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Freitag, 11. April 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: BLIND MASSAGE (Lou Ye) ~ SHADOW DAYS (Zhao Dayong) ~ THAT DEMON WITHIN (Dante Lam) ~ ICE POISON (Midi Z)

Ein Film von Lou Ye, TUI NA / BLIND MASSAGE, einem chinesischen Regisseur der sogenannten „sechsten Generation“, der mit der Zensurbehörde seines Landes schon seit Jahrzehnten immer wieder aneinandergerät. Seine Filme werden mindestens zensiert, meistens landen sie direkt auf dem Index. Und da ist es kein Wunder, dass dieser regimekritische Nestbeschmutzer ein Liebling europäischer Filmfestivals ist, die sich selbst allzu gerne progressiv und aufgeklärt präsentieren. Das könnte natürlich prinzipiell gewaltig abschrecken und zu trotziger Verweigerungshaltung führen – was natürlich auch wieder total albern wäre. Und dann: einer meiner chinesischen Lieblingsfilme stammt genau von diesem Lou Ye, es ist der in Shanghai spielende Film SUZHOU RIVER (2000). Vor allem seine suggestive Kameraarbeit ist es, die einen völlig fassungslos werden lässt, die immer wieder wie in einem zärtlichen Rausch die Bilder über den Plot dominiern lassen, und die mich damals schwerwiegend beeindruckt haben. So etwas hatte ich bis dahin schlicht noch nie in dieser Form gesehen. Und in seinem neuen Film ist das nicht viel anders, da geht es um die alltäglichen Sorgen und Nöte in einem Massagesalon in der Stadt Nanjing. Allerdings mit einer Besonderheit: alle Mitarbeiter sind blind. Dies ist dann freilich auch die große Herausforderung an den Filmemacher, diese vielgestaltige, komplexe Welt der Blinden den Sehenden mit dem Medium des Bildes erfahrbar zu machen. Also etwas sichtbar zu machen, was sich vollständig im Dunkeln abspielt. Eine der Figuren sagt dann auch sinngemäß an einer Stelle des Films, „die Normalen“ (so werden sie von den Blinden genannt) sehen das Licht, sie aber sähen die Dunkelheit. Eine wunderbare Dialogzeile, die Lou Ye mit vielen Unschärfesensibilitäten abzubilden weiß, mit der Tonspur verstärkt und kallibriert, mit Bewegungen, die andersartig wirken, evoziert. Dieser Film ist ein sinnliches Erlebnis, und die Freude über ihn wird nur dadurch etwas getrübt, dass er sein Ende nicht findet, und zu diesem immer wieder neu ansetzt. Insgesamt ein sehr souveräner, empfehlenswerter Film, der es sich schönerweise immer wieder erlaubt, von seinem Handlungsverlauf wegzudriften. 

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 Der chinesische Film SHADOW DAYS / GUI RI ZI von Regisseur Zhao Dayong ist ein waschechter Independentfilm, der völlig unterfinanziert sich durch eine lange Produktionsphase schleppte, und der überhaupt nicht mit der Absicht gedreht wurde, in China veröffentlicht zu werden. Warum man dann solche Filme überhaupt macht? Vielleicht, weil gerade solche gemacht werden müssen. Es geht darum, dass ein junges Paar von der Stadt in die Heimat des Mannes zurückkehrt, in ein beinah verlassenes, archaisch anmutendes Bergdorf, in dem der Onkel des Protagonisten Bürgermeister ist. Die Frau ist im fünften Monat schwanger. Der Onkel ist freilich ein Parteikader und der Ort hat seine Sollzahlen bezüglich der Ein-Kind-Politik nicht erreicht. Nachdem der Held ohne Skrupel sich an einem Kommando zur Reduzierung der Geburtenrate beteiligt, wird er vom Onkel hinters Licht geführt – denn sein eigenes Kind wird in seiner Abwesenheit gewaltsam abgetrieben. Doch damit hat der Schrecken noch keine Ende. SHADOW DAYS, das sind auch die Tage im Schatten Maos, der hier nur als demolierte Statue auftaucht – und dennoch alles regiert, überall präsent ist. Ein Film, der in großer Trübnis spielt – ständig ist alles vernebelt, die Flure düster, die Hinterhöfe schmutzig, Staub liegt auf allen Gegenständen. Scheint dann einmal die Sonne, ist man regelrecht geschockt – allein von der Schönheit der Landschaft, die dann gar nicht mehr passen will zu den gegen Ende immerzu ernster und grausamer werdenden Entwicklungen. Ab Mitte des Films etwa kommt dann noch ein merkwürdig deplatziert wirkender Hang zur Übersinnlichkeit in Form von Geistererscheinungen hinzu, wo urplötzlich den Figuren Menschen ohne Gesicht erscheinen, Säuglinge durch den Raum schweben, oder eine langhaarige Sadako in der Türe steht und den Kopf hängen lässt. Diese psychischen Projektionen verdeutlichen neben den individuellen Traumata auch das irreal Abartige des politischen Systems, das sich in die privaten Leben der Figuren hineinfrisst. Auch die ambivalente Figurenzeichnung, die auf plakativ-reduzierte schwarz/weiß-Malerei verzichtet – hier ist jeder gut und auch böse zugleich – macht den Film zu einem sehenswerten Beitrag.

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Zwei Seelen in einer Brust – das trifft auch auf Dante Lams Hongkong-Eruption THAT DEMON WITHIN / MO JING zu. Daniel Wu und Nick Cheung (letzterer eben noch fulminant in Soi Cheangs UNBEATABLE) liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel der hochexplosiven Art, in dem mal wieder ein good cop gone bad einen Verbrecher jagt, der so ein bißchen ein Supervillain ist wie des Batmans Joker. Dante Lam geizt nicht mit visuellen Reizen und haut alles raus, was man in die Luft jagen oder ins Groteske, Superlativistische hineinverzerren kann. MO JING ist kein Film der sensiblen Zurückhaltung, wohl aber ein hochprofessioneller Film des hyperbolischen Radikalexzesses, in dem jeder Subplot auserzählt und jedes Luftloch abgedichtet wird. Dadurch gewinnt der Film einen Raum, eine gar totalitäre Räumlichkeit, die einem die Luft abschnüren und zu Erstickungsanfällen führen kann – und so ist es dann auch dieser Film, der an seinen großartigen THE BEAST STALKER (2008) qualitativ anknüpfen kann. In einer völlig überbordenden Actionszene gegen Ende kracht ein sich mehrfach überschlagendes Auto in eine Tankstelle und löst eine Kettenreaktion an Folgeereignissen aus, wie man sie zuletzt, ja, vielleicht wirklich in BEAST STALKER bewundern konnte. Während des Films war allerdings eine große Abwanderung des Publikums zu beobachten, was nun nicht weiter verwundert, und vielleicht sogar für den Film und seine Kompromisslosigkeit spricht. THAT DEMON WITHIN ist eine völlig radikale, für so manchen ja vielleicht sogar nicht tolerierbare, unerträgliche Erfahrung. THAT DEMON WITHIN ist eine ganz besondere Leuchtrakete dieses Festivals – von solch mutigen Filmen hätten wir gerne mehr. 

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 In Midi Zs wunderschönen Film ICE POISON / BING DU kämpfen die ganz Armen um ein wenigstens in Ansätzen lebenswertes Dasein. Ein verarmter Bauer verpfändet seine Kuh um seinem Sohn einen Motorroller beschaffen zu können, mit dem er von nun an als Taxi oder Kurierfahrer arbeiten kann. Eine seiner ersten Kunden ist die wegen eines Todesfalls aus China nach Hause zurückkehrende Sanmei (die Sanmei aus POOR FOLK), mit der er so etwas wie eine Freundschaft beginnt. Sie aber bringt ihn schließlich auch dazu, kurzfristig als Drogenkurier einzuspringen und selbige Produkte (das „Ice“ aus dem Titel ist eine Meth-ähnliche Droge, die wie Heroin über Stanniolpapier heiß geraucht wird) zu konsumieren. Midi Z gelingt es auch mit seinem neuen Film, der thematisch offenkundig an sein bisheriges Werk anknüpft, ganz ohne Arthouse-Allüren eine sehr bewegende, dabei unaufdringlich Geschichte aus dem Alltag dieser Menschen zu erzählen. Dass auch in diesem Fim wieder lange Strecken auf dem Motorroller gefahren werden um ein bißchen Freiheit zu verspüren, nimmt man merkwürdigerweise ohne Vorbehalte hin, auch wenn man solche Szenen mittlerweile zur Genüge kennt. Vielleicht liegt es daran, dass dieselben Motive bei Midi Z auch das genaue Gegenteil bedeuten können: nämlich eine panische Flucht aus der Gefahrenzone Leben, oder einfach, ganz basal, um den Schergen des Drogenkartells zu entkommen. Besonders gelungen sind auch in diesem Film wieder die Figuren, deren Handeln völlig ohne Vorbehalte gezeigt werden, und auch das Abrutschen in die Kriminalität ohne moralischen Zeigefinger bleibt. Was passiert, passiert eben, und wird weder überhöht noch verkitscht. Bislang eindeutig einer meiner Favoriten des Festivals.

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Dieser Text ist zuerst bei negativ-film.de anläßlich der Berlinale 2014 erschienen - hier nun erneut und überarbeitet gepostet, da alle diese schönen Filme auch in Hong Kong auf dem Festival liefen.

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