DVD BluRay

Mittwoch, 28. September 2011

I Corrupt All Cops / Gam chin dai gwok (Wong Jing, Hongkong 2009)


Hongkong in den 70ern: Korruption und Schmiergeldzahlungen haben überhand genommen und ein normales, geregeltes Leben ist in der Kronkolonie kaum mehr möglich. Da entscheidet der Gouverneur, die unabhängige Polizeieinheit ICAC ins Leben zu rufen und mit dieser kräftig aufzuräumen. Dass das vor allem den eigenen Polizeiapparat betrifft, macht die Sache recht brisant. Einer der Beamten ist der junge Bong (Alex Fong), der als Jugendlicher von eben jenen Polizisten schwer zusammengeschlagen worden war (um von ihm als Unschuldigen ein Geständnis zu erpressen), gegen die es nun geht. Dieser Mann will Rache.

Rechts außen steht Wong Jing selbst,
der im Film als stets lächelnder Mittelsmann
sein eigenes dunkles Spiel treibt.

Kopf der korrupten Vereinigung ist Chief Constable Lak (Tony Leung), der mit seinem brutalen Handlanger Unicorn (Anthony Wong) und dem erpressbaren Gale (Eason Chen) eine schlagkräftige Truppe aufgebaut hat, die so mächtig geworden ist, dass man ihn von einem Unterweltboss nicht mehr unterscheiden kann.

Boss Lak, abgewandt, raucht sitzend Zigarre. Auch wenn gerade
der britische Inspektor den Raum betritt.
Subtile Machtdemonstration eines Paten in HK.

Wong Jing historisches Polizeiepos im Hongkong der 70er ist wie aus der Zeit gefallen: zwar werden uns dank des Off-Erzählers immer wieder die historischen Rahmenbedingungen nahe gebracht, im Filmbild selbst lässt sich das jedoch kaum verifizieren. I CORRUPT ALL COPS sieht aus wie ein hypermoderner stylisher Thriller, dem es an nichts gefehlt hat. Auch dass die Korruption zu Zeiten der britischen Regierung so ausnahmslos wucherte, dürfte der Regierung in Peking kein Dorn im Auge gewesen sein.

Aber eigentlich ist das alles auch recht egal, denn der Film bietet große fiese Schauspieler, schöne Frauen vor fantastischen Hintergründen, Action, Sex und Gewalt. Eine Geschichte zu erzählen, daran hapert es allerdings gewaltig, verkümmert doch der eigentliche Plot um den geprügelten Bong recht schnell zur Nebensache, die nur am Ende wieder partiell aufgenommen wird. Die Darstellung der Polizei-Gangsterwelt ist es, die hier im Mittelpunkt steht. Nur tritt hier alles merkwürdig auf der Stelle. Der Film gleicht einer Bestandsaufnahme, die sich nirgendwo hin entwickelt. Erst als die ICAC auftaucht, geraten die Jungs unter Druck. Doch die Arbeit der ICAC wird überhaupt nirgends genauer dargestellt - sie stehen eben plötzlich mit ihren Ausweisen in der Tür und sagen so Sachen wie: "Sie sind verhaftet!" und schauen ernst drein. Nun ja, da es sowieso kaum sympathische Figuren im Film gibt (außer Gale, der eigentlich ein "Guter" ist), bleibt man der Sache recht distanziert gegenüber. Die Photographie ist makellos, dabei völlig unpersönlich und somit uncharakteristisch. Eine Atmosphäre kann nicht aufgebaut werden. Der herausragendste Moment des Films ist vielleicht derjenige, in dem Gale von einer Geliebten, die selbst der Unterwelt angehört, gesagt bekommt, sie würde ihn verlassen. Sie habe ihn als Polizisten nur deshalb zum Freund gewählt, damit sie unantastbar bleibt. Hier gibt es bestes Hongkong-Pathos zu bestaunen, toll inszeniert und mit der entsprechenden Musik unterfüttert. I CORRUPT ALL COPS ist ein leidlich unterhaltsamer Film, den man schnell vergessen haben wird, da er überhaupt nichts Eigenständiges zu bieten hat. Schade.

Wong Jing selbst sieht das sicherlich anders, seine Filme wurden jedoch in der letzten Dekade nicht gerade mit Lob überschüttet. In einem Interview im TIME OUT HONG KONG ließ er, der sich durchaus auch mit frauenfeindlichen Sprüchen profiliert, deshalb verlautbaren:

Only rubbish people would call my movies rubbish. What qualifies them to have an opinion? Critics are not God, and it’s not for them to judge what’s good or bad; the audience should decide. It’s easy for anyone to use a pen to dismiss others. If I was to pick up my pen, they would lose 99 per cent of the time. I’ve never, ever heard a member of the audience call my movies rubbish.

Ich denke, das steht für sich selbst.

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Sonntag, 25. September 2011

Overheard / Qie ting feng yun (Alan Mak/Felix Chong, Hongkong 2009)


Die drei Freunde Johnny (Lau Ching Wan), Gene (Louis Koo) und Max (Daniel Wu) arbeiten bei einer Spezialeinheit der Hongkonger Polizei: sie sind Abhörspezialisten. Der verdächtige Finanzmagnat Will Ma (Michael Wong) ist ein Geschäftsmann, der sein Glück selbst in die Hand nimmt und mit Insidergeschäften die Börse zu manipulieren versteht. Als die Polizisten zufällig eines der Gespräche mitbekommen, verfallen sie auf die Idee, dies geheim zu halten und von den Informationen zu profitieren. Es gibt auch gute Gründe dafür: im privaten Bereich geht es drunter und drüber, das Kind Genes ist schwerkrank und braucht eine teure Operation usw. Doch recht schnell wird deutlich, dass sie sich mit einem skrupellosen Verbrecher eingelassen haben. Außerdem sitzt ihnen die eigene Aufsichtsbehörde im Genick, die Unregelmäßigkeiten festgestellt hat.

Ein weiterer Cop-Thriller aus Hongkong? Alan Mak, Felix Chong, INFERNAL AFFAIRS? Die Erwartungen sollte man besser gedämpft halten - OVERHEARD kommt an das große Monument des Polizeifilms freilich nicht heran. Aber dennoch ist unübersehbar, wie spannend, souverän und ausgeklügelt dieser Film gestrickt ist. Denn obwohl sich der Plot in seiner mäandernden Narration immer wieder weit vom eigentlichen Zentrum der Geschichte fortbewegt, so verliert er sich doch nie völlig in den Subplots. Diese dienen zur Charakterisierung der Figuren und binden so auch die Liebesgeschichte mit ein, die nicht fehlen darf. Freilich, man hätte sie einfach auch weg lassen können. Ihrer funktionellen Natur nach ist sie aber eine Präzisierung der Figur Lau Ching Wans, der mit seiner ruhigen Souveränität wunderbar den Film zu tragen weiß. Die Photographie stammt von Anthony Pun, der schon den Actionreißer CONNECTED zu veredeln wußte und aus diesem einen wahren Augenschmaus gemacht hat. Auf der Bildebene gibt es also nichts zu meckern - OVERHEARD sieht fantastisch aus und immer wieder finden sich tolle Kadragen und Blickachsen.

OVERHEARD ist vielleicht kein ganz großer Film, doch er hat mich mit seiner melancholischen Grundstimmung und in seiner kompakten Stringenz sehr überzeugt. Und so passt es wunderbar, dass in Hongkong eben Teil 2 in den Kinos angelaufen ist. Vielleicht läuft er ja in einer Woche noch, dann werde ich ihn mir vor Ort anschauen können.

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Mittwoch, 21. September 2011

Bedevilled / Kim Bok-nam salinsageonui jeonmal (Jang Chul-soo, Südkorea 2010)


Bereits die Hälfte des Films ist vergangen, wenn man zu diesem tollen Bild im Gegenlicht kommt - hier sieht man die Heldin, und wie sie eine Erkenntnis durchfährt. Hier findet der große Umschwung statt, der BEDEVILLED, obwohl schon die ganze Zeit ein mehr als ungemütlicher Film, in dem Frauen permanent verprügelt und misshandelt werden, zu seinem wahren Kern kommen lässt: zur Rachegeschichte.

Doch angefangen hatte alles ganz anders, und vor allem mit einer anderen Person - der Freundin jener Frau, die in Seoul überarbeitet einer Kollegin eine runterhaut, bevor sie von ihrem Chef zwangsbeurlaubt wird. Mit ihrer Freizeit kann sie jedoch nichts anfangen und verfällt auf die Idee, auf jene Insel zu reisen, wo sie aufgewachsen ist - zumal sie von ihrer Freundin (jener aus dem Bild) immer noch Briefe bekommt. Dort angelangt, in der ländlichen Idylle (Kontrast der weißen Haut des Städters vs. der stark gebräunten der Bauern), ist sie vor allem zuerst einmal "die Fremde". Und recht bald merkt sie dann, dass die ehemalige beste Freundin Hilfe nötig hat gegen ihren brutalen Ehemann und die gesamte Dorfgemeinschaft, die sich gegen die junge Frau verschworen hat, und die sie wie eine Sklavin behandeln. Doch die zugereiste Freundin kann sich, fatalerweise, nicht auf die Seite der Unterdrückten schlagen. Die Einzelgängerin, die selbst ein enormes zwischenmenschliches Problem hat, erkennt zu spät, dass die Welt nicht nur aus Konkurrenz besteht und darin, sich möglichst wenig Ärger einzuhandeln.


Und so ergießen sich bald einige Liter Blut in den fruchtbaren koreanischen Inselboden, wenn die um ihre Jugend und um ihr Leben gebrachte Frau die geschärfte Sichel ergreift und sich endlich gegen die Ungerechten wehrt. Der Film ist sehr schön photographiert und fantastisch ist der Umgang mit dem Score. Dieser ist äußerst zurückhaltend und in der Stille, die den Bildern Raum lässt, entfaltet der Film seine ganze Wirkmächtigkeit. Dass das Ende etwas zu lang ist, war beinah zu erwarten. Einige Fäden müssen noch zusammengeführt werden, und der Film schließt mit einem Rahmen zur Eröffnung. Dies wirkt dann sehr konstruiert und hingebogen auf seine narrative Geschlossenheit. Doch selbst im Abspann, kann man sich nicht von diesen tollen Bildern losreissen:

Sonntag, 18. September 2011

Street Mobster / Gendai Yakuza: Hito-kiri Yota (Kinji Fukasaku, Japan 1972)


Kinji Fukasakus Gangsterfilmerzählungen der 60er- und 70er-Jahre werden zumeist als jitsuroku-eiga bezeichnet. Filme, die in einem dokumentarischen Stil gehalten sind, Filme mit wildem Schnitt und häßlichen Alltagsbildern, denen jede Tendenz zur genußhaften Epik ausgetrieben wurde. Hier geht es sehr roh zur Sache und Stilisierungen werden nur in der Ausstellung von Freeze Frames und Zeitlupen geduldet. Und in übergroßen Sonnenbrillen und schicken Anzügen.

Im Gegensatz zu amerikanischen Gangsterhelden, die beim Publikum häufig sowohl Faszination, Sympathie und Empathie als auch Abscheu hervorrufen (etwa durch "sympathische" Helden wie Bogart und Edward G. Robinson) und den Zuschauer so in ein moralisches Dilemma stürzen, die einer archetypischen Mythisierung Vorschub leistet, ist Fukasakus Protagonist (Bunta Sugawara) ein Scheusal durch und durch, mit dem man keinerlei Sympathie empfinden kann. Der Mann ist ein Mörder, ein Vergewaltiger und ein Verbrecher, der sich rücksichtslos das nimmt, was er begehrt. So ist es nur konsequent, dass Fukasaku, der in dieser Geschichte den Protagonisten aus dem Gefängnis kommen lässt in eine Welt, die sich verändert hat und die ihm neu ist, eine, die sich aus den Ruinen des verlorenen Krieges heraus neu organisiert hat - und in der dieser Mann nicht mehr zurechtkommt.

Wer nun glaubt, einen melancholischen Abgesang auf einen Außenseiterhelden vorzufinden, täuscht sich. Okita ist ein rabiater, alle sozialen Übereinkünfte ignorierender Amokläufer, der sich mit seiner kleinen Schar Anhänger in der Kleinstadt Kawazaki einen "Turf" erarbeiten will und dabei zwangsläufig den herrschenden Verhältnissen in die Quere kommt. Dass jeder Art Umarmung, selbst von seiten der Unterwelt, für ihn nichts ist - auch wenn er so sogar zu seinem Gebiet kommt und in relativer Prosperität zu Leben vermag - kann dennoch nichts an seiner prinzipiell anarchischen Disposition ändern. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis er sich wieder mit allen überwirft und sehenden Auges in seinen Untergang geht. Aber wer in solch unbeirrbarer Konsequenz lebt, hat keine Spielräume. Dass er seine Kompagnons mit in den Tod reisst, ist ihm hierbei selbstfreilich wurscht. Die Kaltheit seines Herzens wird außerdem an einer pervertierten Liebesgeschichte exemplifiziert, in der er sich eine Prostituierte kommen lässt, die ihn als den Mann erkennt, der sie damals erst entführt und dann vergewaltigt, schließlich an ein Bordell verkauft hat. Seine einzige Reaktion angesichts der am Boden zerstörten Frau ist ein knappes "Na und?", bevor er erneut über sie herfällt.

STREET MOBSTER ist ein rohes Stück Fleisch. Hart, ruppig, laut, grausam. Und stellt den Zuschauer vor die Frage, wie man einen Film mögen soll, in dem nichts angelegt ist, das sich mögen lässt. STREET MOBSTER ist ein Hieb in den Magen und ein Affront auf die Konventionen des Erzählens. Somit reiht er sich in die Filme des Regisseurs ein, die jede Form von Gefälligkeit hinter sich gelassen haben.

Mittwoch, 14. September 2011

Aftershock (Feng Xiaogang, China 2010)


Ein Film voll gewaltiger Erdbeben und familiärer Tragödien - Feng Xiaogang (WORLD WITHOUT THIEVES, THE BANQUET, ASSEMBLY) inszeniert ein Blockbuster-Ereignis, wie es durchschnittlicher nicht sein kann. Immerhin, dem Publikum gefällt's. Meine Kritik mit dem Titel Bebende Herzen, bebende Welt findet ihr in der filmgazette.

Freitag, 2. September 2011

End of Animal (Jo Sung-hee, Südkorea 2010)


Die schwangere Soon-young verlässt Seoul in einem Taxi, das sie zu ihrer Mutter in die Provinz bringen soll. Während der Fahrt steigt allerdings ein merkwürdiger und arroganter Mann zu, der nicht nur Details aus dem Leben der Protagonistin und des Taxifahrers zu kennen scheint, nein, er prophezeit auch eine Apokalypse, eine Zeit, "in der die Engel herabsteigen". Weißes Licht. Kurz darauf erwacht Soon-young - das Handy ist tot, die Elektrik funktioniert nicht, der Taxifahrer, der Hilfe holen wollte, kommt nicht zurück - und macht sich selbst auf den Weg. Es wird eine Irrfahrt werden, mit dem Ziel der Raststätte, die, obwohl nur wenige Kilometer entfernt, unerreichbar scheint.

Auf diesem Weg begegnen ihr immer wieder Figuren, die selbst gestrandet sind, egoistisch handeln, ihr Fortkommen behindern. Auch dubiosen Hinterwäldlern, die in ihr leichte sexuelle Beute wähnen, muss sie widerstehen. Der Film allerdings ist alles andere als ein verträumtes Märchen. Sein apokalyptisches Szenario ist in naturalistischen Bildern eingefangen, in der das Chaos und die Bedrohung nicht durch offenkundige Verwüstung eingetreten ist, sondern sich im sozialen Raum manifestiert. Es sind die Menschen, die ihre Mitmenschlichkeit - oder auch die Menschlichkeit an sich - verloren haben. Der Film gewinnt seine Bedrohung aus der Verunsicherung, aus der Aushebelung der ansonsten verbürgten Konstanten und kreiert so einen subtilen Schrecken, der sich in seiner Offenheit manifestiert. Und leider sehr viel, oder oder auch sehr wenig bedeuten kann. Nicht zu wissen, woran man ist, kann furchtbar sein. Nur leider läßt einen der Eindruck nicht los, der Film weiß manchmal selbst nicht so genau, was er will. Und dann wird es zäh.

END OF ANIMAL ist einer jener Filme, die, trotz ihres Debut-Status, bereits recht große Bekanntheit erfahren. Nicht nur lief er beim Fantasy Filmfestival in mehreren deutschen Großstädten, sondern auch auf anderen "B-Festivals", z.B. dem "London Film Festival" oder dem dem "San Francisco International Film Festival". Bei uns wird er wohl von Rapid Eye Movies herauskommen - ich drücke die Daumen, gerade weil ich nicht glaube, dass dieser schwierige und dabei doch faszinierende Film ein Renner werden wird.