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Samstag, 29. November 2008

Snapshot Shorts Vol. 1

Da ich momentan ziemlich beschäftigt bin und nicht so richtig zum Schreiben komme, trage ich hier jetzt unter dieser neuen Rubrik Filme nach, für die mir die Zeit gefehlt hat, die ich aber nicht unerwähnt lassen wollte. Als da wären:

Death Note 2: The last name (Shusuke Kaneko, Japan 2006) -- ist die Fortsetzung des Fantasy-Selbstjustiz-Popcornfilmchens DEATH NOTE, das in seiner schieren Länge von beinah 2 ½ Stunden wenn nicht ermüdend, so doch sehr gedehnt wirkt und mit deutlich zuviel Plotschleifen auffährt. Schon die Entscheidung, das simple Konzept das Death Note-Notizbuch um etliche Regeln zu erweitern, nur um aus dem zweiten Teil ein Katz-und Maus-Spiel machen zu können, scheint mir mißlungen und bläst den Film unnötig auf. Das lenkt alles ab von der zwar skurrilen aber reizvollen Grundidee. Aber damit nicht genug – auch das Potenzial der Einführung eines zweiten Todesgottes wird verschenkt, einmal sogar unfreiwillig komisch. Schade.

Ansonsten bleibt positiv festzuhalten, daß wieder einmal einige Realien aus dem japanischen Alltag in ihrer Absurdität konterkariert werden, ohne den moralischen Prügel rauszuholen (abgesehen vom Selbstjustiz-Thema, natürlich): so etwa die ganzen Handlungsstränge um die Fernsehgesellschaft und den Wota-Fanatismus, das Fanboytum. Auch positiv ist die Fokussierung auf „L“s Charakter, der dem Film doch einiges an Spannung zutragen kann. Auch was die schauspielerische Leistung angeht ist Kenichi Masuyama (L) seinem Konterpart Light Yagami (Tatsuya Fujiawara, den man z.B. aus BATTLE ROYALE kennt) haushoch überlegen. Fast ein wenig ärgerlich ist es, daß Fujiawara seiner Figur so wenig Profil zu geben vermag. Schön also, daß sich der Fokus im dritten Teil (Hideo Nakatas Beitrag) ganz auf L richtet: L- CHANGE THE WORLD. Darüber später mehr.

The Host / Gwoemul (Bong Joon-ho, Südkorea 2006) -- Wie ein kleiner Diamant hat sich in diesem Monsterfilm das Melodrama versteckt, genauer: ein Familienmelodram. Denn die Tochter gilt es zu retten, die vom Formaldehyd-Monster des Han-Flusses verschleppt wurde. Die im Oberstübchen nicht ganz helle Familie kompensiert ihre Unfähigkeit mit Liebe und erreicht so doch viel mehr, als man zunächst vermuten würde. Auch eine Hirnoperation kann da kaum mehr was kaputtmachen. Manchmal vergißt man fast bei all der Rasanz, mit was für großartigen Schauspielern man es hier zu tun hat: Song Kang-ho kann wieder auf vollster Linie überzeugen, und wenn die Angehörigen wegen des Verlustes der Tochter verzweifelt anfangen zu weinen, dann sind das wunderbar großartige Kinomomente. Klar, paar Sekunden später kippt das ins selbstironische Overacting - anders wäre das aber auch nicht zu ertragen. Komischerweise gelingt es Bong (MEMORIES OF MURDER-Genius) diese Elemente harmonisch zu verbinden, massenkompatibel zu gestalten und doch gleichzeitig einen erschütternden und dabei unterhaltenden Film zu machen. Toll.

Gate of Flesh / Nakito - Profis der Liebe (Seijun Suzuki, Japan 1964) -- Im ausgebrannten Tokyo der Nachkriegszeit schließen sich fünf Prostituierte zu einer Bande zusammen, beziehen Domizil in einem ausgebombten Haus und machen ihren Strich klar. Es herrscht ein hartes Regime - aber man ist selbstbewußt, weiß sich durchzusetzen. Als ein Gauner (Jo Shishido) bei ihnen untertaucht, übernimmt er die Rolle des Zuhälters. Alle Mädchen verlieben sich in ihn, doch diejenigen, die etwas mit ihm anfangen, verstoßen gegen den Codex der Gruppe: kein Sex ohne Geld, kein Sex mit Gefühl. Zwei der Mädels werden aber erwischt, gebunden und gefoltert, ausgepeitscht von ihren Freundinnen.
Suzuki ist ein Meister der Farben - dabei pfeift er auf Realismus und setzt bewußt auf Künstlichkeit, was sich auch in der Montage bemerkbar macht. Hilarious das alles, durchgeknallt, quicklebendig und pulsierend. Aber auch weit weg, abstrakt, Kunstkino mit Exploitation und Sleaze. Spannend und respektlos, einzigartig und ungemütlich.

Hana Yori mo naho (Hirokazu Kore-eda, Japan 2006) -- In einem Slumviertel Edos leben die Nachbarn trotz des Elends gar nicht mal so schlecht zusammen in ihren Hütten, denn sie unterstützen sich, lieben sich, hassen sich, aber vor allem: unterstützen einander. Auch ehemalige Samurai hat es dorthin verschlagen, Männer, die nicht mal mehr Ronin sind. Oder doch? Sie planen, ihren Herren, der zum Harakiri gezwungen wude zu rächen. Alle, bis auf einen.
Kore-eda beleuchtet den 47 Ronin-Mythos mal von einer anderen Seite - denn Soza (Junichi Okada) hat recht bald gemerkt, daß in Friedenszeiten mit dem Schwert kein Überleben möglich ist. Er ist Lehrer geworden, und unterrichtet die Nachbarskinder im Lesen und Schreiben. Außerdem interessiert er sich, heimlich natürlich, denn er ist schüchtern, für die nette Witwe von nebenan (Rie Miyazawa). Mit ihrem Sohn aus erster Ehe kommt Soza außerdem sehr gut zurecht.
Kore-eda dreht eine Komödie, einen wunderbaren leisen und leichten Film, der ernstere Untertöne nicht scheut. Auch Parallelen zu aktuellen politischen Geschehen können durchaus entdeckt werden, wie ein kritischer Umgang mit der japanischen Gesellschaft. Wer einen Vergleich für die Stimmung des Films haben möchte, der denke etwa an KIKUJIROS SOMMER. Ausgezeichneter Film.

Aoi Haru / Blue Spring (Toshiaki Toyoda, Japan 2001) -- Die Lümmel von der ersten Bank auf japanisch, sozusagen. Schön brutal, traurig, manchmal leicht over the top, und guter Japanpunkrock-Soundtrack. Immer wieder auch schöne Bilder, stilisiert, ein sehr reduzierter Plot - ein Film der trotz seiner vielfältigen Themen eine erstaunliche Geschlossenheit erreicht. So wird aus dem Coming-of-Age-Film handfeste Gesellschaftskritik eines Landes, das den Kontakt zu seinen Kindern verloren hat. Der Blick vom Dach des Schulgebäudes in die Ferne, die Stadt und das Umland faßt nichts, zeigt kein Ziel. Nur Weite. Kann man sich wahrlich öfter anschauen.

Samstag, 22. November 2008

Time / Shi gan (Kim Ki-duk, Südkorea 2006)

Mit Kim Ki-duk geht es immer weiter. Vermutlich werde ich mir noch seinen vierzigsten Film ansehen, wenn es denn soweit kommen sollte. Schließlich war er einer der Regisseure, die ich als erstes entdeckte, als ich vor Jahren damit begann, stärker Asienfilme zu schauen. Eingeprägt hat sich da natürlich die Kombination aus künstlerisch wunderschön gemachten Bildern mit so ziemlich der härtesten Brutalität, die man nur aushalten kann. Insbesondere ADDRESS UNKNOWN und BIRDCAGE INN meine ich damit, aber auch den etwas zu sehr stilisierten THE ISLE. Der Ton seiner Filme hat sich etwas gewandelt über die Jahre, zum Glück, ist ruhiger geworden. Ein Film wie 3Iron ist ein Gottgeschenk, einer wie THE BOW, in dem er sich doch auch ein wenig selbst wiederholt und, manche meinen ja streng, im Kreise dreht, vielleicht weniger. Sehe ich nicht ganz so, aber ich bin da auch sehr offen. Mit TIME geht Kim zurück in die Großstädte und beschäftigt sich mit dem Schönheitswahn einer sich auf das Aussehen ausgerichteten fehlgeleiteten Gesellschaft, gespiegelt am Schicksal eines jungen Paares.

Kim präsentiert uns eine kalte und aseptische koreanische Welt, in der Menschen in Designerwohnungen leben, immer gut gekleidet sind, an Notebooks arbeiten, viel die Wohnung putzen und SUVs fahren. Da kann man schon mal das Verhältnis zur Natürlichkeit verlieren, so Seh-hee (Park Ji-yeon), die, eifersüchtig auf alle gut aussehende Frauen, ihren Freund Ji-woo (Ha Jung-woo) davonlaufen wähnt, die Gefühle erkalten sieht und sich nicht anders zu helfen weiß – in einer klassischen Kimschen Radikalhandlung – als sich das Gesicht per Schönheitoperation vollkommen umgestalten zu lassen. Nachdem sie also ein halbes Jahr rekonvalesziert hat, ihren Freund dazu völlig unvermittelt und ohne Erklärung hat sitzen lassen, knüpft sie wieder an die Beziehung an, und bedenkt nicht, daß ihr eigener Gefühlshaushalt mit der neuen Situation nicht zurecht kommen wird. In mehreren tragischen Wendungen gerät der Film in eine Gewaltspirale hinein, aus der die beiden Protagonisten kaum wieder herausgelangen können.

Kim ist kein Freund der subtilen Andeutungen oder feiner Metaphern. Da tritt der künstliche Mensch mitten in der Betonstadt schon mal vor Verzweiflung gegen einen alten Baum, und das darf der Zschauer dann interpretieren. Oder das Beziehungsphoto, das später gerahmt auf dem Schreibtisch seinen Platz findet, wird in einem Skulpturenpark am Meer geschossen, auf welchem sich die beiden in eine Skulptur zweier offener Hände setzen, die zu einer Treppe in die Unendlichkeit gestaltet ist. Wer da nicht kotzt, kennt Kim Ki-duk (und liebt ihn vielleicht ein bißchen). Überhaupt ist dieser Film sehr unnahbar, da einem die Charaktere nur bedingt nahe kommen und kaum sympathisch sind. Zu fremd ist das, zu symbolisch, zu stilisiert. Hätte der Mann nur nicht immer so tolle Schauspieler, man könnte auch mal einen Film abbrechen!

So bleibt man erlösungssüchtig bei der Stange und wartet auf Magengrubenbilder, die sich in diesem Film leider kaum finden lassen – allzuoft erstarrt der Kunstwille in anspielungsreichem Abstraktionskitsch. Ein schwacher Film von Kim ki-duk, allerdings wird hier endlich mal wieder gesprochen, wenn auch oft durch's Mobiltelefon.

Sonntag, 16. November 2008

Fazit zur Masumura-Filmreihe


Es ist fast ein wenig schade, mit diesem etwas unpersönlichen Film von Masumura Abschied von der Filmreihe zu nehmen. Der zweite HANZO ist natürlich kein schlechter Film, aber eben sicher auch keiner, der von der Autorschaft des Regisseurs zeugt - sofern ich überhaupt in der Lage bin, das zu beurteilen. Die angedeutete Gesellschaftkritik versickert doch stark im Sumpf des Sleazes, und Hanzos Aufrichtigkeit gegenüber Ordnung und Gesetz scheint eher von vornherein der Anlage der Figur inhärent zu sein, weniger aufklärerisches Mittel des moralischen Regisseurs. Auch das immer wiederkehrende Thema der Darstellung des individuellen Leidendrucks seiner Protagonisten und Protagonistinnen unter einem wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Repressionsmechanismus, was letztlich zu einem unauflösbaren Konflikt führt, der entweder mit einem Befreiungsschlag der Figur endet (MANJI - ALL MIXED UP) oder mit deren Untergang (BLACK TEST CAR), steht im zweiten HANZO nicht zur Debatte, wird höchstens am Rande in einem Seitenerzählstrang evoziert (z. B. in der Figur der Vorsteherin der Prägerei, die das kriminelle System für sich selbst zu nutzen weiß, nachdem sie ihre eigene Machtlosigkeit gegenüber der höherstehenden korrumpierten Autorität erfahren hat), modifiziert als Plotvehikel.

So ist jetzt Zeit für eine Schlußbemerkung, am Ende der kleinen Filmreihe:

Ich bin von mir selbst enttäuscht, so lange gebraucht zu haben, um gerade mal 10 Filme Masumuras zu sichten. Da wäre viel mehr Disziplin notwendig gewesen (auch was meine Gedächtnisleistung angeht). Vielleicht war auch der selbstgestellte Anspruch zu hoch, nun endlich mal etwas tiefer in das Medium Film einzutauchen und so etwas wie Strukturen zu erkennen. Sicher, teilweise mag mir das gelungen sein, aber eben nur in Ansätzen. Eine einmalige Sichtung ist einfach viel zu wenig, um Strukturmerkmale zu analysieren, Kohärenzen und Brüche zu entdecken, einen ‚persönlichen Stil’ herauszufiltern und diese Erkenntnisse dann tatsächlich gewinnbringend anzuwenden. Und alle Filme, das sei nochmals gesagt, waren für mich Erstsichtungen. Ich war also in mehr als einer Hinsicht überfordert.
Zum Anderen sehe ich die Wahl des Regisseurs etwas problematischer mittlerweile: der Reiz, sich jemanden vorzunehmen, über den es sehr wenig Geschriebenes gibt, selbst im Netz - und auch da meist nur die üblichen paar Zeilen zu RED ANGEL und IREZUMI - von Leuten, die alle voneinander abschreiben, nouvelle vague, blablub, und keiner mal irgendwo sagt, an was man das festmachen kann außer in abstrakten Behauptungen, etwa daß sich die Jungen gegen die Alten wenden (was es bei Ozu z. B. auch zuhauf gibt), in der Darstellung der Jugend, der Sexualität (der 1. Leinwandkuß) und in der erhöhten Schnittfrequenz (was erstmal bewiesen sein will), war es ein schönes Experiment, so ziemlich auf sich allein gestellt zu sein. Hin und wieder hätte ich das gerne aber mehr durch Lektüre unterstützt, unterfüttert. Auch was man so in Gesamtdarstellungen liest, etwa im Richie-Buch, ist mehr als unzureichend. Ein paar Kontinuitäten habe ich -glaube ich- dennoch ausmachen können, und vielleicht hat der eine oder andere, der meine Sachen mitverfolgt hat, da etwas mit anfangen können. Das wäre schon mehr, als ich mir erwartet hatte.
Und zuletzt: es bleibt das Wissen um die Unzulänglichkeit des Projekts 'Masumura', denn mehr als einen Einblick in dessen Schaffen konnte ich mit der kümmerlichen Editionslage an Filmen nicht gewinnen. Wenn man gerade mal ein gutes Zehntel aller Filme des Regisseurs gesehen hat (10 von 65), dann muß man leider sagen: gut, besser als nix ist das ja, aber es ist auch weit davon entfernt, einen Regisseur zu kennen (was immer auch das genau ist). Somit komme ich zur

Schlußbemerkung der Schlußbemerkung:

Lust habe ich jedenfalls trotzdem schon wieder, die nächste Reihe zu planen. Diesmal aber mit mehr Zug dahinter, mit besserer und ausführlicherer Vorbereitung, eben halt alles besser, aufwändiger, schöner und doller. Weitermachen ist die Devise, und vielleicht gibt es dann auch mehr Rückmeldungen der Lesenden oder Anlässe zur Diskussion, mehr Mut oder auch nur Lust zum Risiko vielleicht auch mal einen Scheiß zu verzapfen, so wie der, der sich hier aus dem Fenster lehnt. Also: werft faule Eier und Blumen! Ich würde mich freuen.


Eine Empfehlung für die Interessierten möchte ich doch noch loswerden: besonders gut gefallen hat mir sein Erstling KISSES (1957), der ein wenig an AUSSER ATEM erinnert, und der nicht nur eine mitreißende Liebesgeschichte erzählt, sondern auch formal (Bildgestaltung) eine Delikatesse ist, ebenso der hysterische und zugleich tragische GIANTS AND TOYS (1958), sein film noir-Wirtschaftsthriller BLACK TEST CAR von 62, sowie naürlich den überragenden BLIND BEAST (1969). Ein Film, der so gut wie überhaupt nirgendwo eine Erwähnung findet ist die herrlich burleske Komödie A LUSTFUL MAN von 1961, was mir vollkommen schleierhaft ist. Ein toller Film, herrlich ausgestattet, zutiefst menschlich, und: mit Raizo Ichikawa. Die anderen Filme Masumuras sind allerdings auch nicht schlecht, aber das ist wohl klar!

Freitag, 14. November 2008

Hanzo - Razor 2: The Snare / Goyôkiba: Kamisori Hanzô jigoku zeme (Yasuzo Masumura, Japan 1973)

Hanzos zweite Mission führt den aufrechten Gendarmen wieder tief in den Sumpf von Korruption, Gewalt, Frauenhandel und Obrigkeitsdünkel hinein. Wieder einmal schafft er es durch seine ungewöhnlichen Verhörmethoden, dessen überzeugendstes Mittel sein gewaltiger Penis ist, die nötigen Informationen zu beschaffen.

Wie schon im ersten Teil geht es nicht gerade moralisch zu: die gefolterten Frauen lassen die Gegenwehr spätestens dann fahren, wenn sie auf kreative Weise von Hanzo (Shintaro Katsu) vergewaltigt werden, denn ihre anfänglichen unbeschreiblichen Qualen des Mißbrauchs schlagen um in eine erregte Begeisterung ob der Techniken und Fähigkeiten des Peniskünstlers.
Hanzo prophezeit das immer schon vorher, denn diese Methode hat sich bereits mehrfach in der Vergangenheit bewährt. Nur glauben wollen sie's nicht. Wenn wundert es da bei solcher Art Plotentwicklung, daß sie von diesem Mann nicht mehr lassen wollen. Und Hanzo bricht ihnen das Herz, wenn er sie später zurückweist. Passiert ja alles ganz dienstlich.

Auch der zweite Teil der Trilogie zeichnet sich durch Episodenhaftigkeit aus: zuerst werden die Machenschaften in einem Tempel aufgedeckt, in der die Äbtissin die Nonnen an foltergeile Beamte verkauft, im zweiten deckt er eine damit lose zusammenhängende Korruptionsaffäre in einer Münzprägerei auf. Auch dort überzeugt Hanzo die Hausvorsteherin mit seinen körperlichen Argumenten. Auch diese Frau schmilzt dahin.

Begleitet wir das bunte Treiben, die eruptierenden Blutfontänen, die Körperverstümmelungen und Folterungen mit einem grenzgenialen Score von Isao Tomita (der auch für den Score von Yoji Yamadas TWILIGHT SAMURAI, THE HIDDEN BLADE und den zuletzt erschienenen KABEI: OUR MOTHER verantwortlich ist), der in diesem Film entweder funky oder fast experimentelle Töne anschlägt, und so immer auch sehr fein zum ästhetischen Genuß beizutragen weiß.

Die Leistung Masumuras bei diesem Unterhaltungsfilm ist tadellos: er fügt sich hervorragend in den Stil und die Vorgaben der Serie ein, läßt Katsu, der neben der Hauptrolle auch produziert hat, allen Raum und liefert eine sehr solide Arbeit ab, die aber, vermutlich aufgrund der kontextuellen Einbettung in die Serie, recht wenig die eigeständige Handschrift des Regisseur erkennen läßt. Masumura hatte es immer hervorragend geschafft, sich in die Verhältnisse einzufügen und dennoch den Filmen seinen Stempel aufzudrücken. Im zweiten HANZO hat er sich wohl etwas zurückgenommen. Dennoch ein sehenswertes Teil, tatsächlich.

Mittwoch, 12. November 2008

Blind Beast / Môjû (Yasuzo Masumura, Japan 1969)



Ein blinder Bildhauer (Eiji Funakoshi) ertastet in den Räumen einer Photographieausstellung die Skulptur einer ‚perfekten Frau’, die er im Folgenden selbst als Kunstwerk gestalten möchte. In seinem Nebenberuf als Masseur ertastet er die Gesuchte (Mako Midori) mit seinen feinfühligen Händen, als sie nach einem Photoshooting Entspannung sucht. Er entführt sie mit Hilfe seiner Mutter (Noriko Sengoku) in sein Atlier, ein Fabrikgebäude am Rande der Stadt, wobei er die ehemalige Lagerhalle in ein riesiges Kunstwerk verwandelt hat: in der Mitte liegen zwei riesige Menschenkörper, Mann und Frau, in die Wänden sind Nachbildungen von weiblichen Gliedmaßen, Augen, Ohren und Brüsten eingearbeitet- eine Mischung aus Raumkunstwerk und Geisterbahn. Dort hält er die Schöne gefangen, bis sie einwilligt, Modell zu stehen. Die Gefangene versucht zu entkommen, und als dies mißlingt, beginnt sie zunächst als Täuschungsmanöver eine erotische Beziehung zum Künstler, um so einen Keil zwischen ihn und die eifersüchtige Mutter zu treiben. Dies gelingt ihr auch, doch als die Situation außer Kontrolle gerät, schlägt die zunächst nur vorgetäuschte Leidenschaft in ein sado-masochistisch sexuelles Begehren um.

Die Ablehnung und der Ekel wandelt sich zur Passion, dieser zur Obsession, in diesem theaterhaften Drei-Personen-Stück. Die Gestaltung des künstlich-künstlerischen Objekts wandelt sich gegen Ende in eine reale Deformierung des lebendigen Körpers, zunächst durch Bisse und Verwundungen, dann durch das gegenseitige Trinken des Blutes, schließlich durch die letztmögliche Steigerung der erlebbaren Ekstase in der Amputation der Körperteile. Die Abtrennung der Gliedmaßen wird parallel montiert mit dem Abfallen der Arme und Beine vom Rumpf der nachgestalteten Skulptur –jedoch ohne äußere Einwirkung. Die Auflösung des realen Raumes wurde zuvor durch eine wellenartige Verfremdung des Filmbildes eingeleitet, die jedoch keinen drogeninduzierten subjektiven Blick eines Protagonisten wiedergibt, sondern den einer übergeordneten Erzählinstanz. Die Welt „gerät aus den Fugen.“ Und so zerschmilzt auch die häufig postulierte Grenze zwischen Kunst und Leben, wird obsolet durch die Art, wie sich der Kunstwille des Schaffenden realisiert: nicht als Spinnerei, sonderrn als Gestaltungsprinzip eines destruktiven, performativen Aktes. Im Moment der gegenseitigen Tötung geschieht die letzte mögliche, große Vereinigung, die Verschmelzung der Leiber, und der Zusammenschluß von Kunst und Leben.

 Nicht umsonst spielt sich der letzte Akt auf dem gigantomanisch gestalteten Frauenkörper ab, den der Künstler zuvor in seiner isolierten Einsamkeit schuf, ein Altar und zwischen weiblicher Brust und Schoß ein Zeugnis für Fruchtbarkeit, Neugeburt und schlicht: des Wahns des Künstlers zugleich (die übergroße Frau korrespondiert mit seiner Mutter, der Über-Mutter, der einzigen Frau, die tatsächlich bisher als emotionales Wesen in seinem Leben einen Platz inne hatte) – umgeben von den Nachbildungen der Körperteile all der bewunderten (fernen) Frauen, die aus den Wänden ragen und so wie auf einer Guckkastenbühne den Rahmen für den Betrachter bilden. Das Leben, wie es als Bild in der Kunst erstarrt. Und überdauert, in der Erinnerung des Zuschauers, der dieses Bild durch die Rezeption von neuem belebt und –es ist zu hoffen- weitergibt, tradiert (Edogawa Rampo – Blind Beast – Martyrs).

Montag, 10. November 2008

THE BALLAD OF NARAYAMA (Shohei Imamura, Japan 1983)


In einem kleinen Bergdorf gilt die grausame Tradition, daß jeder, der das 70. Lebensjahr erreicht, sich zum Sterben auf den Berg Nara zurückziehen muß. Das sichert unter Anderem das Überleben der Familie, da diese Menschen in erbärmlichster Armut ihr Dasein fristen und sich autark von selbstgeführter Landwirtschaft ernähren müssen. Das bißchen Grünzeug wird der rauhen Natur abgetrotzt, denn es ist kalt dort oben, der erste Schnee fällt früh. Orin (Sumiko Sakamoto) hat ihr siebzigstes Lebensjahr erreicht, nun ist sie an der Reihe. Ihre Familie sperrt sich gegen die Tradition da sie noch bei bester Gesundheit ist, insbesondere der älteste Sohn Tatsuhei (Ken Ogata) kommt mit dem Abschied nicht zurecht. In einer schrecklichen Szene schlägt sie sich selbst die Vorderzähne an einem Mühlstein aus, um zunehmende Gebrechen vorzutäuschen. Denn sie weiß, das beste was sie für ihre Kinder tun kann, ist sterben.

Ein spröder Film von Imamura, einmal mehr. Schöne Landschaftsaufnahmen bar jeder Romantik werden mit der harten Realität der Bauern verknüpft, mit einem Portrait, einem Ausschnitt aus dem Leben der Dorfgemeinschaft. Da geht es vor allem um das Essen, was konkret 'Überleben' meint, um Diebstahl, Sexualität, Gewalt und Vergewaltigung, Tradition und Individualität. Und wie immer bei Imamura: um das große Ganze irgendwie. In allegorischen Bildern werden Ausschnitte aus dem Lebenskreislauf gezeigt: Die Ratten fressen die Schlange, die Schlange die Maus, der Häher die Schlange, die Menschen den Hasen, der Rabe den toten Menschen, usw usf. Da kommt einem der Kurzfilm Imamuras aus der 9/11- Zusammenstellung (Eleven Minutes, Nine Seconds, One Image: September 11) in den Sinn. Von der Ästhetik ist das sehr ähnlich in diesen Szenen. Fraglich aber, ob das dem Film gut tut, ihn metaphorisch noch weiter aufzuladen, als er es sowieso schon ist. Denn Themen werden hier so einige verhandelt. Richtig gut ist allerdings der Schluß. Da stellt sich ein Moment der Erhabenheit ein, bei dem der Film dann tatsächlich über sich selbst hinausstrahlt.

Sonntag, 9. November 2008

Onna hissatsu ken / Sister Street Fighter (Kazuhiko Yamaguchi, Japan 1974)

Sister Street Fighter (Etsuko Shihomi) muß ihren Bruder aus den Fängen eines japanischen Drogenkartells retten. Daß sie es dabei mit unzähligen Schurken aufnehmen muß, versteht sich. In ein paar wenigen Szenen schaut dann auch Sonny Chiba vorbei.

Ganz im Gegensatz zu KIBA – THE BODYGUARD wird hier mächtig an der Trash-Schraube gedreht, und heraus kommt ein wirrer Plot, ein katastrophales Acting, enorm schlechte Kampfszenen und eine langweilige Kamera. Du halt mal die Kamera schräg, das sieht scharf aus!

Man kann nun natürlich sagen, egal, das ist trotzdem toll - und ja, das ist es auch. Der Film macht Spaß, hat eine hübsche Hauptdarstellerin und immer wieder ist man wie vor den Kopf gestoßen, was den Menschen alles so Sackdummes einfällt. Der Film ist aber vor allem dermaßen episodisch geraten (-ohne (meta-)Konzept allerdings), daß man zwischendurch auch mal Abwaschen gehen kann, und wenn man irgendwas vergessen hat, ist es auch egal. Da fällt dann auch der Weg in die Ästhetik schwer. Wenn dann noch als skuriler Höhepunkt die Amazon-Seven, eine lustig berockte thailändische Kampfsportgruppe, daherkommt, die wirklich überhaupt nix kann, da wähnt man sich fast in einem Helge Schneider-Film. Da sieht jeder Fußtritt kümmerlich aus. Hätte man doch vorher die Oberschenkelrückseite gedehnt! Da wär der Fuß auch höher gekommen - der Kick hätte wenigstens mit gestrecktem Bein Präzision vortäuschen können! Das sind also die sogenannten Killer-Spezialisten von asiatischen Drogenkartellen... Doch wenn sich die Tür öffnet, und Sonny Chiba mal kurz vorbeischaut, dann sieht man direkt, wie sowas aussehen muß.

Ich vergaß den Schlußkampf: der entschädigt allerdings für alles Vorherige in Punkto action und Gewalt. Der bislang eher zahme Film schöpft hier aus den vollen. Die 120 Yen, die man für Spezialeffekte hatte, sind wohl ganz in diese Szenen geflossen. Nun denn: nicht so wahnsinnig gelungen, aber mit Liebe für's Genre sicher ziemlich kuckbar.

Donnerstag, 6. November 2008

Bodyguard Kiba: Hissatsu sankaku tobi (Ryuichi Takamori, Japan 1973)

Ein Film aus den Siebzigern mit den entsprechenden Klamotten, Sonnenbrillen und Autos. Der Film hat zwar so etwas wie eine Handlung - Sonny Chiba stellt sich als Leibwächter derer zur Verfügung, die bereit sind, gegen die Gangsterbosse eines Drogenkartells auszusagen, nur um von der Frau, die er beschützt, hintergangen zu werden, da sie ihren eigenen Drogendeal durchzieht - sich aber eigentlich von toller Actionszene zur nächsten Klopperei laviert.

Dabei kommt die Gewalt nicht zu kurz, wenn Chiba etwa einem nichtsnutzigen Schergen den Arm über die Schulter dreht, bis diesem der Knochen aus dem Ellenbogengelenk springt und in die Kamera hinein ragt. Nein, er ist auch absolut hilariously lustig, wenn "der Leibwächter", so der deutsche Filmtitel, dann den abgetrennten Arm, nachdem er noch die im Bett liegende Frau damit erschreckt hat, im Wohnzimmer herumsteht, nicht weiß was er damit jetzt anfangen soll, und ihn dann einfach in eine Ecke wirft. Oder wenn sich die Gangster in der Wohnung versteckt hatten und sich des Nachts mit ihren langen Messern aus der Wohnzimmercouch herausschneiden müssen. Das ist natürlich völlig ironiefrei inszeniert, trocken und lakonisch, und gerade deswegen enorm lustig.
Toller Film, der nicht zu den besten Chibas gehören soll, mir aber sehr getaugt hat.

Montag, 3. November 2008

Nightmare Detective / Akumu Tantei (Shinya Tsukamoto, Japan 2006)

Die noch junge und sehr engagierte Polizistin Keiko (Hitomi) wird mit zwei mysteriösen Selbstmord-Fällen betraut: die beiden Toten hatten sich selbst auf grausamste Weise mit dem Messer selbst zerhackt. Die „Tatorte“ gleichen einem Schlachtfeld. Da bekommt sie heraus, daß beide kurz vor der Tat mit dem Handy telephoniert haben – und beide dieselbe Nummer wählten. Das schürt den Verdacht, daß mehr dahinter steckt. Sie bittet einen verstörten jungen Mann, den Nightmare Detective (Ryuhei Matsuda), der sich in die Träume von Menschen hineinschleichen kann, ihr bei der Suche nach dem tatsächlichen Mörder zu helfen.

Tsukamoto hat seit einiger Zeit in der Independent-Szene einen unanzweifelbaren Status: der Regisseur von TETSUO, dem BODY HAMMER, TOKYO FIST, BULLET BALLET, VITAL, SNAKE OF JUNE, und so weiter – man könnte alle Filme aufzählen –, der für sich die Fortschreibung der japanischen Nouvelle Vague der 60er als Ausgangspunkt sieht, hat die Filmszene mit seinen Beiträgen zum Mensch-Maschine-Großstadt- Entfremdungs-Komplex maßgeblich bestimmt. So ist jeder Film ein heiß erwarteter Kandidat – mittlerweile auch auf den Festivals. Auf den kleineren sowieso. Und obwohl seine jüngeren Werke weniger drastisch daherkommen, sind sie nicht weniger intensiv. Wer daran zweifelt, der schaue sich HAZE an. So ist auch NIGHTMARE DETECTIVE, zu dem Teil 2 bereits geplant ist, ein unglaublich intensives Brett von einem Film.

Denn eines macht dieser etwas kommerziellere Film Tsukamotos sicher nicht: Gefangene. Teilweise unglaublich brutal, schnellst geschnitten und ein ohrenbetäubend heftiges Sounddesign bündeln sich zu einer Reise ins Unterbewußte und in die Träume junger Großstädter, die den Willen zu Leben verloren haben. Zu sehen gibt es düstere Räume, schlecht beleuchtete Gänge, dreckige Flure, Keller, Neonlicht, Großstadtansichten, Metall, Beton, Autobahnen, Züge. Einmal kurz sogar gewährt die Erinnerung einen Ausflug in die Kindheit, da erscheint plötzlich eine grüne Wiese, Sonne, Wolken, die lächelnde Familie; und dieser Kontrast ist schlicht schockierend. Danach der Schnitt und Tsukamoto haut uns eine unglaubliche Verfolgungssequenz um die Ohren, die wohl nicht umsonst an Kubricks SHINING erinnert.

Der Schwachpunkt sei ebenso angesprochen: mit zunehmender Laufzeit bekommt die Verkörperung der Killers „0“ (Tsukamoto selbst) ein Gesicht, bzw. einen Körper. Und genau dieses Zeigen des Ungeheuerlichen nimmt ihm viel von seinem Schrecken. Eine Darstellung des organischen Leibes beraubt den Zuschauer der Möglichkeit, sich den Horror selbst vorzustellen, der in der Ungewißheit des Unbekannten am schlimmsten gedeihen kann. Nun ja, ein weiterer Punkt wäre die Fixierung der Kamera auf Hitomis Beine, die zugegebenermaßen fantastisch sind, aber dennoch immer wieder so voyeuristisch ins Bild gesetzt werden, daß sich ein unmotiviertes sleaziges Moment in den Film schleicht. Auch scheint sie von ihrer Rolle manchmal etwas überfordert zu sein, und agiert etwas blaß. Daß der Nightmare Detective ein sympathischer Emo-Loser-Boy wie aus dem Buche ist, versteht sich von selbst – fast wähnt man sich in DEATH NOTE.

Dennoch sind das kleinere Kritikpunkte in einem ansonsten fulminanten Schocker. Der Mann weiß, wie man Spannung aufbaut. Ein sehenswerter Film.