wahnsinnige Grinsen des blutverschmierten Kannibalen, der Regen, die ausgemergelten Körper.

Die Feuer auf den Ebenen, die die Farmer entzünden, symbolisieren die Sehnsucht Tamuras nach einer friedlichen ländlichen Alltagsidylle, die er nie wieder erleben wird. Denn schon zu Beginn des Filmes ist er ein kranker, wandelnder Toter.
Eindrückliches und niederschmetterndes Kino.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Shamo (Soi Cheang, Hongkong/Japan 2007)


Nachdem der 16-jährige Ryo Ishibashi (Shawn Yue) scheinbar grundlos seine Eltern ermordet hat, kommt er für zwei Jahre ins Kittchen. Dort wird dem Prinzenärschchen übelst mitgespielt, wie man sich denken kann. Beim Karatemeister Kenji (Francis Ng) lernt er aber die ultimative Karatetechnik und wird sich, wieder frei, an seiner Umwelt rächen, die ihn für sein Verbrechen verachtet. Außerdem macht er sich auf die Suche nach seiner mittlerweile verschwundenen und sich prostituierenden Schwester.

Der DOG BITE DOG -Regisseur hatte bei mir einen schweren Stand nach dem völlig verkorksten Ende des Vorgängers. Und auch die eine oder andere gelesene Kritik zu SHAMO ließ den Film nicht gerade im allerhellsten Licht erstrahlen. Jedoch: so rein gar nichts zu erwarten kann auch seine Vorteile haben.
Und hier seien die positiven Aspekte des Films genannt: auch wenn die Handlung etwas dürftig erscheint und kaum über die Zeit trägt, so ist der Film doch immer wieder spannend und unterhaltend. Dies liegt vor allem an der Inszenierung, die immer auch interessante Gutzle findet. Gutes Licht, spannende Winkel, stilisierte Räume, interessante Dialogmontagen. Blutfontänen in Zeitlupe. Schnelle Schnitte, gute Kampfszenen. Besonders hervorzuheben -wie beim Vorgänger- und das tollste am Film ist: der Einsatz des Tons. Das ist teils experimentell, teils atemstockend. Aber auch: manchmal zu viel des Guten, wenn man große Perioden über nur noch gestaltete Klangwelten hört. Spannend jedenfalls, wie hier Bild und Ton kombiniert werden.

Am Ende gibt es noch einen guten (!) Twist und fertig ist der (über-?)durchschnittliche Muay-Thai-Klopper, der seine Brutalität leider allzuoft abfeiert und keine Zeit auf die Entwicklung der Charaktere verschwendet. Ein Jungsfilm, eindeutig.

Sonntag, 19. Oktober 2008

Red Angel / Akai Tenshi (Yasuzo Masumura, Japan 1966)


Im Jahre 1939 kommt die Krankenschwester Sakura Nishi (Ayako Wakao) in ein Lazarett an der Front in der Mandschurei. Dort wird sie eines Nachts bei einem Kontrollgang durch die Schlafsäle von mehreren Soldaten vergewaltigt. Als sie die Assistentin des renommierten Arztes Dr. Okabe wird, erlebt sie die Hölle auf Erden. In 48-Stunden-Schichten werden Verwundete behandelt, Schußwunden operiert, Halbtote aufgegeben, und Gliedmaßen amputiert. Das Lazarett mutet an wie ein wogendes Meer aus schreienden, verwundeten Männern, die übereinanderliegend, die Schmerzen nicht mehr aushalten können.
Die Darstellung der Operationen ist mehr als deutlich. Der Arzt und die Assistenten sehen aus wie aus einem Schlachthaus über und über mit Blut verschmiert. Die Kugeln, die aus den Körpern geholt werden, häufen sich in Metallschalen, die amputierten Arme und Beine werden in Bottiche und Fässer geworfen. Immer wieder muß der Boden geschrubbt werden, das Blut fließt hinaus und fließt in die Erde. Die Leichen werden in Massengräber geworfen. Und da kommt der Laster mit den nächsten Verwundeten.

Masumura findet eindrucksvolle Bilder in s/w für dieses menschengemachte Inferno, für diesen Angriff auf die Psyche, für den ständigen Kampf gegen den Tod. Und auch die "Engel" der Medizin sind keine unantastbaren Wesen, wie schon in der Vergewaltigungsszene deutlich wurde. Sakura muß sich ständiger Übergriffe erwehren, jede Art moralischer Wertvorstellung ist bei den Männern ausgeschaltet. Vor dem Hintergrund des nahen Todes gelten die Gesetze nicht. Als sie einen Soldaten pflegt, dessen beide Arme amputiert werden mußten, ist sie ihm in seiner Verzweiflung auch sexuell zu Diensten. Die Verzweiflung allerdings, die diese Erkenntnis fördert, nie wieder eine Frau berühren zu können, treibt den Soldaten in den Selbstmord. Er springt vom Dach des Hauses in den Tod. Sakura fühlt sich daraufhin schuldig am Tod des Soldaten. Gerade in dieser Szene wird erneut deutlich, wie kontrovers Masumura durchweg durch seine gesamte Filmbiographie hindurch die Themen Sexualität und Gewalt verknüpft.

Doch Sakura verliebt sich in Okabe, den Arzt, der jedoch, um die Gräuel zu ertragen, morphiumsüchtig geworden ist. Als sie auf einem Außenposten Dienst tun müssen, werden sie von den anderen Truppenteilen abgeschnitten. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die übermächtige chinesische Armee die Siedlung überrennen wird. Als die Cholera im Lager ausbricht, spitzt sich die Situation zu, und Sakura wähnt die Zeit für ihre Liebe zerronnen. In einem Akt des Aufbäumens der eigenen Bedürfnisse zwingt sie Okabe in der letzten Nacht zum Entzug, überwindet die Hemmungen seiner drogenbedingten Impotenz und vereinigt sich mit ihm mehrere Male.

Als der Gegner schließlich anrückt, beginnt ein Bombardement auf ein unbedeutends Fleckchen choleraverseuchter Erde, das keine Überlebenden übrig läßt. Doch Sakura überlebt wie durch ein Wunder, sucht die Gräben ab, dreht alle Leichen um, und findet Okabe schließlich tot auf dem Feld liegend. Sie nimmt ihn in die Arme und erhebt die Stimme zur Klage, die, vor dem Hintergrund des Requiems, das leise eingesetzt hat, eine Anklage sondergleichen gegen das Militär darstellt, gegen die Sinnlosigkeit des Krieges, gegen die Gewalt, die Menschen sich gegenseitig antun.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Schwarzer Regen / Kuroi Ame (Shohei Imamura, Japan 1988)


In der etwa 15minütigen Exposition geschieht alles Dramatische, das die Handlung in Gang bringt: während die Familie einer Teezeremonie beiwohnt, entfaltet sich in der Ferne deutlich sichtbar durch die aufgeschobenen Türen der Pilz der Atombombe über Hiroshima. Yasuko wohnt bei ihren Pflegeeltern, ihrem Onkel und ihrer Tante. Das herannahende Feuer zwingt sie, das Haus zu verlassen und sich durch die Stadt durchzuschlagen. Dabei sehen sie (und auch wir) das „wahre“ Ausmaß des Schreckens: alles ist zerstört, überall liegen verkrümmte verkohlte Leichen herum, ein Mann stürzt sich aus dem Fenster und erschlägt beinah die Familie. Auf dem Boot werden sie vom schwarzen Regen erwischt, der in großen, tintenähnlichen Tropfen herabkommt.

Dann: fünf Jahre später. Man lebt auf dem Land, und versucht den Schrecken zu vergessen, einen Alltag zu leben, den es nicht mehr geben kann. Denn die Eltern haben „die Strahlenkrankheit“, und wann sie letztendlich ausbricht, ist nur eine Frage der Zeit. Die Sorge des Onkels ist die Verheiratung Yasukos, die keinen Mann bekommt. Nicht weil sie häßlich wäre, sondern weil alle denken, auch sie habe die Krankheit. Yasuko jedoch ist die pure Lebensfreude, kümmert sich um alle, und ist mit ihrer Situation zufrieden, denn sie liebt ihre Pflegeeltern –nun ist sie es, die pflegt. Außerdem ist der „verrückte“ Nachbarssohn Yuiji an ihr interessiert, der –traumatisiert durch den Krieg – sich mit Schreikrämpfen unter jedes Auto wirft, um eine Bombe darunter zu platzieren, ganz so wie er es im Krieg immer tun mußte.

Shohei Imamura gelingt ein zutiefst anrührendes, menschliches Drama der Nächstenliebe - ohne jede Drastik und Sensationsheischerei. Vor dem schrecklichen Hintergrund entfaltet sich ein Alltag, der eigentlich ein ständiger Überlebenskampf ist, welcher aber durch das Annehmen des Leids wieder ein menschenwürdigeres Dasein ermöglicht. Gedreht in schwarz/weiß mutet der Film an wie eine Hommage Imamuras an seinen großen Lehrmeister Yasujiro Ozu; denn er war assistant director bei Early Summer, Flavor of Green Tea over Rice und Tokyo Story. Die Innenräume sehen demnach aus wie aus einem Ozu-Film. Und Yasuko spielt die Setsuko Hara. Ich denke schon, daß das eine Verbeugung ist.
So macht Imamura also aus diesem Film eine Art Kammerspiel, pures Darstellerkino. Weg von der großen Dramatik hin zur Kleinfamilie. Der Schrecken wie er sich im Kleinen zeigt. Man könnte jetzt auf tausend Aspekte kommen, etwa das tolle Drehbuch, wie die Themen miteinander verknüpft und immer wieder aufgenommen werden, wie die Innenräume mit den Außen-/Naturaufnahmen wechseln, wie japanische Shintomystik und buddhistische Naturreligion aufgenommen werden, oder wie der fantastische Score des Avantgardekomponisten Toru Takemitsu eingesetzt wird. Oder sich einfach begeistert den Film ein weiteres Mal ansehen.

Sonntag, 5. Oktober 2008

Irezumi – Spider Tattoo (Yasuzo Masumura, Japan 1966)

Otsuya (Ayako Wakao), die Tochter eines zu Wohlstand gekommenen Kaufmannes, brennt mit dem kleinen Gehilfen Shinsuke (Akio Hasegawa) durch - es ist die große dramatische Liebe. Shinsuke jedoch hat ein äußerst schlechtes Gewissen seinem Herrn gegenüber, denn dieser hatte ihn wie einen eigenen Sohn aufgenommen. Unterschlupf finden sie bei dem zwielichtigen Gonji, der versucht, die Liebenden zu trennen, Shinsuke ermorden zu lassen und anschließend Otsuya an den Bordellbesitzer Tokubei verkauft. Der läßt ihr eine riesige Spinne mit Dämonenkopf auf den Rücken tätowieren, die männerfressende Spinne - denn Otsuya ist eine äußerst attraktive Frau, die Männer scheinen in ihrer Nähe den Verstand zu verlieren.

Die literarische Vorlage zum Film stammt von Junichiro Tanizaki, das Skript von Kaneto Shindo (ONIBABA, KURONEKO). Was kann man da anderes erwarten, als herausragendes Kino! Masumura gelingt hier ein atmosphärisch dichter, äußerst kompakt wirkender Film, der Figuren zeigt, die ständig am Abgrund wandeln. Umgesetzt in prächtige Bilder, in eine beeindruckende Inszenierung der Körper. Überhaupt scheint dies das Hautthema des Films zu sein, neben Liebe, Begehren und Geld. Wie schon in MANJI – DIE LIEBENDEN, in dem Masumura eine lesbische Liebe portraitierte, ist hier die nackte Haut das zentrale Thema, das Ins-Auge-Fallende. Ob das der halbnackte Rücken der Tätowierten ist, ihr entblößter Bauch im Bett nach dem Liebesspiel, der nackte Rücken ihres Geliebten Shinsuke, an den sie sich mit aller Kraft klammert, oder, eine der schönsten Szenen: als sie zu Beginn im Gasthaus des Gonji den Raum mit betrunkenen und spielwütigen Männern betritt. Barfuß, "wie eine Geisha", tritt sie ein, der prachtvolle Kimono teilt sich ein wenig, der bloße Knöchel wird sichtbar, und nicht nur dem Tätowierer Seikichi verschlägt es die Sprache. Ganz langsam und elegant umrundet sie einmal die Spielenden und die Stimmung der Begehrlichkeit scheint zu explodieren. Doch sie hat alles unter Kontrolle - man sieht es ihr da schon an, es genügt nur der Blick, die Körperhaltung - diese Frau hat die Männer in der Hand. Und der Anblick des Knöchels genügt, um alle Anwesenden in den Wahnsinn zu treiben (und uns ebenso).

Wieder gelingt es Masumura in eindrücklichen Bildern und mit hervorragenden Schauspielern einen intensiven Film zwischen den Polen Arthaus und Erotikdrama zu gestalten, der vom Aufbegehren des Individuums nach Selbstbestimmung erzählt. Gegen gesellschaftliche Konventionen, starre Geschlechterrollen und Unterdrückung.