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Donnerstag, 30. Dezember 2010

At the very Bottom of Everything / Di dasar segalanya (Paul Agusta, Indonesien 2010)

...ist ein experimenteller Film über eine Frau mit bipolarer Störung, einer Frau, die also manisch depressiv ist. Das Krankheitsbild dieser psychischen Störung ist meines Wissens eines der enormen (Stimmungs- und Antriebs-) Schwankungen; so ist der Kranke entweder enorm aktiviert (manisch) oder extrem antriebslos und gedrückter Stimmung (depressiv).

In einem karg eingerichteten und von drei farbigen Neonröhren erhellten Raum sitzt eine Frau in einem Sessel, rauchend, über sich und ihre Krankheit sprechend. Schon hier beginnen sich die Wahrnehmungsräume zu vervielfältigen, denn durch Überblendungen visuell dargestellt lösen sich verschiedene personae ihres Ichs und laufen durch den Raum, vorwärts, rückwärts, überlagern sich usw.

Neben diesem "konkreten" Realraum springt der Film in 10 Kapiteln in imaginierte, wahnhafte Räume, in der die Ausgestaltungen der Krankheit visualisiert werden. Diese sind naturgemäß völlig unterschiedlich dargestellt: ein Mann abstrakt schwarz/weiß vor tropische Kulisse im Sand daherrobbend, eine Frau am Kreuz, blutüberströmt, explodierende Blumen und Puppentrick- Animationen, dann ein rattenähnliches Wesen, das von anderen Ratten aufgefressen wird. Dies ist alles enorm stilisiert, künstlich, theatral. Der Film folgt logischerweise keinem Erzählfaden, vielmehr werden Stationen visualisiert, besser: Zustände.

Ein verbindendes Motiv gibt es dennoch: das des "unten Ankommens" und die Angst davor. Einmal wird von einem Brunnen gesprochen. Dieses Bild, bei dem sich der Körper am weitesten von seinem bisherigen, "normalen" Leben abgelöst hat, am weitesten von der Gemeinschaft entfernt ist, steht als Motiv über dem ganzen Film als die endgültige Vernichtung des Ichs. So sind auch die Monologe der kranken Frau (Kartika Jahja) oft nur Gestammel, das nur in einem sehr hermetischen Kosmos sinnstiftend sein mag. Der Zuschauer jedoch verliert bereits nach kürzester Zeit den Zugang und steht draußen vor der Tür. Wohl wie im wirklichen Leben.

Es offenbart sich dadurch eine Machtlosigkeit gegenüber dem Film, der auf seine Weise unangreifbar wird. Ein Film, der laut Selbstaussage des Regisseurs (Jahrgang 1980) auf eigenen Erfahrungen beruht. Dass er am Ende einen positiven Ausblick anbietet, ist ihm hoch anzurechnen. Anknüpfungspunkte für den Zuschauer sind jedoch wenige vorhanden und so fällt es nicht nur schwer, bei der Sache zu bleiben, sich auf die Thematik einzulassen, sondern ebenso den künstlerischen Aspekt wert zu schätzen. Es ist eben eine sehr private Hölle, die da gezeigt wird, und deren ausgestaltete Notwendigkeit dürfte vor allem im Subjektiven verankert sein: "my intention was to go inside the head of a bipolar person and give a tour inside".

Für den Zuschauer aber ist der Film erstmal ein abstraktes Kunstobjekt, aus wessen Geist auch immer. Es ist sicher löblich, dass Agustas Film keine kitschigen Abziehbilder liefert für ein falsches und sowieso völlig problematisches Mitgefühl - er ist möglicherweise dergestalt sogar am Ehrlichsten: in der Transponierung der Erfahrungen auf eine andere, mediale Wirklichkeitsebene. Das ist stets interessant, aber zugleich enorm anstrengend und leider auch unendlich langweilig.

Montag, 27. Dezember 2010

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)


Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cinéma vérité" agierenden bezeichnet wird. Hier kann es also trotz aller ästhetischen Realitäts-Stilisierung direkt, hart und brutal werden. Manila von unten, sozusagen. Was ihnen auch schon zum Vorwurf gemacht wurde: das Land für den westlichen Blick auszubeuten, für diesen die philippinische Realität zu skandalisieren. Mancher denkt da auch an Lino Brockas Dramen von Außenseitern und Verstoßenen.

In MASAHISTA jedenfalls widmet sich Mendoza den an den Rand (auch konkret räumlich an den Stadtrand-) Gedrängten Jugendlichen, die als Masseure in einem Massagesalon arbeiten, der ausschließlich von Homosexuellen frequentiert wird und die für ein kleines Entgelt weiterführende Dienstleistungen in Anspruch nehmen können.

Filmisch verschaltet Mendoza zwei Erlebniswelten seines Protagonisten Iliac (Coco Martin) parallel: einmal wird seine Arbeit in besagtem Massagesalon gezeigt, dann wird im anderen Strang vom Tod und der Beerdigung seines Vaters erzählt. Hier schneidet Mendoza hin und her, wobei sich beide Ebenen zunehmend zu überlagern beginnen, und Iliac in der Beschäftigung mit seinem schwulen Kunden, einem älteren Herren, der in ihm die Erinnerung an die Vaterfigur wachruft, sich dem Erwachsenwerden stellen muss. Ebenso der Auseinandersetzung mit der Familie (ein Matriarchat), sowie seiner Freundin, die im Taxi vor dem Haus auf ihn wartet, bis dass er endlich seinen Kunden "bedient" hat. Es entwickelt sich also nicht nur eine Spannung innerhalb des Protagonisten, der im Coming-of-Age-Drama einen Erkenntnissprung macht, sondern auch eine Spannung zwischen den beiden bestimmenden Raumkonstellationen des Massagesalons (in der Nacht) und des Zuhauses (am Tage). Mendoza arbeitet mit Ellipsen, wackeligen Handkamerabildern in den Straßenszenen, sowie langen Einstellungen in den Kabinen des Salons. Mit betörender, dunkel nachtschwerer Erotik in der Darstellung der sich annähernden Körper.

Gegen Ende wird der Film zunehmend ungemütlich, tragisch und gewalt(tät)ig. Im Abspann dann erreicht er einen wunderschönen melancholischen, tranceähnlichen Höhepunkt - auch dank der sehr zurückhaltenden, tollen minimalistischen und atmosphärischen Musik. MASAHISTA ist ein faszinierender Film, der große Lust auf weitere Entdeckungen macht.

Sonntag, 26. Dezember 2010

4:30 (Royston Tan, Singapur 2005)


Der elfjährige Xiao Wu kämpft sich durch den Alltag, was bei ihm soviel bedeutet wie: Schule, absente Mutter (in Beijing), herzloser Vater, Nudelsuppe, Wunsch nach Anerkennung. Royston Tan, der "bad boy" aus Singapur, aufgefallen in der Videokunst-/Kurzfilmszene und immer wieder vertreten auf Filmfestivals zu Uhrzeiten, wenn keiner ins Kino geht, macht hier einen Film nicht als Erzählung von Geschichte, sondern als Erzählung aus Bildern. Markant also schonmal die beinah komplette Abwesenheit von Sprache. Tan gibt uns keine Hilfestellungen wie Namen, eine Einführung in das Geschehen, irgendwie Zugang. Man ist unmittelbar mittendrin (wie in einem Kurzfilm), ultimativ, ganz, ohne Vorwissen. Und dann kommt erstmal der Krimiplot, die heimliche Durchstöberung der Habseligkeiten des - was man noch nicht weiß - stets betrunkenen Vaters.
4:30 ist dabei zugleich total stilisierter Kunstfilm mit seiner statischen Kamera, der Sprachlosigkeit, der Wahl der Bildausschnitte, der blauen und grünen Einfärbungen. Kunstfilm deshalb, weil der Film seine Ästhetik offen zur Schau stellt. Dass das nie langweilig wird, ist sicher eine Leistung - und am Ende kommt es auf leisen Sohlen knüppelhart, unerwartet. Aber auch mit leisem, sehr leisem Humor. Wo ist nur die Zeit geblieben? Ein unerwartet ruhiger, schöner Film.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Fire of Conscience / Fire Dragon / For lung (Dante Lam, Hongkong 2010)


Die beiden Cops Kee (Richie Ren) und Manfred (Leon Lai) beginnen zusammen zu arbeiten, als sich herausstellt, dass ihre Fälle einen gemeinsamen Hintergrund haben. Der Saubermann Kee überrascht dabei plötzlich mit radikalen Methoden, die ihm niemanden zugetraut hätte. Manfred ist sowieso ein harter Hund, seit die böse Unterwelt seine Frau samt ungeborenem Kind auf dem Gewissen hat. Dass Kee einen hinterlistigen Plan ausführt, stellt sich erst heraus, als schon so einiger Blutzoll entrichtet wurde.

Dante THE BEAST STALKER Lams neuer Film ist ein verworrenes Etwas: das Skript geht in den ersten beiden Dritteln völlig drunter und drüber, es weiß Aktionen nicht zu gewichten, die gleichzeitigen Ermittlungen in den drei (!) Kriminalfällen bleiben über weite Strecken nicht nachvollziehbar. Stark wird der Film immer in seinen Actionszenen; und da kann man wohl sagen, dass es Lam wie kaum ein anderer schafft, diese von der ästhetischen als auch von der kreativen Seite her unvergleichlich zu inszenieren (siehe der Anfang). Das ist dermaßen gut und überraschend choreographiert und eingefangen, von einem unglaublichen Tempo und einer Frische, die völlig einnehmend wirkt. Es ist beinah ein Unding (und man bemerkt es erst gar nicht): in diesen Szenen läßt Lam tatsächlch alle Musik komplett weg! Doch diese Stille wirkt in ihrem Kontrast enorm spannungsaufbauend, sie saugt einen dermaßen an und läßt die brutalen Stellen unerträglich herbe wirken (ganz im Gegensatz zum hollywoodianischen Inszenierungshabitus, alles in Score und Geräuschwelten zu ertränken, so dass vom Crash, vom Punch, vom Schuß und Gesplitter schon gar nichts mehr wahrzunehmen ist, da es sich in all den Krabumm eingliedert.) Hier ist jeder Schlag noch ein Schlag - auch weil man ihn einfach nur ganz dezidiert hört. So einfach kann's gehen.

Gegen Ende glätten sich die Wogen der Konfusion dann etwas, der Film erklärt sich durch Flashbacks, macht Motivationen und Hintegründe deutlich, er rundet sich merklich. Das bedeutet aber nicht, dass er nicht doch stets in seinen ausufernden Subplots zu ertrinken drohte. Doch der excellente Cast macht einiges wett: auch die Hauptfiguren der zweiten Reihe sind ausgezeichnet. Michelle Ye als toughe Polizistin May, die viel herumgeschickt wird, Kai Chiu Liu als Bao Wang, der sich mit den Gangstern eingelassen hatte. Und am Ende dürfen wir trotz der vielen Toten und der zerstörten Leben noch etwas Gnade erfahren...

Freitag, 10. Dezember 2010

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)


Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden.

Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams.

ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht mit harten Details. Die Ruppigkeit, eine konsequente Rücksichtslosigkeit die sich in seinen früheren Filmen Bahn gebrochen hatte, ist hier aber geglättet. Waren die beiden Vorläufer noch Filme von der Straße, so ist dieser einer der Intellektualität, einer der auch den Crash zur Struktur hat. Insofern passt diese Glättung gut zum Film.

In der zweiten Hälfte jedenfalls, nach dem Anschlag auf das Team, wandelt sich der Film: er wird zu einer psychologischen Reise ins Innere des Protagonisten. Er zieht sich zurück, wähnt sich verfolgt, die Ebenen von Realität und Fiktion/Wahn verwischen. Hier zeigt sich Cheangs Können, der diesen Wechsel in der Tonlage phantastisch hinbekommt und das Spannungslevel sogar noch zu intensivieren weiß. Kluge Ideen, wie die Beschattung des mutmaßlichen Feindes (die ich nicht spoilern werde), verleihen dem Film Originalität und auch: Tragik. Die knackig-kurze Laufzeit und überzeugende Darsteller tun ihr übriges, um aus ACCIDENT einen gelungenen Film zu machen.

Soi Cheang ist jedenfalls eine sehr heiße Adresse im Hongkonger Genre-Filmgeschäft geworden. Dem Man ist alles zuztrauen. Wir dürfen gespannt sein!