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Montag, 23. Mai 2011

The Stool Pigeon / Sin yan (Dante Lam, Hongkong 2010)


Polizeiinspektor Don Lee (Nick Cheung) arbeitet stark mit verdeckten Informanten zusammen, den sogenannten Stoolies. Eine gewisse Rücksichtslosigkeit wird vor allem dann ausgepackt, wenn es um die abschließende Klärung des Falles geht. Dann gibt es Bauernopfer. Bei einem besonders tragischen Fall allerdings kommt er selbst nicht darüber hinweg - und als erneut eine berüchtigte Einbrecherbande in Hongkong auftaucht, die sich auf Juweliere spezialisiert hat, schleust er den jungen Delinquenten Ghost Jr. (Nicholas Tse) in die Gang ein. Als schließlich auch hier die Vorgesetzten den Informanten zu opfern bereit sind, revoltiert er.

Dante Lam ist mittlerweile das Aushängeschild für rasante, harte und intelligente Actionfilme aus Hongkong. Seit seinem furiosen THE BEAST STALKER hat sich zwar eine leichte Sättigung der Thematik eingestellt (und mit dem überfrachteten FIRE OF CONSCIENCE konnte man seine Probleme haben (ich weniger)), dafür ist THE STOOL PIGEON nun wieder ein Schritt in die richtige Richtung gen hohes Niveau.

Inszeniert ist THE STOOL PIGEON erstklassig, unterlegt von häufig abstrakter und disharmonischer Musik, die zur Verunsicherung des Zuschauers beiträgt. Der wie immer komplexe Plot wird bei Zweitsichtung deutlich konsistenter, und so lassen sich auch die Nebenerzählstränge problemlos integrieren. Möglicherweise ließe sich sogar sagen, dass gerade in den Sideplots die Besonderheiten lauern, die Details, die zu funkeln beginnen. Etwa Ghosts aufkeimende Sympathie zur Heroine, die aufgrund der tragischen Verkettung der Ereignisse nie die Zeit dazu finden, diese Sympathie auch zu äußern. So ist hier die Absenz des Liebesplots gerade das Tragische, die Gewissheit, das sich das in diesem Film nicht realisieren wird.

Überhaupt ist den Akteuren - vielleicht abgesehenen vom simplen Spiel Philip Keungs, der den Bösewicht Tai Ping gibt - das Glücken des Films zuzuschreiben. Ihr Schauspiel trägt den Film und läßt über den doch immer wieder vorhersehbaren Plot hinwegsehen. Die Überraschungsdichte und kinetische Energie von BEAST STALKER wird hier nicht erreicht.

Zum Schlusskampf nur soviel: er ist ein Kampf der Macheten in einem verlassenen Schulgebäude, er ist von herber Schönheit, großer Wut und beeindruckend grausamer Konsequenz. Für die Polizisten bleibt im Nachhinein nur das Aufräumen und das Aufwischen des Blutes. Wir dürfen wieder gespannt sein auf den nächsten Film von Dante Lam.

Freitag, 20. Mai 2011

The Ghosts of Kasane Swamp / Kaidan Kasane-ga-fuchi (Nobuo Nakagawa, Japan 1957)


Der Film beginnt mit einem Auftakt im 18. Jahrhundert: ein blinder Kaufmann leiht einem verarmten Samurai eine größere Summe Geldes. Als dieser seine Schulden nicht bezahlen kann, der Kaufmann aber auf Rückzahlung pocht, wähnt der Samurai seine Ehre beschmutzt und tötet in Raserei den hilflosen Gönner. Der Diener versenkt daraufhin die Leiche im nahegelegenen Kasane-Sumpf, nicht ohne Versuch, den Zorn des Verstorbenen durch Gebete zu begütigen. Was naturgemäß nicht gelingt - er kehrt zurück, erscheint dem Samurai als Wahnfigur, die sich vor die realen Personen schiebt, woraufhin er seine Gattin ermordet, anschließend sich selbst.

20 Jahre später setzt die Haupthandlung ein: der Sohn des Samurai, Shinkichi (Takashi Wada), wurde als Findelkind bei einem reichen Händler abgegeben und wuchs dort als demütiger Hausangestellter auf. Obwohl dessen Herkunft bekannt war. Er verliebt sich in die hübsche Tochter des Kaufmanns, Hisa (Noriko Kitazawa), die aber bereits versprochen ist. Ihre Shamisen-Lehrerin Miss Rui allerdings macht ihm Avancen, sodaß er sich auf eine halbherzige Affäre mit ihr einlässt. Als schließlich Hisa die kommende Heirat mit dem Ekelpaket zu fürchten beginnt, versucht sie Shinkichi durch einen Liebesschwur zur Flucht zu überreden: er sei ihre wahre Liebe. An Shinkichi wird von allen Seiten gerissen. Da klärt sich plötzlich auf, dass Rui die Tochter des ermordeten blinden Kaufmanns ist, Shinkichi aber der Sohn des Mörders. Als Rui schließlich auch noch Shinkichis Gefühle für Hisa gewahr wird, nimmt sie ihr Schicksal selbst in die Hand...

Nakagawas Kasane-Kaidan ist eine der großen klassischen und populären Geistererzählungen der japanischen Filmgeschichte. Basierend natürlich auf einer literarischen Vorlage, einem Roman von Encho San'yuutei aus dem 19. Jahrhundert. Der nur eine gute Stunde andauernde Geisterfilm hat eine wunderbare Bildsprache, die trotz ihrer Einfachheit in Verwendung von Überblendungen eine schöne Sogwirkung entfaltet. Kein Wunder also, dass sich Regisseure wie Hideo Nakata für ihre Wiedergänger-Figuren an den Darstellungen ihrer Vorgänger orientierten und im modernen J-Horror-Film wieder aufleben ließen. Es sind also lediglich die Studiosets, der plörtzlich einsetzende Schneefall, die atmosphärische Beleuchtung und ein wenig Maske nötig, um diese archetypischen Bilder zu komponieren. Der Rest ist ein gutes Drehbuch. Wobei der emotionale Kern die Liebestragödie bildet, der nicht nur mit übernatürlichem Terror konfrontiert wird. Es sind durchaus auch die alltäglichen Horrorszenarien wie Verlustangst, die Dunkelheit, die Armut, die zur Spannungsgestaltung beitragen, oder, wie am Ende eindrücklich, das Ertrinken.

Der Stab im Sumpf, der so eindrücklich Sanshiro Sugata im gleichnamigen Film von Akira Kurosawa in der berühmten Szene sprichwörtlich "das Leben rettet", da er sich an ihm auf einen neuen (Lebens-)Weg besinnt, entgleit in Nakagawas KASANE SWAMP den Händen des Anti-Helden, woraufhin dieser von der Macht der Natur, der Geisterwelt, und seiner eigenen moralischen Verfehlungen in die Tiefen des Sumpfes gezogen wird. Wer sich für klassischen japanischen Horror interessiert, kommt an diesem Film nicht vorbei.