DVD BluRay

Sonntag, 26. Januar 2014

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)


Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kann auch der alte Kapuzenpulli aus dem Zeitalter des Aufbegehrens nicht mehr drüber hinwegtäuschen. Draußen dann auf der Straße wird er direkt vor dem Haus plötzlich von zwei vermummten Personen mit Elektroschockern überfallen und entführt. In einem unpersönlichen Raum erwacht er aus der Bewußtlosigkeit und findet sich - nackt - auf einen Holztisch geschnallt. Da tauchen zwei Frauen in weißen Latexanzügen auf...

Wenn man den Film gesehen hat, dann ist bald klar, dass man die Bilder nicht so schnell vergessen wird. So explizit er ist, so artifiziell und künstlerisch einprägsam ist er zugleich. In der Kühle seiner Versuchsanordnung, die aus Raum und Zeit herauszufallen scheint, und die prinzipiell ewig andauern könnte (man fühlt sich an die raumauflösenden, lichtdurchfluteten Bilder aus George Lucas' dystopischem Science-Fiction-Klassiker THX 1138 erinnert), widerspricht er auf souveräne Weise den auf Schimmelpilz getrimmten Folterporno-Vorlagen der nun nicht mehr ganz so neuen französischen harten Welle. Redas Bilder sind genau, reduziert und blitzblank, alles Barocke, Üppige, alles Ausschmückende fehlt ihnen - da scheint er sich einer asiatischen (etwa einer koreanischen) Ästhetik zur Reduktion, zur aseptischen Nüchternheit und Oberfläche näher zu fühlen als den vollgestellten, schimmlig-schmutzigen Kartoffelkellern unserer Nachbarn. Und das ist auch nicht verwunderlich - denn einerseits ist dies logisch und konsequent aus einer Geschichte heraus entwickelt, die offenkundig ein aus der Welt der Fantasie in die Realität überführter, gewalttätiger Racheakt einiger Aktivistinnen ist, durchgeführt in einem eigens dafür präparierten Raum (und der dann eben auch wie hergerichtet aussieht mit seinen frisch geweißten Wänden, den nagelneuen Karabinern und dem klaren kalten Licht). Und andererseits aus Redas bekannter Passion fürs asiatische, im speziellen japanische Genrekino, über das er seit Jahren in der Filmzeitschrift Splatting Image schreibt. HERRMANN wirkt da wie ein ins Gegenteil verkehrter japanischer Sexfilm, ein Anti-Pinku-Eiga made in Berlin. 

Reda holt diese fetischisierten Bilder, die sonst einer häufig misogynen Männerfantasie entsprungen sein mögen und die Bedürfnisse eines gewissen Klientels nach Allmachtsphantasien via cineastischem Druckablassens zu bedienen haben, wie in einem Salto Mortale aus den 70er Jahren Japans ins Hier und Heute, mitten nach Berlin - updatet und verkehrt sie in ihr Gegenteil. Auch durch die formalen Mittel, wie etwa einem Verbeugen vor den Schnittgewittern eines Shinya Tsukamoto, vor dessen TETSUO oder TOKYO FIST, und auf akustischer Ebene mit einem reduzierten, dafür aber umso effektiveren Soundtrack (im Vor- und Abspann zwei herrliche Songs von Xiu Xiu). Der Film ist ein stetig sich steigernder, dann völlig wegblasender Energieschub. Dann aber, am Ende, kommt der Schnitt - es folgt ein politisches Pamphlet, das der Gefangene (überzeugend gespielt übrigens von Andreas Berg) - mit quasi vorgehaltenem Dildo - zu verlesen hat. Um was es hier geht, ist nun vermutlich ziemlich deutlich geworden... alles soll dann aber doch nicht gespoilert werden. Nach gut 13 Minuten ist der ziemlich spannende, kontroverse, und auch immer wieder aufs Neue spannend gemachte Film leider schon vorbei. Da möchte man gerne mehr von sehen!



Stills aus den Teasern (1, 2), die man sich bei Vimeo anschauen kann. Der Film war und ist momentan auf verschiedenen Filmfestivals zu sehen, demnächst etwa beim Landshuter Kurzfilmfestival 2014 im März.

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Dienstag, 21. Januar 2014

A Touch of Sin / Tian zhu ding (Jia Zhangke, China/Japan 2013)


Der sympathische Minenarbeiter Dao (Jiang Wu) schultert irgendwann das Gewehr, als es ihm schließlich reicht. Eingepackt hat er die Waffe in eine Decke mit dem Motiv eines Löwen, der dann auch einmal überraschend brüllt (eine der schönen irrealen Spitzen, in die es die Filme Jias immer wieder hineintreibt). Und so geht er durch eine Kleinstadt in der Provinz Shanxi um dem korrupten Minenbesitzer, der nichts Besseres zu tun hat, als mit seinem Wohlstand zu protzen, seine Meinung zu geigen. Aus dem Reden, dem vergeblichen, und dem Arbeitskampf um Besserung der Verhältnisse für die Kohlenkumpel war freilich nichts geworden und Dao hat beschlossen, dass er das nicht mehr mit sich machen lässt.

Vorher aber schon war er bei einem umgekippten Tomatenlaster einem Mopedfahrer begegnet, einem Wanderarbeiter, der von drei jugendlichen Kriminellen überfallen worden war. Dieser aber hatte sich ebenfalls gewehrt und die drei Diebe kurzerhand erschossen. Der Film wird später diesem Mann auf seinem Schicksalsweg folgen, wie er zu seiner eigenen Familie zurückkehrt nach Jahren, vermutlich wieder nach Fengjie nördlich des Drei-Schluchten-Staudamms am Yangtze. Ein Ort, der die zentrale Rolle in Jias Meisterwerk STILL LIFE spielte, eine in den Fluten des Flusses versinkende Stadt, wo sich ebenfalls die Geschichten von Menschen kreuzten, die etwas verloren hatten und die sich nun auf einer Suche befinden.

Jia Zhangke ist der Chronist eines modernen Chinas, in dem sich der Kapitalismus hemmungslos ausbreitet und die Menschen wie auszubeutendes Vieh aussaugt und verheizt. Es sind aber zugleich auch Filme, die einen Alltag portraitieren, der seine beiläufige Gewöhnlichkeit noch nicht verloren hat. Sie schaffen es immer wieder, in den Menschen selbst oder gerade in den unbedeutenden Kleinigkeiten am Wegesrand eine besondere, erzählenswerte Schönheit zu entdecken. Es sind keineswegs die ohnmächtigen Filme eines kapitulierenden und melancholischen Künstlergemüts, sondern vielmehr kraftvolle Filme eines Aufbegehrenden und somit selbst in der Tristesse oft sanfte Zustandsbeschreibungen, die ihre Spannung aus der Darstellung des Schrecklichen und des Schönen zugleich gewinnen. So erlangen die Filme Jias ihre Reibungsflächen insbesondere durch ihre Bildspannung, die sich aus der Kontroverse zwischen der Schönheit und Würde des Filmbildes im Verhältnis zum abgebildeten Motiv ergeben. Ohne seinen Kameramann Yu Lik-wai wäre Jia Zhangke nicht der, der er heute ist. Ein Mann, der eine gottverlassene, staubige Landstrasse im Nirgendwo auf eine Weise abbilden kann, dass man sofort darauf entlang gehen möchte.
 
Jia also bleibt seiner filmischen Methode treu, es haben die Geschichten gewechselt – und sich radikalisiert. Die Gewaltausbrüche, mit denen man es hier zu tun bekommt, sind, ja, schockierend. Sie kommen mit einer Urplötzlichkeit, die an an die Filme Takeshi Kitanos erinnern (mitproduziert hat übrigens auch das Office Kitano), und mit einer Intensität, wie man sie von Jia bislang so noch nicht kannte. Besonders markant etwa in der Episode, die von einer Rezeptionistin in einem Sauna- und Massagesalon erzählt, wieder höchst eindrucksvoll gespielt von Jias Ehefrau und Stammschauspielerin Tao Zhao. Diese hat sich vor Jahren unglücklich in den Chef eines industriellen Betriebs, einer Näherei (?), verliebt und die ewigen Kurzbesuche genügen ihr nicht mehr. Sie fordert eine Scheidung und eine Entscheidung von ihm, vor allem auch deswegen, da sie einen immer stärker werdenden Kinderwunsch verspürt. Er aber bittet sich erneut Bedenkzeit aus und frustriert gehen sie auseinander. Eines nachts dann im Etablissement wird sie von zwei Gästen zum Beischlaf gebeten. Als sie ihnen diesen Wunsch mit der Begründung, sie sei keine Masseuse, abschlägt, werden die Männer zudringlich – und dann gewalttätig. In einer höchst eindrücklichen Szene wird sie von einem der beiden mit einem dicken Bündel Geldscheine verprügelt, während dieser erbost auf sie einschreit, er könne sich alles kaufen mit seinem Geld. Da weiß sie sich nicht anders zu wehren, als...


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Mittwoch, 15. Januar 2014

Bethlehem (Yuval Adler, Israel 2013)


Ein Film mit einem Anfang, aber ohne ein Ende. Urplötzlich erstirbt das Licht, die Leinwand wird schwarz, der Abspann rollt an zu den zurückhaltenden ambienten Technobeats, die schon mehrfach unheilvoll dräuend auf die Stimmung des Zuschauers schlugen - und das, obwohl hier die Sonne scheint und der Himmel stets blau ist. So wie es aufgehört hat, wird es weitergehen. Da es kein Ende geben kann in diesem unauflösbar gewaltsamen Konflikt, in dem der politische immer auch ein persönlicher ist. Das Motiv der Rache führt zur Endlosspirale der Gewalt, die schon gar nicht dadurch zunichte gemacht werden kann, dass man ein Haus abreisst oder den lange gejagten Anführer einer palästinensischen Widerstandsbrigade eliminiert. Draußen, auf der Straße, wo die Soldaten den Menschenjägern den Rücken decken sollen, da rücken schon die Vermummten an, die Steine schleudern - und es ist nur eine Frage der Zeit, bis geschossen wird. Auch kugelsichere Westen bringen da nichts, wie sich zeigen wird.

Viel Streit hat sich daran entzündet, ob der Film politisch korrekt ist, und ob nicht eine Seite vielleicht in einem besseren Licht dastünde, als die andere. Mir scheint, keine der beiden kommt hier irgendwie auch nur ansatzweise gut weg. Auch solche spekulativen Einwürfe wie sie neulich der Stammkritiker des WDR 5 aufbrachte, kann man kaum gelten lassen: der sich ernsthaft gefragt hat, ob die Geschichte, die hier erzählt wird, glaubhaft sei. Der Mossad als bester Geheimdienst der Welt, das sei bekannt, käme zu stümperhaft weg. Aha, so ist das also. Hier sollte doch nochmal einer seine cineastischen Beurteilungskriterien überprüfen.

Jedenfalls wird der sogenannte Nahost-Konflikt in BETHLEHEM als ein Loyalitätskonflikt zwischen einem jüdischen Geheimdienstmann und einem sehr jungen muslimisch-palästinensischen Spitzel, dessen Bruder ein gesuchter Untergrundkämpfer ist, aufgeblättert. Ein Vater-Sohn-Konflikt ist das also auch, der auf einem prinzipiell ausbeuterischen Lügengebäude errichtet ist.  Der Film nimmt sich viel Zeit für seine Kommunikationssituationen (auch immer extensiv per Mobiltelefon) und rückt den Figuren dicht auf den Körper, blickt in die Augen, ins Gesicht. Da wird ganz schön viel Handlung transportiert und eine dicht gepackte Atmosphäre erzeugt, so wie auch jeden Moment eine Bombe hochgehen kann und niemand nirgends sicher ist. Manchmal wünscht man sich etwas mehr cineastische Raffinesse, ein Erzählen mehr durch die Kamera und über Bilder, als immer durch diese Worte. Am Ende jedenfalls, das ist deutlich, stellt der Film mehr Fragen als dass er Antworten gibt. Und eine Liebesgeschichte muss man übrigens auch nicht durchleiden. Das ist prinzipiell begrüßenswert.

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