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Montag, 22. August 2011

Shangri-La / Japan goes Bankrupt! aka Village of the Financially Damned (Takashi Miike, Japan 2002)


Mittlerweile dürfte selbst den größten Miike-Verächtern aufgegangen sein, dass dieser herausragende Regisseur ein dermaßen komplexes und breitgefächertes Oeuvre vorzuweisen hat, dass eine strikte Ablehnungshaltung eher auf die eigene Beschränkheit verweist, als auf eine originelle Positionierung innerhalb des Diskurses. Wie unterschiedlich sein Werk tatsächlich ist, macht auch wieder diese kleine, völlig übersehene Perle von 2002 klar, eine liebenswerte Offbeat-Komödie, die die Magie hat, Lächeln auf Gesichter zu zaubern.

Nachdem ein kleiner Drucker seine Firma schließen muss, da sein Hauptkunde, ein Konzern mit fiesem Vorsitzenden, Bankrott gegangen ist und die Rechnungen nicht bezahlt, entschließt sich eben jener kleine Geschäftsmann dazu - auch aus Schande vor seiner Familie und seinen Angestellten -, seinem Leben ein Ende zu setzen. Auf einem Deich über dem Fluß leitet er die Autoabgase ins Innere des Wagens. Doch da rennen einige Menschen auf ihn zu, die seine Hilfe benötigen: ein Mann muss ins Krankenhaus. Alle springen ins Automobil, fahren los, und stürzen nach wenigen Metern wieder heraus - dicke Qualmwolken quellen hervor, man hatte den Schlauch vergessen. So gelangt der Mann nach Shangri-La, ein Dorf von Obdachlosen am Fluss, die in Bretterbuden hausen und von einem "Bürgermeister" angeführt werden (Sho Aikawa). Diese machen es sich zur Aufgabe, dem Drucker zu helfen, damit dieser an sein wohlverdientes Geld gelangt.

SHANGRI-LA ist eine durchaus gesellschaftskritische "Wirtschafts"komödie, in der so ziemlich jede Figur bankrott ist. Eigentlich findet sich im ganzen Film keine einzige Figur, die finanziell abgesichert wäre (außer dem habgierigen Konzernchef), oder nicht zumindest am Existenzminimum lebte. Japan, ein Land in der Wirtschaftskrise, in der sich, unter all den Verzweifelten, ein paar Menschen zusammenschließen, sich gegenseitig unterstützen und Zivilcourage zeigen. Die übliche großmäulige Gangsterbande kommt natürlich auch vorbei, und diese wird selbstverständlich platt gemacht. Ein Film der Mitmenschlichkeit mit nettem Walzer-Score, der selbst in der schlimmsten Situation noch ein wenig Sonnenschein in die Filmbilder zu zaubern weiß. Ein hervorragender Film!

Donnerstag, 11. August 2011

I don't want to Sleep Alone / Hei yan quan (Tsai Ming-liang, Malaysia 2006)


Lee Kang-sheng spielt in diesem Film, der vielerorts als romantisches Drama bezeichnet wird, eine Doppelrolle: einen hirntoten Patienten, der von einer Frau gepflegt wird, sowie einen den Film über stumm bleibenden Obdachlosen, der von einer Straßengang, die mit zweifelhaften Wahrsagereien ihr Geld macht, aufs Übelste zusammengeschlagen wird. Ein Immigrant aus Bangladesch, der auf einer Baustelle arbeitet, kümmert sich rührend um den Schwerverletzten und pflegt ihn gesund.


Finanziert wurde der Film vom New Crowned Hope-Projekt, das für das Vienna Filmfestival ("Wiener Festwochen") als Produzent fungierte, und das einen thematischen Bezug zu Mozart oder seinem Werk als Motiv im Film festlegte. So ist es vor allem die Verwendung einer kurzen Stelle aus der Zauberflöte (Arie der "Königin der Nacht"), die Tsai am Beginn des Films im Krankenhaus verwendet (als Musik, die aus dem Radio kommt). Außerdem betonte er in einem Gespräch mit Tony Rayns, Mozart sei wie der Protagonist des Films ein "Seelenwanderer" gewesen, der in Armut gestorben sei.

Zum ersten Mal kehrte Tsai, der in Taiwan lebt, in sein Heimatland Malaysia zurück, um den Film in Kuala Lumpur zu drehen. Nach Fertigstellung wurden ihm eine Unmenge Schnittauflagen von der Zensur auferlegt: der Film zeige das Land in einem zu negativen Licht, hieß es als Begründung. Für den Kinostart in Malaysia wurden dann auch entsprechende Stellen herausgenommen. Inwieweit dies auf die internationale Fassung zutrifft, ist mir nicht bekannt.

Auch in diesem Film nimmt sich Tsai dem Schicksal gesellschaftlicher Außenseiter an, in diesem Fall: den Hilfsarbeitern aus Bangladesch, die verarmt in völiig heruntergekommen Bruchbuden hausen. Sie sind aber eine der wenigen Personengruppen des Films, die mitmenschliche Gefühle zeigen. Ästhetisch läßt sich im Film kaum einen Unterschied zu seinen Filmen aus Taipeh feststellen: Bilder einer schmutzigen Großstadt, Schimmel an den Wänden, halbverfallene Wohnhäuser, Dreck in den Straßen, offene Rohrleitungen und Stromkabel, die wild in den Himmel ragen, und immer wieder: die Gerippe des bedrohlichen Rohbaus, der wie ein lebloses Insekt kalt im Film steht. In seiner Mitte ein See aus Brackwasserr, der abgepumpt werden muss. Als Gegenmodell wird der schutzgebende Raum eines Bettes eingeführt, über das ein Moskitonetz gespannt ist. Der Verletzte kann in diesem Rückzugsort der Sicherheit, in dieser temporären Geborgenheit genesen. So verwundert es auch nicht, dass über der Matratzenstatt ein kleines rotes Plakat mit den Worten "I Love You" hängt. Ein Wunder geradezu, dass dies der Zensur kein Dorn im Auge war, verweist es doch deutlich auf den homosexuellen Subtext des Filmes.


Der Film spiegelt zwei Welten bedürftiger und abhängiger Männer, die in ihre Körpern gefangen sind: der des Paralysierten im Krankenbett, und der des Verletzten Hsiao-Kang. So ist der Film vor allem ein körperlicher, einer, der sich auf die körperlichen Grundbedürfnisse nach Nahrung, Erholung und Sexualität konzentriert. Auf den Körper, der illegal im Land lebt, nun da man ihn nicht mehr braucht. Und auch hier wird I DON'T WANT TO SLEEP ALONE politisch. Wie in den Rohbauszenen angedeutet, inszeniert der Film das Drama der Immigranten und Gastarbeiter, die Anfang der 1990er Jahre von der Regierung nach Malaysia geholt wurden, um genug Fachkräfte für den Bauboom des Landes verfügbar zu haben. Sinnbild dafür sind die Petronas Twin Towers, die damals höchsten Gebäude der Welt. Durch die dann einsetzende Finanzkrise in Asien verloren viele aber erst ihren Job, dann ihre Aufenthaltsgenehmigung, und rutschten so in den Bereich der Illegalität ab. So ist dieser Film Tsai Ming-liangs vor allem einer, der sich an den Randzonen der Gesellschaft abspielt und der auch nichts von seiner Aktualität (siehe Globalisierung) verloren hat. Wenn alle Sicherheiten wegbrechen, dann reduziert sich das Leben auf seine Grundbedürfnisse, und in der Krisis ist man auf die Fürsorge seines Nächsten angewiesen.