DVD BluRay

Dienstag, 31. Juli 2012

Carnivorous Animal aka Beasts of Prey / Yukshik dongmul (Kim Ki-young, Südkorea 1985)


CARNIVORE (ein weiterer Alternativtitel dieses an verwirrend ähnlichen Titeln reichen Films (sein Produktionsjahr wird bisweilen auch mit 1984 angegeben)) ist ein Familiendrama um einen Vater, der den Familienvorsitz an seine berufliche erfolgreiche Frau abgeben musste. Er selbst, ein ziemlich gescheiterter Verleger, wird von seiner herrschsüchtigen Gattin regelrecht unterdrückt und von den beiden nichtsnutzigen Kindern bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls verachtet. Die Familie wohnt in einem geschmacklosen, recht großen Appartment in einer Wohnanlage oberhalb des Flusses. In seinem Leid besucht der Vater öfters eine Trinkhalle, in der er jedoch die sich anhäufenden Schulden bald nicht mehr bezahlen kann. Die Besitzerin des Etablissements bedrängt daraufhin eine ihrer Hostessen, den Mann zu verführen und so, auch um ihn erpressen zu können, endlich an sein Geld zu gelangen. Dies stürzt die Begleitdame, die noch Jungfrau ist, in eine Krise. Allerdings scheint der Mann impotent zu sein. Sie erfährt darauf von seinem familiären Leid und macht es sich zur Aufgabe, seine Mannhaftigkeit zu retten. Da sie als psychologisch einsichtige Frau einen Ödipus-Komplex diagnostiziert, findet sie bald recht ungewöhnlcihe Mittel und Wege, den Mann aus seinen Hemmungen zu befreien, die von der unterdrückenden häuslichen Situation ausgelöst wurden.

Dieser, ein weiterer Film der starken, grausamen Frauen Kim Ki-youngs (siehe THE HOUSEMAID (1960)), ist ein recht bizarres, dabei sehr unterhaltsames Drama, das sich erst in Richtung Tragödie entwickelnd, bald umschlägt in eine Groteske oder gar eine Komödie. Am Ende finden sich sogar noch ein paar Elemente des Horrorfilms, als eine Rattenplage das Viertel heimsucht und in einem Nebenplot der Liebhaberin der Mord an ihrem Nachbarn aufgehalst werden soll. Dessen Ehefrau wollte ihren Gatten vollständig aus dem Weg schaffen. Es ist also ein Film über den Mikrokosmos der Gesellschaft: die Familie, über das Auseinanderbrechen derselben, den erstarkten und selbstbewußten Frauen in einem eigentlich patriarchalen System. Der Mann von nebenan kriecht also die Kellertreppe herauf und greift, laut unter Qualen schreiend und blau angeleuchtet, da er vom Rattengift gegessen hat, nach der Protagonistin. Ein Wunder, dass es nicht zeitgleich donnert und ein Blitz im Haus einschlägt. Aber dies nur eine kleine Anmerkung in einem ansonsten genauso, dennoch anders durchstilisierten Film mit seinen Farben, die eher an die 60er denken lassen, als an die tristen 80er Jahre. Hier gibt es noch Gestecke und Blumengebinde an Haustüren und geschmacklose Wohnzimmergarnituren, Glastüren innerhalb der Wohnung und rote Baldachine über den Betten. Ein optisch zeitlos schrecklich-schöner Film, der weniger durch seine atemlose Handlung, sondern vielmehr durch seine Dialoge, die zumeist Wortgefechte sind, überzeugt.

Auch deswegen ist er nicht ganz einfach anzuschauen, da es doch irgendwann recht anstrengend wird, immerzu dem Kleinkrieg zu folgen (die Frauen schließen dann eine Abmachung, ihn jeweils für zwölf Stunden wechselweise zu "besitzen"). Allerdings lassen sich großartige Momente der Ruhe oder des bizarren Humors finden, etwa wenn der Vater ein Sabberlätzchen umgebunden und ein Babymützchen übergstreift bekommt, damit er sich an seine frühkindliche Phase zurückerinnern kann. Dies löst denn auch sogleich eine enorme emotionale Befreiung in ihm aus, die seine Manneskraft wieder erwachen lässt. Denn jetzt darf er ja auch an die Brust! Oder diese andere wunderbar hypnotische Szene, in der sich das Paar auf dem Glastisch liebt, auf dem die vielen Tausend Bonbons herumrollen, von unten durch den Tisch gefilmt. Da kommt dann endlich mal ein wenig traumhafte Leichtigkeit in den tristen Alltag der zwischenmenschlichen Entfremdung. Ach, und wie der Mann gegen seinen Willen von der eifersüchtigen Ehefrau sterilisiert wird, verrate ich hier jetzt übrigens nicht...

Freitag, 27. Juli 2012

Season of Terror / Gendai kosyokuden: teroru no kisetsu / Geschichte einer zeitgenössischen Liebe: Zeit des Terrors (Kôji Wakamatsu, Japan 1969)


Der linksextreme Student und Revoluzzer Hikoya (Ken Yoshizawa) hat dem militanten Dasein abgeschworen - in einer Hochhaussiedlung lebt er anonym in einer kleinen Wohnung mit zwei hübschen Frauen in einer Dreierbeziehung zusammen. Da die beiden arbeiten gehen, kann Hikoya den ganzen Tag faul herumliegen, Bier trinken, mal einen Spaziergang machen. Abends dann lässt er sich bekochen und den Schnaps einschenken. Wenn es ihm beliebt, vergnügt er sich mit den beiden Mädels Miyoko (Yuko Ejima) und Chieko (Tomomi Sahara) - sie werden vom sexhungrigen Hikoya auch in dieser Hinsicht relativ ausgiebig beansprucht. Zur selben Zeit nisten sich im Wohnblock gegenüber zwei Polizisten ein, die den ehemaligen Untergrundkämpfer beschatten. In dessen Wohnzimmer konnte eine Wanze angebracht werden, wodurch sie alles, was in der Wohnung vor sich geht, mitverfolgen können. Doch scheinbar bringt das Abhören nichts: Hikoya plant nichts Verdächtiges.


Es entstehen wunderbar skurrile Situationen in diesem wieder deutlich politisch orientierten Pinkfilm Wakamatsus, wenn die beiden Polizisten völlig entnervt den Verlustierungen des Beschatteten beiwohnen müssen, und das immer wieder und auf's Neue, während sie selbst ohne Schlaf, mit schlechtem Essen und unter Aufgabe jeden Privatlebens immer bereit zum Agieren sein müssen. Der schwarz-weiße Film beginnt mit schnell aneinander montierten Szenen der studentischen Revolte, mit Zeitungsausschnitten und Schlagzeilen, Megaphondurchsagen und Straßenkrieg, bevor er direkt in das ruhige Wohnviertel springt, in dem sich Hikoya zurückgezogen hat. Auch ein Besucher aus alten Tagen, der Hikoyas Gesinnung ausspionieren will, blitzt bei ihm ab: wo er denn seinen Marx und Trotzki und die "Pariser Kommune" gelassen habe, fragt dieser herausfordernd, schon deutlich betrunken. Doch Hikoya wiegelt ab, damit habe er nichts mehr zu tun. Und wie zur Bestätigung gibt es am Ende eine Sexszen in Farbe, in der die japanische und amerikanische Flagge splitscreenartig überblendet werden, während er mit den beiden Mädchen schläft.


Überhaupt sind die Sexszenen recht attraktiv gefilmt, freilich ohne etwas genau zu zeigen außer ein paar Oberweiten, Beine und Schenkel. Doch lässt die Kamera, die im Zweifelsfall den Bildausschnitt eben etwas näher an die Haut verlegt, keinen Zweifel darüber, wer was in welcher Stellung gerade treibt. Das ist bisweilen dann sogar recht explizit, lustig und kontrovers vielleicht, wenn sich die beiden Mädels über einen Küchentisch beugen und er sie, im Rhythmus der Musik alle zwei Takte das Hinterteil wechselnd, beschläft.


Dass die beiden Polizisten am Ende das Überwachen satt haben, ist allzu verständlich. Hätten sie nur etwas länger gewartet und auf die politischen Ereignisse geachtet. Denn Hikoya ist keineswegs ein fauler Taugenichts. Die Tage des Müßigganges waren sein Abschied von einer Welt, die er mit einer spektakulären Tat zu verlassen gedenkt. In einer umwerfend schön inszenierten Autofahrt durch Tokyo, unterlegt von einer traurig-elegischen Musik, begibt er sich zum Flughafen, um seinen letzten Dienst für die Revolution auszuführen.


Mittwoch, 25. Juli 2012

Zatoichi: The Fugitive / Zatôichi kyôjô-tabi (Tokuzo Tanaka, Japan 1963)


Nachdem Ichi (Shintaro Katsu) einen jungen Samurai tötete, der ihn unvermittelt auf einer Landstraße angegriffen hatte, erfährt er, dass auf seinen Kopf ein Preisgeld ausgesetzt ist. Dass der junge Mann aus Geldnot gehandelt hat, rührt den legendären blinden Masseur, worauf er dessen Mutter im nahegelegenen Ort aufsucht. Sie ist eine Yakuza, die Ichi nicht glauben will, dass die 10 Ryo, die sie von ihm ausgehändigt bekommt, von ihrem Sohn stammen. Tun sie auch nicht, aber wir erinnern uns nun natürlich, wie groß das Herz des Protagonisten ist.

Im Ort selbst findet eine Ringkampf-Veranstaltung statt und Ichi lässt es sich nicht nehmen, selbst mitzumachen. Er besiegt nacheinander alle Kämpfer, die jedoch dummerweise zu einer der beiden ansässigen Yakuza-Banden gehören. Welche sich nun freilich düpiert fühlt. Das Preisgeld auf Ichis Kopf wird erhöht. In einem Gasthof kommt er unter und trifft dort auf seine ehemalige Liebe Tane (Masayo Banri, die wir schon aus den ersten beiden Teilen der Reihe kennen), die sich mittlerweile mit einem fürchterlichen Ronin abgibt - doch ihre emotionale Verbindung ist schnell wieder hergestellt. Kurz darauf wird Ichi in die Händel der beiden Banden hineingezogen (wie könnte es auch anders sein), und die Liebesquerelen einiger wankelmütiger Nebenfiguren müssen ebenfalls gelöst werden.

Zunächst ist sicher die umwerfende Kameraarbeit unter der Regie Tanakas hervorzuheben. Hier ist beinahe jedes Bild ein Augenschmaus, die Montage rhythmisch, der Wechsel zum Reißschwenk ein visueller Schub, der sofort in kinetische Energie umgesetzt wird. Dies vor allem am Ende, wenn sich der Film in ein etwa zwanzigminütiges Schlachtfest hineinsteigert, bei dem als Finale das Duell mit dem räudigen Samurai steht. Der manchmal etwas trägen Inszenierung im Mittelteil steht eine formale Brillianz gegenüber, die den Film nicht nur zu einem sehenswerten, sondern, soweit ich das bisher absehen kann, zu einem herausragenden Teil der Reihe macht. Auch die Filmmusik von Akira Ifukube hat daran ihren Anteil. Tokuzo Tanaka ist ein Genreregisseur, der heutzutage leider viel zu wenig Beachtung findet (ein Beispiel). Ein kluger Kopf sollte sich des nicht gerade einfach verfügbaren Werks dieses Regisseurs einmal annehmen.

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Weitere besprochene Filme von Tokuzo Tanaka auf Schneeland:
Ghost Story of the Snow-Witch, 1968
The Betrayal, 1966
Außerdem habe ich noch The Demon of Mount Oe (1960) gesehen, damals aber versäumt, einen Text zu schreiben.

Montag, 16. Juli 2012

Naked Bullet / Otoko goroshi onna goroshi: hadaka no zyudan (Kôji Wakamatsu, Japan 1969)


Der Gangster Sho (Ken Yoshizawa) hat sich mit seiner Geliebten abgesetzt, da sie den vom Bandenboss eingeforderten Beischlaf verweigert hatte. Tief enttäuscht und vom Yakuzaleben angewidert, verstecken sie sich in einem Appartment. Da entdecken sie zufällig in der Zeitung eine Anzeige, in der anonym um ihre Rückkehr gebeten wird: alles sei verziehen und vergessen. Gutgläubig machen sie sich auf den Weg zum Hauptquartier, doch dort angekommen wird Sho zusammengeschlagen und dazu gezwungen, seinen kleinen Finger abzuschneiden; die Freundin wird nackt angeknüpft und vergewaltigt. Sho ist also wieder auf Linie. Doch kurze Zeit später dreht er mit zwei Kumpels ein halsbrecherisches Ding: sie überfallen die Drogenübergabe fremder Gangsterbanden, rauben den Stoff, das Geld, und entführen Akemi (Miki Hayashi), die Geliebte des Chefs, die es Sho angetan hat. Wieder versteckt man sich in einem Appartment - doch kurze Zeit später türmt Sho mit ihr - und hat sich nun wirklich alle zu Verfolgern gemacht. Und ob er Akemi wirklich trauen kann, steht in den Sternen.



NAKED BULLET ist ein ausgezeichneter, am Film Noir angelehnter Yakuza-Gangster-Genrefilm, der, voller Tempo, immer wieder mit deftigen Pinku-Einlagen (die Folter-, Vergewaltigungs- und Beischlafszenen) gewürzt ist. Subtiler Humor ist auch vorhanden, den muss man aber erst entdecken. Hervorragende Bilder runden diese kurzweilige Angelegenheit ab, sehr stylish ist das alles. Und bisweilen grotesk: im Unterschlupf etwa stehen für die vom Raub Zurückkehrenden gebratene, aber ganze Hähnchen, also eigentlich riesige Hühner auf dem Tisch (mit Köpfen, Beinen und Krallen). Der Yakuza isst sein Geflügel aber frelich mit Händen, beißt direkt hinein, reißt sich die Fleischstücke heraus. Die Geisel ist extrem angewidert von dieser zur Schau gestellten Vernichtung von Lebewesen.



Dass am Ende den Film, nach dem Showdown, der in eine heiße Schießerei ausartet, kaum einer überlebt, dürfte klar sein. Und wer nach einem politischen Mehrwert im Film sucht, wird kaum einen finden. Interessant allerdings ist wieder einmal mehr die starke Frauenfigur im Film. Zunächst das Opfer männlicher Willkür, weiß Akemi sehr wohl die vorhersehbaren Funktionsweisen der männlichen Psyche für ihren Vorteil zu nutzen und am Ende zu triumphieren. Allerdings ist auch sie nicht kugelsicher und mit der Ehre ist es nicht mehr weit her, wenn der Mann schwer verwundet und angeschossen am Boden liegt und bereits ins Jenseits aufgebrochen ist.



Freitag, 13. Juli 2012

Resume of Love Affairs / Joji no rirekisho (Kôji Wakamatsu, Japan 1964)


Im Jahr 1964 hat Kôji Wakamatsu bei Nikkatsu ganze 10 Filme gemacht (!), dieser ist einer davon: Midori Chigusa spielt eine junge Frau vom Lande, die eines abends auf dem Nachhauseweg von vier üblen Gesellen überfallen und in einem Schuppen vergewaltigt wird. Anschließend torkelt sie nackt und völlig benommen durch den meterhohen Schnee. Ihr nur scheinbar es mit ihr gutmeinender Onkel nutzt die Gelegenheit aus, behauptet, da müsse jede Frau durch, und missbraucht sie direkt noch einmal. Kurze Zeit später verhökert er sie an ein Bordell in Tokyo, wo sie zur professionellen Prostitution gezwungen wird. Dies alles aber sind Rückblenden in einem Film, der eigentlich ein Kriminalfall ist - die Rückblenden fügen sich als erzählerische Flashbacks der Protagonistin in die Rahmenhandlung ein. Tatsächlich befindet sie sich auf einem Polzeirevier in einer Verhörsituation, denn ein Freier ist ermordet aufgefunden worden. Und das in ihrem Appartment - was sie zur Hauptverdächtigen macht.


Wakamatsus Regie ist in diesem frühen Film sehr zurückhaltend und bei weitem noch nicht so kreativ, wie bei seinen späteren, bekannteren Werken. In den schlimmen körperlichen Szenen zeigt die Kamera zumeist nur das Gesicht, das durch einen wabernden Spiegel verzerrt wird. Dies dafür sehr ausgiebig, mit einer die Qualen der Protagonistin ausführlich übermittelnden Tonspur. Die Blenden, um zwischen den Zeitebenen zu springen, fallen auf Dauer ebenfalls etwas ungelenk aus, vor allem in ihrer Häufigkeit. Ansonsten kann der Film viel: tolle Schauspieler (insbesondere die Protagonistin), eine hervorragende abstrakte und reduzierte Filmmusik, die sich ganz minimalistisch gibt, und ein Plot, der aus der Frau, die zunächst das Opfer ist, bzw. dann sogar als die Schuldige betrachtet wird, eine starke Persönlichkeit erwachsen lässt, die unter den permanenten Anfeindungen und sexuellen Bedrängungen des Mannes kaum ein "normales" Leben hätte führen können. Dass sie immer noch am Leben ist, ihre Leidensgeschichte nachvollziehbar und mit einem Stolz erzählen kann, der daraus erwächst, dass sie sich nicht umgebracht hat, lässt sie zwar zu einer manchmal harten, dafür nun ernsthaft selbstbestimmten Persönlichkeit werden, zu der die Männer aufschauen. Freilich finden diese sie dann sofort wieder attraktiv, und es ist ein Wunder, dass Wakamatsu nicht den einfachen Weg gewählt hat, und am Ende den Polzeiinspektor sich in sie hat verlieben lassen, wie man das erwarten würde. Selbstbewusst geht sie zurück in ihre Welt und in ihren Beruf, eine Frau, die über die triebgesteuerten männlichen Primitivlinge längst hinausgewachsen ist.

Dienstag, 10. Juli 2012

The Barefooted Youth / 맨발의 청춘 / Maenbale-ui cheongchun (Kim Ki-deok, Südkorea 1964)


"I am just a street thug with no skills whatsoever!" (Doo-soo)

Der Straßendieb Jo Doo-soo (Shin Seong-il) lebt in einem ärmlichen Stadtviertel und erledigt niedrige Jobs für einen lokalen Bandenchef. Bei einem Auftrag gerät er in einen Raubübefall: ein paar Gauner beklauen und bedrängen zwei unschuldige Mädchen auf ihrem Weg durch die Stadt. Doo-Soo geht dazwischen und sieht sich plötzlich mit den Anführer in einen Messerkampf  verwickelt. Er kann ihn zwar besiegen, wird dabei aber selbst verwundet. Als anschließend eines der Mädchen zu einem Krankenbesuch vorbeikommt um sich für die Hilfe persönlich zu bedanken, scheinen sich die beiden auf Anhieb sehr gut zu verstehen. Doo-soo und die Diplomatentochter Joanna (Eom Aeng-ran) verlieben sich schließlich in einander und müssen sich gegen die Anfeindungen der Umwelt durchsetzen - sowohl was die Gangsterorganisation betrifft, der er angehört (sein Boss sieht aus wie ein koreanischer Edward G. Robinson), als auch gegen die Zurückweisungen der Eltern Joannas und die Ausschlußmechanismen der reichen Oberschicht.

Das Thema der sozialen Schichten ist also domiant in diesem Film: die problematische Liebe eines Mannes aus der Unterschicht zu einer Frau, die der Aristokratie zugehörig ist. Daran knüpft fast zwangsläufig ein Generationenproblem an ("generation gap"), das zwischen den konservativen Eltern und den modernen Jugendlichen, die nach ihrer Freiheit und Unabhängigkeit streben. Dennoch ist BAREFOOTED YOUTH, der übrigens wie ein Gangsterfilm beginnt, kein schwermütiges Drama, sondern ein recht amüsanter Genre-mash-up, der sich auch bei der Komödie bedient. So pendelt der Film hauptsächlich zwischen zwei Polen, einmal recht pessimistisch-düster mit für die Protagonisten scheinbar unüberwindbaren Schranken innerhalb eines verkrusteten Systems im Angesicht einer ökonomisch prekären Lage, und andererseits einer positiven Euphorie, wenn die junge Generation ebendiese Barrieren zu überwinden und hinter sich zu lassen sucht.

Am Ende des Filmes, wo dann das Drama immer mehr ins Melodrama kippt, findet sich eine wunderbar kitschige Szene in einem Stall, wo es zur einzigen körperlichen Annäherung der beiden kommt: einem kurzen aber leidenschaftlichen Kuss, von außen durch das Fenster in den Innenraum hinein gefilmt - und die Münder begegnen sich, für den Zuschauer gerade nicht zu sehen, genau im Fensterkreuz. Und ganz am Ende, da das Paar keinen Ausweg weiß, kommt es tatsächlich zu einem Doppelselbstmord aus Liebe. Es gab wohl einige Probleme, den Film durch die Zensurstelle zu bekommen.

THE BAREFOOTED YOUTH (resp. THE BAREFOOTED YOUNG) läßt sich dem Genre des  "adolescent film" zuzählen, das in den 60ern in Korea sehr beliebt war. Kim Ki-deok, einer der führenden Regisseure des golden age des südkoreanischen Kinos (etwa 1956-1970, trotz einer politisch schwierigen Zeit und massiver Eingriffe durch die Regierung nach einer kurzen Phase der relativen Freiheit um 1960 (etwa die Etablierung des "Motion Picture Law" von 1962)) hat in seiner Karriere insgesamt über 60 Filme gemacht. Bei uns ist er leider so gut wie völlig unbekannt.

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Sonntag, 8. Juli 2012

Go, Go Second Time Virgin / Yuke Yuke Nidome no Shojo (Kôji Wakamatsu, Japan 1969)


Schwarzweiße, graue Bilder vom Himmel über der Großstadt. Überkopf wie eine Trophäe transportieren vier jugendliche Randalierer ein benommenes Mädchen (Mimi Kozakura ) das Treppenhaus hinauf auf das Dach des Hochhauses. Dort wird rumgeplänkelt, erst gelacht, dann geboxt, schließlich ernst gemacht: von allen wird sie nacheinander vergewaltigt. Gegenwehr bringt nichts, es bleibt nur Heulen und Augenschließen. Ein anderer Junge mit Nickelbrille schaut zu (Michio Akiyama), man weiß nicht, wie er dorthin kommt, ob er zur Gruppe gehört, oder nicht. Wie sich später rausstellt: nein, er ist einer, der genug hat von denen, die sich aufdrängen und andere schikanieren. Aber anstatt zu helfen, schaut er scheinbar teilnahmslos zu. Später kümmert er sich um das Mädchen, deren Blut zwischen den Beinen auf den Beton läuft, die völlig entkräftet eingeschlafen ist. Nur um am nächsten Morgen erneut vergewaltigt zu werden.

Die Figuren scheint man zu kennen in ihrer Schicksalshaftigkeit, das Mädchen etwa trägt Züge des zwei Jahre zuvor entstandenen, lebensmüden Soldaten aus Nagisa Oshimas DIE NACHT DES MÖRDERS / JAPANESE SUMMER: DOUBLE SUICIDE, der auf der Suche nach einem Mörder für sich selbst ist. Hier liegt der Fall ähnlich: das junge, traumatisierte Mädchen ist ebenfalls auf der Suche nach dem Tod. In einer spektakulären Rückblende, bei der der Film plötzlich zur Farbe wechselt (ins Blau; eine formale Umkehrung der formal-filmischen Konventionen, denn normalerweise wird der Flashback entfärbt, während die erzählte Zeitebene in Farbe ist), wird sie von zwei Jungs verfolgt, rennend am Meer, die Gischt der Wellen spritzt hoch. Wakamatsu ist ein Mann der Verunsicherung: man denkt, die spielen doof herum, albern - aber nein, das Spiel wird ernst, die Jungs begraben das Mädchen unter sich, überall Sand, im Gesicht, im Mund, dann legt sich der erste auf sie drauf. Die Wellen rauschen heran, beinah ertrinkt das Mädchen, während sie von den beiden Männern nacheinander missbraucht wird. Eine schlimme, sehr sehr eindrückliche Szene.

Später wird sie preisgeben, mit ihrem Vater geschlafen zu haben, bzw. auch von diesem vergewaltigt worden zu sein, und so geht es immer weiter: die Randalierer kehren zurück, erstaunt sie immer noch dort zu sehen. Mit anderen Mädchen, lachend, herumalbernd, dann Kleber aus Tüten schnüffelnd. Die Mädchen werden anschließend vergewaltigt, denn das ist es, was diese Herren tun, die keinen Vertrag haben mit nichts. Aber der Junge und das Mädchen, die beinahe so etwas wie Zuneigung empfinden (könnten?), wehren sich. Im Zimmer des Jungen, der im Hause wohnt, liegen bereits ein paar Leichen von Eindringlingen, die ihn missbraucht hatten. Mit einem Messer bewaffnet wird nun einer nach dem anderen abgemurkst. Zu einem glücklicheren Dasein führt das allerdings nicht unbedingt. Auch wenn die Revenge nun auf den Rape gefolgt ist.

Warum der Film so gut funktioniert, der mir vor allem enorm nihilistisch zu sein scheint, liegt mit Sicherheit auch an seiner Tonspur. Ein Aspekt, den ich absichtich beim eben besprochenen THE EMBRYO HUNTS IN SECRET unterschlagen habe (und der sich durch seinen klassischen Konzertsoundtrack auszeichnet): dieser tieftraurige Film wird von einem so überwältigenden, melancholischen und sparsam eingesetzten Singer- / Songwriter-, Popmusik- und Easy Listening-Soundtrack untermalt, dass er trotz seiner grauenhaften Ereignisse zu einem in sich bewundernswert "schönen" Film wird. Schön natürlich in Anführungszeichen, denn das ist das falsche Wort; er gewinnt vielmehr eine Erhabenheit, die die Stärke der beiden Protagonisten symbolisiert, die hier zueinander finden gegen all die Widerstände und Widrigkeiten. Zur Abstraktion trägt auch der deklamatorische Sprechstil der Protagonisten bei, der an Brecht denken lässt, wenn die Personen emotional abgetötet ihre Sätze aufsagen: "Es ist morgens. Am 8. August wurde ich zum zweiten Mal vergewaltigt." Oder: "Meine Mutter wurde von einer Gruppe Männer vergewaltigt, danach wurde ich geboren." Es scheint ein sich vererbendes Schickal zu sein, ein Leiden, das diese Figuren ertragen müssen und nur durch Mord und schließlich durch den Selbstmord aufheben können. Zu zweit vom Dach zu springen, kann sich das Mädchen zunächst nicht vorstellen. Womit wir wieder beim "Doppelselbstmord aus Liebe" wären (ein, wie [1]jüngst [2]mehrfach [3]angesprochen [4]hier im Blog, häufig auftretendes Motiv im japanischen kulturellen Horizont), das würde ein falsches Signal senden. Die letzte Einstellung spricht dann für sich selbst.

Samstag, 7. Juli 2012

The Embryo Hunts In Secret / 胎児が密猟する時 / Taiji ga Mitsuryo Suru Toki (Kôji Wakamatsu, Japan 1966)


Es ist Nacht, es regnet. Eine junge Frau und ein Mann im Anzug küssen sich wild und eng umschlungen in einem Auto, der Regen prasselt gegen die Scheiben. Sie entscheiden sich, zu ihm zu fahren. Dort angekommen wundert sie sich, dass die Wohnung so spärlich eingerichtet ist: außer dem Bett im Schlafzimmer gibt es praktisch keine Möbel. Nach einer ersten schnellen Runde Körperlichkeit und in der Ermattung registriert die Frau nicht, dass sie mittlerweile gefesselt ist und geknebelt wurde. Der Mann, ein typischer japanischer Salaryman im Anzug mit Schlips und Brille, nimmt seinen Gürtel zur Hand - später ist es eine Peitsche - und verdrischt die panisch davonkriechende, malträtierte Frau. Erste blutige Striemen sieht man auf der Haut, aber das ist erst der Auftakt...

THE EMBRYO HUNTS IN SECRET gilt gemeinhin als einer der kontroversesten Filme Wakamatsus, des "berühmt-berüchtigten" Pink-Filmers, dessen Karriere im Filmbusiness Anfang der Sechziger begann und bis heute anhält (er war etwa mit CATERPILLAR auf der Berlinale 2010 vertreten, der dort im Wettbewerb lief und dem türkischen BAL / HONIG unterlag (dennoch Silberner Bär für die beste Darstellerin)). Verständlich, denn im Anschluss an diese Eröffnung wohnt man beinahe den gesamten Rest des Filmes bis hin zum dramatischen Ende der Misshandlung einer Frau bei, die dieser derangierte Angestellte verbricht. EMBRYO ist der erste Independent-Film Wakamatsus, den er mit seiner eigenen Produktionsfirma realisierte, nachdem er enttäuscht Nikkatsu verlassen hatte. Diese hatten sich bei der Veröffentlichung seines Filmes SKELETON IN THE CLOSET aka. SECRET ACT WITHIN FOUR WALLS (1965) allzu zurückhaltend verhalten, obwohl der Film auf der Berlinale enthusiastisch aufgenommen worden war - man hatte schlicht zuviel Respekt vor der "Eirin" (Eiga Rinri Kanri Iinkai), dem Pendant zur Bundes(zensur)prüfstelle, welche unter dem Druck der amerikanischen Okkupation 1949 gegründet worden war. Außerdem schien man sich dafür zu schämen, dass nun ausgerechnet ein Sexfilm der Exporterfolg japanischer Kultur sein sollte.

Schon auf den ersten Blick erkennt man, dass EMBRYO kein Film von der Stange ist. Neben dem gewohnt hohen Niveau der Bildgestaltung ist auch die thematische Ausarbeitung nicht das gewöhnliche Einerlei des Sexfilms. Denn die in regelmäßigem Abstand eingestreuten Sexszenen, die das Genre, die Studiobosse und das Publikum verlangen, zerfliessen hier in einen einzigen langen Akt der Erniedrigung. Allerdings fällt recht schnell auf, dass der Akt der Penetration ausfällt, es ist vielmehr die physische Gewalt, die im Vordergrund steht. Breitbeinig steht der Mann da, Peitsche in der Hand, und schlägt auf die wehrlose Frau ein. Es ist mir kaum vorstellbar, dass diese Machtphantasie tatsächlich eine sinnliche Erregung auslösen könnte. Außerdem klingt bereits ein Element an, das den gesamten Film umzukrempeln beginnt: denn mit zunehmender Laufzeit wird immer offensichtlicher, dass der Mann der Getriebene ist, und die Frau die Oberhand behält, gleichwohl sie missbraucht wird. Das sage ich nun freilich nicht, um die Gewalt zu relativieren (falls das jemand unterstellen sollte), sondern um den Blick dahin zu lenken, wo Wakamatsu subversiv mit den Standards seines Genres bricht. Wo er eigene Wege geht, wo es politisch wird, psychologisch, sozial. Wo man zwar auf der Oberfläche eine Handlung wahrnimmt, die allzu leicht simplifiziert und reduziert wird auf das vordergründig Sichtbare, die dahinterliegende Ebene aber gerne ignoriert wird. Denn dann würde man feststellen, dass gerade darin die Qualität des Plots liegt im letztlich doch sehr engagierten Kino Wakamatsus. Die Frau ist zwar das Opfer, doch ist der Mann eindeutig krank. Selbst das Opfer einer herrschsüchtigen Mutter, kann er es nicht ertragen, dass seine eigene Frau ein Kind bekommen möchte. Und obwohl er sich hat kastrieren lassen, lässt sie nicht ab von diesem Wunsch (diese Szenen aus der Vergangenheit werden immer wieder in assoziativen Rückblenden eingefügt). Bis seine Frau schließlich die In-Vitro-Fertilisation bemüht, um mit ihm (!) das Kind aufzuziehen. Eine Schmach (der konkurrierende Phallus in Form des Reagenzglases), die  er nicht ertragen kann (er wirft es an die Wand) - daraufhin verlässt sie ihn. Die aktuelle Handlung des Filmes lässt sich nun als Kompensation auf diese biographische und selbst zugefügte "Entmännlichung" lesen (ein also letztlich nie überwundener Ödipuskomplex, worauf auch seine Kastration verweist), wodurch auch der Gebrauch des Gipsabdrucks des Gesichts seiner Frau seinen Sinn erhält: das Opfer soll diese Maske tragen, sie soll zur ehemaligen Frau werden (vielleicht sogar zur Mutter?) und stellvertretend für diese seine Rache ertragen. Als sie dies erkennt, er psychisch zusammenbricht und seinen Kopf in ihren Schoß hinein bettet (!), schließlich zu weinen beginnt, da kommt es zum großen Finale, in dem die Frau dem patriarchalischen Mann zeigt, wie tief das Messer dringen kann. In den Bauch hinein freilich, dorthin, woher beim Mann noch nie ein Leben entsprang.