DVD BluRay

Mittwoch, 29. Juni 2011

Vive l'Amour / Es lebe die Liebe / Ai qing wan sui (Tsai Ming-Liang, Taiwan 1994)


In VIVE L'AMMOUR geht es um drei einsame Großstädter in Taipei, die immer wieder in einer leerstehenden Wohnung aufeinander treffen: die Maklerin Mei (Yang Kuei-mei), die Luxuswohnungen an den Mann bringt und dabei einmal den Schlüssel vergißt abzuziehen; um den Urnenverkäufer Hsiao-kang (Lee Kang-sheng), der eben diesen Schlüssel stiehlt, und um den Straßenhändler Ah-jung (Chen Chao-jung), den momentanen Liebhaber Meis.

Nach der ersten Sichtung würde ich festhalten: weniger fordernd, weniger einprägsam, weniger erinnerungsträchtig als THE RIVER (1997). Auch weniger dicht, was Motivstrukturierungen innerhalb des Fims angeht - THE RIVER zeigt sich da dann doch als sehr komplex gefüllter thematischer wie visueller Kosmos.

Wieder sind die Themen die urbane Entfremdung, die Einsamkeit des Individuums, die Sprachlosigkeit, und Distanz. Die visuellen Mittel, weniger poetisch als in THE RIVER, sind nüchterner und einfacher eingesetzt, werden von spärlichen Dialogen begleitet, mit statische Kamera, Stille. Außerdem läßt sich eine Tendenz zu einem extrem trockenen Humor erkennen, der sich immer wieder in Kleinigkeiten äußert. Manchesmal liest man sogar von "Slapstick" - soweit würde ich nicht gehen, die Körperbetontheit ist aber jedenfalls offenkundig. Besonders deutlich wird diese Körperfokussierung auch im Liebesgeplänkel von Mei und Ah-jung. In einer fantastischen Szene, in der sie sich in einem Schnellrestaurant kennenlernen (?), sprachlos, versteht sich, umschwärmen sie sich in einer großen Flanierbewegung in ein erotisches Begehren hinein. Anschließend kommt es zu Intimitäten, ohne ein Wort miteinander gewechselt zu haben.

So darf der Titel zweifellos als zynischer Kommentar gelesen werden, in der selbst die Protagonisten von Liebesbeziehungen weder ihren Zustand der verzweifelten Isolation durchbrechen, noch in der Lage scheinen, etwas am Zustand ihres Kommunikationsdefizits ändern zu können. Die letzte lange Sequenz, in der Mei erst über schlammigen Baugrund läuft, dann entlang einer Zubringerstraße, darf nicht nur als sozio-kultureller Kommentar zur Lage des Landes gelesen, sondern auch als Metapher für den trostlosen, desolaten emotionalen Zustand seiner Bevölkerung interpretiert werden.

Mittwoch, 22. Juni 2011

The River / He Liu (Tsai Ming-liang, Taiwan 1997)


Mitten in Taipei trifft Hsiao-Kang (Lee Kang-sheng) eine alte Freundin wieder, die ihn zu einem Filmset mitnimmt. Dort wird er von der Regisseurin (Ann Hui) entdeckt, die eine Rolle für ihn hat. Er soll sich kopfüber in den dreckigen Danshui River legen und eine treibende Leiche spielen. Anschließend geht er mit der Bekannten in ein Hotel um sich zu waschen, die beiden schlafen mit einander. Dann fährt er auf seinem Motorroller nach Hause, wobei er auf der Fahrt Nackenschmerzen bekommt, die im Verlauf des Films immer schlimmer werden. Während sein Vater gegen das von der Decke tropfende Wasser in seinem Schlafzimmer ankämpf und die Mutter zu ihrem Liebhaber, einem VHS-Raubkopierer, geht, dreht sich der Film darum, wie Hsiao-Kang mit dem Vater verschiedene Ärzte und Heilpraltiker aufsucht, um die Genickschmerzen zu heilen. In einem Badehaus, das von den Männern auch als Love-Hotel genutzt wird, machen sie eindrückliche sexuelle Erfahrungen.

THE RIVER ist der mittlere Teil einer informellen Trilogie Tsais, die mit REBELS OF THE NEON GOD (1992) beginnt, und mit WHAT TIME IS IT THERE? (2001) endet. Er teilt sich mit ihnen die Familienstruktur, den Schauplatz natürlich, und die Darsteller. Lee Kang-sheng ist allerdings bekanntlich in allen Filmen Tsais anzutreffen - er ist dessen Stammschauspieler (eigene Regiearbeiten: HELP ME EROS, THE MISSING).

Der Film zeichnet sich vor allem durch seine strenge inhaltliche und formale Verknüpfung aus. Themen wie Einsamkeit, Kommunikationsunfähigkeit, und familiäre Entfremdung werden zu einem beinah dialoglosen Film gebündelt, der in ruhigen Einstellungen, langsamem Schnitt und mit einer oft statischen Kamera sein Thema ins Bild setzt. Die Figuren wirken wie Einzelgänger, die, jeder in seinem Kokon aus Isolation und Stille, durch eine urbane Metropole ziehen, und ihre Vereinsamung akzeptiert haben. Das drückt sich nicht zuletzt im Ausleben ihrer sexuellen Bedürfnisse aus, die ihrerseits wieder in anonymen Zusammentreffen in semiöffentlichen Räumen stattfinden und vor allem durch ihre Verfügbarkeit gekennzeichnet sind. Interessanterweise wird dieser Sex aber mit einer großen Zärtlichkeit dargestellt und einer Intimität, die von großer Sehnsucht zeugt und einem Aufgehen im Moment. Die körperliche Nähe strahlt Erotik aus, Bewußtheit, und signalisiert ein Fallenlassen im ansonsten emotional distanzierten Alltag - und erlangt gerade dadurch eine kontroverse Schönheit.

Freude und Lebenslust finden sich sonst zumeist nur in kürzesten Momenten, etwa bei der befreienden Motorradfahrt. Dennoch wirkt der Film nicht tonnenschwer und bedeutungsschwanger: vielmehr wird er von einer beinah alltäglichen Trauer beflügelt, der ihn wie von leichter Hand dahingleiten lässt. Ein Film, in den man sich "hinein sehen" kann und mit dem man eine Zeit lang mitdriftet.

Sonntag, 19. Juni 2011

13 Assassins / Jusan-nin no shikaku (Takashi Miike, Japan 2010)


Japan im Jahre 1844: Fürst Naritsugu (Goro Inagaki), der jüngere Halb-Bruder des Shoguns, blamiert diesen zusehends mit seinen sadistischen Eskapaden. Nicht nur führt er ein Leben der ungehemmt sexuellen Freizügigkeiten, das ihn auch nicht vor Vergewaltigungen zurückschrecken lässt, nein, aus einer Laune heraus ermordet er die Bedienstetenfamilie eines Gastgebers mit Pfeil und Bogen. Als er eines Nachts in einem Gasthaus die Gattin eines jungen Mannes vergewaltigt (und sie sich anschließend das Leben nimmt), dann den Ehemann abschlachtet, kann man nicht länger tatenlos zusehen - der Mann war der Sohn eines angesehenen Samurai. Ein verdeckter Auftrag des Shoguns geht nun an den Samurai Shinzaemon Shimada (Koji Yakusho), der eine Assassinentruppe zusammenstellen soll, um den unmöglich gewordenen Naritsugu zu töten.


13 ASSASSINS ist ein beeindruckender Samurai-Film geworden. Nicht zuletzt die 45minütige Battle-Szene am Ende (die also eigentlich die komplette zweite Filmhälfte einnimmt) ist Ursache für die weithin reichende Begeisterung - ein wahrer Orkus an Gemetzel tut sich hier auf, toll inszeniert, dynamisch organisiert, aufwendig konzipiert und doch zugleich so matschig, dreckig, verregnet. Hier spritzt das Blut beinah in schwarz, so düster ist das Finale.


Man hat also längst die Unebenheiten der ersten Hälfte vergessen, wenn man als Zuschauer miträtselt, wie um Gottes Willen nur 13 Mann eine ganze Armee aufhalten sollen. Und man hat eigentlich auch vergessen, dass der Film von Miike ist. Denn kaum erkennt man den Regisseur wieder, so souverän ordnet er sich seinem Sujet unter. In der ersten Hälfte ist das noch anders. Hier gibt es etwa die Szene mit der Mätresse Naritsugus, der die Gliedmaßen abgeschlagen wurden, und die Zunge abgeschnitten. Eine Referenz an Shakespeares TITUS ANDRONICUS. Und wer bei der generellen Anlage des Plots nicht an Kurosawas SIEBEN SAMURAI denkt, leidet wohl unter Gedächtnisverlust, so offensichtlich sind die Ähnlichkeiten. Bis hinein ins Ensemble; denn die Rolle des mifuneschen Kauzes wird hier von Koyata (Yusuke Iseya) übernommen: ein wie wahnsinnig herumhüpfender und gerissener Waldmensch.


Ein Manko des Films ist aber die mangelhafte Figureneinführung. Freilich kann man nicht erwarten, dass 13 Figuren angemessen und gleichrangig an Profil gewinnen. Doch ist es schon ein wenig enttäuschend, wenn etliche der durchaus nicht unsympathischen Herren lediglich für die Actionszenen herhalten müssen. Der Tod der Protagonisten ist neben allen aufrechten, ideellen Opfereinbußen, die sowieso bestehen, dem Zuschauer recht gleichgültig. Hier verselbständigt sich der Film bisweilen zum Sensationslieferant für die Schaulustigen. Das mag allerdings am gekürzten "International Cut" liegen, mit dem der westliche Zuschauer abgespeist wird. Insgesamt fehlen zwei nicht unwichtige Szenen (soweit ich weiß aus der ersten Hälfte), die den Figuren mehr Profil zukommen lassen sollen. Schade, dass selbst bei einem derart renommierten Filmemacher solche Praxis gehandhabt wird. So ist es dann doch nicht immer das Schlechteste, in Fernost einzukaufen. Konbanwa.

Samstag, 11. Juni 2011

Tokyo Sonata (Kiyoshi Kurosawa, Japan 2008)


Ein Familienvater verliert von einem Tag auf den anderen seinen Job in einer renommierten Agentur und schämt sich zu sehr, es seiner Familie mitzuteilen. Doch schon wenige Tage später hat er begriffen, wie schwer es werden wird, erneut auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Aber auch seine Frau fühlt sich in ihrer Rolle als Hausfrau zunehmend unwohl, der älteste Sohn treibt zwielichtige Geschäfte, der jüngste, Kikuchi, muss in der Schule zurechtkommen und wünscht sich, Klavierunterrricht nehmen zu können. Dies verbietet ihm aber sein Vater. Zusehends zerfallen die Strukturen dieser einst "glücklichen" Familie...

Kiyoshi Kurosawas Anliegen war stets die Darstellung des Hereinbrechens von Katastrophen in den normalen Alltag. Dabei variieren aber seine Sujets und Plots, je nachdem, ob das Phänomen übersinnlicher Natur ist, kriminalistischer, oder wie hier: rein gesellschaftlichen Ursprungs entstammt. Gemein ist ihnen aber eine inhärente Gesellschaftskritik, deren Auswirkungen man am Individuum beabachten kann. So auch in TOKYO SONATA, der eine Familiengeschichte erzählt vor dem Hintergrund eines inhumanen Arbeitsmarkts - eine Geschichte, in der tatsächlich alle festen Koordinaten einer Lebensrealität sukzessive wegbrechen.

TOKYO SONATA ist ein meisterhaft erzählter, souveräner Film, der seine zwei Stunden durchweg spannend ist, elegant photographiert und stark mit den Topographien der Lebenswelten arbeitet (Inszenierung der Räume), der getragen wird von sehr starken Schauspielern und an wenigen Stellen von einer reduzierten, einnehmen Musik unterstützt wird. Das schlußendliche Finale ist enorm rührend und gibt etwas Hoffnung zurück ins völlig verloren geglaubte Dasein. Absolut phantastisch.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Hatsukoi Jigokuhen / Nanami: The Inferno of First Love (Susumu Hani, Japan 1968)


Das "Höllenkapiel der ersten Liebe", so eine wörtliche(re) Übersetzung, erzählt auf vertrackt montierte Weise die Geschichte einer Annäherung zweier Menschen, eines Liebespaares: das Nacktmodel Nanami (Kuniko Ishii) trifft sich mit ihrem schüchternen Partner Shun (Akio Takahashi) in einem Liebeshotel. Dieser zieht sich aber unter Vorwänden aus der Affäre und ins Bad zurück. Nach einigem Bedrängen allerdings offenbaren sich bizarre körperliche Vorlieben des jungen Mannes, die Nanami abstoßen. Daraufhin verschieben sie ihr "erstes Mal" auf später - mit dem Ziel, sich zunächst besser kennen zu lernen. In Gesprächen also rücken ihre Biographien ins Zentrum des Films, die von Traumatisierung, Mißbrauch, Gewalt und Ausgrenzung zeugen.


Der Film lief im Mai '68 in Japan an und war einen Monat später bereits auf der Berlinale im Wettbewerb zu sehen. Natürlich gewann dieser Vertreter der japanischen New Wave (produziert von der ATG, Drehbuch: Shuji Terayama, Musik: Toru Takemitsu) keinen der Preise, ist er doch ein bizarrer Mix aus Jugend- und Erotikdrama, aus Exploitationkino mit surrealem Einschlag; er ist anti-linear erzählt, springt also aufgrund der komplexen Erinnerungsstruktur in den Zeitebenen und ist somit zunächst und vor allem: schwer zu verstehen. Der gesamte Handlungszusammenhang klärt sich erst mit zunehmender Laufzeit und dürfte so manchen Berlinalebesucher bis dahin bereits schwer verstört haben.

Allem voran ist der Film ein vibrierendes Portrait des Erwachens einer bereits erwachsenen Sexualität, die zunächst vor allem durch Unsicherheit geprägt ist. Hanis Herkunft aus dem Dokumentarfilmbereich zeigt sich immer wieder in seinen rauhen, direkten Bildern, die auf ganz unästhetisierte Weise ins Künstlerische umschlagen, da sie mit der entworfenen fiktionalen Welt einen spannenden Dialog eingehen. Hier liegt auch ein Unterschied etwa zu den Strategien der Darstellung bei Toshio Matsumoto, der, etwa in FUNERAL PARADE OF ROSES / BARA NO SORETSU (1969), durchästhetisierte und komponierte Bilder aufbietet. Diese wirken zwar auch oft durch spontanen und ruppigen Furor, entstammen aber einer radikalästhetischen Position, die in den Bereich der Auflösung und des Chaos hineinragt. Matsumoto hat, was die Bildgestaltung angeht, meines Erachtens mehr zu bieten als Hani in NANAMI.


Dennoch ist THE INFERNO OF FIRST LOVE ein berührendes und aufwühlendes Portrait eines jungen Mannes, der mit dem Erwachen seiner Sexualität zu kämpfen hat, und dabei mit den Traumata seiner Kindheit konfrontiert wird. Ein graphisch expliziter Film, psychologisch motiviert, dunkel, roh, grobkörnig, und manchmal etwas uneben in seiner konzeptuellen Ausführung.

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