DVD BluRay

Freitag, 19. Oktober 2012

Running in Madness, Dying in Love / Kyoso Joshi-ko (Kôji Wakamatsu, Japan 1969)



Noch ein Film von '69, laut IMDb der elfte in diesem Jahr - da kann man nur Beifall klatschen, wie aktiv Wakamatsu in diesem Jahr, überhaupt in diesen Jahren war. Meine Sichtung des Filmes fiel traurigerweise auf seinen Todestag. Mittags las ich zum ersten Mal die Nachricht, dass der in Tokyo von einem Taxi angefahrene Regisseur im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen sei. Kurze Zeit später bestätigten das auf Facebook verschiedene verläßliche Stellen. Abends gab es bereits die ersten Nachrufe.

Auch in RUNNING IN MADNESS, DYING IN LOVE stirbt einer: nämlich ein Polizist. Der Film eröffnet mit dokumentarischen Szenen der Jugendrevolte, den Unruhen in Tokyo während der Anpo Proteste. Schwarz-weiße Dokumentarbilder jagen sich, blitzlichtartig werden Zeitungsmeldungen dazwischen geschnitten, atemlose Montage. Dann: plötzlich Farbe. Ein junger Mann rennt völlig erschöpft eine Straße entlang, es ist Nacht, er ist verletzt, Blut läuft über das Gesicht. In einer langen Einstellung fährt die Kamera neben dem Mann her, dessen Verzweiflung, dessen Todesangst, dessen Wut auf die Autoritäten, den Gegener, den Konflikt mit der Polizei durch die Kamerabilder spürbar wird. Angekommen in der Wohnung seines Bruders, stößt er mit diesem zusammen. Dieser ist Polizist, mit dem er direkt in Konflikt, in ein Handgemenge gerät. Der Bruder verprügelt den "Nichtsnutz", tritt ihn zusammen. Doch seine Frau, die Schwägerin, mischt sich ein, geht dazwischen, gerät ins Gerangel, währenddessen sich plötzlich ein Schuß aus der Dienstwaffe löst - sie hat geschossen - und ihr Mann bricht tot zusammen. Der schwerverletzte Student überredet sie zur Flucht und sie machen sich mit dem Zug auf nach Norden. Dort geraten sie in ein verschneites Japan, in die Einsamkeit, und bald lernen sie einander zu lieben. Doch die Schuld und die Vergangenheit holt sie allzubald ein.

Geskriptet wurde der Film einmal mehr von Masao Adachi, und die Nähe zu Nagisa Oshimas SHONEN / BOY (1969), der ebenfalls eine Familie in die winterlichen Gegenden von Hokkaido treibt, ist auffällig. Jasper Sharp verweist in seinem Buch Behind the Pink Curtain auf den Einfluss der Landscape Theory auf Adachis kunstästhetische Auffassung, in der, verkürzt gesagt, politische Zustände in Naturereignissen allegorisch wiedergegeben werden. So etwa der Schneesturm in Hokkaido, der den Figuren zusetzt.

Der Film ist recht geradlinig für einen Wakamatsu und überzeugt neben seinem "konventionellen Liebes-Drama-Plot", wie Alex Hypnosemaschine an anderer Stelle schrieb, vor allem durch seine abartig tollen Bilder, die immer wieder psychedelische Qualitäten annehmen. Die Sexszenen sind dabei kaum explizit oder exploitativ, vermitteln eher eine erotische Wärme, und sind sehr weit von den Gewaltbildern seiner anderen Filme entfernt. Stellvertretend sei die Szene in der Scheune erwähnt, in dem sich das nackte Paar in honigfarbenem Licht im Stroh liebt. Was kurz darauf unterbrochen wird durch die Auspeitschung einer Frau draußen im Schnee. Ein paar Männer verfolgen die Nackte am Rande des Sees entlang, werfen die Entkräftete in den Schnee und "züchtigen" sie, wie sie sagen, da sie gegen die Riten des Dorfes verstoßen habe. Die kalte Welt holt die Protagonisten also sehr schnell wieder ein.

Später wird man erfahren, dass sich das Paar unweit seines Heimatortes aufhält (eine Flucht hin zur Heimat also), und dann taucht auch plötzlich der totgeglaubte Gatte und Bruder wieder auf. Breitbeinig steht er da auf dem tiefverschneiten Weg. Und seine Rache wird sich freilich gegen die Frau richten, draußen auf dem Feld, während der Schnee fällt. Gegen die Schwachen, in einer ungerechten, psychotischen Welt, aus der es unmöglich scheint, auszubrechen. Und in der es nicht mehr möglich ist, sich zu wehren. Alle Kraft hat die Körper verlassen. Sie versinken machtlos im Schnee, wie die Bilder der Kamera.

Sonntag, 14. Oktober 2012

Guilty of Romance / Koi no tsumi (Sion Sono, Japan 2011)


 In den dunklen, nur vom Neon der Reklametafeln des tokioter Vergnügingsviertels erhellten Nachtbildern kann man sich als Zuschauer verlieren. So wie sich die Figuren dieses Films verloren haben und auf de Suche nach Erlösung aus ihrer desolaten Situation sind. Sion Sono hat mit GUILTY OF ROMANCE einen äußerst hypnotischen Film geschaffen, in dem die Geschichten dreier Frauen zusammenfinden. Drei Frauen, die auf unterschiedliche Weise zu sich selbst kommen wollen, und deren Schicksal irgendwie mit dem brutalen Mord an einer Unbekannten zusammenhängt, deren Leiche am Anfang des Films von der Polizistin gefunden wird. Abgetrennte Gliedmaßen, abgetrennter Kopf. Nur der Rumpf bleibt übrig, an den die mechanischen Teile aus dem Ersatzteillager einer Schaufensterpuppe gefügt sind. Später dann werden ihre Überreste gefunden, in einer Sporttasche, aber da is der Film bald zwei Stunden alt.


In diesem Film, der in wie hyperrealistischen Bildern des Exzesses sowohl innerhalb des Genrefilms auch als auch in der Radikalität seiner Handlungsentwicklung an die Diskurse eines gesellschaftskritischen Feminismus anschließt, geht es vor allem -runtergebrochen- um einen Befreiungsschlag der Frau aus der Unterdrückungsituation durch die hierarchisch organisierte patriarchale Gewaltherrschaft. Dass dieser Weg von der Protagonistin Izumi, die mit einem Bestsellerautoren verheiratet ist und in der Monotonie einer völlig auf die Bedürfnisse des Gatten ausgerichteten Ehe ein völlig unbefriedigendes Leben, das eines Dienstmädchens, zu führen hat, gerade durch eine sexuelle Befreiung geschieht, eine maßlose dazu, die sie über Nacktbilder zur Pornographie und schließlich in die Prostitution führt, ist der pikante Kniff in Sion Sonos Film - und sicherlich eine Reminiszenz an seine Herkunft aus dem an Kontroversen nicht armen Pink-Film-Milieu. Denn auch diese Bereiche, die im alltäglichen Verständnis als Paradebeispiel für die Ausbeutung der Frau stehen, werden alsbald von der Protagonistin dominant regiert, die vom Drehbuch zudem eine manchmal beinah wie wahnsinnige Partnerin zur Seite gestellt bekommt: im obigen Bild zu sehen, Bier kaufend mit dem Geldschein eines Freiers im Mund. Die bei Tag eine Professorin für Literatur ist - und in der Nacht zu einer selbstbewußten Nymphomanin wird, die sich ihre Freier aussucht und sich für ihren Spaß gut bezahlen lässt. Dass der Film hier die Grätsche zur Sexploitation macht, ist nicht verwunderlich.


Neben den skandalös guten Bildern weiß der Film noch durch seinen enorm suggestiven wie romantisierenden Soundtrack zu begeistern. Die Qualität der beiden Faktoren ist nicht zu unterschätzen, vor allem da ein Film mit solcher Handlung in den Händen eines weniger souveränen Filmemachers leicht zum Debakel hätte werden können. KOI NO TSUMI wurde als dritter und abschließender Teil von Sonos Hass-Trilogie annonciert, der von LOVE EXPOSURE eröffnet und mit COLD FISH fortgeführt wurde (über den ich hier etwas vorsichtig schon schrieb, und den ich nochmals sehen will um meine Eindrücke zu überprüfen). Wie vom Hass sind diese Filme aber auch von der Passion und der Obsession durchdrungen und können sicherlich als moderner erotischer Entwicklungsroman einer weiblichen Sexualität der Transgression gelesen werden, die die männlich-patriarchale Unterdrückung überwindet.


Dass die internationale Fassung um gut 20 Minuten gekürzt wurde, und wie man liest, vor allem um Ermittlungsstellen der Polizistin, läßt diese Figur in der von mir gesehenen Fassung etwas in den Hintergrund treten (gleichwohl wurde diese Fassung von Sono authorisiert). Die im November bei REM erscheinende DVD jedenfalls soll die japanische Langfassung beinhalten, die dann etwa 140 Minuten gehen soll. Ich freu mich auf ein Wiedersehen dieses Films, den ich im ersten Überschwang ein Meisterwerk genannt habe.

Freitag, 12. Oktober 2012

The Notorious Concubines / Kinpeibai / Chinesischer Liebesreigen / Die sechs Frauen des Ching (Kôji Wakamatsu, Japan 1969)


Wakamatsus erotisches Historienepos THE NOTORIOUS CONCUBINES basiert lose auf einem chinesischen Sittenroman mit pornographischem Inhalt namens Jin Ping Mei (aka The Golden Lotus (US-Titel)) aus der Spätzeit der Ming-Dynastie des 16. Jahrhunderts. Um der Zensur zu entgehen wurde die erzählte Zeit ins 11. Jahrhundert in die Provinz Shandong verlegt, in der ein reicher Apotheker (im Film ein unersättlicher Aristokrat) etliche außerhäusliche Affären pflegt, obwohl auf ihn zuhause bereits sechs Ehefrauen warten. Im Roman werden angeblich über 100 explizite Sexszenen ausgeführt, im Film sind es ein paar weniger, die allerdings einige exploitative Genüsse versprechen. Jedoch, es kommt alles anders. Irgendwie als Kostümfilm angelegt, vermag hier nichts so recht zu überzeugen. Bis auf ein paar Oberweiten ist nichts zu sehen, etwas Blut hin und wieder und unscharfe Orgienszenen. Der moralische Verfall ist also das, was eigentlich schockiert. Oder auch nicht. Fraglich ist, ob die ungeschnittene, ursprüngliche Version expliziter ist.

Das wäre zu hoffen, denn die "Handlung" ist eine Frechheit an filmischer Langeweile, und es nicht wirklich notwendig, diese hier extra auszuführen. Man könnte auch von einem Alibi sprechen. Zu allem Ärger wurde in den Film noch eine Rahmenhandlung integriert, die den Kampf einer Räuberbande gegen die feudalen Truppen erzählt - und obwohl diese ein paar hübsche Bilder bietet mit einigen Galgenszenen, scheint sie sehr wenig mit der eigentlichen Erzählung zu tun zu haben (abgesehen vom Räuberhauptmann und seiner Geliebten). Aber das ist eigentlich auch egal, nach 20 Minuten interessiert diese Abenteuergeschichte sowieso keinen mehr, da der überwiegende Teil des Films im Palast der Unzucht spielt.

Die US-DVD von Something Weird Video ist, wie erwähnt, gekürzt und in einer Orgienszene gegen Ende immer wieder geblurrt - und das, obwohl die Kamera etliche Meter von den Ereignissen entfernt ist. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was hier wohl vertuscht werden sollte. Vielleicht ein männliches Glied, das sich durch die Mantelfalten stiehlt? Denn in diesem radikalen Film der ungezügelten Lust behalten die Männer beim Sex die Klamotten an. Insgesamt besticht die DVD neben den Kürzungen noch durch ein schlechtes Bild und eine gedubbte, ausschließlich englischsprachige Tonspur ohne Untertitel. Ob noch eine Langfassung im O-Ton existiert ist mir allerdings nicht bekannt; und wie immer müssen wir vielleicht sogar froh sein, dass uns diese Version ins digitale Zeitalter gerettet wurde. Diese, eine Auftragsarbeit, die Wakamatsu für Shochiku gemacht hat und die mit Jûzô TAMPOPO Itami in einer Rolle prominent besetzt wurde, muß man nicht wirklich gesehen haben. Zumal in dieser verstümmelten Fassung.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Project K - The Korean Filmfestival - in Frankfurt am Main


Eine sehr feine Veranstaltung wurde hier ins Leben gerufen: das koreanische Film- und Kulturfestival Projekt K startet diesen Freitag in Frankfurt auf dem Uni-Gelände (dort, wo auch immer die Nippon Connection stattfand) und es werden insgesamt 19 Filme gezeigt vom 12.10. - 14.10.12 (auf dem Campus Bockenheim im Studierendenhaus). Die Filmauswahl ist nicht allzu ausgefallen - wer sich im Filmland Korea auskennt, hat sicherlich schon einiges davon gesehen. Für den Neueinstieg oder eine Wiederbegegnung aber eine großartige Sache. Es finden sich aber auch einige Perlen, etwa kann man der Deutschlandpremiere von Kim Ki-duks PIETA beiwohnen, oder einem Screening des just erschienenen ARCHITECTURE 101. Alles in allem läuft da beinah jeder koreanische Film, der in den letzten Jahren internationale Bekanntheit errungen hat, sei es MOTHER, THIRST, CHASER, OLDBOY oder einer meiner liebsten Filme des Jahres 2011: Na Hong-jins genialer THE YELLOW SEA. Das Festival sollte man sich nicht entgehen lassen, zumal auch das Rahmenprogramm interessant ausfällt - nicht zuletzt mit seinen kulinarischen Genüssen. Hier das Programm. Gutes Gelingen!

Sonntag, 7. Oktober 2012

24 City / Er shi si cheng ji (Jia Zhangke, China 2008)


In der chinesischen Stadt Chengdu wird eine riesige Fabrikanlage abgerissen um einem modernen Appartmentkomplex Platz zu machen. 24 CITY folgt drei Generationen von Fabrikarbeitern und deren Angehörigen, die alle von diesem Ereignis persönlich betroffen sind. Entweder, weil sie ihren Job verlieren, oder weil ihren Eltern der Lebensmittelpunkt genommen wird. Denn in dieser Fabrik und auf dem Fabrikgelände waren sie aufgehoben, hatten alles, was man brauchte: Arbeit, Wohnraum, Märkte, Sportplätze, Schwimmbad und Kino.

Die ehemalige Flugzeugturbinenfabrik ("Fabrik 420"), die in den letzten Jahren alles mögliche herstellte, war also das alltägliche und gewohnte Zentrum vieler Menschen, und wie etwa auch in STILL LIFE geht es Jia darum, wie mit dem Vergessen, den Erinnerungen umgegangen wird, und wie diese sozialbiographischen Aspekte an Orte geknüpft sind. Was mit ihnen passiert, wenn die Orte verschwinden. In STILL LIFE z.B. verschwindet eine Stadt in den Fluten des aufgestauten Yangtze. 24 CITY ist im Gegensatz zu diesem Spielfilm aber deutlich dokumentarischer angelegt. Zwar werden auch einige Rollen der Interviewpartner von Schauspielern gespielt, die Hälfte der Interviews sind aber authentisch, sodaß eine hybride Spannungssituation entsteht. Immer wieder werden spielfilmartige, narrativ-erzählerisch Sequenzen zwischen die Interviews geschnitten, doch ist sowohl der realistische Look, als auch sind die mit statischer Kamera durchgeführten Interviews eindeutige Stilmittel des Dokumentarfilms. Ohne allzu melancholisch zu werden oder die Leute zu drängen, offenbaren sich immer wieder anrührend intime oder auch niederschmetternd persönliche Schicksale der Arbeiter, die irgendwie etwas mit der Institution der Fabrik zu tun haben. Nüchtern registriert das die Kamera, und umso umwerfender ist die Wirkung auf den Zuschauer. Lediglich ein manchmal etwas beatiger Soundtrack scheint mir nicht so richtig zum Film zu passen. Aber immer wieder findet Jia großartige Bilder im Alltäglichen, die den Film zugleich zu einem Portrait einer der größten modernen chinesischen Metropolen werden läßt. Eine Stadt, die ein Symbol des Sozialismus abreißen läßt, um darauf moderne Apartments für kapitalschwere Neureiche zu bauen... Schöner Film.