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Sonntag, 28. Februar 2010

Brutal River / Khoht phetchakhaat (Anat Youngngoun, Thailand 2005)

Der Fluß ist das Leben, die Fruchtblase, die ewige Wiedergeburt. Positive Konnotationen en masse und doch zugleich die Urgewalt, die alles, nämlich das Leben, zu nehmen vermag. Zumindest wenn darinnen ein Alligator haust. Da wird ganz schnell aus jeder allegorisch-psychologisch verklärten Mythologie der nackte Überlebenskampf.


So auch in diesem südostasiatischen Krokohorror. Zumindest dann irgendwann nach der Hälfte, wenn man schon fast keine Lust mehr auf den Film hat; denn vorher werden wir erstmal auf die Folterbank gespannt mit einem thematisch deplazierten und völlig befremdlichen Liebesmelodram zwischen einer Krankenschwester und einem Polizisten, das auch genausogut in, sagen wir mal, Bangkok Zentrum spielen könnte. Man wird den Eindruck nicht los, der Film weiß nicht was er will, mußte gedehnt und gestreckt werden um Spielfilmlänge zu erreichen. Das soll übrigens nicht heißen, daß er dann besser würde, wenn er sich endlich gefunden hat.
Geht es schließlich rund, wird die Dorfgemeinschaft, die am und mit dem Flusse lebt, nach und nach auf heimtückische Weise dezimiert. Erst der bedingungslose Einsatz des soldatischen Helden kann dem mörderischen Treiben ein Ende setzen, nachdem zuvor verschiedene religiöse und schamanistische Beschwörungsversuche blutig scheiterten.


BRUTAL RIVER ist ein Film, der völlig unmotiviert eine Szene an die andre pappt. Von Übergängen hat man - scheint's - noch nie etwas gehört, oder von erzählerischer Geschlossenheit – und wir befinden uns hier im Mainstreamkino, nicht im dekonstruiert avantgardistischen Experiment. Besonders nervig ist, daß so gut wie jedes Szenenende durch eine Schwarzblende abgeblendet wird, was den episodischen Charakter des Filmes noch verstärkt. Eine Eigenschaft dieses völlig verkorksten Filmes ist sowieso diejenige, daß aus einer Handlung, einem Ereignis, nie eine Folgehandlung entsteht, nie etwas nachkommt. Wenn jemand gefressen wird, könnte man doch Rettungsmaßnahmen einleiten oder wenigstens später darüber diskutieren. Nichts davon: hier steht alles isoliert nebeneinander, konsequenzlos. Der Bürgermeister guckt dumm aus der Wäsche. Wir könnten doch 'ne Runde schwimmen gehen!
Wenn man sich mal den Monolog der Krankenschwester vor dem Rat der versammelten Dorfvertreter anschaut, dann ist das nicht deswegen kurios, da sie eigentlich nichts zu sagen hat, sondern auch deswegen, weil ihr nichts erwidert wird, keine Reaktion kommt. Kurz ernst kucken, dann Abblende. So geht das die ganze Zeit. Und obwohl der Film über ein sehr begrenztes Figurenensemble verfügt, hat man es hinbekommen, nicht einmal die Hauptfiguren mit ein klein wenig Tiefe auszugestalten: Charakterentwicklung gleich null. Hier gibt es ausschließlich rein funktionale Gesichter zu sehen. Immerhin sind die CGI-Schnappfisch-Aktionen aber ganz unterhaltsam. Vor allem als einmal der Kaiman urplötzlich eine ganze Brücke zerlegt, um an die hübsche Krankenschwester zu kommen, die gerade auf dieser flanierte.


Nun denn, wenn jemand mal ein Beispiel dafür sucht, wie man einen Film auf keinen Fall machen sollte (dieser schafft es sogar, die Actionszenen völlig ohne Spannung zu gestalten), dann greife man zu BRUTAL RIVER. Denn lernen kann man viel von diesem thailändischen Meisterwerk.

Dienstag, 23. Februar 2010

Snapshot Shorts Vol. 7

What Time is it There? (Tsai Ming-Liang, Taiwan 2001) -- fantstisch stiller Arthausfilm, der beinah alles Preziose umschifft. Beinah - doch etwas Pathos darf gerne sein, um der Fernenliebe Gestalt zu verleihen. Schön gefilmt und der Film mit dem Aquarium.

Bright Future / Akarui Mirai (Kiyoshi Kurosawa, Japan 2003)
-- Aquarium, diesmal samt Qualle. Metaphorik à la Kurosawa. Allegorien im Sekundentakt und aufeiandrprallende Bildwelten. Darunter kriecht der creepige Horror. Auch hier: wunderschöne Bilder in einem kaum verständlichen Film. Da sind wohl mehrere Sichtungen nötig.

Violence at High Noon / Daylight Phantom Killer / Hakuchu no torima (Nagisa Oshima, Japan 1966) -- Oshima macht das wieder sehr geschickt: in der Tarnung eines Serienkiller-Thriller-Plots verbirgt sich eine Studie über zwischenmenschliche Abgründe, eine Analyse von Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen in "Liebes-"Beziehungen, und ganz politisch: die Erzählung über das Scheitern einer linken, autark lebenden Landkommune, die nach einer Überschwemmung vor dem Nichts steht.
Zur großartige Kameraarbeit (als Beispiel sei auf den Anfang verwiesen, in welchem man den Vergewaltiger Eisuke hinter einer Papierwand herschleichen sieht, die von senkrechten Holzstäben strukturiert wird. Noch bevor man das Gesicht des Mannes sieht, weiß man schon: dieser gehört hinter Gitter. Da schiebt er die Türe bei Seite, aus dem Kamerabild wird ein pov auf die am Boden knieende, putzende Frau, den Ausschnitt an der Achsel, eine Hautfalte kommt ins Bild, dann Schnitt zurück, eine Auge in extremer Nahaufnahme, Schweiß, ein halbverdecktes Bild eines Lüstlings. Da zieht er sich zurück) gesellt sich ein phantastischer Score und eine Erzählweise mit den formalen Mitteln eines Kinos, das sich herkömmlichen Continuity-Standards verweigert und auch auf dieser Ebene den gemütlich im Sessel sitzenden Zuschauer zu verunsichern weiß.

Sanxia haoren / Still Life (Jia Zhang-ke, China/HK 2006) -- Die Stadt Fengjie verschwindet dank des Drei-Schluchten-Staudammes in den Fluten des aufgestauten Jangtze, die Menschen werden zwangsumgesiedelt, Häuser entkernt und niedergerissen, alles verwertet was geht, Prestigeobjekte gebaut. In dieses Umbruchschaos gerät ein Bauer und Wanderarbeiter aus dem Norden auf der Suche nach seiner damals zwangsverheirateten Frau und seiner Tochter, die ihm beide weggelaufen sind. Quasi auch ein komplementärer Film zu BLIND MOUNTAIN. Optisch überwältigend, komplex erzählt, in jeder Hinsicht großartig.

Donnerstag, 18. Februar 2010

She, a Chinese (Xiaolu Guo , UK/Fr/D 2009)

Die junge Mei ist gelangweilt von ihrem Alltag in einem Dorf auf dem Lande. Denn dort gibt es nichts zu tun, als abends zum Billardspielen in die Kneipe zu gehen oder -wenn's mal spannend werden soll- mit dem Macho und Dorfproll auf der Vespa den Hügel hinauf am Industriegebiet die Umgebung angucken. Bißchen rauchen, knutschen, das Ziehen der Sehnsucht spüren, denn das alles hier ist kaum zum Aushalten.
Mei geht ihre eigenen Wege. Spätestens nach der Vergewaltigung, die die Kamera auf Bodenhöhe mit einiger Distanz verfolgt, ist ganz klar, daß an diesem Flecken Erde kein Glück auf sie wartet: Eine Arbeit, die sie nicht will, eine Ehe mit einem Typen, der sich gerade anbietet.
Sie nimmt reißaus in die große Stadt, findet Unterschlupf in einem „Massagesalon“ und schmust mit dem vernarbten Nachbarn herum, der, um ein paar Kröten zu verdienen, sich als Schläger verdingt hat. Hier gelingen dem Film sehr schöne Bilder zwischen Winkelexistenz und Großstadtneon bei Nacht. Meis blauen Perücke, Zeichen ihres Prostituiertenstatus, signalisiert das Schlüpfen in eine fremde Haut, ein nüchterner Prozeß der Merkantilisierung von körperlicher Nähe.



Später wird es Mei bis nach London verschlagen, in die Arme eines Ehemannes, der ihr zwar eine sichere Existenz bieten kann, doch ist die Vertriebene dort -wie überall- ohne Heimat. Der kulturelle Unterschied zeigt sich exemplarisch in einer minimalistischen Szene: morgens beim Essen des Frühstückeis. Da steht die Differenz urplötzlich wie eine Kluft im Raum, ein Block Luft zwischen den Protagonisten.
Mei wird weiterziehen, ein Bankkonto ist ihr keine Glücksverheißung; in ihren konsequenten Entscheidungen und Handlungen ist sie vielen ewig schwankend Unzufriedenen weit voraus. Sicherheit ist etwas Fremdes, etwas, das es für eine hübsche, junge chinesische Frau auf dieser Welt nicht gibt.

Montag, 15. Februar 2010

Same Same But Different (Detlev Buck, D 2010)

Der junge deutsche Backpacker Ben lernt auf seiner Asienreise in einer Disko in Phnom Penh die hübsche Kambodschanerin Sreykeo kennen und verkuckt sich in sie. Dass sie als Prostituierte arbeitet - sie selbst bezeichnet sich als Unternehmerin - und, wie sich später herausstellt, HIV-positiv ist, stellt den jungen Mann vor ungeahnte emotionale Probleme als er bemerkt, dass er sich in sie verliebt hat.

Bucks Film ist ein zweischneidiges Schwert. Zunächst zum Negativen: er steckt voller Klischees. Das fängt bei der Eröffnungsszene an mit dem Stromkabelgewirr am Telegrafenmasten, dem Elefanten, dem Trubel der Stadt, dem Chillen und Partymachen der Touristen, dem Lendenrock des Alten. Der Film ist außerdem völlig konventionell erzählt inklusive einer Rückblicksschleife am emotionalen Höhepunkt des Skype-Gesprächs und einer wenig begeisternden Kameraarbeit: an einer Stelle hat man sogar die Stirn, einen Christopher Doyle-Schuß imitieren zu wollen. Aua.

Das Tolle am Film ist aber, dass er einen Schwebezustand erreicht, der sich vielleicht am ehesten mit dem Begriff Neutralität bezeichnen läßt. Buck schlägt sich auf keine Seite: er moralisiert nicht. Wie die kulturellen Unterschiede, so stellt er die Erwartungen auf eine mögliche Liebesbeziehung in ihren beiden je eigenen gesellschaftlichen Kontexten dar: die des urlaubenden Deutschen und die des Mädchens ohne Sicherheiten. Hervorragend wie Buck sowohl die Probleme als auch die Magie des Verliebens auf diesem schmalen, äußerst zerbrechlichen Grad balancieren läßt.

Auch dass er es hinbekommt, seinen Film so gut wie vollkommen kitschfrei zu halten, ist ihm hoch anzurechnen. Klischee ja, Kitsch nein. Diese "nüchterne" Form der Erzählung macht dieses für exotische Arthausphantasien prädestiniertes Liebesmelodram nicht nur erst genießbar, sondern emotional anknüpfbar.
Man überläßt sich so erst emotional Film, legt Verweigerungshaltungen ab. Prägnant etwa die o.g. Szene des Skype-Chats, in welchem sie ihm von ihrer HIV-Infektion erzählt - übrigens überhaupt kein Gedanke eines Verheimlichens ihrerseits. Die Kamera ist dann ganz bei ihm, auf seinem Gesicht spiegelt sich sowohl die Angst um eine mögliche eigene Ansteckung wieder, als auch die Angst um sie. Für Worte ist aber kein Platz, da klickt sie sich weg. Nun würde jeder Kitschfabrikant diese Situation, Bens Gang zum Arzt, die Verkündung des Testergebnisses, moralische Überlegungen usw, für den Film ausschlachten um Wirkung zu erzeugen. Buck jedoch nicht. Der schneidet nach einer kurzen Zwischenszene, die Bens Verwirrung und gleichzeitige emotionale Souveränität dokumentiert, direkt nach Phnom Penh, wohin er wieder gereist ist und wie beiläufig bekommt man mit, dass er selbst negativ ist. Fabelhaft.

Ein endgültiges Urteil mag ich mir nicht abringen - wenn man aber halbwegs mit den Klischees und der ästhetischen Konventionalität des Filmes zurecht kommt, kann man einiges in diesem Film entdecken. Und sich dann auch rühren lassen.

Sonntag, 14. Februar 2010

Halal (Liew Seng Tat, Malaysia 2009)


Mit diesem Kurzfilm wird uns auf extrem alberne und gutgelaunte Weise vorgeführt, wie man nach islamisch korrekter Art (Halal) Tiere schlachtet. In diesem Film am Beispiel eines Huhns. Leider ist der Film allzuschnell vorbei, um auf weitere kulturelle Unterschiede hinzuweisen. Aber das Filmteam ist auch schon angetrunken und mit Partymachen beschäftigt.

Dienstag, 9. Februar 2010

Gate of Hell / Jigokumon (Teinosuke Kinugasa, Japan 1953)


Japan währen der Heian-Periode im 12. Jahrhundert: zwei verfeindete Clans bekämpfen sich in Kyoto. Nachdem der loyale Samurai Moritoh ruhmreich gekämpft hatte, erhält er vom Fürsten das Privileg, jeden Wunsch erfüllt zu bekommen. Moritoh bittet um die Heirat mit der schönen Kesa, die jedoch, was Moritoh nicht wußte, bereits mit Wataru verheiratet ist. In Moritoh erwacht ungekannte Wollust und Habgier zugleich, und ihm ist jedes Mittel recht, um die ersehnte Vereinigung herbeizuführen.


Mit einem klassischen Samuraifilm haben wir es hier nicht zu tun, eher mit einem Historienfilm. Das Swordplay hält sich sehr in Grenzen, und wenn Kinugasas Drehbuch ein ordentliches Gemetzel hergäbe, dann springt er einfach zu dessen Ende. Stattdessen: Bilder, Farben, Kostüme. Drama. Wunderbares, saturiertes Technicolor. Die Kimonos sind herausragend. Reduzierte Musik, tolles Framing.


Der Cannes-Gewinner ist also keineswegs ein Action-Flick! Das sollte aber niemanden davon abhalten, sich diesen visuellen Oberhammer anzuschauen. Das Drama ist keines der Schwerter, aber das der Obsession eines besessenen Mannes, der sich kaum unter Kontrolle halten kann. Kazuo Hasegawas Performance als Moritoh ist wirklich eine Augenweide.

Angel in the Toilet (Imaizumi Koichi, Japan 1999)


Ein halbnackter junger Mann mit aufgeschnallten Engelsflügeln befindet sich in einer öffentlichen Toilette, in der er mit den hereinkommenden Männern Verkehr hat. In schnellen, verpixelten Flashbacks erinnert er sich an Szenen seiner Jugend, die von kleinen Berührungen losgetriggert wurden.


Koichi ist mit diesem Experimentalfilm ein sehr schöner 33 minütiger Kurzfilm gelungen: denn Nachzieheffekte, Farbfilter, ein hypnotischer Ambientscore, der sich durch elektronischen Minimalismus auszeichnet, und selbstironisches Kinderspielzeug saugen den Zuschauer an.


Mit der am Ende angebotenen Auflösung des Filmes als Traumsequenz macht sich der Film zunächst selbst kaputt, bevor er sich in einem weiteren Umschwung wieder fangen kann. Der Blick in die Wolken war tatsächlich nur ein Blick in die Wolken. 2002 drehte der Regisseur dann den recht erfolgreichen Film NAUGHTY BOYS. Schönes Gay-Cinema.

Hesus rebolusyonaryo / Hesus the Revolutionary (Lav Diaz, Philippinen 2001)



Manila in einer dystopischen Zukunft: ein Terrorregime unter einem Diktator hat die Macht an sich gerissen und nur noch einige wenige terroristische Widerstandszellen kämpfen für die Freiheit. Als heraus kommt, daß sich unter den Reihen der Revoluzzer ein Maulwurf befindt, wird Hesus befohlen, aus Sicherheitsgründen alle Mitglieder seiner Zelle zu exekutieren.
Fortan befindet er sich auf der Flucht auf der Suche nach seiner Geliebten, um aus der Hölle zu entkommen - und mehr als einmal muß er sich den Weg frei schießen.



Der für Diazsche Verhältnisse kurz geratene Film von 140 Minuten ist in körniger Digitalkameraoptik geschossen und die nicht immer gerade ausgefallene Bildgestaltung läßt einen des öfteren an TV-Film denken. Das außerdem ziemlich dialoglastige Actiondrama kann in ebendiesen Dialogen nicht überzeugen. Allzu deutlich werden hier Positionen ausgeführt, wird Meinung gemacht und Didaktik transportiert. Jedoch: nie von Hesus selbst, auf diesen wird immer nur eingeredet.



Der Protagonist bleibt uns fremd, er ist ein stiller Held. Wir wissen nicht, wo er herkommt und wo er hin will, was er denkt, wie er fühlt. Er ist ein Spielball mit Killerinstinkt, einer der kompromißlos feuert weil es um sein Überleben geht. Dennoch hat er die Sympathie des Zuschauers - und das ganz klar deswegen, da uns das sonstige Personal noch fremder ist.



Und obwohl es an HESUS sicherlich viel zu kritisieren gibt, ist er doch ein gewaltiger Film aufgrund seiner Unmittelbarkeit. Man ist sehr dicht dran an diesem stillen Getriebenen, man wandert mit ihm durch die Nacht und kann sein blutdurchtränktes Shirt beinahe riechen. Und spannend ist er außerdem, mit Action-, sprich Schießerei-Szenen wird nicht gegeizt. Wer gerne einen Vergleich haben möchte: optisch erinnert mich der Film an den kalt-nüchternen, körnigen BIRDCAGE INN von Kim Ki-duk, nicht jedoch an dessen Stilisierungen. Als Einstieg in Diaz' Werk hat mir HESUS gut (genug) gefallen. Mal sehen, ob ich mich an die Langfilme rantraue.

Montag, 8. Februar 2010

Fine, Totally Fine / Zenzen Daijobu (Yosuke Fujita, Japan 2008)

Yosuke Fujitas Erstlingswerk ist ein klein wenig ein besonderer Film: anstatt auf Klamotte zu machen und auf die schnellen Kicks für die Mitzwanziger-Generation zu setzen, kreiert er einen langsamen, beinah meditativen Film über Berufsjugendliche an der Schwelle zum sogenannten "Erwachsenwerden" Anfang 30. Der Regisseur, von Haus aus Theaterregisseur, setzt dabei auf kontemplative Ruhe, lange Einstellungen und unterschwelligen Humor, der durch die statischen Kamerapositionen eine gewisse Sprengkraft Richtung Losprusten entfaltet.


Doch worum geht's: drei Freunde finden eher schlecht als recht den Einstieg ins Berufsleben; Hisanobu arbeitet als stellvertretender Stationsleiter (oder sowas ähnliches) in einem Krankenhaus, der andere dreht einen Horrorfilm mit seinen beiden Freunden als Darsteller, die ihre echten Streitereien in den Film hineintragen; der Hauptdarsteller des Films, Teruo, Yoshiyoshi Arakawa, wohnt noch zuhause über dem Second Hand-Buchladen seiner Eltern und arbeitet aushilfsweise beim Gartenbauamt und träumt davon, ein Horror-Hostel zu eröffnen. In diese Konstellation platzt die enorm hübsche, und genauso schüchterne Akari, Yoshino Kimura, in die sich alle zeitgleich verlieben. Es fügen sich also mehrere Erzählstränge zu einem offenen Ganzen - offen deswegen, da man durchaus bemerkt, dass der Film nicht immer genau weiß, wo er hin will. Die sympathische Ausstrahlung macht das aber wett, und man läßt sich nur allzu gerne Mittreiben.



Weit davon entfernt deprimierendes Coming-of-Age Drama zu sein, oder übertriebenes Meta-Nerdkino für Horrorfilmfans und auch keinesfalls belangloses Wohlfühlkino für den verregneten Sonntagnachmittag der Melancholikerfraktion: FINE, TOTALLY FINE ist erstklassig inszenierte, humorvolle Unterhaltung. Ganz im ernst.

Sonntag, 7. Februar 2010

The Killer / Dip huet seung hung (John Woo, HK 1989)

Der Killer als Melancholiker im Neonlicht. Michael Mann hat sich für seinen MIAMI VICE ordentlich bei diesem Film bedient - und das nicht nur beim Schnellbootrasen. Meisterwerksnachlese hier.





Shin zatô Ichi: Yabure! Tôjin-ken (Kimiyoshi Yasuda, Japan 1971)



Der blinde Masseur mit dem schnellen Samuraischwert ist eine japanische Institution. In diesem Teil der Reihe trifft Shintaro Katsu auf den chinesischen Superstar Wang Yu, der hier den ONE ARMED SWORDSMAN gibt und aufgrund von Mißverständnissen und offensichtlicher Sprachbarriere zum Feind mutiert. Im Todeskampf gleichwohl, wer hätte es gedacht,... erfolgt die Einsicht, doch nun ist es: wie immer zu spät.



Dass der Film überhaupt zu einem Ende findet ist so mancher Unlogik geschuldet, jedoch es soll mir reichlich egal sein. Immer wieder liest man Kommentare derart, es gäbe keinen einzigen schlechten Zatoichi-Film. Nun, das mag sein. Doch dieser hier ist äußerst mittelmäßig und nur mit goodwill zu ertragen. Ich kann mich dem Hype jedenfalls nicht anschließen.



Kihachi Okamotos ZATOICHI VS YOJIMBO, in dem Katsu auf den großen Toshiro Mifune trifft, ist nicht nur eleganter inszeniert, von feinerem Humor, sondern unterläuft auch die Zuschauererwartungen mehrfach, was diesen zum deutlich besseren Film macht. Der Einarmige ist sicherlich schnell vergessen, und das ist nicht das Schlechteste. "Wir raten ab."

Mother Joan of the Angels / Matka Joanna od Aniolow (Jerzy Kawalerowicz, Polen 1961)

Eine Abtei im Nirgendwo, an einem ortlosen Ort. Über die Felder ein alter Vierkanthof. Dorthin reist der Jesuitenpater Jozef Suryn, um die vom Teufel besessenen Nonnen des Klosters zu exozieren. Diese verhalten sich auf gänzlich ungebührliche Weise: sie tanzen, lachen, essen Fleisch und scheinen auch erotischen körperlichen Gelüsten nachuzugeben. Suryn kommt an die Grenzen seiner Belastbarkeit und an die seiner Existenz. Um die Dämonen von Johanna abzuziehen verfällt er auf den Gedanken, selbst zum Hort des Bösen zu werden. Als er das Böse an sich zu binden sucht, muss er eine Übeltat begehen und erinnert sich des Beiles im Stall des Gasthofs...



Kawalerowicz' Film ist ein Meisterwerk. Nicht nur ist es visuell atemberaubend und formal beeindruckend, sondern auch äußerst furchteinflößend. Und das mit ganz geringen Mitteln. Ohne großes Budget und gänzlich ohne Special Effects wird hier eine dermaßen klaustrophobische und bedrohliche Atmosphäre aufgebaut, die ihresgleichen sucht.



Die Räume, Hallen und labyrinthischen Gänge der Abtei, das stechende Tageslicht, die Armut der Landbevölkerung, die Selbstkasteiungen eines unmenschlichen Glaubensgebotes, das Zurückhalten jeder Zwischenmenschlichkeit wirkt monumental in seiner bedrückenden Schlichtheit und wird im bescheidenen, aber lustvollen Leben des Gasthofs wiedergespiegelt. Nicht umsonst erscheint ein schiefes Flötenlied wir eine Befreiung.



Warum der Film kontextuell auf diesen Asienblog paßt - und das nicht nur als europäische Ausnahme, die ich mir ab und an gestatte - ist seine filmhistorisch wichtige Markierung in der japanischen Kinohistorie: Matka Joanna od Aiolow ist der allererste Film, den die ART THEATRE GUILD in Rahmen ihres Kunstfilmprogramms als Verleiher europäischer Kunstfilme aufführte. Vermutlich -das konnte ich nicht verifizieren (zu Beginn verfügte die ATG über 10 Spielstätten in verschiedenen Großstädten des Landes)- muß man sich das so vorstellen, daß bei der allerersten Aufführung am 20. 04. 1962 im Shinjuku Bunka in Tokyo das Licht ausging, der Projektor zu laufen begann, und dieser Film eine der wichtigsten, unabhängigen Filmkunstprojekte weltweit einläutete.



Kawalerowicz hatte mit seinem Film 1961 bereits den Jurypreis in Cannes eingeheimst, weitere Meriten sind nachlesbar. Ich empfehle den Text bei senses of cinema zum Einstieg.

The Old Crocodile / Toshi wo totta wani (Koji Yamamura, Japan 2005)

Der 1964 in Nagoya geborene, unabhängig produzierende Animationsregisseur Yamamura überzeugt hier mit einer Geschichte über ein uraltes, träges Krokodil, dass von seiner Sippe verstoßen wird, weil er seine Schwiegertochter aufgefressen hat.



Als er ein Octopusfräulein kennenlernt, die sich in ihn verliebt, hat er jedoch plötzlich jemanden, der sich um ihn kümmert. Sie füttert ihn nicht nur mit Fischen, sondern führt ihn auch noch aus Ägypten hinaus ins Rote Meer, wo sich sein Rheumathismus schlagartig bessert.

Jedoch: das Krokodil kann sich nicht zurückhalten, und verspeist jede Nacht ein weiteres Tentakel seiner Freundin, da diese so wohlschmeckend sind - glücklicherweise kann sie nicht gut zählen, und bemekrt den Verlust nicht. Doch eines Tages ist nur noch ein einziges Tentakel übrig und das Krokodil schon ganz verbrannt vor lauter Sonne und rotem Meer...



Interessanterweise steuert die Geschichte auf ein moralisches Ende zu, wie sich unschwer erkennen läßt, doch liegt die Überraschung nicht zuletzt darin, dass Yamamura sich mit einem sehr unerwarteten Twist aus der Affäre zieht, und sich der Plot nochmals in eine ganz andere, überraschende Richtung wendet. Gezeichnet ist der Zeichentrickfilm in einem sehr reduzierten schwarzweiß-Stil, und schreckt auch nicht vor Point-of-View-Perspektiven zurück, die man nicht erwarten würde. Erzählt wird die Geschichte von einem Off-Narrator. Sehr feiner Kurzfilm.

Freitag, 5. Februar 2010

Rescue Dawn (Werner Herzog, USA 2006)

Little Dieter wants to fly... sooo badly, dass er sogar dazu bereit ist, ein paar Napalmbomben für seinen Traum abzuwerfen: irgendwo fern der Heimat, in einen Dschungel hinein, auf einen "anonymen" Versorgungsweg irgendwelcher Vietcong.
Jedoch, die Mission geht schief, er wird beim ersten Einsatz abgeschossen und crasht fulminant in eine Reisfeldidylle hinein. Sattes Grün, Wälder, Schluchten: AGUIRRE-Flash. Die Vietnamesen - oder besser Laoten (wir sind in Laos) - sind darob nicht amüsiert, und als er sich weigert ein Papier zu unterzeichnen, dass dieses Land, das ihm diesen Traumflug ermöglicht hat, diskeditieren würde, kommt er irgendwo in einen Dschungel hinein, in ein kleines Camp voll halbirr gewordener Kriegsgefangener und durchdrehender Wärter mit Spitznamen wie "Little Hitler". Der Rest des Filmes ist Flucht.

Man muss schon sagen, dass Christian Bale den Dieter Dengler in seiner emotional ehrlichen Naivität äußerst überzeugend gibt, doch wenn er noch ein einziges Mal in seiner Karriere den halben Film lang DEN MUND OFFEN STEHEN LÄSST, dann drehe ich komplett durch. Das kann doch nicht wahr sein! Kann man denn seine Gesichtsmuskeln nicht irgendwie anders anspannen? Und das als Schauspieler! Steve Zahn dagegen als Duane: Hut ab, sehr tolle Leistung. Ebenso Musik und Herzogsche kontemplative Arthouseness: die Inszenierung des Schönen in Bedrohung ist ihm wieder hervorragend gelungen, kulminiert exemplarisch in dem einen Bild, als Duane auf den Boden blickt und detailverliebt die 1 fleischfressende Pflanze aus dem Urwald heraus in den Filmstrom hebt, den Finger leicht auflegt und sich die Blätter langsam schließen. Das ist ganz wunderbar, magisch, wunderschön herzzerreißend und vor allem: wichtig. Gerade solche Szenen machen den Film aus. Der Schluß wäre mir dann nicht nötig gewesen, paßt aber tolerablerweise zur Handlung.
Pflichtfilm.