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Mittwoch, 26. September 2012

Delinquent Girl Boss: Blossoming Night Dreams (Kazuhiko Yamaguchi, Japan 1970)


Als die schöne Rika (Reiko Oshida) endlich aus dem berüchtigten Frauengefängnis Akagi Girl's School herauskommt, findet sie recht schnell Unterschlupf in einer Bar als Animierdame. Dort trifft sie erfreulicherweise auf alte Zellengenossinen, und auch ihre Chefin, genannt Madam, ist eine Akagi-Veteranin. Ein wenig Unterstützung kann man in Tokyos Rotlichtviertel aber auch brauchen - die Reviere sind streng aufgeteilt und immer wieder rauschen die verschiedenen Gruppierungen ineinander. Als da wären Huren, Junkies, Hippies, Männer auf der Suche nach Druckablaß, verschiedene Yakuza-Banden und: ruppige Girl-Gangs. Auch Rika ist nun in einer solchen, und bald nimmt sie eine Führungsposition ein, da sie nicht nur charismatisch, sondern auch eine exzellenete Straßenkämpferin ist. Zwei Ereignisse bedrohen allerdings die Sicherheit der Bande: eine heroinabhängige und deswegen notorisch in Geldnot sich befindende Schwester einer der Frauen bringt die fürsorgenden Mädels regelmäßig in Schwierigkeiten, sowie die drohende Übernahme des Gebäudes in dem sich deren Haupteinnahmequelle, ein Nachtclub, befindet, und das durch die verfeindete, schmierige Ohba-Bande.


Der erste Teil der Girl Boss - Reihe überzeugt vor allem wegen seiner Schauwerte, und auch wenn er gemeinhin als eher schwacher Beitrag im Pinky Violence - Genre bezeichnet wird, so kann ich das nur in Ansätzen nachvollziehen. Wir haben es hier mit zwei ausgenommen sympathischen Hauptdarstellerinnen zu tun, mit formidablen Kämpfen, skurrilem Humor, mit einer irre überzeichneten, ausgesucht häßlichen Männerwelt, die beinahe ausnahmslos aus widerlichen Hackfressen besteht, und mit toller Musik und schönen Bildkompositionen (Hanjiro Nakazawa, der als Kameramann für seine Arbeiten u.a. bei Kinji Fukasaku bekannt ist). Außerdem natürlich Style ohne Ende, verrückte Kamerapositionen, freeze frames, Farbenexplosionen, Nachtschatten und Neonlicht. Allenfalls der Plot könnte manchmal mehr Zugkraft vertragen: der Teil vor dem großen Schlußkampf hängt leider etwas durch. Möglicherweise ist das Yamaguchis Unerfahrenheit anzulasten, der hier sein Debut inszeniert und der auch das Drehbuch schrieb.


Dass die schlimmen Mädels natürlich eigentlich alle ein Herz aus Gold haben, versteht sich. So geht Rika sogar soweit, sich selbst dem widerlichen Yakuzaboss anzubieten, um die noch fehlenden 500.000 Yen aufzutreiben, die die Bande als Lösegeld für das gefangengehaltene Heroinluder benötigt. In einer großen Szene gesteht sie Madam reumütig ihre Tat, die darauf stinksauer aber mitfühlend reagiert: man dürfe seine Weiblichkeit zwar zum Kampfe einsetzten - die Reinheit des Körpers soll aber erhalten bleiben. Denn die  Welt der Männer ist eine schmutzige. Die der Mädchenbanden hingegen eine höherstehende, sakrosankte, und der Kampf auf der Straße ist vor allem immer einer gegen die unterdrückende Herrschaft des Mannes, gegen den Mißbrauch. Solchen genrebedingten Zuspitzungen und Simplifizierungen, die zu ganz naiven Wahrheiten führen, denen kann man als Genrefreund natürlich nichts anderes als Sympathie entgegen bringen. Da muß man dann auch geflissentlich darüber hinwegsehen, dass im Finalkampf Umekos ehemaliger Liebhaber auftritt um die Mädchengang gegen Ohbas Yakuzabande mit seinem Schwert tatkräftig zu unterstützen. Und dass er am Ende sogar ganz heroisch sein Leben für sie läßt.


Mittwoch, 19. September 2012

Datai / Abortion (Masao Adachi, Japan 1966)



Masao Adachis erster Film für die Wakamatsu Productions ist ein in schwarzweiß gehaltener "Skandalfilm", in dem ein Gynäkologe eine die Wissenschaften revolutionierende Technik entwickelt, Kinder auf künstliche Weise vom Fötusalter an in Gebärmaschinen aufzuziehen. So soll den Frauen die Last der Geburt genommen, die Sexualität vom Reproduktionsdruck gelöst werden. In einer Art Parodie auf die Aufklärungsfilme der Zeit wir in immer wieder pseudodokumentarischer Weise auf die biologischen Prozesse bei der Schwangerschaft eingegangen, wozu der Arzt (etwa einer dümmlichen Patientin) Lektionen an medizinischen Schautafeln in seiner Praxis gibt. Oder auch mal Konzepte zur Schwangerschaftsverhütung erläutert.

Eben jene Patientin, die dummerweise von ihrem debilen und verantwortungslosen Boyfriend schwanger geworden ist, will nun unbedingt das Kind bekommen - der Arzt jedoch betäubt die Frau, schneidet heimlich den Fötus heraus, und führt mit ihm in einem geheimen Labor seine erste echte Untersuchung der revolutionären Idee durch (die Versuchsanordnung ist in einem Wandschrank versteckt). Der Frau erzählt er, sie habe eine Phantomschwangerschaft gehabt, es sei ihre Psyche, ihr Unterbewußtsein gewesen, das ihr die körperlichen Funktionen einer tatsächlichen Schwangerschaft vorgegaukelt habe. Die junge Frau freut sich überraschenderweise dennoch: nun gut, sagt sie fröhlich, da kann man wohl nichts machen. Doch die Gattin des Arztes beginnt zu zweifeln und steigt schließlich ins Labor ein.

Adachis Film, der reichlich Potential zur skandalösen Zurschaustellung von körperlichen Aktivitäten bieten würde (einmal wird der Arzt auch von einer Nymphomanin besucht), zeigt von alldem nichts. Das Unzüchtigste ist das freimütige Entkleiden der Patientinnen, sowie das mit größter professioneller Nüchternheit des Arztes vorgenomme Untersuchungsprozedere. Da ist nichts Sexuelles, Schmieriges, Aufgeilendes zu sehen. Allenfalls die Thematik an sich bietet etwas skurrile Unterhaltung - von einem Sexfilm ist ABORTION aber weit entfernt. Am formal Spannendsten sind womöglich die Überschneidungen der Bildkategorien - oftmals weiß man nicht genau, ob man nun fiktive Bilder der filmischen Narration zu sehen bekommt, oder tatsächlich reale, dokumentarische. Jenseits von einem allseits behaupteten, aber nie wirklich überzeugenden Realitätscontent, hat der Film in dieser Hinsicht nichts zu bieten - abgesehen davon, dass Männer mal in das Behandlungszimmer einer solcher Praxis schauen dürfen (das aber eher wie ein umgebauter Büroraum im Office der Wakamatsu Pro aussieht).

So finde ich den gesamten Film etwas enttäuschend, inhaltlich amüsant zwar, auf der Bildebene aber letztlich ziemlich ambitionslos. Kein Vergleich zu den visuellen Stilisierungen der Filme Koji Wakamatsus, der hier übrigens als Co-Regisseur angeführt wird in den Credits. Sicherlich nur eine Behauptung, um den Film besser verkmarkten zu können. Adachi war zu jener Zeit einer der führenden Köpfe der tokioter Experimental-Szene, die sich aus der Studentenbewegung heraus entwickelt hatte (der auch Yoko "Fluxus" Ono, Nobuhiko Obayashi und Donald Richie angehörten). Ihr Protest hatte sich zuächst gegen das japanisch-amerikanische Sicherheitsabkommen gerichtet und hat sich unter einigen Aktiven sowohl zu einer Avantgardekunstbewegung, als auch zu einem experimentellen Filmclub entwickelt (begleitend empfehle ich die Betrachtung von Yasuzo Masumuras A FALSE STUDENT, 1960), bevor bei Adachi eine immer stärker werdende politische Radikalisierung einsetzte (in deren Folge Adachi - ich verkürze stark - in Beirut im Libanon landete und dort die Nihon Sekigun gründete, einen Ableger der Japanischen Roten Armee, und daraufhin 25 Jahre im Untergrund lebte). Mitte der 60er aber war Adachi parallel der Wakamatsu Pro beigetreten und war einer der wichtigsten Mitarbeiter - vor allem in seiner Funktion als Drehbuchschreiber - für Kôji Wakamatsu. ABORTION darf man wohl als "kommerziellen" Film werten (Roland Domenig), dem darauf eine Fortsetzung folgte mit dem Titel BIRTH CONTROL REVOLUTION (ebenfalls 1966). Der Gynäkologe scheint also doch noch Erfolg zu haben mit seinen Experimenten, auch wenn er am Ende von ABORTION in der Gefängniszelle sitzt.

Mittwoch, 5. September 2012

Violent Virgin aka Gewalt! Gewalt: shojo geba-geba (Kôji Wakamatsu, Japan 1969)



 Ein verstörender Film: die beiden Protagonisten, ein Mann namens Hoshi (gespielt von Toshiyuki Tanigawa) und eine Frau (Hanako, gespielt von Eri Ashikawa - doch die Namen spielen wieder mal eigentlich keine Rolle) mit Sack über dem Kopf, werden offensichtlich von einer Gruppe sadistischer Yakuza und ihren kreischenden Gespielinnen entführt. Man gelangt über holprige Wege in eine Einöde, wo die Frau nach einigen Misshandlungen an ein großes Holzkreuz gefesselt wird. Blut läuft ihr über die Brust, sie ist beinahe nackt. Der Mann wird auf verschiedene Arten misshandelt, bevor er von den Peinigern zum Verkehr mit den prolligen Weibern gezwungen wird. In seiner Wut und Hilflosigkeit geht er jedoch äußerst ruppig mit ihnen zur Sache. Er beginnt sich aufzulehnen und erwürgt eines der Mädchen. Später kommt dann heraus, dass die Gräueltaten von einer Anhöhe aus vom Yakuza-Boss beobachtet werden, der seine sadistische Freude daran hat, das Liebespaar zu quälen. Denn Hoshi ist sein untreu gewordener Untergebener, ein chinpira, Hanako des Bosses Freundin, die sich auf eine Affäre mit dem Nachwuchsgangster eingelassen hatte. Ein aufgebautes Präzisionsgewehr verschärft dann den Konflikt, als im Lager das Chaos ausbricht.

VIOLENT VIRGIN ist ein alptraumartiger, metaphorisch heftig aufgeladener, grandioser Film. Auch weil man an ihm sehen kann, dass mit beschränkten Mitteln und kleinem Geld ein großartiger, reduziert bis auf die Knochen und zugleich spannender Spielfilm entstehen kann. Das Budget für VIOLENT VIRGIN war sehr klein, es muss sich geschätzt auf etwa umgerechnet 15.000 € belaufen haben. Womit dieser neben THE EMBRYO HUNTS IN SECRET vermutlich der billigste Film der Wakamatsu Pro gewesen sein dürfte. An Requisiten gibt es nicht viel und das meiste besorgt die Location: an den Ausläufern des Fujiyama gedreht, befindet man sich in einem beinahe surrealen, wie oben beschrieben kargen Ödland, was am stärksten zur Atmosphäre beiträgt. Es wird noch ein Holzkreuz aufgebaut, ein kleines Zelt aufgestellt, ein Auto gefahren und ein Gewehr benutzt - das ist alles. Das meiste Geld dürfte für die Technik draufgegangen sein. Wie hier getobt und geschrien wird, lässt außerdem vermuten, dass auch für diesen Film nur ein sehr rudimentäres Skript vorlag, und dass viel improvisiert wurde. Am Drehbuch war unter anderem (neben mindestens noch Izuru Deguchi) Atsushi Yamatoya beteiligt, der im Film auch eine Rolle übernommen hat. Übrigens hatte er diese beiden Funktionen auch zwei Jahre vorher in einem nicht ganz unbekannten Film von Seijun Suzuki übernommen, bei BRANDED TO KILL. Überhaupt ist in dem ganzen Produktions-Chaos zu vermuten, dass mehrere Personen verschiedene Funktionen erfüllt haben und mehrere Aufgaben übernahmen. Und eben nicht nur Schauspieler oder zum Beispiel Techniker waren - sondern eben irgendwie alles machten. Yamatoya jedenfalls war einer der regulären Skriptwriter für Wakamatsu Pro, so wie Masao Adachi oder Yoshiaki Ôtani, ein Pseudonym für Takao Yoshizawa und Chûsei Sone (aus dem später dann ja ein relativ bekannter Regisseur wurde); allerdings hat Yamatoya auch Regie geführt, etwa bei einem Film mit dem vielversprechenden Namen DUTCH WIFE OF THE WASTELAND (1967), in dem ein Privatdetektiv den Mord an einer Schauspielerin, die in einem Snuff-Film mittat, aufklären soll. Wer also bei welchem Film genau was gemacht hat, ist bei Wakamatsu Pro nicht immer nachzuvollziehen, einerseits durch die Verwendung von Pseudonymen (der Musiker und Schauspieler "Meikyu Senkai" aka Michio Akiyama ist auch so ein Fall), andererseits durch eine recht laxe Handhabung der Credit-Angaben. Hinzu kommt Kôji Wakamatsus recht freie Interpretation und sich widersprechende Darstellung der tatsächlichen Ereignisse in Interviews, sowie die Tatsache, dass auch mal geschwindelt wird, wenn es dem Verkauf des Filmes dient. Wer also Genaues wissen will, der muss sich hier oftmals durch dichten Nebel kämpfen.

Neben den enigmatischen Bildern zeichnet sich VIOLENT VIRGIN vor allem durch seinen direkten, harten Zugang aus, der dann immer wieder metaphorisch überhöht wird und für den Kunstliebhaber die Interpretationsoptionen aufmacht. Außerdem weht ein melancholischer Hauch der Vergeblichkeit durch den Film, da der Protagonist, dem einmal die Flucht durch die sandigen Hügel gelingt, in einer Kreisbewegung nur immer wieder zurück zum Ausgangspunkt gelangt. Basal gesehen ist dieser Film eigentlich ziemlich einfach und schlicht. Gerade heraus, hart, reduziert. Aber deswegen nicht eindimensional oder gar primitiv, sondern viel eher erschütternd, mitreißend, erschreckend in den Gewaltspitzen und wieder ein Beispiel dafür, wie teuflisch überraschend ein Film von Kôji Wakamatsu sein kann.










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