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Dienstag, 22. Februar 2011

Vampire of Quezon City (Khavn, Philippinen 2006)


Nachdem mehrere junge Frauen in Quezon verschwanden und dann vergewaltigt und ausgeweidet wiedergefunden wurden, liegt der Verdacht nahe, es mit einem Aswang, einem Vampir, zu tun zu haben. Ein skrupelloser Polizist macht sich auf die Suche und gerät auf die Spur eines irren Serienkillers....


Ganz im Gegensatz zu dieser straighten Inhaltsangabe hat man es hier mit einer Geschichte, die sich erst nach und nach offenbart, zu tun, einem sehr brutalen und expliziten, zugleich stets verstörenden Konfrontationsfilm des kontroversen philippinischen Undergroundfilmers. Generell läßt sich sagen, dass Khavn seine Filme völlig unabhängig produziert und es zu seinem Programm macht, gegen die Gesetze, Anforderungen und Standards des Mainstreamkinos zu verstoßen (auf seinem youtube-Kanal sind z.B. ständig wechselnd seine Filme in voller Länge zu sehen); auch ein Manifest hat er für das digitale Kino verfaßt: Digital Dekalogo: Re-Defining Video. Hier ein Auszug:

Digital Dekalogo
A Manifesto for a Filmless Philippines


Film is dead. It is dead as long as the economy is dead, when public taste and creativity are dead, when the imagination of multinational movie companies is dead. At millions of pesos per film production, there is not going to be a lot of happy days for the genuine filmmaker, the true artist who wants to make movies, not brainless displays of breasts and gunfire.

But technology has freed us. Digital film, with its qualities of mobility, flexibility, intimacy, and accessibility, is the apt medium for a Third World Country like the Philippines.

Film is dead. Please omit flowers.

I. Economics: A minute of celluloid film including processing costs around P1,500. A minute of digital film costs around P3. Do the math.

II. The only way to make a film is to shoot it. Shoot when you can. Do not delay. If you can finish everything in a day, why not? Sloth is the enemy of the Muse.

III. Your attitude towards filmmaking should be that of an amateur—half-serious, playful, light, not heavy, thus without baggage. There are no mistakes; the important thing is you learn.

IV. Utilize all elements within your resources. If you have a knack for music, score your own soundtrack. If you have writing skills, craft your own screenplay. If you have money, invest in gear.

V. Work within a minimized budget. Artificial lighting is not a necessity. The story is king—everything else follows.

VI. Work with what you have.

VII. Forget … the star system. Work only with those who are willing to work with you, and those who are dedicated to the craft.
[Quelle; und hier der Link zur verfilmten Version auf youtube]

Doch zurück zum Film: Die Perspektive wechselt dabei ständig zwischen der des Täters und der des Polizisten. Die graphisch recht deutlichen Szenen (bei denen übrigens keine "female nudity" zu sehen ist) wirken insbesondere deshalb drastisch, da direkt zu Beginn bereits der Täter ungerührt mit einer Erektion abgelichtet wird, und mit dieser mehrere Minuten im Bild herumläuft (und dann auch eine Masturbationsszene gezeigt wird).

Gedreht auf Video in schwarz/weiß arbeitet Khavn sich durch seinen nicht linear erzählten Plot, welcher nur in den monologischen Szenen intradiegetischen Ton bietet. Ansonsten ist dieser komplett extradiegetisch und hauptsächlich von einem elegisch-religiösen Orgelthema bestimmt (unterbrochen von abstrakten Geräuschkatarakten), das den realistischen und zugleich hypnotisch-stilisierten Bildern eine extrem unheimliche Atmosphäre verleiht. Nicht immer ganz stilsicher ist das, etwa wenn auf die Biographie des Täters eingegangen und die Figur mit psychologischer Tiefe grundiert wird (etwas platte Gürtel-Szene; jedoch schöne grausame Szene mit dem Hund im Sack). So ist hier also durchweg ein recht hoher Härtegrad durchzustehen: Schläge und Mißbrauch im Kindesalter führen zu dieser verkorksten Biographie, die in den religiös-mythologischen Wahngebilden eine Übersteigerung in der Figur des Aswangs Ausdruck findet und mit der Ausweidung von Körpern und deren Verzehr ihren grausamen Höhepunkt erreicht.

Der englische Titel des Filmes führt uns Westler etwas in die Irre: der Vampir, um den es hier geht, ist, wie gesagt, ein philippinischer Aswang, eine tief in der Mythologie verwurzelte Gestalt, die eher einem Ghoul gleichkommt, einem Leichenfresser (daher das Ausweiden und Essen der toten Frauen) - der aber je nach Herkunft - und hier kommt das vielgestaltige Inselreich der Philippinen hinein, verschiedene Formen annehmen kann. Siehe die Ortlosigkeitsthematik im Film: dieser Aswang ist ein Streuner, einer, der seine Heimat verlassen hat (Visayas) auf der Suche nach seiner Mutter und in Quezon strandete.
Eine der möglichen Gestalten des Aswang ist aber doch tatsächlich ein vampirähnliches Geschöpf, das "mit [seiner] langen, dünnen und hohlen Zunge die Babys im Mutterleib einer schlafenden Schwangeren aussaugt" (wikipedia). Im Film findet sich eine solche Szene, in der der Killer mit seiner zusammengerollten Zunge sich dem Bauchnabel einer Schwangeren nähert und an diesem zu saugen beginnt. Die Szene hatte ich ohne dies Vorwissen bei der Sichtung gar nicht verstanden - ich meinte, es sein eine abstruse erotische Praxis, das innere des Bauchnabels zu küssen (um Eingang zu erhalten o. ä.).


Ein reflexives Moment am Ende weiß dem Film nochmals eine weitere Ebene hinzuzufügen, die den Zuschauer weiterhin ungemütlich verunsichert zurückläßt, ohne schönerweise mit einer überpointierten Überraschung zu protzen. VAMPIRE OF QUEZON CITY funktioniert auch deshalb so gut, da man hier mitten in der Großstadt ist und den alltäglichen Stadtsound mitbekommt, ganz beiläufig - sich also fern aller Exotik befindet und hier auch logischerweise ohne üppige Produktionsbudgets gearbeitet wird. Ein Raum, eine Kerze, ein Stuhl, ein wenig Matsch. Daraus macht der Mann einen experimentellen, mythologischen Folterfilm, der in den Magen haut. Das ist allein für sich schon sehenswert. Gute Filme brauchen nicht immer viel Geld.



[Eine gute Einführung zu Khavn findet sich bei The Canine Condition (von Lukas Foerster).]

Sonntag, 20. Februar 2011

Dämon / Kichiku / The Demon (Yoshitaro Nomura, Japan 1978)


Die Geschichte über die unverhoffte Elternschaft über drei Kinder stürzt einen am Hungertuch nagenden Drucker und seine Frau in die Crisis, die alsbald zu ungewöhnlichen Mitteln greifen, um sich ihrer Probleme zu entledigen.


KICHIKU ist auch für einen Kinderlosen wie mich -ehrlich gesagt- kaum ankuckbar. Die Handlung nimmt eine dermaßen brutale Wendung, die jedes Maß des Erträglichen übersteigt. Und wie in bereits jedem der von mir gesehen Filme Nomuras kommt auch hier wieder das Motiv der - ich nenne das mal so - Gefährlichen Fremde in Anschlag. Auch hier sind die Figuren (aus ihrer Heimat) mit dem Zug in die Fremde hinein unterwegs (in THE STAKEOUT, CASTLE OF SAND und ZERO FOCUS zum Ort des Verbrechens). Diesen Übergangsphasen werden in stets ausführlichen Bildern gehuldigt. In DÄMON werden die Kinder zum verheirateten Vater gebracht, und von der Mutter unwissend so mitten in der Hölle abgeliefert. Denn dessen Ehefrau ist naturgemäß wenig davon begeistert, sich nun um die drei Kinder der über Jahre hinweg heimlich ausgelebten Affäre ihres Gatten zu kümmern. Dass sie aber zu solch grausamen Mitteln greifen würde, hätte man nicht vermutet.


Wer also nun der titelgebende Dämon in dieser Erzählung ist, das bleibt ungewiß. Die tatsächlich als unausstehliche Hexe inszenierte Gattin, der Vater, der trotz seines Gewissens zum Mörder wird (Ken Ogata spielt absolut fantastisch, was sich besonders in seinem großen Monolog gegen Ende in der Herberge zeigt), oder vielmehr die betrogene und belogene Mutter, die aus Not die Kinder zurückläßt um sich zu rächen? Hier hat jede der erwachsenen Figuren ihren nicht geringen Anteil am Unheil.

Freitag, 18. Februar 2011

Kanikosen / The Crab Cannery Ship (Hiroyuki SABU Tanaka, Japan 2009)


Sabus Adaption ist nunmehr die dritte (oder vierte?) des ungewöhnlicherweise aktuell gewordenen Themas: dem Film liegt ein Roman von 1923 des Autoren Takiji Kobayashi zugrunde, in welchem "at the height of Japan’s proletarian literature movement" die Arbeiter auf einem Krabbendampfer gegen ihre unmenschliche Ausbeutung revoltieren. 1953 erfuhr der Text eine erste filmische Umsetzung durch So Yamamura, in dem etwa Masayuki Mori zu sehen ist, der als Kurosawa-Regular aus RASHOMON, THE BAD SLEEP WELL oder als Myshkin in THE IDIOT bekannt sein dürfte. 2008 erfolgte eine enorm erfolgreiche Mangaumsetzung, über die es hochqualitativ hier bei néojaponisme einiges zu lesen gibt.


Sabus Umsetzung darf trotz einiger Untiefen als gelungen bezeichnet werden, übersetzt er doch die Handlung in einen zeitgenössischen Kontext, der durchaus auch aktuellen, pop- und jugendkulturellen Aspekten Genüge trägt (Musik, T-Shirts usw). In vielen Szenen als Kammerspiel inszeniert, wird die stetig zunehmend bedrückende und äußerst gewalttätige Atmosphäre durch etwas Humor aufgelockert (etwa die Massenselbstmordszene), doch begibt sich der Film so auf eine etwas schiefe tragikomische Ebene, bei dem der Zuschauer nicht weiß - vor allem vor dem Hintergrund sonstiger Arbeiten Sabus - was er da eigentlich genau sieht.

Ryuhei Matsuda als Protagonist ist klug gewählt, der gutaussehende und charismatische Schauspieler kann voll überzeugen und gibt dem Film nach etwa 40 Minuten so etwas wie ein emotionales Zentrum; denn die übrigen Darsteller sind notwendigerweise keine psychologisch ausgestalteten Figuren, sondern als Typen oder Funktionsträger angelegt (ein distanzierender Aspekt der Performanz, der sicherlich vielen jüngeren Rezipienten die Anknüpfung erschwert). Bis dahin schaut man also verwundert dem abstrakten Treiben zu. Als nach einer Stunde Spielzeit dann klar wird, worauf der Film hinausläuft, und am Ende noch der Ausblick auf die Utopie möglich wird, ist man doch positiv überrascht - und ich zumindest gnädig gestimmt. Die erste Hälfte des Filmes macht es einem nicht gerade leicht, vor allem ohne Vorkenntnis des Stoffes. Japaner müßte man sein, dann würde man sich nicht so unbedarft dem Film zugewandt haben. Die Frage aber bleibt, wie man heute einen derart politischen Film auf dem Markt platzieren kann, der sein Zielpublikum (eine größtenteils entpolitisierte Jugend) überhaupt erreichen kann.

Sonntag, 13. Februar 2011

Funuke - Show some Love, you Losers! / Funuke domo, kanashimi no ai wo misero (Daihachi Yoshida, Japan 2007)


Eine Familie auf dem Land sehen wir hier, eine, die auch ordentlich Düsenantrieb besitzt: der Film beginnt mit einem Crash. Da ein LKW fatalerweise einer auf die Straße laufenden schwarzen Katze ausweicht, werden die Eltern überfahren. Da kommt die ältere Schwester, ein glück- und talentloses Schauspielsternchen aus Tokyo nach Hause, da sie kein Geld mehr für ihren Schauspielunterricht geschickt bekommt. Ihre kleine Schwester, eine heimliche Mangazeichnerin mit einem Asthmaproblem und ihr älterer Stiefbruder (der seine Ehefrau mißbraucht) erwarten sie mit gemischten Gefühlen: denn hier hat jeder seine Leiche im Keller. Und so dreht der Film bald auf Hochtouren, wenn die egomane Schwester die ländliche Ruhe durcheinander zu wirbeln beginnt...

Yoshida gelingt es ausgezeichnet, einen zugleich ruhigen und hysterischen, einen traurigen und fröhlichen, einen liebenswerten und spannenden Film zu gestalten. Auch ein großes Lob gebührt den überzeugenden Schauspielern, vor allem den Protagonisten, die allesamt die Brüche in ihren Figuren glaubhaft darzustellen wissen. Auch der Humor, der sich häufig mit Gehässigkeit, Brutalität, Neid und Mißgunst paart, wird niemals selbstzweckhaft für einen billigen Lacher mißbraucht - ebensowenig desavouiert er seine Figuren. Glaubhaft wirkt das alles, gerade soweit wie notwenig kondensiert und mit einem Ticken Hilariousness versehen, dass sich der Film über den normalen Wahnsinn des Alltags erhebt und zu einem staunendmachenden Wunderkind gerät. Hier darf man, das merkt man schnell, lachen, weinen, mitfühlen, ohne dass man sich maipuliert vorkommt.

Dass sich der Film sowohl als Familiengeschichte, als coming-of-age-Drama und Kunstkommentar lesen läßt, der vielleicht sogar gesellschaftskritisch mit ironischer Spitze gegen einen unmenschlichen Kapitalismus und eine ausbeutende Kulturindustrie vorgeht und zugleich als Metareflexion über das Filmemachen funktioniert (und sich dabei nie überhebt) ist schon ein recht feines, üppiges Potpourri der Themen und Motive - umso verwunderlicher, dass dies alles so gut funktioniert und zusammenpasst. Ein großartiger "kleiner" Film eines ehemaligen Werbefachmannes, der zudem für diesen seinen Debutfilm den "best new director"-Award beim 29th Yokohama Film Festival gewann. Ein überraschend toller Film.

Freitag, 4. Februar 2011

Hold Up Down (Hiroyuki SABU Tanaka, Japan 2005)


Sabu macht einmal mehr das, was er gut kann - und für was man ihn liebt: er erzählt eine Geschichte über mehr oder minder liebenswerte Loser, die ein Ding drehen bei dem etwas schief geht, und sich daran eine dominoartig ablaufende Kette von Folgeereignissen einstellt, die immer katastrophalere Züge annehmen. So auch hier wieder mal ein Banküberfall mit dem Missgeschick, dass während des Bruchs das Auto aus der Halteverbotszone abgeschleppt wird. Die Flucht zu Fuß führt die "Helden" in die U-Bahn und zu einem Schließfach; allerdings haben sie kein Kleingeld (nur große Scheine jetzt, klar) - denn das Portemonnaie liegt im abgeschleppten Wagen. Doch zum Glück spielt dort drüben ein Hippie auf der Gitarre! Es sollte doch ein Leichtes sein, diesem etwas Kleingeld zu stibitzen...

Und so geht die rasante Hatz weiter, immer im Sprint, immer absurder werdend, bis man in einem sehr sehr seltsamen Hotel landet. Und da Sabu hier nichts mehr Neues einzufallen scheint, gerät der Film nun völlig aus den Fugen zwischen Traumsequenz und Horrorfilm, wird alles durch den Genremixer gejagt, bis letztenendes eben längenmäßig ein ganzer Spielfilm herauskommt. Der dürfte zwar niemanden mehr zufrieden stellen, aber die Gefahr läuft man halt, wenn man sich zu oft wiederholt.

Das alles soll nicht heißen, dass HOLD UP DOWN in toto mißlungen wäre - nein, zu Beginn macht er Spaß, man bewegt sich zwar auf ausgetretenen aber routinierten Pfaden, die ordentlich zu unterhalten wissen. Aber dann bricht der Film leider arg auseinander und für mich stellt sich dann ein besonders schlimmer Eindruck ein: der der Beliebigkeit. Das haben wir schon besser gesehen.