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Mittwoch, 24. April 2013

Kageroza / Heat Shimmer Theater (Seijun Suzuki, Japan 1981)


Seijun Suzukis nach Hitze flirrendes Theater ist ein abstrakter Film, wie ein Spielfilm kaum abstrakter sein könnte. Der Schriftsteller Shungo Matsuzaki (Yusaku Matsuda) begegnet einer mysteriösen Frau namens Shinako (Michiyo Ookusu), die immer auf steilen Treppen zu stehen scheint, und die auf dem Weg ins Hospital ist. Sie erinnert ihn im Aussehen an seine verflossene Geliebte - oder an seine verstorbene Frau, die er sich zurück ins Reich der Lebenden wünscht. Die Figuren materialisieren sich hier wie Geister und geben der Erzählung eine Richtung, die mit der Realität nichts zu tun hat. Imagination, Wunsch, Traum, Erinnerung und Hoffnung weben einen dichten narrativen filmischen Teppich, der bald kaum mehr zu entwirren ist. Jeder Schnitt katapultiert etwas Unerwartetes auf die Leinwand, keine Szene ist vorhersehbar. Ein Verknüpfung gibt es selten. Rote Beeren allerdings scheinen wichtig zu sein - elegant rollen sie der Frau aus dem Mund in beliebiger Zahl. In einem Bottich versinkt sie im Wasser, während sie von immer weiteren, sich kreisrund anordnenden Beeren gerahmt wird (ein Bild, das vermutlich Matthew Barney für seine Björk-Szene im CREMASTER geklaut hat - allerdings mit Orangen). Suzukis Film ist freilich nicht-linear erzählt, hält sich an keine konventionellen Regeln, berücksichtigt keine Bedürfnisse nach Balance und Gewichtung. Alles scheint spontan, erfunden, zugleich höchst real und immer faszinierend, da der Leidensdruck des Protagonisten allem eine spürbare Dringlichkeit zukommen lässt.

Hinzu kommt eine gewisse Steifigkeit, die alle Bilder durchdringt; ganz so, als wären sie Gemälde, Screenshots oder Stills. Oder einfach Bühnendarstellungen, Theater - mit Sprechakten, die durchweg performativ sind, nicht auf Diskurs aus, sondern auf Deklamation. Eine mythologische Unterfütterung durch Gewänder, Erzählmuster, Inszenierung führt zudem tief in die kulturgeschichtliche japanische Welt, die sich einem Nicht-Japaner nur in Ansätzen erschließt, selbst wenn man das eine oder andere Bild dechiffriert, sich in japanischer Theatergeschichte einigermaßen auskennt, oder den Humor Suzukis von seinen anderen Filmen her kennt.

Eine gute Option ist es da, den Film als arabeskes Kunstwerk wirken zu lassen, und doch ist dann das mitunter ungezähmte, lang ausfallende, auch bisweilen recht zähe Unterfangen von einem Finale gekrönt, dass man fassungslos den Verstand zu verlieren droht. Bei einer Noh-Theateraufführung um die Schneefrau, der berühmten yuki onna, die hier - mir neu - von einem Kind gespielt und von einem roten Teufel begleitet, bzw. von diesem wie eine Puppe geführt wird, erhebt diese, eine Geistererscheinung, sich schließlich in die Lüfte und fliegt auf das Publikum zu, das sich daraufhin erhebt und - nun erst für den Filmbetrachter ersichtlich - als Teil der Inszenierung die Bühne betritt und in einem großen Chaos, einem Finale der Zerstörung funkensprühend das Ende der Welt herbeiführt - bevor sich Stille über ein völlig vernichtetes Theatergebäude senkt. Später im Abspann dann: Tuschezeichnungen von Greueltaten, geköpfte Liebende, am Hals neu zusammen gewachsen, abgetrennte Glieder, die sich einst umarmten. Derlei Höllenbilder, die auch an einen Doppelselbstmord aus Liebe erinnern (ein bekanntes japanisches Ritual, das den Liebenden, die nicht zusammen kommen können, eine gemeinsame Jenseitserfahrung ermöglicht - und in gewissem Sinne ein Happy End darstellt), entlassen einen Betrachter in die Nacht, der den Film zwar allenfalls ansatzweise verstanden hat, aber zugleich zutiefst beeindruckt ist.



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Mittwoch, 17. April 2013

Violated Angels / Okasareta hakui (Kôji Wakamatsu, Japan 1967)


Einer der Gründe, warum Wakamatsus Filme so großartig und zugleich so großartig verstörend sind, ist der, dass er nicht psychologisiert. Dinge geschehen, Menschen handeln, warum, das sagt er nicht. Oder deutet es höchstens an. Da wir Psychologisierungen im Film aber gewohnt sind, oder diese zur sinnhaften Weltauslegung benötigen um einen rationalen Zusammenhang herstellen zu können, ist man bei ihm als Zuschauer oft verloren - und gerade deswegen herausgefordert, genauer hinzusehen, oder sich im Strudel der Ereignisse treiben, von den Bildern einfangen zu lassen.

Von der Hauptfigur, einem jungen Mann mit einem unbewegten Gesicht (gespielt von einer der zentralen Figuren (neben Shûji Terayama) des experimentellen Theaters in Japan dieser Zeit, Jûrô Kara), weiß man beinahe nichts. Lediglich die schnell montierten Stills und Schnappschüsse im authentisch wirkenden Dok-Stil am Anfang des Films deuten an, dass dieser Mann sozial einiges nachzuholen hat und gerne Pornographisches konsumiert. Er ist dann auch der Eindringling, der im Schwesternwohnheim die Engel vergewaltigt und anschließend umbringt. Mit eben jenem unbewegten Gesicht, das man unten auf dem Screenshot sehen kann. Dies ist dann auch schon beinahe die komplette Handlung des knapp unter einer Stunde kurzen Filmes, der sich immer wieder auch optisch in delirierende Bilder stürzt, in Verschiebungen und Überlagerungen, die eine aus den Fugen geratene Welt visuell abbilden. Der Film ist auch sehr still, über lange Passagen gibt es keine Filmmusik, und er erinnert, wegen des permanenten Regens, an THE EMBRYO HUNTS IN SECRET.

Eines Nachts also haben zwei Zimmergenossinnen Sex miteinander, und eine weitere Krankenschwester beobachtet das, ruft die anderen herbei, und wie Spione ergötzen sie sich an den leidenschaftlichen Frivolitäten. Euphorisiert und übermütig nötigen sie einen Mann ins Wohnheim herein, um diese Situation zu verschärfen. Vermutlich aus einer sexuellen Abenteuerlust heraus, und aus einer urplötzlich erwachten, wie trunkenen Übermütigkeit, die dann allerdings zur Katastrophe führt. Denn der Mann zieht einen Revolver, schießt eine der Frauen nieder, und beginnt eine andere zu vergewaltigen. Eine opfert sich, aber das macht keinen Sinn, denn was hier passiert, ist ohne jeden Sinn. Wakamatsu bildet einen Schrecken ab, vor dem man vollkommen machtlos ist. An einer Stelle spricht es dann eine der Frauen, völlig verzweifelt und den Tränen nahe, auch aus: I refuse to belive we are being killed for no reason! Und ganz am Ende, wenn sich der Mörder mit Ödipuskomplex in Embryohaltung an die einzige Überlebende schmiegt, der er kurz zuvor den Mund an die Brust gelegt hatte, wird der Verweis auf den obigen Film, den Embryo, der im Geheimen sein Unwesen treibt, erneut diskussionswürdig und sicherlich sinnfällig.










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Mittwoch, 10. April 2013

Montag, 8. April 2013

HKIFF 2013: A Story of Yonosuke (Shuichi Okita, Japan 2012)


Mitte der 80er kommt der junge Yonosuke nach Tokyo um dort zu studieren. Er ist eine ziemlich schräge Gestalt: groß gewachsen, Wuschelhaare, er hat einen ungewöhnlichen Humor und hat einen einnehmend, offenen Charakter. Einer der zugleich irgendwie schräg ist, rausfällt. 16 Jahre später erinnern sich verschiedene Personen, die alle seine Bekanntschaft gemacht hatten, an ihn, und in übergangslos montierten Rückblicken findet der Film - durch seine unterschiedlichen Perspektiven - neue Blickwinkel auf die Person Yonosukes.

Hierfür gibt es auch einen Anlaß, der teilt sich aber erst ganz am Ende des Films mit. Dieser Film, eigentlich eine coming-of-age-Geschichte, ist voller origineller Einfälle, von lautem und leisem Witz, immer durchzogen von einer Spur Ironie und Humor. A STORY OF YONOSUKE ist trotz seiner 160 Minuten extrem kurzweilig, und hat eine völlig ungewöhnliche Narration. Beim ersten Einschub eines sozusagen "zukünftigen Flashbacks", denn die Zeit der Haupthandlung sind eben die 80er, versteht man zunächst überhaupt nicht, was man da sieht (die ansatzweise gealterten Physiognomien sind für Europäer zudem schwer zu erkennen). Und erst wenn man verstanden hat, wie dieses System aus eingewobenen, formal nicht gekennzeichneten Rückblicken funktioniert, bekommt man den eigentlichen Ton des Films zu spüren, eine sozusagen sanfte Melancholie.

Der Film ist geskriptet nach einem Roman von Shuichi Yoshida, von dem auch die Vorlage und das Drehbuch zu VILLAIN stammt (der mich allerdings nicht überzeugt hat und den ich problematisch finde). Deutlich wird aber auch hier das Gespür für Charaktere, die sanft neben der Spur stehen. Aber was heißt hier sanft: eine Begegenung mit Yonosuke ist dermaßen ansteckend, dass nicht nur seine Freundin im Film in abruptes Gelächter ausbricht, sondern auch gleich der komplette Kinosaal. Ich habe noch nie einen Film gesehen, bei dem sich das Publikum derart stark hat mitreißen lassen. Für mich ist A STORY OF YONOSUKE (jenseits der bereits gesehenen Filme auf der Berlinale) klar der beste Film des Festivals hier in Hong Kong.


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Mittwoch, 3. April 2013

HKIFF: Cold War (Longman Leung & Sunny Luk, Hongkong 2012)


Ein kalt glänzer und stark verwickelter Polizeithriller im Stile der INFERNAL AFFAIRS-Filme, der diesen jedoch nicht mal ansatzweise nahe kommt und Schnittgewitter mit Spannung, Bombast mit Größe verwechselt. Dabei ist es bemerkenswert, mit welcher Konsequenz diese Linie von den beiden Regieneulingen durchgezogen wird, und mit welcher Souveränität der Cast agiert (vorne weg: Aaron Kwok und Tony Leung). Das hält den Film stilistisch durchaus zusammen, jedoch sind die Figuren dermaßen in ihren Funktionen gefangen, dass eigentlich keine einzige dem Zuschauer nahe kommt. Auch in diese Richtung also bleibt der Film ein kaltes Monument der reinen Oberfläche aus Stahl, Glas, Form, Funktion, Sinn und Zweck. Menschliches - auch wenn es immer wieder um Schicksale gehen soll - findet quasi nicht statt. Dass es im Film auch keine einzige irgendwie relevante Frauenrolle gibt, darüber muss man wohl auch geflissentlich hinwegsehen.

Der Thriller über die Korruption in den obersten Etagen der hongkonger Polizeikräfte (Auslöser ist ein gestohlener Einsatzwagen mit extrem teurem Equipment - und das in der "sichersten Metropole Asiens", wie mehrfach betont wird) war einer, wenn nicht der erfolgreichste chinesische Film 2012 in HK, und gilt als ungewöhnlich komplexer Mainstreamfilm. Mich hat er überhaupt nicht überzeugt, wenngleich eine durchaus nicht zu leugnende Faszination von diesem kalten Koloss ausgeht. Auf dem Festival lief der Film in der Sektion HK - Panorama 2012-2013, in der besonders erfolgreiche Filme des letzten Jahres noch einmal gezeigt wurden.

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Montag, 1. April 2013

HKIFF 2013: A Werewolf Boy / Neukdae Sonyeon (Jo Sung-hee, Südkorea 2012)


Jo Sung-hee, der mit seinem Debut END OF ANIMAL (2010) schon einen ordentlichen und verstörenden Arthousefilm vorlegte, erreichte mit seinem ersten, großen kommerziellen Film eine ziemliche Aufmerksamkeit: im Kino in Korea hat der Film sehr gut abgeschnitten und einen Achtungserfolg eingeheimst. Kein Wunder, bedient er doch einen jeden Geschmack...

In diesem stets leise grusligen Horrorfilmdrama um ein krankes Mädchen, das, umgezogen auf's Land in ein Hexenhaus, im Schuppen einen verwilderten "Wolfsjungen" entdeckt, ihm Nähe und Zuneigung schenkt und so in die Welt der Menschen führt, wartet man stets auf den Ausbruch des Animalischen. Denn der Junge, das sieht man schon auf dem Plakat, verwandelt sich unter Bedrohung in eine Bestie. In bester Werwolfmanier wächst das Tier aus ihm heraus: die Haare sprießen, die Hände formen sich zu Klauen, das Gebiß verformt sich mit reißenden Eckzähnen in eine tödliche Waffe. Dies freilich nur zum moralisch integeren Selbstschutz, etwa wenn er angegriffen wird oder die Geliebte schützen muss. Ein Schelm, wer da an Fantasy - Vampirromanzen, die unter Verzichtsprämisse stehen, denkt. A WEREWOLF BOY freilich hat einen eigenen Ton, eine eigene Atmosphäre. Mal Komödie, mal sympathisches Slice-of-Life-Drama, mal Liebestragödie, dabei stets unterhaltend und beim Sehen weit weniger aufdringlich wie hier beim Auflisten der Standards und Schablonen vielleicht zu vermuten wäre: dieser Film macht durchaus Spaß. Die Schauspieler sind aber auch alle wirklich sehr süß! - oder wenn zum Spannungsaufbau der Film einfach über lange Zeit sehr sehr still wird. Das ist immer wieder originell und bannt den Blick. Es steckt eben doch etwas mehr im Film, als nur eine einfache geschnulzelte Fabel.

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