DVD BluRay

Freitag, 30. November 2012

Mondomanila (Khavn de la Cruz, Philippinen / Deutschland 2012)


Das philippinische Independent-Punk-enfant terrible KHAVN hat einen neuen Film gemacht, der seit gestern sogar in ausgesuchten Kinos läuft und von REM sowohl produziert wurde als auch vertrieben wird. Ein wilder Ritt in das Herz der Dunkelheit Manilas ist das, und ich darf sagen, er gefällt mir ähnlich - aber anders - gut, wie VAMPIRE OF QUEZON CITY. Jedenfalls, er ist ein Film, der sich zwischen alle Stühle setzt. Und MONDOMANILA ist vor allem eines: er ist nicht kompatibel – nicht zu unseren Sehgewohnheiten, nicht zu den Ansprüchen unseres sogenannten Arthousekinos, das eigentlich ein mit schönen Bildern konsumierbar gemachtes, abgemildertes Betroffenheitskino ist, und auch nicht zum Imperativ der politischen Correctness der Alternativkulturen. Khavn schert sich offensichtlich einen Scheißdreck um das alles. Nur gut kommen, das muss es. Für Hard Sensations habe ich mir den Film angesehen, ebendort findet ihre meine Filmkritik.

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Mittwoch, 21. November 2012

Solang ich lebe / Jab Tak Hai Jaan (Yash Chopra, Indien 2012)


Der stille Eigenbrötler Samar (Shah Rukh Khan) arbeitet für das indische Militär als Bombenentschärfer, wo er sich einen legendären Ruf als "Mann, der nicht sterben kann" erworben hat. Im Gegensatz zu seinen Kollegen trägt er bei seinen Einsätzen nämlich keinen der dicken, unförmigen Schutzanzüge und Gesichtsmasken, sondern geht mit bloßen Händen und im Grünzeug an die Sache ran. Weshalb nun der schöne Unzugängliche so rücksictslos mit seinem Leben spielt, diese Geschichte erzählt JAB TAK HAI JAAN.

Es ist freilich die Geschichte einer unerfüllten Liebe, die hinter seinem persönlichen Unglück steht. Die eines Schwurs im Geiste der Religion, die seine Geliebte von ihm fernhält. In einem Rückblick blättert der Film die Geschichte der beiden ungleichen Liebenden auf: in London soll die schöne Meera (Katrina Kaif), Erbin eines Supermarkt-Tycoons (Anupam Kher), an einen erfolgreichen Karrieremenschen verheiratet werden. Da sie der Augapfel des Vaters ist, wagt sie nicht zu widersprechen. Denn das Trauma sitzt tief: ihre eigene Mutter hatte die Familie für ihre große Liebe vor Jahren verlassen, der Vater hat die Tochter alleine aufgezogen. Sich dem Willen des Vaters zu widersetzen scheint demnach unmöglich. Doch leider lernt sie kurz vor der Verlobung den Straßenmusiker Samar kennen (der dann später frustriert zum Militär geht), der sie mit seiner Lebenslust anzustecken weiß, und der Dank seines freundlichen Wesens bald selbst Karriere in einem Restaurant macht. Doch die zunehmende Annäherung der beiden macht Meera moralisch schwer zu schaffen, und als Samar bei einem Motorradunfall schwerstverwundet um sein Leben ringt, glaubt die Gläubige Meera, von Gott bestraft zu werden. Also bietet sie ihm einen Deal an: wenn er das Leben Samars verschone, gelobe sie, ihn niemals wieder zu sehen. Freilich wird ihr Flehen erhört, doch Samar kann ohne sie nicht sein. Er geht zurück nach Indien.

Dies der Hauptplot des Films, der noch von einigen Subplots unterfüttert wird, vor allem von einer zweiten Liebesgeschichte, die auch eine unerfüllte sein wird. Die lebenslustige Akira (Anushka Sharma) dreht eine Dokumentation über den mutigen Soldaten, verliebt sich, doch hat bei ihm kein Glück. Selbst Jahre nach der Zurückweisung kann sich Samar nicht öffnen. Doch die Geschichte nimmt dann einen ganz unerwarteten Verlauf. Wie man so sagt. Ganz so unerwartet ist er Dank der Gesetze des Liebesfilms nämlich nicht...

In prächtiger digitaler Qualität wird man hier drei Stunden lang ganz hervorragend im Kino unterhalten. Yash Chopra, nun 80jährig verstorben, der "Großmeister" des indischen Romantikkinos (VEER UND ZAARA, MEIN HERZ SPIELT VERRÜCKT, DARR) versteht natürlich sein Werk, schert sich nicht um den Kitsch, bietet die  volle Breitseite in einer Geschichte des Liebesverzichts. Dass die für einander Bestimmten am Ende zusammen kommen, dürfte klar sein. Allerdings fällt das Happy End doch sehr unspektakulär aus, sowohl in Bild und Ton. Chopra ist vielmehr an der Darstellung der Leidenden, des Liebesleids, interessiert, und an den romantischen Funken des ersten Kennenlernens. In den ersten zwei Dritteln des Films sind dann auch die Songs und Tanznummern platziert, die unverhohlen ziemlich modern ausfallen mit ihren elektronischen Beats. Hier und hier und hier drei Beispiele.

JAB TAK HAI JAAN hat seine Schwächen. Etwa die unmögliche Anfangsszene am See, aus dessen Fluten Samar Akira nicht nur retten muss, sondern dann auch noch per Herz- Lungenmassage wiederbelebt. In der doch ziemlich unglaubhaften Verzichts-Prämisse des religiösen Gelöbnisses, das die Konflikte erst auslöst. In der generell auf den europäischen Markt schielenden Produktion. In seinen immer wieder abstrusen Wendungen, die in der Unbekümmertheit ihrer Darstellung aber zugleich sehr entwaffnend sind. SOLANG ICH LEBE ist eine übergroße Romanze zum Wohlfühlen, die trotz ihrer Schwächen großen Spaß macht.

Michael Schleeh

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Solang ich lebe / Jab Tak Hai Jaan ist in verschiedenen Fassungen
bei Rapid Eye Movies erschienen:
reguläre DVD
3-Disc-Import-Version
Blu-ray

Dienstag, 13. November 2012

That Girl in Yellow Boots (Anurag Kashyap, Indien 2010)


Das junge Mädchen Ruth aus England (Kalki Koechlin) reist nach Indien um ihren Vater zu finden. Der hatte ihr zum Abschied einen mysteriösen Brief hinterlassen, allerdings ohne seinen Aufenthaltsort mitzuteilen. In Mumbai findet sie Arbeit in einem Massagesalon und verdient sich dort das Geld, um weitere Nachforschungen über den Vermissten anzustellen. Dass sie dort auch sexuell ausgebeutet wird, versteht sich: für einen "Handshake" gibt es ein extra Taschengeld. Ihr zwielichtiger Freund ist ein kokainabhängiger Strauchdieb, der sie permanent bedrängt und natürlich dann auch in Schwierigkeiten bringt. Allein schon deswegen, weil er sich mit dem Boss einer Drogenbande anlegt.

THAT GIRL IN YELLOW BOOTS ist eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits lassen sich in diesem Film sehr viele bis zum Klischee erstarrten Motive finden - das dreckige, verkommene Mumbai, das Mädchen aus der Fremde in der Großstadt, das in die Prostitution rutscht, der Wahnsinn der Abhängigen, usw - und andererseits ist es schon erstaunlich, wie gut dieser Film eben mit genau jenen Klischees zu arbeiten versteht, ohne dass sie allzu abgegriffen erscheinen. Wie gut dieser Film dennoch funktioniert.

Vermutlich liegt das Gelingen in der Entscheidung, keine moralisch distanzierte Erzählung abzuliefern, sondern ein eher persönlich empfundenes, aus einer subjektiven Perspektive wahrgenommenes Erleben zu portraitieren. Eine Vorgehensweise, die der Erzählung den Raum gibt, sich in verschiedene Richtungen öffnen zu können. Etwa zum flirrenden, atmosphärischen Großstadtfilm, in dem nicht jede Einstellung einer Zweckmäßigkeit gehorcht und in dem nicht jeder Ton von der Tonspur zielgerichtet ist; oder zum coming of age-Film, in dem eine Frau auf sich alleine gestellt ist und gezwungen ist, Erwachsen zu werden; und auch zum exotischen "Ethno-Film", in dem eine fremde Kultur durch die Augen einer Europäerin dargestellt wird  - eine, die sich als gebürtige Halbinderin aber schon sehr gut assimiliert hat, Hindi spricht, und die die Gepflogenheiten des Landes kennt und mit ihnen umzugehen versteht. Eine, die oft erreicht, was sie will. Aber nicht immer.

Das zeigt sich vor allem in ihrem Kampf mit der alltäglichen Bürokratie, etwa wenn es um die Verlängerung eines Visums geht. Da werden korrupte Beamte gezeigt, die mit süffisantem Lächeln hinter dicken Papierstapeln hocken, und das Objekt der Begierde - die von ihnen abhängige hübsche Europäerin - mit scharfen Blicken über den Brillenrand ins Visir nehmen. Oder wenn die kleinen Momente der Bestechung gezeigt werden, wenn ein Bündel Geldscheine den Besitzer wechselt. Zuletzt ist sicherlich viel der Ausstrahlung und Aura der Hauptdarstellerin Kalki Koechlin zu verdanken (die auch am Drehbuch beteiligt war, und deren Gatte der Regisseur des Filmes ist - eine der Hauptfiguren der filmischen Independentbewegung in Indien), die sich wie ein verlorenes Enigma von innen leuchtend, durch die dreckigen Seitenstraßen Bombais bewegt. Das ist bisweilen magisch schön, wenn dann noch die hypnotische Tonspur einsetzt, die, jenseits aller Bollywoodklischees, mit perkussiv-hypnotischen Mitteln subjektive Bewußtseinszustände nachfühlbar macht.