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Donnerstag, 27. Februar 2014

Awaara / The Tramp / Der Vagabund von Bombay (Raj Kapoor, Indien 1951)


Raj Kapoor spielt den kleinkriminellen Taschendieb Raju, der immer noch in seine Jugendfreundin Rita aus der Schulzeit verliebt ist. Diese aber hat er im Laufe der Jahre aus den Augen verloren. Doch plötzlich begegnet er ihr wieder, die alte Zuneigung entflammt erneut, doch Rita gehört als Mündel des Richters Raghunath zur besseren Gesellschaft. Zwei, die also nicht zusammenkommen können, auch wenn sie sich lieben. Die Ursache ihrer gesellschaftlichen Distanz liegt verborgen in vergangenen Ereignissen der Jugend, deren Aufdeckung eines der zentralen Themen des Filmes ist. Jene Rita nämlich ist Anwältin (souverän gespielt von Nargis), die die Verteidigung von Raju übernommen hat, der wegen Mordes am Banditen Jagga angeklagt ist. Sie versucht nachzuweisen, dass er keine persönliche Schuld an seinem Elend und der Tat hat, sondern dass es die Verhältnisse sind, die ihn zu dem gemacht haben, was er geworden ist. Der Richter sieht das freilich anders: das Böse liege in den Genen, und wer einen Verbrecher zum Vater habe, könne unmöglich ein rechtschaffenes Mitglied der Gesellschaft werden.

Rita also verteidigt ihren Jugendfreund und Geliebten Raju gegen ihren Ziehvater und kritisiert damit zugleich die Restriktionen der gesellschaftlichen Ordnung, die den Reichen und Mächtigen das Privileg zugesteht, über allen anderen zu stehen und deren Protagonisten bestrebt sind, jedes Emporkommen der unteren Schichten zu verhindern. So bestätigt sich die bestehende Ordnung als Teufelskreis und verschiedene sozialkritische Szenen, die im Film durchgespielt werden, verdeutlichen sehr genau, wie die Grenzen unüberwindbar scheinen und die Figuren noch tiefer hinab in den Sumpf aus Armut und Verbrechen gestoßen werden. 

Dass der Film nun kein markerschütterndes Sozialdrama geworden ist, liegt an der wie federleichten Inszenierung als Liebesmelodram, gemischt mit einer ordentlichen Portion Komödie. Oft genug inszeniert sich Raj Kapoor als unbeschwerten Tagedieb und Luftikus, der sich mehr oder weniger mit seinem Schicksal abgefunden hat und den nichts so schnell erschüttern kann. Wenngleich er sein einfaches Dasein mitunter durchaus bedauert. Ganz deutlich schlüpft er hier bisweilen in eine Charlie-Chaplineske Tramp-Rolle, die mit Stummfilmreminiszensen arbeitet, mit Grimassen, Überzeichnungen und musikalischen Einlagen. Berühmt geworden ist in dieser Hinsicht vor allem die Slapstick-Szene, in der er in zu kurzen Hosen und einem zerknautschten Hut auf der Straße einem Passanten eine Taschenuhr klaut, dieser das bemerkt und Raju dann gejagt wird - wobei er auf der Flucht auf kuriose Weise verschiedene Verkehrsmittel nutzt. Die Szene driftet schon von Beginn an in den Titelsong Awaara Hoon hinüber, was den komödiantischen Aspekt des Vagabundendaseins  verstärkt. Hier die Szene:


Überhaupt ist der ganze Soundtrack, sind die Songs des Films eine Pracht - komponiert vom Duo Shankar - Jaikishan, und eingesungen (in diesem Fall) von Mukesh. Das ist immer wieder sehr mitreißend, melodiös und mit tollen Rhythmen unterlegt. Die melancholische Grundstimmung des Filmes indes verfliegt niemals so ganz, weiß dann doch der Zuschauer schon früh, dass Raju natürlich der eigentliche Sohn des Richters ist, dessen Mutter damals von ihrem Gatten verstoßen worden war, und zwar aufgrund eines Ereignisses, das, borniert und unfassbar zugleich, hier nicht weiter ausgeführt werden soll. So ist AWAARA dann freilich auch eine Familiengeschichte, bzw. eine Vater-Sohn-Geschichte, aber eben vor allem immer und zentral eine, die auf die unüberbrückbaren Klassen- und Kastenunterschiede hinweist  - und auf den so unerträglichen Standesdünkel. 

Besonders hervorzuheben ist sicherlich noch die neun Minuten lange und bemerkenswerte Traumsequenz - Szene mit etlichen Aufbauten und Gewölk, etwa nach zwei Drittel des Films, an der Kapoor und sein Team angeblich drei Monate lang gearbeitet haben sollen. Es war ein eingespieltes Team bei diesem Film, obwohl es Kapoors erster Film in seinem eigenen Studio RK Films war, gelegen in Chembur, Mumbai; und - wie man liest - finanziert hauptsächlich aus dem Erfolg seines Filmes BARSAAT (der übrigens eine ebenfalls umwerfende Musik aufzubieten hat, und in dem es zu der Violinen-Umarmungsszene mit Nargis kommt, die die Vorlage für das Logo von RK Films abgeben sollte). AWAARA war ein veritabler Megahit nicht nur in Indien sondern im gesamten asiatischen Raum, auch in Russland bis hin zur Türkei, wo sogar noch ein landeseigenes Remake gedreht wurde. AWAARA - "perhaps the best known Hindi film of all time" (Ashok Banker). Absolut umwerfend.

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Freitag, 21. Februar 2014

Kismet (Gyan Mukherjee, Indien 1943)

Ashok Kumar spielt den fröhlichen Taschendieb Shekhar, dem nichts so schnell den Tag verhageln kann. Er verliebt sich in die gehbehinderte Sängerin Rani (Mumtaz Shanti), die von ihrem Vater als Kind exzessiv auf der Bühne zum Tanzen gezwungen wurde, da sie die Attraktion des Theaters war. Bis sie dann kraftlos zusammenbrach und diese merkwürdige Behinderung, deren Natur nicht genauer erläutert wird, davontrug. Mit ihr verlor auch das Theater seine Protagonistin, es musste verkauft werden an den skurpellosen Geschäftemacher Indrajit, von dem die Familie nun abhängig ist. Aus diesen Gründen steck die Familie in schweren Geldnöten, droht sogar zu verarmen. Um das nötige Kleingeld für die Operation zusammenzubekommen, will also Shekhar den Safe des Bösewichts Indrajit ausrauben - was er als Liebesdienst begreift und was natürlich schief geht. Bald ist erneut die Polizei hinter ihm her, die diese Tat verständlicherweise nicht als Kavaliersdelikt durchgehen lassen will (auch wenn ansonsten die Einhaltung des Gesetzes stets verhandelbar erscheint im Film).  Da gibt es dann eine schöne Verfolgungsjagd über Dächer und schräge Architekturen hinweg. Zufällig landet Shekhar dann wieder bei Rani am Krankenbett, die nicht wußte, wer ihr die Operation bezahlt hatte. Am Ende löst sich nach mehreren Volten freilich alles zum Guten auf, einige unerwartete Kapriolen werden geschlagen.

Ein schöner Film, man kann es nicht anders sagen. Tolle Kamera, schöne Menschen, superbe Songs. Besonders interessant ist in dieser Komödie, diesem Liebesmelodram, dass durchaus ernstere Themen verhandelt werden, wenn auch nur in den Subplots. So ist die Schwester Ranis ungewollt schwanger geworden von ihrem Freund - und das, obwohl die beiden nicht verheiratet sind. Oder ganz einfach die Tatsache, dass hier ein Gesetzesbrecher als Protagonist und sympathischer Held installiert wird. Ashok Banker schreibt, der Film wäre deshalb so erfolgreich gewesen, weil "Ashok Kumar [was] simply showing how much fun it was to be a bad guy." Ashok Kumar avancierte mit diesem Film zum ersten richtigen Bollywood-Star und KISMET wird der erfolgreichste Hindi-Film bis ihn 1949 Raj Kapoors BARSAAT ablösen wird. 

Gewisse patriotische Tendenzen kann man auch ausmachen, etwa in einem der Songs (Aaj himalay ki chot se phir humne lalkara hai), wenn das schöne Hindustan besungen wird, das sich nicht vor den Deutschen und den Engländern verbeugen soll. Die britischen Zensoren haben das wohl nicht mitbekommen, was im Nachhinein zu recht viel Ärger geführt haben soll - der Songschreiber etwa musste untertauchen um nicht verhaftet zu werden (Musik: Anil Biswas, Texte: Pradeep). KISMET avancierte zum Superhit des Filmstudios Bombay Talkies, was jedoch nicht die Streitigkeiten der Produzenten mit der Firmenleiterin Devika Rani lösen konnte. Mukherjee und sein Produzent verließen darauf die Bombay Talkies und gründeten die Filmgesellschaft Filmistan, die es auch heute noch gibt. Das Studiogelände wird aber lediglich noch vermietet und Filme werden nicht mehr selbst produziert. Wie später SHOLAY, lief KISMET in einem Kino in Kalkutta überaus erfolgreich mehr als drei Jahre lang ohne Unterbrechung.

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Donnerstag, 6. Februar 2014

Berlinale 2014: Crossroads / Crossways / Jujiro (Teinosuke Kinugasa, Japan 1928)

Als Teinosuke Kinugasa 1954 in Cannes die Palme d'Or für seinen bahnbrechend schönen Historienfilm JIGOKUMON / THE GATE OF HELL (in Japan 1953) gewonnen hatte, da war er auch im Westen angekommen. Dabei hatte er filmhistorisch gesehen schon viel früher einen enorm wichtigen und über die Maßen beeindruckenden Film gedreht: ein avantgardistisches Meisterwerk, das sich völlig in den Wahnsinn einer verwirrten Psyche hineinschraubt - namens A PAGE OF MADNESS aka. KURUTTA IPPÊJI (1926). Nach einem Skript von Yasunari Kawabata, übrigens (dem Nobelpreisträger für Literatur und Autor derjenigen Erzählung, die diesem Blog seinen Namen gab). 



Viel mehr kannte man nicht von Kinugasa; man wußte, dass er außerdem ein vielbeschäftigter Schauspieler war und zwar noch als onnagata (Frauendarsteller) begonnen hatte, übrigens beim Filmstudio Nikkatsu. Später förderte er die Karrier von Schauspieler Kazuo Hasegawa, der in den frühen Tagen des japanischen Kinos so etwas wie der erste Superstar wurde, und der in seinem GATE  OF HELL die Hauptrolle spielte. 

Filmplakat Jigokumon
Zwei Jahre nach A PAGE OF MADNESS aber drehte er den bis heute weniger bekannten Film JUJIRO aka. THE SLUMS IN TOKYO, der in der Retrospektive zum Thema Licht und Schatten in der Cinematographie der diesjährigen Berlinale zu sehen ist. Die "Slums" sind hierbei übrigens das Stadtviertel Yoshiwara (ein Begriff, den der Japanunkundige etwa aus Fritz Langs METROPOLIS kennen könnte), das damals das Vergnügungsviertel in Edo war (Edo = Tokyo). Die Retrospektive basiert auf dem dicken Buch THE AESTHETICS OF SHADOW: LIGHTNING IN JAPANESE CINEMA von Daisuke Miyao, einem in den USA lebenden Japaner (Associate Professor an der NYU, der New York University). Das Buch liest sich nach einem sehr akademischen Auftakt dann irgendwann sehr flüssig, ist kundig geschieben und beschreibt sehr genau den Einfluss, den das amerikanische Kino, bzw. dessen Produktionsverhältnisse (insbesondere die Beleuchtung) auf die japanische Filmproduktion und so auf den japanischen Film an sich hatte. Da sich die Filmstudios, allen voran die Shochiku, in den frühen Tagen eben sehr an den US-Standards orientierte (zunächst am Niveau der Technik) - später dann natürlich auch schnell an den Themen und Motiven. Was man auch schön an dem von Yasujiro Ozu in der Retrospektive programmierten Film THAT NIGHT'S WIFE / Sono Yo No Tsuma (1930, 65 min) nachvollziehen kann; dieser mischt das Melodram mit einer Gangstergeschichte, die ursprünglich von einem amerikanischen Autor stammte, die dann in Japan übersetzt in einer Zeitschrift erschien.

Yasujiro Ozu: Sono Yo no Tsuma
Die hartkontrastigen Bilder des Film Noir finden sich auch Kinugasas CROSSROADS, der fast die gesamte Spieldauer über in der Nacht oder im Halbdunkel angesiedelt ist. Und zwar in der Halbwelt des Yoshiwara-Distrikts. Da wird gesoffen und gefeiert, auch mal auf der Straße getanzt, der Mann erholt sich von den Strapazen des Alltags - und die Geisha, wir sind nicht mehr im Mittelalter, ist eben nicht mehr eine rein ästhetische Kunstfigur höchster Eleganz, sondern durchaus mitunter ein egoistisches, derbes Weibsstück, das sich aus Eigennutz nimmt, was sie weiterbringt. In eine solche Frau namens O-yume (= Frau der Träume, yume = Traum, "o" ist die förmliche Anrede) verliebt sich ein junger Herr, der mit seiner Schwester in einer heruntergekommenen Bude haust. Diese reibt sich auf in der Sorge um ihn - zurecht. Oyume hat mehrere Verehrer, da gibt es schonmal ein Keilerei und dann verletzt er sich schwer das Augenlicht bei einem Zweikampf. Die Frage ist, woher das Geld nun kommt fürs Überleben. Der schmierige Vermieter schaut bereits recht häufig vorbei, da man in den Zahlungen zurück ist. Die Schwester ist verzweifelt, und es ist doch klar, worauf es dann hinausläuft: dorthin, wo dem Mann sein Begehr ist. Speckig grinst er durch die riesige Zahnlücke.

Vor dieser existenziellen Bedrohungssituation spielt sich der Film ab. Allerdings ist JUJIRO mehr ein Traumgeflecht als ein stringenter, plotorientierter Handlungsfilm. Halluzinatorische Bilder werden da montiert vor rotierenden Glücksrad-Scheiben, lachende Gesichter in Großaufnahme, die bald zu Fratzen werden, und pulsierende Lichter, die einen beinahe erblinden lassen. Keineswegs ist CROSSROADS so radikal wie der völlig abstrakte Irrenhausfilm  A PAGE OF MADNESS - aber er ist ein erschütterndes Meisterwerk visueller Gestaltung, eine permanente kreative Eruption. Aus der diesjährigen Retrospektive sollte man sich einige Filme ansehen, aber eines ist gewiss: dieser sollte dabei sein.




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Montag, 3. Februar 2014

Writhing Tongue / Furueru Shita (Yoshitaro Nomura, Japan 1980)


Wenn sich zwischen Filmen unerwartet Korrespondenzen ergeben, dann ist das, vor allem wenn es - wie hier - mir völlig zufällig passiert ist, immer eine besonders schöne Sache. Denn gerade nachdem ich Kaneto Shindos tollen Film MOTHER (1963) im Japanischen Kulturinstitut in Köln gesehen hatte, in dem eine geschiedene Mutter um das Leben ihres Sohnes kämpft, da dieser einen Gehirntumor hat (und sie sich deshalb auch an einen wesentlich älteren Mann verheiraten muss um an das nötige Kleingeld für den Klinikaufenthalt zu kommen), da habe ich zufällig diesen wunderbaren Film Nomuras gesehen, in dem eine junge Familie um das Leben ihrer Tochter Masako kämpft, die sich beim Spielen am Fluß im Matsch eine Schnittverletzungen zugezogen, die sich nun zu einer Blutvergiftung ausgewachsen hat. Tetanusimpfungen waren zu dieser Zeit wohl noch keine Selbstverständlichkeit. Bis die ersten Krämpfe kommen, ist das Mädchen gesundheitlich schon deutlich angeschlagen, und dann im Krankenhaus schließlich geht es bald ums reine Überleben, auch wenn die Ärzte, insbesondere die freundliche und optimistische Ärztin Dr. Nose, immer wieder Mut machen möchten.

In Yoshitaro Nomuras Filmen geht es häufig um bereits zerbrochene oder gerade zerbrechende Familien (-gemeinschaften). Selbst in den bekannteren Kriminalfilmen ist die Einheit der Familie immer in Gefahr, meist durch das Hereinbrechen des Todes oder einer Krankheit, durch Ereignisse aus der Vergangenheit, die die Gegenwart einholen oder schlicht durch eine Bedrohung von außen. In ZERO FOCUS (1961) reist die frisch verheiratete Protagonistin ihrem urplötzlich verschwundenen Gatten nach, und entdeckt dabei ein Geheimnis aus dessen Vergangenheit. In STAKEOUT (1958) entdecken zwei Polizisten, die eigentlich auf der Suche nach einem Mörder sind, dass die Ehefrau des Observierten missbraucht wird. In DAS DORF DER 8 GRABSTEINE (1977) reist der von seiner Familie entfremdete Protagonist in seine Heimat, nur um herauzubekommen, dass seine Familie schon seit dem Mittelalter mit einem Fluch belegt ist. In DER POLIZIST UND SEINE SCHWESTER (1975) scheint die Beziehung eines Bruders zu seiner Schwester zu zerbrechen, als diese immer selbstständiger und unabhängiger wird (und sie sich mit den falschen Typen einlässt). Und auch in einem Film wie dem kongenialen Meisterwerk DEMON / KICHIKU (1978), in dem die Familie eines Druckers am Wahnsinn seiner Frau zerbricht (auch die Frau in Kaneto Shindos MOTHER landet übrigens kurioserweise in einer Ehe mit einem Drucker), kann diesem roten Faden nachgespürt werden. Werden in den bekannteren Filmen Nomuras meist größere Strecken mit dem Zug zurückgelegt (Szenen, die in der Regel sehr ausführlich dargestellt werden in seinen Filmen, viel ausführlicher noch als bei Yasujiro Ozu), so beschränkt sich die Reise in WRITHING TONGUE auf die, die in das Hospital führt. Weitere Reisen finden psychischerweise im Kopf der Protagonisten statt, und da steigert sich das manchesmal bis ins Wahnhafte, Delirante. Was einige Kritiker dazu veranlasst hat, diesen Film als Replik auf DER EXOZIST von William Friedkin zu verstehen.

Überhaupt kann der "realistisch" erzählte Film durch seine körnigen Farbbilder überzeugen, die durch kunstvoll klare Einstellungen oft unvermittelt Atemberaubendes im Alltag finden. Ein Vorhang reicht aus, um ein enigmatisches Bild festzuhalten, ein Schattenwurf einer Tür für eine schöne Kontrastaufnahme. An der Kamera wieder und wie immer Takashi Kawamata aus seinem Stammteam, der auch ZERO FOCUS, CASTLE OF SAND, DEMON, THE INCIDENT und viele weitere seiner großen Filme über Jahrzehnte hinweg ablichtete und auch für Shohei Imamuras fantastischen BLACK RAIN verantwortlich zeichnet; oder auch für Kinji Fukasakus weniger bekannten LOVERS LOST, und früher noch für Nagisa Oshima NACHT UND NEBEL ÜBER JAPAN, DAS GRAB DER SONNE und CRUEL STORY OF YOUTH einfing. Ein Mann, der ein Leben lang für die Shochiku gearbeitet hat.

WRITHING TONGUE, das ist kein ganz großer Film Nomuras, aber einer, der einem nahe geht, der einen auch schlaucht. Und er will viel - auf seine eigentlich unspektakuläre Art und Weise. Denn auch Krankheit ist ein Exzess, durch den der Körper des Mädchens durchmuss, der nicht selten an das Aufbäumen im EXORZIST erinnert. Auch das Gesicht verändert sich, wird zunehmend faltig, verschattet, dämonisch, wird immer fahler mit dunklen Augenringen (ein Zeichen der Krankheit), die Haut wirkt greisenhaft. Auch auf die Eltern scheint "der Virus" überzuspringen, der nicht nur das Leben der Figuren bedroht, sondern auch zerrüttend auf den Zusammenhalt der Familie wirkt. Bald kämpfen die überforderten, hilflosen und sich gegenseitig beschuldigenden Eltern gegeneinander - eine Familie scheint zu zerbrechen. Und da ist dann der Film manchmal auch ein wenig sehr ausdauernd, in den endlos sich scheinbar wiederholdenden Sequenzen der Eruptionen der Krankheit, in denen sich das Mädchen auf die Zunge beißt, in den Krämpfen des Fiebers - daher der Titel WRITHING TONGUE (writhing = krümmend, sich windend). Immer wieder aber wechselt der Film dann seinen Modus, hin zu Traumsequenzen, Halluzinationen, Fieberphantasmen - und da stockt einem der Atem, wie unglaublich toll das gemacht ist. 


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