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Dienstag, 28. Februar 2012

Kandagawa Wars / Kandagawa Inran Senso (Kiyoshi Kurosawa, Japan 1983)


Zwei aufgedrehte Mädels beobachten mit ihren Ferngläsern des Nachts nicht nur die Sterne am Firmament, nein, sondern auch den Wohnblock auf der anderen Seite des Flusses gegenüber. Dort nämlich spielt sich Ungeheuerliches ab: ein junger Mann, der sich für Godard, John Ford, Deleuze und seine Querflöte interessiert, wird von seiner Mutter in regelmäßigen Abständen zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Diese inzestuöse Schweinerei können die beiden nicht mehr länger tolerieren und so planen sie, den Unterdrückten aus seiner Sexhölle zu befreien - um ihn selbst zu besteigen, quasi als Heilmittel.

Dabei haben sie nicht bedacht, dass der junge Herr vielleicht sogar ganz glücklich war mit seinem Muttersöhnchenstatus. Einmal fremdgegangen, will er sich direkt von der Brücke stürzen. Zudem wäre auch im eigenen Bette zu kehren: denn eine der beiden aufgeweckten Freiheitskämpferinnen wird selbst recht ordenlich unterdrückt. Ein ekliger Brillentyp, sowas wie ihr Freund, besteigt sie in unersättlicherweise mehrfach in einer Nacht - einmal macht er neun Striche an die Wand. Und eigentlich hat sie gar keine Lust mehr auf all die einfallslose Mechanik.

Kiyoshi Kurosawas Debutfilm bei Nikkatsu ist ein ziemlich lustiger und irrwitziger Roman Porno - Sexfilm, der, als einstündige Billigproduktion, vor allem mit seinem ekstatisch-hysterischen Plot zu punkten versteht, mit der Darstellung von durchaus skurilen Sexpraktiken, und der sich mit oft völlig unpassender Musik beinah schon einem Splapstick-Film annähert. Und der erst gegen Ende zu einigen brillanten Bildern findet, etwa wenn die Konkurrenten um den Cineasten sich enragiert im Fluss prügeln, schön mit rotem und blauem Kleid, darunter weißes Höschen. Dass man bei einem derartigen Film aus Japan keinen Hardcorecontent erwarten darf, dürfte klar sein. An einer Stelle sieht man sogar die mit Klebestreifen abgeklebten Genitalien, zweimal ist der Schamhaarbereich geblurred. Nun ja, Nikkatsu war vom Film übrigens nicht wirklich überzeugt, da die auch visuell spannenden Szenen zwischen den eigentlichen Hauptmomenten des Films, den Sexszenen, zu interessant geraten seien und von diesen ablenkten. Seinem nächsten Film für das Studio (COLLEGE GIRL: SHAMEFUL SEMINAR, 1984/85) wurde dann sogar die Veröffentlichung versagt. Nachdem er die Director's Company davon überzeugen konnte, den Film zu kaufen, drehte er ein paar zusätzliche Szenen und brachte den Film, dann auch neu geschnitten, als den zumindest dem Namen nach bekannten THE EXCITEMENT OF THE DO-RE-MI-FA GIRL (1985) heraus. KANDAGAWA WARS jedenfalls ist ein unterhaltsamer Genrefilm und ein bisweilen durchaus erotischer Ritt, eine kleine, luftige Schweinerei!

Sonntag, 26. Februar 2012

Gantz – Spiel um dein Leben (Shinsuke Sato, Japan 2011)


GANTZ ist eine in Japan extrem erfolgreiche Mangaserie, die nun, nach der Produktion einer Anime-Serie, mit einer Realverfilmung den Fans zum dritten mal das Geld aus der Tasche zieht. Es ist ein recht abenteuerlicher Ritt, der hier vollführt wird: die beiden Schulfreunde Kato (Kenichi Matsuyama) und Kei (Kazunari Ninomiya) treffen überraschenderweise in der tokyoter U-Bahn aufeinander, wo gerade ein Betrunkener auf die Gleise gestürzt ist. Kato springt sofort hinab um ihm zu helfen, Kei zögert erst noch, hilft dann aber dem Freund. Doch für sie selbst ist ein Entkommen zu spät: beide werden vom heranrasenden Zug erwischt. Schnitt. Die beiden erwachen in einem Appartment, in dem sich eine große schwarze Kugel befindet. Außer ihnen sind noch andere eben Verstorbene anwesend. Plötzlich beginnt die Kugel zu dröhnen und gibt eine Mission aus: ein Außerirdischer soll getötet werden. Dazu bekommen die völlig verdutzten Jugendlichen einen schwarzen, Superhelden ähnlichen Anzug und eine Strahlenkanone. Da werden sie von der Kugel schon zum Schauplatz des Kampfes gebeamt...


In dieser Parallelwelt, in der die Toten ein zweites Mal sterben können - was dann letztlich endgültig ist - geht es vor allem darum, gemeinsam gegen den Feind vorzugehen. Zumal die Feinde von Mission zu Mission größer, mächtiger und bedrohlicher werden. Irgendwie hat man das Gefühl, in ein Videospiel teleportiert worden zu sein, denn GANTZ ist vor allem hemmungslose Fanboy-Unterhaltung. In dieser Welt ist alles möglich, jeder sieht gut aus, und nichts wird erklärt. Woraus sich auch der Reiz für den Zuschauer ergibt: der Wissenshorizont ist genauso eingeschränkt wie derjenige der Figuren. Man lernt diese verrückte Welt mit ihnen kennen. Allerdings ist auch zu tolerieren, dass nicht alles besonders logisch ist, auch wenn alles glatte Lackoberfläche ist. Warum z.B. die tollkühnen Helden so verstockt sind, ja beinahe asexuell verschämt, sobald es um Mädels geht (hier erkennt sich der Nerd wieder). Warum nicht einfach direkt auf die Monster draufgehalten wird, sondern erst künstlich durch den einen oder anderen besonders schmerzhaft empfundenen Tod eines Mitspielers die Einsicht in die Notwendigkeit des Tötens generiert wird, obwohl das vorher schon längst klar war. Oder warum die Meta-Ebene mit der Mangazeichnerin im College nicht weiter ausgeführt wird. Aber vielleicht werden ja alle diese Fäden - und die offenen Fragen: warum die Außerirdischen überhaupt auf der Erde sind, oder warum die Toten eigentlich nicht richtig tot sind - im Sequel beantwortet. Richtig weh tut dieser popkulturelle Science-Fiction-Alptraum zwar nicht, der Drang nach zwei weiteren Stunden GANTZschen Filmvergnügens hält sich bei mir jedoch stark in Grenzen.

Samstag, 18. Februar 2012

The Woman in the Septic Tank (Marlon N. Rivera, Philippinen 2011)


Die ersten Bilder aus einem Slum in Manila: die Kamera folgt dem Weg einer Frau durch das enge Labyrinth der Hütten, der Abbruchhäuser, der zusammengezimmerten Unterkünfte; überall Dreck, Menschen, Tiere, Leben auf der Straße, keifende Nachbarn, spielende Kinder, am Horizont die Müllberge, überkopf das Gewirr der Stromleitungen. In der Hütte dann angekommen ihre sieben Kinder, für die sie eine (1) Tütensuppe aufkocht und liebevoll verteilt. Die Kinder essen genügsam. Dann wird die Tochter auf dem Vorplatz gewaschen, mit der Wasserkelle über dem Kopf, und anschließend ins Zentrum zu einem Hotel geführt. Vor einer Zimmertür machen sie halt, ein weißhaariger ergreister Lustmolch öffnet die Tür und zieht das etwa 10jährige Kind zu sich ins Zimmer...

Cut.

Unterbrechung der Diegese. „Halt halt halt! Sollen wir das nicht ganz anders machen?“ Da entlarvt sich der Film als Imagination dreier adrenalisierter Filmemacher, die bei einem Caffé Latte Frappuccino eisgekühlt im lokalen Starbucks die Variablen ihres Films durchsprechen. Handy am Ohr, Macbook am Laufen. Ob man nicht vielleicht doch diese andere Darstellerin nehmen soll, die jünger ist und besser aussieht? Der Film startet erneut, diesmal mit der anderen Protagonistin. „Halt!“ ruft einer, sie könne unmöglich sieben Kinder haben, im Filmbild verschwindet darauf eines nach dem anderen wie durch einen Mausklick, bis drei übrig bleiben. Gut. Weiter...

Mit THE WOMAN IN THE SEPTIC TANK landet der 46jährige Rivera, der sich zuvor als Theaterregisseur betätigt hatte, mit seinem ersten Film bereits einen Coup. Dieser enorm unterhaltsame Meta-Spaß über die Möglichkeiten und Bedingungen des Filmemachens gerät zur euphorischen Groteske, zur Satire auf den Arthouse-Filmbetrieb. Denn den Filmemachern stellen sich noch einige weitere Hürden in den Weg, die sie nehmen werden müssen. Einen wunderbaren Dreh bekommt der Film zudem, als offen diskutiert wird, was man noch alles unternehmen müsste, um den Film auf europäischen Filmfestivals unterzubringen: wieviel Kindesmissbrauch und Prostitution, wieviel Armut, wieviel Aufopferungsbereitschaft und Sozialkitsch in den Film integriert werden muss, um bei den Europäern die richtigen, „gesellschaftskritischen“ Variablen erfüllt zu haben, um als engagiertes Weltkino durchzugehen. Den jungen Filmemachern geht es dabei freilich nur ums Berühmtwerden, und um die Einladung nach Cannes oder zur Berlinale. Dass Riveras Film noch einiges an Überraschungen zu bieten hat, kann man sich vorstellen: besonders schön etwa ist die erste Location-Besichtigung im echten Armutsviertel. Wo man freilich mit dem nagelneuen Mietwagen vorfährt. THE WOMAN IN THE SEPTIC TANK ist ein intelligenter, temporeicher Spaß, der mit Sicherheit zu den Highlights des Festivals gezählt werden darf.

Freitag, 17. Februar 2012

Captive (Brillante Mendoza, Philippinen 2012)


In Brillante Mendozas diesjährigem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag wird eine Gruppe Touristen auf den Philippinen von der islamistischen Terrororganisation Abu Sajaf entführt und monatelang in einer Odyssee durch den Dschungel getrieben. Ihr Ziel ist es freilich, Lösegeld zu erpressen - was sich im Falle einiger Geiseln als schwierig erweist, etwa wenn kein privates Vermögen zur Verfügung steht. Denn die Regierungen der jeweiligen Länder der Entführten tun wenig bis nichts und verschanzen sich hinter ihrer problematischen Position, mit Terroristen nicht zu verhandeln. Insbesondere eine Entwicklungshelferin ist davon betroffen (Isabelle Huppert), die so auf keinerlei Freilassung hoffen kann. Mendoza spielt u.a. verschiedene Formen des Stockholm-Syndroms durch, um die komplexen emotionalen Verästelungen innerhalb der Gruppe darzustellen; wodurch es schließlich zu der absurden Situation kommt, in der ein endlich freigelassenes Opfer nicht gehen will, da es sich in einen Entführer verliebt hat. Aber auch die philippinische Regierung und das Militär kommen nicht gut weg: kopflose Befreiungsaktionen arten in wilde Schießereien aus, und es scheint völlig egal zu sein, wenn auch die Geiseln getroffen werden. Dass die Entführer auch die Geiseln töten könnten, scheint ihnen nicht in den Sinn zu kommen. Es geht vor allem offenkundig darum, das Problem aus der Welt zu schaffen, egal mit welchen Mitteln. Und dies sind dann auch die stärksten Szenen im Film: wie urplötzlich die Gewalt von außen über die Gruppe hereinbricht und zum totalen Terror wird, zu grauenhafter Todesangst führt (brillant gespielt von Huppert). Also über eine Gemeinschat von Leuten, die sich die ganze Zeit darum bemüht, Kontrolle zurück zu bekommen und mit der Situation zurecht zu kommen. Die froh ist um jeden Moment des Friedens. Dieser wird auch einmal gegönnt, als man für einen Tag Unterschlupf in einer Schule findet und in Verhaltensmuster der Menschlichkeit zurückfindet. Die Überlänge des Films macht die Ausweglosigkeit bisweilen auch für den Zuschauer spürbar, und die Huppert dominiert etwas zu sehr den Film (und ist ein deutlicher Verweis darauf, wie der hauptsächlich festivalfinanzierte Film kalkuliert ist). CAPTIVE ist ein sehenswerter, aber nicht herausragender Film.

Freitag, 10. Februar 2012

Berlinale 2012: The Flowers of War / Jin Ling Shi San Chai (Zhang Yimou, China 2011)


In dieser Literaturvefilmung macht Zhang Yimou auf großes Propaganda-Epos: während des wegen seiner rücksichtslosen Brutalität in die Geschichte eingegangenen Nanjing-Massakers (durch die Japaner an der chinesischen Zivilbevölkerung) flüchtet sich eine Gruppe extrem gutaussehender Huren durch eine völlig zerstörte Stadt in eine Kirche, in der sich ein paar junge Novizinnen verschanzt haben. Dort befindet sich allerdings bereits ein Amerikaner (Christian Bale), ein Säufer und Taugenichts, von dem sich die völlig verstörten Mädchen Rettung erhoffen. Er soll als falscher Geistlicher, als Wolf im Schafspelz, die japanischen Soldaten von ihren Gräueltaten abhalten und der Gruppe zur Flucht aus der Stadt verhelfen.

Zhang Yimou, neben Chen Kaige einst Vorzeigeregisseur der "Fünften Generation", hat eine interessante filmische Entwicklung durchgemacht, die mit ihm als Regisseur der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele im Pekinger Eagle's Nest ihren Höhepunkt fand. Vom Regimekritiker zum gefeierten Liebling Pekings - ein Regisseur der Massen, und das innerhalb weniger Jahre. Auch FLOWERS OF WAR ist voll des chinesischen Heldenmuts: seien es die tapferen Soldaten, die ihr Leben für das Heimatland und die gerechte Sache hingeben - und die Yimou mit ballettartigen Zeitlupentoden zu adeln versucht (in einer besonders ekelhaften Szene werfen sich mehrere Soldaten, als menschliche Schutzschilde fungierend, todesmutig vor einen Panzer, um den Kameraden mit dem Sprengstoffgürtel möglichst nahe an das todbringende Gefährt des Feindes heranzubringen) - oder die zur Solidarität findenden Rivalen des Glaubens und der Moral: am Ende stirbt man sogar für den, der einen zu Beginn verachtete. Es ist die Solidarität der Chinesen, die sie zur wahren Stärke und zur moralischen Überlegenheit führt, die die heterogene Gruppe unter dem japanischen Terror zu ihrem Zusammenhalt finden lässt. Das ist alles freilich möglichst bedeutungsschwanger inszeniert, mit sakralen Chorälen und mit durch bunte Kirchenfenster hindurch flutenden Lichtkegeln ästhetisch beeindruckend drapiert und arrangiert.

Ein Film, der manchmal spannend ohnegleichen ist, der aber, und es ist nur eine Frage der Zeit, in die nächste sterbenslangweilige Ärgerlichkeit hineinstürzt. Ob das die schablonenhaften Figuren sind, die vorhersehbare Handlung, der mit dem Exotischen hausierende Soundtrack, der auf den Effekt und den Affekt abzielt, die offenkundige Huldigung des Starsystems, der teilweise entsetzlich hektische Schnitt, oder die unverhohlene Propaganda: THE FLOWERS OF WAR ist ein schlechtes, soßiges Melodrama, das seine grauenhaften Ereignisse instrumentalisiert um vor historischer Kulisse den Größenwahn eines im Niedergang befindlichen Systems zu beschwören, und für dessen Realisierung ein Mann gefunden wurde, der offenbar von allen guten Geistern verlassen wurde. Einen Regisseur, der Filme wie ROTES KORNFELD, LEBEN!, HEIMWEG, oder den einen, einen der schönsten Filme der Filmgeschichte gemacht hat: ROTE LATERNE.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Japanische Filmwoche Düsseldorf


Vom 3. bis 13.2. findet dieses Jahr, jetzt schon zum sechsten Mal, die Japanische Filmwoche im Filmmuseum Düsseldorf statt. Es wird allerhand zeitgenössisch Interessantes gezeigt, von ARRIETTY über GANTZ bis hin zu Shinji Aoyamas SAD VACATION oder Hirokazu Kore-edas STILL WALKING. Und das alles für umsonst! Hier das Programm: *click*