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Freitag, 28. Dezember 2012

Stray Cat Rock: Sex Hunter / Nora-neko rokku: sekkusu hanta (Yasuharu Hasebe, Japan 1970)


Bei Rapid Eye Movies ist schon vor einiger Zeit dieser dritte Teil aus Nikkatsus ALLEYCAT ROCK aka STRAY CAT ROCK - Serie erschienen, wild aus dem Zusammenhang gerissen und als Einzelveröffentlichung angeboten. Dramatisch ist das hingegen nicht, hat doch jeder der Filme zwar dieselben weiblichen Hauptfiguren, erzählerisch sind das aber eigenständige Geschichten. Schade ist es nur, dass diese schöne Reihe nicht als Komplettbox bei REM erschienen ist.

In dieser Folge jedenfalls, die laut Thomas Weisser zeitgleich mit Teil zwei: WILD JUMBO gedreht wurde, und bei dem einige der Schauspieler halt kurz die Drehorte wechseln mussten, geht es um die Mädchenbande der Alleycats, angeführt von Mako (Meiko Kaji). Eines ihrer Mädchen lehnt den Antrag eines Yakuzas aus der sogenannten Eagles-Bande ab, da sie bereits eine Beziehung hat - und zwar mit einem afrikanischstämmigen Japaner. Der Yakuza ist erzürnt, dass seine Geliebte ihm einen "Mischling", einen "Bastard" vorzieht, und stößt bei seinem Boss namens Baron (Tatsuya Fuji) auf offene Ohren. Denn dessen Schwester war von amerikanischen Besatzungssoldaten vergewaltigt worden. Seitdem ist Baron ein debiler Rassist, der alle nichtreinrassigen Japaner abgrundtief hasst. Nun macht es sich die Bande zur Aufgabe, die Stadt, "ihre Stadt", von diesen Subjekten zu säubern.

Zeitgleich allerdings freundet sich Mako, die ein Verhältnis zum sexuell gestörten Baron unterhält, mit einem Halb-Japaner, Halb-Afroamerikaner namens Kazuma an, der auf der Suche nach seiner verschollenen Schwester Megumi ist. Mako unterstützt ihn, verliebt sich, und macht sich damit ebenfalls Baron zum Feind. Schließlich eskalieren die Konflikte, ein Bandenkrieg zieht herauf, ausgelöst durch persönliche Kränkungen und blanken Rassismus.

Überhaupt ist das der gesellschaftskritisch interessanteste Aspekt von SEX HUNTER: das Verhältnis der Nationalitäten zueinander (immer wieder gerät die amerikanische Marinebasis von Yokosuka ins Bild), die Frage nach den Konsequenzen aus der ethnischen Herkunft der Protagonisten in einer historisch stark abgeschotteten, (relativ) mono-ethnischen Gesellschaft, überhaupt die "Rassenthematik" (ein Wort, das mir widerstrebt, es zu gebrauchen). Der Film selbst bezieht keinen eindeutigen Standpunkt in diesen Fragen, gleichwohl ist es überdeutlich, dass die Sympathien der Zuschauer bei den Mitgliedern der Frauengang um Meiko Kaji sind (und natürlich auch dorthin gelenkt werden), welche eben besonders frei von Berührungsängsten sind und keinerlei rassistischen Vorbehalte gegenüber Anderen haben.

Hasebes Film ist deutlich von den poppigen Bildern, den wilden Schnitten und bunten Stilisierungen eines Seijun Suzuki beeinflusst. Überhaupt kann man die STRAY CAT ROCK - Serie als Übergangsfilmreihe begreifen, die die ästhetischen Methoden der 60er Jahre (man schaue sich nur mal die ganzen Tanznummern in den Bars an!) mit den dann deutlich ruppigeren, grafisch expliziteren, deutlich brutaleren Filme der 70er Jahre verknüpft. Das tut dem Spaß aber keinen Abbruch - da fliegt die rote Farbe wie in einer Blutfontäne übers Bild, die Jazzer und die Swingkapelle rockt derbe nach vorne los. Die Mädels der Girlgang schütteln die Haare im Rotlichtstrobo, euphorisch, ekstatisch und im Adrenalinrausch, weil man gerade von einer Schlägerei kommt, bei der man sich ein paar blaue Flecken geholt hat. Und nachher geht es weiter, nach ein paar doppelten Whiskys, zu einer Attacke mit Molotow-Cocktails. SEX HUNTER verliert seine erzählerische Linie manchmal etwas aus den Augen, als befände sich der Film selbst im Delirium. Er findet sie dann freilich wieder, wird zu einem Powertrip des guten schlechten Geschmacks, ist mit seinen auf coolness stilisierten Bildern eine echte Pracht. Ein wenig geht dem Film die herbe, bittere Konsequenzhaftigkeit ab, die Hasebes späteren Filmen innewohnt. Doch das macht nichts. Hier hat man es mit stilsicherer, exploitativer Unterhaltung zu tun, in der schöne Menschen schlimme Dinge tun.

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Dienstag, 25. Dezember 2012

Shinjuku Mad (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)


Der Film beginnt wie ein jazziges Requiem: zu sowohl swingender wie melancholischer Musik läuft die Kamera (wie der Protagonist) durch die Straßen Shinjukus und überall liegen Leichen oder schwerverletzte Jugendliche herum. Ein Gefühl von Vergeblichkeit und Hoffnungslosigkeitg, von Entsetzen macht sich breit. In einem amerikanischen Film wäre das nun die Ausgangslage, und in einem Rückblick würde man sehen, wie es zu diesem Desaster gekommen ist. Nicht so bei Wakamatsu, der von seinen Zuschauern zu wissen erwarten kann, dass man es hier mit den Aufständen der Studenten zu tun hat, die Mitte und Ende der 60er gegen den Staat und das Militär die Stimme und auch ihre Fäuste erhoben, eine Gemeinschaft der Revolte, mit Splittergruppen der Japanischen Roten Armee, oder sonst einer radikalisierten linken Zelle. Vielleicht waren es aber auch nur Künstler oder Hippies, die hier ihr Leben lassen mussten.

Vor diesem politischen Hintergrund spielt sich das persönliche Drama eines Vaters ab, dessen Sohn, der in einem Theaterstück auftrat, getötet und die Freundin mehrfach vergewaltigt wurde (die einzige, völlig grotesk brutale Farbsequenz des Films) - freilich ohne dass sich jemand der Sache angenommen hätte. Schon gar nicht die Polizei, die durch extreme Untätig- und Unfähigkeit den Fall verschleppte, und vielleicht sogar andere, heimliche Interessen hatte. In SHINJUKU MAD versucht also nun dieser Vater herauszubekommen, weshalb und durch wessen Hand sein Sohn sterben musste. Und die Spur führt zu einem mysteriösen Radikalen, einem Langhaarigen Freimaurer, einem Mörder: dem Verrückten aus Shinjuku namens "Shinjuku Mad".

Besonders toll an diesem recht zugänglichen Film Wakamatsus, den man vielleicht als ein Thrillerdrama bezeichnen könnte, ist die Tatsache, dass der Spielfilm, natürlich an Originalschauplätzen gedreht, so irre viel Lokalkolorit und "echtes Tokyo" aus den 60ern und 70ern transportiert. Der Mann steigt also "hinab" in die Untergrundszene Tokyos, zur "counterculture", in eine Welt aus Nachtbars, Drogen, Sex und Gewalt ("Shinjuku Mad" also vielleicht auch die Bezeichnung des Zustandes einer Stadt). Wenn er dann endlich Shinjuku Mad gegenübersteht, beleidigt dieser seinen toten Sohn. Dieser sei ein Spitzel gewesen und man habe ihn aus dem Weg räumen müssen - da er "die Revolution" gefährdet habe. Freilich zeigt sich später, dass ebendiese Revolution reichlich selbstzweckhaften Charakter hatte und keineswegs auf irgendein Ziel, eine neue Ordnung hingesteuert hätte. Dass es also letztlich nur um die Allmachtsphantasien eines Einzelnen, Verrückten handelte.

SHINJUKU MAD ist ein sehr düsterer Film, auch wenn in einer Szene ein Musiker auf einem Kinderspielplatz in endlosen Repetitionen selbstvergessen Hare Krishna mit Gitarre und Gesang huldigt; eine zugedrogte Langhaarige tanzt dazu. Dass sie den Vater überhaupt nicht beachten, der das Photo seines getöteten Sohnes herumzeigt, spricht Bände. Sie sind high, es ist ihnen scheißegal. In der Beton-Krabbelröhre darunter verlustiert sich derweil ein junges Pärchen neben zwei Frauen, die der lesbischen Liebe huldigen. Das könnte alles sehr amüsant sein, wenn es nicht so trist wäre. Der Vater hat bei den jungen Leuten natürlich kein Glück - und Wakamatsu zeichnet mit seinem oft voyeuristischen und deswegen auch gnadenlosen Kamerablick ein schwer pessimistisches Bild dieser herumdriftenden Jugend. Der linksradikale Masao Adachi hatte das Drehbuch beigesteuert - ich bin mir nicht sicher, ob er sich bewußt war, dass dieser Film der damaligen Jugend eine derartige Bankrotterklärung ausstellen würde.




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Freitag, 14. Dezember 2012

Girl Boss Revenge: Sukeban (Norifumi Suzuki, Japan 1973)


Eine enorm unterhaltsame Angelegenheit in Sachen Exploitation / Bahnhofskino ist dieser actionreiche Frauengang-Film von Norifumi Suzuki, in dem zwei der Superstars des japanischen Schmierkinos kollidieren: Miki Sugimoto und Reiko Ike. Beide als Sukeban, als Bienenköniginnen ihrer Frauenbanden.

Die erste Konfrontation gibt es direkt in der Eröffnungsszene des Films: ein Gefangenentransport auf dem Weg in die Jugendhaftanstalt. Darinnen: eine ganze Horde großmäuliger, gutaussehender und trendy gekleideter Frauen. Die beiden Schönsten geraten bald aneinander, Miki Sugimotos Figur der Komasa ist da noch eine Außenseiterin. Als dann Helfeshelfer von Mayas (Reiko Ikes) Bande den Weg mit einem Lastwagen blockieren, können die Gefangenen Dank der völligen Unfähigkeit der männlichen Beamten fliehen. Und an Komasas Spur hängen sich einige versprengte Frauen, die sie schon im Wagen für ihren Mut, der brüchtigten Maya zu widersprechen, bewundert haben. Sie wählen sie zu ihrer Anführerin, zunächst gegen ihren Willen. Aber zusammen ist man stärker.

In Osaka angekommen kämpfen sie um das alltägliche Überleben. Kleine Gaunereien, Diebstähle, Mundraub. In einem Restaurant, wo sie nicht bezahlen können, legen sie sich unbewußt mit der mächtigsten Yakuza-Bande vor Ort an, wo sie auch wieder auf Maya und ihre Mädels von der Schulmädchengang treffen. Mehrere Verwicklungen führen von anfänglichen Feindschaften schließlich zu Solidarität im Angesicht des übermächtigen Feindes, welcher freilich "der Mann" ist. Also die Yakuza-Bande. Die sich, zugegebenermaßen, nur aufgrund ihrer hohen Mitgliedszahl durchzusetzen weiß. Denn diese Männer sind allesamt vollkommen unfähige Trottel. Klar, große Sonnenbrillen, schicke Anzüge und Style bis zum Umfallen, aber sonst nix dahinter. Die Züchtigungen und Vergewaltigungen der Frauen gelingen nur, weil genug Männer zusammen die schließlich schwächeren Frauen niederdrücken können. Von Finesse, Mut, edler Gangstermentalität und Kampferfahrung keine Spur. "Men are pretty damn useless..." sagt Norifumi Suzuki in einem Interview mit Patrick Macias, und das fasst die Lage ziemlich gut zusammen.

Suzukis vierter Beitrag in der Sukeban-Reihe, die wie erwähnt innerhalb des Pinky Violence-Genres von den Fährnissen gutaussehender Protagonistinnen innerhalb rüpelhafter Frauenbanden erzählt, wird von Experten als ordentlicher, solider Beitrag eingestuft. Mir persönlicher hat der Film enorm gut gefallen, mit seinem Stilwillen, den tollen Kamerafahrten, dem jazzigen Score, der irren Story und dem tendenziell feministischen Ansatz. Ein Ansatz, der freilich stets vor dem Hintergrund der exploitativen Ausrichtung des Filmes beurteilt werden muss, der für die Blicke des maskulinen Amusements gemacht wurde. Zu Bedenken ist somit die Zielrichtung der kommerziellen Vermarktung. Diese Filme sind für ein männliches Publikum gedreht, das ein Doppelprogramm auf dem Nachhauseweg noch mitnimmt, um sich von den Anstrengungen des Alltags zu entspannen. Da kommt so ein Erotikfilm gerade recht. Dass man dabei noch ein bißchen subversiv herausgefordert wird, stört sicherlich keinen bei einer solch imposanten Frauenbrigade - wer würde sich da nicht gerne unterwerfen und zurichten lassen!

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Montag, 10. Dezember 2012

Barfi! (Anurag Basu, Indien 2012)



Ein Provinznest in Darjeeling. Dort lebt der taubstumme Barfi (Ranbir Kapoor), der unbekümmert durch den Alltag stromert und mit seinen Albereien und dem Herumtoben die ganze Stadt in Aufregung versetzt. Da verliebt er sich plötzlich in die aus Kalkutta heimkehrende Shruti Gosh (Ileana D'Cruz). Heimkehrend deswegen, weil sie verlobt ist mit Ranjit Sengupta (Jishu Sengupta) und die Hochzeit bald ansteht. Hier gibt es nun etliche Verwicklungen, vor allem, da Barfi mit seiner einnehmenden Art und hemmungslos romantischen Zuneigung Gefühle in Shruti erwecken kann. Aber auch der Kontakt zur authistischen Jhilmil (Priyanka Chopra) wird immer enger. Und als Shruti schließlich doch den Verlobten heiratet, den Wunsch der Eltern respektiert und der Vernunftehe den Vorrang gibt, da gehen auch Barfi, total frustriert, und Jhilmil gemeinsam in die Großstadt. Dort leben sie zusammen, Barfi kümmert sich um sie, und nach und nach werden sie ein Paar. Ohne es zu merken.

BARFI! ist ein Fest. Hemmungslos gute Laune wird hier verbreitet. Und in einem Sekundenbruchteil wird man als Zuschauer in diese wilde, bunte Welt hineingezogen. Interessant ist vor allem die Kommunikation der beiden Protagonisten, haben wir es hier doch mit einer Autistin und einem Taubstummen zu tun (von beiden spektakulär gut gespielt), die natürlich für einander bestimmt sind (ob das ganz korrekt ist, darüber dürfte man sich unterhalten). Nur: reden im eigentlichen Sinne können sie nicht miteinander. Man kommuniziert also über andere Wege. Wie der Film das darstellt, in welcher Kreativität der Spiele, Albernheiten, der Blicke und Berührungen, das ist schon sensationell spannend. Und gut gemacht. Durchaus auch mit den Mitteln des Slapsticks, und so mancher platte Witz geht auch mal daneben. Bezeichnenderweise ist ganz am Anfang in einer superkurzen Einstellung und nur am Bildrand für einen kurzen Moment ein Filmplakat mit Charlie Chaplin zu sehen. Ein Hinweis, den man durch ein Blinzeln übersehen kann.

Im Endeffekt ist die Liebesgeschichte nur eine weitere Variation vieler ähnlich gelagerter komödiantischer Dramen, die man schon bis zum Überdruß im Kino gesehen hat - allerdings ohne auf die "dunklen Seiten des Lebens" ganz zu verzichten. Durch diese spezielle Variation der Kommunikationssituation verändert sich aber der ganze Film auch in seiner Struktur: er kommt einem oftmals wie ein Stummfilm vor. Die Geräusche der Tonspur kommentieren das Geschehen in den Bildern, die Musik ist rhythmisiert nach dem Ablauf der Bilder, setzt plötzlich aus - verharrt - setzt wieder ein, und sie interpretiert natürlich auch das Geschehen. Manchesmal entsteht der Eindruck extremer Putzigkeit, der einem auch mal zuviel werden kann. Etwa wenn die Welt allzu magisch wird in den subjektiven Wahrnehmungen und erneut ein Song mit Ziehharmonika erklingt. Da fühlt man sich wie in AMÉLIE, die ihre Welt eben auch ganz anders wahrnimmt, als ihre Umgebung. So ähnlich ist das auch in BARFI! - eine Welt, die für den neben dir ganz anders sein kann. Nämlich ganz schön bunt.


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