DVD BluRay

Sonntag, 28. Juli 2013

Last Words / Koi suru nichiyobi watashi. Koishita (Ryuichi Hiroki, Japan 2007)


Ein Film voller wunderbarer Szenen. Kurz vor der Hälfte hatte ich die erste Sichtung (vor Überwältigung) abbrechen müssen, um ihn mir ein paar Tage später nochmals von vorne anzusehen. Dazwischen hatte er mich die ganze Zeit begleitet.

Dabei ist der Plot eher melodramatisch, eher ein wenig zuviel, als dem Film gut tut. Ein junge Frau aus Tokyo (Mari Horikita) kehrt in ihren Heimatort am Meer zurück, da sie sich von ihm verabschieden möchte. Sie hat eine Krebsdiagnose bekommen, ihr bleiben noch drei Monate zu leben. Zuhause angekommen, trifft sie auf einen Jugendfreund (Shunsuke Kubozuka), der sie für ein paar Tage gerne bei sich aufnimmt. Dass die beiden noch unausgesprochene Baustellen aus der Vergangenheit haben, ist offensichtlich - doch der Umgang miteinander ist sehr freundlich und zurückhaltend (zunächst). Da begleitet Nagisa einmal Satoshi auf seiner Rundtour mit dem Altmüllwagen (er schlägt sich als Trödler durch), auf der sie entdeckt, dass er ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau hat. Die beiden kommen sich aber wieder wie zwangsläufig näher, und es wird immer schwieriger, Konflikte zu umgehen.

Hirokis Regie entzieht dem Melodrama allen Schmalz. In einfachen Bildern des Alltags wird die Geschichte erzählt, Bilder, die gerade aufgrund ihrer unspektakulären Art ein eigene Poesie des Moments entfalten, die enorm einnehmend ist. Es bleibt Zeit, sich in den Bildern Hirokis umzuschauen. Er schneidet tendenziell hart, die Einstellungen bleiben aber lange stehen. Die Kamera geht sowohl ganz nah ran, als auch auf weite Distanz. Aber immer wird mit jedem Bild ein Gefühl erzeugt, besser: zugelassen; es ist tatsächlich möglich, jede Einstellung in diesem Film zu mögen (wenn man das aushalten kann). Etwa die Ankunft an seinem Haus, das zunächst verschlossen ist. Es ist eine gewöhnliche Einfahrt zu einem ganz normalen einstöckigen Landhaus. Kiesweg. Keiner da. Die Sonne brennt. Man hört die Zikaden und die Vögel. Man beginnt zu schwitzen. Wenn nur jemand da wäre!

Eine Hitze liegt über den Bildern, es ist ein heißer Sommer. Ein Sommer der Erinnerungen und der Gerüche. Des Essens, des Schlafens, des Gehens mit nackten Füßen über den Holzboden. Wasser. Den Dreck wegmachen. Irgendwie auch: Zeit haben. Man möchte mit diesem Film Zeit verbringen, man möchte mit seinen Figuren Zeit verbringen. Man möchte ins Bild steigen. Man hofft, dass er noch lange geht. Und dann kommt der Schlußmonolog im Bus, und man weiß, dass jetzt das Ende kommt. Man will es aber nicht wahrhaben und ich konnte auch nicht mehr richtig zuhören. Ich wollte einfach nicht, dass der Film da schon zuende ist, nach knapp 100 Minuten. Und dann aber die Beruhigung... man kann ihn sich, vielleicht auch immer wieder, und möglichst bald: nochmal ansehen.

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Freitag, 26. Juli 2013

Coal Money / L'argent du Charbon / Tong dao (Wang Bing, Frankreich 2008)


Im Norden Chinas erstrecken sich die weiten Einöden der Inneren Mongolei, die als autonomes Verwaltungsgebiet und von den Mongolen aus gesehen politisch korrekt eigentlich Südliche (vs. Nördliche) Mongolei genannt werden müsste (denn ansonsten bestätigt man die ethnozentrische Position der Chinesen), eine Gegend, die über große, dabei schwer zugängliche, tief in den Erdschichten verborgene natürliche Ressourcen verfügt: Kohle, Kupfer, Öl. Wang Bings knapp einstündiger Dokumentarfilm begleitet chinesische Lastwagenfahrer, die ihr Auskommen mit dem Weiterverkauf von Kohle erwirtschaften, und die ihre Ware im Umland an Zwischenhändler weiter verschachern.

Ein wahrlich dreckiges Geschäft, da jeder jeden über den Tisch zu ziehen versucht, um einen möglichst guten Schnitt zu machen. Und offenkundig leben trotzdem alle am Existenzminimum. Die LKW-Fahrer arbeiten ohne Unterlass, schlafen in den Kabinen, sehen entsprechend verwildert aus. Auf den Fernstraßen brettert ständig der Schwerlastverkehr vorüber, Staub liegt über allem. Die Verhandlungen mit den zerlumpten Zwischenhändlern finden in abbruchreifen Häusern entlang dieser Ausfallstraßen statt, mal mehr, mal weniger freundlich. Immer wird Kette geraucht. Überhaupt gibt es nur zwei Gegenstände, die man scheinbar besitzen muss: das Handy und die Zigaretten. Mit dem Handy werden die aktuellsten Preise aus der umliegenden Region abgecheckt, mit den verteilten Zigaretten die Geschäftspartner besänftigt. Es ist die Verhandlungskunst, auf die es schließlich ankommt, die gerissene Strategie, auch mal das Überhören von Beleidigungen oder von schlechten Angeboten, das Davonlaufen und doch gesprächsbereit bleiben, um dem Verhandlungspartner die Möglichkeit zu geben, noch einmal die Meinung zu ändern, die diese Aufeinandertreffen so unglaublich spannend machen. Und am Ende, wenn dann doch gekauft wurde, dürfen ein paar abgerissene Hansel die Kohle mit bloßen händen und ein paar Schaufeln entladen. Dann wird erneut gefeilscht, wer nun diese Arbeiter bezahlen muss: der Anlieferer oder der Abnehmer. Ein schmutziges Geschäft.

Wang Bing wählt mittellange Einstellungen für diesen Film, schneidet also recht häufig dafür, dass er für seine stundenlangen Exzesse bekannt geworden ist. Natürlich ist die Kamera statisch und es gibt keine Musik. Der Film erzählt sich wie "von selbst", es gibt keine Schrifttafeln oder gar einen Voice-Over. Alles geht über die Montage, den Bildausschnitt, die Auswahl der Szenen. Es ist eine Geschichte, die am Ende zu ihrem Anfang zurückfindet, zur Baustelle, an der die Wagen beladen werden. Nur um sich zu wiederholen, als Endlosschleife. Am Ende wird der Zuschauer mit den Fahrern eine Tour mitgemacht haben. Die Einblicke, die man in diesen Arbeitsalltag gewinnt, sind phänomenal. In diesem stillen Film voll betäubender Alltagsgeräusche ist enorm viel zu entdecken. Muss man definitiv gesehen haben.










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Mittwoch, 24. Juli 2013

Serial Rapist / Jûsan-nin renzoku bôkôma (Kôji Wakamatsu, Japan 1978)


Ich habe ja nun mittlerweile schon einige Filme von Wakamatsu gesehen, 15 um genau zu sein, aber SERIAL RAPIST nimmt eine Sonderstellung ein. Dieser auf körnigem 16mm und in Farbe gedrehte Nihilismus (als ob er sich lustig machen wollte über den "Unterhaltungswert" des Mediums) ist ein äußerst unlustiger Ausbund an grimmiger Tristesse. SERIAL RAPIST macht überhaupt keinen Spaß, unterhält nicht, und es stellt sich wirklich einmal die Frage, warum man sich diesen Film anschauen sollte. Nun, ganz einfach: weil er zum einen interessant gemacht, und zum anderen so ungewöhnlich ist, dass nicht wenige in ihm ein Meisterwerk sehen.

Ein dicklicher Latzhosenmann überfällt und vergewaltigt aus reinem Impuls heraus wahllos Frauen, die ihm als Streuner und Tagedieb auf seinen Wegen durch die Vororte Tokyos begegnen. Er haust in einem heruntergekommenen Schuppen in der Nähe des Flugplatzes und hat Ausblick auf den im trüben Dunst hervorlukenden Containerhafen und auf die öden Brachlandschaften, die hier in ausgewaschenen Farben gezeigt werden. Er mordet willkürlich, erschießt die vergewaltigten Frauen bevorzugt durch die Vagina, wenn er sie nicht vorher schon erwürgt hat. Das ist ihm aber ebenso gleichgültig, er vergeht sich dann auch an den Leichen. Bei in flagranti ertappten Liebespaaren wird der Mann meist durch den Anus erschossen. Nur einmal, da entführt er eine Polizistin, die ihm auf die Spur gekommen war. Die fesselt und knebelt er, knüpft sie an der Decke auf und missbraucht sie, wenn ihn die Lust überfällt. Man denkt, vielleicht keimt hier ein wenig Empathie und Zwischenmenschlichkeit, vielleicht erkennt er nun, was er da treibt, was er seinen Opfern antut. Aber keineswegs, auch diese Frau ist ihm völlig gleichgültig.

Er hat keine Motive, ja sogar kaum eine rechte Lust im Leib. Bis er etwa endlich zum Orgasmus kommt, muss er sich abrackern und abarbeiten, regelrecht abmühen auf den Körpern seiner Opfer. Warum er das macht, erschließt sich nicht. Er ist kein irrer Täter aus kranker Leidenschaft. Er ist kein dämonischer Satan, der Böses will. Er ist kein Thrillseeker, kein Monster, das sich unbewusst eigentlich nach der Verhaftung durch die Polizei sehnen würde. Er passt in keine der Kategorien, die man aus den Serienmörderfilmen kennt. Seine Aktionen sind spontan, die Taten scheinen ihm selbst wie zufällig zu unterlaufen, und es ist diese Beiläufigkeit, diese Willkür und Sprunghaftigkeit, die doch so gravierende Konsequenzen für die Opfer hat, die den Zuschauer in diesem Film so fertig macht. In einer Szene schleppt er eine Frau auf das Dach eines Einkaufszentrums und vergewaltigt sie in Sicht- und Hörweite von den im Innenhof speisenden Restaurantbesuchern. Dann zieht er die Waffe und erschießt sie - der laute Knall des Schusses ist ihm dabei völlig egal. Würde er entdeckt werden, würde er eben wegrennen. Man begreift, dass dem Täter, der all dieses Übel über die Welt bringt, dass ihm gerade das gar nicht wichtig ist an sich - im Sinne eines präzise vorgehenden Verbrechers. Moral hat er keine, er bereut nichts und einen Leidensdruck scheint er ebenfalls nicht zu verspüren. Er begeht seine Taten aus einem achtlosen Egoismus heraus.

Ein weiteres, enorm verstörendes Element des Films ist dessen Musik. In der ersten Hälfte ist minimalistisches, abstraktes Gitarrengeklimper zu hören, das den Film Richtung Kunstfilm rückt, zugleich die kontroversen Szenen kongenial entrückt und wie von innen heraus befremdlich macht. Die ungehobelten Bilder stehen dann dieser artsy Tendenz entgegen. Die Gitarre wird später durch mehrere Soloinstrumente abgelöst, die stilistisch ganz ähnlich vorgehen und die Szenen mit einer stark verfremdenden Atmosphäre unterlegen. Höhepunkt ist sicherlich eine am Fluss vorgetragene Saxophon-Performance von Kaoru Abe, eine japanischen Free Jazz-Legende, der hier auch für die Filmmusik zuständig war und der im selben Jahr noch an einer Überdosis sterben sollte. In der Performance vermischen sich extradiegetische und intradiegetische Musik in einer einzigen Szene ohne Übergang. Auffallend ist außerdem, dass sich Wakamatsu einmal mehr dagegen sträubt, irgendetwas zu erklären. Eine Psychologisierung des Täters findet, wie oben bereits angesprochen, nicht statt. So ist es dann eigentlich noch viel schlimmer (als diese Rationalisierungsstrategien aufzeigen könnten). Der Film ist wie nackt und unbehauen, zugleich vollkommen abstrakt und spärlich in jeder Hinsicht. Ganz Reduktion. DER GEWALTTÄTIGE MANN DER 13 MENSCHEN ANGRIFF zeigt genau das, mehr nicht. Der Zuschauer wird mit den Ereignissen alleine gelassen und der Film zieht einem gründlichst, eigentlich schon von Beginn an mit dem ersten Mord, den Boden unter den Füßen weg. Und das ist auch kein kleines Verdienst: die Destabilisierung der abgesicherten Zuschauerposition; einer Haltung zum Film, die immer zu wissen glaubt, was Film sein kann und wie er zu sein hat, die Grundlage zu nehmen. SERIAL RAPIST ist eine filmische Herausforderung, eine - im Wortsinne - Zelluloid gewordene Unfassbarkeit.

Zur Einstimmung:

Kaoru Abe  {Solo Alto Saxophone}
Winter 1972 | Originally released as bootleg LP in 1974 | 
PSF Records, 2004:



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Freitag, 19. Juli 2013

Dutta Vs. Dutta (Anjan Dutt, Indien 2012)


Wie schreibt man einen Text über diesen Film, wenn man noch nie in seinem Leben in Kalkutta war? Und der Film, wie man allerorten liest, besonders dafür gelobt wird, wie er das Kalkutta der 70er Jahre besonders liebevoll und detailgetreu wiederaufleben lässt? Ich bin 1971 geboren - wie sollte ich einen Bezug zu dieser fernen Zeit, zu diesem fernen Land und zu dieser unbekannten Stadt haben oder bekommen?

Und es geht doch. Denn der Film geht ganz ähnlich vor wie Amitav Ghosh in seinem großen Roman The Shadow Lines, über die Erinnerung der Erzählerfigur an seine Jugend. Der Film als Rückblick, in dem die Hauptfigur, der zugleich auch der Voice-over-Erzähler ist, auf seine eigene Kindheit und Jugend wie auf eine vergangene Zeit, zurückschaut. Und auf eine Jugend können wir alle zurückschauen. Das Schöne: auch ohne melancholischen Revisionismus.

DUTTA VS DUTTA beginnt dabei wie ein Film Robert Altmans (um, hoffentlich verzeihlicherweise und als Referenz gemeint, mit einer westlichen Perspektive zu beginnen): zwei Brüder wohnen mit ihren Familien im selben Haus und bekriegen sich permanent. Der eine, Biren (Anjan Dutt selbst, der hier seinen Vater spielt), ist Advokat, damit aber wohl ziemlich erfolglos und frönt seinem Hobby des Kartenspielens und des Whiskytrinkens. Er ist der Vater Ronos, das alter ego von Anjan Dutt, gespielt von Ronodeep Bose. Birens Bruder allerdings sitzt ebenfalls recht viel herum und zeigt seinen dicken, wohlgenährten Tornister von Bauch. Auslöser für den Streit der Eröffnungsszene ist nun die zum Trocknen aufgehängte Wäsche des Bruders im Innenhof des Gebäudes. Dies missfällt dem Anwalt, da er seinen wichtigen Mandanten nicht zumuten möchte, dort hindurchzulaufen. Sein Bruder wirft ihm allerdings vor, sich aufzuspielen, denn es habe sich ja schon lange keiner mehr blicken lassen. Die zwei geraten aneinander, die Schwägerin krakeelt sowieso schon die ganze Zeit, die Angestellten laufen zusammen, alles brüllt und schreit, die Kampfhähne müssen getrennt werden, die ganze Großfamilie läuft wild fuchtelnd durch einander: es ist ein einziges, großes wie großartig inszeniertes Tohuwabohu.

Rono jedoch steht auf dem Balkon und schaut entgeistert zu (er betrachtet das Treiben aus der Distanz wie der Zuschauer den Film). Er selbst musste aus dem Internat nach Hause zurückkehren, da sein Vater die Schulgebühren nicht mehr finanzieren kann. Von ihm wird aber verlangt, dass er einmal ein großer Rechtsanwalt werden soll, am besten in einer westlichen Metropole wie das ferne London. Rono aber hat überhaupt keine Lust, die vom Vater auf den Sohn projezierten Karriereversäumnisse zu kompensieren. Er will - zum Entsetzen des Familienoberhaupts - jetzt Schauspieler werden. Oder wenigstens Musiker. Er treibt sich ein wenig herum, lernt einen Hippie kennen, raucht etwas Marihuana, hört Rockmusik, kommt nachts nicht mehr nach Hause. Der Konflikt ist vorprogrammiert.

Anjan Dutts semi-autobiographischer Film ist ein sehr gelungener, evokativer Spielfilm, der vor allem auch deswegen so gut gelingt, weil sich die Hauptfigur gerade nicht als Held und Lichtgestalt inszeniert. Wir begegnen einem jungen Mann, der es lernt, sich in der Welt durchzusetzen; der dabei Fehler macht, voller Zweifel steckt und eigentlich in allem unsicher ist. Wie auch die Erwachsenen übrigens, die lediglich gelernt haben, ihr Fehlverhalten, ihre Sorgen und Nöte, ihre Bedürfnisse, Träume und Wünsche besser zu verstecken als die ungestüme Jugend. So kommt irgendwann die große Befreiungs- wie Offenbarungsszene, in der das eigene Kind den erwachsenen Eltern das unreife Verhalten vorhält. Und  diese sind natürlich geschockt, von soviel Offenheit und frecher Konfrontation.

Zur allgemeinen Verwirrung kommen natürlich noch die amourösen Abenteuer einiger Figuren hinzu. Der Vater etwa hat eine Affäre mit der "Tante", seiner einzigen Klientin; eine Frau, die ausgerechnet mit feministischen Ansichten heraussticht. Wenn Biren also zu einer Besprechung muss, dann darf man das in Anführungszeichen setzen. Anjan erwischt sie dann auch einmal in flagranti wie Sally Draper in MAD MEN ihren Vater mit der Nachbarin ertappt - mit heruntergelassener Hose. Ronos Schwester China (Arpita Chatterjee), die eigentlich reich verheiratet werden sollte, hat hingegen eine heimliche Affäre mit dem kartenspielenden Compagnon des Vaters, der in dessen Alter ist und keine Gelegenheit auslässt, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Später brennt sie dann mit einem Naxaliten durch (die politischen Ereignisse spielen eine ebenfalls nicht unwichtige Rolle im Film: "Unlike other films which have the shade of the Naxalite violence, Dutta Vs Dutta has taken a different direction. I have tried to recapture the turbulent College Street, the pub culture of Park Street and the emergence of Gautam Chattopadhyay" [Times of India]), in den sie sich verliebt hat - und der sie am Ende, ironischerweise, in die USA führen wird. So wird Birens Tochter dorthin gehen, wohin er sich seinen Sohn wünschte. Aber Biren selbst hat auch noch einen große Moment der Bewährung, als er sich einmal gegen die Polizei auflehnt und ihnen den Zutritt zum Haus verweigert (sie vermuten, dass die Familie einem Naxaliten Unterschlupf gewährt, einem Freund Ronos - was sie auch tut). Biren wird mitgenommen auf das Revier und kehrt drei Tage später mit etlichen Versehrungen zurück, schwer traumatisiert. Der Film endet dann schließlich damit, dass Rono eine Rolle in einem Film von Mrinal Sen angeboten bekommt. Eine Sache, die er überglücklich seinem Vater mitteilt, der ihn trotz seiner Krankheit nach dem Schlaganfall zu verstehen scheint und schließlich umarmt. Ein sehr schöner Schluß für einen charmanten und sehr einnehmenden Film, bei dem es einem durchaus egal sein darf, wo die Fakten enden und die Fiktion beginnt.

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Freitag, 12. Juli 2013

Nayak / The Hero / নাযক / Der Held (Satyajit Ray, Indien 1966)


Ein erfolgreicher und noch unverheirateter Schauspieler und Lebemann, über dem das Damoklesschwert des Karriereknicks schwebt, nimmt ausnahmsweise den Zug nach Delhi, wo er einen Preis empfangen soll - die Flüge waren alle ausgebucht. Dort im Zug, auf diesem beengten Raum, wo beinah auch der ganze Filme spielt, macht er die Bekanntschaft verschiedener Leute, die ihn freilich alle erkennen, aber nicht alle sind ihm positiv gesonnen. Sein Name wird mit einem Skandal in Verbindung gebracht: mit einer Schlägerei am Vorabend, wo es um eine Liebessache gegangen sein soll. Eine Zeitung berichtete am Morgen in einem Artikel. Außerdem geht das Gerücht um, dass sein neuster Film ein Flop sein soll. Um die Situation noch etwas zu verschärfen, macht er die Bekanntschaft einer aufgeweckten, selbstbewußten Journalistin namens Aditi Sengupta (Sharmila Tagore), die ihn gerne für ihre Liebhaber-Kulturzeitschrift interviewen möchte. Sie aber will ein "richtiges" Interview mit dem Star, eines, das in die Tiefe geht und den "wahren Menschen" hinter der Fassade des Stars zeigt. Doch genau das versucht Arindam Mukherjee (Uttam Kumar) zu vermeiden. Um seine Persönlichkeit hat er eine Mauer hochgezogen.

Und dann betrinkt er sich auch noch. Und dann verliebt er sich auch noch. Aber eine Komödie ist NAYAK nicht. Beinahe möchte man Mitleid mit ihm haben, dem Protagonisten, der hier doch zunächst etwas unsympathisch auftritt, arrogant, kurz angebunden, sich seines Status' und Aussehens sehr bewußt. Doch Satyajit Ray führt diese Person in verschiedene problematische Situationen hinein, die alle gelöst werden wollen, und das macht Arindam überwiegend originell und freundlich, kreativ. Natürlich ist die hübsche Aditi Sengupta auch ein love interest, zugleich aber eine unabhängige Frau, die keineswegs nur als Widerpart und somit auf Abhängigkeit zur Hauptfigur hin konstruiert und reduziert ist. Vielmehr ist sie eine eigenständige Persönlichkeit und Protagonistin, die Arindam auch in ästhetischen, künstlerischen wie moralischen Fragen herauszufordern weiß. Allein, eigenständige Spielzeit wird ihr dennoch kaum einmal zugestanden.

Formal ist auch dieser Ray einem elegant anmutenden Realismus verpflichtet, dem bengalischen Kunstkino, das der in jeder Hinsicht überschäumenden Kinematographie Bollywoods entgegensteht. Eher an europäischem Arthouse orientiert, gibt es dann auch hier keine Gesangs- & Tanznummern, kein Liebesleid und Liebesglück, sondern den Menschen in der Klemme mit ernstzunehmenden, existenzialistischen Sorgen und Nöten. Problematisierung der Geschlechterverhältnisse. Da ist es besonders schön, dass NAYAK so leichtfüßig inszeniert ist, immer mit einem Lächeln, das aber glücklicherweise eher von Chaplin stammt als von einem (meist gut gemeinten aber selbstgefälligen) Gutmenschenkino - damit hat Ray überhaupt nichts am Hut. Interessant ist auch die Rückblendenstruktur des Films, in der sukzessive die Biographie und der Werdegang des Künstlers als junger Mann dargestellt wird. Inwieweit das immer verlässlich ist, ist fraglich - wir befinden uns schließlich nun in der Erzählung der Figur selbst, sozusagen in einer Erzählung innerhalb der Erzählung - und wer weiß, was hier alles beschönigt wird (hierauf könnte man ein Augenmerk bei einer weiteren Sichtung legen). Schönerweise finden sich in NAYAK, als cineastische Höhepunkte, zwei Alptraumsequenzen wie in einem surrealistischen Horrorfilm; in einer versinkt Arindam im Treibsand seiner Millionen; ein Tod, wie man ihn allenfalls Dagobert Duck wünschen würde.

"Nayak" ist freilich dennoch ein Stück weit ein ironischer Filmtitel, denn der Held ist viel eher ein Anti-Held; gleichwohl aber wird überdeutlich, dass er ein Mensch ist, der sein Umfed ernst nimmt, echte Gefühle zu entwickeln imstande ist, und der - auch wenn es kein Happy Ending gibt - klüger aus der Geschichte hervorgeht, als er hinein gegangen ist. Wie auch der Zuschauer. Mitten im Gewusel der Fans - bei Ankunft in Delhi - ist Arindam der Einsame, der zurückgelassen wird. Aus Respekt vor ihm hatte Aditi ihre Notizen für das Interview zerrissen. Ein trauriger, aber wunderschöner Schluss für diesen formidablen Film.

Michael Schleeh

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Mittwoch, 3. Juli 2013

Shootout at Lokhandwala (Apoorva Lakhia, Indien 2007)



 SHOOTOUT AT LOKHANDWALA ist ein Hindi-Polizeithriller, der auf den Ereignissen von 1991 um ein großes Gefecht zwischen einer Gruppe rücksichtsloser Gangster um den Bandenchef Maya Dolas und einer Polizei-Spezialeinheit basiert. Handlungsort ist der Lokhandwala Appartment Complex in Mumbai, die Geschichte ist "based on real rumours" (!), wie uns eine Schrifttafel am Beginn informiert. Der Film war wohl ein veritabler Hit in Mumbai, bekam ansonsten aber eher durchwachsene, teils schlechte Kritiken. Auch politisch brisant ist er, da einerseits mehrfach Sikhs als rücksichtslose Gangster/Terroristen gezeigt werden und andererseits ein superhartes Durchgreifen einer Polizeieinheit abgefeiert wird, der ATS, der "Anti-Terrorist Group", die von Hardliner Shamsher Khan geleitet wird (gespielt von Sanjay Dutt). Der Film wird als Flashback erzählt, kurz vor einer Gerichtsverhandlung, die eben über die Verhältnismäßigkeit der Mittel im Polizeieinsatz entscheiden soll. Das Problem: ein enorm hoher Bodycount.

Amitabh Bachchan spielt den Anwalt Dhingra, der zunächst sehr hart mit den Polizisten ins Gericht geht (neben Dutt sind da noch seine beiden Assistenten Sunil Shetty und Arbaaz Khan), dann aber am Ende umschwenkt und den Ermittlern beipflichtet, trotz der Härte nur angemessen reagiert zu haben. Extrem reißerisch ist dann das Ende, wo alle in Zeitlupe und mit gereckter Brust die Freitreppe herabschreiten, zu natürlich wieder spektakulärer Musik. Überhaupt die Musik: die ganze Zeit enormes Geballer mit stampfenden Bässen und Bedrohungsszenario im Ohr, die drei Song&Dance-Szenen sind völlig deplatziert, unnütz und dabei noch unschön gemacht. Schon allein deshalb, da hier die Tänzerin nur als Dekoration funktioniert und innerhalb der Geschichte selbst überhaupt keine Funktion hat. Ebenso die Herren: da es keine wirkliche Sympathiefigur gibt, wirken die Tanznummern völlig selbstzweckhaft und schlicht: fehl am Platz.

Ansonsten ist der Film stilistisch in einem knalligen Naturalismus gehalten, mit den üblichen Color-Grading-Spielchen Richtung monochromer Reduktion, mit schnellen Schnitten, Wackelkamera und Zeitlupen. Die Action findet komplett im Flashback statt, sodaß eine Verfremdung, oder besser: Überformung durchaus adequat ist. Es finden sich einige sehr gewalttätige Stellen, Knieschüsse, Schlägereien, Exekutionen. Dann auch einmal nervigerweise ein AMERICAN HISTORY X-Zitat. Mir selbst hat der Film überhaupt nichts gegeben, und ganz am Ende wird mühsam Sympathie erzwungen, wenn die Schurken noch mit dem Handy zuhause anrufen und sich ein letztes Mal unter Tränen mit ihren Angehörigen verständigen - denn der Tod ist ihnen gewiss. So einen Quark habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Die zwei Stunden Laufzeit empfand ich trotz des großen Boheis als sehr lange und schleppend. SHOOTOUT AT LOKHANDWALA ist ein überflüssiger, in seiner politischen Ausrichtung sogar ärgerlicher und tendenziell rassistischer Film.

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