DVD BluRay

Sonntag, 29. April 2012

Don (Farhan Akhtar, Indien 2006)


Der skrupellose Gangster Don (Shahrukh Khan) ist die rechte Hand des Drogenkartell-Bosses Singhania (Rajesh Khattar) und führt seine Aufträge mit äußerster Präzision und mitleidloser Grausamkeit aus. Als Ramesh (Diwakar Pundir) aus dem Syndikat aussteigen will, wird er von Don getötet - wie auch seine Verlobte, die sich an Don zu rächen versucht. Aber auch Rameshs Schwester Roma (Priyanka Chopra) hat es auf den Killer abgesehen. Sie ist sogar recht skrupellos, schleicht sich in die Organisation ein, um so an ihn ranzukommen. Doch Don wird auch von der Polizei gejagt und dann bei einer Verfolgungsjagd angeschossen - anschleißend in einer Klinik versteckt. Policecommissioner De Silva (Boman Irani) steckt dahinter, der nun seinerseits einen Maulwurf in die Organisation einschleust. Das Besondere: es ist der Straßensänger Vijay (ebenfalls Shahrukh Khan), der dem Killer aufs Haar gleicht. Ein gefährliches Doppelspiel beginnt, vor allem da auch De Silva ein Geheimnis zu hüten scheint.

Es ist ein irrer Plot, der einem hier vorgesetzt wird. Dazu Hochglanz-Action, spektakuläre Stunts und haarsträubende Verfolgungsjagden, schöne Frauen und im Zentrum des Ganzen: Shahrukh Khan. Immer sexy, immer sympathisch, immer brandgefährlich. Höhepunkt ist sicherlich die Verfolgung in den Petronas Towers in Kuala Lumpur, wo der indische Megastar auf dem Dach der Verbindungsbrücke der beiden Türme balanciert und die Kamera diese Aktion in "spektakulären Bildern" festhält. Diese sind allerdings wenig einprägsam, da ihnen eine künstlerische Handschrift fehlt. Wie das ganze zudem recht sensationalistisch nach 80er Jahre-Art montiert ist, passt zur orientierungslosen Gesichtslosigkeit. Jedoch, DON ist vor allem auch ein Kino der Sensationen.

Was außerdem als Kuriosum auffällt, ist die Tatsache, dass der Hauptdarsteller und das Aushängeschild des Films der Übeltäter ist. Dessen Handlungen werden durchaus durch keinerlei nachgeschobene Erklärung, durch ein Trauma oder dergleichen nach hollywoodianischer Art gerechtfertigt. Der Mann ist der Gangster. Musik ab.

Die Songs des Films haben mir, etwa im Vergleich zu SINGHAM, überhaupt nicht gefallen (die teilweise aus dem Original von 1966 mit Amitabh Bachchan übernommen sein sollen). Schlechte Melodien, pappige Konzepte, over-the-top-Choreographien, elektro-Produktionen, die mehr an Plastik denken lassen, denn an modernste Technik (siehe dazu auch den Vor-, sowie den Abspann). Was Shahrukh Khan auch für ein unglaublicher Charmebolzen sein kann, lässt sich dann gut in den Straßensänger - Doppelgänger - Szenen begutachten. Hier kommt endlich mal ein wenig Sympathie auf in einem Film, dessen Figuren völlig unterentwickelt bleiben. Extrem wandlungsfähig ist dieser Schauspieler, dem hier nur Boman Irani ansatzweise etwas entgegenzusetzen hat. Alle anderen verblassen hinter King Khan. Wie auch der Film recht schnell das Gedächtnis wieder verlässt.

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Freitag, 27. April 2012

Singham / सिंघम (Rohit Shetty, Indien 2011)


Bajirao Singham ist ein kleiner Police-Officer im ruhigen Dorf Shivgarh, das sich nahe der Grenze von Goa und Maharashtra befindet. Er ist ein Held im Dorf und eine Autoritätsperson, Händel und Streitigleiten löst er mit dem guten Menschenverstand. Oder auch mal mit der Faust und einem bösen Blick. Freilich ist er völlig durchtrainiert und sieht klasse aus (etwa wie ein indischer Freddie Mercury). Bald verknallt er sich auch in die hübsche Kavya, die allerdings mit dem Vater wieder nach Goa zurückgeht. Als nun der Pate von Goa, der Verbrecher Jaikant Shikre, nach einem Mord vorläufig auf Kaution freigelassen wird, muss er sich ausgerechnet in Shivgarh wöchentlich einfinden und auf Bajiraos Polizeistation vorsprechen. Das behagt ihm gar nicht und er versucht, Bajirao zu bestechen. Dagegen ist der natürlich immun und legt sich mit dem mächtigen Gangsterboss an. Richtig brenzlig wird es, als Singham nach Goa versetzt wird, da sich der dortige Polizeiinspektor selbst das Leben genommen hat (ein weiterer Nebenerzählstrang). Was Bajirao nicht weiß: Schuld daran ist Jaikant Shikre, der Singham in seinem Einflussbereich haben will - um ihn nun richtig fertigzumachen.

SINGHAM ist ein Remake des tamilischen Films SINGAM (Hali, 2010), in dem Prakash Raj ebenfalls die Rolle des Bösewichts Jaikant Shikre übernommen hatte. SINGHAM ist 2011 in Indien wohl ein riesiger Kinoerfolg gewesen. Eine Message sollte man freilich nicht von ihm erwarten, oder tiefgründigere Gesellschaftskritik (sofern ich das beurteilen kann); außer vielleicht des immergleichen "Lass' dich nicht unterkriegen!" Interessant ist jedenfalls, dass selbst die negativen Kritiken zum Film, die mir bei etwas Recherche im Netz begegnet sind, eigentlich keine plausiblen Argumente liefern, was tatsächlich an diesem Film schlecht gemacht sei. Das sind häufig Befindlichkeitskommentare, etwa dass man genervt sei, südindische Filme ge-remaket zu bekommen, dann Kritik an teilweise verwendetem südindischen Dialekt (mir ein Rätsel, wehalb das negativ sein soll), oder (!) dass die weibliche Hauptfigur nicht hübsch sei. Was übrigens definitiv gelogen ist. Nun ja, das nennt sich dann Filmkritik.

SINGHAM ist zwar ein aus hunderten Standardsituationen zusammengesetzter over-the-top - Actionfilm mit Romanzeneinschlag, in dem sich der "unbedeutende", aber aufrechte Mann gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner durchzusetzen hat, und doch hat er mir sehr gut gefallen. Er ist ausnehmend dynamisch, voller kinetischer Energie, die sich immer wieder eruptiv in den üppigen Actionszenen entlädt, in denen Bajirao Singham beinahe schon Superkräfte zu entfalten versteht. Ein Film, der sich auch kräftig beim Hongkong-Kino bedient. Eine effektive und knackige Tonspur tut das übrige. Prakash Raj hat mir sehr gut gefallen als Übeltäter, da er seiner Figur durchaus mehrere Facetten abzugewinnen versteht, drunter auch komische. Seine Rededuelle mit Ajay Devgn sind spannende Gefechte, in denen sich zwei ebenbürtige Männer gegenüber stehen. Und obwohl der Plot reichlich vorhersehbar ist, reisst der Film mit, der wie auf einer Überholspur von einer tollen Action- zur nächsten verhuschten Liebesszene springt, zu kauzigen oder liebevollen Charakteren, und dann zurück zu dem Mann mit dem Pornoschnurrbart und den glänzenden Muskeln. Einige sehr feine Songs runden den Film ab und grooven gut. Die 140 Minuten vergehen wie im Flug. Hier der Trailer, der einen ganz guten Eindruck gibt:

Mittwoch, 25. April 2012

Oni Rokus persönliches Tagebuch: Die Schändung der Dame des Hauses (Nobuyoshi Sasaki, Japan 1999)


Bei HARD SENSATIONS habe ich diesen japanischen Pink-Sexfilm besprochen, der sich vor allem durch Inspirationslosigkeit auszeichnet. Leider. Von der komplexen Abgründigkeit der Meisterwerke dieses Genres hat dieser Film überhaupt nichts. Er mutet vielmehr wie eine deutsche Fernsehproduktion an. Hier geht es zur Kritik.
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Samstag, 21. April 2012

Purani Haveli (Shyam & Tulsi Ramsay, Indien 1989)


Zwischen Anita (Amita Nangia) und Sunil (Deepak Parashar) kommt es zu einer nicht standesgemäßen Liebschaft - die gutsituierte Familie Anitas ist entsetzt über die Romanze ihrer Tochter, zumal sie die junge Frau bereits einem ekelhaften schnauzbärtigen Onkel versprochen haben, der gerne blaue Kunstfaserblousons trägt. Bei einer Ausfahrt zum neu angekauften Anwesen wird Sunil aber heimlich eingeschleust, sodaß das Liebespaar dennoch ein paar schöne Stunden miteinander verbringen kann. Sie haben allerdings nicht damit gerechnet, dass das Haus verflucht und im Keller eine Bestie eingesperrt ist, der es nach Menschenfleisch dürstet (siehe der Unhold auf der Plakatabbildung oben links). Einmal freigelassen, stolpert das Untier ungeschickt durch die Gegend, doch da den Bedrohten die Angst in die Knochen fährt, können sie sich noch schlechter bewegen als dieses und werden so nach und nach Opfer der mordenden Bestie. Diese schreit aber auch wirklich fürchterlich.

Wie es im Horrorfilm dieser Provenienz anscheinend üblich ist, macht der Plot nicht nur einige deutliche Schlenker, nein, bisweilen driftet er auch mal völlig ab. Etwa wenn es um die Verfolgung Sunils geht, oder die frühzeitige Beischlaferzwingung der Verlobten. Da befinden wir uns plötzlich mitten in einem wüsten Bandenfilm mit Schlägereien, halbnackten Damen, und schlecht gekleideten Aushilfsprüglern. Der Sleaze tropft von der Decke. Da wird die Musik auch mal funkig, die sich ansonsten - ein irrer Score! - hauptsächlich aus dissonanten Kakophonien zusammensetzt, derart schrägen Tonmixturen, dass es einem in die Hirnrinde fährt. Begleitet freilich von stetem Donnerngrollen, Gewittereruptionen und Blitzeflackern (dieselbe Außenaufnahme des Ghost Mansions wird unzählige Male im Film wiederholt, zumeist beim Einsetzen eines neuen "Kapitels"). Was man außerdem mitbekommt: in Indien herrscht häufig die berüchtigte Tag- und Nachtgleiche. Da hätte man die häßliche rot-quadratische Taschenlampe auch zuhause lassen können. Aber: PURANI HAVELI ist ein irres Qualitätsprodukt aus dem Hause der Ramsay-Brothers! Nicht nur, aber eben auch hier, schlagen die niedrigen Budgets des familiär geführten Produktionsteams durch: "Night-time shooting was still a problem to the Ramsays [...]" schreibt Kartik Nair zum Ramsay-Hit PURANA MANDIR aus dem Jahr 1984 - und das ist wohl so geblieben.

Die Ramsays sind eine filmbegeisterte Großfamilie, die die Filmindustrie Mumbais mit ihren aus Begeisterung geborenen Billigproduktionen torpedierten und die trotz niedrigster Produktionsstandards und tiefstem Niveau auch in den Kinos große Erfolge feierten. Eingebunden war die ganze Familie, wie man bereits beim Regisseursduo im Titel sehen kann. Noch einmal Kartik Nair:

"Every few months over the next two decades [ab Mitte der Siebziger], cast and crew alike would be packed into buses and transported to the outskirts of Bombay for filming. Here, brothers Shyam and Tulsi Ramsay would dispatch directorial duties; brother Kumar would write the scenes while brother Gangu would lens them; Kiran Ramsay was usually in charge of sound and Arjun in charge of production; meanwhile, Mother Ramsay would cook for everyone."

Das lesenswerte Essay von Kartik Nair - nicht nur zu den Filmen der Ramsays, sondern auch zur Rezeption derselben, zur indischen Kinostruktur und dem Horrorfilm in Bollywood - ist hier als pdf zu finden. Der Film selbst ist momentan als DVD-Version OOP, ob die verfügbare VCD allerdings Untertitel hat, ist mir leider nicht bekannt. 

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Montag, 16. April 2012

Gandu (Kaushik Mukherjee aka. Q, Indien 2010)


Gandu erzählt keine Geschichte. Es sind zerrissene Fetzen, Ausschnitte, Fragmente eines Lebens in Hinterhöfen, die in unsere Richtung explodieren. Der Film ist ein Aufschrei (auch gegen ein stromlinienförmiges Bollywood), ein ungebändigtes bengalisches Energiebündel, das sich an keine Regeln hält - und schon deswegen gegen die althergebrachten Konventionen der filmischen Narration verstößt.

Gandu heißt Wichser, Arschloch, Depp. Und der Protagonist des Films trägt diesen Titel, der ihm von den anderen verliehen wird, irgendwann mit Würde. Er konstruiert eine Persona um ihn, den Sänger und Rapper der Punkband, den Typen auf Drogen, der sein G an die Hauswände taggt. Er lebt in den Tag hinein, betäubt den Hass auf die Welt und die Angst vor der ungesicherten Zukunft mit allem, das berauscht. Irgendwann lernt er, wie in einem Liebesfilm, durch einen Crash Rikshah kennen. Ein Junge, der so heißt wie das, was er macht. Er fährt eine Rikscha. Mit Bruce Lee drauf, seinem Helden. Und abends macht er Kung Fu-Training, bevor er dann mit Gandu herumzieht und irgendwann Heroin zu rauchen beginnt.

GANDU ist eine Attacke auf den bürgerlichen Geschmack. Er ist laut, ruppig, digital. Schwarzweiße Tristesse, Sex in echt als Pornographie, oder eben als Realität, die nicht die Augen verspießert abwendet, wenn der Schwanz aus der Hose kommt. Die lose Folge der einzelnen Sequenzen ergeben erst mit der Zeit ein lesbares Bild, ständig torpediert mit dem Hineingrätschen des Experimentellen. Schon am Anfang die Splitscreens mit mehreren Kadern und den durchrollenden Texten, den arrangierten Textfetzen. Plötzlich, nach einer Stunde, rollen die Abspanntitel quer durchs Bild. Aber der Film geht noch 25 Minuten weiter. Plötzlich taucht der tatsächliche Regisseur im Film auf und im Schuß-Gegenschuß sieht man die Kamera der eigentlich diegetischen Welt. Dann eine Farbenattacke, als sich Gandu mit der Rothaarigen einlässt, die ihn ranlässt. Und sie packt den Schwanz, bläst ihm einen, die Kamera nimmt das alles mit, es ist eben irgendwie so, wenn man Sex macht. Danach geht man einen Rauchen und wird von den Halluzinationen weggeballert, die mit zum Schönsten an Trips gehören, die ich seit einiger Zeit gesehen habe.

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Der Film kommt von Bildstörung. In hervorragender Qualität (+ Soundtrack-CD in den limitierten Editionen) und mit informativen Texten von Jochen Werner und Martin Gobbin.

Freitag, 13. April 2012

Shichinin no Samurai / Seven Samurai (Akira Kurosawa, Japan 1954)


Japan, 1587: ein kleines Bauerndorf wird regelmäßig jedes Jahr nach der Ernte von einer skrupellosen Räuberbande überfallen, die in ihrem Terror nicht nur die Lebensmittelvorräte entwendet, sondern auch junge Frauen und Mädchen entführt, um sie zu Versklaven und nach Gutdünken zu mißbrauchen. Auch der eine oder andere Bauer muss bei diesen Attacken sein Leben lassen. Die Farmer sind mittlerweile dermaßen eingeschüchtert, dass an eine Gegenwehr nicht mehr zu denken ist. Doch ein paar wackere Gesellen setzen sich schließlich gegen die alle Dörfler lähmende Angst durch, und nachdem sie den weisen Dorfältesten um Rat angesucht haben, reisen sie in die nächste Stadt um Samuraikrieger für ihre Sache anzuheuern. Sie sollen ihnen bei der diesjährigen Ernte gegen die Banditen Schutz gewähren. Verarmte, hungrige und herrenlose Samurai gibt es zuhauf, doch haben die Dorfbewohner fast nichts zu bieten: drei Reismahlzeiten am Tag, ein Dach über dem Kopf und einen Kampf gegen eine Übermacht, der kaum zu gewinnen ist. Ein beinah aussichtsloses Unterfangen...

DIE SIEBEN SAMURAI wird von der Filmgeschichtsschreibung oft als einflussreichster japanischer Film im Westen ausgewiesen und mit Superlativen überhäuft (und das, obwohl in Europa lange Zeit nur die arg zugerichtete, in zwei Etappen gekürzte Fassung zu sehen war). Mir persönlich widerstrebt es sehr in solch einhellige Lobgesänge einzustimmen, doch kann ich in diesem Fall ebenfalls nur meine Begeisterung kundtun: SHICHININ NO SAMURAI ist ein monumentaler, bildgewaltiger, epischer Klassiker. Ein Meisterwerk, das auch gerade wegen seiner enormen Länge in jeder Szene zu überzeugen weiß (Dank weltweit bestellbarer DVD-Editionen ist problemlos die originale 220minütige Fassung greifbar - die mir hier auch zur Sichtung vorliegt), das Dank des hohen Tempos und der Montagetechniken immer spannend und kurzweilig ist: also den Zuschauer fesselt - und das außerdem eine ganze Fülle universeller, moralischer und gesellschaftskritischer Themen verhandelt.

Da ich im Jahr 2010 bereits systematisch Kurosawas Frühwerk abgearbeitet hatte, gelange ich nun zu den  Filmen der mittleren Werkphase mit den bei uns wesentlich bekannteren Filmen, die gemeinhin als seine Hauptwerke gelten (RASHOMON und IKIRU sind freilich ebenfalls dazu zu zählen). Allerdings - man muss es leider konstatieren - scheint sich das Interesse bei der Leserschaft Kurosawa gegenüber in Grenzen zu halten. Selten gingen die Klickzahlen auf diesem Blog so sehr nach unten, wie bei der hier begonnenen Kurosawa-Retrospektive. Man kann es aber auch niemandem verdenken - noch mehr Kurosawa im bereits üppig bearbeiteten Felde! Es wird hier also immer mal wieder einen weiteren Kurosawa geben, in loser, sukzessiv historischer Folge. Genauso werden sich die Einträge eher auf einzelne Aspekte der Filme konzenrieren. Denn extensive Abhandlungen gibt es ja beileibe genug, und ich habe keinerlei Ambitionen, diese hochkomplexen Filme umfassend zu besprechen. Da fehlt mir die Kompetenz, die Ausdauer und schlicht auch die Zeit dafür. Ganz abgesehen vor der enormen Hemmschwelle, sich diesen Filmen textlich überhaupt zu nähern.

Doch zurück zum Film: Dieser zerfällt in zwei beinahe gleich große Hälften, die von einer Intermission separiert werden (man könnte ihn aber auch ebensogut in drei Akte teilen), die wohl der Lauflänge geschuldet ist. Im ersten Teil geht es um den Auszug der Bauern und ihren schweren Stand in der Stadt, die Anheuerung der Samurai - was bereits das erste Abenteuer darstellt. Als der zusammengewürfelte Haufen gefunden ist, treffen sie im Dorf ein und werden zunächst sehr zurückhaltend empfangen. Man beginnt mit der strategischen Planung. Der zweite Teil beginnt mit der Ernte, geht zu den Befestigungsarbeiten über und kommt schließlich zum Höhepunkt des Films, dem Angriff auf das Dorf und der Abwehr der Räuberbande.

In Kurosawas Frühwerk sind die moralischen Kategorien gut/böse häufig sehr eindeutig einzelnen Figuren zugeordnet; und die Handlung ist meist sehr funktional gehalten; sie etabliert diese Apekte und bekräftigt sie. In RASHOMON wurde gerade dieses Prinzip völlig aufgegeben und zur Diskussion gestellt. IKIRU schien mir dahingehend ein Rückschritt zu sein, wenngleich die Positionen in der zweiten Filmhälfte in der Totenwache ausdiskutiert werden. In DIE SIEBEN SAMURAI jedoch wird diese Zuschreibung dezidiert zum Thema gemacht - in einer großartigen Szene, einem atemlosen Monolog Kikuchiyos (Toshiro Mifune), der mit seiner Bauernschläue den Samurai die Leviten liest. Denn diese tendieren dazu, die Bauern zu idealisieren (übrigens ganz wie der Zuschauer). Ohnmächtig gegenüber der ungerechten Gewalt, arbeitsam und genügsam, buckeln sie sich in freier Natur durch ihr Leben, haben nie genug für ein komfortables Dasein und immer zuviel zum Sterben. Unschuldig, gut, und ein hartes Los. Doch die Situation droht zu eskalieren, als von Kikuchiyo eine alte Samurairüstung in einer Hütte gefunden wird. Da dämmert den Mannen, dass hier entweder Leichenfledderei an Standesgleichen betrieben wurde, oder schlimmer noch, durchziehende Kämpfer von den Bauern gemeuchelt wurden (ein Thema, das zehn Jahre später auf schockierende Weise in Kaneto Shindos wundervollem ONIBABA (1964) wieder aufgegriffen wird). Kikuchiyo, der Möchtegernsamurai und Bauernsohn, berichtet daraufhin, die Naivität der Samurai verspottend, in einem langen Monolog (es ist ein der großen Szenen für Mifune in diesem Film) von der Niedertracht der Bauern, ihrer egoistischen, kleingeistigen Habgierigkeit - und davon, wie sie ihre Schätze zu verbergen und zu verstecken wissen:

"What do you think farmers are? Saints? They are the most cunning and untrustworthy animals on earth. If you ask them for rice, they'll say they have none. But they have. They have everything. [...] They are full of lies. When they smell a battle they make themselves bamboo spears. And then they hunt. But they hunt the wounded and the defeated." 

Und wie um es zu bestätigen, wird in der Nacht vor dem Kampf tatsächlich kollektiv ein großes Fass Sake getrunken. Dass an unbekanntem Ort noch mehr davon lagert - und derer Schätze mehr -, dürfte nun allen bestätigt worden sein. Und es ist dann Kambei Shimadas (Takashi Shimuras) weiser Autorität zuzuschreiben, dass die aufgebrachten Samurai gebändigt und zur Disziplin gerufen werden können und nicht selbst ein Massaker unter den gar nicht so armen und wehrlosen Bauern anrichten.

So ist die Darstellung und die Problematisierung des disparaten Nebeneinanders von Gut und Böse sicherlich einer der Aspekte des "universell Menschlichen" bei Kurosawa; dass eben eine eindimensionale Zuschreibung eine unzulässige Verkürzung ist; dass sich gerade in ihrer unperfekten Art die Menschlichkeit offenbart und dass es genau diese Diskrepanz ist, die sie zu den Menschen macht, die sowohl liebenswürdig, als auch zugleich hassenswert sind. Dies zu akzeptieren und zu umarmen, auch um den Preis des persönlichen Nachteils, das ist die Lektion, die die wenigen überlebenden Samurai bei dieser Aventiure lernen, und eine Erkenntnis, die Kambei Shimada schließlich weiser, stärker und erfahrener macht. Die Räuberbande wurde zwar abgewehrt - doch um welchen Preis? Vier große Grabhügel mit eingesteckten Schwertern zählt man auf der Anhöhe. Nur: sind die Bauern die Guten, für die es sich zu sterben lohnte? Oder hat man lediglich einem abstrakten Gerechtigkeitsprinzip hinterhergejagt? Die weiterziehenden Samurai verlassen das Dorf beinahe unbemerkt von den schon wieder ganz mit sich selbst beschäftigten Bauern. Man hat den Eindruck, sie sind dort bereits nicht mehr erwünscht...

Mittwoch, 11. April 2012

Gantz – Die ultimative Antwort / Gantz 2: Perfect Answer (Shinsuke Sato, Japan 2011)


Kei Kurano (Kazunari Ninomiya) hat sich zum Anführer der Kämpfer im Gantz’schen Todesspiel entpuppt – und das, obwohl er im normalen Leben ein echter Schüchterling ist. Sein Ziel ist es, den noch im vorangegangenen Film GANTZ verlorenen Freund Masaru Kato (Ken’ich Matsuyama) durch einen Spielgewinn wieder zu beleben. Auch unter Verzicht auf die Option, selbst aus dem teuflischen Spiel ausbrechen zu können. Denn die schwarze Kugel regiert alles...


Montag, 9. April 2012

Kalicharan (Subhash Ghai, Indien 1976)


KALICHARAN ist ein Spektakel. Es geht vor allem um einen Gangster, der ein doppeltes Spiel spielt (Din Dayal aka LION) und den Polizeihauptmann Khanna, der den Taugenichts Kalicharan (Shatrughan Sinha) anheuert, weil er dem Elite-Polizisten Prabhakar ähnlich sieht. Und es gibt... sehr wenig Plot, der sich zu einer schlüssigen Handlung zusammenfassen ließe. Nun, es geht vor allem darum, mit Hilfe eines Gangsters einem Gangster das Handwerk zu legen. Auf seinem Weg erkennt Kalicharan noch den Killer Shetty, nun in Diensten LIONs, der vor langer Zeit einer der Vergewaltiger seiner Schwester war. Und er nimmt Rache.

Dem Film zu folgen ist zunächst ein recht schwieriges Unterfangen, da die Untertitel nicht gerade von einem Muttersprachler formuliert worden sind. Dass zwei Protagonisten auch noch Doppelrollen spielen, bzw. unter verschiedenen Pseudonymen auftreten, macht es nicht einfacher. Auch die Tatsache, dass eine stringente Handlungsentwicklung fehlt, hilft nicht gerade. Dennoch ist KALICHARAN ein enorm unterhaltsames Feuerwerk der absurden Ideen, voller kurioser Verfolgungsjagden, debiler Zweikämpfe, des absurden Humors, und: ja, der mitreissenden Songs.

Besonders erwähnenswert ist der hohe Sleaze-Anteil einiger Szenen. Etwa die Szene, in der Reena Roy auf eigene Faust sich in die Höhle des Löwen begibt um den Gangstern auf die Schliche zu kommen, und dann beinah vergewaltigt wird. Musik und Ausdruck, Schnitt, Montage sind bester Schlock mit langen Messern in den Händen toll geschminkter Wildcat-Frauen und einem Prabhakar, der urplötzlich wie aus dem Nichts auftaucht, um sie zu retten. Die anschließende Keilerei erinnert sehr an Saloonprügeleien in Westernfilmen, bei denen das gesamte Mobiliar zu Bruch geht. Prabhakar kämpft sogar mit seinem Ledergürtel, den er als Peitsche nutzt. Oder die Szene auf dem Marktplatz, in der er dem Vortstadtgangster Shaaka die Leviten liest. Dieser hat nur ein Bein, und als es zum Duell mit einem Dreizack (!) kommt, bindet sich Prabhakar mit einem Band selbst das Bein hoch, um keinen Vorteil zu haben.

Der Film hat Tempo und hohen Unterhaltungswert. Die 140minütige Spielzeit, die bei Bollywoodfilmen wohl üblich ist, ist zwar meine Sache nicht - doch muss ich gestehen, die Zeit verging wie im Fluge. Ob der Film Relevanz für die indische Filmgeschichte hat, kann ich nicht beurteilen. Man liest aber, er sei das gelungene und karrierebeflügelnde Regiedebut Subhash Ghais, der sich zu einem renommierten Regisseur entwickelt habe. Auch für die Darsteller Shatrughan Prasad Sinha (der heute Politik macht) und Reena Roy ist KALICHARAN wohl so etwas wie der Kickstarter ihrer Karriere gewesen.