DVD BluRay

Freitag, 27. Januar 2012

Ohayo (Satoshi Kon, Japan 2008)


In diesem nur einminütigen, eleganten Kurzfilm gewährt Satoshi Kon einen beinahe schon intimen Blick auf eine jungen Frau, die am Morgen nach ihrer Geburtstagsparty erwacht und noch nicht ganz bei sich ist; tatsächlich "neben sich steht" (Wahrnehmung des fragmentierten Ichs, vgl. PERFECT BLUE) und erst nach der Dusche zu sich selbst findet. Der Film ist Teil eines Omnibus-Films von 15 weiteren einminütigen Kurzfilmen mit dem Titel ANI*KURI 15, der für den japanischen Fernsehsender NHK Networks hergestellt wurde. Satoshi Kon ist im August 2010 tragischerweise an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben; von vielen wird er zu den wichtigsten zeitgenössischen Animationsfilmkünstlern gezählt. Hier geht es zu diesem berückend schönen Film: *click*

Montag, 23. Januar 2012

There's Only One Sun (Wong Kar-Wai, HK/USA 2007)


Einen hypnotischen Agenten- und Verschwörungsthriller in nur 10 Minuten hat Wong da gedreht, einen Promofilm für den Philips "Ambilight Aurea" Fernseher (welcher freilich nun unsere "Sonne" sein soll). Für die Agentin, deren Auftrag es ist, sich an den russischen Spion (?) heranzumachen aber ist es dieser Mann, der sie zum Umdenken und so beinah die Mission in Gefahr bringt. Der Film vereint viel von dem, was sich der Zuschauer von Wong Kar-Wai verspricht: magnetische Atmosphäre, elegisches Pacing, kräftige, übersaturierte Farben und deren Überblendung, alles in einem futuristischen Retrosetting, festgehalten aus ungewöhnlichen Kameraperspektiven. Am Ende ist da dann doch die Sache mit dem Bildschirm, aber seht selbst. Nach meinem Dafürhalten ein toller Film. Oder ist das jetzt der totale Ausverkauf?

Freitag, 20. Januar 2012

Ikiru - Einmal wirklich leben (Akira Kurosawa, Japan 1952)


Es ist für mich schon sehr erstaunlich, wie ungeteilt positiv die Resonanz zu Kurosawas Filmen der "mittleren Werkphase" ist, die Zeit, in der seine sogenannten "Hauptwerke" entstanden. Insbesondere ein Film wie IKIRU, der nun wirklich keine herausragende, sondern eine vor allem recht alltägliche, eigentlich sehr banale Geschichte erzählt. Die immer wieder hervorgehobene menschliche Qualität vor allem dieses Films, was immer diese Verkürzung auch genau bezeichnen mag, sei etwas ganz besonderes.

Vor allem haben wir es hier mit einem in Routine und Pflichterfüllung erstarrten Individuum zu tun, das in einem kafkaesken Behördenalltag gefangen ist (immer wieder ins Bild gesetzt mit den sich hoch auftürmenden Akten und Papierstapeln, die sogar das Fenster verdecken und alles Sonnenlicht rauben), einem Individuum, das erst aufgrund seiner Krankheit, die unweigerlich zum Tode führen wird, die Verkrustungen aufbrechen kann, in denen es sich jahrelang eingerichtet, das diese akzeptiert hatte und auch weitergegeben hat. Am deutlichsten wird dies im Kontrast zur jungen, lebenslustigen Kollegin, die genau deshalb kündigt, weil es ihr schlicht zu langweilig ist. In dieser städtischen Behörde bewegt sich schlicht überhaupt nichts (bis auf die antragstellenden Bürger, die sich bei einer Eingabe wie eine Prozession auf eine Odyssee durch die Dienststellen bewegen müssen). Jene packt ihn am Arm, zaubert ein Lächeln aufs Gesicht - sehr zum Unwillen der Umwelt, die hier ein bedauerliches erotisches Verhältnis unterstellt, was freilich völlig haltlos ist. Die Protagonistin wird einen harten Job in einer Fabrik annehmen, in der ihre Arbeitskraft tatsächlich, sichtlich, etwas bewegt, durch die etwas "entsteht."

Kurosawas Kunst ist dabei freilich, durch die ausführliche Schilderung des psychischen und physischen Zustands seines Anti-Helden, durch die psychologische Erzählung ein Verstehen im Zuschauer zu erzeugen, der dadurch gewillt ist, dem Helden das verfehlte Leben der Pflichterfüllung zu vergeben und der durch das hervorgerufene Mitleid und die Anteilnahme am schlimmen Schicksal der Figur schließlich Verständnis für diesen aufzubringen bereit ist. Seine Sache ist denn ja auch eine Gute, Soziale: den Moskitotümpel des Viertels (ein déjà vu für Kurosawa-Adepten) trocken zu legen und an jener Stelle einen Kinderspielplatz zu bauen. Wobei sich eben genau jener obrigkeitshörige Beamte gegen die Dienststellen auflehnen muss und gegen den unbeweglichen Apparat aufbegehrt, den er selbst ein Leben lang repräsentierte und dem er de facto immer noch angehört.


Takashi Shimura in der Hauptrolle des Kanji Watanabe ist aus diesem Film nicht wegzudenken. Es ist ein cineastisches Vergnügen, wie dieser Mann beinah im Alleingang den ganzen Film allein durch seine Präsenz zu tragen versteht. Vor allem deshalb, da er den Film über so gut wie kein Wort sagt und alles durch sein sehr reduziertes (!) Spiel auszudrücken versteht. Allenfalls brummt er etwas vor sich hin, oder fängt in den kleinen konfrontativen Diskussionen mit Miki Odagiri, die hier seine lebenslustige Kollegin Toyo spielt, das Stottern an. Meist muss aber ein kurzes, angedeutetes Lachen genügen.


Ein fulminater Kunstkniff Kurosawas aber ist es nun, den Film kurz vor dem Erreichen des Plothöhepunkts auszusetzen, mit einer Ellipse zu arbeiten und mit einem Zeitsprung in die Zukunft der erzählten Zeit zu springen. Schnitt. Nun ist der Protagonist bereits tot, die Kollegen und die Angehörigen befinden sich in Trauer bei der Totenwache und lassen die Ereignisse Revue passieren. Das gibt Kurosawa die Möglichkeit, in der Retrospektive die Ereignisse diskussionsfähig werden zu lassen, die Kollegen bloßzustellen oder sich bewähren zu lassen; kurzum: den Sachverhalt an Stelle des Zuschauers zu diskutieren, zu bewerten, auch: den Menschen zu betrauern. Eine Chance, dann mit eingeschobenen Rückblicken illustriert, sanfte Kritik zu üben, Nachsicht walten zu lassen, ein formal geschlossenes Ende zu finden. Zu einem Schluss zu kommen, der in der Trauer mit der Hoffnung einher geht, dass Veränderung, private aber auch gesellschaftliche, durch das persönliche Engagement des Einzelnen erreicht werden kann und den Dingen so etwas Positives hinzufügt (hier das mono no aware, das "Herzzerreißende der Dinge"). Auf diese Weise findet der Film schließlich zu einem traurigen, aber zugleich hoffnungsvollen und versöhnlichen Ende.

Sonntag, 15. Januar 2012

Atman (Toshio Matsumoto, Japan 1975)


ATMAN ist ein experimenteller Kurzfilm Matsumotos (FUNERAL PARADE OF ROSES), der sich durch eine extreme Reduktion des Settings, sowie einer übersprudelnden Üppigkeit der filmischen Mittel, gefangen in einem stilistischem Konzept, auszeichnet.



Der Film überzeugt vor allem durch seine Rigorosität, mit der er sein ästhetisches und filmtechnisches Programm durchzieht, und weiß ansonsten mit einer Offenheit seiner Bedeutung zu verstören. Was soll dieser Atman (der hier auch für die inkarnierte Person steht), ein hinduistischer Begriff der indischen Philosophie, der für das "Bewußtsein", das "Selbst" steht und auch im Buddhismus gebräuchlich ist, der sich im Westen wohl am besten als "Seele" übersetzen lässt, hier in einem japanischen Experimentalfilm? Der Atman befindet sich auf einer Fläche, ähnlich eines ausgetrockneten Flussbetts. Um ihn: Berge, Bäume, der Himmel. Die Kamera fährt in unzähligen Cannonball-Shots gegen den Uhrzeigersinn um die Figur herum, die mit ihrer dämonischen Maske, die in ihrer Ikonographie und im Filmkontext direkt an Kaneto Shindos ONIBABA denken lässt. Sie zoomt in wilden Bewegungen auf die Fratze, die Farben ändern sich permanent (wobei ein kräftiges Rot in den Hintergründen vorherrscht), die abstrakte Musik (Ichiyanagi mit einem pulsierenden, disharmonisch elektronischen Score) ändert die Tonlage, den Rhythmus, die Geschwindigkeit: Impulse für die Kamera, die Bewegung in der Distanz, in der Geschwindigkeit und im Bildausschnitt zu variieren. Immer wieder ein Wirbelwind, ein Fluss, dann Stop-Motion in verschiedenen Frequenzen. Und immer wieder erinnert der Film an die Ästhetiken moderner Musikvideos.

Ein verstörender, visuell beeindruckender und trotz seiner Reduktion erstaunlich interessanter Kurzfilm eines großen japanischen Underground-Filmemachers und Videokünstlers, dessen Oeuvre viel mehr Aufmerksamkeit zu wünschen wäre.

Sonntag, 8. Januar 2012

Ocean Waves / Umi ga Kikoeru / Flüstern des Meeres (Tomomi Mochizuki, Japan 1993)


Der Regisseur von Maison Ikkoku Kanketsuban, dem Kino- und Abschlussfilm zur in Japan extrem erfolgreichen, 96-teiligen Anime-Serie um ein studentisches Wohnhaus in dem das Chaos regiert, inszeniert hier einen Film für das Studio Ghibli, der mich in seiner Erinnerungsstruktur und den Bildgestaltungen sehr an Tränen der Erinnerung / Omohide poro poro (1991) von Isao Takahata erinnert.


Der Student Taku Morisaki reist von Tokyo in seine Heimatstadt Kochi und sieht auf dem gegenüberliegenden Bahngleis seine damalige Mitschülerin Rikako, die ihn damals erst in die Verzweiflung getrieben hatte (bei einer Klassenfahrt nach Hawaii und einer Reise nach Tokyo), und in die er sich dann - obwohl es seinem besten Freund ebenso erging - unsterblich verliebt hat. Dies zu erkennen hat etwas gedauert, da er mit seinem emotionalen Haushalt nicht ganz im Reinen war. Doch spätestens dann nach dem Klassentreffen in eben jenem Kochi, ist ihm alles völlig bewußt. Zurück in Tokyo wiederholt sich die Szene auf dem Bahngleis erneut, er rennt hinüber und nach einem kurzen Moment der Orientierungslosigkeit und einen Kameraschwenk später finden sich die beiden Liebenden.


Ocean Waves braucht seine Zeit, um in Fluss zu kommen. Und zu Beginn ist nicht ganz klar, worauf der Fokus der Erzählung liegt. Das liegt auch daran, dass die Verwirrung des Erzählers durch das Eintauchen in die Erinnerungen und durch die personale Erzählperspektive die Übersicht verhindert und sich auf den Zuschauer überträgt, dieser (s)eine klare Linie finden muss. Aber wenn die Figuren sortiert sind, sich das Buddy Movie zur Schulromanze reduziert, klären sich die Verwirrungen. Die Musik ist etwas dick aufgetragenes Klaviergeplänkel - nicht im Sinne der Orchestrierung, sondern im Sinne eines emotionalen Aufschwingens durch minimalmusikalische Plinkerperlmelodien. Dies wirkt bisweilen unnötig kitschig und lässt ungute Vermutungen bezüglich der ursprünglich angesteuerten Zielgruppe aufkommen - Ocean Waves ist einer der wenigen Fernsehfilme des Studios. Jedoch, mit ein wenig Geduld ist auch das immer wieder überstanden und letztlich gibt es in diesem unprätentiösen, nostalgischen Film genug Momente und Szenen, an denen man sich erfreuen kann.


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Freitag, 6. Januar 2012

Asu no Taiyo / Tomorrow's Sun (Nagisa Oshima, Japan 1959)


TOMORROW'S SUN ist eine Rarität: ein früher Kurzfilm Oshimas, der im Stil eines Trailers gemacht ist. Freilich zu einem Film, der nicht existiert. Man sieht ein junges Mädchen, das sich in einen Jungen verliebt und auf einer Theaterbühne allerhand spannende Gefahren überstehen muss, um ihren Angebeteten zu bekommen. Das ist alles recht klamaukig, voller toller visueller Einfälle, ein Revue-Film mit Gangstern im Frack und mit Kanonen und Tanz und Gesang - allerdings konnte ich keine Untertitel auftreiben, und es wird recht viel gesprochen, erzählt, erläutert und von einem engagierten Mädchenchor vorgetragen. Beinahe wähnt man sich in einem Film von Yasuzo Masumura. Hier ein paar Screenshots, die ein wenig den Plot illustrieren und die fantastische gestalterische Bildkraft Oshimas verdeutlicht:











Zwei Jahre vor diesem Film entstand Masumuras KUCHIZUKE / KISSES (1957), der immer wieder gerne (vereinfacht) zum Auftakt der Japanischen Nouvelle Vague erklärt wird, ein Film in dem sich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen Bahn bricht, die ihren Ausdruck in wilden Fahrten auf dem Motorrad findet. Hier das Äquivalent dazu (bei Oshima sitzt allerdings die Frau vorne - was keine generelle Kritik an Masumuras Frauenrollen sein soll; gerade dessen Protagonistinnen sind später meist sehr starke, kämpfende Frauen):


Oshima schneidet lustigerweise dann direkt auf eine identische Fahrt auf dem Fahrrad - wer weiß, ob das ein ironischer Kommentar sein könnte?). Und am Ende kehren wir mit einem Rahmen zum Anfangsbild zurück. Winke winke!