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Montag, 21. Dezember 2009

Stanley Kubricks KILLER'S KISS vs BRANDED TO KILL von Seijun Suzuki


Beide Filme in körnigem Schwarzweiß. Da kann man eigentlich schon beginnen mit der Interpretation. Beide Filme: Noir-Adaptionen. Bei Kubrick mit Engagement: auch Melodram, Großstatdtfilm, Boxerfilm. Hitchcock. Genremixer. Die Helden geraten in die Malaise, aus der kommen sie kaum wieder raus; Schuld daran hat auch wieder einmal: die Frau. Bei Kubrick in blond, als Gegensatz zur allesumfassenden Düsternis, zum Grau des Mietzimmers hoch über den Straßenschluchten. Wer so lebt hat nur zeitweise einen Vertrag mit seinem Leben. Morgen können die Koffer schon gepackt sein, der Zug bestiegen und: wo geht's hin? In eine andere Großstadt, klar, auf's Land wäre keine Option.

Bei Suzuki ganz anders: volle Konzentration auf das Noir-Drama. Wobei wenn man bei Suzuki sagt: Drama, dann meint man immer auch: Komödie. Aber mit dem ureigenen Suzukihumor. Ist ja nicht so, daß das direkt lustig wäre, was man da sieht. (Ausnahmen gibt es aber auch: in DETECTIVE BUREAU 2-3: GO TO HELL BASTARDS (1963) zeigt uns Suzuki einen Ermittler, der mit einer Uzi, um seine Geliebte zu befreien, ein kreisrundes Loch in die Betondecke über ihm schießt - diese bricht ein, und die Geliebte, die gefesselt auf einem Stuhl genau an ebendieser Stelle eine Etage über ihm saß, landet in seinen Armen.) Aber da Suzuki immer weiß, daß er zitiert sobald die Kamera läuft und dass er das, was er gerade zeigt, eigentlich nicht zeigen kann, zeigt er es anders. Mit einem Augenzwinkern, das man nicht sieht. Man sieht das erst, wenn man ein paar von diesen Filmen gesehen hat. Und weiß, daß Suzuki ein Auftragsfilmer ist, ein Vielproduzent, eine Nikkatsu-Hure, die alles filmt, was ihm auf den Tisch gelegt wird. Eine sympathische Hure. Einer der weiß, daß er die Welt nicht verändern wird, daß er nur ein mittelmäßiger Regisseur ist, einer, der vielleicht mal Glück gehabt hat und einen Nerv getroffen hat mit seinen Bildern. Einer, der deswegen völlig befreit auffilmt, anarchisch wird, innerhalb des Systems auf Konventionen scheißt und aneckt. Der von einer Szene knallhart auf die nächste schneidet - Blende?, warum blenden, das hält doch nur auf! Musik abgeschnitten, mitten in der Melodie: egal. Hier wird es dann ruppig, boah, denkt man sich, das ist ja der Hammer. Jump-cut brutal. Suzuki ist das egal, glaube ich, der will dass es weiter geht. Er zerstört die Konventionen des filmischen Erzählens und darf dafür seinen Hut nehmen: Nikkatsu schmeißt ihn raus.

Kubrick: nö. Immer sauber bleiben. Zeigen, was man kann. Am Ende von KILLER'S KISS, als ihm die Zeit wegläuft, weil er so einen wunderbar kurzen, knackigen Film produziert, muss er trotzdem noch zeigen, dass er alle Blenden kann. In knapper Folge dann kommt das. Ein Problemkind. Steht auf den Tisch und schreit: hier! Doch zum Ärgern ist keine Zeit: Kubrick fährt mit Bildern auf, vor allem gegen Ende, die sind direkt aus seinen Photographien auf das Zelluloid gebeamt. Große Klasse. Perspektiven, Gebäude, Schluchten, Einsamkeit, kalte Welt. Man ahnt, wozu der Mann fähig sein wird.

Die Bilder gibt es auch bei Suzuki. Aufschreien möchte man, halt halt, das will ich nochmal sehen! Wenn man nur den Plot besser verstünde! Damit muss man halt zurecht kommen, mit diesem Suzukischen Storychaos. Der Film fängt halt irgendwo an und endet dann nach 80 Minuten. Am besten sind dann alle tot. Angst muss man deswegen nicht haben, Noir-Plots sind ja auch immer irgendwie gleich.
Fein die Frauen in BRANDED TO KILL: die supernervige hysterische Gattin, die stets nackt und beischlafbereit durch die Style-Wohnung hetzt und lust auf Töten hat. Wie auch der love interest, eine schwarzhaarige Schöne, die Joe Shishido schon längst in ihren Fängen hat. Als sich das Blatt dann wendet und alles den Bach runtergeht sieht er sich den 16mm-Film an, den die Gangster schicken. Projektor an: die Geliebte in den Klauen der Gangster, brutale Flammenfolter. Shishido springt auf rast auf das Filmbild zu, will sie retten. Doch es ist der Film im Film! Er packt die Waffen ein und macht sich auf zum letzten Kampf am Hafen.

Freitag, 18. Dezember 2009

Shall we Dance? / Dansu o shimashô ka? (Masayuki Suo, Japan 1996)


Shohei Sugiyama (Koji Yakusho) hat zunächst einmal alles erreicht in seinem Leben: Frau, Kind, Haus. Dennoch wird er zunehmend melancholischer und unzufriedener: eine unbekannte Sehnsucht treibt ihn um, er fühlt sich nicht erfüllt, Ansätze einer Depression machen sich bemerkbar. Da sieht er bei der allabendlichen Fahrt nach Hause durch das Fenster des commuter trains plötzlich das hellerleuchtete Fenster einer Tanzschule, und darin eine wunderschöne Frau. Die Sehnsucht bekommt einen Gegenstand...

Schöne und eher ruhig-gemächliche (Erwachsenen-)Komödie, die sich das Thema Alltagsverkrustung und emotionaler Stillstand versus Mut zum Aufbruch stellt. Toll sind die ersten Tanzschritte mit anzusehen, und dann die halbe Drehung! Ja, so würde es auch mir ergehen, nähme ich jetzt an einem Tanzkurs teil. Daß der Film auch zurückhaltend von einer Liebesgeschichte erzählt und dadurch eine erotische Komponente erhält, macht ihn durchaus reizvoller. Allerdings konzentriert sich der Film fast ausschließlich auf seine Hauptfiguren; die Familie, die zuhaus auf ihn wartet (hier die tragische Komponente, denn dort ist eigentlich "alles in Ordnung", sprich: er wird nicht wegen Streitigkeiten o. ä. weggetrieben), erhält etwas wenig Raum.

Insgesamt gewinnt der Film an Bedeutung durch die Kombination von Komödie und Gesellschaftskritik, die lakonisch mittransportiert wird. Daß sich die Erfüllung der erotischen Phantasie in einem gemeinsamen Schlußtanz äußert, und eben da nicht mehr passiert, macht ihn umso gesellschaftskritischer und glaubhafter; die Reglementierung durch Normen sitzt tief, Anfang 40.