DVD BluRay

Freitag, 16. März 2012

Come Rain, Come Shine / Saranghanda, saranghaji anneunda / 사랑한다, 사랑하지 않는다 (Lee Yoon-ki, Südkorea 2011)


In Lee Yoon-kis Film regnet es die ganze Zeit. Das soll man natürlich als "emotional landscape" lesen, denn das verheiratete Paar, das hier im Zentrum des Films steht, ist am Ende seiner Ehe angekommen. COME RAIN ist streng auf seinen nüchternen, ja wie mit einem Skalpell sezierten Plot reduziert. Enziger Handlungsort ist (abgesehen von der Autoszene am Beginn) das Haus des Ehepaars: äußerst nüchtern eingerichtet, funktional, kahle Wände, alles vom Besten. In diesem Film wird kaum gesprochen. Das Drama zeichnet sich nirgends so richtig ab, nicht mal auf den stoischen Gesichtern der Protagonisten. Sie, die zu ihrem Liebhaber zieht und bereits die Koffer gepackt hat. Er, der sich damit einverstanden erklärt und die Schuld, es soweit gekommen haben zu lassen, auch bei sich selbst sucht. Doch nun regnet es in Strömen, die Straßen sind überflutet, an ein Fortkommen ist nicht zu denken. Man sitzt fest in einem Zustand des Dazwischen, einem verhinderten Transitzustand, und kann doch die Zeit nicht für eine Annäherung oder Klärung nutzen. Man steht also rauchend am Fenster, schaut sich nochmal im Bürozimmer um, kocht ein kleines gesundes, letztes gemeinsames Mal. Spricht über das italienische Restaurant, das man gemeinsam eröffnen wollte - eine hirngespinstete kleine Phantasie ehemals Verliebter. Eine zugelaufene Katze und ihre kurz hereinschauenden Besitzer sorgen kurzzeitig für Ablenkung und etwas Dialogzeilen; doch ist die Situation ganz besonders ungemütlich, da hier das nachbarliche Kennenlernen mit dem privaten Abschiednehmen zusammenfällt und jeder Smalltalk bereits seine Aktualität verloren hat. Doch kurz darauf haben sich die Nachbarn wieder verabschiedet und Stille kehrt ein. Und der Klang des Regens plätschert leise zum durchwarteten Abend.

COME RAIN COME SHINEs größtes Problem ist, dass er sich selbst um seinen Plot, um jedes dramatisierende Element bringt. Wohl ist es interessant, sich einer solch fragilen zwischenmenschlichen Situation anzunehmen, doch bekommt man keinen Zugang zu den verschlossenen Figuren, kaum einen Mehrwert aus dem sich durch Stummheit auszeichnenden Aufschubsdrama. So erzählt der Film eigentlich von einer Absenz und lässt - man erfährt wenig über die Protagonisten - selbst viele Geschichten unerzählt. COME RAIN COME SHINE (genauer übersetzt: I LOVE YOU, I LOVE YOU NOT: was für ein unsäglicher, nichtssagender Titel übrigens!) ist gottseidank nicht kitschig und nie bedeutungsschwanger. Doch braucht es einigen guten Willen, um dieses schön photographierte Beziehungsdrama ohne Drama durchzustehen. Man wünschte sich wenigstens einen einzigen emotionalen Ausbruch. Aber so etwas traut sich hier keiner.

Sonntag, 11. März 2012

Into a Dream / Yume no naka e (Sion Sono, Japan 2005)


Das Spiel mit verschiedenen Realitätsebenen, die oft reflexiv auch noch auf sich selbst verweisen, ist seit Jahren kein ungewöhnliches Filmtopos mehr. So ist es auch in Sion Sonos Film lange Zeit unklar, welcher der Erzählstränge, die gleichberechtigt neben einander stehen, nun die "Realität", und welcher der "Traum", oder die "Fiktion" (innerhalb der fiktiven Erzählung) ist. Sonos Film macht es schon deswegen schwer, da in diesem DV-Film die Übergänge meist in beide Richtungen durch das Einschlafen des Protagonisten erreicht wird. Das macht INTO A DREAM unterhaltend, auch wenn er leider nicht allzu packend ist.

Schauspieler Mutsugoro Suzuki stekt in der Krise - auch wenn er sie am liebsten verdrängen will: schon seit längerer Zeit dümpelt er auf TV-Film/-Soap - Niveau herum; seine Bekannten fangen schon an ihn zu hänseln. Allerdings hat der zurückhaltende, gutaussehende Charmeur immer noch Erfolg bei der Weiblichkeit, was seine Probleme allerdings nicht verringert. Seine Freundin Taeko scheint von den Eskapaden zu wissen und will ihn verlassen. Seine Geliebte Ranko, eine Theaterdarstellerin, ist zwar sexuell sehr offen eingestellt, jedoch beobachtet Mitsugoro auf dem Klo eines Gasthauses, auf dem er samt einigen Schauspielern der Truppe, die den Erfolg ihres Stückes feiern, dass auch die anderen Männer beim Pinkeln enorme Schmerzen zu haben scheinen. Da haben sich wohl alle was eingefangen - die Frage ist nur: von wem haben sie das? Und Mitsugoro schwant nichts Gutes. In einer weiteren Ebene z.B. ist er einer der Gangster in einem Yakuzakartell, die einen terroristischen Anschlag zu planen scheinen. Überschattet wird Mitsugoros momentane Erschütterung allerdings davon, dass er eigentlich zu einem Klassentreffen nach Hause reisen muss, was ihm freilich überhaupt nicht passt. Am obigen Filmplakat lässt sich aufgrund der montierten Motive bereits ahnen, wie die Struktur des Films organisiert ist.

YUME NO NAKA E basiert auf einem Roman Sion Sonos (der sich sowieso neben dem Fimemachen auch als Schriftsteller und Lyriker begreift), welcher im selben Jahr in Japan noch als Buch erschien. Auf wikipedia wird eine coming-of-age-Analogie zu seinem Erstling BICYCLE SIGHS hergestellt, ein Film, der hier auch noch besprochen werden wird. INTO A DREAM, auch wenn er nicht zu begeistern weiß, gefällt dennoch mit seinem immer wieder langsam sich entwickelnden Humor, mit der schönen Figurenzeichnung des Protagonisten (die bei den Nebendarstellern freilich holzschnittartig bleibt) und einer angenehmen Unaufgeregtheit, die das DV-Format mit sich bringt. Hier ist der vielbesungene Skandalregisseur deutlich mehr Auteur denn Rampensau, was seinen Status des "Ausnahmetalents" untermauert. Wunderbar auch das Ende des Films, in dem ein volltrunkener Tetsushi Tanaka durch die Nacht stolpert und seinen Schmerz und seine Verzweiflung hinausschreit. Die Erkenntnis hat ihn getroffen: Er kommt nicht drum herum, sich für einen der Lebenswege zu entscheiden. Manche Dinge muss man selbst in die Hand nehmen.

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Sonntag, 4. März 2012

Intentions of Murder / Akai satsui (Shohei Imamura, Japan 1964)


Es ist die beinah 2,5 Stunden andauernde, gewaltsame Unterdrückung der Frau, die in diesem Film so gnadenlos zusetzt. Daraus resultiert ein Gefühl der umfassenden Hoffnungslosigkeit, im Ambiente und den Settings eine trübe Atmosphäre der tristen Vergeblichkeit. Was immer diese Frau tut, wird ihr von den Männern aufgezwungen. Da ist es eine befreiende Wohltat, wenn sie ganz am Ende, in den letzten Minuten, wenigstens etwas die Kontrolle zurückgewinnt. Was mich verwundert hat, denn ich hätte nicht mit ihrem Überleben gerechnet.


Der Plot ist nichts für weiche Gemüter: eine etwas fülligere, vielleicht auch tumbe Hausfrau (Sadako, gespielt von Masumi Harukawa) lebt mit ihrem Gatten Koichi (Ko Nishimura) ein mühseliges Leben nahe der Bahnschienen in einem einfachen Haus. Dort wird sie eines Nachts, als ihr Mann geschäftlich in Tokyo weilt, von einem Unbekannten zunächst überfallen und ausgeraubt, anschließend vergewaltigt. Katastrophalerweise verliebt sich der Vergewaltiger in sie, sodass er sie auch in den folgenden Tagen immer wieder erneut bedrängt. Da sie von ihrem Ehemann keine Unterstützung erwarten kann (sie ist die Tochter einer ehemaligen Hausangestellten der einst gutbetuchten Familie) und Angst davor hat, des Ehebruchs beschuldigt zu werden, entschließt sie sich dazu, die Vorgänge ganz zu verschweigen und ihr Leid zu ertragen ("Wenn du es keinem erzählst, dann wird auch niemand davon erfahren!"). Ihr Mann hingegen verfügt seit gut zehn Jahren über eine junge Kollegin, die er in regelmäßigen Abständen besucht und die wegen ihm bereits eine Abtreibung vornehmen mußte. Er als Hausherr gestattet sich diese Freizügigkeiten bedenkenlos.

Nicht nur bezüglich des Übels, das dieser Frau widerfährt, ist der Film schwer zu ertragen, sondern auch in der für Imamuras nicht unüblichen Figurengestaltung, die den Protagonisten vorgibt, ihr Leid zu ertragen und das Beste daraus zu machen. Das Akzeptieren des unsäglichen Zustands und das Fügen ins scheinbare Schicksal machen den Film derart niederschmetternd, dass sogar die Entscheidung, sich nach der Vergewaltigung nicht selbst umzubringen (wie es die Etikette verlangt hätte), bereits als Erfolg und Lichtblick gedeutet werden muss. Es ist eben nicht die Auflehnung gegen die Zustände, die man hier erwarten kann. Diese Frau wird systematisch von allen um sich herum missbraucht, unterdrückt und klein gehalten. Auch ihre Schwiegermutter beispielsweise erinnert sie mehrfach daran, dass ihre Großmutter eine Prostituierte, ihre Mutter eine Kellnerin gewesen sei, die sich erhängt habe, und sie, Sadako, geradezu froh sein müsse, dass Koichi sie geheiratet habe. Dass sich Sadako um Masaru zu kümmern hat, Koichis Sohn aus erster Ehe, ist dabei eine Selbstverständlichkeit. Sadako wiederum akzeptiert dies fraglos und kümmert sich um ihn wie um einen eigenen Sohn.

Als Sadako vom Vergewaltiger schließlich schwanger wird, will sie der gestörte Irre sogar nach Tokyo mitnehmen, um dort ein neues Leben anzufangen. In zunehmenden Maße wird der Film nun von Traumsequenzen und halluzinatorischen, traumähnlichen Szenen bestimmt, sodaß nicht immer eindeutig ist, was nun tatsächliche Handlung oder Wahnvorstellung ist. Die Flucht beginnt zunächst mit dem Zug, dieser wird aber aufgrund des starken Schneefalls blockiert - worauf die Flüchtenden (keinesfalls romantisch: er geht vor, sie fünf Meter hinter ihm) sich zu Fuß in ein Dorf aufmachen, das aber von der Außenwelt abgeschnitten ist. Hier kommt es in einem Tunnel zu einer Herzattacke Hiraokas, worauf ihm Sadako anstatt seiner Medizin Gift einflößen will. Im letzten Moment aber schüttet sie es unter Tränen weg.

Interessanterweise sind alle Männer des Filmes krank. Im Gegensatz zur körperlich robusten Sadako ist das besonders offensichtlich: Koichi hat ein lebenslanges Lungenleiden, vermutlich Tuberkulose, muss immer wieder gepflegt werden und hustet große Mengen an Sputum ab; der Sohn Masaru habe laut Schwiegermutter ein schwaches Herz und wird von der Erbfolge ausgeschlossen; und auch der Vergewaltiger Hiraoka ist herzkrank, kann oft kaum gehen, und hat auch sonst einige offensichtliche psychische Schäden. Sadako ist eine schwache Heldin, aber eine bodenständige, eine erdnahe Insect Woman, die nach all den Prüfungen und den tatsächlich für viele Zuschauer moralisch fragwürdigen sexuellen Handlungen (auch mit dem Vergewaltiger) gestärkt hervorgeht und in gewisser Weise über die anderen Figuren triumphiert. INTENTIONS OF MURDER präsentiert somit eine gänzlich ungewöhnliche Souveränitätsfindung einer Frau, deren Verlauf nicht den gängigen Schemata eines moralisch einwandfreien Feminismus gehorcht.