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Mittwoch, 30. Mai 2012

Die Nacht des Mörders / Japanese Summer: Double Suicide (Nagisa Oshima, Japan 1967)


Die sexuell enthemmte junge Dame Nejiko (Keiko Sakurai) streift mit dem schüchternen Deserteur Otoko (Kei Sato)  herum - sie ist stets auf der Suche nach sexuellen Abenteuern, er ist seines Lebens überdrüssig und sucht jemanden, der ihn zu töten bereit ist. Beide haben aber zunächst wenig Erfolg, auch wenn Nejiko auf der Brücke ihr Höschen auszieht und den Schwimmern im Fluss nachwirft. Das gibt zwar Gejohle, man schwimmt aber lieber weiter. Dann geraten die beide in die Hände von Anarchisten, die sich in einen Unterschlupf zurückgezogen haben um ihre nächste Aktion zu planen. In ein Verlies eingesperrt, lernt man die anderen Gefangenen kennen, und die beiden Protagonisten scheinen zu bekommen was sie suchen: Sex und einen Killer. Doch dann verläuft alles wieder ganz anders...

MURI SHINJU: NIHON NO NATSU ist ein selten gesehener Film Oshimas. Zu Unrecht, meine ich. Freilich gehört er zu den weniger zugänglichen Werken des "Meisterregisseurs" (so die mittlerweile leider eingestellte Reihe bei Polyfilm) - er ist spröde, elliptisch, schrill und düster zugleich, er erklärt wenig bis nichts. Es ist also in großem Maße der Zuschauer selbst gefragt, sich aus dem Gesehenen einen Zusammenhang zu denken in dieser doch einfachen, aber grotesken Geschichte. Vor allem in Filmmitte, in der Kerkerszene, ist er sehr kompakt, spielt nur in diesem einen Raum; man befindet sich wie auf einer Theaterbühne. Das erinnert ein wenig an Kurosawas NACHTASYL oder an DIE SIEBEN SAMURAI, wenn die Bauern ratlos und nicht mehr weiter wissend ihre Zeit in der Unterkunft totschlagen. Bevor der Film dann am Ende völlig aus den Fugen gerät und in einer actionreichen Verfolgung samt wilder Schießerei endet.

DIE NACHT DES MÖRDERS dürfte mit seiner offenen Narration und seinem Stilwillen, dem die Japanische Nouvelle Vague eingeschrieben ist, so manchen Betrachter verstört zurücklassen; zugleich aber ist offensichtlich, wie dieser Film in seiner umwerfenden Bildgestaltung, seiner düsteren Atmosphäre und seiner Faszination zwischen Eros und Thanatos, verkörpert durch die beiden Protagonisten, in den Bann zu ziehen vermag. Ein Film, der sich nur schwerlich als Thriller klassifizieren lässt, denn man könnte mit gleichem Recht von einer apokalyptischen Dystopie sprechen, die in ihrem Finale nochmals deutlich politisch wird, zugleich offen bleibt in ihrer Aussage und somit zur Diskussion anregt (von der Polizei wird ein amerikanischer Deserteur und Anarchist gejagt, der mit dem Gewehr herumballert, und zu dem dann die ehemaligen Gefangenen "überlaufen"). Selbst die Polizisten wissen nicht so richtig, wie sie sich verhalten sollen und so bleibt der Film für Minuten in einem Schwebezustand, bevor dann der Griff zur Waffe als rebellischer Akt und die Liebesvereinigung zwischen Nejiko und Otoko Klarheit im Kugelhagel schafft. Mit den LOVE SUICIDES AT SONEZAKI von Chikamatsu, die von Kenji Mizoguchi und auch von Yasuzo Masumura bearbeitet wurden, hat dieser Film nicht viel gemein. Aber das Motiv des Doppelselbstmords aus Liebe ist ein thematisch weites Feld in der japanischen Kulturgeschichte. Nagisa Oshimas Film jedenfalls sollte man sich unbedingt anschauen.

Freitag, 25. Mai 2012

Bin Bulaye Baraati (Chandrakant Singh, Indien 2011)



Eine ganze Horde Kleinganoven, die alle zeitgleich etwas ausgefressen haben, landen unter absurden Umständen in einem gestohlenen Lieferwagen, in dem sich (!) ein Koffer voller Juwelen befindet. Die Gangster sind zwar hinter ihnen her, doch können sie mit Hilfe einiger Tricks (und dem Filmschnitt) der Situation entkommen und landen in einem kleinen Dorf. Dort verkleiden sie sich als Polizisten und retten die unterdrückten Einwohner, die unter der Knute eines korrupten Reichen stehen. Hinter diesem aber steht noch der Oberbösewicht Black Cobra, der ein wenig wie der King aussieht (also Elvis) - nur aus dem Reich der Toten (in schwarz, hochgestellter Kragen, Kajal-Augen und Vokuhila). Diesen müssen die wackeren Helden wider Willen also ebenfalls aus dem Weg räumen, sowie dessen älteren Bruder, der aber aufgrund seiner erwachten homoerotischen Gefühle auf unseren Helden steht.

Wie ich auf indischen Filmseiten lese, versammeln sich in diesem Film einige Komödiengrößen des indischen Kinos. Allerdings hilft das alles nichts. BIN BULAYE BARAATI ist dermaßen platt, man fasst es oftmals nicht. Doof auch, aber eben so doof, dass es wieder kippen kann. Und trotz seiner knappen Spielzeit von 2:20 Stunden recht lang und oft zäh noch dazu. Die Verfolgungsjagden wie auch die Schlägereien sind ziemlich amateurhaft inszeniert, die Dialoge beknackt, die Konflikte simuliert - lediglich die Darsteller machen - abgesehen vom üblichen Chargieren - ihre Sache akzeptabel, die Songs sind nicht übermäßig gelungen, aber dennoch ordentlich. Leider ist der Film auch nicht besonders originell photographiert, was allerdings zum ungelenken Schnitt sehr gut passt. An einem sonnigen Nachmittag, an dem man sich irgendwie die Zeit vertreiben will, kann man den Film eventuell vorbeischweben lassen wie ein warmes, harmloses Lüftchen; wer ernsthaft und konzentrierter schaut, rauft sich ziemlich sicher recht bald die Haare.

Mittwoch, 23. Mai 2012

The Cloud Door / Die Himmelspforte / बादल द्वार (Mani Kaul, Indien/D 1994)


Mani Kauls THE CLOUD DOOR ist ein indisch-muslimischer Erotikfilm, der Teil einer größeren Kompilation an Kurzfilmen ist; ein weiterer Film, der es zu etwas Bekanntheit gebracht hat, ist Ken Russells THE UNSATIABLE MRS. KIRSCH oder ANGELA von Amos Kollek. Produziert wurde dieses Projekt anscheinend vom WDR. Mani Kaul adaptiert für seinen Film verschiedene indische und muslimische historische Texte, etwa aus dem Sanskrit (Aimaraka) oder das aus dem islamischen Sufismus stammende epische Liebespoem Padmavat von Malik Mohammed Jayasi.

Zur Handlung: Der König von Rajasthan bemerkt, wie ein grüner Papagei, der eigentliche Protagonist des Films, seiner Tochter, der Prinzessin Kurangi, erotische Geschichten ins Ohr flüstert. Enragiert zieht er das Messer und will den Vogel töten, doch dieser wird von Kurangi in Schtutz genommen. Der Vogel wiederhole nur, was er bei Menschen gelernt habe. Dann lässt sie ihn frei und nimmt ihn mit ins Badehaus, wo sie splitternackt mit anderen Damen der Erfrischung frönt. Daraufhin entfleucht das Tier, überquert Gebirge und wird von Ratnasen gefunden, den er auf den Weg zu seiner Geliebten Kurangi führt. Dort angekommen klettert Ratnasen bis in die Wolken um ins Zimmer der Geliebten zu gelangen, welches sich weit oben im Palast befindet. Dort verbringt das Paar eine Liebesnacht.

Alle anderen Figuren sind lediglich Staffage und nur dazu da, für schöne Bilder zu sorgen. Etwa in den Unterwasserszenen der Badenden. Überhaupt ist der Film ein "visueller Rausch", der sich durch die verwinkelte Architektur der Gebäude und die üppige Ausstattung einstellt (- oder das zumindest soll. Bei mir hat das nicht funktioniert). Die Bekleidung der Frauen sind zumeist hauchdünne Saris, die wie ein Lufthauch auf den Körpern liegen und so eine ständig sexuell aufgeladene Atmosphäre erzeugen. Was man tatsächlich an Körpern sieh, dürfte je nach Kulturkreis ganz unterschiedlich bewertet werden - und ist nach unserem Verständnis fast nichts. Die orientalisch-schwüle Atmosphäre des Films konnte mich leider recht wenig begeistern, wie auch der Film, trotz seiner nur halbstündigen Laufzeit, recht ermüdend auf mich wirkte. Beim Screening auf dem Filmfestival in Indien kam es wohl sogar zu Ausschreitungen ob seiner Freizügigkeit. Die DVD-Box, in der der Film enthalten ist, kann hier bei amazon erstanden werden.

Sonntag, 20. Mai 2012

Der weiße Tiger / The white Tiger (Aravind Adiga, Indien 2008)


 Ein indischer Zuckerbäcker aus der Provinz steigt sozial auf und wird der Fahrer eines reichen Industriellen in Delhi. Er beobachtet, lernt schnell und als sich ihm schließlich die Gelegenheit bietet, begeht er ein Verbrechen um selbst Unternehmer zu werden. Der Clou des Buches aber ist der, dass der Ich-Erzähler mitsamt seiner gewonnenen Souveränität aus der Rückschau auf seinen Werdegang einen Briefroman schreibt, nun als etabliertes Mitgleid der Gesellschaft. Das fügt der Erzählung eine weitere Reflektionsebene hinzu - genauso wie die etwas hanebüchene Prämisse, dass der Empfänger der Briefe der chinesische Ministerpräsident ist, welchem er sich bei dessen Indien-Besuch empfehlen will. Wen Jiabao möchte nämlich an das Geheimnis des "indischen Unternehmertums" gelangen, und Balram Halwai, der Erzähler, meint nun ganz selbstbewußt, er könne daraus Ruhm und Profit schlagen.  

 Der weiße Tiger ist ziemlich lustig erzählt und man bekommt eine Vielzahl von thematischen Einblicken in ein Indien, das einem normalerweise verborgen bleibt: etwa in die Gegensätze der unteren und oberen Gesellschaftsschichten, also in das indische Kastensystem, das der Erzähler mit einem Hühnerkäfig vergleicht ("the rooster co-op"); In ihm sind die Hühner so darauf konditioniert, zu gehorchen, dass sie nie an einen Ausbruch aus den Schranken denken würden - und das sogar freiwillig ablehnen würden, würde man ihnen die Gelegenheit dazu bieten; In das System der alles beherrschenden Korruption; In die strengen Familienstrukturen, und vieles mehr. Aber, und das ist eine der großen Leistungen des Romans, alles bleibt frei von jedem pädagogischen Zeigefinger oder moralischem Ballast, von sich anbiederndem Exotismus oder vom pseudoliterarischen, ironisch-schmunzelnden Blick. Auch biedert sich der Roman nicht an jene Sehnsucht nach Arbenteur und Exotik an, die ihm im Westen vielleicht einen Literaurpreis einbringen könnte. Dafür ist er viel zu schmutzig und schockierend. Der weiße Tiger ist ein sehr authentisch wirkender Roman, der zudem enorm viel Spaß macht.

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Mittwoch, 16. Mai 2012

Laaga Chunari Mein Daag / Der Weg einer Frau (Pradeep Sarkar, Indien 2007)


Eine intakte Familie mit zwei schönen Töchtern lebt am Ufer des Ganges in einem großen, aber langsam verfallenden Haus in der Stadt Benares. Als ein Filmdreh, der im Haus stattfinden sollte, nicht zustande kommt und das Geld dafür ausbleibt, der Vater einen Herzanfall bekommt, alle Verwandten angeschnorrt sind, schwebt das Unheil über der Familie. Lange kann es nicht mehr dauern, bis sie mit einem Gerichtsurteil aus dem Haus vertrieben werden. Der Vater wirft der ältesten Tochter Badki (Rani Mukerji) vor, kein Sohn zu sein, nicht für die Familie sorgen zu können. Die Schulabbrecherin setzt daraufhin alles auf eine Karte, reist nach Mumbai und versucht, dort Geld zu verdienen. Das gestaltet sich aber ohne Qualifikation als äußerst schwierig. Jedoch warten die Eltern sehnlichst auf das Geld aus Mumbai. Schließlich, nachdem sie mit einem Jobversprechen ins Bett eines Geschäftsmanns gelotst worden ist, und der sie freilich nur ausgenutzt hat, streift sie alle Hemmungen ab und wird eine exklusive Begleitdame, eine Edelprostituierte. Die Familie scheint gerettet, doch diese Rettung ist teuer erkauft.

DER WEG EINER FRAU gibt sich als ein modernes Großstadt- und Familiendrama, das so modern vielleicht gar nicht ist. Abgesehen davon, dass der Plot nichts Neues ist, kann auch die Inszenierung nicht unbedingt überzeugen. LAAGA CHUNARI ist zunächst und vor allem ein auf Hochglanz lackierter Unterhaltungsfilm, der mit sympathischen Darstellern aufwartet und mit seinen 5-6 Songs ordentlich Stimmung macht. Das tatsächliche Drama um den verkauften Körper aber bleibt verborgen im Hintergrund, gerät kaum in den Fokus. Badkis Zweifel und die psychischen Belastungen werden zwar immer wieder thematisiert - auch in der Tatsache, dass sie als gefallene Tochter nun nicht mehr nach Hause zurückkehren kann (denn auch die Nachbarn haben den Geldsegen bemerkt) - jedoch steht ihr Tun in einem größeren Kontext, kommt einem "höheren Ziel" zugute. Eben dem familiären. Etwas, das sie schließlich Dank des Einsatzes und der Liebe ihrer Schwester Chutki (Konkona Sen Sharma) wieder rettet und in den Hafen der Familie zurückgelangen lässt. Anteil daran hat auch ein Mann, der ihr tatsächliches Ich hinter der Fassade zu erkennen versteht. Der schöne Geschäftsmann Rohan Verma (Abishek Bachchan), Bruder des Mannes, der Badkis Schwester zu ehelichen gedenkt. Denn schließlich wird alles aufgedeckt, doch die Familie hält zusammen, die moralische Integrität bleibt gewahrt, da die Ehrenhaftigleit Badkis und ihre Ehrlichkeit höher bewertet werden, als ihr verwerfliches Gewerbe.

Anstatt also ein unter seinen Konflikten tonnenschwer arthousig daherkommendes Parallel-Cinema-Drama zu inszenieren, wird in DER WEG EINER FRAU die stets beschwingte, einfache Lösung anvisiert. Das kommt auch in den Songs zum Ausdruck, die mitsamt den Bildern mitzureissen wissen; allenfalls der Titelsong, in dem es um den "befleckten Schleier" (so auch der Originaltitel des Films) geht, wirkt etwas spröde. Ein Film also, der verharmlosend an seinen Konflikten vorbeiinszeniert ist, der als reiner Unterhaltungsfilm mit sanfter Tränendrüsengarantie und tollen Schauspielerleistungen aber dennoch großen Spaß macht und es versteht, den Zuschauer für sich einzunehmen.

Freitag, 11. Mai 2012

Das Jagdgewehr / Ryoju (Yasushi Inoue, Japan 1949)


Der Herausgeber einer japanischen Jagdzeitschrift ("Der Jägerfreund") veröffentlicht ein extra für ihn verfasstes Gedicht eines ehemaligen Freundes, nun ein Schriftsteller. Obwohl sich das Gedicht gegen das Töten ausspricht, wird es an das Ende das Heftes gesetzt - der zuletzt erscheinenden Nummer zudem, bevor es eingestellt wird (ein durchaus interessanter Kommentar des Herausgebers). Aufgrund dieses Gedichtes bekommt der Schriftsteller von einem Mann, dem dieses Gedicht gefällt und das unter anderem die Einsamkeit des Jägers thematisiert, drei Briefe mit der Bitte um Lektüre zugesandt. Darin offenbart sich eine tragische Geschichte: der Absender, selbst ein Jäger, hinterging jahrelang seine Frau mit einer Geliebten (der Cousine seiner Gattin), welche er aufrichtig liebte. Diese Geschichte ergibt sich puzzle-artig und polyperspektivisch aus den Inhalten der drei Briefe der betroffenen Frauen (seiner Gattin, der Liebhaberin und deren Tochter). Höhepunkt des Romans ist sicherlich die Stelle, in der seine Frau, auf der Veranda sitzend, ihren Mann in der reflektierenden Glasscheibe erkennt, wie er im Wohnzimmer stehend das eben gereinigte Jagdgewehr minutenlang auf sie anlegt. Sie rührt sich zunächst nicht, doch dann nach einer kurzen Kopfdrehung, senkt er es hastig.

Die Erzählung gewinnt ihre Wucht vor allem aus den drei sich ergänzenden, verschiedenen Perspektiven auf das selbe Ereignis, und wie unterschiedlich es von den Frauen wahrgenommen wurde. Es ist eine Geschichte voll enttäuschter Hoffnungen, von emotionaler Kälte und Distanz, von einer selbstlosen Akzeptanz des Leidens. Diese Welt, so persönlich sie ist, erstarrt in Kälte und Einsamkeit. Yasushi Inoue, ein in Deutschland viel gelesener und bekannter Autor, Akutagawa-Preisträger und literarischer Nationalheiliger, war glücklicherweise viel übersetzt worden, und somit in Europa auch zugänglich. Der Suhrkamp Verlag erstellt regelmäßig Neuauflagen seiner Werke. Besonders empfehlen kann ich noch den Roman SCHWARZE FLUT, der als Taschenbuch, aber ebenfalls auch in der renommierten Bibliothek Suhrkamp erschienen ist. Seine Erzählungen im Band DER FÄLSCHER, erschienen beim Insel Verlag, vermochten mich nicht in gleicher Weise zu begeistern. Etlicher seiner Werke sind auch verfilmt worden, etwa von Yasuzo Masumura, Masaki Kobayashi, Kei Kumei, Hiroshi Inagaki oder Heinosuke Gosho. Dieser hat sich ganz wundervoll DAS JAGDGEWEHR angenommen, den ich hier in kurzer Form besprochen habe. Schließen möchte ich aber mit dem Verweis auf einer wunderbare Stelle aus dem Brief Saikos, die sich an ein erstes Fortreisen mit dem Geliebten erinnert (sie ist übrigens auch verheiratet): sie verlassen Kyoto und nehmen sich ein Zimmer in einer Unterkunft am Meer. Zitat: 

"Du gebrauchtest das Wort Verbrechen zum ersten Mal im Atami-Hotel, als Du zu mir sagtest: "Wir wollen Verbrecher sein!" Erinnerst Du Dich? In der Nacht rüttelte der Sturmwind an den hölzernen Fensterläden unseres Zimmers, das auf das Meer hinausging. Gegen Mitternacht standest Du dann auf und schobst sie zurück, um den Lärm abzustellen, und da entdeckten wir auf hoher See ein Fischerboot, das so hell brannte, als hätte man eine Fackel angezündet. Wir waren gar nicht weiter bestürzt, daß sich da draußen ein paar Menschenleben in höchster Gefahr befanden, uns bewegte nur die Schönheit dieses Anblicks. Aber nachdem Du die Läden wieder geschlossen hattest, wurde ich doch unruhig und öffnete sie erneut. Das Boot war jedoch wohl schon verbrannt, ich entdeckte keine Spur mehr von ihm auf den Wellen, es breitete sich eine ungeheure, trübe Ruhe auf der dunklen Wasserfläche." (Yasushi Inoue, Das Jagdgewehr, Frankfurt am Main 1964, S. 74f.)

Dienstag, 8. Mai 2012

1Q84, Teil 1&2 (Haruki Murakami, 2010)

Zitat vom Mai 2010: Die Kategorie "für das Bücherregal" habe ich sträflichst vernachlässigt. Leider habe ich aber auch in letzter Zeit so viel relevante Literatur gelesen, dass ich es wohl nicht mehr schaffen werde, die alle vorzustellen. Ein paar Highlights in den nächsten Wochen sollen genügen.

 Das hat ja wunderbar geklappt. Zwei Jahre später nun also der nächste Eintrag:



In der Vergangenheit, der Schulzeit liegt das eindrücklichste Erlebnis ihrer Jugend für die beiden Außenseiter Tengo und Aomame: nach der hämischen Attacke eines Mitschülers ist Aomame der schüchterne Tengo beigesprungen. Zum Dank drückt sie ihm für einen kurzen Moment die Hand, ein Erlebnis, das sich dem Jungen für immer ins Gedächtnis einbrennen wird. Etwa zwanzig Jahre später spielt nun die Handlung des Buches 1Q84, das auf George Orwells dystopischen Roman verweist (Q kann in seiner japanischen Aussprache lautlich mit 9 verwechselt werden). Denn in dieser Welt hat sich etwas verändert - als Aomame in einem Stau auf der Autobahn aus dem Taxi steigt und über eine Treppe die Hochtrasse verlässt, ist es, als ob sie über eine Schwelle geht. Plötzlich erscheinen zwei Monde am Himmel, und auch sonst haben sich Details verändert, Verhältnisse verschoben. Minimal, aber unübersehbar. Aomame ist Auftragskillerin und auf dem Weg zu einem Job. Die verschobenen Verhältnisse lassen sie erst zögern, doch dann funktioniert sie wie eine Maschine. Tengo hingegen lehrt Mathematik an einer Mittelschule und ist in seiner Freizeit Gelegenheitsschriftsteller. Von seinem Agenten bekommt er den Auftrag, einen mysteriösen Text einer 16jährigen umzuschreiben: den Roman Die Puppe aus Luft. Tengos Fassung wird ein Bestseller, doch verschweigt der Verlag Tengos Eingriffe. Es ist ein junges Mädchen, das hier ihren Erstlingserfolg haben soll. Dass hinter der fiktiven Erzählung ein dunkles, reales Geheimnis um eine religiöse Sekte lauert, ist nicht nur eine stetig wachsende Bedrohung, sondern führt Tengo auch überraschenderweise zu seiner Jugendliebe Aomame...

Das ist viel Plot in einem Buch, das in seinem Text dennoch schlank wirkt. Teil 1 und 2 nehmen gut 1000 Seiten ein und es liest sich rasend, da es wieder in einfacher, schlichter Sprache gehalten ist. Besonders die Dialoge wirken, etwas, was mich auch schon an anderen Romanen Murakamis gestört hat, manchmal sehr simpel, beinah etwas naiv - allerdings hat man es hier mit zwei Protagonisten zu tun, die nicht gerade die kommunikativsten Menschen sind. Dennoch wirken sie oft behäbig, verstockt, und ganz so, als hätten sich die Menschen in diesem Roman eigentlich nichts oder zumindest nicht viel zu sagen. Murakami wendet erneut das von ihm schon öfters angewandte erzähltechnische Prinzip der zwei parallelen Erzählstränge an, die immer wieder aufeinandertreffen um sich schließlich zu vereinen. Das hat viele Vorteile: man bekommt als Leser kleine, anspielungsreiche Häppchen serviert, die stets auf etwas Größeres, der Geschichte Dahinterliegendes verweisen. Und man ist stets bemüht, die Konnexionen herzustellen. Außerdem hat der Autor es relativ einfach, eine abwechslungreiche Story zu generieren (da er ja eigentlich zunächst deren zwei erzählt), die mit Cliffhangern gespickt, den Leser am Ball bleiben lässt. So ist 1Q84 natürlich auch Genreliteratur, ein Kriminalroman innerhalb der Liebesgeschichte. Was die Welt zusammenhält, zumindest die der Protagonisten, ist das emotionale, aber noch leere Zentrum - das nur mit dem Gegenüber gefüllt werden kann. Das Ich als Puzzle, sozusagen. Die Kriminal- und Verschwörungselemente sind dabei die bedrohenden Aspekte des zunächst beruflichen Alltags, der freilich auch das Privatleben der beiden Protagonisten dann so stark beeinflusst, das die beiden Sphären nicht mehr zu trennen sind. Das Leben der Akteure verläuft auch hier in parallelen Bahnen: zunächst sind sie aktive Subjekte, die die Dinge in Gang setzen. Später dann aber müssen beide untertauchen, werden zu den Bedrohten und Verfolgten, die sich, hier kommt die Liebesgeschichte wieder ins Spiel, wieder finden müssen. Der zweiten Band schließt dann auch mit einer solchen Szene auf einem Kinderspielplatz, auf dem sich Aomame und Tengo beinahe begegenen. Und später dann vielleicht auch richtig? Und obwohl ich zunächst wenig Lust hatte, an diesem Mammutwerk weiterzulesen, muss ich mittlerweile gestehen: ich komme wohl nicht drum herum, das schließende, dritte Buch doch noch nachzuschieben. 

Sonntag, 6. Mai 2012

Don 2 (Farhan Akhtar, Indien / Deutschland 2011)


Das Plakat spricht für sich: gut aussehende Menschen kämpfen mit großem Einsatz und dabei immer cool bleibend um so Sachen wie Geld, Diamanten, oder Ehre. Rache ist ebenfalls im Spiel. Denn im Sequel zu Akhtars Hit DON (*click*) befreit der Superschurke Don (Shahrukh Khan) erstmal seinen ehemaligen Rivalen Vardhaan (Boman Irani) aus dem Gefängnis, in das er sich zunächst selbst begibt: Don stellt sich also überraschend der Polizei. Mithilfe eines Giftanschlags gelingt dem Duo dann die Flucht. Freilich hat Don einen Plan, er macht das ja nicht aus Reue: über Vardhaan gelangt er an den Inhalt eines schweizer Schließfachs - mit der Komplizin Ayesha (Lara Dutta) fliegt das Team also geschwind nach Zürich -, der ihn dazu befähigt, den Vizepräsidenten der DZB, der Deutschen Zentralbank, zu erpressen. Was ihnen schließlich Zugang zu den Plänen des Gebäudes der DZB in Berlin ermöglicht. Don hat es auf die originalen Druckplatten der deutschen Euroscheine abgesehen, welche gut gesichert hinter mehreren Stahltüren und Sicherheitssystemen tief im Bauch der Bank unter der Stadt verwahrt liegen. Kein Grund für Don, die Herausforderung nicht anzunehmen!

In DON 2 haben wir es eigentlich mit einem klassischen Heist-Movie zu tun, denn letztlich fokussiert der Film auf die Planung, Vorbereitung und Durchführung des scheinbar aussichtslosen Diebstahls. Die Perspektive bleibt den ganzen Film über nah an Dons Team, welches so auch freilich Sympathieträger bleibt. Vardhaan allerdings kann seine Niederlage von damals nicht vergessen und verrät Don, der gerade noch fliehen kann. Da die Gangster Geiseln genommen haben, bietet Don sein Wissen der Polizei an - im Autausch für seine Immunität.

DON 2 hat mir erstaunlicherweise besser gefallen, als dessen Vorläufer. Das liegt vor allem, vermute ich, an der besseren Inszenierung. Bessere Bilder, besser geschnitten, wenn auch ein hanebüchener Plot, so ist der Film doch insgesamt recht kurzweilig. Auch das Flair der Stadt Berlin (deutsche Koproduktion) wird ansatzweise eingefangen, auch wenn diese Szenen recht knapp sind und sich auf ein paar touristisch bekannte Panoramen, Gebäude und Straßenzüge beschränken. Etwa auf die längere, rasante Verfolgungsjagd durch den herbstlichen Tierpark, in der die Protagonisten schließlich an der Siegessäule vorbei Richtung Brandenburger Tor jagen. Dort verursacht Don dann als Höhepunkt eine Massenkarambolage. Außerdem gibt es kurze Szenen von der EastSide Gallery und dem Alexanderplatz.

Dons Love-Interest ist die aus Teil 1 übernommene Figur der Roma, gespielt von Priyanka Chopra, die mittlerweile bei Interpol arbeitet und auch ein persönliches Motiv dafür hat, Don endlich zu schnappen. Im ersten Teil hatte Don ihren Bruder Ramesh getötet, weshalb sie sich zur Martial-Arts-Kämpferin ausgebildet hatte. Chopra hat wohl, wie auch Khan, ihre Stunts selbst absolviert. Leider (oder konsequenterweise?) lebt der Film beinah ausschließlich von seinen Action-Elementen, Dialoge gibt es nur dann, wenn unbedingt nötig. Ortswechsel gehen rasend vor sich, ein, zwei Schnitte weiter ist man in Europa, Schnitt: in Berlin. Leider leidet der Film unter einem dann doch recht schwachen eigenen Konzept. Er wirkt austauschbar, wie seine Actionszenen. Auch scheint eine deutliche internationale Ausrichtung stattgefunden zu haben. Gravierende Unterschiede zu MISSION: IMPOSSIBLE oder OCEAN'S ELEVEN lassen sich nicht mehr finden. DON 2 ist letztlich, wie schon der erste Teil, völlig auf seine Hauptfigur und somit auf seinen Superstar Shahrukh Khan hin geschrieben und inszeniert - bombastisches Starkino also, bei der die Originalität des Films nicht unbedingt Zentrum des Interesses ist. Weder bei den Machern, noch bei den Zuschauern.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Nippon Connection 2012


Zum 12. Mal findet bereits die Nippon Connection in Frankfurt a.M. statt, ein einwöchiges japanisches Film- und Kulturfestival, das wohl zu den wichtigsten asiatischen Festivals europaweit gezählt werden darf. Hier geht es zum Programm, heute Abend um 21 Uhr ist offizielle Eröffnung. Die Themenschwerpunkte sind dieses Jahr neben den aktuellsten japanischen Filmproduktionen u.a. die Katastrophe von Fukushima und in der Retrospektive werden Filme zu Protestkultur und -bewegung gezeigt. Höhepunkte sind sicherlich Takashi Miikes HARAKIRI - Neuauflage, Shinya Tsukamotos KOTOKO (Regisseur anwesend), Toshiaki Toyodas MONSTER'S CLUB, Filme von Ryuichi Hiroki, Nobuhiko Obayashis CASTING BLOSSOMS IN THE SKY und viele weitere. Ich wünsche ein gelungenes Festival und viel Spaß!