DVD BluRay

Sonntag, 27. Oktober 2013

Pieta / 피에타 (Kim Ki-duk, Südkorea 2012)


Im heruntergekommenen Industrieviertel Cheonggyecheon inmitten Seouls arbeitet Lee Kang-do als Geldeintreiber für einen Kredithai. Kang-do gilt bei den Schuldnern als "Der Teufel", da er äußerst skrupellose Methoden anwendet, um an das ausstehende Geld zu kommen: er bricht ihnen rücksichtslos die Gliedmaßen oder verstümmelt sie - meist vor Augen der Angehörigen. Dazu nutzt er häufig deren Werkstatt-Maschinen, Stanzgeräte, Industriebohrer, Blechschneider, Walzen, usw. Oder geht mit ihnen auf eine Bauruine und stößt sie vom dritten Stock hinab. So kann Kang-dos Chef die Invaliditätsversicherung kassieren. Die Schuldner werden jedoch meist lebenslang zu Krüppeln. Und Kang-do zum meistgehassten Mann des Viertels. Plötzlich jedoch taucht eine Frau namens Min-sun auf, die vorgibt, Kang-dos Mutter zu sein - der glaubt ihr nicht, und reagiert mit aggressivster Brutalität auf die Kontaktversuche. Doch dann beginnt er sich zu öffnen, und plötzlich ist da jemand in seinem Leben. Kang-do wird verwundbar...

PIETA, der bei den Internationalen Festspielen von Venedig den Goldenen Löwen gewann, steckt voller christlicher Symbolik. Auf einer nüchterneren Ebene lässt er sich aber auch als Kapitalismuskritik lesen - nämlich als Schwundstufe der gesellschaftlichen Übereinkünfte, in der die Verbindungen ausschließlich über das monätere Zahlungsmittel geregelt werden. Alle Beziehungen zwischen den Menschen sind hier folglich unglückliche, gescheiterte. Von jeder Armenhausromantik könnte man jedoch nicht weiter weg sein, als in Kims Realismus. Eine Lösung zeigt sich nirgends. Sie wäre nur als Utopie zu finden, als Erlösung, wie sie sich auf dem Filmplakat darstellt. Dort, wo der Film hinstrebt, aber freilich niemals ankommen kann. Auf dem Plakat wird also keine Szene des Films abgebildet, sondern dessen nicht erreichbares Sehnsuchtsziel, das sich als psychologisches Movens herauskristallisiert und schließlich als Ursache des Scheiterns etabliert. Denn hier in PIETA endet alles in Scherben, so wie dann einmal Kang-do auf den ausgenommenen Eingeweiden eines Hasen in der Wohnung ausrutscht und das Messer versehentlich durch das geschlossene Fenster wirft - welches mit einem Knall zu Scherben zerbirst, die anschließend im Teppenhaus in Myriaden auf den Stufen liegen. Kang-do kümmert das wenig, er zertritt sie nochmals in Tausend Stücke. Dieses Bild, eine Allegorie auf die Scherben der Existenz.

PIETA ist jedoch für Kim als Regisseur ein Film der Krisenbewältigung. Nach der selbstgewählten, jahrelangen Einsiedelei in einem koreanischen Bergdorf, wo er unter schweren Depressionen litt und aus der der großartige dokumentarische Film ARIRANG entstanden war, legt Kim hier einen Film nach, der ihn auf dem Gipfel seines Könnens zeigt (den zwischenzeitlich realisierten Film AMEN übergeht der Regisseur geflissentlich). PIETA ist ein gewaltiges Monster, hart und brutal, mit Blick für das Detail, die Kleinigkeit, dabei extrem stimmungsvoll und nihilistisch. Manchmal etwas zu forciert allerdings und in einigen wenigen Szenen überdeutlich; aber das sind Kleinigkeiten, die von der enormen Energie des Films geschluckt werden. PIETA ist faszinierend und abstoßend zugleich, PIETA tut weh. Der Film bietet überhaupt keine (Er-)Lösung(-soptionen) aus dem Jammertal des irdischen Daseins an, und ist somit, so verschieden sie auch sind, wie Im Sang-soos TASTE OF MONEY, ein Film, der die dunkle Seite Koreas zeigt. Die Seite der Verlierer, die im Kapitalismus unter die Räder gekommen sind. Der Graben zwischen arm und reich ist riesig in diesem Land: eine vernichtende Bilanz von zwei der wichtigsten zeitgenössischen Filmemacher. PIETA jedoch, und das ist auch eine Stärke des Films, kulminiert in ein großartiges, poetisch-schreckliches, ästhetisches Ende. PIETA ist niederschmetternd schön.

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PIETA kann hier erstanden werden: [Blu-ray] [DVD]

Freitag, 25. Oktober 2013

Im Labyrinth der glänzenden Oberflächen: Im Sang-soos THE TASTE OF MONEY (Südkorea, 2012)


Wo man sich in diesem riesigen Haus aufhält, wird einem nie so recht klar - es ist ein verschachteltes System aus Räumen, Durchlässen, Gängen und Fluren, Treppen, Winkel und Etagen. Hoch über der Stadt Seoul, von der man nur das Glitzern der Lichter in der Nacht wahrnimmt, und das Im Sangsoo wie das Leuchten von Los Angeles inszeniert, hat sich diese Familie eingerichtet, eine superreiche Industriellenfamilie, die einem mächtigen Energiekonzern vorsteht. Auch innerhalb des Gebäudes ist alles aseptisch museal gehalten, High-End und Designkunst, sogar beim Frühstück ist alles genau austariert. Man hält sich mehrere Hausangestellte, und wie schon in Im Sangsoos letztem Film HANYO, THE HOUSEMAID, der ein Remake des koreanischen Megaklassikers von Kim Ki-young ist (und der meines Erachtens zu den besten Filmen der Filmgeschichte zählt), stehen diese Personen, die eigentlich nur Nebenfiguren sind und die man nicht bemerken soll, im Zentrum der Erzählung.

Im Sang-soos Film ist nun alles andere als GOSFORD PARK, auch wenn der Gedanke erstmal nahe liegt und ein befreundeter Geschäftsmann tatsächlich "Robert Altman" heißt (mit Sicherheit eine Verbeugung Ims) - TASTE OF MONEY ist ein Film über Macht und Machtmißbrauch, über Ausbeutung. Und deshalb werden die Nebenfiguren schließlich zu den eigentlichen Protagonisten des Films, also zu den Hauptfiguren in einem Spiel aus Geld und Begehren, was schließlich so vernichtend auf das Gefüge wirkt, dass es auseinanderzubrechen droht. TASTE OF MONEY ist überdeutlich eine inoffizielle Fortsetzung von HANYO, spielend in einer Zeit, da die Kinder von damals älter, erwachsen geworden sind. In einer Dialogszene wird dann auch auf diese Kontinuität angespielt, in einer anderen sieht sich die Familie im hauseigenen Kino Ims Remake an, in einer weiteren läuft das Original von Kim Ki-young. Ein Film der Referenzen also, einer, der sich explizit in Im Sang-soos Werk einschreibt und positioniert.

TASTE OF MONEY ist beim Filmfestival in Cannes gefloppt, und auch bei der Berlinale kam er nicht gut weg. Das mag damit zu tun haben, dass dem Zuschauer eine klare Sympathiefigur fehlt, auch wenn man um das Schicksal der beiden Angestellten bangt. Sie dürfen aber beinahe kein Wort sagen, ihr Innenleben äußert sich mehr in kleinen Bewegungen, Blicken und Blickkontakten. Von ihrem Innenleben bekommt man aber kaum etwas mit. Dass das philippinische Hausmädchen auch sexuell eine Beziehung zum Hausherren hat, wird später in einer - durchaus interessanten - Volte umgedeutet, da sie ihm einen Ausweg aus der lieblosen Ehehölle bieten kann. Allerdings um deren Aufgabe. Dass ihre beiden Kinder, die getrennt von ihr auf den Philippinen aufwachsen müssen, auch seine Kinder sind, bleibt unausgesprochen im Raum stehen. Im gelingt es, die Kälte der Menschen zueinander in eine cineastische Kälte der Form zu übertragen, die für den Zuschauer bisweilen schwer erträglich ist. Aufgrund der makellosen Oberflächen der Räume und durch die sturgeraden Kamerafahrten fühlt man sich in eine visuelle Eishölle gepresst, die eine Flucht unmöglich erscheinen lässt. Leider fällt Im recht wenig ein, wenn es dann ans Körperliche geht: da wird rumgehurt, mit Fressalien gespielt, und der Lack & Leder-Quatsch darf auch nicht fehlen, wenn der Regisseur ganz unsubtil darauf abzielt, die Dekadenz hinter der Oberfläche der hemmungslosen Kapitalisten zu enthüllen. Und wenn Im den Body seines Hauptdarstellers auf eine Weise illuminiert, dass das Licht blendend vom Sixpack der Bauchmuskulatur reflektiert, dann hat er eine Grenze überschritten, die er in seinem Film eigentlich anprangert: die Ausbeutung seiner Untergebenen.

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Die Blu-ray ist vor kurzem bei Koch Media erschienen und zum Beispiel
 bei Amazon erhältlich [Blu-ray] [DVD].

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Dienstag, 22. Oktober 2013

The Neighbors / 이웃사람 (Kim Hwi, Südkorea 2012)


Das Debut des koreanischen Regisseurs Kim Hwi verfolgt eine nur mäßig interessante Prämisse: was wäre, wenn in d(ein)er Nachbarschaft ein Serienmörder leben würde? Und auch wer der Übeltäter ist, weiß der Zuschauer folgerichtig schon von Beginn des Filmes an. Der Thriller lebt also nicht davon, wovon der klassische Kriminalroman seinen Stoff bekommt: dass eine Tat aufgeklärt und der unbekannte Täter gefasst wird. Ganz im Gegenteil: in THE NEIGHBORS sind diese Fakten bekannt. Hier geht es nun darum, weshalb der Täter so lange nicht überführt wird, obwohl alle merken, dass mit dieser Person etwas nicht stimmt. Mit jemandem, der mitten in der Gemeinschaft eines Appartmentkomplexes lebt. 

Obiges Plakat spricht also Bände - nicht umsonst ist der Täter inmitten der anderen Charaktere abgebildet. Womit der Regisseur natürlich einen Allgemeinplatz in Szene setzt, etwas, worüber in jedem Revolverblatt und jeder Enthüllungssendung im TV kollektiv der Kopf vor Entrüstung geschüttelt wird: wie konnte das nur unter aller Augen passieren! Nun, die Antwort ist so banal wie simpel: weil niemand die Konsequenzen aus seinen Entdeckungen zieht, weil keiner Ärger am Hals haben will. Exemplarisch ist der Fall des Händlers, bei dem der Täter die Koffer kauft, in denen er die Leichen abtransportiert. Der Händler erkennt diesen im Fernsehbericht, bewahrt dann aber Stillschweigen, als er von seiner Frau die zahlreichen negativen Aspekte einer eventuellen Einmischung in den Fall vorgehalten bekommt. Dass die Tote/Vermisste ein junges Mädchen ist, dem er jeden Tag begegnete, spielt plötzlich kaum eine Rolle mehr, wenn es um das persönlich zu erbringende Engagement geht.

THE NEIGHBORS ist ein Film, der in seiner gelackten Optik ganz gut, aber auch wohlbekannt aussieht: es ist eben das aseptische, gutbürgerlich-moderne Korea. Leider ist der Film bedauerlicherweise ziemlich dröge und bisweilen sehr banal - er trägt seine Message allzu deutlich vor sich her. Der Täter ist ein dermaßen herausfallender Asi mit allen Insignien der Verwahrlosung, dass man sich fragt, warum wirklich keiner mal sich traut, Maßnahmen zu ergreifen. So richtig plausibel ist das nicht. Und die Regie ist immer wieder eklatant unkreativ. Szenen werden linear runtergekurbelt ohne jede künstlerische Ambition. Kim Yunjin spielt die Mutter, die für verrückt erklärt wird, da ihr die Tochter immer wieder als Geist erscheint; sie ist eindeutig das schauspielerische Highlight des Films. Man kennt sie aus der Fernsehserie LOST, wo sie die koreanische Frau spielt, die sich vom autoritären Ehemann emanzipieren muss. Ein wirkliches Profil aber kann kaum eine der schablonenhaften Figuren gewinnen (abgesehen vielleicht vom schwertätowierten Gangster Ma Dong-seok, mit dem man sich lieber nicht anlegen möchte), zu sehr ist der Plot in seiner Anlage auf einen konzentrischen Kreis angelegt, in dessen Zentrum sich der Täter befindet. Ansonsten gibt es noch so einiges unglaubwürdig Überforciertes zum Stirnerunzeln: etwa die umgebaute Wohnung des Täters, die in ein Kellergeschoß hinabführt, wo er seine Opfer im slasherüblichen Ambiente der blutig-verschmierten Kacheln und kalten Neonröhren zerschnetzelt. Ich denke nicht, dass man so etwas zum hunderttausendsten Male wiederholen muss. Aber THE NEIGHBORS ist eben auch nur ein Film unter sehr vielen, sehr ähnlichen seiner Art.

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Freitag, 18. Oktober 2013

Poongsan / 풍산개 (Juhn Jai-hong, Südkorea 2011)


Juhn Jai-hong ist einer der Protégées von KIM Ki-duk, der mit seinem Debut BEAUTIFUL reüssierte und der bei des Meisters BREATH die Rolle des Regieassistenten eingenommen hatte. BEAUTIFUL hatte ich mir damals nicht angeschaut, da ihm von mehrfacher Seite der Vorwurf des Kunstgewerbefilms vorauseilte, und meine Vorbehalte mir wohl den Film verhagelt hätten. POONGSAN jedoch galt als spannender Thriller, der zudem mit wenig Geld entstanden sei und durch den großen Einsatz aller am Projekt Beteiligter erst möglich wurde. Angeblich hatten die Darsteller auf eine Bezahlung verzichtet und waren nachher an den Einspielergebnissen beteilgt.

Poongsan, nordkoreanisch für "Hund", bezeichnet freilich den Protagonisten (Yoon Kye-sang), der einmal im Film von einem Geheimagenten als solcher bezeichnet wird, der die Zigarettenmarke selbigen Namens raucht und der wie ein nicht einzufangendes Tier - dies der Plot des Films - dazu in der Lage ist, heimlich die entmilitarisierte Zone (DMZ) zwischen Süd- und Nordkorea zu überqueren. Was freilich im höchsten Maße illegal ist. Er muss bei jeder Überquerung mit dem Tode rechnen, da schwerbewaffnete Soldaten am Zaun patrouillieren. Der Poongsan schleppt Leute über die Grenze, oder überbringt Botschaften von auseinandergerissenen Familien. Es ist ein zwar illegaler, jedoch zutiefst humaner, eigentlich  humanitärer Dienst, den er ausübt. Die Kontaktaufnahme ist schwierig, und ob er stumm ist oder einfach nie spricht, aus Schutz etwa, bleibt den Film über unklar. Er ist ein stiller nächtlicher Schatten, der nicht zu greifen ist.

Bei einem Auftrag jedoch geht alles gründlich schief: er soll In-ok (Kim Gyu-ri), die Frau eines übergelaufenen nordkoreanischen Parteikaders in den Süden schaffen, da dieser nur dann bereit sei, eine gewichtige Aussage zu machen, die dem südkoreanischen Geheimdienst wertvolle Informationen liefern könne. Dies klappt schließlich, doch entpuppt sich der Überläufer als grandioses, seine Frau missbrauchendes Arschloch - zudem haben sich die beiden, der Poongsan und die Frau, scheinbar angenähert. Der gemeinsame Grenzübertritt hat sie für einander eingenommen, der Konflikt wird also auch ein erotischer, die Männer zu Rivalen.

Dass die Agenten der verschiedenen Seiten alle dieselben Verbrecher sind, die ohne mit der Wimper zu zucken zu foltern bereit sind, um an das zu kommen, was sie brauchen, dürfte in so einem, zuletzt moralischen Film niemanden überraschen. Und dass derjenige, der Illegales tut, nämlich Poonsang, der einzige ist, der eigentlich Gutes tut, auch nicht. Die Verkehrung der Verhältnisse. Die Spannung jedenfalls ist durchweg sehr hoch, in den zwei Stunden Spielzeit findet sich keine Länge. So einige Logiklöcher häufen sich allerdings an, sodaß Logikfetischisten so einiges am Film zu bekritteln haben dürften. Ich habe den Film als reines Spannungskino wahrgenommen, das seinen politischen Hintergrund für seine Zwecke ausschlachtet. Das ist nicht besonders lauter, aber üblich im Genrefilm (was keine Abwertung sein soll). Zudem fällt er in vielen Details recht plakativ aus, was aber immer durch die tollen Schauspieler ausbalanciert wird und durch die nächste, atemlos machende Szene. Über das allzu forcierte Finale hängen wir das Mäntelchen des Schweigens. Als Unterhaltungsfilm, als Thriller mit politischem Hintergrund ist POONGSAN durchaus zu goutieren - ein genaueres Hinsehen allerdings wird nicht empfohlen, das führt unweigerlich zu den offenkundigen Schwächen dieses unausgereiften und letztlich recht mediokren Spielfilms.

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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Harus Reise / Haru's Journey / Haru tono tabi (Masahiro Kobayashi, Japan 2010)


Der Film beginnt mit der Außenansicht eines kleinen Wohnhauses, leicht heruntergekommen, wie es in vielen Ortschaften auf dem Land zu finden ist. Ein paar rote Flecken, die einsamen Blumen vor der Tür. Heraus stakst der Großvater, sichtlich aufgebracht, im Mantel, bereit weg zu gehen. Seine Hüfte ist kaputt, ein Bein zieht er stark nach. Haru kommt dann heraus, sie schreit ihm nach, hat eine rote, gesteppte Jacke an und einen Ruksack auf dem Rücken. Sie rennt hinter ihm her, er hört sie nicht in seiner Wut, die Kamera schwenkt, man sieht, sie sind am Meer, ein Fischerdorf, der Wind bläst, die Küste. Ein Jahr vor Fukushima, ein Jahr vor den Flutwellen des Erdbebens. Jetzt ist das alles Geschichte, der Film ein Dokument.

Wie der Ort genau heißt, erfährt man nicht im Film. Es muss aber nördlich von Sendai sein, denn dort stehen sie wenig später am Bahnhof, irgendwo auf dem Weg nach Ishinomaki, eine Stadt, die traurige Berühmtheit deswegen erlangt hat, da die Zerstörung des Tsunami dort am größten war. Haru jedenfalls (gespielt von Eri Tokunaga) ist Anfang zwanzig und hat ihren Job verloren, will nach Tokyo und kann sich nun nicht mehr um den Großvater kümmern (großartig: Tatsuya Nakadai), der alleine nicht mehr zurecht kommt. Oder nicht mehr zurecht kommen will. Er ist ein Eigenbrötler und ein Hitzkopf, rauhe Schale weicher Kern - doch bis man dorthin vorstößt, müssen einige Filmmeter geschaut werden.

Harus Reise ist lang, über zwei Stunden, und recht ruhig dazu. Liest man überall, dabei ist ganz schön viel los. Die Tonspur klebt alles zu mit ihren bittersüßen Melodien, was ich doch recht problematisch finde an diesem Film. Andererseits nutzt Kobayashi das geschickt, indem er öfters über das Aussetzen des Tons eine Blende konstruiert, die mit erneutem Einsetzen der Tonspur die Zäsur markiert. Und auch an Ereignissen passiert recht viel. So werden die gesamten Verwandten der beiden abgeklappert auf der Suche nach einem Verbleib für den Großvater. Dumm nur, dass er es sich seit Jahren mit allen verscherzt hat. Haru ist am Verzweifeln. Und so ist HARUS REISE eine langsam sich entfaltende Geschichte, die immer komplexer wird, über Familienbündnisse im zeitgenössischen Japan. Über Zusammenhalt und Individualismus, über - mal wieder - das Erwachsenwerden und zugleich über das Sterben. Über das Loslassenkönnen und den Neuanfang. Über Mut und Trauer. Besonders sehenswert macht den Film, dass er wie in einem Shomingeki das Besondere im Gemeinen verbirgt und erst im Laufe der Zeit seine Geschichte entblättert. Diese ist vollkommen alltäglicher Natur, jedoch mit dem speziellen Fokus eben wieder eine besondere. Und so geraten kleine Gesten zu großen, ein Lächeln kann zugleich zu Tränen rühren. Ein toller Film, und sehr einnehmend, wenn man sich auf ihn einzulassen bereit ist.



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Harus Reise ist bei Rapid Eye Movies erschienen und kann hier erstanden werden [DVD].

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Freitag, 11. Oktober 2013

PROJECT K - Koreanisches Filmfestival Frankfurt 2013


Dieses Jahr findet zum zweiten Mal das sich auf das zeitgenössische koreanische Kino spezialisierende Filmfestival PROJECT K in Frankfurt am Main statt. Der Einfachheit halber zitiere ich aus dem Ankündigungstext:

Project K – The Korean Film Festival 2nd Edition, wird erneut vom Verein Project K e.V. ausgerichtet. Dabei entsteht vom 17. bis 20. Oktober 2013, auf dem Universitätscampus Bockenheim, abermals eine koreanische Insel. Unter dem Motto „4 Days in Seoul“ wird das Veranstaltungsgebäude entsprechend der koreanischen Hauptstadt in verschiedene Viertel unterteilt. Itaewon, Namdaemun, Hongdae, Myeong-dong und Insa-dong entfuhren die Besucher in eine koreanische Welt innerhalb Frankfurts. Neben einer großen und abwechslungsreichen Auswahl an Filmen soll die koreanische Kultur, ihre moderne sowie auch die traditionelle Seite, den Besuchern auf anschauliche Weise nähergebracht werden.
Zu sehen sind neben etlichen Blockbustern und Mainstream (THE THIEVES, THE BERLIN FILE, A COMPANY MAN) auch einige Independent- und Animationsfilme, die selbst Informierten noch Unbekanntes bieten dürften. Neben so großartigen Filmen wie Hong Sang-soos MY NEIGHBOUR HAEWON - den man sich hier, wenn man ihn auf der Berlinale verpasst haben sollte, noch einmal auf der großen Leinwand ansehen kann -, den jüngst beim FFF gelaufenen, spannend konstruierten Undercover-Cop-Thriller NEW WORLD, oder den mysteriös verstörenden WEREWOLF BOY (den ich bereits in Hongkong gesehen habe, und der vielen Leuten sehr gut gefallen hat), gibt es neben einigen Romantikkomödien, dem Remake eines der großartigsten koreanischen Filme, Kim Ki-youngs THE HOUSEMAID, hier upgedatet von Im Sang-soo sowie dem üppigen Begleitprogramm, auch noch Kim Ki-duks neusten Inzest-Magenhieb MOEBIUS zu sehen, der in Korea aufgrund seiner Altersfreigabe eine Kontroverse ausgelöst hatte. Da sollte doch jeder etwas Spannendes finden können. Hier geht es zum offiziellen Programm. Die Karten für Erwachsene kosten lediglich 6€. Ich wünsche ein schönes Festival!

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Donnerstag, 10. Oktober 2013

Zombie 108 / Z-108 qi cheng (Joe Chien, Taiwan 2012)


Wenn man nach dem Knall aufwacht, dann ist alles anders. Große Zäsur. So wie auch in SIDE EFFECTS von Soderbergh - wo einem der Knall aber nur verkaufen soll, es sei alles anders -, ein Film,  der als companion piece eher schlecht zu ZOMBIE 108 passt. Aber der Knall findet sich eben auch dort. Auch mit dem Auto. Hier jedoch ist nach dem Autounfall alles anders. Der Gatte tot, das Kind davongelaufen. Die Protagonistin "erwacht" in einer neuen Welt (siehe 28 DAYS LATER), aber in einer Welt des Untergangs. Die Creditsequenz erklärt es dann auch: schief gelaufene Experimente mit militärischen Kampfstoffen sind schuld, und jetzt ist das moderne Taipei ein Kriegsschauplatz. Shopping Days are over.

Laut Werbemaschine ist ZOMBIE 108 das "first taiwanese zombie movie ever", und es wird auch Zeit, dass jede Filmindustrie der Welt endlich ihre eigene Zombiekultur ausbaut. Es geht schleißlich darum, Geld zu verdienen. Schade ist dann nur, dass der Film so stark an westlichen Sehgewohnheiten ausgerichtet ist und die Eigenständigkeit auf der Strecke bleibt. Zudem ist er unnötig hypertroph aufgeladen. Da der Zombieplot wohl nicht genügt, wurde noch eine zweite Storyline eingefügt, die neben dem Hauptstang der Zombieplage die Protagonistin in die Fänge eines perversen Serienkillers geraten lässt, der sie sich an einem Schnürchen festgebunden als Sexsklaven hält. Sie muss immerzu nackt durch die Wohnung kriechen und auf Wunsch dem Maestro das Genital massieren. Dieser wird ironischerweise (?) vom Regisseur selbst gespielt und ist ein echtes Ekelpaket.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Spaß macht, heute noch so einen Film zu drehen. Jedoch: zugutehalten muss man ihm, dass er recht ordentlich aussieht, eine kurze Laufzeit hat und auch keine low Budget-Produktion ist (nach asiatischen Verhältnissen). Das geht alles in Ordnung. Im Schneideraum hätte man sich aber dann doch noch etwas mehr Zeit lassen sollen, denn geschnitten ist der Film furchtbar amateurhaft. Hier kann man richtiggehend lernen, wie man Szenen kaputtmontiert. So richtig ärgerlich aber ist auch das nicht, es ist einem dann halt recht bald, wie der gesamte Film: egal. Und hofft, dass er schnell ins Vergessenheit gerät. Wie auch der Soundtrack. Der Kopf muss frei werden, man braucht Luft für gute Filme!

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In Deutschland ist der Film unter dem knackigen Titel ZOMBIE WORLD WAR auf DVD erschienen und kann bei amazon erstanden werden.