DVD BluRay

Freitag, 15. Juli 2011

The Hole / Dong (Tsai Ming-liang, Taiwan 1998)


Eine dystopische Zukunft in den letzten Tagen des Jahres 1999: ein heimtückischer Virus, das "Taiwan Fever", das bei Ansteckung die Menschen zunächst krank, dann verrückt zu machen scheint und sie wie riesige Schaben auf allen Vieren herumkriechen lässt, hat große Teile der Bevölkerung ausgerottet. Die Stadt Taipeh ist verwaist und evakuiert - die Überlebenden befinden sich unter Zwang in Quarantänezonen (sicherlich ein Verweis auf die autoritären Machtstrukturen des Staates). Ein paar wenige Städter allerdings sind nicht bereit, ihre Behausungen zu verlassen und riskieren damit ihr Leben. Die allerletzte Möglichkeit zum Rückzug besteht zum Jahreswechsel 2000, denn ab diesem Zeitpunkt werden Wasser und Strom endgültig abgestellt. Ein junger Mann (Lee Kang-sheng) und seine unter ihm wohnende Nachbarin (Yang Kuei-Mei) wollen die Situation aussitzen, bis die Stadt wieder bewohnbar wird. Das Loch im Fussboden, durch das der Mann die Frau beobachtet, scheint der einzige menschliche Kontakt der beiden Personen zu sein - wobei sich die Frau zunächst belästigt fühlt. Diese muss nämlich, ganz ähnlich wie der Vater in THE RIVER, gegen ungeheure Massen an Wasser ankämpfen, die bei ihr die Wände herunterlaufen. Überhaupt geht Taipeh wieder einmal in den Wassermassen unter, und so reduzieren sich die Überlebensinseln letztlich sogar auf Möbelstücke. Wie hier ein Neuanfang möglich sein sollte, bleibt zunächst völlig unklar.

Dieser Film Tsais ist ein Beitrag zur Arte-Film-Reihe "The Year 2000: Seen by...". Es ist ein düsterer Ausblick, den Tsai hier vorstellt. Ein Leben inmitten des Chaos, des permanenten Regens, der auch auf der Tonspur ständig mit großer Intensität im Vordergrund rauscht, ein Film mit langen Einstellungen nackter Wände und Gebäude, verlassenen Höfen und Gängen, leeren Tiefgaragen und vereinsamten Einkaufspassagen. Gebrochen wird dieses Untergangsszenario von musikalischen Tanzsequenzen, in denen Yang Kuei-mei stark geschminkt und burlesk gekleidet Songs der Grace Chang vorträgt (ein ehemaliger Musical-Star aus Shanghai), die regelmäßig alle 15 Minuten den Film unterbrechen. Besonders der Song Oh, Calypso! bleibt im Gedächtnis, der mit seinem campy touch in großem Kontrast zur ums Überleben kämpfenden Frau steht, die aber die Begehrenssehnsucht in Lee Kang-shengs Figur zu wecken versteht. Hier manifestiert sich durchaus eine subtile weibliche erotische Kraft, die selbstbewußt ihre Existenz einfordert. In diesen Szenen, die kommentierend das Filmgeschehen illustrieren, scheint sich eine alternative Utopie zu etablieren, die der Dystopie entgegensteht. Aus diesem Grunde auch wirkt THE HOLE nicht nur wie ein pessimistischer Entwurf. Gerade in der Brechung, im Bruch, scheint sich eine Möglichkeit zum Neuanfang zu bieten, in der die zwischenmenschliche Vereinsamung überwunden werden kann. Ein Bruch, der hier tatsächlich auch den Durchbruch durch die Betondecke meinen kann. Denn da reicht man dem anderen das Glas Wasser, oder auch die Hand um ihn aus seiner unmöglichen Situation zu retten, hinein ins Licht.

Dienstag, 12. Juli 2011

Equinox Flower / Higanbana (Yasujiro Ozu, Japan 1958)


Der erste Farbfilm Ozus führt in den aus seiner Werksgeschichte bereits bekannten, und mehrfach unter verschiedenen Aspekten ausgeleuchteten Themenkosmos der Traditionsproblematik im Generationenkonflikt: Probleme, die sich in diesem Film anläßlich einer Eheschließung als handfeste Konflikte manifestieren. In EQUINOX FLOWER geschieht einem vermögenden Geschäftsmann ein Unding: gerade der sonst als besonders umsichtig bekannten Ratgeber in Ehedingen Wataru Hirayama (Shin Saburi), der fortschrittlich gelassene Positionen vertritt, etwa die Töchter nicht zu einer arrangierten Heirat zu drängen, sieht sich vor dasselbe Problem gestellt: die eigene Tochter Setsuko (Ineko Arima) wünscht eine Liebesheirat mit ihrem Freund; jedoch hatte ihr stets der Mut gefehlt, diesen dem nichtsdestotrotz traditionsbewußten Vater vorzustellen. Das Vorhaben trifft Wataru nun verständlicherweise völlig unvorbereitet, und er missbiligt die Heirat, lehnt sogar ab, auf der Feier zu erscheinen. Erst die Vermittlungsversuche anderer Ratgeber bewirken am Ende, dass die Diskrepanzen beigelegt werden, und man in eine gemeinsame Zukunft als Familie gehen kann.

Ozu nimmt sich des Problems durchaus mit Humor an, mit einem leisen versteht sich. Nicht zuletzt der Vater, für den bei der eigenen Tochter andere Maßstäbe gelten, als für alle anderen Heiratswilligen, entlarvt sich selbst (eingefädelt durch einen „turiku“, einen „Trick“ einer Freundin der Braut, die seinen Ratschlag in einem Falle sucht, der große Ähnlichkeiten mit seinem eigenen hat). Dass es dabei nicht um einen kleinen, persönlichen Konflikt geht, sondern um größere, gesellschaftskritische Horizonte, kann man an vielen Details festmachen. Erwähnt sei etwa die väterliche Autorität, sprich: das Patriarchat. Es manifestiert sich hier im Film vor allem auch in den kleinen Handlungen, die wie selbstverständlich ausgeführt und von allen akzeptiert werden, und die uns heutzutage merkwürdig erscheinen (freilich haben sich heutige Erscheinungsformen des Phänomens nur andere deckmäntelnde Materialisierungformen übergelegt). Etwa wenn das Familienobehaupt nach Hause kommt, seine Frau bei der Begrüßung kaum anschaut (die aber herangeeilt ist), die Bürotasche im Flur stehen lässt (welche sie ihm nachträgt), er das Sakko zerknüllt auf den Boden fallen lässt (während sie ihm den Hauskimono bringt) und das sie anschließend wieder aufhängen darf – was aber alles mit völliger Selbstverständlichkeit geschieht, ganz ohne Aggression oder dahinterstehendem Machtimpuls. Die Dinge sind eben so. Die schlauen Augen der Gattin, ihr verschmitztes Lächeln aber bricht diese Strukturen durchaus auf – sie scheint sich dieser Funktionsverhältnisse durchaus bewusst zu sein, nach der eine Ehe reibungslos ablaufen kann, und zugleich einen Gedanken auszuhecken, wie sie, ohne es offen anzusprechen, dennoch das bekommt, was sie möchte. Für ihren Plan ist es wichtig, dass der Hausherr sein Gesicht wahren kann; während er ihr also gestattet, was sowieso schon abgemachte Sache ist.

Ozu Sache sind aber keine Einseitigkeiten. Es ist nun nicht so, dass Wataru seiner Tochter einen Gatten vorgeschrieben hätte – er habe lediglich in die Entscheidungsfindung einbezogen werden wollen. Hierin sieht er mangelnden Respekt vor der Elterngeneration und generell vor ihm als Familienoberhaupt. Setsuko ist jedoch zu keinem Dialog bereit, ein Problem, das nur durch andere Mittler bereinigt werden kann. Es kann also Ozu nicht um ein einfaches Ausspielen der Moderne vs der Tradition gehen, vielmehr zeigt er die zu Bruch gegangenen Kommunikationstrukturen zwischen den Generationen, den Bruch, der sich bereits zwischen ihnen aufgetan hat. Es wird demnach genauso das mangelnde Verständnis der Kinder gegenüber ihren Eltern angeprangert. Es ist dann auch der Vater, der bereit dazu ist, seine Bedenken abzulegen, und die von seiner Tochter ausgestreckte Hand zu ergreifen – auch wenn es ihn Überwindung kostet.

EQUINOX FLOWER erinnert bisweilen an LATE SPRING / BANSHUN, den Ozu 1949 gedreht hatte – ein deutlich ernsterer und zu Tränen rührender Film. In diesem Farbfilm geht alles etwas leichtfüßiger zu. Komödiantische Aspekte tragen zum größeren „Unterhaltungswert“ bei, es gibt auch einige humorvolle Subplots, und all dies erleichtert den Zugang. Am Ende, und das weiß man bei Ozu, wird das Gleichgewicht wieder hergestellt sein. Es ist auch das Bekenntnis zum maßvollen Umgang, das seine Filme so edel und reif erscheinen läßt.

Sonntag, 10. Juli 2011

The Housemaid / Hanyo (Kim Ki-young, Südkorea 1960)


Darcy Paquet schätzt THE HOUSEMAID als einen der drei besten koreanischen Filme aller Zeiten ein. Das muss man nicht überbewerten, steuert die Erwartungshaltung aber natürlich trotzdem entsprechend. Und dann hat sich mir der Film als extrem spannendes, häufig klaustrophobisches Familiendrama präsentiert, das mehr als einmal die Schwelle zum Horrorfilm übertritt. Er ist zudem sehr zügig montiert, beinah atemlos könnte man sagen, und findet immer wieder beeindruckende schwarz-weiß-Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen.

Ein Musiklehrer und Familienvater empfängt zu Hause Klavierschüler um sein Einkommen aufzubessern. Obwohl es finanziell eigentlich gut um die Familie bestellt ist, sind es vor allem die materiellen Gelüste seiner Gattin, insbesondere der Wunsch nach einem eigenen Haus, die die monetäre Situation belasten. Da sie zudem auch noch mit dem dritten Kind schwanger ist, braucht man schließlich eine Haushälterin – die Arbeit ist nicht mehr allein zu stemmen. Eine Schülerin empfiehlt eine Bekannte, die schon mit einem merkwürdig schiefen Blick zur Tür hereinkommt – und der Zuschauer sieht gleich: diese Frau bedeutet Ärger. Als sich eine Schülerin später das Leben nimmt, da die Liebe zum Klavierlehrer unerfüllt bleibt (und er mit den Schuldgefühlen und Vorwürfen zurecht kommen muss), sieht die Haushälterin ihre Stunde gekommen und verführt den Mann. Einmal schwanger geworden, beginnt die Frau, die ein schwereres mentales Problem zu haben scheint, die Familie zu terrorisieren. Das häufige Insbildrücken eines Fläschchen Rattengifts aus dem Küchenschrank spricht für sich selbst und schwebt wie ein Damoklesschwert über der Familie. Keiner weiss, wie der andere handeln wird – über allem liegt ein Atmosphäre der vollkommenen Verunsicherung.

Ein zentraler Bestandteil der verstörenden Atmosphäre des Films ist der Innenraumgestaltung der Wohnung zuzuschreiben. Obwohl sich diese weitläufig über zwei Etagen erstreckt, verbunden durch eine steile Treppe, die es sich gut hinunterstürzen lässt, hat man stets das Gefühl, sehr beengt zu sein. Und obwohl große Fensterflächen überall vorhanden sind, brennt in den Zimmern immerzu ein Licht. Oft spielt die Handlung auch im Dunkel des Abends, in dem dann die Haushälterin als unheimliche Spukgestalt mit diabolischem Grinsen am Fenster urplötzlich erscheint. Beinahe also meint man es hier mit einem britischen Gothic Horror - Film zu tun zu haben (die nach Brokatmuster gefertigten Tapeten sprechen dafür, die Familienbilder, die Leuchter und Winkel, die schiefen Kamerapositionen, die die Seitenverhältnisse verzerren), die Zitate des Viktorianischen sind offenkundig.

Der Film schlägt, obwohl er auf den ersten Blick nach einem bedächtigen Klassiker aussieht, ein wie gesagt sehr hohes Tempo an, spart nicht mit skurilen Ideen – etwa wie der Bruder die behinderte Schwester hänselt – und kann auch auf der Tonspur durch sein atonales Geräuschdesign punkten. Über den Abspann ließe sich noch diskutieren, allein, hier ist kein Platz dafür. Eher für den Verweis auf das Remake von Im Sang-soo, das einige Beachtung gefunden hat, und das 2010 in Cannes lief. Das Original von Kim ist schon seit längerem legal und gratis, in voller Länge, und in der restaurierten Fassung (also in exzellenter Qualität) als Stream auf mubi.com zu sehen. Diesen Film sollte man sich nicht entgehen lassen.

Donnerstag, 7. Juli 2011

The Man from Nowhere / Ajeossi (Lee Jeong-beom, Südkorea 2010)


Blockbuster und Heroic Bloodshed in Südkorea: das muss kein Gegensatz sein. AJEOSSI ist ein Genre-Film, der mit zunehmender Laufzeit immer ruppiger wird. Den Text findet ihr hier auf Hard Sensations. Ich freue mich, ab jetzt und neben der Filmgazette auch für diese Seite schreiben zu dürfen. Das Blog wird aber selbstverständlich weitergeführt.

Sonntag, 3. Juli 2011

Naokos Lächeln / Noruwei no mori (Tran Anh Hung, Japan 2010)


Haruki Murakamis Roman ist weithin bekannt. Nun hat der vietnamesische CYCLO-Regisseur Tran Anh Hung eine Verfilmung des Textes abgeliefert, die vor allem in ihren Bildern schwelgt.. und sonst leider recht wenig überzeugt. Meine Kritik findet ihr hier bei der Filmgazette mit dem Titel Revolte der Körper.