DVD BluRay

Sonntag, 27. November 2011

Arrietty - Die wundersame Welt der Borger / Karigurashi no Arietti (Hiromasa Yonebayashi, Japan 2010)


Arrietty gehört zu den Wesen der "Borger", kleinen Menschen (in etwa Senfglasgröße), die unter den Häusern in Miniaturpuppenstubenwohnungen leben und sich Nahrungsmittel und alles sonstige von den Menschen "borgen". Dazu stellen sie ausgeklügelte "Raubzüge" an und bleiben dabei aber stets aufrichtig: niemals würden sie etwas mitnehmen, was die Menschen je vermissen würden. Als ein herzkranker Junge eine Woche vor seiner Operation im Haus verweilt, lernt er zufällig Arrietty kennen und freundet sich mit ihr an. Doch sie hat unbewusst damit eine Katastrophe ausgelöst - denn ihre Familie muss nun weiterziehen, um einer Entdeckung durch bösartige Menschen zu entgehen.


ARRIETTY ist in einem wundersamen Haus vor der Stadt, inmitten eines üppigen und geheimnisvollen Gartens angesiedelt. Und fällt damit auch ein Stück weit aus der Zeit. Hier scheint alles magisch und somit möglich. Eine fette Katze streicht durchs Gras, eine Krähe attackiert mit lautem Geschrei. Erwachsene kommen nur am Rande vor - und wenn, dann sind es Großeltern, die bereits wieder für religiös-mystische Ungereimtheiten empfänglich sind. Die Hauptfiguren sind alle reinen Herzens und die Bösewichter ziehen Fratzen. Und die Spannung entsteht sowohl aus den schwindelerregenden Abenteuern als auch aus der angedeuteten, und dabei unmöglichen, Liebesgeschichte zwischen Arrietty und dem kranken Jungen Sho. Der Film findet immer die richtige Balance zwischen den Figuren und ist recht mitreissend inszeniert. Einzig die deutlich für den westlichen Markt penetrante Popmusik in der ersten Filmhälfte schlägt negativ zu Buche. Ein wahrlich schöner Film für alle Freunde von TOTORO und dergleichen Studio Ghibli-Sachen.


Überhaupt gibt es zu TOTORO einige Parallelen, wobei sich der Fokus in ARRIETTY gerade nicht bei den Menschen, sondern nun auf der anderen Seite, der mystischen Welt der "Borrowers" befindet. Dieser Perspektivenwechsel ist auch die bestimmende Prämisse des Filmes, die derart alles Erlebte gerade nicht als putziges Beiwerk inszeniert, sondern vielmehr strukturell und narrativ neu organisiert und veranschaulicht. Dass das kleine groß wird und das Normale übergroß, die Tiere zu Monstern und als Mittler zwichen Mensch und Mystik auftreten, der Mensch sogar als grobe Bedrohung auftritt, verändert die Perspektive des Zuschauers auf seinen eigenen Erfahrungsraum.


Der finanzielle Erfolg des Films ist atemberaubend - und wer sich dafür interessiert, der findet etliches im Netz dazu. Nicht nur der Film selbst (an der Kinokasse: US$ 126.368.084 weltweit), auch die Musik hat sich erfolgreich vermarkten lassen - und auch bei kritischen Instanzen wie Rotten Tomatoes erntet der Film nur lobende Worte. Kurioserweise ist der Film in Deutschland nur sehr kurz gelaufen, mit wenigen Kopien und kaum Presse. Was vermutlich daran lag, dass PONYO hinter den Erwartungen zurückblieb. Traurig, traurig. ARRIETTY ist bestes, intelligentes Unterhaltungskino.

Sonntag, 20. November 2011

Tora-San Loves an Artist / Otoko wa Tsurai yo: Watashi no Tora-san (Yoji Yamada, Japan 1973)


In der 12. Folge der Tora-San-Reihe kehrt der Herumtreiber und Straßenverkäufer Torajiro (Kiyoshi Atsumi) erneut nach Shibamata zu Onkel, Tante, Schwester und Schwager zurück. Als er erfährt, dass die Familie im Begriff ist, nach Kyushu aufzubrechen, um dort einen Urlaub zu verbringen, ist er äußerst konsterniert. Er wurde freilich nie gefragt, ob er mitkommen wolle - er ist ja aber nie zuhause und schneit stets unangekündigt (meist wenn er kein Geld mehr hat) herein. Nach deren Rückkehr trifft er einen alten Schulfreund wieder, der ihn seiner Schwester, der Künstlerin Ritsuko (Keiko Kishi) vorstellt - in die er sich prompt verliebt. Natürlich unglücklich.

Tora-San 12 zerfällt in zwei Teile, die miteinander kaum etwas gemein haben. Der Film ist ohne weiteres in zwei 50minütige Episoden aufteilbar, die einander nie bedingen. Als Film an sich ist diese Folge, konventionell betrachtet, wohl gescheitert - oder aber sie ist als perfekter Inbegriff der Serie zu verstehen, die das Prinzip der ewig sich fortführenden Episodenhaftigkeit zum Prinzip erklärt, und dieses mit aller Deutlichkeit in diesem Beitrag in eins führt. Solcherlei theoretische, scherzhafte Überlegungen gehen jedoch letztlich an den Qualitäten der Ereignisse vorbei. Denn jeder Tora-san-Film lebt von seinem chaosstiftenden, dabei liebenswert halunkischen Protagonisten, der seine Mitmenschen den letzten Nerv rauben kann, oder aber diese mit seiner Begeisterung und Offenheit zu Tränen rühren vermag. Dass sich in den süßbitteren Familientragödien auch immer eine zweite, dahinterliegende und ernste Ebene befindet, hebt die Filme aus dem Gros des Entertainmentsumpfes heraus. Zumal ein liebevoll ironischer Blick, gespickt mit zeitkritischen Details stets zur Komplexität beiträgt.

Besonders gelungen ist in dieser Folge die Eröffnungsszene, die in jedem der Tora-sans eine Traumsequenz ist: Torajiro wähnt sich im spätmittelalterlichen Japan als Retter eines Dorfes, als eine Art Robin Hood, der seine Schwester vor den Belästigungen eines Großgrundbesitzers bewahrt. Dieser hat sich während den verheerenden Auswirkungen einer Hungerkatastrophe durch Ausbeutung der Armen bereichert - doch Torajiro, der Tiger, rückt alles wieder gerade - was er in einer feurigen Rede, schneeumtost, auch zu präsentieren weiß. Für diesen leichten Größenwahn, der sich aus der Sensucht nach Anerkennung und mitmenschlicher Liebe speist, kann man ihn nur mit einem Kopfschütteln gerne haben; es ist so lächerlich und menschlich zugleich.

Auch die Ereignisse im Haus der Künstlerin sind phantastisch: schwer angetrunken verwüstet Torajiro aus Versehen ein Gemälde der Malerin, woraus sich beinah eine Prügelei mit dem Bruder ergibt. Nach diesem anfänglichen Streit kommt es aber bald zu einer Annäherung, dann zu einer ganzen Reihe von Missverständnissen, die wieder zu neuen Komplikationen führen. Und immer so fort, bis Torajiro schließlich desillusioniert der Wahrheit ins Gesicht blicken muss. Und dann, deprimiert, die Koffer packt und wieder einmal vor den Problemen davonläuft. Nicht ohne mit völlig ernster Miene seinen Angehörigen mitzuteilen, er habe ihre Gastfreundschaft nun allzu lange beansprucht und dadurch überstrapaziert. Tora-san, der Vorgaukler mit dem guten Herzen.

Freitag, 18. November 2011

Her Brother / Otouto (Kon Ichikawa, Japan 1960)

Kon Ichikawas hoch gelobtes und dabei selten gesehenes Familiendrama von 1960 ist zuletzt deswegen erneut ins Bewußtsein gerufen worden, da Yoji Yamada 2010 ein Remake des Films gedreht hat - das ich aber noch nicht gesehen habe. Hier haben wir es mit einer echten Tragödie zu tun, die uns zunächst völlig auf die falsche Fährte lockt: denn im ersten Drittel des Films werden hauptsächlich die turbulenten Familienverhältnisse dargestellt, in der Hirochi Kawaguchi, der den Bruder und Sohn "Hekiro" spielt, als Tagedieb und Taugenichts portraitiert wird, der mit seinen Streichen und Gaunereien nicht nur von der Schule fliegt, sondern auch privat viel für Unruhe sorgt. Dies intensiviert sich, als er zunehmend Schulden macht, die von den Gläubigern schließlich eingetrieben werden müssen. Im Zentrum des Films aber steht die Schwester Gen (Keiko Kishi), die sich um alles kümmern muss. Der Vater (Masayuki Mori) schreibt den ganzen Tag abgeschieden in seiner Kammer, die Mutter (Kinuyo Tanaka) leidet unter Arthrose, der Bruder ist der erwähnte Taugenichts. Die Familie ist übrigens von Rückschlägen nicht gefeit. Die Mutter ist bereits die zweite Ehefrau und ringt um die Position in der Familie. Sie wähnt sich nicht vollständig akzeptiert und versucht mit autoritärem Gebaren, ihre Stellung zu behaupten. Was ihr freilich nicht gelingt. Hekiro ist schlicht aufmüpfig, und auch Gen lässt sich kaum etwas sagen. Wobei diese selbst auch unter stetem Beschusss steht: sie ist immer noch nicht verheiratet und von allen Seiten wird ihr eingetrichtert, bald sei es zu spät. Dies ist ihr wiederum freilich ganz egal - und scheint so einer der modernen Heldinnenrollen aus Yasujiro Ozus Filmen entlehnt, die selbstbewusst einen eigenbestimmten Lebensweg anstreben.

Nun aber... der Film in Bildern:

Hier wähnt man sich fast in einem Tora-San - Film!

Ein eitler Geck mit Hitlerbärtchen, der um Gen herumcharmiert.

Der Pfau und der Bruder... zwei Rivalen im Herzen Gens?

Der Geck bedrängt Gen-chan...

...und wird gewalttätig.

Doch die Rettung kommt durch ein vorbeilaufendes Rudel Gänse!

Der Mann ist schockiert.

...und flüchtet sich vor den Tieren auf die Bank. Gen ist freilich inmitten der Tiere hinfort gehüpft.

Im weiteren Verlauf allerdings schlägt der Film ernste Töne an. Der Bruder erkrankt an Turberkulose und kann das Krankenbett nicht mehr verlassen. Gen kümmert sich rührend um ihn, und schließlich finden sogar Vater und Mutter am Krankenbett zusammen. Hier ist aber schon klar, dass sein Leben unrettbar verloren ist.




Ichikawas OTOUTO, oder häufig auch OTOTO geschrieben, ist in all seiner Heiterkeit, Schönheit und Traurigkeit auch ein herausfordernder Film. Denn der Regisseur liebt den Jump-Cut und wechselt urplötzlich die Szenerie. Auch ein ausführliches Erklären der Handlung ist seine Sache nicht. So ist der Zuschauer stets gezwungen, sich die Ereignisse, gleichwohl fortlaufend angeordnet, selbst zu erklären, und in den Gesamtzusammenhang zu stellen. OTOTO ist ein ein grandioser Film, in dem die Meisterschaft des Regisseurs im Nachhinein besonders stark leuchtet (wie schon in THE BURMESE HARP), da sie sich in einem Film offenbart, der wie mit leichter Hand dahingemalt erscheint. Eine wundersam uneitle und souveräne Art, eine Geschichte zu erzählen.

Sonntag, 13. November 2011

Serbis (Brillante Mendoza, Philippinen 2009)


Da mir nichts Originelles einfällt, zitiere ich mal Silvia Szymanski auf Facebook, die meinen Text bei Hard Sensations empfiehlt:
Nach seinem fantastisch dunklen Debut Masahista erzählt der philippinische Regisseur Mendoza nun die Geschichte einer Familie, die in einer Kleinstadt ein chaotisches, vom Lärm und Leben der Straßen durchdrungenes Pornokino namens „Family“ betreibt. Klingt sehr aufregend, was Michael Schleeh darüber schreibt.

Das freut mich natürlich. Please click *here*.

Donnerstag, 3. November 2011

Wind Blast / Xi Feng Lie (Gao Qunshu, China 2010)


Vier Polizisten jagen einen Killer und seine Frau durch die Wüste, da er in Hongkong einen Mord begangen hat. Als sie ihn dann schließlich festgenommen haben, nimmt das Drama aber erst seinen Lauf: besagter Zhang Ning (Xia Yu) hat heimlich ein Photo seines Auftraggebers gemacht, weshalb nun zwei Elite-Killer (Francis Ng, Yu Nan) des Gangstersyndikats auf ihn angesetzt sind. Und diese beiden sind Experten im Töten. (Yeah!)


Man sieht, für einen zweistündigen Blockbuster ist der Plot recht dünn. Dafür allerdings ist er zunächst einmal überhaupt nicht zu kapieren. Die Narration in der ersten Stunde ist eine totale Vollkatastrophe. Eine grausame Montage trifft auf einen verlaberten Actionplot voller Landschaftspanoramen, in dem unzusammenhängende Szenen aneinanderklebt werden, und dem z.B. die Figureneinführung völlig egal ist. Auch eine Einführung des zentralen Themas findet nicht statt: man weiß in der ersten Stunde einfach nicht so recht, wer wer ist, und um was es überhaupt geht. Der Film wirkt wie ein prototypischer derer, die zu lange in der Postproduction, bzw. im Schnitt hängen geblieben sind.


Wer ihn nun noch nicht ausgemacht hat, der wird allerdings mit der zweiten Hälfte belohnt, die den Film in toto gesehen rettet. Hier bekommt man nach und nach eine Annäherung zu den Figuren, zu den Machtverhältnissen, das Chaos lichtet sich. Sympathielenkung funktioniert. Und nicht zu vergessen: es gibt erstklassige Actionszenen zu bestaunen.

High Noon in der Wüste Gobi, freilich sehr lässig.
Wie man an den Screenshots sehen kann: der Film lebt von seinem Drehort; dieser Gangsterfilm (letztlich ist er ja nichts anderes) spielt eben nicht in den Hochhausschluchten einer chinesischen Megalopolis, sondern in den einsamen Weiten der Wüste Gobi, die mit unzähligen, wahrhaftig beeindruckenden Panoramashots eingefangen wird.

Hier hat es gerade geschneit.

Hat man also die frustrierende erste Hälfte des Filmes überstanden und genüßlich die Naturbilder delektiert, so darf man sich auf einen durchaus unterhaltenden Actionkracher in der zweiten Hälfte freuen, die eigentlich nichts anderes ist, als ein langer Showdown. Positiv zu vermerken sind die Darstellerleistungen - hier gibt es keinen blöden Humor oder nervendes Overacting. Alle agieren mit dem nötigen Ernst und sind sehr überzeugend in ihren Rollen. Über den einen oder anderen Subplot muss man allerdings auch am Ende noch hinwegsehen und sich auf das große Getöse konzentrieren, das äußerst rasant inszeniert ist. In WIND BLAST fliegt auch schon mal eine halbe Stadt in die Luft - vielleicht meint "Wind Blast" ja auch die Druckwellen der Explosionen. Warum auch nicht - wenn's gut aussieht!