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Mittwoch, 18. Dezember 2013

Azooma / A Fair Society / Gongjeongsahoe (Lee Ji-seung, Südkorea 2013)


Nicht nur, aber gerade in den letzten Jahren hat sich das Filmland Südkorea besonders mit seinen Rache-Thrillern hervorgetan - zumindest was die internationale Wahrnehmung betrifft. AZOOMA ist ein weiterer Vertreter dieser Gattung, einer, der in seiner formalen Struktur, in den verschiedenen Ebenen der korrespondierenden Flashbacks recht kunstvoll verschachtelt ist, und der über diese Verknüpfungen sukzessive die Hintergrundstory aufblättert.  Das zentrale Sujet des Filmes ist brisanterweise ein Kindesmißbrauch, genauer: die zehnjährige Tochter Yeon-ju (Lee Jae-hee) der Protagonistin Yoon Young-nam (Theaterdarstellerin Jang Young-nam in ihrer ersten Hauptrolle, die aber auch schon in A WEREWOLF BOY, THE NEIGHBOR oder HINDSIGHT überzeugen konnte) wird eines Tags nach der Schule von einem vorbeikommenden Autofahrer entführt und missbraucht. Schwer traumatisiert überlebt sie die schrecklichen Ereignisse, doch als die Mutter die schleppenden Ermittlungen der Polizei anschieben will, stößt sie auf merkwürdige Hindernisse.

Ihr geschiedener Gatte und Vater des Kindes etwa wiegelt immer wieder genervt ab, er verlustiert sich lieber mit seiner neuen Assistentin und meint, das Kind würde die Sache schon vergessen. Der ermittelnde Inspektor Ma (Ma Dong-seok) hat angeblich zuviel um die Ohren, und sein Telephon klingelt tatsächlich auch die ganze Zeit, als dass er sich in ausreichendem Maße um diesen Fall kümmern könnte. Es dauert eine Ewigkeit, bis einmal eine Psychologin sich des Kindes annehmen darf, zuvor wird sie von den schwer empathielosen Ermittlern zur Sache gelöchert. Oder als Azooma den Täter wiedererkennt und ihn durch die schmutzigen Seitengassen Seouls verfolgt, kommt ihr nicht nur niemand zuhilfe, sondern die eintreffenden Polizisten halten sie für eine durchgedrehte Ziege.

Wie der ironische Titel A FAIR SOCIETY bereits andeutet: fair ist hier gar nichts. Und so geht es dem Film offensichtlich nicht nur um das schmutzige Geschäft eines kleinen Revenge-Thrillers, sondern um mehr. Es geht darum, wie die Gesellschaft unliebsame Ereignisse beiseite schiebt oder unter den Teppich kehrt. So wird an mehreren Stellen thematisiert, dass eine Verhaftung bei solcher Beweislage sowieso nichts bringen würde, dass selbst bei einer Verurteilung der Täter bald wieder frei käme und dergleichen mehr. Vor diesem Hintergrund ist auch das intensive Spiel der Protagonistin zu sehen, die zunehmend hysterischer wird - und damit immer mehr auf sich selbst gestellt ist und zugleich ins Abseits rückt. Mit ihr will bald schon keiner mehr zu tun haben. Anstatt der Ermittlung zu helfen, schadet sie ihr, wenn sie ihr Recht einfordert. Der Begriff Azooma bezeichnet wohl auch nicht nur ein verheiratete, mittelalte Frau, sondern ist pejorativ konnotiert. Der Haupttitel, unter dem der Film firmiert, bezeichnet somit den Blick von außen, wie die Protagonistin von den anderen Figuren gesehen wird.

Der Film gilt als engagierte Kleinproduktion und es ist beachtlich, wie souverän des Debut Lees ausgefallen ist. Aber der Mann ist kein Neuling im Business, er ist einer der Produzenten des Tsunami-Katastrophen-Blockbusters HAEUNDAE. Gleichwie: Sein Ziel verfehlt er dennoch. Denn die eigentliche Rachhandlung, die die letzten zwanzig Minuten einnimmt, ist eine groteske, überdeutliche Gewaltorgie, die in ihrer expliziten Darstellung für einige Magenverstimmungen zum Beispiel beim Internationalen Filmfestival in Busan gesorgt haben dürfte. Wie hier die Kamera draufhält, ist schon sehr, ja, geschmaklos - und das ist besonders enttäuschend, da die potentiell schwierig abzubildenden Missbrauchsszenen des Kindes zuvor dezent gelöst worden waren. Sehr ärgerlich ist das, wenn dann der Film am Ende so draufhaut, und das ohne Mehrwert. Vermutlich hat man hier zynischerweise auf die Marktwirksamkeit des Schocks gesetzt, und damit diesen durchaus ambitionierten Film kaputt gemacht. Schade.

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Sonntag, 15. Dezember 2013

Fukrey (Mrighdeep Singh Lamba, Indien 2013)


FUKREY ist eine indische Slacker-Komödie, in der vier mehr oder weniger gut miteinander befreundete, dafür aber permanent in Geldnöten schwebende Tagediebe und Hinterbänkler sich das Geld für das Zulassungsexamen an einem College in Delhi zusammenschwindeln wollen. Genauer: sie wollen über den Pförtner Pandit an die geleakten Prüfungsfragen herankommen, denn: innerhalb des Colleges ist alles, was sie sich erträumen... reiche und schöne Menschen, die heißesten Frauen, Autos und Privilegierte. Das Studium interessiert sie wenig, sie haben ordentlich Flausen im Kopf.

Nachdem der Film am Startwochenende sehr schleppend anlief, entwickelte er sich in den indischen Kinos zum veritablen Hit; und das, wie man liest, aufgrund der Begeisterung der Zuschauer, die den Film erst im Laufe der Zeit entdeckten und er sich über Mundpropaganda zum Hype auswuchs. So sehr, dass er wieder in den Spielplan aufgenommen wurde und dann einschlug und mittlerweile wohl auch ein Computerspiel zum Film entwickelt wurde. Jedoch, mir will der Film nicht besonders gefallen.

Zwar kann man ihm zugutehalten, dass er vier charakterlich recht verschiedene Charaktere einführt (der Womanizer Hunny, der immer den Hemdkragen hochstellt, ein Trottel im Karohemd mit offenstehendem Mund (Choocha), ein verhinderter Liedermacher namens Zafar, der stets traurig den Boden inspiziert, und der unterdrückte Sohn Lali eines Sweet-Shop-Besitzers mit ernsthaften Bestrebungen zum Wirtschaftsstudium), jedoch finden diese wie nach Schablonen ausstaffierten Figuren alle erst nach und nach zueinander, was dem Film einen recht schleppenden Einstieg verpasst. Bis es richtig losgeht, ist schon die erste Stunde um. Und wenn es rollt, ist Intermission. Der Film erlaubt sich außerdem die üblichen Digressionen in hundert und eine Richtungen, Seitenplots mit Liebe (die schöne Priya) und Verzehrung, in denen amouröse Avancen auf Lenkdrachen geschrieben werden, und wo man sich bei einem Seitenblick vom fahrenden Mofa aus bereits unsterblich verlieben kann. Oder der gestrenge Vater, der stets aufbrausend seinen Bart richtend kurz vor dem Herzinfarkt seinen Sohn mit Ermahnungen und Ratschlägen zermürbt. Klar, dass man da irgendwann raus möchte, und nicht bis ans Lebensende braunen Plastiktellermatsch für ein paar lausige Rupien verkaufen will. Einen Ausweg scheint eine kapitalträchtige Gangsterbraut zu bieten, die auch einen eigenen, vollverspiegelten Fitnessraum besitzt, wo sich das Licht im schweißnasse Dekolleté in tausend Schweißperlen glitzernd bricht.

Die todsichere Idee der Knallköppe ist so beknackt wie oft der Film selbst: der Trottel hat die Fähigkeit, Lottonummern zu erträumen (!) - und den Jungs fehlt's halt am Kapital, mal richtig abzuräumen. Den Rest kann man sich denken: man lässt sich mit den falschen Leuten ein, der bösen Mafia in diesem Fall. Und das kann ja dann nur nach hinten losgehen: I'll shove my hand up your behind and grab twice as much! faucht die bezaubernde Richa Chadda sehr überzeugend als verführerisch toughe Gangsterin Bholi Punjaban. Klar, da bekommen die vier Jungfrauen weiche Knie. Das gilt auch für die formale Seite des Films: ein bißchen mehr Zug im Plot hätte FUKREY definitiv nicht geschadet, so wirkt der ganze Film doch stark fragmentiert, selbst wenn einen die Handlung nicht gerade überfordert. Höhepunkt des Stumpfsinns ist dann der Besuch einer Techno-Party, auf die Helden Pillen dealen sollen. Allerdings gibt es da dann endlich die erste richtige Song&Dance-Szene.
Ansonsten hat der Film aber auch Positives zu bieten: ein gewisses Maß an Hingabe ist zu spüren, das sich in immer wieder aufblitzenden ernsteren, kleineren Details äußert; oder das tolle Lokalkolorit der Nebenstraßen und Gassen, sowie die Atmosphäre, die in der Enge der Stadt und über den Hausdächern eingefangen wird; die shaky-Cam, die versucht etwas Dynamik in den bisweilen trögen Plot zu bringen. Viel Bohei - und nicht viel dahinter. FUKREY ist ein leider nur im Ansatz vergnüglicher Timewaster. Mit Pulkit Samrat, Ali Fazal, Richa Chadda, Manjot Singh, Priya Anand (überzeugend, leider in zu kleiner Rolle) und Varun Sharma.

Michael Schleeh

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Freitag, 13. Dezember 2013

Brothers and Sisters of the Toda Family / Todake no kyodai (Yasujiro Ozu, Japan 1941)


Zum 110. Geburtstag Yasujiro Ozus habe ich mir gestern diesen mir noch unbekannten Film Ozus gegönnt, einer, der gemeinhin als Übergangsfilm, als einer seine beiden wartime films gilt, zwischen seinen beiden großen Werkphasen also, die frühe von 1927-1937, die späte von 1947-1962. Man freut sich am Schluß mit dem Film, wenn nach der turbulenten Anfangsphase der ersten Stunde die Ruhe einkehrt, der Film sich von den großen Personengruppen auf die kleinen fokussiert, das Gesprächsvolumen abgenommen hat, die kleinen Anekdoten verstummen, die Hauptfiguren mehr Raum bekommen und am Ende die Harmonie nach einer bitteren Auseinandersetzung zumindest teilweise wieder hergestellt ist. Schön, dass der recht sympathische aber unstete Held der Geschichte, Shojiro Toda (ein junger, attraktiver Shin Saburi), einer der Söhne des alten Toda den Mumm hat, sich nun gegen seine Geschwister durchzusetzen und seinen Weg gefunden hat. Und auch schön, dass die sympathischen Figuren zusammenhalten: die Tochter Setsuko (Mieko Takamine) und die Okasan, gespielt von Ayako Katsuragi.

Doch um was geht es überhaupt in diesem Gendai-geki? Die noble und wohlhabende Familie Toda begeht einen Familientag, den 69. Geburtstag des Vaters, an dessen Ende der betrunkene Patriarch einen Herzanfall erleidet und plötzlich verstirbt. Er hinterlässt alles seinen Kindern, was aber leider kein Segen ist, da sich in den letzten Jahren immense Schulden angehäuft hatten. Es stellt sich heraus, dass die einzige Option, die Schulden zu begleichen die ist, das Haus und alle Besitztümer zu veräußern, auch die große Kunst- und Antiquitätensammlung des Vaters. Darauf einigt man sich recht schnell und überraschend pragmatisch, der emotionale Verlust des zentralen Orts der eigenen Biographie, des Elternhauses sowie des Familienerbes scheint sich in Grenzen zu halten. Überhaupt merkt man recht schnell, dass der familiäre Zusammenhalt zwischen den (schon lange erwachsenen) Erben und deren eigenen Familien nicht besonders groß und liebevoll ist; die unterschwelligen Spannungen beginnen sich zu zeigen. Shojiro, der als schwarzes Schaf der Familie gilt, verkündet sogar, dass er beruflich ins Ausland geht, nach Tianjin in China, um dort einen Neuanfang zu wagen. Die Mutter und Setsuko, die mit der Begleichung der Schulden ihr Zuhause verlieren werden, sollen bei den Familien der Kinder unterkommen.

Dass der Film von Masters of Cinema/Eureka in ihrer Dual Format-Edition als companion piece zum bekanntesten Film Ozus gepackt wurde, zu TOKYO MONOGATARI, ist kein Wunder, stehen sich doch die beiden Filme thematisch sehr nahe (wie auch THE END OF SUMMER (1961) oder dem frühen A MOTHER SHOULD BE LOVED von 1934, aber den kenne ich noch nicht). Denn im weiteren Verlauf zeigt sich, dass Mutter und Tochter eben keinen neuen Platz zum Leben finden. Man erträgt sie gezwungenermaßen, aber keiner nimmt sich für sie Zeit. Hinter einer Maske der Höflichkeit werden sie zwar eingeladen, zu bleiben, doch werden sie nicht in die jeweilige Familie integriert. Man behandelt sie als Gäste, die irgendwann schon wieder abreisen werden und lässt es sie spüren, indem man Tagesabläufe plant, in denen sie nicht berücksichtigt werden. Kein Wunder kommen sich die beiden wie Störenfriede vor, und bald schon planen sie in das heruntergekommene Wochenendhaus der Familie zu ziehen, das ihnen noch geblieben ist - es hatte sich als unverkäufliche Ruine herausgestellt. 

Als dann schließlich Shojiro aus China zurückkehrt und von den Zuständen und der Respektlosigkeit gegenüber der Mutter und der Schwester erfährt, spricht er am ersten Todestag des Vaters, zu dessen Ehren die Familie sich erneut versammelt hat, ein Machtwort. Shojiro ist im Ausland zum Manne gereift, übernimmt Verantwortung und weist seine Brüder und Schwestern zurecht. Sein Angebot, die beiden Heimatlosen mit nach China zu nehmen wird nach erstem Zögern gerne von ihnen angenommen, was zugleich eine Ohrfeige für den Rest der Familie darstellt. Die japanische Familie, die in Japan ihren Platz verliert, muss ins Ausland. Hier nun lässt sich auch nicht mehr mit Begriffen wie Tradition versus Moderne argumentieren - wie das in der Filmwissenschaft gerne mit TOKYO STORY gemacht wird und die in der Regel den verschiedenen Personengruppen zugeschrieben werden, nein, in BROTHERS AND SISTERS OF THE TODA FAMILY ist das Problem ambivalenter. Es stellt sich die Frage, wer letztlich überhaupt die moderne Familie in diesem Film ist: diejenige, die den traditionellen Werten keine Wertschätzung mehr entgegen bringt? Der Film konstatiert nur einen Verfall der Werte und gibt den Familien aber keinen oder kaum einen Raum für ein eigenes Profil; man kann also gar nicht so einfach behaupten, sie übernähmen "westliche". Oder diejenige, die die alten Werte zu bewahren sucht und sich aber zugleich dem Neuem zuwendet, und dafür sogar ins Ausland geht?[*] Shojiro, die Mutter und Setsuko jedenfalls geben diesem Film, einem Film der Kriegszeit, in der die Filme voll waren von Durchhalteparolen und Patriotismus, der der japanischen Gegenwart der 40er Jahre ein zwar nicht ausschließliches, aber dafür ebenso ein bitteres Zeugnis ausstellt, am Ende eine positive Wendung, die sich aus dem Individualismus und der Stärke, der sympathischen Empathiefähigkeit Shojiros speist. Und dann ist der Film, der nur ein kurzer Ausschnitt aus dem Leben dieser Leute ist, der einen kleinen Einblick uns erlaubte, einfach vorbei. Happy Birthday, Ozu-san!

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[*] Anmerkung: Ein etwas komplexeres Thema und in einem längeren Text wäre dieser Aspekt sicherlich einer genaueren Betrachtung wert; in obiger Form meine ich das rein persönlich/individuell auf den Protagonisten gemünzt. Diese Sichtweise wird unterstützt von der Aussage Ozus, immer Filme aus dem Mikrokosmos Familie heraus gemacht zu haben, die Gesellschaft an sich habe ihn nicht interessiert. Zu Kriegszeiten ist das natürlich nochmal ein spezieller Fall, schon wegen den Vorgaben, der Zensur usw. Tianjin war bis 1945 unter japanischer Besatzung und schon seit langer Zeit neben Shanghai einer der wichtigsten Handelshäfen.

Sonntag, 8. Dezember 2013

Century of Birthing / Siglo Ng Pagluluwal (Lav Diaz, Philippinen 2011)


Am Ende, da löst sich alles in Tanz auf. Diejenigen, die ihren Platz im Gefüge verloren hatten – die wahnsinnig gewordene Schwangere und der Regisseur, der sich in einem jahrelangen Schneidemarathon seines letzten Filmes verloren hat – erobern sich den Raum zurück als zwei um sich selbst drehende Fixpunkte, die, sich gegenseitig erkennend, ins Jauchzen geraten. Ein kurzer Moment der Erfüllung ist das, oder, weil das Thema Religiosität in diesem Film zentral ist, vieleicht auch überhöht und erhabener formuliert: ein Moment der Erlösung. Bevor dann in der letzten Einstellung der Regen auf die Dächer der Hütten und Häuser plattert, so wie er es immer tut und der Raum freigegeben wird für die nächste Erzählung, die nächste Geschichte, den nächsten Film.

 Sechs Stunden später also, ganz am Ende von Lav Diaz’ A Century of Birthing steht der Neuanfang. Und das ist nicht das Einzige, was in diesem Film geboren wird (werden soll) – womit der Film, der mir im Vergleich zu anderen Werken, die ich von Diaz kenne, eine merkwürdig runde Form aufweist und damit eine gewisse Geschlossenheit und Harmonie suggeriert. Auch wenn diese Gestaltetheit in sich wieder eine Offenheit birgt; denn vielleicht sind die Figuren nun vollends dem Wahnsinn anheim gefallen (aber vor solchen großen, überhöhten Gesten muss man sich hüten). Eine Offenheit jedenfalls, die auch der Zuschauer mitbringen muss, wenn er sich einem solchen Mammutfilm ausliefern möchte – und auch klar, Diaz kann natürlich noch viel länger, auch doppelt so lang. Century of Birthing, den man sich neulich bei mubi in voller Länge im Stream anschauen konnte, gehört also zu seinen mittellangen Werken und wäre schon deswegen “gut für Einsteiger” geeignet. Man scheint Angst, oder zumindest Respekt zu haben vor einer solchen Filmlänge, die einem nicht nur Sitzfleisch, sondern, ja: Lebenszeit ab- und auch einfordert. Zwei Zeiteben, die sonst getrennt sind im Kino und nur im besten Falle aufgehoben werden, verschmelzen miteinander (und noch viel weiter sind sie in der Regel zuhause von einander getrennt, wo man gerne mal mit der Fernbedienung spielt). Persönliche Zeit wird bei Diaz Zeit mit dem Film, und der Film spürbar zum Teil der eigenen Lebenszeit...


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Sonntag, 1. Dezember 2013

Live Today, Die Tomorrow / Hadaka no Yûkyûsai (Kaneto Shindo, Japan 1970)


Das ist ein Straßenfilm. Dreckig, rauh und rüde. Wo ist Shindos Eleganz? Nirgends. Wie mit Bauklötzen werden hier einzelne Szenen aneinandermontiert, Handlungsabschnitte mit einem Schweißbrenner zu einem Spielfilm zusammengeschmolzen. Geschwitzt wird viel in den heißen Tokyoter Nächten, wenn die jugendlichen Protagonisten aus den Jazzbars taumeln und die Schlägerei mit einem Gaijin bevorsteht, einem hünenhaften schwarzen GI, der die japanischen Buben haushoch überragt. Aber sie wollen das, und Kaneto Shindo macht das hier wie in einem Sun Tribe-Film, sie wollen rasen, und die eigene Vergangenheit vergessen. Blutend legen sie sich zwischen die Beine ihrer Freundinnen, die vom nächtlichen Anschaffen zurückkommen, ausgelaugt und ohne Lächeln. Sie drängen sich auf, das letzte Aufdrängen für diese Nacht, das noch erduldet werden muss, vielleicht kommt ja auch der Spaß zurück. Die Syphilis hält keinen davon ab, sich ein Stück davon zu nehmen, was ihm immer vorenthalten wurde. Manche werden dabei Gangster, manche Tote. Und immer liegt man im eigenen Schweiß.

Ein Schweiß, der die eigene Herkunft vergessen lässt. Der Protagonist nämlich stammt von hoch aus dem Norden, aus Abashiri, dort wo es das berühmte Gefängnis gibt - weiter weg von Japan geht es in Japan eigentlich nicht. Dort wird es im Winter kalt, so kalt, dass die ärmliche Familie zu erfrieren droht, und freilich: zu verhungern. Sie haben zu viele Kinder, die kann man nicht alle durchbringen, und der Vater taugt sowieso nichts. Verschwindet einfach für Tage, Wochen, lässt sie alleine sich durchschlagen, versäuft, verhurt, verspielt das bisschen Geld. Aber die Mutter nimmt ihn immer wieder auf. Als dann gar nichts mehr geht,  da zieht sie in den Süden, zur Apfelernte, und lässt die älteste Tochter zurück mit Michio, dem Protagonisten. Dieser muss mit ansehen, wie sie erst von einem Bauern vergewaltigt wird, da sie etwas Geld leihen soll. Und auf dem Rückweg durch den Wald wird sie von sechs Schulbuben aufgegriffen und niedergerungen, die sich ebenfalls auf sie stürzen. Michio kann nur dabeistehen, er ist noch zu klein um sie zu verteidigen. Als er mit der Schwester zurückkehrt, ist sie bereits wahnsinnig geworden und überreicht der Mutter mit irrem Lachen eine Spielkarte.

Aber eigentlich spielt der Film in Tokyo, dorthin wo die Jungen vom Lande verschachert werden. Aus den ländlichen Gebieten in die Betriebe der großen Städte, dort wo Arbeit, Geld, die Mädchen locken. Das bessere Leben. Diejenigen, die Arbeit haben, rackern sich aber zu Tode. Und die, die immer wieder abhauen, landen in den Amüsiervierteln und in der Halb- und Unterwelt. Michio ist ein Davonrenner, der sich bald in eine kleine Nutte verliebt. Er hat auch eine schwarze Kanone, die er immer dann einsetzt, wenn er in Bedrängnis gerät. Da wird auch mal ein Taxifahrer erschossen, weil man kein Geld hat. Bald landet er in der Zeitung, der durchgedrehte jugendliche Killer. Shindo schneidet Zeitungsschlagzeilen hinein, plötzlich gibt es einen Voice-over, der Film ist ein anderer, semidokumentarisch. Stilbrüche gibt es am laufenden Band. Und dann die tollen Szenen der Zengakuren (die linksradikale studentische Protestbewegung), die ANPO-Proteste auf den Straßen Tokyos. Wahnsinn, wie Shindo das hier filmt. LIVE TODAY, DIE TOMORROW ist ein wilder Film, irgendwo zwischen Oshima und Kurahara. Olaf Möller schreibt, das sei die mittlere Werkphase Shindos, die so düster sei und anders. Wer Shindo nur, so wie ich, von seinen großen bekannten Filmen wie ONIBABA, KURONEKO, CHILDREN OF HIROSHIMA oder NAKED ISLAND her kennt - hier kann man einen ganz anderen Kaneto Shino entdecken.

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