DVD BluRay

Mittwoch, 27. Februar 2013

Cruel Winter Blues / Yeolhyeol-nama (Lee Jeong-beom, Südkorea 2006)


Das Debut des THE MAN FROM NOWHERE-Regisseurs musste ich auf jeden Fall nachholen, zumal man von diesem überwiegend positive bis überschwängliche Filmbesprechungen zu lesen bekommt. Allein, die Kritik, die man an MAN FROM NOWHERE üben kann, trifft bedingt auch auf den Vorgänger zu: denn man befindet sich in einer allzu bekannten Gangsterwelt, mit all ihren Stereotypen und wiederkehrenden Motiven. Jedoch, CRUEL WINTER BLUES weiß in einigen Punkten zu überraschen, die Mechanismen des Genres aufzubrechen und dann wirklich sehr zu begeistern. Das liegt schon daran, dass der völlig unübersichtliche Plot sich erst mit der Zeit entzerrt, bevor er sich kurioserweise wieder verzerrt, um sich dann schließlich zu glätten. Man merkt schnell, dass hier eine verstolperte Prämisse notwendig war, um den Film ins Laufen zu bekommen; und dass diese aber nicht viel mehr als ein Vorwand ist, um etwas ganz anderes zu erzählen. Dieses Andere ist dann etwas sehr Menschliches, das in diesen Gangsterplot hineintritt: nämlich eine Mutter-Sohn-Beziehung, ein späte, nachgeholte, im fortgeschrittenen Alter. Denn die Mutter zweier Söhne "adoptiert" den Gangster aus Seoul, der sich in ihrem Imbiss breit macht, zuerst nur wiederwillig. Dann aber doch, einen Mann, der nie Eltern hatte und in einem Waisenhaus aufwuchs - und derart dem Film Aspekte und Entwicklungen hinzufügt, die aus ihm etwas Besonderes machen.

Doch die Geschichte geht erstmal so: der schon lange im Geschäft seiende Gangster Jae-Mun (Sol Kyung-Gu) reist mit seinem Adepten Chi-Guk (Jo Han-seon), einem ehemaligen Taekwando-Kämpfer, hinaus aufs Land ins Heimatorf des Gangsters Dae-Sik, der einen Kumpel Jae-Muns umgelegt hatte. Rache ist also sein Ansinnen, und durch einen doofen Umstand - und unbewußt - freundet er sich mit dessen Mutter (Na Mun-hee) an, welche eben jene Imbissbesitzerin ist.  Bevor die Beziehung der beiden aber erblühen kann, ist sie auch schon wieder vorbei. Denn für besonders viel glückliche Minuten hat der Film keine Zeit. Schnell kommt heraus, dass der "neue Sohn" wegen einer Attacke auf ihren leiblichen Sohn angereist war, was sie naturgemäß in ein Dilemma stürzt, auch wenn sie dessen illegale Umtriebe verachtet. Jae-Mun hingegen hat dann freilich Skrupel, sein Vorhaben auszuführen, da er seiner neu gefundenen Mutter keinen Schmerz zufügen möchte, da er ihr den Sohn nehmen würde.

Jedoch, wie so häufig im koreanischen Kino, das, wenn es nicht gerade eine romantische Geschichte erzählt, eines der unabdinglichen und unausweichlichen Gewalt ist, überwindet CRUEL WINTER BLUES diese emotionalen Hürden mit dem Aufeinandertreffen der beinahe schon schicksalhaft miteinander kollidierenden Parteien, die dann nicht anders können, als die verinnerlichten Muster abzurufen und nach ihnen zu handeln. Denn jeder ist ein Gefangener seines Systems, vor allem der Verbrecher. Die Vorstellung von der Freiheit derer, die sich außerhalb der gesellschaftlichen Bahnen aufhalten, ist nur eine romantische Projektion der bürgerlichen Gesellschaft, die offenkundig keine Ahnung vom reglementierten Gangsteralltag hat. Die "Gesetzlosen" sind innerhalb ihres Systems einer komplexen Vielzahl an Vorschriften unterworfen, an die es sich zu halten gilt; komme, was da wolle. Was dann auch Chi-Guk, der sympathische Handlanger, während des Films auf bittere Weise in einem wirklich umwerfenden Plottwist erfahren muss.

Zunächst aber geht das große Gemetzel zwischen den beiden Kontrahenten los. Es ist das Prinzip, nach dem gehandelt werden muss. Das Blut des Feindes muss fließen, auch wenn es keinen Sinn macht (und sich sogar mit dem eigenen vermischt). So nimmt CRUEL WINTER BLUES ein zwar erwartbares aber bitteres Ende, obwohl der Film einmal als tragische Komödie begonnen hatte. Zwischendurch war er irgendwann einmal ein zwischenmenschliches Drama geworden, bevor ihn die Mechanismen des Gangsterkinos wieder einholten. Und am Ende bleibt nur Tod und Trauer. Der Abspann verursacht eine Gänsehaut sondergleichen, die Filmmusik rührt zu Tränen. Man hatte all diese Menschen irgendwann liebgewonnen, aber es konnte nur ein kurzer Moment der Nähe sein.







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Samstag, 23. Februar 2013

Berlinale: Powerless (Fahad Mustafa & Deepti Kakkar, Indien 2013)


Die Stadt Kanpur in Indien: eine der größten Industriestädte im Bundesstaat Uttar Pradesh ("The Manchester of Asia"), die die meisten Blackouts weltweit zu verzeichnen hat. Denn die Energieversorgung ist bei weitem nicht ausreichend für die rasant anwachsende Bevölkerung. Folglich hat sich in der Bevölkerung die Unsitte eingeschlichen, Strom zu stehlen. Mit kleinen Haken versehen, werden Drähte über die großen stabilen Hauptleitungen geworfen, um Strom zu zapfen. Oder man bezahlt einen selbsternannten "Elektriker" dafür, eine fest installierte, aber illegale Leitung zu legen. Dies ist freilich recht gefährlich, wie man an sprühenden Funken, Kabelbränden und explodierenden Generatoren in diesem Dokumentarfilm eindrucksvoll geschildert bekommt. Und so sind die Kabelnetze, die die Straßen und die Häuser überziehen das erste, was einem auffalle, wenn man Kanpur besuche. So die beiden sympathischen Regisseure im Anschluß an den Film im Q&A. Diesem Phänomen wollte man nachgehen und habe zwei Jahre am Film gearbeitet. Und neben der Stadt, die portraitiert wird und dem Anti-Helden des Films, den im Bild zu sehenden Loha Singh, geht es genauso um die Frau an der Spitze des Energiekonzerns "Kesco": Mrs. Ritu Maheshwari. Sie ist die Vorreiterin im Kampf gegen den Stromdiebstahl und versucht dabei zugleich, ein Bewußtsein dafür zu schaffen, dass für verbrauchte Energie eben zu bezahlen sei. Was keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist in einem Alltag, der das Chaos für sich gepachtet zu haben scheint. So pendelt der Film zwischen diesen beiden Figuren, setzt optische Höhepunkte durch die Abbildung der Stadt und seiner Gassen, und behält sich eine Wertung vor. Vielmehr versucht der Film, auf einen Mißstand aufmerksam zu machen - und das mit durchaus unterhaltsamen Mitteln, etwa durch die Verwendung von treibender Musik oder von narrativ arrangierten Szenen. Durch einen Spannungsbogen, der dem Film eine Form geben soll. Was leider nicht bis zum Ende hin gelingt, dort bröselt er ziemlich auseinander und die 70 Minuten kommen einem dann doch etwas lang vor. Ein aber nichtsdestotrotz sehenswerter Film, der eben nicht nur vom Skandalösen, sondern auch vom Menschlichen erzählt.

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Sonntag, 17. Februar 2013

Berlinale 2013: Kai Po Che / Brothers for Life (Abhishek Kapoor, Indien 2013)


Indien in den frühen 2000er Jahren: die drei besten Freunde Ishaan (Sushant Singh Rajput), Omid (Amit Sadh) und Govind (Raj Kumar Yadav) sind unzertrennlich, streunen voller Euphorie durchs Leben und wissen doch nicht genau, wohin sie eigentlich wollen - die Verpflichtungen des Erwachsenseins melden sich immer dringlicher und das schlechte Gewissen wird größer. Insbesondere Ishaan, der von Cricket total besessen ist, hat einen Hang zum Cholerischen und scheint auch der größte Tagedieb der drei Freunde zu sein. Da kommt ihnen der scheinbar geniale Gedanke, die Leidenschaft zur Geschäftsidee zu machen und sie eröffnen eine Cricket-Fachgeschäft mit angeschlossener Sportschule, da sich hinter dem Laden eine große ungenutzte Fläche befindet. Ishaan soll trainieren, Govind als der Vernünftigste kümmert sich um die Finanzen und wird der Manager, Omid besorgt das Startkapital. Doch der Onkel, der finanziell einspringt und in dessen Schuld sie nun stehen, verpflichtet Omid in seine Partei einzutreten und wird dort immer stärker involviert. Da entwickelt sich Ahmedabad zum Pulverfass, als die Unruhen zwischen Hindus und Muslimen eskalieren. Ausgerechnet jetzt, wo Ishaan ein muslimisches Cricket-Naturtalent ausgemacht hat, einen Jungen aus einer armen Familie, den er unter seine Fittiche genommen hat und zum Profi ausbilden möchte.

KAI PO CHE bedeutet -laut wikipedia- soviel wie: "I have cut the kite!" und bezieht sich auf eine Szene, in der die drei Freunde als Rivalen mit Lenkdrachen gegeneinander antreten - und wird aber gegen später im Film auch immer wieder als Zeichen des Jubels und Ausdruck der spielerischen Rivalität genutzt. Denn auch genau darum dreht sich dann der Film: um eine große Freundschaft, die auseinanderzubrechen droht. Die zerrieben wird in den Mühlen des Alltags, in den Streitereien über die Zukunft, in den sich anbahnenden Konflikten. Etwa wenn der zurückhaltende Govind von Ishaans Schwester Vidya (Amrita Puri) augenzwinkernd provoziert wird, der er eigentlich Nachhilfeunterricht geben soll. Und bald schon kann er ihr nicht mehr widerstehen und es entwickelt sich eine romantische Beziehung im Geheimen. Eine besondere Attraktion des Films sind die Locations: die Altstadt Ahmedabads in Gujarat, die unüberschaubar ist, mit engen Straßen und Gässchen, Ecken und Winkeln, geheimen Abkürzungen, mit Schleichwegen über und durch dir Häuser hindurch. Und wenn der Film am Anfang recht harmonisch und wie von leichter Hand inszeniert ist, so kippt die Stimmung zusehends. Spätestens mit den sich verschärfenden religiösen wie politischen Konflikten wird es hier ernst. Eine erste Verfolgungsjagd zeigt dann urplötzlich, wozu man inszenatorisch in der Lage ist (jenseits von der überkitschigen Inszenierung von eingeölten Bauchmuskeln und angedeuteter Männerliebe), das Tempo zieht gewaltig an, und der Film wird richtig düster. Nach den taghellen Bildern in Ockerfarben wird es nachtschwarz, böse und brutal - es beginnt die Nacht der blutigen Schwerter. Da wird aus KAI PO CHE ein atemloses Gewaltbrett, das einen in den Kinosessel presst - und man kann sich beileibe nicht vorstellen, dass dieser Film in seiner Ausweglosigkeit gut ausgehen kann.

Michael Schleeh

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Samstag, 16. Februar 2013

Berlinale: Nobody's Daughter Haewon / Nugu-ui ttal-do anin Haewon (Hong Sang-soo, Südkorea 2013)


Hong Sang-soos Wettbewerbsbeitrag zur diesjährigen Berlinale ist eine federleichte Schrulle mit einigen dunklen Tönen. Es geht um die hübsche Studentin Haewon (Jung Eun-chae), die in einer Beziehung zu ihrem verheirateten Universitäts-Professor feststeckt, und die ganz gerne und wohl immer häufiger dem koreanischen Reiswein Soju zuspricht. Überhaupt lassen sich wieder alle bereits bekannten Motive aus Hongs früheren Filmen finden: der Regisseur, der mit seinen Studenten trinkt, eine niedergeschlagene Protagonistin, die in ihrem Leben etwas ändern muss, immer wiederkehrende Locations, die von einer schlichten und nüchternen Kamera eingefangen werden, die plötzlichen Zooms, ein paar unvermittelte Schwenks in einer ansonsten statischen Bildgestaltung. Eine Einfachheit im Bild, die nicht an Schönheit interessiert ist - und die gerade dadurch sehr zu faszinieren vermag.

HAEWON ist auch eine Komödie und eine Farce, die zwischen der Ungewissheit des Traums und der Ungewissheit seiner Figuren, die sich nicht entscheiden können, pendelt. Ganz schlimm hier wieder die Männerfiguren, die sich in Affären verrennen und derart Konflikte heraufbeschwören, die sie nicht lösen können - aus Unfähigkeit und weil sie Waschlappen sind. Eine Vaterfigur gibt es nicht im Film, und Haewons Mutter zieht einen Schlußstrich: sie beginnt ein neues Leben in Kanada. Haewon, die nun "niemandes Tochter" ist, bleibt alleine zurück (so ganz kann man Hong also nicht glauben, wenn er in einem Interview erzählt, er habe den Titel nur deshalb gewählt, weil er sich gut anhört) - und bekommt bald von einem anderen Professor, den sie vor einem Buchladen kennenlernt, ein Angebot, ihm nach San Diego zu folgen, wo er unterrichtet, um ihn dort zu heiraten. Der nette Buchhändler, den sie vorher kennengelernt hatte, ist nur einer der offenen Fäden, die der Film nicht zuende erzählt. Und dann ist der Film einfach irgendwann vorbei. Nachdem sie ihre Affäre beendet hat, sitzt sie wieder mal in der Bibliothek und schläft tief und fest. Man erinnert sich an die skurrile Begegnung mit Jane Birkin, die plötzlich im Film auftaucht, und die Haewon, da sie ihrer Tochter Charlotte so ähnlich sehe, ihre pariser Telephonnummer gibt. Ja, so einfach passieren die Dinge hier. Ein weiterer, sehr schöner Film Hongs.

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Mittwoch, 13. Februar 2013

Berlinale: A Legend or Was It? / Shito no densetsu (Keisuke Kinoshita, Japan 1963)


Und dann plötzlich kommt diese unerwartete, völlig großartige Szene des Widerstandes: die junge Frau ergreift in Panik das Gewehr, eine Schrotflinte, die Kamera plötzlich von unten aus Kniehöhe, zeigt uns den neuen Helden des Films: sie schreit die Männer an, die gekommen sind um zu morden - und macht dann kurzen Prozeß, drückt ab, verjagt die Dämlacken, diese Dorfbewohner. Plötzlich also ein Bild, wie wenn Meiko Kaji aus einem der Exploitationfilmen der 70er auf der Leinwand erschienen wäre, die sich dazu entschloßen hat, sich nun endlich nichts mehr gefallen zu lassen. Konnte das nur eine Frau tun, die aus Tokyo stammt?

Keisuke Kinoshitas A LEGEND or WAS IT? aus dem Jahr 1963 ist keines der shomingeki - Familiendramen, die mit Leichtigkeit und etwas Bitternis von scheinbar alltäglichen Katastrophen im Kleinen erzählen - er beginnt nur so. Eine Idylle auf Hokkaido, Landarbeiter, Farbfilm. Dann ein Bruch, Schwarzweiß, die Familie aus Tokyo, die vor dem Krieg nach Hokkaido geflüchtet ist, siedelt sich in einer Baracke am Fluß an, kurz vor dem Dorf. Man kennt sie, der Vater stammte aus  der Gegend. Doch auf die Begrüßung fällt ein Schatten: der Sohn war als Soldat im Krieg gegen China (in Sichuan) gewesen und hat zufällig beobachtet, wie drei Offiziere eine Frau abstachen um ein andere zu vergewaltigen. Dies war nun, und sie sahen sich im Regen in die Augen, ausgerechnet der Sohn des Dorfvorstehers. Ein mächtiger Mann, der im Dorf das Sagen hat.

Ein Schock für den Soldaten, und als der Vergewaltiger der eigenen Schwester nachstellt, kommt alles ans Tageslicht. Indes, es nutzt nichts. Als bei einem erneuten Vergewaltigungsversuch der Sohn von den Frauen mit einem Stein erschlagen wird, eskaliert die Situation. Der Mob der Dorfbewohner ist aufgehetzt, die Familie flieht in die Berge. So kommt es zu obiger Szene. Es ist nicht nur die Gewalt, die in die Idylle einbricht, die so schockiert - es ist auch die tumbe Hinterwäldlerbeschränktheit, die die Situation so ausweglos erscheinen lässt. Dass während der Auseinandersetzungen auch Mitglieder der Familie ihr Leben verlieren, wird ausgeblendet. Obwohl der Leichnam mitten im Dorf liegt. Ein eindrückliches Bild für die Manipulierbarkeit der Massen und schlicht dafür, dass es mit dem Verstand der Menschen nicht weit her ist. SHITO NO DENSETSU ist ein schockierender, faszinierender, und zugleich wunderschöner Film, der so manchen Grenze überschreitet und sich ganz schön viel traut. Eine wirkliche Empfehlung.

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Dienstag, 12. Februar 2013

Berlinale: Tian mi mi / Together (Hsu Chao-jen, Taiwan 2012)


Eine der Figuren sitzt da wie ein Tropf, gefangen in ihrem Leben, das auf eine Ehe mit einem japanischen Buchhändler hinsteuert, der nicht bemerkt, dass ihre Leidenschaft verflogen ist. Der heliumgefüllte Fisch soll aber nicht in der Wohnung gefangen sein, sondern durch die Lüfte schweben können... Derart könnte man sich über den Film lustig machen, oder über diese eine Metapher. Was allerdings eine ziemliche Verzerrung wäre, denn TIAN MI MI ist ein gelungenes, sympathisches slice of life-Alltagsdrama aus Taipei in Taiwan. Besagte junge Frau hat sich in einen Nachbarn verkuckt, einen Drucker, der die Hochzeitseinladungen erstellen sollte. Ein Mann, der selbst verheiratet ist mit einer Marketenderin, die an ihrem Straßenstand frisch gepresste Säfte anbietet, und mit der er zwei Kinder hat. Auf dieser Familie liegt denn auch auch der Fokus des Films, zeigt einen Ausschnitt aus dem Leben der einzelnen Personen, und vermittelt so ein liebevolles Bild aus dem heutigen Taipei. Wie der Regisseur im Anschluß sagte, sei dies sein Viertel, wo er lebe, seine Straße, die er jeden Tag hinuntergehe und der Stand derjenige, wo er sich den Saft kauft. Er wollte also sein Lebensumfeld festhalten, ein Portrait eines Moments dieser Umgebung erstellen. Und dies ist ihm fabelhaft gelungen.

Im eigentlichen Zentrum der verschiedenen Erzählfäden steht wohl der Sohn. Dieser hat sich verknallt, und weiß nicht, wie an die Mitschülerin rankommen, möchte einen Roller, und hat kein Geld dafür, möchte erwachsen sein, und ist ein Teenager. So seine Freunde. Der Film begleitet sie bei ihrem alltäglichen Tun, bei den Verkupplungsversuchen, beim Herumalbern oder bei der Jagd auf den ätzenden Verehrer seiner Schwester, der sie nur ausnutzt. Hier spielt der Junge öfters die Rolle des Schutzengels, der den Figuren die Steine aus dem Weg räumt, über die sie selbst nicht hinüberkämen. Auch seine Mutter, die, frustriert von ihrem Leben und der Gleichförmigkeit ihrer Ehe, nach und nach alle Lebenslust zu verlieren scheint. Ihr Standnachbar, der lustige Outfits und Klamotten verkauft (Märchen- und Comicfiguren, Rollenspielkostüme, knallbunte Kleider) versucht sie tagtäglich aufs Neue aufzuheitern, und es dauert eine Weile, bis sie kapiert, dass der junge Mann vielleicht mehr für sie empfindet - und sie für ihn. Auch darin zeigt sich die Größe dieses "kleinen Films": dass er mit seinem leichten Ton, seiner heiteren Traurigkeit auch für die Eltern eine moderne Lösung der Konflikte findet, dass er nicht Leute, die sich ewig liebten und ewig zusammen lebten, in Streit und Scheidung auseinandergehen lässt, sondern auf Verständnis und Nachsicht setzt, und die Figuren gemeinsam neue Wege gehen lässt. TIAN MI MI ist eine kleine Perle, die es nach der Berlinale in unseren Breiten vermutlich ziemlich schwer haben wird - wer ihn nicht gesehen hat, muß auf eine DVD-Veröffentlichung hoffen.

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Donnerstag, 7. Februar 2013

Berlinale: The Grandmaster / Yi dai zong shi (Wong Kar-wai, Hongkong/China/Frankreich 2013)


THE GRANDMASTER, ein Film wie nicht von dieser Welt, einer, der sich merkwürdig, der sich wie eine lange Erinnerungsspur in die Vergangenheit hinein anfühlt, der auf der Lebensgeschichte des Wing Chun-Experten Ip Man (Tony Leung) basiert, dem legendären Lehrer von Bruce Lee. Der Film erzählt vom Kampf zweier Martial Arts-Meister vor dem Hintergrund der Kriegswirren um die japanische Invasion. Zugleich ist der Film aber auch eine Liebesgeschichte (Zhang Ziyi). Ein Film der Gesichter in Groß- und Nahaufnahmen, des Ornamentalen, der entrückten Räume. Ein Film, der vorgeblich historisch erzählt und doch völlig ahistorisch ist in seiner Raumabbildung, in seinem wie von allem losgelösten Erzählfluß.

Wobei "erzählen" wortwörtlich zu verstehen ist, denn THE GRANDMASTER ist ein völlig - Entschuldigung - verlabertes Kammerspiel mit eingestreuten Kampfkunst-Sequenzen. Ein cineastisches Erzählen mit den Mitteln der Bilder findet quasi nicht statt. Die Kämpfe sind rasend schnell, ein Montageinferno der Unübersichtlichkeit, aber nicht unbedingt wegen der Schnitte, sondern weil sich immer alles aus dem Dunkeln heraus und direkt wieder ins Dunkel hinein bewegt, in den Schatten, die das Bild einnehmen, verliert. Da ist dann, wenn die Kerzen angehen, alles Ausstattungs- und Ausschnittskino, ein Charakterdrama der angeschnittenen Großaufnahmen der in die Ecken des Filmbildes abgedrängten Gesichter, die zu gravitätischen Portraits erstarren. Auch das heftige Color-Grading fällt mit der Zeit extrem negativ auf. In den Innenraumszenen meint man, es würde ständig irgendwo ein Lagerfeuer am Set brennen, so dunkelrot-orange verschattet sind die Bilder. Draußen dann in Schnee und Eis: kaltes Blau. Natürlich. Teal & Orange bis zum Erbrechen. Dass der Film in seiner narrativen Struktur dann auch permanent durch die Historie springt, tut seinem Spannungsbogen nicht gerade gut. Dieser existiert praktisch überhaupt nicht. Kein Vergleich zu seinen packenden, flirrenden und delirierenden Meisterwerken der "Frühphase".

So ist THE GRANDMASTER über weite Strecken herrlichst anzusehende, und dabei doch völlig spannungsfrei evozierte Lagerfeuerromantik im Gewande eines in edlen Sherryfässern gereiften Arthousekinos der Marke Dujardin. Wer würde da nicht gerne die Augen schließen und ein kleines Nickerchen halten!
















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