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Sonntag, 31. März 2013

HKIFF: Petal Dance / ペタル ダンス (Hiroshi Ishikawa, Japan 2013)



Wie aus der Zeit gefallen ist der Schauplatz dieses Dramas, und so auch der ganze Film. Irgendwo in der Provinz, wo nichts passiert und wo viel Wind über einsame Straßen fegt, verliert die Protagonistin Haraki (Shiori Kutsuna)  ihren Job in einer tristen Boutique und muß sich neu orientieren. Ihr wippender Schritt auf dem Bahnsteig wird von einer anderen jungen Frau fehlinterpretiert – sie wirft sich auf sie, um sie vor einem Suizid zu bewahren. Dabei bricht sie sich einen Finger. Aus Ausgleich für ihr tatkräftiges Einschreiten bietet Haraki sich an, diese und eine Freundin, die sich gerade von ihrem Mann getrennt hat, zu einer ehemaligen Collegefreundin zu chauffieren, die einen Selbstmordversuch hinter sich hat und sich nun auf dem Weg der Besserung befindet. Die drei machen sich auf in den Norden Japans und bald fängt es an zu schneien.

PETAL DANCE ist so etwas wie der Inbegriff des statischen Verhuschtendramas. Beinahe alle Charaktere sind extrem zurückgenommen, bei jedem geäußerten Satz geraten die Figuren ins Stocken, ständig wird auf den Boden gestarrt. Körperliche Nähe ist unvorstellbar. Und eigentlich passiert auch nichts, die tiefen Gefühle sind alle tief im Inneren vergraben. Wenn dann ein paar Möwen am Himmel auftauchen werden die Arme ausgbreitet und der Flug nachgeahmt, ja, so frei wolle man auch gerne sein. Unter dem Aspekt der Unterhaltung ist PETAL DANCE eine Katastrophe. Unter dem Aspekt der komplexeren Gefühlsdarstellung aber ebenso – es bleibt zumeist bei reinen Andeutungen.

Es ist eine große Kunst, das Unspektakuläre interessant darstellen zu können – was in diesem Film nicht so wirklich gelingen will. Und hätte Regisseur Ishikawa schwächere Darstellerinnen als diese hier (Aoi Miyazaki, Sakura Ando, Shiori Kutsuna und Kazue Fukiishi), die allesamt rundweg sehr toll spielen, dann befände sich der Film am Rande der Unerträglichkeit. So bin ich immerhin noch eine zeitlang gut mitgegangen – denn Stimmungen kreieren kann er – bevor sich am Ende alles ellenlang zerdehnt (bei einer Spieldauer von 90 min). Nur für sensible Menschen und insgesamt eher gescheitert leider, zumal dieser Film auch nicht der erste seiner Art ist.

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Freitag, 29. März 2013

HKIFF: Poor Folk (Midi Z, Taiwan/Myanmar 2012)



Ein Film, der eigentlich aus drei Erzählsträngen besteht, und die ineinander übergleiten. Unterteilt in Kapitel mit Titeln wie Arme Menschen, Amphetamin, und Grenzgänger. Independent-Regisseur Midi Zs zweite Feature-Filmarbeit gibt einen sehr eindrücklichen, privaten, und detailscharfen Einblick in die Leben seiner Protagonisten, die im Dreieck Thailand, China, und Burma (Myanmar) auf der Suche nach einem ebensolchen besseren sind. In einer der Geschichten wird ein junges Mädchen verkauft, damit die Familie überleben kann, und die in Bangkok irgendwelchen Leuten „zuarbeiten“ soll. In einer anderen geht es um einen thailändischen Fremdenführer, der, so nonchalant er ist, auch dunkle Geschäfte im Sinn hat. Und der in einer weiteren Geschichte sich als Drogenimporteur profiliert. Oder als Menschenschlepper auf dem Motorrad. „I got three jobs“, sagt er an einer Stelle – auch er muss sich also durchschlagen. Jedenfalls, und das ist das Besondere am Film, geht es nicht um die „Opfer“, um die Verschleppten und Ausgebeuteten, wie es im Arthouse-Kino zu vermuten stünde (die kommen nur als Randfiguren vor), sondern um die Kriminellen selbst. Und dies auf eine Weise, die nun wirklich etwas Neues ist: auch ihr Leben wird nicht als das der Täter diffamiert, sondern als eines, das sich in einem Geflecht aus Frustrationen, Verzweiflung, Zukunftsängsten und Abhängigkeiten von irgendwelchen Berufsgangstern aufspannt. Als eines derjenigen, die ein klein wenig Glück nachjagen, und das zumeist vergeblich. Die moralische Crux dabei ist freilich die, dass sie das auf Kosten anderer Menschen tun.

Eine der Protagonistinnen ist die junge Chinesin San-mei, die sich im Grenzort Daqui aufhält, und dort seit drei Jahren auf einen Paß wartet (oder ein Visum (nach Taiwan?) – ganz habe ich das nicht verstanden), der ihr von einem Unterweltmenschen in Bangkok besorgt werden soll. Aber sie wartet vergeblich und soll, dies die Bezahlung, immer nochmal einen weiteren Flüchtling als Schlepper über die Grenze führen. Durchaus auch mal jemanden, der das nicht will, so wie oben erwähntes, verkauftes Mädchen. So langsam dämmert es ihr, dass sie für den Boss zu wertvoll ist, um die ID jemals zu bekommen und ist eigentlich, hinter ihrer Maske, völlig verzweifelt. Auch sie ist also jemand, der aus ökonomischen Zwängen handelt (und über einen Mangel an Skrupel verfügt), und der in einem Stadium des Übergangs gefangen ist. Eine Ortlose, ohne Zuhause, und ein unerreichbares Ziel vor Augen. So wird sie portraitiert in ihrem Alltag, beim Schwatzen, beim Essen – überhaupt dieses immerwährende Essen in diesem Film, ganz so, als wolle man sich des eigenen Am-Leben-Seins versichern – beim Rumhängen, Zeittotschlagen und Telephonieren. In freilich verwackelten Handkamerabildern gefilmt, dicht dran an den Figuren, das Spektakuläre unspektakulär präsentierend, so befindet sich der Film auf der Höhe des mit dokumentarischen Absichten gedrehten Arthouse- und Festival-Kinos, und kann also weniger ästhetisch, als durch seine Einblicke in eine unbekannte Welt überzeugen.

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Donnerstag, 28. März 2013

HKIFF 2013: Outrage Beyond (Takeshi Kitano, Japan 2012)


Direkt an den ersten Teil anknüpfend, beginnt OUTRAGE BEYOND mit der Entlassung Otomos (Takeshi Kitano) aus dem Knast. Eingeleitet wird dieser Film, in dem es ausschließlich um Intrigen geht, mit einem Mord. Eine Leiche findet sich in einem im Hafen versenkten schwarzen Wagen. Dann knallt in großen roten Lettern der Filmtitel über den chromschwarzen Hintergrund. Und Otomo, der eigentlich aussteigen will, wird wieder hineingezogen in die Malaise. Sein ehemaliger Rivale Kimura mit den Narben im Gesicht wird zum Aniki, zum Bruder, und gemeinsam planen sie gegen Kato, den Kopf des Sonno-Yakuza-Kartells vorzugehen. Soweit, so klassisch. Und wie im ersten Teil, der schon durch seine ungewöhnlich verlaberte Art etliche Zuschauer vor den Kopf stieß, geht es hier mit der Enttäuschung von Erwartungshaltungen weiter.

OUTRAGE BEYOND braucht ewig, bis es mal knallt. Und das ist gut so. Kitano, der hier wieder in Personalunion das Drehbuch verfasste, den Film gedreht hat, und anschließend auch für den Schnitt verantwortlich war, hat einen erstklassigen Autorengangsterfilm gedreht. Genau darum geht es ihm: um die Sabotage eines Genres. So, wie er schon seit jeher sich nicht hat einfangen lassen von den Konventionen. Kitano geht es nicht um Macht (die er im Film an einer eindrücklichen Stelle sogar freiwillig abtritt), sondern um die Mechanismen der Macht.

Um das Geschachere und die Betrügereien; mit dem Ziel, aufzuzeigen, dass dieser ganze Komplex vollkommen ausgehöhlt, hohl ist. Vor allem, und das ist der Clou (kein Spoiler! – der Zuschauer weiß das von Anfang an), weil hinter allem die Karrieregeilheit eines Polizisten steckt. Und dann heißt es wieder markant an einer Stelle in diesem Spätyakuzafilm, der Ehrenkodex der Yakuza sei nichts mehr wert, es ginge nur ums Geld. Und in der Tat, so ist es. Am Ende wendet sich ein Cop angewidert vom anderen ab. Denn auch auf dieser Seite, sind alle Ideale obsolet geworden. Ein finsteres Gangsterrequiem hat Kitano da geschaffen, mit einem, um es wenigstens kurz anzusprechen, absolut fantastischen Score. Das muß man gehört – und gesehen – haben.

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Mittwoch, 27. März 2013

HKIFF: Will You Still Love Me Tomorrow? (Arvin Chen, Taiwan 2013)


Ironischerweise ist es ausgerechnet Weichung (Richie Jen), der leitende Angestellte eines Brillenfachgeschäfts, der die Dinge in seinem Leben unscharf sieht. Und das, obwohl er keine Brille benötige, wie er an einer Stelle sagt. Er hat sich eingerichtet in seinem Leben mit Ende 30, Anfang 40. Er hat einen ordentlichen Job, eine hübsche, beruflich erfolgreiche Frau (die umwerfende Mavis Fan) und einen kleinen Sohn Namens Awan. Man führt ein gesittetes, modern bürgerliches Leben in Taiwan und regt sich allenfalls über die Schwester auf, die unentschlossen durchs Leben taumelt, da sie sich in Liebesdingen nie wirklich entscheiden kann. Immerhin will sie jetzt San San heiraten, einen harmlosen aber liebevollen Eigenbrötler mit Trottelfrisur. Dass Weichung immerzu melancholisch und wie in einem ruhigen Fluß durch den Tag geht, daran hat er sich gewöhnt. Dass ihm etwas fehlen könnte, das bemerkt er erst, als ein junger Mann (Lawrence Ko) in seinem Geschäft auftaucht, und in den er sich direkt verkuckt. Da erinnert er sich daran, wie er früher, vor seiner Hochzeit einmal, Gefühle für Männer hatte – und diese scheinen wiederzukehren. Hatte er sein Schwulsein nur unterdrückt?

Der Film, der den Oldie von den Shirelles im Titel führt, wird dann auch einmal in einer zentralen Stelle des Films bei einem Karaoke-Abend von der Gattin gesungen, volltrunken und erkennend, dass ihr bisheriges Leben vorbei ist und ein neues auf sie wartet. Und dieser Film, der wie der gestern gesehene THE GREAT PASSAGE mit seinem stillen Humor begeistern kann – hier beinahe noch zurückhaltender – und der zugleich ein Feelgood-Movie ist, schwingt sich dann herrlich auf bis zum Träumerischen, wenn die Figuren plötzlich überglücklich wie Mary Poppins in den Himmel entschweben. Doch zugleich begeht Chen den Fehler nie, allzu seicht zu werden. Denn stets bleibt klar, was auf dem Spiel steht und wie groß die Angst ist, das alte Leben hinter sich zu lassen und gemeinsam wie getrennt zugleich auf Neues zuzuschreiten. Und so ist das Finale zwar kein eigentliches Happy End, aber dennoch versöhnlich. Mit einem dezidiert offenen Ende.

Als Arvin Chen mit seinem Team und den Schauspielern vor die Leinwand trat, brach ein Jubelsturm los. Der Regisseur von AU REVOIR, TAIPEH wurde begeistert begrüßt, die Mädchen in der Reihe hinter mir sind fast zusammengebrochen vor Exstase. Kein Wunder, schafft es der Regisseur erneut, intelligente und leichtfüßige, dabei durchaus tiefgehende Unterhaltung abzuliefern. Es ist überhaupt eine große Kunst, das Schwere wie mit leichter Hand zu inszenieren – dem danach gesehenen Europäer APRÈS MAI von Olivier Assayas ist das eindeutig nicht gelungen, da drückt es gewichtig durch alle Poren des Films, trotz der Drogen und der Blumenpüppchen.

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Dienstag, 26. März 2013

HKIFF: The Great Passage (Yuya Ishii, Japan 2013)


In dieser ruhigen Tragikomödie voller quirky characters geht es vor allem um den Außenseiter und Bücherwurm Majime (Matsuda Ryuhei), der als Angestellter eines Tokyoter Verlages in dessen Dictionary-Abteilung abgeschoben wird. Diese befindet sich neben dem chrom- und stahlglänzenden, repräsentativen Haupthaus in einem seltsam verwunschenen und mit Ranken bewachsenen Nebengebäude, das sich zwar etwas Charme erhalten hat, aber doch recht runtergekommen ist. Die Situation in der Abteilung ist prekär: wer braucht heute noch ein Wörterbuch? Man steht vor einem Rechtfertigungsproblem und auch innerhalb des Verlags wird bereits überlegt, ob sich der Erhalt dieses unrentablen Geschäftszweigs überhaupt noch lohne. Da kommt ein rettender Gedanke: Vom Abteilungsleiter geplant ist ein ganz neues Wörterbuch, das die aktuellsten Entwicklungen moderner Jugendsprache aufnimmt und zur Diskussion stellt; ein Wörterbuch im Fluß, als Momentaufnahme, dicht dran an den Menschen und hochaktuell. Als „Schiff auf dem Meer der Wörter“, wie es mehrfach heißt, mit dem Titel The Great Passage.

Majime also kommt neu in die Abteilung, beweist sich, steigt auf, und wird nach der Erkrankung des Professors, des Senseis, zur wichtigsten Figur. Eine Geschichte als Bewährungsprobe, das ist dieser Film, der ruhig vor sich hinfließt und mit famosem lakonischen Humor überzeugen kann. Mehrfach entstehen enorm lustige Szenen eben genau dardurch, dass Dinge nicht ausgesprochen werden, durch die Abwesenheit von Handlung, durch das Verstocktsein der Charaktere. Und so muß sich Majime, der natürlich auch sozial im Umgang mit Menschen – und mit Frauen erst! - überhaupt nicht zurecht kommt, beweisen. Wie es das Drehbuch will, kommt dann bald die Frauenfigur, der love interest, ins Spiel: die Rückkehr der Tochter der Haushälterin. Mit gravierenden Konsequenzen für Majimes Gefühlshaushalt. Was auch vollkommen verständlich ist, steht doch da plötzlich Aoi Miyazaki vor ihm, wie die aufgehende Sonne in einer ansonsten heftig eingetrübten Welt. Eine Fülle von Nebenplots dehnen den Film dan auf über zwei Stunden, was zwar manchmal gegen Ende die Geduld des Zuschauers etwas strapaziert, aber innerhalb des Filmkosmos vollkommen adäquat ist.

THE GREAT PASSAGE lässt sich nicht hetzen, wie es auch Ausdauer braucht und schließlich vollen Einsatz von allen Beteiligten, um die geplante Deadline für die Veröffentlichung einhalten zu können. Doch das bleibt durchweg bis zum Ende intelligent und humorvoll, auf eine angeneheme Art und Weise, sodass nicht immer alles zwangshaft ausformuliert und erklärt wird, offene Stellen gelassen werden, der Zuschauer zum Weiterstricken der Plotfäden angehalten wird. Ein souveräner, erwachsener Film voll leisen Humors, bei dem das Auditorium mehrfach in schallendes Gelächter ausgebrochen ist und das nach dem Ende des Films lange begeistert applaudierte. Ein guter Einstieg für mich ins Festival hier in Hong Kong.

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Mittwoch, 20. März 2013

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE, which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM. AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of the festival has taken in the last and recent years. You should definitely watch this, if you ever get the chance to... and now to the pictures:











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Mittwoch, 13. März 2013

Nishi-Ginza Station (Shohei Imamura, Japan 1958)


NISHI-GINZA EKI-MAE hat es sehr schwer in der internationalen Filmkritik. Vorausgesetzt, er wird überhaupt besprochen. Dieser generell als Nebenwerk abgetane frühe Film sei eine Auftragsproduktion, was natürlich für den (westlichen?) Kritiker schonmal der Grund allen Übels darstellt. Immer dem Geniegedanken anhängend, mindestens aber dem Auteurbegriff folgend (den ich ebenfalls zumeist vertrete), könne der Film ja nichts sein, er sei ein ferngelenktes Industrieprodukt und nicht der Genialität des libre penseurs entsprungen, des Freidenkers. Dabei wird zum einen übersehen, dass beinahe die komplette japanische Filmgeschichte eine Studiofilmgeschichte ist; eine, in der der überwiegende Großteil der Filme in Abhängigkeitsverhältnissen entsteht, da alle Beteiligten am Film Angestellte eben jener Studios sind (wodurch sich auch der enorme Output der japanischen Regisseure erklärt); zum anderen wird ausgeblendet, dass die Vorgaben, die Imamura einzuhalten hatte, lediglich die Einbindung eines Songs des Sängers Frank Nagai betraf, der dann auch im Film als Erzählerfigur auftritt und das Geschehen kommentiert. Dreimal sollte man ihn zu hören bekommen, am Anfang, in der Mitte und am Ende. Ansonsten habe Imamura freie Hand gehabt. Nun, das sind keine besonders strengen Auflagen, wie ich finde, doch Imamura hat selbst diese Vorgaben nicht erfüllt - der Song wird nie in toto gespielt. Nikkatsu war sauer - Imamura muss es tierisch gestunken haben, einen Film als Vehikel für einen Popsong drehen zu müssen..

Die Komödie um den duckmäuserischen und tagträumerischen Ehemann Jutaro, der unter der Knute seiner geschäftlich erfolgreichen, autoritären dabei aber liebevollen Frau Riko steht, und der seine Libido wiederentdeckt, wurde als "conspicuously conservative vision" (Tony Rayns) bezeichnet. Und ganz am Ende, da muss man freilich zustimmen, gelangt der Gatte nach all den Verführungen, Turbulenzen, komödiantischen Verwicklungen zurück in den Hafen der Ehe, die somit als stabile Form der Lebensführung bestätigt wird. Allerdings bestünde durchaus die Möglichkeit, den Fokus auf die Brüche zu legen: die Unzufriedenheit desjenigen, der in einer Ehe gefangen ist und ausbrechen will, die Hoffnung auf ein freizügiges erotisches Abenteuer, das mit dem Betrug des Ehepartners einhergeht, die Verschiebung im Geschlechterverhältnis, in der die Frau das Sagen hat und der Mann wie ein Milchbubi hinterherläuft und sich in tagträumerischen Südseeabenteuern verliert. Das alles freilich im Gewand der Komödie, die durchaus mit erzähltechnischen und formalen Spezereien garniert ist - ohne dass er hier, es ist erst sein zweiter eigener Film, die Größe seiner späteren, bekannten Filme erreichen würde.

Eine der schönsten Szenen ist zweifellos die, in der die Gattin bereits zur Sommerfrische verreist ist, Jutaro die Geschäfte in der Apotheke regeln soll, und dabei natürlich überhaupt nichts auf die Reihe bekommt. Als running gag betreten immer wieder eilig Geschäftsleute den Laden und fragen nach der Frau Geschäftsführerin, deren Abwesenheit aber vom Personal wiederholt bestätigt wird. Mit dem Gatten zu sprechen, der nun am Platz seiner Frau sitzt, kommt niemandem in den Sinn - die Herren machen auf dem Absatz kehrt und unter dem Verspechen, bald wieder zu kommen, hetzen sie zum nächsten Termin. Da blickt der Gatte sauertöpfisch vor sich hin, und selbst das angereichte Getränk, das er von der Angestellten gereicht bekommt (nach einem genau entworfenen Ernährungsplan seiner Frau) kann ihm nicht mehr schmecken.

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Mittwoch, 6. März 2013

Ein Lied um Mitternacht - chinesische Filmgeschichte von 1929 bis 1964


Noch bis 31. März findet im Berliner Kino Arsenal eine Filmreihe zur frühen chinesischen Filmgeschichte statt [Programm], die von und mit den Leuten von The Canine Condition kuratiert worden ist. Besonders schön finde ich, dass es häufig auch Einführungen zu den Filmen geben wird, um diese historisch besser verorten zu können. Hier werden definitiv Schätze zu sehen sein, die so vorher noch nie zu sehen waren und bald wohl auch nicht mehr zu sehen sein werden. Also Hingehen wenn möglich, ist oberste Cineastenpflicht. Glücklicherweise habe ich den einen oder anderen Film als DVD und werde vielleicht aus der Ferne eine begleitende Sichtung zuhause durchführen. Das Kinoerlebnis ist aber mit Sicherheit so nicht zu ersetzen. Hier noch ein Textauszug von der Homepage:

Die Filmreihe "Ein Lied um Mitternacht – Chinesische Filmgeschichte von 1929 bis 1964" erschließt einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland erstmals einen größeren Zusammenhang chinesischer Filmgeschichte. Der chinesische Film findet seit den 1980er Jahren weltweite Aufmerksamkeit, Regisseure wie Zhang Yimou, Jia Zhang-ke oder Wang Bing sorgen für Aufsehen auf internationalen Filmfestivals. "Ein Lied um Mitternacht" zeigt, was vorher kam, und macht das chinesische Kino bis zur Kulturrevolution als eine Nationalkinematographie sichtbar, die eine beeindruckende Heterogenität und Formenvielfalt aufweist.
In den 1930er Jahren entstand in Shanghai ein breit aufgefächertes Star- und Genresystem, in dem sowohl Melodramen und Komödien, als auch Krimis ihren Platz haben – und sogar ein Horrorfilm: "Song at Midnight" von Ma-Xu Weibang, der titelgebende Eröffnungsfilm der Reihe, ist eine chinesische Variation auf "Phantom of the Opera". Gleich eine Reihe von Filmen mit der legendären Ruan Lingyu widmeten sich dem Topos der "Neuen Frau", so der gleichnamige Stummfilm New Woman von Cai Chusheng. Auch das neue Kino, das nach dem Sieg der Volksbefreiungsarmee 1949 entsteht, lässt sich nicht auf die Klischees eines eindimensionalen Propagandafilmschaffens reduzieren. Ein Schwerpunkt bildet hier das Werk des Autorenfilmers Xie Jin, der – zahlreichen Auseinandersetzungen mit der Zensur zum Trotz – ein eindrückliches Werk hinterlassen hat. Anstatt das Vorbild proletarischer Idealtypen zu beschwören, spüren Filme wie "Two Stage Sisters" und "Big Li, Little Li and Old Li" den gesellschaftlichen Umwälzungen ihrer Zeit im Persönlichen und Alltäglichen nach. Und Xies Film "Woman Basketball Player No. 5" kann als eine Fortschreibung der feministischen Tradition im chinesischen Filmschaffen verstanden werden. Die Filmreihe "Ein Lied um Mitternacht – Chinesische Filmgeschichte von 1929 bis 1964" präsentiert 23 Filme, größtenteils als 35mm-Kopien aus dem chinesischen Staatsfilmarchiv. Viele Vorführungen werden begleitet von Einführungen von Filmkritikern und Filmhistorikern.

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