DVD BluRay

Sonntag, 30. Juni 2013

Barsaat / The Monsoons / बरसात (Raj Kapoor, Indien 1949)


Die beiden Freunde Pran (Raj Kapoor) und Gopal (Prem Nath) unternehmen mit dem Wagen eine Landpartie - mit der Absicht, für Pran ein geeignetes Haus zum Kauf zu finden. Es ist Monsunzeit und beim Halt an einem Fluß genießen sie die Gastfreundschaft Neelas (Nimmi), eine Freundin Gopals. Dieser, ein Schwerenöter, verführt das Mädchen und verspricht, spätestens zum nächsten Monsun zurück zu sein. Ein Versprechen jedoch, wie später bedeutungsschwanger erläutert wird, bei Monsun ausgesprochen, wird niemals eingehalten werden. Diese raunende Weisheit gibt den thematischen Rahmen dieses großen Melodramas vor. Doch eigentlich geht es im Haupterzählstrang um den feinsinnigen Pran, der sich schließlich in einem opulenten Haus an selbigem Fluß niederlässt, und der sich in das einfache Fischermädchen von gegenüber verliebt: in Reshma (die betörende Nargis). Doch die Liebe findet keine Erfüllung; Reshmas Vater wendet sich gegen die Wünsche der Tochter und arrangiert eine Hochzeit mit einem Mann seiner Wahl aus der Nachbarschaft...

Liebe in Gefahr, das große Thema in Raj Kapoors zweitem Film, der sich zum veritablen Hit mit enormem Einspielergebnis mausern sollte und indische Filmgeschichte schrieb. Denn als die beiden sich die Liebe gestehen könnten, bringen sie die Worte nicht über die Lippen. Und später, als nach einer großartigen wie brutalen Szene der Vater die eigene Tochter den reißenden Fluten des Flusses überantwortet, scheint alles zu spät. Denn Reshma wird von einem Fischer flußabwärts zwar das Leben gerettet, dieser allerdings hält sie daraufhin gefangen und zwingt sie zur Hochzeit. Eine Wiedervereinigung mit dem Geliebten scheint völlig unmöglich, und der Ton des Films kippt beinahe in einen Herz-Schmerz-Terrorfilm. Als Reshma etwa einmal die Flucht wagt, da wird sie von dem hünenhaften Mann verfolgt, der in einer so großartigen wie schrecklichen Schattenriss-Szene die mächtige Axt über den Kopf hebt, um das Mädchen zu erschlagen.

Abgesehen von der unmittelbaren Brutalität, die wie eine Schockwelle von der Leinwand flutet, ist die Photographie dieses Films herausragend. Für seine Chiaroscuro-Bilder ist BARSAAT auch berühmt geworden, die den westlichen Zuschauer durchaus an die großen expressionistischen Stummfilme denken lassen oder bei den wunderschönen Nahaufnahmen und Portraits der Schauspieler an die nachtdunklen Schatten des Film Noir. Musikalisch recht dominant ist der beinahe dreistündige Film mit seinen 13 Songs ausgefallen, und nicht alle wissen zu überzeugen - wenngleich es auch ein paar sehr schöne Nummern gibt. An einer Stelle kommen sehr knapp drei Songs nacheinander, das ist dann doch ein wenig gewöhnungsbedürftig. Letztlich aber bleibt BARSAAT ein außergewöhnlich schön anzusehender Bollywood-Film (mit einem übrigens recht merkwürdigen Fuß-Fetisch), der mit seinen beiden Erzählsträngen so manche gefühlte Länge wieder beseitigt und sich mit zwei ikonenhaften Bildern in die Filmgeschichte einschrieb: einmal Raj Kapoor und Nargis in einer großen Liebesverzichterszene sich umfassend, während er die Violine in der Hand hält, und dann die Großaufnahme der beiden Liebenden, wie die Tränen des Helden auf die Wangen der Geliebten herabfallen.













***


Sonntag, 23. Juni 2013

Kanchenjungha / কাঞ্চনজঙ্ঘা (Satyajit Ray, Indien 1962)



Dann gibt es da dieses schöne Bild fast ganz am Ende, auf dem Flanierweg oberhalb der Ortschaft in Darjeeling, wo die reiche bengalische Mittelschichtenfamilie Urlaub macht und sich den Kanchenjunga im Himalaya-Massiv anschaut, und wie dann die junge Monisha (Alaknanda Roy) zwischen den beiden Männern steht und sich für einen entscheiden soll: den reichen, etwas selbstgefälligen, studierten Ingenieur mit Studium in Oxford, und andererseits den beinahe mittellosen Privatlehrer mit 50 Rupien Einkommen im Monat - der aber was von Poesie versteht, der fröhlich ist und vom Alter her passt, und der sich als einziger nicht von ihrem Vater einschüchtern lässt. Es ist also beinahe eine Szene wie in Kurosawas NO REGRETS FOR OUR YOUTH (1946), wo Setsuko Hara über den Fluss stolpert und ihr zwei Rivalen des Herzens Hilfe anbieten. Und das Schöne ist hier bei Ray: sie entscheidet sich erstmal für keinen von beiden, auch wenn ihr Herz, das wird deutlich, für den jungen Mann schlägt. Immerhin kann sie ihm noch einen für später zugesicherten Besuch abschwatzen, zuhause dann in Kalkutta. Da lichtet sich der ständige Nebel, der hier oben in den Bergen permanent wallt und den Blick verstellt, und macht die Sicht auf den Berg frei, den zu sehen alle hierhin gefahren sind.

Welchen sie, die Tochter, nun quasi besteigen musste gegen die Widerstände von Tradition und vor allem: Familie (was soviel heißt wie: Vater). Der Berg, der höchste Berg Indiens (die Grenze zwischen dem indischen Bundesstaat Sikkim und Nepal verläuft über dessen Gipfel) fungiert in diesem Film freilich auch als Metapher für die (gesellschaftlichen und seit Ewigkeiten bestehenden) Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Und derer gibt es einige im Film, dessen Handlung sich aus vielen verschiedenen Handlungssträngen zusammensetzt (der Film wird auch als früher Vertreter des Hyperlink-Cinemas bezeichnet, so wie NASHVILLE und SHORTS CUTS von Robert Altmann oder die Filme Alejandro González Iñárritus, in denen parallel verlaufende, verschiedene Geschichten erzählt werden und die an verschiedenen Triggerstellen miteinander verlinkt sind und/oder aufeinander reagieren).

Das Figurenarsenal ist recht groß im Film, aber nicht alle werden gleichberechtigt in Szene gesetzt. Vielleicht noch eine Kleinigkeit aus diesem Nebenfigurenkreis, denn auch da geht es unter anderem um eine Ehefrau, die sich emanzipiert hat. Seit jungen Jahren arrangiert verheiratet, hat diese sich später, als reife Frau, einen Liebhaber genommen, und konnte das vor dem Gatten geheim halten. Jetzt jedoch kommt alles raus, und schließlich überwindet sich der Mann dazu, der Frau das Recht zuzugestehen, selbst entscheiden zu dürfen. Das Liebesverhältnis ist aber bereits abgeklungen, sie hat den Wert in der Ehe wieder entdeckt, und denkt gar nicht daran, ihn zu verlassen. Der Mann akzeptiert und die Ehe ist gerettet. Das ist kein konservativer Rückfall, wie man vorschnell denken könnte, nein, denn genau genommen hat sich nun vor allem das Machtverhältnis zwischen den Eheleuten verändert. Zum Positiven für die Frau. Die Bedingungen, auf denen die Gemeinschaft der beiden fußt, sind nun gänzlich andere, als zuvor. KANCHENJUNGHA ist trotz seiner alles dominierenden Dialoglastigkeit merkwürdigerweise ein sehr spannender Film, obwohl eigentlich ausschließlich geredet wird und an Aktion, an Bewegungs - Kino, nichts passiert. Auch der Landschaftsbonus dieser idyllischen wie zugleich spektakulären Gegend wird von Ray nicht ausgespielt; das kann er sich nicht leisten, denn dies kann nur die letzte Szene sein, in der dann endlich Klarheit herrscht. Umso erstaunlicher, wie gut das hier funktioniert - und wie modern dieser Film auch heute noch wirkt. Es stimmt schon ein wenig nachdenklich, wenn fünfzig Jahre später genau dieselben Konflikte im indischen Kino immer noch virulent sind.

***

Mittwoch, 19. Juni 2013

M (Ryuichi Hiroki, Japan 2006)


Verschüchteter Blümchensex ist nicht gerade etwas, was Ryuichi Hiroki zu interessieren scheint. Vielmehr sind es die psychischen Abgründe der Menschen, die sich in in seinen Filmen Bahn brechen - und diese vorwiegend als sexuelle Obsession. Auch in "M" ist das wieder so. Die zurückhaltende Protagonistin fristet ihr Dasein als Hausfrau in rechtwinklig aseptischem Ambiente. Der Gatte rennt jeden Tag ins Büro und kehrt spätabends erschöpft nach Hause zurück. Ein Bier bitte und das Essen darf sie ihm bringen, das war es dann. Der Sohn geht nun auch schon zur Schule, da weiß sie oft nichts mit sich anzufangen.

Über das Internet und das Mobiltelephon versüßt sie sich allerdings den Alltag - über eine Datingseite hat sie Kontakt zu fremden Männern und bekommt dort die Bestätigung, die ihr sonst fehlt. Wie sich dann herausstellt, trifft sie sich mit diesen Männern, und für 50.000 Yen schlüpft sie für wenige Stunden in die Rolle einer Prostituierten. Ein wenig Abenteuer, ein wenig extra Cash. Doch einmal geht es dann gründlich schief: der zunächst so nette Kunde stellt sich als creepiger Yakuza heraus, dem ihre freiberufliche Tätigkeit gewaltig stinkt - sie nimmt seinen Ladies die Arbeit weg. Da zwingt er sie, für ihn zu arbeiten, und mit den im Netz hochgeladenen Photos, die er von ihrer "Züchtigung" macht, verdient er nebenbei noch gutes Geld. Doch dann bekommt ihr Gatte durch einen Zufall die Bilder zugespielt, und die Welt scheint auseinander zu brechen.

"M" ist, wie Hirokis andere Filme, unaufdringlich naturalistisch. Die Bilder sind direkt, ungeschönt, es gibt keine extravaganten Kameraspielereien. Oft dicht an den Figuren dran. Die Musik ebenso: eingängig, unterstützend, aber reduziert. "M" ist ein Genrebastard, irgendwo zwischen Drama und Thriller, mit einigen Sexfilmeinlagen. Thematisch scheint mir der Film etwas vollgestopft zu sein. Es werden sehr viele Themen angerissen, Biographien hergeleitet, es gibt einige vielleicht unnötige Schlenker in der Handlungsentwicklung und er scheint alle Zuschauergruppen bedienen zu wollen. Dadurch wirkt "M" manchmal etwas orientierungslos. Doch die durchweg großartigen Schauspieler halten den Film zusammen, geben ihm Struktur. Auch die Sympathielenkung ist komplex, immer wieder verschieben sich die einmal aufgebauten Verhältnisse.

Aber das ist noch nicht alles: in einem weiteren Handlungsstrang knechtet sich ein junger Zeitungsausträger durch seinen tristen Alltag und findet an der mysteriösen Schönen Gefallen. Einer mit einem zerrütteten Elternhaus und einem merkwürdigen Verständnis von Sexualität. Ein Loner, dem man ein wenig Liebeserfüllung wünscht. Aber auch diesem ist Gewalt zur Durchsetzung seiner Bedürfnisse ein willkommenes Mittel. Wer darunter leidet, das kann man sich denken. "M" ist vielschichtig, deprimierend und komplex; er will etwas zuviel und wirkt manchmal überladen. Kein schechter Film, keine Frage, aber sicher auch kein Meisterwerk.

***

Sonntag, 16. Juni 2013

I Am an S&M Writer / Futei no Kisetsu (Ryuichi Hiroki, Japan 2000)


Ren Osugi spielt hier einen Schriftsteller in der Krise: der Schmuddelautor Kurosaki leidet unter permanenter Einfallslosigkeit. Um Abhilfe zu schaffen, lässt er seinen Gehilfen Kawada (Jun Murakami) mit verschiedenen jungen Mädchen die Szenen nachstellen, die er sich für seinen nächsten Roman ausgedacht hat. In der allgemeinen Aufregung fangen nicht nur die Körpersäfte an zu fließen, nein, auch der Füller flegt wieder wie von selbst über das Papier. Und Kurosaki muss einfach nur das Gestöhne mitschreiben, das seine Vorstellungskraft in Schwung bringt. Denn Anschauungsmaterial hat er ja genug, wie er da etwa auf dem Rücken liegend über die nackte Frau schreibt, die Dank der Bondage-Technik gut verschnürt an der Decke der Schreibstube hängt. Natürlich fällt da auch für ihn mal ein kleiner Leckerbissen ab - was die Nerven beruhigt, scheint er doch nicht nur kreativerseits, sondern auch körperlich nachzulassen und gen Impotenz zu driften.

Überhaupt nicht begeistert von diesem ganzen erotischen Tohuwabohu ist die Gattin des Hauses, die reife und wunderschöne Shizuko (Yoko Hoshi). Dass ihr Mann fremdgeht, scheint dabei das kleinste Problem zu sein - man ist schon so lange verheiratet. Sie ist einfach nur genervt von seiner Art, von seiner Literatur, von seinem verstockten Gehabe, das von seinen Minderwertigkeitskomplexen zeugt. Wenn man nun aber denkt, sie würde sich unterdrücken lassen oder sie zerbräche daran, dann hat man sich getäuscht. Es ist nicht nur das Federballspiel im Garten mit dem Engländer Mac, das Kurosaki ins Grübeln bringt, nein, sondern generell die Fürsorge, die Shizuko fremden Männern angedeihen lässt. Gerne trocknet sie Macs Waschbrettbach mit dem Flanellhandtuch ab, und auch Assistent Kawada scheint ein intimeres Verhältnis zu ihr zu pflegen.

I AM AN S&M WRITER ist ein ironischer Bondagefilm, der nebenbei noch die Sorgen und Nöte des Schriftstellerdaseins auf's Korn nimmt. Basierend auf einer Kurzgeschichte des in Japan extrem bekannten Erotikschriftstellers Oniroku Dan ist dieser Film Hirokis, der schon etliche Erfahrung im Pinku-Eiga-Business gesammelt hat, so etwas wie eine lustvolle Abrechnung mit dem an Bondage-Filmen nicht armen Filmschaffen Japans. Früher oder später stolpert jeder, der sich genauer mit der japanischen Filmgeschichte beschäftigt, über die Filme mit dieser speziellen Thematik und es gibt kaum jemanden, der sich nicht darüber wundert, weshalb in dieser streng geregelten Gesellschaft ausgerechnet die Filme, in der die Frau gefesselt und unterdrückt wird, solche Popularität besitzen. Hiroki macht sich daraus einen Spaß und lässt nun ausgerechnet die Ehefrau Shizuko besonders selbstbewußt auftreten, die bald nur noch den eigenen Gelüsten nachgibt und nachgeht, und die macht, was sie will. Und wenn sie es besonders erregend findet, gefesselt zu werden, dann sagt sie das auch und behält selbst in diesem Zustand noch die Kontrolle über das unfähig in ihrem Netz zappelnde männliche Würmchen. Im Film gibt es eine besonders schöne Szene, die dies illustriert: Shizuko ist mit Kawada ans Meer gefahren und sie sitzen auf der Terrasse eines Lokals, das Meer im Hintergrund, im Ohr die Brandung. Kurz bevor das Essen kommt, lässt sie sich von Kawada die Hände zusammenschnüren und findet es dann besonders reizvoll, voller Anmut und dabei in den Bewegungen eingeschränkt, die Speisen zu verzehren. Kawada kommt das zunächst umständlich und peinlich vor, so in der Öffentlichkeit, aber akzeptiert dann schließlich, dass Shizuko genau so eben jetzt vollständig glücklich ist. Und auch sonst ist ihr Zusammensein geprägt von einem spielerischen Umgang mit dem Unterwerfen des und dem Unterworfen werden durch den Anderen. Etwas, das sie im emotional verstellten Umgang zu Hause mit dem umständlichen Ehemann, der jede Regung als Inspiration missversteht, die notiert werden will, überhaupt nicht mehr ausleben kann. So besteht also durchaus die Option, I AM AN S&M WRITER - den Fokus etwas verschoben - aus weiblicher Perspektive zu betrachten, und den Film als Plädoyer für das Aufbrechen verkrusteter gesellschaftlicher Normen und Traditionen zu begreifen. Dieser Film Hirokis, der übrigens sehr unterhaltend ist und wie im Flug vergeht, ist selbst ein Wolf im Schafspelz - es steckt deutlich mehr in ihm drin, als man in den ersten Minuten vermuten würde.

***

Freitag, 14. Juni 2013

Tokyo Trash Baby / Tokyo gomi onna (Ryuichi Hiroki, Japan 2000)


Dear Yoshinori, 
I saw a flyer advertising your gig on the 15th. I belive it was fate. Every night, these past few weeks, you've appeared in my dreams. In every dream you play your guitar. I believe that we never should have broken up. I need to see you. I will be waiting for you before your show at the entrance of the club. I believe you'll be there. 
Love, Sayaka

Und dann zerreißt Miyuki (Mami Nakamura) den Brief. Yoshinori (Kazuma Suzuki), der über ihr wohnt, spielt in einer wenig erfolgreichen Rockband und schleppt ein Mädchen nach dem anderen ab. Miyuki, die sich nach ihm verzehrt, aber zugleich nicht getraut ihn anzusprechen, durchwühlt jede Nacht seine Mülltüten  und bewahrt alles auf, was ihn ihr näher bringt. Alte Klamotten, Zeitungsausrisse, gerauchte Zigarettenkippen kommen in ein Einmachglas. Oder eben Briefe, wie den obigen. Aus dem Abfall forscht sie dem Leben des Geliebten nach, konstruiert sich eine quasireale Persona, träumt sich in ein Zusammensein mit ihm, den sie täglich besser kennen lernt. Denn ihr eigener Alltag ist reichlich öde, sie verdient ihr Geld in einem Tokyoter Café, wo ihr auch noch einer der Gäste in aufdringlicher Weise nachstellt. Dann beginnt sie, den Kontakt zu suchen: sie hängt ihm Essen an die Türe, trifft sich heimlich mit seiner Ex-Freundin Sayaka (von der der obige Brief stammt), behauptet, sie habe keine Chance mehr und zieht als Beziehungsbeweis Yoshinoris alte, entsorgte Jeansjacke an. Mit seinem Shampoo aus dem Müll hat sie sich die Haare gewaschen. Und dann, in eben jenem Club, lernt sie ihn doch noch kennen.

Überhaupt wird der ganze Film von seltsamen Charakteren bevölkert: die Kollegin im Café namens Myoko ist eine sexbesessene Nymphomanin, die über die kräftigen Hüften afrikanischstämmiger Japaner doziert; der ältere Herr und Rentner, der jeden Tag zu Gast ist, muss sich ständig beweisen, indem er seine scheinbar unzähligen und spektakulär modernen Arbeitsstellen aufzählt und dem Cafébetreiber implizit vorwirft, sich mit zuwenig zufrieden zu geben; ein jüngerer Büromensch hingegen, der dann eines Nachts Miyuki zu vergewaltigen versucht, zaubert jeden Tag einen Strauß Blumen aus dem Ärmel. Miyuki wirkt dagegen beinahe normal mit ihrem Hang zur granzüberschreitenden Verehrung - wohl deswegen, da sie dies heimlich, still und für sich tut. Überhaupt ist TOKYO TRASH BABY keine laute Groteske aus dem Irrenhaus Japans, das versuchen würde durch die Anhäufung von Superlativen des Absonderlichen den Zuschauer zu überrumpeln. Im Gegenteil. Es ist ein stiller, beinahe meditativer Film, in rauer DV-Optik, der Miyukis Suche nach der Nähe eines anderen Menschen als plausibles Bedürfnis darzustellen versteht.

TOKYO TRASH BABY ist also  vielmehr ein Film über das Alleinsein, über eine Jugend, der die Orientierung verloren gegangen ist. Und für die die Koordinaten der älteren Generationen nicht mehr gelten. Eine Art großstädtische Verwahrlosung offenbart sich hier innerhalb einer post-industriellen Gesellschaft, die die Glücksversprechungen eines stabilen sozio-ökonomischen Systems vergangener Zeiten nicht mehr erfüllen kann. Dies schlägt sich nieder in der Stimmung des Films, dem jede Euphorie vollkommen abhanden gekommen ist. Und die Melancholie, die den Film folglich grundiert - eben ganz ohne blumig zu sein - gibt dann schonmal den Ton für den Film an, mit dem Hiroki international noch größere Beachtung erfuhr, den großartigen VIBRATOR (2003). Ein Film, in dem sich zwei furîta-Arbeiter näher kommen, und der noch einmal eine andere Geschichte von zwei Jugendlichen erzählt, die sich als Außenseiter durchzuschlagen haben, da schon alle Türen längst verschlossen sind.

***

Sonntag, 9. Juni 2013

Garuda / Paksa Wayu (Monthon Arayangkoon, Thailand 2004)



„Mit billigen Effekten, Schießereien und jeder Menge Worthülsen angefüllter Fantasy-Film in Godzilla - Nachfolge. Nur für hartgesottene Trash-Fans.“ Lexikon des Internationalen Films

Das U-Bahn-System von Bangkok soll erweitert werden. Da stößt man in einem der Tunnel auf eine merkwürdige Platte, hinter der sich eine mysteriöse Höhle verbirgt. Zwei anwesende Archäologen betreuen das Projekt und finden die Überreste eines antiken Flugtieres, dem eigentlich ein mythologischer Hintergrund zugeschrieben wird. Der Garuda, eine Art Vogelsaurier mit riesigen Schwingen und dem Hackeschnabel eines Gockels, erwacht aus seinem jahrhundertelangen Schlaf und hat Lust auf Menschenfleisch. Eine militärische Spezialeinheit, die, wie wir später erfahren, dazu ausgebildet ist, Götter zu töten, rückt dem Vogel zu Leibe und versucht zu verhindern, dass er in das U-Bahn-System gelangt. Die beiden Archäologen hingegen wollen das Tier lebendig - ein einzigartiger Fund!

GARUDA ist sicherlich nicht die Neuerfindung eines Genres (überdeutlich die Anspielungen auf ALIEN und dessen Fortsetzungen, sowie auf japanische Monsterfilme), aber man kann guten Gewissens behaupten, dass der Film einen enormen Unterhaltungswert hat. Und das nicht im Sinne eines in sich verkehrten Trash-Begriffs à la "so schlecht, dass er schon wieder gut ist", nein, GARUDA ist tatsächlich ziemlich spannend, hat einige feine Bildkompositionen zu bieten, arbeitet durchaus sehr gut mit Farben, Schatten und Dunkelheit, und punktet mit einem spektakulären Finale auf dem Dach eines Wolkenkratzers über der Skyline von Bangkok. Die sogenannten "Production Values" sind nach meinem Dafürhalten auch durchaus angemessen: ein groteskes, tolles CGI-Monster, viele Waffen, Computerterminals usw.

Interessant iat auch immer wieder ein im Film aufflammender Rassismus gegenüber Ausländern generell und der Archäologin Leena im Besonderen, die als Halb-Thailänderin zwar einen thailändischen Vater, aber eine europäische Mutter hatte. Immer wieder wird sie deswegen angegriffen, nicht für voll genommen, und die Herren Militärs scheren sich schon gleich gar nicht um sie: eine Frau, dann auch noch ein Mischling. Und dann kommt sie auch noch der Operation in die Quere! GARUDA jedenfalls faucht mächtig herum, und alleinig die Protagonistin wird nicht in Stücke gerissen, da sie ein Erbstück, eine mysteriöse Kralle in Anhängerform an einer Kette um den Hals hat, die dem Vogel einst im Kampf Jahrhunderte zuvor abgeschlagen wurde. Am Ende wirft einer der Soldaten aber die Vorbehalte über Bord und rettet Leena das Leben. Garuda stürzt schwer verwundet ab und ein Zoom auf sein offenes Auge versetzt den Zuschauer in Schrecken... was, wenn es plötzlich blinzelt?

***

Mittwoch, 5. Juni 2013

Yaowarat (Namchoke Daengput, Thailand 2003)


YAOWARAT ist ein recht packender thailändischer Gangsterthriller, der in Bangkoks Chinatown spielt, und der stilistisch an seine hongkonger Vorbilder erinnert. In diesem Viertel, Yaowarat, koexistieren zwei Triaden, die in recht friedlichem Nebeneinander ihren Geschäften nachgehen - doch dann geraten der sympathische Saleng, die rechte Hand von Boss Tong und der irre Kaolad, eine unter Strom stehende Zeitbombe aus Boss Dadas Bande, aneinander, da sie sich für die gleiche Frau interessieren. Da der Film beinahe ausnahmslos im Milieu, im Amüsier- und Rotlichtviertel spielt, verwundert es nicht, dass die begehrte Dame eine sehr junge und hübsche Prostituierte ist, die der moralisch halbwegs integre Saleng dort herausholen möchte (wohingegen Kaolad lediglich an niederen leiblichen Genüssen interessiert ist). Aufgrund mehrer Verwicklungen, zu der auch eine herbe Schießerei in einem illegalen Glücksspielclub gehört, ist es dann dem düpierten Kaolad unmöglich, Saleng ziehen zu lassen...

Ein Problem, das ein westliches Auge mit thailändischen Billigproduktionen haben könnte, ist ihr trashiges Aussehen. Wobei man sagen muss, dass in diese DV-Produktion schon einiges an Know-How investiert wurde - unfreiwillig dämlich ist und wird hier gar nichts, der rauhe Look passt sogar ausgezeichnet zur düsteren Gangsterwelt, und nur in den Tagszenen wird oftmals der niedrige Produktionsstandard sichtbar. Die Schauspieler machen ihre Sache großartig, da gibt es nichts zu meckern. Eher ungut ist da der immer wiederkehrende Voice-over Kommentar, der das Geschehen in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang setzt und mit seiner Großonkel-Narration epische Gravität zu versprühen sucht. Das ist definitv fehl am Platze, wie auch die ständig im Hintergrund dudelnde Elektromusik, die sich manchmal allerdings zu ganz eigenen psychotronischen Höhen aufschwingt und dann den Bildern eine zusätzliche Qualität verpasst - bisweilen ist das furchtbar, manchmal aber wunderschön melancholisch.

Ebenfalls toll am Film sind Einblicke in eine Welt, die dem touristischen Auge wohl häufig verborgen bleiben dürften. Und so wird auch immer wieder klar, dass, wenn es ernst wird, kurzer Prozeß gemacht wird. Die Knarren sitzen wirklich extrem locker, und die Herren haben auch keine Hemmungen, rücksichtslos mitten in die Menge zu feuern, wenn der Gegner etwa im Getümmel oder auf offener Straße zu fliehen versuchen sollte. Das gibt dem Film eine ganz eigene herbe Bitterkeit und die stets unterschwellig brodelnde Gewalt setzt den Zuschauer permanent in Verunsicherung. Dass den Figuren kein wirklicher Tiefgang gegönnt wird, ist verständlich in einem derartigen Genrefilm, und so dauert es auch seine Zeit, bis man diese unterzubringen weiß. Die Guten sind hier aber nicht notwendigerweise besonders gut, charakterstark und schön, nein, in YEOWARAT sind sie lediglich etwas weniger rücksichtslos und gewalttätig als andere. Wie man jemanden niederschießt, das weiß jeder in diesem Film. Ziemlich beunruhigend ist das.

***

Sonntag, 2. Juni 2013

Graceland (Ron Morales, Philippinen 2012)


Der Tag, an dem das Chaos hereinbricht. Es ist der schlimmste Tag im Leben Marlons, eines Chauffeurs, und das Desaster beginnt mit einer folgenschweren Verwechslung: da wird die eigene Tochter anstelle der seines Chefs entführt. Eigentlich hatten die Täter es auf die Tochter des reichen Politikers Changho (Menggie Cobarrubias) abgesehen, zwecks Lösegelderpressung. Marlon Villar (Arnold Reyes) wird bald zu allem Überfluß auch noch von Ramos, dem ermittelnden Polizisten, der Mittäterschaft im Erpressungsfall bezichtigt. Der Job ist alles was er hat, mit seiner Familie lebt er am Existenzminimum in einer Bruchbude am Rande eines Slums. Und nun wird er von den Entführern und der Polizei mitten hineingezogen wie eine Spielfigur, deren Schicksal den Mächtigen und den Autoritäten sowieso völlig egal ist. Reyes, der sehr viel fürs Fernsehen gemacht hat, spielt sehr gut, wie auch die anderen Charaktere zu überzeugen wissen. Der Film entwickelt einen starken Sog - und bleibt allein schon deswegen spannend, weil man nie genau weiß, ob er nun vielleicht nicht doch etwas mit der Entführung zu tun hat - man denkt eigentlich, er sei ein völlig aufrichtiger Mensch. Geschickt werden hier verunsichernde Fährten gelegt.

Ansonsten ist der Film einem typischen Handheld-Wackelkamera-Realismus verpflichtet, dessen Pixelbrei authentisches, reales Leben vorgaukeln soll. Wobei der Höhepunkt sicher ein Besuch in einem (echten) Bordell ist, wo dem Kunden minderjährige Mädchen und Knaben angeboten werden. Wie beiläufig werden diese Bilder gezeigt, und umso schmerzhafter nimmt man sie wahr. So hat der eigentliche Übeltäter, der freilich der mächtige Politiker Changho ist, bald ein Problem - denn seine Machenschaften und perversen sexuellen Gelüste, die zudem auch die Ursache für Marlons Desaster sind, werden aufgedeckt. Aus dem Film schält sich nach und nach ein Rachefilm heraus, mit einem Täter, der einen "guten Grund" für seine Tat hat: die ursprüngliche Prämisse, die schockierende, wird nun moralisch abgesichert. Das ist vielleicht sogar sehr ärgerlich, da nun im Nachhinein die Tat des Entführers wenn nicht gerechtfertigt, so doch nachvollziehbar und verständlich wird.

Dies ist auch die Crux von GRACELAND: die Frage nach dem Umgang mit der Moral. Der Zuschauer wird in ein Wechselbad der Gefühle gezwungen, wenn sich nach etlichen Wendungen und Plottwists herausstellt, dass die Übeltäter eigentlich die Guten sind, und vice versa die Guten die Bösen. In dieser Gesellschaft, in der sowieso alles kaputt und korrupt ist. Was sich auch in der Figur des Polizisten Ramos offenbart, der zwar korrupt ist, aber kein "schlechter Mensch". Die Koordinaten für einen Gesellschaftsvertag sind verloren gegangen. In GRACELAND gibt es überhaupt keine Hoffnung. Dennoch bleibt die Frage: ist das nicht alles ein bisschen viel, was da aufgetürmt wird? Was da alles auf dem Rücken Marlons abgeladen wird? Ist das nicht zuviel?

Der Zuschauer jedenfalls beginnt sich dann tatsächlich zum Protagonisten zu distanzieren; immerhin haben wir es mit einigen Toten zu tun, mit Menschenhandel und Kinderprostitution. Sollte Marlon da irgendwie mit involviert sein, muss ihm freilich die Sympathie entzogen werden. Die Verunsicherung des Zuschauers, die eine wirkliche Qualität des Films ist, schleicht sich ein wie eine Krankheit und ich weiß nicht, warum man sich noch Filme wie TAKEN 2 anschauen sollte, wenn es solche wie diesen hier gibt. GRACELAND, der immer hochspannend und excellent gespielt ist, hätte, vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas schlichter konstruiert, noch besser sein können. Aber auch so kann man sich nicht beklagen. Dieser Film ist ein ziemliches Brett.

***