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Sonntag, 28. März 2010

The most Beautiful / Am Allerschönsten / Ichiban utsukushiku (Akira Kurosawa, Japan 1944)


Obwohl Kurosawas zweiter Spielfilm ein semi-dokumentarischer Propagandafilm ist, der zu Hochzeiten des Zweiten Weltkriegs strengen Zensurvorlagen unterlag und vor allem zur Stärkung der Kriegsmoral dienen sollte, ist ihm dennoch das Kunststück gelungen, ein in Ansätzen charakterorientiertes Drama zu inszenieren. Der „westlichste japanische Regisseuer“ suchte auch in diesem Film, der in größerem Rahmen sicherlich auf die Stärke des Gruppenzusammenhalts abzielt, durch Heraushebungen einzelner Figurenschicksale einige der Charaktere mit Leben zu füllen und eine allzu offensichtliche Instrumentalisierung der Individuen zu umgehen.

Der Inhalt des Filmes ist schnell zusammengefasst: eine Gruppe von Arbeiterinnen in einer Fabrik für optische Präzisionslinsen, die in Kriegsgerät eingebaut werden, geraten unter Druck, als sie sich selbst ein unnötig hohes Ziel zur Erlangung der Produktionsquote stecken; eines, das kaum zu schaffen ist. Selbst die Fabrikleitung – unter ihnen Takashi Shimura – ist um die Gesundheit der Frauen besorgt; denn diese arbeiten in patriotischem Geiste bis zur völligen Erschöpfung an der Erfüllung des Plans und ignorieren krankheitsbedingte Alarmsignale ebenso wie familiär-persönliche Schicksalsschläge – alles im Dienste für's Vaterland.

Kaum zu ertragen, könnte man meinen. Und tatsächlich ist dieser Film nur vor der Folie des gesellschaftspolitischen Hintergrundes ansehbar. Hat man diese Prämissen aber akzeptiert wird der Blick frei (abseits des Marschier-Trainings und der ständigen Volkslieder, die die Niederschlagung mongolischer Barbarentruppen zum Thema haben) für die eben oben genannte individuelle Dramen der Damen, sowie Kurosawas formale Finesse. Die Mixtur aus Zitaten des Dokumentarfilms in Verbindung mit Spielfilmelementen bewirkt eine Spannung zwischen Allgemeinheit und Individuum, Gruppe und einzelnem Charakter. Verstärkt wird dies durch die Abbildung der Arbeitsplätze und Maschinenräume der Fabrik, die dem Film immer wieder eine quasi-objektive Nüchternheit verleihen. Besonders stark wirken da gegengeschnittene Bilder der euphorischen jungen Frauen etwa in dem famos montierten Volleyballspiel, das meiner Meinung nach zu einer der schönsten Stellen der Filmgeschichte zählt, was Dynamik, Tempo, Einstellungswechsel und Rhythmik angeht. Da verbindet sich das zeithistorische Dokument auf's Schönste mit der Expertise des Spielfilmregisseurs.

Der Film, den Kurosawa in seiner Autobiographie So etwas wie eine Autobiographie als seinen Lieblingsfilm herausstellt, hat ihm auch persönliches Glück gebracht. In seiner Hauptdarstellerin, mit der er anscheinend viele Kämpfe auszufechten hatte, fand er seine zukünftige Ehefrau. Die anderen Darstellerinnen aber gaben nach den anstrengenden Dreharbeiten zu THE MOST BEAUTIFUL ihren Beruf auf und drehten nie wieder einen Film.

Dienstag, 23. März 2010

Sanshiro Sugata (Akira Kurosawa, Japan 1943)

Über Kurosawa ist schon sehr viel geschrieben worden: Essays en masse, Bücher, Texte im Netz. Auch und immer wieder über seinen allerersten Spielfilm: wie souverän der noch junge Regisseur sein Metier bereits auszuführen wußte. Seine Ausbildung bei Yamamoto, der Tod seines filmbesessenen Bruders, der den Niedergang des Benshis nicht verkraften konnte. So die Legende. Über Uma/Perde, Kurosawas quasi-ersten Film, an dem er maßgeblichen Regie-Anteil hatte.
Wie also soll man sich so einem Monument des Weltkinos nähern? An seinem Geburtstag, an dem es sogar in den großen Tageszeitungen in Deutschland zu Würdigungen seines Werkes kommt?
Für mich ganz klar: über Details. Hier findet sich keine umfassende Abhandlung zum großen Judoka, aus Schüchternheit, Faulheit, Überfordertsein. Was also hat mir besonders gefallen?
Drei Dinge:
1. Der Held als unheroische Identifikationsfigur, das Drama als coming-of-age-Erzählung. Nur der "unfertige" Charakter des Judokas Sanshiro kann in seiner Ungestümheit die festgeformte Finesse des Jujitsu-Experten brechen.
2. Der finale Kampf am Ende auf dem wogenden Kornfeld - DIE Blaupause für asiatische Duellsituationen von HARAKIRI bis HOUSE OF THE FLYING DAGGERS. Und dann ganz besonders: es ist eben NICHT der aus dem Kampf erwachsen hervorgehnende Held, das Kind, das zum Manne geworden ist und die Frau als Trophäe mit nach Hause nimmt. Er bleibt der kleine Junge im Zug, der sich schüchtern um die Dame kümmern muß, bis der Film das (?) junge Paar verläßt, und uns mit den Segnungen der Ruhe aus dem Film entläßt.
3. Die Übergänge, extremst elegant. Hier ein Reihe Screenshots, wie Kurosawa das Vergehen von Zeit anhand der von Sanshiro abgelegten Holzschuhe (seiner Geta) inszeniert:









Es wechselt das Wetter, es ändern sich die Jahreszeiten, es knabbert ein Hund, es vergehen Jahre. Am Ende schwenkt er vom Fluß hoch in eine Straßenszene zu einem Kampf zweier Betrunkener, einer davon der nun technisch erfahrene Sanshiro. Solcherlei eleganter Delikatessen der poetischen Erzählökonomie gibt es zuhauf: auch etwa das Motiv der Lotusblüte oder der "Gewebe" (Stoffe, Papiere, usw). Ich habe den Film jetzt zweimal gesehen. Ich glaube aber, man kann ihn sich unzählige Male anschauen.

Freitag, 12. März 2010

Murderer / Saat yan faan (Roy Chow, HK 2009)


Zwei Cops jagen einen besonders grimmigen Serienkiller: gemeinerweise benutzt dieser eine Bohrmaschine, um die Rücken seiner Opfer mit Mustern zu perforieren. Doch immer deutlicher scheint die Spur auf Kommissar Ling(Aaron Kwok) selbst hinzuweisen
Lange Zeit ist also nicht klar, ob Kwoks möglicherweise gespaltene Persönlichkeit, die Ursache für den Ärger ist. Diese ist jedoch unwahrscheinlich offensichtlich dargestellt, so daß sich dem Zuschauer recht schnell die Frage stellt, ob dies nicht doch nur eine falsche Fährte ist. Die Überdeutlichkeit der Ausformulierung des Motivs läßt auf ein anderes Anliegen des Filmes schließen – welches sich nach gut 1,5 Stunden Laufzeit manifestiert.

Das Übel ist selbstverständlich in der Vergangenheit, in einem verdrängten Ereignis in der Kindheit zu finden. Und es ist dermaßen knalldoof, daß es MURDERER mit Leichtigkeit mit der Gruselgurke ORPHAN aufnehmen kann.
Richtig gut gelungen ist der perkussive und teils beinah abstrakte Score, der den Film deutlich aufwertet, auch wenn er nicht immer auf billige Schocks verzichtet. Auch optisch hat er einiges zu bieten, es gelingen immer wieder schön geschossene Bilder.
Es findet sich aber auch weiter Dämliches: alle halbe Stunde etwa fasst der Film in einem Selbstgespräch Kwoks nochmal alle Fakten zusammen – wohl für die Zuschauer, die entweder mental überfordert sind, eben mal auf dem Klo waren, geknutscht hatten oder eine wichtige Sms beantworten mußten. Das ist doch mal ein Service, auf die kein Honk verzichten möchte.


Auch Kwoks Overacting ist vor allem in den tragödienintensiven Leidensszenen kaum auszuhalten. Wer am meisten grimassiert, muss wohl auch der wichtigste Mann am Set sein. So scheint es zumindest des Superstars Einschätzung zu sein. Das schlägt teilweise sogar ins Absurde um - umso feiner jedoch wirkt das zurückhaltendere Spiel seiner Frau oder der Kollegen.

Schlußendlich läßt sich konstatieren: dieser Film ist wie Pizza-Essen. Man kennt es zur Genüge, dennoch schmeckt es meist recht gut und muß in regelmäßigen Abständen genossen werden. Genauso schnell allerdings ist der meist sehr durchschnittliche Geschmack auch wieder verflogen. Zum Glück muß man sagen... denn selig sind die Vergessenden.