DVD BluRay

Mittwoch, 30. Januar 2013

Groper Train: The Search for the Black Pearl / Chikan densha: shitagi kensatsu (Yôjirô Takita, Japan 1984)


Internationale Bekanntheit dürfte Yôjirô Takita mit seinem Film OKURIBITO / NOKAN ODER DIE KUNST DES AUSKLANGS erreicht haben, der nach mehreren Auszeichnungen - unter anderem heimste er vier Kinema Jumpo-Preise ein - im Jahr 2009 dann den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt. Takita ist aber keineswegs ein Newcomer, sondern dreht schon seit Anfang der 80er Jahre Filme (die IMDb listet etwa 44 Titel). Entgegen westlichen Erwartungen kommt Takita aber keineswegs aus einem Arthouse-Highbrow-Milieu, sondern stammt ursprünglich aus den Niederungen des Schmuddelkinos. Und hat sich von dort aus zu einem profilierten Genre-Regisseur entwickelt, der wirklich in allen Bereichen tätig ist; also neben dem Pinku Eiga auch im Samuraifilm, in der Komödie, dem Jugenddrama oder dem Fantasyfilm, wie eben auch im distinguierten Arthousedrama. GROPER TRAIN allerdings ist feinstes Schmuddel-Erotikkino für den Mann, ein weiterer Teil einer enorm erfolgreichen Reihe, in der es hauptsächlich darum geht, den Fantasien eines männlichen Publikums zu entsprechen: es geht um Straßenbahn-Grapscher.

Die Züge des tokyoter Bahnverkehrs sind knallvoll in der Rush Hour, das weiß ein jedes Kind. Eng steht man aneinandergepresst, und dem Salaryman steht der Schweiß im Anzug. Von überall drücken sich die Körper heran, und da ist die Versuchung groß, mal die Hände kurz wandern zu lassen. Insbesondere wenn das Objekt der Begierde jung, hübsch, und möglichst jungfräulich aussieht. In diesem Film, der letztlich eine sehr humorvolle Groteske ist, taucht dann auch recht bald ein Grapscher auf, nämlich bereits während der Credits, und ohne dass das etwas mit der eigentlichen Filmhandlung zu tun hätte. Vermutlich soll man sich als Betrachter ein wenig auf das Sujet einstimmen. Der Plot geht nämlich so:

Während des Krieges in der Mandschurei findet der japanische Soldat Yamamori im Jahr 1928 (sehr wichtig!) die abgerissene Hand eines chinesischen Soldaten, an der sich die berühmte (!) große schwarze Perle befindet, die diesen Krieg ausgelöst haben soll.Viele Jahre später liegt der Mann im Sterben und flüstert seiner neuen jungen Frau mit letzter Kraft ins Ohr: "Pussy-Abdruck!". Diese versteht das sofort, denn an der Wand hängt ein Schmierzettel mit dem Abdruck einer halben Vagina - die andere Hälfte gilt es also zu finden, denn so kann die wertvolle Perle wiedergefunden werden (sie war anscheinend verloren gegangen), damit sie zurück in den Famileinbesitz findet. Die junge Frau Matsuko heuert den Meisterdetektiv Ippei Kuroda (Yukijiro Hotaru) an, die verlorene Vagina zu finden und die Schatzkarte zu vervollständigen. Der Mann macht sich nun mit Gasmaske getarnt (!) auf, um in den öffentlichen Verkehrsmitteln Tokyos die verlorengegangene zweite Hälfte zu finden, und paust ziemlich tolldreist Muschis auf Butterbrotpapier...

Ja, auch so kann man sehr unterhaltsame Filme machen. Denn merke, dieser skurrile Mix aus Komödie und Krimi geht recht gut auf. Mancher Fäkalwitz muss allerdings schon durchlitten werden, aber dafür wird das Durchhaltevermögen doch recht bald wieder mit ansprechend gestalteten Beischlafszenen honoriert. Nicht dass man hier HC-Content erwarten dürfte, dies ist freilich in Japan undenkbar. Aber das ist auch gut so, da wird die Fantasie angeregt und es werden andere kreative Mittel und Wege gesucht, um eben dieser einzuheizen. THE SEARCH FOR THE BLACK PEARL ist dabei kein Meisterwerk, dafür ist er zu sehr ein schnell heruntergekurbelter Film von der Stange (Takitas immerhin sechster Beitrag zur GROPER TRAIN-Reihe). Doch kann diese recht alberne Fetischgroteske alleinstehende Herren nach Mitternacht wunderbar unterhalten. Gesellschaftskritik oder ähnliches darf man freilich nicht erwarten, oder ein feinziseliertes, subversives und camoufliertes Thesenpapier für die Rechte der Frauen und gegen sexuelle Belästigung in der U-Bahn - hier werden durchaus niedere Instinkte bedient und ausgelebt, Sehnsüchte kompensiert, und im (Porno-) Kino haut einem eben keiner auf die Finger. Aber eben gefiltert durch die Folie der Comedy, des Krimis, im Rahmen des Genrefilms.



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Mittwoch, 23. Januar 2013

Moju: The Blind Beast (Edogawa Rampo, 1932)


Diese Erzählung Edogawa Rampos handelt von einem blinden Bildhauer und Masseur, dessen äußerliche Gestalt als häßlich und spinnenfingrig, gleichwohl aber als enorm faszinierend dargestellt wird, und der als Skulpturenkünstler einen abgeschiedenen, riesigen und unterirdischen Raum irgendwo in Tokyos Vororten mit einer obskuren Sammlung aus Gliedmaßen menschlicher Körper ausgestaltet hat. In allen Formen und Größen und Materialien, aber mit Liebe, ja Besessenheit zum Detail und einer großen ästhetischen Finesse. Nun gelingt es ihm, besonders schöne Frauen, die als Kundinnen während seiner legendären Massagen die Hemmungen verlieren, in ebendiesen Raum zu locken, dort gefangen zu halten bis sie gefügig werden, zu mißbrauchen und, wenn er ihnen schließlich überdrüssig wird, sie zu töten, zu zerstückeln, und anschließend zu entsorgen.

Bekannt ist diese grausame Geschichte sexueller Perversion auch durch die Verfilmung von Yasuzo Masumura geworden, der sich allerdings nur der Eröffnungsszene und einer ansonsten recht kurzen - aber zentralen - Passage von etwa 30 Seiten bedient, und daraus einen ganzen, faszinierend klaustrophobischen Film gemacht hat. Rampos Erzählung geht weit darüber hinaus, sowohl was die Handlung betrifft, als auch den Fokus. Dieser liegt zumeist bei den entführten Frauen, veranschaulicht ihre alptraumartigen Erlebnisse und schlägt dann um in die Perspektive des Mörders. Eine groteske, wortwörtliche Verschmelzung von "Kunst und Leben", wenn aus den menschlichen Körpern konkrete, ihnen nachgebildete Kunstwerke entstehen - welche, ausgestellt in Museen und Gallerien, von Publikum und Kunstkennern euphorisch gefeiert werden. Es ist, als ob eine giftige Spinne die Beute in ihr nachtschwarzes Nest lockt. Anschließend dann wieder Bilder poetischen Grauens: wie etwa abgetrennte Arme und Beine an Luftballons über die Stadt schweben... und der Mörder in die Zeitungen und den Genuß eines (zweifelhaften) Ruhmes kommt, der ihn regelrecht berauscht.

MOJU ist vielleicht auch gerade deswegen herausragend, da hier viele der Charakteristika vereint sind, die das Werk Edogawa Rampos ansonsten auszeichnen. Abgesehen von einer spannend erzählten Geschichte, die voller Einfälle und Esprit zu sprühen scheint (auch in ihrem Kommentar auf den Kunstbetrieb), ist es [1.] das mehrfach verwendete Motiv eines kranken, aber genialen Kriminellen, der hier als Protagonist fungiert, sowie [2.] eine Geschichte, die immer wieder ihre Grenzen auslotet und überschreitet, hier zur schwarzen Komödie hin, und die [3.] schließlich einen Einblick in eine psychotische, sexuell aufgeladene Hölle gewährt. Wie die anderen Erzählungen Edogawa Rampos ist auch diese in schlichter, einfacher Sprache gehalten, was einen ungewohnten, aber spannenden Kontrast zu den ausgeführten Inhalten darstellt, da derart vom Leser eine wie beiläufige Akzeptanz des Sensationellen als Gewöhnlichkeit erzwungen wird. Eine ungemütliche Position zwischen Faszination und Grauen ist das, in die man als Leser gerückt wird. Sehr schön, sehr bizarr.

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Das Buch gibt es hier bei amazon, und hier den Film. Beim Buch heißt es zuschlagen - es wäre nicht das erste Mal, das eine solche Liebhaberveröffentlichung plötzlich vergriffen ist und dadurch der Text erstmal unerreichbar für diejenigen wird, die des Japanischen nicht mächtig sind.


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Dienstag, 8. Januar 2013

Woman of the Lake / Onna no mizumi (Yoshishige Yoshida, Japan 1966)


Die schöne und unglücklich verheiratete Miyako (Mariko Okada) hat eine Affäre mit dem jungen Kitano (Tamotsu Hayakawa), mit dem sie sich tagsüber in Hotels im Stadtzentrum trifft. Ihr Gatte Yuzo (Shinsuke Ashida) scheint davon nichts mitzubekommen; er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einer deutlich wertkonservativen Einstellung. An einer Stelle im Film sagt er einmal, eine gute Ehefrau sei leicht wie ein Lufthauch, man würde ihre Gegenwart niemals bemerken. Diese Ruhe ist nun bedroht, da Kitano von Miyako im Hotel erotische Nacktbilder gemacht hat, die Miyako dummerweise auf dem Heimweg vom Stelldichein in der Tasche mit dabei hat. In dieser Nacht wird sie von einem Unbekannten bedrängt - und sie wehrt sich mit der Tasche, worauf ihr der Mann sie entreißt. Am nächsten Tag bekommt sie einen Anruf von dem Erpresser, sie solle zu ihm in ein Seebad fahren, und das Geld für die Bilder mitbringen.

Dass es dem Erpresser nicht nur ums Geld geht, ist Miyako klar, so gut kennt sie die Männer. Auf dem Weg verspätet sich aber der Zug auf halber Strecke, wodurch ihr Freund Kitano sie einholen konnte, da er den Erpresser stellen will. Später stellt sich dann heraus, dass Kitano schon längst eine weitere Affäre hat (die ihm ebenfalls nachreist), und dass der Erpresser ein tatsächlich in sie verliebter Lehrer aus der Schule von nebenan ist. Miyako ist also zwischen drei Männern gefangen, und versucht verzweifelt, ihre Ehre zu retten - für eine Ehe, die sie möglicherweise gar nicht mehr will. Denn ob ihr Gatte sie liebt, ist mehr als fraglich.

Zusammengefasst liest sich der Plot wie eine spannende Liebesgeschichte; der Film nach Vorlage von Yasunari Kawabatas Erzählung ist aber ein extrem entschleunigter Kunstfilm. Die Handlung entblättert sich nämlich erst sukzessive im Laufe des Films. Erklärt wird hier nichts. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, die Verhältnisse und Ereignisse einzuordnen. Miyakos emotionales Gefängnis, denn in nichts anderem befindet sie sich, wird durch äußerste formale Strenge in der Kameraarbeit visuell gespiegelt. In WOMAN OF THE LAKE findet man penibel kadrierte Bilder vor, kunstvolle Arrangements, die der Gefühlswelt der Protagonistin Ausdruck verleihen (die übrigens die Frau des Regisseurs ist). Rechte Winkel, ins Eck des Bildes gepresste Figuren, Blicke durch Scheiben hindurch, über Spiegel, über Winkelrelationen ins Verhältnis gesetzt; streng konturierte Gesichter in Close-Ups durch die harte Beleuchtung, und eine voyeuristische Kamera in den langsamen, ausgedehnten sexuellen Szenen - deren Stoßrichtung aber nicht Exploitation sondern formale Finesse ist. Der Eröffnungsshot etwa ist eine mehrminütige Eloge auf die körperliche Hingabe der beiden Protagonisten, die in einer langen Plansequenz gefilmt ist, ohne Schnitte oder Brüche, mit einer Kamera, die mehrfach ums Bett dreht, bevor sie sich in der Detailwiedergabe der Falten des Betttuches und der Körper verliert.

Freilich wird diese strenge Komposition gegen Ende flexibler, durchlässiger, der Film wird dynamischer, als sie im Seebad angekommen. Dort gibt es einen schmierigen Photoladenbesitzer, der Kopien von den Nacktbildern macht und zu einem weiteren Erpresser wird. Der im Hinterzimmer ein Aktstudio betreibt, in dem sich Frauen von Männern photographieren lassen. Am Strand ist außerdem ein Filmteam zugange, das einen Erotikfilm schießt mit einer der Darstellerinnen aus dem Studio. Und Miyako schließlich inmitten all der Betrügereien jegliche Orientierung verliert. Sie weiß nicht mehr, wen sie liebt und welchem Liebhaber sie trauen kann - und der Film eindeutig zu einem der Frustrationen und der Verzweiflung wird. Am Ende begeht sie beinahe einen Mord, bevor sie mit der Bahn und ihrem asexuellen Mann, der ihr ebenfalls gefolgt ist, auf den bestehenden Gleisen ins vorgefertigte Leben zurück nach Tokyo fährt. Hier findet dann auch der Film zu seiner formalen Strenge zurück, der Miyako wieder in die Zange nimmt. Ein Happy End sieht eindeutig anders aus.




 





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Sonntag, 6. Januar 2013

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)



THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper.

Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beiden Protagonisten hausen in einem Verschlag direkt an den Bahnschienen, ansonsten halten sie sich bevorzugt in einem Jazzclub auf der Amüsiermeile auf. Mit Hilfe einer hübschen Freundin, die hauptsächlich als Prostituierte ihr Geld verdient, ziehen sie betrunkene Freier ab und klauen deren Brieftaschen. Durch Zufall begegnen sie bei einer Fahrt ans Meer einem Journalisten und seiner Verlobten, der sie damals in Schwierigkeiten brachte. Voller Hass wenden sie das Auto und heizen auf das Pärchen zu, einer reisst die Türe auf und mäht den Mann um. Der Wagen stoppt, der andere springt heraus und zerrt die Frau ins Auto, die sie an eine abgelegene Stelle des Strandes verschleppen. Hinter einem Wäldchen wird die Frau dann von einem der beiden Männer vergewaltigt und liegengelassen.

Zurück in Tokyo erkennt er sein Opfer auf einem Plakat: sie ist Künstlerin und er steht zufällig vor der Galerie, in der sie neue Bilder austellt. Stets impulsiv und hemmungslos, betritt die Mischung aus Yakuza und Gossenjunge die Räume der gediegen-intellektuellen Veranstaltung und führt sich auf, als wäre er nicht ganz dicht. Das Wiedersehen mit dem Vergewaltiger fällt traumatisch für die Frau aus, vor allem, da er einen Narren an ihr gefressen zu haben scheint, und sie und ihren Gatten zu seinem Vergnügen zu terrorisieren beginnt. Vor allem ihr Mann behandelt sie von nun an wie eine "gefallene Frau" - das Thema wird totgeschwiegen, Kontakt gibt es aber keinen mehr. Da verfällt sie auf die Idee, den Vergewaltiger und seine  Freunde zu bitten, auch ihren Mann zu schänden, damit sie beide wieder auf derselben Stufe stünden...

So nimmt das Drama seinen Lauf, und gut enden kann das nicht. Besonders faszinierend ist die totale Bedrohung durch diese Kriminellen, die jede gesellschaftliche Übereinkunft über Bord geworfen haben -  vor allem auch weil sie völlig rücksichtslos gegen sich selbst handeln. Derart werden sie auf gewisse Weise unangreifbar - etwa wenn ihnen egal ist, ob sie in den Knast kommen, solange sie noch ihren Spaß bei einer Vergewaltigung haben konnten. Der "zivilisierte Mensch" kann solchen Personen nichts mehr entgegensetzen, wenn er an den eigenen Werten festhält. Um solche Bestien loszuwerden muss man selbst zum Tier werden.

Besonders erwähnenswert ist außerdem noch der Soundtrack, der hier ausschließlich aus dem Jazz der Besatzer besteht, sowie die Bekanntschaft mit einem schwarzen GI. Mit diesem gibt es noch eine angedeutete homoerotische Eskapade am Strand (und eine inoffizielle "Fortsetzung" namens BLACK SUN, 1964), bei dem die übermütigen Jungs ins Meer hüpfen. Außerdem: eine spiegelverkehrte Problematik mit ungewollten Schwangerschaften und das Thema der Abtreibung. Aber man soll nicht zuviel verraten: THE WARPED ONES ist ein atemloser, stets an der Überhitzung brodelnder cineastischer Exzess, der in der Konsequenz der Darstellung seines Themas fassungslos macht. Ein absoluter Pflichtfilm, der sich einer eigenen Bewertung enthält. Dass diese Reise ein Spirale in die Hölle ist, scheint aber unzweifelhaft gegeben. Ob dahinter ein konservativer Impuls lauert, könnte diskutiert werden. Shintaro Ishihara jedenfalls, der mit seiner Erzählung Tayo no kisetsu (1955, verfilmt 1956) den Akutagawa-Preis gewonnen hatte, sagte in einem Interview "that these tales are, in a sense, about conservative morality: rebellion and impulsiveness do not ultimately bring happiness to either the boys or the girls." Hinzufügen muss man allerdings, dass sich der Herumtreiber aus reichem Hause im Laufe seiner politischen Karriere zu einem der konservativsten Hardliner Japans (ebd.: "He called the Tohoku earthquake a “divine punishment” for Japan’s moral misdirection." - ein Ereignis, das zum Tsunami und zur Fukushima-Tragödie führte) entwickelt hat. Die kompromisslose Darstellung in THE WARPED ONES jedenfalls ist pures cineastisches Glück.

Zu Koreyoshi Kurahara und den Sun Tribe-Filmen im Allgemeinen empfehle ich diesen Text bei mubi.com.





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Samstag, 5. Januar 2013

The Woman who wanted to Die / Segura magura: shinitai onna (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)


Ein wahnsinnig schöner Film von Wakamatsu mit einem etwas verwickelten Plot: in einem tief verschneiten Provinznest verbringt ein beinah schon vermähltes Liebespaar ein paar gemeinsame Tage, doch reist ihnen der ehemalige Geliebte der Frau, ein heißblütiger Student, hinterher. Der befreundet sich, dort angekommen - überraschend und auch sexuell - mit einer älteren, reifen Frau, der Wirtin seines Gasthofes. Diese aber ist die ehemalige Geliebte seines Rivalen, des Mannes seiner Freundin. Damals liebten sich die beiden innig, aber ihre Liebe hatte keine Zukunft. Sie hatten sich dazu entschieden, den Doppelselbstmord aus Liebe  durchzuführen, was aber an der Willensstärke des Mannes gescheitert war, der sich, nachdem er die Frau mit einem Schwerthieb niedergestreckt hatte, nicht selbst töten konnte. Fortan quälte ihn die Gewissheit, seine große Liebe emordet zu haben, aber selbst zu feige gewesen zu sein. Die Frau jedoch überlebte schwerverletzt, zu einem Leben im Leid fern des Geliebten verdammt. Nun ist der Moment gekommen, da sie endlich zusammen sein, und das Versäumte nachholen können.

Wakamatsus Filme entstehen nie im luftleeren Raum, und so ist auch dieser an zeithistorische Ereignisse angebunden. Der Beginn des Films (nach dem Vorspann, in dem sich die Protagonistin in einer stark theatralisierten Szene in einem dunklen Raum auf weißem Leintuch mehreren Revoluzzern hingibt) macht gleich deutlich, was die Folie ist: der sensationelle Selbstmord Yukio Mishimas. Verschiedene Zeitungsausschnitte werden in schneller Folge montiert, auf der Tonspur überlagern sich Fetzen von öffenlichen Reden,Banderolen und Spruchbänder künden von Ereignissen, die in den Untertiteln nicht übersetzt werden. Jedenfalls greift der Film mehrfach das Motiv wiederholt auf, für seine Überzeugungen bis in den Tod zu gehen, zum Beispiel für seine Liebe - und kontrastiert sie mit einer ganz anderen, entgegengesetzten Empfindung - nämlich sich aus Langeweile und "einfach so" das Leben zu nehmen. Feilich steht dahinter, auch wenn die Protagonistin das nicht zu  ihrem engagierten, radikal politisierten Freund sagen kann, dass sie sein Gebaren für sinn- und zwecklos hält, in der Existenz generell keine Freude und keinen Sinn entdecken kann, und schlicht der ganzen japanischen Gesellschaft eine Daseinsberechtigung abspricht. Mit dieser Jugend gibt es keine Zukunft, diese Jugend bringt sich aus Frust um.

So schnell passiert das dann aber doch nicht, und am Ende gibt es noch eine Wendung, die man nicht unbedingt vorhergesehen hätte - aber es wird mal wieder überdeutlich, auf wievielen Ebenen Wakamatsu Kritik am System formuliert. Ohne die eine oder die andere zu favorisieren, oder für allgemeingültig zu erklären. Das lässt er offen, und viel eher scheint es, dass es ihm ganz allgemein darum zu gehen scheint, wie eine Nation, eine so stolze und traditionsbewußte Nation wie Japan, den Zugang zu seinen Kindern verloren zu haben scheint. Kinder, die Wakamatsu nicht frei von Schuld spricht, keineswegs, man erinnere sich nur mal an den sexuell devianten und überforderten Studenten in SECRETS BEHIND WALLS, der seine Nachbarin durch ein Teleskop beobachtet und dann seine eigene Schwester vergewaltigt. Und anschließend noch zum Mörder wird. Aber auch THE WOMAN WHO WANTED TO DIE ist trotz des vielen hellen Schnees ausgesprochen düster, zugleich exzellent gespielt und total umwerfend gemacht.








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Donnerstag, 3. Januar 2013

Bestenlisten 2012

The Yellow Sea

Der Listenwahn greift mit schöner Regelmäßigkeit zum Jahreswechsel um sich, und da will ich auch diesmal nicht auskneifen... Letztes Jahr hatte mich auf die Filmgazette und auf Hard Sensations beschränkt, hier diesmal nun etwas üppiger. Mit großen Einschränkungen allerdings, vor allem in der letzten Kategorie, weil ich doch so einiges aus Gründen der Übersichtlichkeit rausgelassen habe (es werden auch nur Erstsichtungen aufgeführt). So sei es denn:

aktuelles Kinoprogramm:

The Yellow Sea (Na Hong-jin, 2011)
Guilty of Romance (Sion Sono, 2011)
Arirang (Kim ki-duk, 2011)
Revision (Peter Scheffner, 2012)
Barbara (Christian Petzold, 2012)
Was Bleibt (Hans-Christian Schmid, 2011)
Moonrise Kingdom (Wes Anderson 2012)
Mondomanila (Khavn de la Cruz, 2012)
Bombay Beach (Alma Har'el, 2011)
Die Frau in Schwarz (James Watkins, 2012)
Solang ich lebe (Yash Chopra, 2012)
Moneyball (Bennett Miller, 2011)
Chronicle (Josh Trank, 2012)
Small Town Murder Songs (Ed Gass-Donnelly, 2010)
Holy Motors (Leos Carax, 2012)
The Raid (Gareth Evans, 2011)

ohne regulären Kinostart, Übergangenes (ohne Rangfolge):

The Lotus Community Workshop (Harmony Korine, 2012)
Marriage Material (Joe Swanberg, 2011)
Universal Soldier: Day of Reckoning (John Hyams, 2012)
The Tall Man (Pascal Laugier, 2012)
Twixt (Francis Ford Coppola, 2011)
Motorway (Soi Cheang, 2012)
Singham (Rohit Shetty, 2011)

einige der Entdeckungen (ohne Rangfolge):

The Naked Island (Kaneto Shindo, 1960)
Cruel Winter Blues / Yeolhyeol-nama (Lee Jeong-beom, 2006)
Girl Boss Revenge: Sukeban (Norifumi Suzuki, 1973)
Running in Madness, Dying in Love (Kôji Wakamatsu, 1969)
Naked Bullet (Kôji Wakamatsu, 1969)
Phantom (Toshio Matsumoto, 1975)
Ohayô (Yasujiro Ozu, 1959)
Aruitemo, Aruitemo (Hirokazu Kore-eda, 2008)
Grass Labyrinth (Shuji Terayama, 1979)
Samurai Wolf (Hideo Gosha, 1966)
Poetry / Shi (Lee Chang-dong, 2010)
Horrors of Malformed Men (Teruo Ishii, 1969)
Susaki Paradise: Red Light District (Yuzo Kawashima, 1956)
Dimanche à Pékin (Chris Marker, 1958)
The Spirit of the Beehive (Victor Erice, 1973)
700 Meilen Westwärts (Richard Brooks, 1975)
...Jahr 2022...die überleben wollen (Richard Fleischer, 1973)
Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (Dario Argento, 1970)
The New York Ripper (Lucio Fulci, 1982)
Supervixens (Russ Meyer, 1975)
Engel, die ihre Flügel verbrennen (Zbynek Brynych, 1970)
Kommissar Süden und der Luftgitarrist (Dominik Graf, 2008)
Herbst der Gammler (Peter Fleischmann, 1967)
Ornette: Made in America (Shirley Clarke, 1985)
Der Räuber (Benjamin Heisenberg, 2009)
Cat Skin (JP de Andrade, 1961)
Le Beau Serge / Die Enttäuschten (Claude Chabrol, 1958)
All the Right Noises (Gerry O'Hara, 1969/1971)
Tatort: Hauptbahnhof Kairo (Youssef Chahine, 1958)

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