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Freitag, 31. Mai 2013

Thattathin Marayathu / Behind the Veil (Vineeth Sreenivasan, Indien 2012)


Dieser Malayalam Film erzählt die gesellschaftlich brisante Geschichte von der zunächst unerfüllbaren Liebe zwischen dem Hindu Vinod (Nivin Pauly) und der Muslima Aisha (Isha Talwar), die aufgrund, logischerweise, der Religion, dem Stand und dem sozialen Status nicht zusammen finden können - und dürfen. Der Film wird in der ersten Hälfte komplett als Rückblick erzählt: wie der junge Mann nachts auf dem Grundstück von Abdul Khader, mächtiger Polititker sowie Onkel und Erziehungsberechtigter Ayshas, geschnappt und im lokalen Polizeirevier in Gewahrsam genommen wurde. Freilich im Verdacht, dem politischen Gegner anzugehören (es stehen Wahlen an). Natürlich wollte Vinod nur zu Aysha, was er aber nicht sagen kann. So offenbart er sich in einer langen Nacht des Geschichtenerzählens den anwesenden Polizisten, die so begierig auf eine Romanze sind, dass sie sich schließlich dazu entschließen, dieser "unmöglichen Liebe" auf die Sprünge und über alle Schranken hinweg, zum Glück zu verhelfen...

BEHIND THE VEIL, obwohl von den gängigen Netzinstanzen wie der zuletzt rezensierte USTAD HOTEL zu den besten MALAYALAM MOVIES 2012 zugerechnet (vgl. hier, hier, oder hier), ist wirklich grottenschlecht. Eine völlig verkitschte und hohle Angelegenheit. Das Ärgerlichste am Film aber ist die Tatsache, dass aus der wirklich ernsthaften und interessanten Prämisse nichts gemacht wurde. Hier wird nur behauptet, nichts erzählt. Die Motivationen der Charaktere bleiben völlig unerklärlich: Liebe auf den ersten Blick, klar und dann auch: Heirat, natürlich. Obwohl man sich nur einmal kurz gesehen hat - und noch nie mit einander gesprochen. Ein paar kurze Briefe in Geheimschrift sollen ausreichen, um dem Publikum glaubhaft zu machen, wie unendlich tief diese Liebe ist, die noch nichts Gemeinsames erlebt hat; zwischen zwei Menschen, denen scheinbar der Gedanke an das Verliebtsein als Substitut für den anderen Menschen genügt. Protagonisten, die bei kurzen Aufeinandertreffen nichts sagen können vor Schüchtern- oder Verstocktheit oder auch aus gesellschaftlichen Gründen. Es ist geradezu absurd - THATTATHIN MARAYATHU ist vollkommen auf romantischen Konstruktionen aufgebaut, bei denen vergessen wurde, sie mit Leben zu füllen. Insbesondere Aisha, die vielleicht drei Sätze im ganzen Film sagt, bleibt ein schön anzusehendes Mysterium, deren Schleier (der Vinod so sehr verzaubert) auch den Mund zu verschließen scheint (was ja noch glaubhaft wäre), aber man muss es deutlich sagen: dieser Vinod ist so ein Tropf, so ein Antiheld, so ein unglaublicher Langweiler in blöden H&M-Shirts, dass man sich fragt, warum um Gottes Willen man sich auf diesen Menschen einlassen sollte. Gefühle werden hier nicht nachfühlbar gemacht, sie werden nur behauptet.

Die permanent nur anzitierte Musik weiß ebenfalls nicht zu überzeugen, die Montage ist schleppend, die Konstruktion bemüht. So hat der Film etwa noch eine Rahmenhandlung, die dann auf dem Pier von Thalassery wieder ihren Abschluß findet und so als geradezu klassischer Erzählrahmen fungiert, der vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter den Lebensläufen eine Form gibt (bzw. diese vorgaukeln soll). Ein merkwürdiges Verständnis von Schicksalhaftigkeit für einen Film, der auf den Bruch mit verkarsteten Bräuchen und Traditionen setzt und auf ein neues Glücksversprechen abzielt, das sich in freien Entscheidungsoptionen des Individuums äußern soll. Am Ende also, da führt sich der Film selbst noch ad absurdum.

Michael Schleeh

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Donnerstag, 30. Mai 2013

Ustad Hotel (Anwar Rasheed, Indien 2012)


Faisi (auch Faisal, gespielt von Dulquer Salmaan) geht nach Lausanne um Hotelmanagement zu studieren. Sein Vater Razaq (Siddique) hat große Pläne: nach der Rückkehr des Sohnes will er in seiner Heimatstadt Kozhikode ein 5 Sterne-Hotel eröffnen (das ist im Bundesstaat Kerala an der Südwestküste Indiens). Doch daraus wird nichts: denn stattdessen hat Faisi eine Ausbildung zum Koch gemacht und plant, mit seiner Freundin nach London zu ziehen um dort in einem Erste Klasse-Restaurant als Chef de Cuisine zu arbeiten. Razaq ist stinksauer und nimmt ihm den Pass weg, worauf Faisal bei seinem Großvater Unterschlupf findet, der das Ustad Hotel führt; ein etwas trashiges, aber dafür für seine Speise Biryani legendäres Etablissement am Strand. Dort findet er schnell Anschluß in der regelmäßig sich versammelnden Gemeinschaft und lernt auch die schöne Shahana (Nithya Menon) kennen, die ihm gehörig den Kopf verdreht.

Und der Film erzählt dann hauptsächlich von der Reifung seines Protagonisten, der in verschiedenen Episoden zum erwachsenen Manne heranwächst, der schließlich seinen Platz im Leben findet - mitsamt der Frau dazu, natürlich. Der Film ist ausserordentlich souverän ausgeführt, sehr angenehmer Rhythmus, beinahe etwas zu gemächlich manchmal. Die Filmmusik, völlig unterstützend, weiß sehr zu gefallen, ist abwechslungsreich, vom Metal-Stück über Folklore bis hin zum unvermeidlichen Jodler (in der Schweiz) ist alles und für jeden Geschmack etwas dabei. Doch nun im Ernst: die Musik ist wirklich sehr abwechslungsreich, und damit meine ich nicht nur die Song and Dance-Szenen, sondern die Filmmusik generell. Sie hilft über so manche Länge - vor allem nach der Intermission - des 150minütigen Films hinweg. Dass der Film in einer muslimischen Gemeinde (nicht nur) spielt, ist eine weitere interessante Besonderheit (für meine Sehgewohnheiten). Hier bekommt man etwa zu sehen, wie ein Tschador angelegt wird (für mich neu) und das mit viel Gelächter und erotischem Esprit! Kurz nachdem das Paar, Faisi und Shahana, beim Trampen in eine brenzlige Situation geraten waren, die auch hätte übel ausgehen können.

USTAD HOTEL gilt als der beste und erfolgreichste Malayalam Film 2012, die indischen Webseiten sind voll des Lobes. An den Erfolg knüpft sich der Aufstieg eines neuen Stars am Himmel von Kerala, der hier in seinem zweiten Film auftritt: Dulquer Salman. Sein Debut lieferte er in Srinath Rajendrans SECOND SHOW (2012) ab, der ebenfalls sehr gut in der Kritik wegkommt. Salma(a)n hatte gute Startchancen, sein Vater ist der Schauspieler Mammootty, eine Ikone im Business, dessen Aktivitäten weit über seine Schauspielerei hinausgehen. Man kann sich in USTAD HOTEL jedenfalls wunderbar niederlassen, sich unterhalten lassen, sich am Ende, bei einer rührenden Szene der Nächstenliebe, zu einer Träne hinreißen lassen. Eine Szene allerdings (in der Faizi seine soziale Verantwortung gegenüber den Armen und Hungernden begreift), die in ihrer manipulativen Funktionalität und Schlichtheit ziemlich daneben ist - im Sinne einer humanistischen Naivität, die den guten Geschmack vermissen lässt, den der Film ansonsten auszeichnet. Und es läßt sich auch nicht wegreden, dass sich - für das westliche Auge - eine ganze Reihe (zu) forcierter Aspekte des Kommerzfilms im Film finden lassen. Gleichwohl steht einiges auf der Habenseite: wie erwähnt, das Erzähltempo, die durchweg sympathischen Figuren und Darsteller, der plausible Generationenkonflikt, die bisweilen schöne Kamera und letztlich der doch recht hohe Unterhaltungswert. Die Filmkunst wird USTAD HOTEL sicherlich nicht unbedingt revolutionieren, dem Zuschauer einen schönen Abend bescheren aber vielleicht doch.

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Dienstag, 28. Mai 2013

Ufo in her Eyes (Xiaolu Guo, Deutschland 2011)


Der von viellfachen europäischen Institutionen geförderte zweite Spielfilm der jungen chinesischen Schriftstellerin Xiaolu Guo, die seit mehreren Jahren in London lebt (wie die Exilantin in ihrem Debutfilm SHE, A CHINESE), ist eine Groteske auf das Heimatland. Vielleicht hat die Distanz ihren Blick geschärft, wie Anke Sterneborg in der Süddeutschen Zeitung vermutet, das mag sein - zumindest ist ihr Film souveränerweise auch zärtlich in seiner Darstellung des Schreckens. Jedoch wird der Eindruck insgesamt etwas getrübt durch die schon zum Stilmittel ausgebauten Hinwendung zur kuriosen Miniatur einer Miranda July-esken Art und Weise. UFO IN HER EYES ist manchmal einfach etwas penetrant.

Darüber hinaus ist das Schicksal der Bäuerin Kwok Yun, Mitte 30 und immer noch unverheiratet, eine berührende Studie chinesischen Lebens in der Provinz zwischen Tradition und Moderne. Gedreht irgendwo im Süden, wohl in der Nähe des pittoresken Provinzstädtchens Guilin, hat diese einfache Frau eine Affäre mit dem Schulvorsteher, der etwa 30 Jahre älter ist als sie und freilich verheiratet. Nach einem Stelldichein unter einem Baum im Feld findet sie einen Kristall und taumelt zu Boden, sieht in gleißendem Licht ein Ufo (vielleicht), und hat eine reichlich verzerrte Optik (wie später die Tiere, aus deren subjektiver Perspektive das groteske Treiben der Menschen gezeigt wird). Als sie wieder erwacht, liegt ein amerikanischer Diplomat neben ihr (Udo Kier), der sich eine Verwundung zugezogen hat. Sie heilt ihn, und wird zur Heldin des Dorfes ernannt. Schon weil dieser einen Scheck vorbeischickt. Die linientreue Dorfvorsteherin versteht es dann anschließend, aus der "Ufosichtung" gewinnbringend Kapital zu schlagen und bald schon finden sich Touristen ein, bald wird ein Ufo-Frienship-Hotel gebaut, dann ein Golfplatz errichtet. Es ist die illegale Landnahme durch die Autorität Staatsmacht, an der der Film Kritik übt - man sieht aufgebrachte Bauern bei einer Demonstration, dann bei einem regelrechten Aufstand; Bauern, denen die Lebensgrundlage genommen wird und die den persönlichen Nachteil in den Dienst der großen Sache stellen sollen. Bald arbeitet die Vorsteherin in einem neu designten Büro und sitzt hinter einem Macbook. Also: alles stets im Dienst fürs große Ganze. Der Film wußte in China übrigens die Gemüter der Zensoren zu erregen und und wurde nur stark geschnitten freigegeben (wenn überhaupt - hier fehlen mir genauere Informationen, man findet unterschiedliche Aussagen im Netz).

Xiaolu Guo erlaubt sich einige inszenatorische Freiheiten, um die grotesken Ereignisse auch formal hervorzuheben: Standbilder, Wechsel zu schwarz-weißen Bildern, Perspektivenwechsel (zu Tieren oder zum Parteifunktionär), eingeblendete Texttafeln, moderne Elektronikmusik und einen dystopischen Score. UFO IN HER EYES ist ein ziemlich souveräner, manchmal nerviger Film geworden, dem man ein besseres Script gewünscht hätte. Und der doch vielen Leuten gut gefallen dürfte, schon wegen seiner politischen Korrektheit. In seinen unaufdringlicheren, leisen Momenten ist er tatsächlich ziemlich toll geworden, und die Darstellerin der Kwok Yun, Ke Shi, ist hervorragend.

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Freitag, 24. Mai 2013

Be Sure to Share / Chanto Tsutaeru (Sion Sono, Japan 2009)


Ein ruhiger, melodramatischer Film Sion Sonos. Ohne Blut, fast ohne Gewalt - ein bei uns weniger wahrgenommer Aspekt im Oeuvre des hauptsächlich auf seine Skandalfilme reduzierten Regisseurs. Aber Sonos Bandbreite ist größer (vgl. der hier besprochene INTO A DREAM von 2005) - gleichwohl ist der Film so etwas wie der ruhende Pol zwischen Filmen wie EXTE und LOVE EXPOSURE (davor) und COLD FISH (danach). BE SURE TO SHARE ist ein gefühlvolles Krankendrama, das zwischen Erwachsenwerden, Erinnerung, und Familie hin und her gleitet und dabei die Brüche offenlegt, die man in solch fragilen Gefügen nur allzu gerne zu übersehen bereit ist.

In der Hauptrolle des Shiro ein Pop-Idol, Akira von der Band Exile. Seine süße Freundin wird von Ayumi Ito gespielt, die man vielleicht aus GANTZ! kennt, oder als Akemi in INTERIOR DESIGN aus dem omnibus-Film TOKYO! Eiji Okuda spielt den Vater, um dessen Anerkennung Shiro kämpft. Die Zeit jedoch wird knapp, mit einer Krebsdiagnose liegt das Familienoberhaupt im Krankenhaus. Und ihr Verhältnis war alles andere als herzlich, wie die zahlreichen Flashbacks in die Jugend Shiros belegen: sein Vater, der zugleich der Sportlehrer war, hat seinen Sohn, um ihn nicht den anderen Schülern zu bevorzugen, besonders hart rangenommen. Erst später gab es dann eine emotionale Annäherung - ein sowieso schwieriges Thema im japanischen Familiengefüge -, und so ist das gemeinsame Sehnsuchtsziel ein Angel-Trip zu einem nahegelegenen See. Doch auch seine seit Jahren andauernde Freundschaft mit Yoko bewegt sich nicht voran. Diese wartet auf ein Zeichen des schüchternen Jungen, beide sind Ende 20 und müssten dringend heiraten. Auch Shiros Mutter ist diese offene Beziehung ein Dorn im Auge.

In der Auflistung der Ereignisse wird das melodramatische Potenzial des Films deutlich - Shiro kauft sich sogar noch eine Angel, um dem Vater die Dringlichkeit seiner Genesung klar zu machen. Und dann erfolgt die Potenzierung der Schicksalsschläge - tragische Ironie der Ereignisse: bald sogar wird Shiro mit einem Krebsleiden diagnostiziert, was er aber der Familie verschweigt. Und nur Yoko bekommt schließlich die Wahrheit zu hören. BE SURE TO SHARE hätte ein wahrlich furchtbarer Film werden können - nicht aber bei einem Mann wie Sono. Ruhig ist der Film inszeniert, wie in einem Kammerspiel völlig von den Figuren und dem souveränen Schauspiel der Darsteller getragen. Ohne Bombast und Pomp, ohne Schmalz inszeniert, allenfalls mit einem Hang zum Grotesken, was sich etwa in der Szene der Begräbnisprozession zeigt. Dadurch bekommt der Film einen emotionalen Grip, den ich ihm nicht zugetraut hätte. Es ist ein Film, der sich Zeit lässt, und doch nie manieristisch wird. Ein Jugendfilm, ein Coming-of-Age-Film, ein Generationendrama mit impliziter Gesellschaftskritik, die sich wie im Vorbeigehen entwickelt. Weder die Landschaften, noch die Sets tragen auf - der Film zeichnet sich durch seine Lakonie aus, und das in jeder Hinsicht. Dafür, dass er sein Gerüst auf so vielen Stereotypen aufbaut, ist dieser "kleine" Film aus dem japanischen Alltag sehr gelungen, und dann doch wieder - aus den richtigen Gründen - ein großer.

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Montag, 20. Mai 2013

Barfuss durch die Hölle / Human Condition / Ningen no joken (Masaki Kobayashi, Japan 1959-1961)

Die Sichtung dieses monumentalen Filmes habe ich lange Zeit vor mir hergeschoben; zum einen, weil ich einen gehörigen Respekt vor der "Größe" des Werks innerhalb der Filmgeschichte hatte, zum anderen deswegen, da Masaki Kobayashis HARAKIRI einer meiner allerliebsten, zutiefst bewunderten Filmmeisterwerke ist - wodurch natürlich ein gewaltiger Respekt gegenüber dem gesamten Werk Kobayashis entstanden ist, der sich mit den Sichtungen von KWAIDAN oder etwa SAMURAI REBELLION bestätigt hat. Und der Ruhm von NINGEN NO JOKEN ist sowieso legendär. Ein Film also, den man nicht einfach so wegschaut zwischendurch. Leider stellt sich die  Erkenntnis ein, dass man solche Filme dann niemals schaut (ganz ähnlich geht es mir mit Béla Tarr), da man die  Sichtung immer noch einmal auf einen vermeintlich besseren Termin hinausschiebt. Wie auch immer dieser aussehen soll. Damit muß nun Schluß sein, Respekt ist gut, zuviel der Ehrfurcht ist schädlich - Vergötterung kindisch. Ich versuche mich also zu bessern, und habe mit dem ersten Teil nun einfach mal angefangen, und die beinah dreieinhalb Stunden des ersten Teils am Stück durchgeschaut. 

Ich schaue übrigens die Edition von Winklerfilm, die neben der vernachlässigenswerten, geschnittenen deutschen Fassung auch die richtige, lange, japanische Originalfassung bietet; ich möchte ein lokales Label unterstützen und bin auch mit der Optik der Box zufrieden. Die Bildqualität des Films ist sehr gut, etwa was Beschädigungen angeht, wenngleich ich mir etwas mehr Schärfe wünschen würde. Manchmal wirkt das Bild doch etwas verwaschen. Weniger zufrieden bin ich mit den deutschen Untertiteln der OF. Neben etlichen offensichtlichen Rechtschreibfehlern, die auf eine gewisse Fahrlässig- und Lieblosigkeit schließen lässt, ist auch nicht alles übersetzt! In schnelleren Dialogpassagen wird oft nicht jede Zeile, sondern lediglich zusammenfassend, also inhaltlich transkribiert. Kürzere Sätze der Bestätigung oder Ablehnung des Gesagten fallen recht häufig ganz unter den Tisch, um wohl dem Zuschauer nicht zuviel Text zuzumuten. Das ist eine veraltete, nicht mehr gängige und vollständig abzulehnende Praxis, die den Zuschauer bevormundet und sich über die Integrität des Film hinwegsetzt. Glücklicherweise verstehe ich mittlerweile soviel Japanisch, dass ich damit recht gut zurechtkomme. In längeren Passagen kann man aber den Inhalt des Gesagten nur vermuten. Außerdem ist das Timing der Einblendungen verbesserungswürdig - es gibt immer wieder Stellen, an denen die Zeilen rasend schnell wieder verschwinden, sodaß man, selbst wenn sehr geübt ist, kaum Gelegenheit hat, diese zu lesen. Positiv fällt allerdings auf, dass viele Schilder, Plakate usw. Eingang in die Übersetzung gefunden haben. Optimal wäre nun ein Abgleich mit der zur gleichen Zeit erschienenen Edition von Criterion, ob hier mehr Sorgfalt auf diesen doch recht gravierenden Aspekt verwandt wurde. Das ist schon etwas schade, wenn man bei einer solch herausragenden Veröffentlichung eines bislang sträflich übergangenen Klassikers der Filmgeschichte diese Nachteile hinnehmen muss. Die Edition finde ich somit tendenziell empfehlenswert, aber leider mit Einschränkung.




Teil 1

BARFUSS DURCH DIE HÖLLE beginnt als elegisches, stark melodramatisches Kriegsdrama, das in edlen Bildkompositionen die Fährnisse eines Ingenieurs und pazifistischen Intellektuellen (Tatsuya Nakadai) nachzeichnet, der sich, um sich dem Kriegsdienst zu entziehen, von seinem Arbeitgeber in ein Stahlwerk in der Mandschurei versetzen läßt. Kaji ist ein Mann mit neuen Ideen und mit Selbstbewußtsein, und macht sich in kürzester Zeit demnach wenig beliebt bei den Hornochsen und Schleifern vor Ort, die ihre Leute vor allem mit roher Gewalt zur Arbeit zwingen. Der Konflikt verstärkt sich zusehends und kommt dann im zweiten dieses ersten Teils zur Eskalation, nämlich mit einer Ladung chinesischer Kriegsgefangener. 600 an der Zahl, die als Zwangsarbeiter in einer Art KZ mit Barracken und stromgesichertem Stacheldrahtzaun auf dem Gelände gefangen gehalten werden. Menschen, die unter den Schikanen der Wärter und der schlechten Ernährung leiden, die durch die harte Arbeit immer an der Grenze des Todes wandeln. Kaji solidarisiert sich mit ihnen und bekommt dadurch natürlich noch mehr Probleme - und als die japanische Geschäftsführung des Werks, wie in einer immer noch weiter sich steigernden Spirale des Schreckens, schließlich unter dem gewaltigen Druck der Kriegsproduktion auch noch eine irrsinnige Stahlproduktionssteigerung von 20% unter allen Umständen durchsetzen will, droht Kaji zwischen den längst verhärteten Fronten und seinem Gewissen zerrieben zu werden.

Dieser erste Teil der beinahe zehnstündigen Trilogie lässt sich zunächst viel Zeit mit der Einführung der Figuren und der Etablierung der Erzählung. Dadurch bekommt der Film ein episches Gewicht, eine Gravität, die noch durch Kobayashis ruhigen Inszenierungsstil verstärkt wird. Lange Plansequenzen sind angesagt, wenig Schnitte, starke Rhythmisierung dann in der Bildfolge, wenn die Dramatik zunimmt - etwa wenn die gefürchteten Kriegsgefangenen ankommen und voller Angst die Waggontüren des Zuges aufgestoßen werden, nur um dann schockierende Bilder zu zeigen, wie halbtote, völlig ausgehungerte Skelette auf die Bankette stürzen. Hier bekommt der Film einen humanistischen Impact, der später in den vielen Gesprächen Kajis mit den Chinesen noch vertieft wird, die ihn als ihren Mittler immer wieder zur Rede stellen und in die Verantwortung nehmen - schließlich fungiert er dann als Stellvertreter der Besatzer. Aber immer wieder drehen sich die Gespräche auch um allgemeinmenschliche Fragen des Gewissens, wenn es darum geht, wie man als Mensch mit moralischen Werten halbwegs aufrecht durch diese Zeiten des Krieges kommt, in der der Tod alltäglich und das Streben nach Macht über mancherlei Abkürzungen zum schnellen Erfolg führen kann. Auch etliche Subplots vertiefen dieses Thema, etwa im Verhältnis der Männer zu den ansässigen Damen, die in einem Bordell den Soldaten zur Verfügung zu stehen haben. Höhepunkt dieses ersten Teils ist dann unzweifelhaft die Exekution mehrerer chinesischer Gefangener, die man eines Ausbruchsversuchs bezichtigt, den sie nicht unternommen haben. Da gerät nun Kaji in eine lebensgefährliche Zwickmühle...

Eine wichtige Szene nämlich auch insofern, da hier von einem japanischen Regisseur japanische Kriegsverbrechen gezeigt werden - in einem Land, das bis zum heutigen Tag ein gewaltiges Defizit in der Aufarbeitung seiner Schuld im 2. Weltkrieg zu verbuchen hat. Die stolze, über alle Zweifel erhabene Nation bekommt den Spiegel vorgehalten. Kobayashi, der Nestbeschmutzer, hatte schon während der ausufernden Produktionsphase im Vorfeld gegen zahlreiche Widerstände von Seiten Shochikus anzukämpfen gehabt. Angeblich wollte Shochiku die Produktion sogar komplett verhindern, woraufhin Kobayashi damit gedroht hatte, das Studio zu verlassen.

Teil 2

Kajis Gerechtigkeitssinn stößt bei seinen Vorgesetzten auf wenig Gegenliebe, und so wird er, gegen die Abmachung, zum Wehrdienst in die Kwantung-Armee eingezogen (eigentlich: strafversetzt - was man so aber natürlich nicht sagen darf). In der ersten Hälfte dieses zweiten Teils kommt er in ein Ausbildungslager, wo er seinen Grundwehrdienst ableisten muss. Dort macht er Bekanntschaft - im Guten wie im Schlechten - mit einigen Personen, denen er später immer wieder begegnen wird. Hier zeigt sich überraschenderweise, wie der Pazifist Kaji (mit starkem Hang zum Kommunismus) ein hervorragender Soldat ist, der unverkennbar Führungsqualitäten entwickelt. Zudem ist er ein ausgezeichneter Scharfschütze. Höhepunkt dieses Teils ist sicherlich der überraschende Besuch seiner Frau, der in der Kaserne für viel Aufregung sorgt. Neben den üblichen Anzüglichkeiten, die nicht weiter ernst zu nehmen sind, ist es vor allem das Gift der Neider, das in tiefere Schichten vordringt. Denn Kaji bekommt vom Kommandanten, der ihn eigentlich nicht besonders mag, aber für seine eigene Meinung respektiert, das Privileg, eine Nacht mit seiner Frau allein zu zweit in einem Materialschuppen zu verbringen. Eine wichtige Nacht für Kaji, in der er seiner Frau verspricht, lebend aus dem Krieg zu ihr zurück zu kommen - was auch für den Rest des gesamten Films dann das bestimmende Motiv seiner schon übermenschlichen Durchhaltekraft ist; eine Bereitschaft, das Elend der alptraumartigen Odyssee zu ertragen.

Ernst wird es dann in den zweiten eineinhalb Stunden, wenn Kajis Einheit an die Front muss. Neben dem üblichen Vorgeplänkel wie harte Arbeit bei schlechter Ernähung, den Strapazen des Anlegens von unsinnigen Schützengräben, des Baus von Unterständen und dergleichen, zieht die Spannung ab dem Moment gewaltig an, wenn der Feind, also die Rote Armee, anrückt. Sie kommen mit schwerem Geschütz und mit Panzern, die eine übermächtige Angriffskette über den Hügelrücken bilden. Kaji und seine Männer stecken verloren in ihren Erdlöchern fest, einige fangen vor Verzweiflung an zu heulen. Dann kommt es zur großen Schlacht, die für die Japaner ein einziges Desaster ist, und die mit der erfolgreichen Invasion der Sowjets in der Mandschurei endet.

Bemerkenswert sind auch hier wieder die Schritte von Kajis intellektueller Reifung, der im Angesicht dieses brutalen Tötens die Sinnlosigkeit des Krieges erkennt. Eine Unmenschlichkeit, die  vom Individuum ein zu großes Opfer fordert, nämlich schlicht das eigene Leben hin zu geben. Ein falsch verstandener und missbrauchter Patriotismus ist es in Kajis Augen, mit dem die Männer auf dem "Feld der Ehre" in den Tod getrieben werden, in aussichtslose Kämpfe und bereits verlorene Schlachten hinein. Ein russischer Offizier schleudert es Kaji später ins Gesicht: er sei nichts weiter als ein fascist Samurai. Eine Beleidigung, entstanden aufgrund der Sprachbarriere, und zugleich ein vielsagendes Missverständnis. Die Ehre des Japaners, des nipponjin, wird eben allzugerne von den Dienstgraden mit den sauberen Uniformen heraufbeschworen, wenn die Soldaten in die Schlacht getrieben werden sollen. Diejenigen, die unten sind, müssen gehorchen.

Teil 3

Kaji will eines nicht mehr: gehorchen. Und so ist es für ihn eine eindeutige, hellsichtige Entscheidung wie er im Delirium vom Schlachtfeld taumelt, dass der Krieg für ihn beendet ist. Er läuft davon, er desertiert. Zumal der Krieg sowieso verloren scheint, von überall schlechte Nachrichten über verlorene Kämpfe und abgemurkste Einheiten. Und das Gebrüll der Vorgesetzten hört sich nach Verzweiflung, das Festhalten am bedingungslosen Gehorsam nach einem Prinzip, das abgedankt hat - als wolle man lediglich um jeden Preis den persönlichen Status aufrechterhalten, die einem über die Hierarchie ein wenig Restmacht sichert.

Kaji also, wann immer er mit seiner kleinen Truppe Flüchtender ("In den Süden!"), die sich aus versprengten Soldaten zusammensetzt, auf Reste von Armeeeinheiten mit Dienstgraden trifft, gibt nicht mehr nach. Seine Meinung und sein Wille ist gefestigt, zudem ist er allen rhetorisch weit überlegen. So schafft er es jedesmal aus den durchaus lebensgefährlichen Zwickmühlen, in die er gerät, aufgrund der Bestimmtheit seines Auftretens herauszukommen. Nach kurzer Zeit gerät die Gruppe in einen tiefen Wald, wo man auf einige Zivilisten trifft, die kurz vor dem Verhungern sind. Eine ehrbare Familie mit zwei Kindern, einem Neugeborenen, ist da, ebenso wie zwei Prostituierte und ein Greisenpaar. Kaji fühlt sich für sie verantwortlich, obwohl es in der Großgruppe für alle gefährlicher ist, und der Hunger weitaus schlimmer werden wird. Außerdem werden sie auch deutlich langsamer vorankommen. Bald schon stellen sich weitere interne Konflikte ein, vor allem was die beiden hübschen Frauen angeht: die Soldaten fühlen alsbald ihre Manneskraft zurückkehren, und Kaji muss auch hier ein Machtwort sprechen. Und wie an vielen kleinen Momenten klar geworden ist: Kaji ist jetzt der Anführer. Was er sagt, wird gemacht; er setzt sich durch.

So ist BARFUSS DURCH DIE HÖLLE vor allem auch die Geschichte einer individuellen Reifung. Eine, die aus Zwang aufgrund der Verhältnisse erfolgte, und die im Protagonisten schlummernden Kräfte zu erwecken hatte. Auch wenn diese Erzählung keine Heldengeschichte ist, ganz und gar nicht, so ist sie dennoch die desjenigen, der sehr lange zu überleben versteht. Und das auf moralisch integere Weise. Es hätte viele Momente gegeben, wo es einfacher und sehr verzeihlich gewesen wäre, wenn Kaji seine Odyssee in den Süden, zu seiner Frau - von der er nicht einmal mehr weiß, ob sie noch lebt - aufgegeben hätte. Dieses Sehnsuchtsziel gibt ihm die Kraft und den Willen zum Überleben und Weitermachen, ganz gleich wie irrational es auch sein möge. Kein Wunder, dass seine Haltung bald auch moralisch herausgefordert wird - es kündigt sich ein erotischer Konflikt an. Denn vor allem die Jüngere der Prostituierten kann Kajis Aufmerksamkeit erregen. Sie ist eine sensible junge Frau, die ihn mit ihren Worten und Formulierungen oft an seine eigene Frau Michiko erinnert. In der Jüngeren findet und sieht er seine Ehefrau wieder, und seine Aufrichtigkeit und seine Führungsstärke scheinen auch bei ihr Eindruck zu machen. Gleichwohl dauert es nicht lange, bis auch dieser Anflug eines kurzen Glücks zerstört ist.

Auf der Odyssee gerät Kaji mit seiner Truppe in ein Dorf von zurückgelassenen Frauen, wo sie für kurze Zeit Unterschlupf finden. Dort aber geraten sie schließlich in die Bredouille mit einer russischen Einheit, werden durch ein Verhängnis überwältigt und geraten in russische Kriegsgefangenschaft. Nun nimmt die Odyssee noch einmal ganz neue Dimensionen an. Im Lager müssen sie zwar sehr hart arbeiten, werden aber doch nicht völlig unmenschlich behandelt. Kobayashi macht das dadurch deutlich, indem er herausstreicht, wie brutal die japanischen Vorarbeiter gegen die eigenen Landsleute vorgehen, wohingegen die Russen dann mäßigend eingreifen müssen. Auch hier geht es wieder einmal um Status und Macht, sowie deren Missbrauch. Auch in diesem Lager eckt Kaji an, der sich für einen todkranken Kameraden einsetzt - und, das ist das Dilemma, von den eigentlich gut gewillten Russen nicht verstanden wird. Der japanische Übersetzer nämlich, der einen Groll gegen Kaji hegt, übersetzt absichtlich falsch. Er gerät in Ungnade, und so kann man sich sein Schicksal schon ausmalen: Kaji wird abkommandiert in den Norden, wo er beim Gleisbau, beim verlegen der Schienen für eine neue Eisenbahnlinie helfen muss. Die härteste Arbeit, Unterernährung, nachts draußen schlafen in der Kälte. Dann setzt Schneefall ein.

Kaji weiß, dass er dort sterben wird, und so kommt der Film schließlich, nach beinahe 10 Stunden Spielzeit zu seinem Ende: mit den Bildern seiner Flucht über verschneite Hochebenen und einsame Täler, mit einem inneren Monolog aus dem Off, die Bilder eines Dahinschleppens, des Taumelns durch die Weiten der menschenfeindlichen Steppe. Am Ende war Kaji sogar noch zum Mörder geworden, um einen toten Kameraden zu rächen. Das alles liegt jetzt hinter ihm. Michiko spricht zu ihm in seiner Erinnerung, er halluziniert ihr Gesicht, er läuft darauf zu, stürzt entkräftet zu Boden. Der Schnee fällt, die Stille hüllt ihn ein. Es wird Nacht. Der Film ist aus.


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Einige Screenshots aus dem Film:

Teil1:











Teil 2:












Teil 3:










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