DVD BluRay

Freitag, 29. Januar 2010

The Weavers of Nishijin (Toshio Matsumoto, Japan 1961)



Dieser frühe Dokumentar-Kurzfilm des Filmexperimenteurs Matsumoto, dessen ATG-Film FUNERAL PARADE OF ROSES (1969) ein klein wenig Weltruhm erlangt hat, ist keinem nüchternen Realismus verpflichtet, sondern zeigt in experimentellen s/w-Bildern die Herstellung von Kimonos in einer Fabrik, einer Weberei (in Osaka?), bei der Methoden der traditionellen Herstellung an manuellen Webstühlen denen der industriellen an Vollautomaten mit Lochkartensystem gegenübergestellt werden.

Doch zunächst stellt Matsumoto Bilder der industriellen Fertigung beinah beschwingten, schaukelnden Flaneursbildern entgegen, deren Aufnahmen offensichtlich bei Wanderungn durch die engen Arbeiterviertel entstanden sind. Eine klarer moralischer Kommentar wird hierbei vermieden, eine Aussage verweigert. Da Bild und Ton sich häufig widersprechen, werden Bedeutungsebenen geöffnet: poetische Bilder werden durch die bedrohliche Tonspur gebrochen, oder vice versa. Auch Darstellungen industrialisierter und mechanisierter Massenproduktion (eines der am stärksten durch Traditionen aufgeladenen Objektes der japanischen Kultur) erreichen häufig in ihrer Heraushebung aus dem puren Nacheinander allein durch die Ausstellung durch die Filmkamera eine poetische Kraft.



Die häufig durch eine extreme Nahaufnahme dekontextualisierter Bilder repetetiver Tätigkeiten der Arbeiter erzeugen einen Sog, der im Verbund mit den avantgardistischen Klangwelten der unterlegten sphärischen, und dennoch terrorisierenden Musik einen eindrücklichen Effekt erzeugt, und so kommen die Bilder eher einem hypnotischen Trip nahe denn einem klar strukturierten Film, der einem aufklärerischen Realismus-Ideal verpflichtet wäre, das Übersicht, Klarheit, Moral oder Entlarvung von Mißständen auf seiner Flagge stehen hätte.



Doch nicht nur Arbeitsabläufe werden gezeigt, sondern auch das Alltagsleben der Arbeiter zuhause, deren Kinder, religiöse Praxis. Deutlicher in seiner Aussage dann aber später die Sitzung des Betriebsvorstands, die zunächst unpersönlich distanziert aus der Vogelperspektive gezeigt wird (ein mathematische-statisches Sitzarrangement der Teilnehmer), dann auf Hinterköpfe und Stuhlrückseiten geschnitten wird, und anschließend auf Ausschnitte der diskutierenden Gesichter, diese dann aber in gekippten Winkeln! Das Sprechen über die Tonspur wird zusehends zerhackter und geht bisweilen in das Schießen einer Pistole über oder auch eine Maschinengewehrssalve.



Via Hypnosemaschinen/Ubu-Web.

Freitag, 22. Januar 2010

Simpan / Judgement (Park Chan-wook, Südkorea 1999)

Vor seinem ersten großen Erfolgsfilm JOINT SECURITY AREA (2000) drehte Park diesen etwa 25minütigen Kurzfilm, in dem eine Frauenleiche in einem Leichenschauhaus von verschiedenen Personen als die eigene Tochter identifiziert wird. Was zunächst wie eine Version des koreanischen Kaukasischen Kreidekreises anmutet, wird recht schnell absurd, skurril und traurig. Denn vor dem Hintergrund von sich häufenden (eingespielten) Naturkatastrophen hat die Regierung beschlossen, Angehörige der Opfer zu entschädigen. Der schnöde Mammon also ist's, hinter dem die ach so trauernde Gemeinde her ist.

Die schwarz/weißen-Bilder schaffen eine beklemmende Atmosphäre dieses Kammerspiels, das durchaus auch (neben des Grotesken) mit leisem Witz aufwartet und vor allem durch immer neue Handlungspunkte überraschende Wendungen einläutet und ordentlich unterhält. So weiß man bis zum Ende nicht genau, woran man ist; und als das Finale über die Trauernden hereinbricht, hat der Film immer nochmal einen Twist in der Tasche. SIMPAN ist ein ziemlich souverän inszenierter Kurzfilm, der dem Zuschauer nicht alles erklärt - das Ausfüllen der Leerstellen ist Teil der Spannung und ein Qualitätsmerkmal. Da aber eine Sympathiefigur fehlt (außer vielleicht der Leiche selbst) bleibt man doch recht distanziert zum Geschehen.

Freitag, 15. Januar 2010

Incoherence / Jirimyulryul (Bong Joon-ho, Südkorea 1994)

In diesem Kurzfilm, den Bong noch vor BARKING DOGS NEVER BITE an der Korean Academy of Film Arts drehte, verbindet er drei nur scheinbar für sich isoliert stehende Geschichten durch einen Epilog zu einem runden Ganzen, indem er am Ende alle Fäden zusammenlaufen läßt. Alle Geschichten zeichnen sich durch eine actionarme, beinah meditative Ruhe aus, bei der aber immerzu offensichtlich das skurril Humorvolle bis an die Oberfläche durchscheint. Ständig scheint etwas ausbrechen zu wollen.

Im ersten Teil versucht ein Universitätsprofessor verzweifelt, die Aufmerksamkeit einer seiner Studentinnen zu erlangen - und gerät dank eines Schmuddelheftchens in die Bredouille...


Im zweiten Teil bedient sich ein Jogger frühmorgens an den am Hoftor abgestellten Milchlieferungen der Anwohner und schiebt die Schuld auf einen Zeitungszusteller. Doch da ertappt ihn dieser, und ist als Zusteller konditionell ganz schön ausdauernd...


Im dritten Teil muss ein wohldistinguierter Herr nach durchsoffener Nacht dringendst auf die Toilette - und findet keine. Dieser Part scheint mir ein wenig spannungsärmer, weniger subil geraten zu sein sondern brüstet sich eher mit leisem Fäkalhumor. Ist ja auch etwas neues.



Wie im Nachklapp dann das alles zusammenkommen soll, das werde ich hier nicht spoilern. Selber ankucken! - Das ist ein feines, gut gefilmtes, flottes und intelligentes Kurzfilmensemble.

Montag, 11. Januar 2010

Blackmail is my Life / Kyokatsu koso Waga Jinsei (Kinji Fukasaku, Japan 1968)


In diesem recht frühen Gangsterfilm von Fukasaku - noch vor den Yakuza Papers oder den Battles without - sieht man bereits dessen typische filmische Merkmale: toughe Jungs in Anzügen und Sonnenbrillen, schicke Autos, freche Mädchen, Swing-, Jazz- und Diskoscore, bunte Farben, abrupte Schnitte, Freeze-Frames, und thematisch die (Klein-)Gangsterwelt. Hier sind es vier Freunde, die einen Erpresserring aufziehen und lustigerweise nicht nur Politiker oder Wirtschaftsbonzen erpressen, sondern auch Bandenbosse.


Als sie sich mit einem wirklich großen Tier einlassen wird's naturgemäß brenzlig, und einer der Jungs, "Zero", gibt auch bald den Löffel ab. Einige Schießereien, Autoverfolgungen und Beischlafszenen später kommt es zum Finale mit dann stark dezimiertem Personal; schade, gerade hatte sich eine schöne Liebesgeschichte entwickelt. Das Ende ist dann fukasakuesk bitter, und zieht ein wenig runter.



Feiner Film; nicht so schräg und hysterisch wie von Suzuki, noch nicht so gewalttätig und ruppig wie seine späteren, grimmigen Gangsterfilmdemontagen. Nichtsdestotrotz ein durchaus gesellschaftskritischer, interessant montierter, sehr sehenswerter Film.

One Future (Tan Chui Mui, Malaysia 2009)


In ihrem Kurzfilm One Future entwirft die Regisseurin eine dystopische Zukunft: den Menschen ist durch den Staat jede Sorge genommen, alles ist geregelt, jeder ist glücklich. Als sich in einem ungenannt bleibenden Mann ein Problemgefühl einstellt, weil er seine Wohnung nicht mehr betreten kann, muß er dies artikulieren. Und wie in Truffauts Fahrenheit 451 das Lesen von Büchern verboten war, so ist hier das Sprechen nicht erlaubt. Als er dies doch tut, wird er von einer Agentin in Handschellen gelegt und abgeführt.


Dieser problematisch moralische Film ist zwar mit netter, reduzierter Klimpermusik unterlegt, kann aber leider nicht überzeugen. Allzu deutlich trägt er seine gesellschaftskritische Botschaft vor sich her, als dass da etwas Interessantes bliebe, das sich zu entschlüsseln lohnte. Auch die Verwendung eines off-Erzählers, der wie ein Märchenonkel die Handlung kommentiert, verstärkt zwar den utopischen Gehalt der Fiktion, verweist aber zugleich auf die Unzulänglichkeit der Regisseurin, den Film mit Bildern erzählen zu können. Auch das stakkatohafte Aneinandermontieren von Filmstills um eine fragmentierte Realität darzustellen, ist zwar eine schöne Idee im Medium der "bewegten Bilder", die aber leider den Film nicht retten kann. Dieser Kurzfilm ist Teil einer Compilation mit dem Titel 15Malaysia.

Sonntag, 10. Januar 2010

Onibaba (Kaneto Shindo, Japan 1964)


Eine unbeschreiblich intensive Atmosphäre dominiert diesen ganzen Film - und obwohl er in einer besonderen Art von Idylle spielt, am Fluß, im Schilf, meist strahlt die Sonne, herrscht permanente Beklemmung. Die Innenräume der kärglichen Behausungen sprechen eine deutliche Sprache: bitterste Armut der Bauern. Sie sind die größten Verlierer der Kriege, die um sie herum toben. Zwei Frauen, von den Männern an den Krieg verloren, müssen sich selbst durschlagen. Auf deutsch: Onibaba, die Töterinnen. Das tun sie, um zu überleben; Soldaten, die sich mit letzter Kraft vorbeischleppen werden gemeuchelt und die Rüstung einem zwielichtigen Schurken, welcher selbst in einer Höhle haust, verkauft.


Die Leichen werden anschließend in einem tiefen Loch entsorgt. Aber auch: Sexualität liegt in der Luft, unbefriedigte Bedürfnisse, menschliche Abgründe und Eifersucht. Als ein Mann auftaucht, beginnt die eigentliche Schlacht.


Religion, Buddhismus. Masken. Moral, Jigoku, die Hölle. Wo der Film herkommt, aus der Legende, was benutzt wird, um zu terrorisieren. Der Glaube, der Wahn, das Morden. Auch hier herrscht Krieg, man spürt ihn früher, als daß man ihn sieht - doch dann ist er allgegenwärtig.


ONIBABA - ein Meisterwerk. Moralische Parabel und Historienfilm zugleich, Horrorfilm und Posie. Alles auf engstem, reduziertem und kondensiertem Raum. Fantastisches Kino.

A Tree in Tanjung Malim (Tan Chui Mui, Malaysia 2004)


Ein siebzehnjähriges Mädchen trifft spätabends (in Kuala Lumpur?) einen etwa 30jährigen Bekannten. Sie unterhalten sich in einem Imbiss, liegen auf der Wiese, singen ein Lied zusammen, laufen durch die Stadt.


Tan Chui Mui ist ein wunderbarer, 24 minütiger, Kurzfilm gelungen (und mit dem sie auch auf Festivals (u. a. Oberhausen) Preise gewann). Prätentionslos, beobachtend mit statischer Kamera, unaufdringlich fängt sie die sehr authentischen Gespräche, das Schweigen, die Nacht und ihre Geräusche, die Farben ein. Das Mädchen wird morgen 18 Jahre alt werden, er schenkt ihr Middlemarch von George Eliot. Sie weiß nicht, was sie mit so einem dicken Buch anfangen soll.


Sie erzählt ihm zweimal von ihrer blöden Busfahrt am Morgen, wie sie die Haltestelle verpennt habe, und dann weit draußen auf den Bus zurück warten mußte. Doch dort habe sie einen Baum gesehn mit wunderschönen dünnen Blättern: den Tree in Tanjung Malim, einer Ortschaft etwa 70 km außerhalb von Kuala Lumpur. Doch wie sie später, am Ende des Filmes selber meint: Even if I fail to get to where I wanted to go, I get to see beauty.

The Guys from Paradise / Tengoku kara kita otoko-tachi (Takashi Miike, Japan / Philippinen 2000)


Der japanische Geschäftsmann Kohei Hayasaka scheint zunächst unschuldig in einer Haftanstalt in Manila einsitzen zu müssen: ihm wird vorgeworfen, Drogen geschmuggelt zu haben. Als Japaner genießt er eine bevorzugte Behandlung und wird z. B. in einen extra für Ausländer abgesonderten, komfortablen Zellentrakt verlegt. Dort lernt er den Gangster Yoshida kennen, der innerhalb des Gefängnisses einen gut durchorganisierten Verbrecherring aufgebaut hat, und der Kohei in sein Team integrieren möchte. Yoshida ist erstmal überfordert von der korrupten Parallelgesellschaft, auf die er sich eingelassen hat, doch lernt er bald die Vorzüge kennen: gegen Geld kann man hier alles bekommen, und Yoshida darf sogar für "Geschäftstermine" das Gefängnis verlassen. Doch dann holt die Vergangenheit nicht nur Kohei, sondern auch Yoshida ein, und der einzige Ausweg scheint die Flucht...


GUYS ist ein ziemlich gelungener Film von Miike - schon allein deshalb, da er 1. gut gespielt und 2. sehr ordentlich photographiert ist, und 3. die Zuschauererwartungen unterläuft. Die "Hölle von Manila", so der deutsche Titel läßt auf einen gore-igen Schlachthaus-Knastfilm hoffen; doch Miike präsentiert einen eher ruhigen, zurückhaltenden Film, der seinem Ensemble genug Raum gibt, den Charakteren Leben einzuhauchen.


Action gibt es, die eine oder andere Ekelszene, gute Shoot-Outs auch - aber eben erst Richtung Finale. Und da hat der Film sein magisches Potential schon längst entfaltet. Ganz anders und konventioneller gedreht als der wunderschöne und total durchästhetisierte Knastfilm BIG BANG LOVE - JUVENILE A, doch jedenfalls in meinen Augen sehenswert. Ach ja (!), das Ende ist zum Schmunzeln...

Samstag, 9. Januar 2010

Yi Yi / A One and a Two (Edward Yang, Taiwan 2000)

Für eine eigentlich ganz normale Mittelstandsfamilie in Taipeh gerät das Leben aus den Fugen. Die Großmutter fällt ins Koma und muß fortan gepflegt werden, was die Mutter in eine Sinnkrise stürzt. Der Vater begegnet auf der Hochzeit seines Freundes und Geschäftspartners seiner ersten großen (Jugend-)Liebe wieder, was in ihm Gefühle hochspült, die er schon längst vergessen hatte. Die beiden Kinder haben dabei noch ihre ganz eigenen Probleme - der achtjährige Sohn wird ständig von den Mädchen seiner Klasse gehänselt und verbringt viel Zeit alleine, da alle mit sich selbst beschäftigt sind. Die Tochter erfährt beinahe, wie es ist, sich zu verlieben, aber das Leben scheint doch nicht so zu sein, wie man es sich erträumt.

In knapp drei Stunden präsentiert uns Yang diese Familiengeschichte, die sich vor allem durch die moderne Großstadtproblematik der Haltlosigkeit aller Beteiligten auszeichnet. So betont der Vater mehrfach, dass im Leben niemals etwas sicher sei. Der Sohn begegenet den Unwägbarkeiten mit naiver, doch weiser, Kreativität. Dieser, als Namensvetter des Regisseurs, bekommt eine Kamera geschenkt, und macht ganz ungewöhnliche Photographien - etwa unzählige Portraits der Hinterköpfe von Menschen seiner Umgebung. Plausibel erklärt er später, warum: er als kleiner Mensch sähe es als seine Aufgabe an, den Menschen eine andere Sicht und Perspektive zu zeigen, als die sie sonst auf die Dinge im Leben haben. Yi Yi strotz voll solcher liebenswerter Miniaturen.

Zudem ist er exzellent photographiert und sehr häufig kreativ und überraschend montiert. Gerade das Zusammenspiel und der Übergang zwischen verschiedener Szenen, der Wechsel von einem Erzählfaden zum anderen, ist nie willkürlich, sondern eröffnet immer aufs Neue korrespondierende Bedeutungsschichten. Ebenso der Einsatz der Tonspur, sei es Musik oder im besonderen der Dialog, die Sprache. Die szenischen Verschleifungen sind teils sehr weit gedehnt, sodaß die Zugehörigkeit der Stimmen oft rückwirkend vom Zuschauer von neuem zugeordnet werden und inhaltlich neu bewertet werden muß, als zunächst im ersten Moment gedacht. Eine (1) Bedeutungsebene öffnet immer den Horizont zu neuen Möglichkeiten und Sinnfälligkeiten.

Yi Yi ist für meinen Geschmack etwas lang geraten, die eine oder andere Stelle wirkt sehr meditativ, aber so ein Film braucht natürlich Raum, der muß atmen können. Toll.

DARK SPLENDOR - David Lynch in Brühl

Heute stand ein kleiner Ausflug ins Max-Ernst-Museum in Brühl bei Köln an: David Lynch zeigt seine neuen Bilder (die meisten von 2007 und 2008). Zur Einstimmung gab's im Theatersaal erstmal ein paar seiner repetitiven und delirierenden Kurzfilme aus der Filmakademiezeit, dann den schönen THE GRANDMOTHER.

Die Aquarelle und Photographien haben mir dann später in der Ausstellung ziemlich gut gefallen - abgesehen von den digital verfremdeten Großformaten. Das aufgebaute begehbare Objekt, angefertigt nach einer kleinen Zeichnung und das etwa 1/3 des Raumes einnimmt, finde ich allerdings recht überflüssig und daneben in seiner Proportion - genauso wie die blöden großformatigen Materialschlacht-Bilder ("Schlecht malen kann ich sehr gut."). Hua, gruselig.
Angenehm die Musik an den Soundstationen, die auf Knopfdruck atmosphärische Horrorfilmmusiksounds und Nervenverzerrer produzierten.
Der Katalog scheint mir aber dann wieder recht schön zu sein mit seinen ganzen Texten und Filmstills.
Der anschließende Besuch der Max-Ernst-Räume haben dann die Stimmung wieder gewaltig gehoben, so viel gute Laune hat das versprüht. Und dann die ganzen Bücher!, Erstausgaben der surrealistischen Klassiker von Breton bis Artaud. Sehr geil.


Ghost Story of the Snow Witch / Kaidan Yuki Jorou (Tokuzo Tanaka, Japan 1968)


Der 2007 verstorbene Tanaka ist wohl am ehesten für seine ZATOICHI-Beiträge und seine grimmigen Samurai-Filme SLEEPY EYES OF DEATH, sowie THE BETRAYAL (über den ich hier schon etwas geschrieben habe) bekannt. Wie schon in BETRAYAL überzeugt auch diese Geistergeschichte durch ihre unglaublich dichte Atmosphäre und die enorm gelungenen Bilder. Die musikalische Untermalung durch Akira Ifukube trägt da enorm viel bei - es ist schlicht ein Geniestreich, wie hier zusammengewirkt wird.


Die Liebe zwischen einem Skulpurenbildhauer und einer unbekannten Frau, die urplötzlich in seinem Dorf auftaucht, nimmt familiäre Formen an, als sie sich ihre Liebe gestehen. Dabei hätte Yosaku sich nicht von der Schönheit Yukis blenden lassen sollen - die Ähnlichkeit zur Snow Woman, zur Schneehexe, die in den Wäldern ihr Unwesen treibt, ist offensichtlich. Bei ihrem fesselnden Anblick, so die Legende, erstarren die Menschen zu Eis. Doch davon will Yosaku nichts wissen. Auch der korrupte Stadtvorsteher, der jedem Rock im Bezirk hinterhersteigt, ist an Yuki interessiert, und bürdet der jungen Familie eine kaum zu lösende Aufgabe auf, bei deren negativen Ausgang ihm Yuki zur Verfügung stehen müsse....


Die Schamanin des Dorfes erkennt den Geist in Menschengestalt und setzt sich zur Wehr. Dass sie dabei eine Familie zerstört und den Zuschauern die Tränen in die Augen treibt, ist ihr egal.


Habe ich tatsächlich den besten Film 2010 schon jetzt am Beginn des Jahres gesehen? Unbedingte Empfehlung!

Freitag, 8. Januar 2010

Tora-san's Runaway / Otoko wa tsurai yo: Boukyou hen (Yoji Yamada, Japan 1971)


Torajiro kehrt nach Hause zurück, da er seinen Onkel im Traume dem Tode nahe sieht. Diesem geht es aber ziemlich gut, und in Toras Wiederkehr mischen sich für alle Beteiligten Freude, Last und Schmerz. Ein Bekenntnis, endlich ein vernünftiges Leben zu führen, das seine Schwester Sakura aus ihm herauszwingt, führt Tora zu Setsuko, der Tochter einer Sojafabrikantin. Tora findet dort Unterschlupf, beginnt regelmäßig zu arbeiten - und verliebt sich in die Tochter.


Der fünfte Tora-San-Film zeichnet sich durch ein ungewohnt ernste Grundstimmung aus. Das ist nichts völlig Außergewöhnliches, auch die vorherigen Teile der Reihe sind ja unter Tragikomödie zu verbuchen, doch in dieser Folge sind tragische Motive vorherrschend. Tod, Eltern- und Vaterlosigkeit, Alleinsein, Enttäuschungen sind die Eckpfeiler. Wieder eine Liebe und ein Ausblick auf ein geordnetes Leben - da kommt das Unerwartete - alles ist perdue.


Torajiros Bekenntnis zum Wanderdasein, die Akzeptanz seines Wesens ganz am Ende des Films feiern die beiden Herumtreiber am Strand in einem Tanz. Gelobtes Japan, in dem Komik, Lebenslust, Tragik und Traurigkeit so nah beisammen sind, wie sonst in wohl keiner Kinematographie.

KILL / KIRU (Kihachi Okamoto, Japan 1968)

Kihachi Okamoto hatte mit SWORD OF DOOM (1966) bereits einen enorm gutaussehenden Abgesang auf den Samuraifilm gedreht - und dort alle Normen und Werte des ehrenvollen Kämpfers ins Gegenteil verkehrt. Zwei Jahre (und 3 Filme) später ist er soweit diesen Weg konsequent weiterzuschreiten und fügt ein entscheidendes Element hinzu, das beim grimmigen SWORD noch nicht möglich war: Humor.


Und Humor in all seinen Ausprägungen begegnet uns hier: als Situationskomik, als Sprachwitz in den Dialogen, als Slapstick, als ironisiertes Genrezitat. Okamotos Können zeigt sich jedoch darin, diesen wohl zu dosieren, und nichtsdestotrotz einen wahrhaftigen und keineswegs veralberten Schenkelklopfer zu drehen. Davon ist er weit entfernt.



Vielleicht liegt das auch an Okamotos Generation: wie Suzuki, Masumura und Kobayashi waren die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs prägend, die ihn letztlich dazu führten, einen zwar harten und gewalttätigen, zugleich aber auch einen humorvollen und pazifistischen Film zu machen: Kritik am Bushido. Denn dass Genta (Tatsuya Nakadai) dem hitzköpfigen Bauern Hanjiro (Etsushi Takahashi), der so gerne Samurai werden möchte, diesen Wunsch mißbilligt und ihm mehrfach versucht, das Bedürfnis auszureden, wird vor allem in der zweiten Hälfte des Filmes deutlich - in denen wieder einmal die Samurai entweder als geldgeiles, ränkeschmiedendes Pack desavouiert werden, oder als Schlachtvieh hochgestellter Beamter.


Genta: Jetzt weißt du es, oder?
Hanjiro: Was denn?
Genta: Wie Samurais sind...
Hanjiro: Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.
Hanjiro will es einfach nicht wissen, obwohl er es mit eigenen Augen mit ansehen muß. Das Desaster. Das Töten. Die Lächerlichkeit. Die Intrigen. Sollte das denn so erstrebenswert sein, um dafür den Kopf zu riskieren? Letztendlich kriecht man doch auf dem Boden herum, um den dürren Truthahn zu fangen, weil der Magen knurrt. Ach pardon, da hat uns die Tonspur verarscht, das Knurren war der Hahn...

Like You Know It All / Jal aljido mothamyeonseo (Hong Sang-soo, Südkorea 2009)


Der erste Film des Marathons ist etwas überlang geraten, steckt dafür aber voll freudebringender Selbstironie.

Worum geht's: Hong läßt einen Regisseur, der sich bislang durch unverständliche Kunst- und Arthausfilme ausgezeichnet hat, als Jury-Mitglied eines kleinen Provinzfilmfestivals auflaufen. Dort wird ihm viel Anerkennung entgegengebracht, doch auch erste kritische Stimmen erklingen. Spätestens als sein ehemaliger Studienkollege auftaucht, mit dem er damals eine Produktionsfirma in den Sand gesetzt hat, bekommt das sympathische Bild des Regisseurs (Kim Tae-woo) erste Risse. Nach einer durchsoffenen Nacht laufen die Zwischenmenschlichkeiten dann etwas aus dem Ruder.

Man sieht es deutlich, worauf der Film hinaus will: Hong inszeniert den Zirkus, an dem er selbst Teil hat, als Tragikomödie. Ein Regisseur, dem lange und auch langweilige Filme nachgesagt werden, macht einen langen und überhaupt nicht langweiligen Film über ein paar kurze Momente im Leben eines Regisseurs und liefert zugleich ein kleines, ausschnitthaftes Szene-Portrait.
Im zweiten Teil des Films reist besagter Regisseur auf eine Insel zu einem Gastvortrag an einer Filmhochschule. Dort gibt es ebenfalls eine große Sauferei und ein Wiedersehen mit seinem ehemaligen Universitätsprofessor, einem Maler. Auch hier wieder: Szene, Intellektuelle (oder was man dafür hält), Irrungen der Liebe. Und immer wieder: Vorwürfe. An Ku, was er alles hätte tun sollen, unterlassen hat, wo er hätte eingreifen müssen. Der Regisseur, der als Einzelgänger seine Kunst erschafft, erscheint uns als lediglich bedingt sozialfähiges Wesen - so in etwa, ganz klar wird das nicht. Hong läßt Raum zur Interpretation. Leerstellen. Der moralische Vorschlaghammer ist sein Ding nicht, was ja extremst lobenswert ist.

Ordentlich ist auch die Kameraarbeit, das Tempo, der Musikeinsatz. Nur das ständige Heranzoomen an die Figuren aus den medium shots nervt irgendwann. Eine neue Perspektive findet sich so, haha, nicht. Dank der Ironie und der Selbstreferentialität des Filmes bleibt mir also nur zu sagen: anschauen, LIKE YOU KNOW IT ALL ist ein ziemlich toller Film geworden.

Mittwoch, 6. Januar 2010

CHAOS / Saam bat gun (Herman Yau, HK 2008)


In einer postapokalyptischen Zeit sind die Innenstädte der Metropolen zu Gefängnissen deklariert und mit hohen Schutzwällen ummauert worden, sodaß die darin gefangenen Verbrecher vom Rest der Gesellschaft isoliert werden konnten. Diese führen (in verschiedenen Banden organisiert) ein von jeder Zivilgesellschaft befreites, unmoralisches Gewaltregime, dem sich die Schwächeren (was hier vor allem heißt: die Frauen) unterzuordnen haben. Als ein Polizist (Andrew Lin) mitsamt gefangen genommenem Ganoven (Gordon Lam) durch einen Unfall ins Innere der Festung eindringt, ist der Weg nach draußen ins normale Leben zurück scheinbar versperrt; zudem geraten die beiden in vertauschten Rollen in die Hände des grausamen Bandenchefs Crow (Alex Chan), der sie zu einem Kampf auf Leben und Tod zwingt. Da mischt sich eine unbekannte Schönheit ein, die jedoch ihren eigenen Racheplänen nachjagt. Doch damit nicht genug, wird nun plötzlich der Ausbruch eines tödlichen Virus' im Gefängnis zum Beschleuniger des Geschehens.

Herman Yau hat in seinem bislang gar nicht so langen Regisseursdasein bereits um die 70 Filme gedreht. Dass da nicht nur Meisterwerke dabei sind, dürfte klar sein, und seine bekanntesten Filme EBOLA SYNDROME, THE UNTOLD STORY oder der jüngere GONG TAU sind vor allem durch gewalttätige und groteske Szenen zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Das sicherlich auch zu Unrecht, denn gerade ein Film wie EBOLA SYNDROM hat sehr viel mehr zu bieten als nur den Meat für den Fleischmob. Meine Hoffnung ist immer noch, dass Yaus Filme dem gemeinen "Gorebauern" zu sperrig sind, um sie hirnausgeschaltet goutieren zu können. Immerhin ist Herman Yau auch der Regisseur, der Anthony Wong zu seinen beeindruckendsten darstellerischen Leistungen gebracht hat.

Nun denn. CHAOS hingegen mutet wie ein schnell runtergekurbelter Actioner an, dem man sein niedriges Budget beinah in jeder Einstellung ansieht. Auch die Cinematographie ist nicht gerade von Gottes Gnaden, doch immerhin ist alles auf ein hohes Tempo hin geschnitten, die Handlungsfäden verquirlt genug, um ständig einen actionreichen Ablauf zu garantieren. Die eine oder andere Sexszene fällt dann jedoch unterdurchschnittlich aus, leider - und dies wirkt wie eine Zwangsnotwendigkeit, nicht wie die krude Eruption eines kreativen Künstlertums an der Schwelle zur Avantgarde.

Dieser verkappte KLAPPERSCHLANGEN-/Seuchen- und Polizeithriller funktioniert, so meine These, nur aufgrund der großen Routine des Regisseurs, der mit seinen inszenatorischen Fähigkeiten diesen gefilmten Abenteuerspielplatz für Gotcha-Freaks zwar nicht zu Gold, doch immerhin zu einem schnellen Abendunterhaltungsfilm für abgehärtete Genreliebhaber macht.