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Montag, 31. März 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: ON THE JOB (Erik Matti, Philippinen 2013)


Das Chaos ist die Struktur. Wie in den Bildern, so geht es, zumindest auch in der erzählten Geschichte, lange sehr durcheinander. Bis man alle Handlungsfäden auseinandersortiert hat, braucht es schon ein Weile. Aber schon von Beginn an, wenn die erste Sequenz die beiden Auftragskiller bei einem "Job" zeigt, ist man vollkommen hooked. Joel Torre und Gerald Anderson sind zwei Auftragskiller, die im Dienste eines undurchsichtigen und korrupten Syndikats Auftragsmorde durchführen. Das Besondere dabei: sie sitzen eigentlich seit Jahren im Knast. Keiner würde sie als Täter verdächtigen. Ein kompliziertes System aus Schmiergeld und Gewalt ermöglicht es ihnen und den Helfeshelfern, sie für diese Aufträge auszuschmuggeln, und anschließend wieder in den Knast hineinzubringen. Ganz wunderbar veranschaulicht das die Kamera in einer frühen Sequenz, die einfach den Protagonisten durch die verwirrenden Gänge, das undurchschaubare Labyrinth des Gefängniskomplexes folgt.

In dieser Art ist auch der erste Auftragsmord inszeniert: ein Labyrinth aus Menschen, ein wogendes Meer aus Körpern, Musik, Trubel und Turbulenz. Bei einem karnelvalsähnlichen Fest, wie sich die beiden heranbewegen an ihr Opfer, und dann völlig offen, kaltblütig und brutal zuschlagen. So sehr der Film ein Farbenmeer ist, so sehr ist er zugleich ein nachtdunkler, durch Schatten verhuschter Irrgarten des Diffusen. Nach dem Auftrag bleibt den beiden ein wenig Zeit, um die eigenen Familien besuchen zu können - neben etwas Geld die eigentliche Bezahlung ihres Jobs. Die Tochter des Protagonisten etwa denkt, er sei permanent auf Dienstreise unterwegs, und deswegen nie zuhause. Die Fassade kann zumindest halbwegs aufrecht erhalten werden.

Die Situation spitzt sich dann allerdings zu, als ein neuer Inspektor mit der Aufklärung der seltsamen Mordefälle beauftragt wird. Das ist der Sonnyboy und philippinische Mädchenschwarm Piolo Pascual, der mit seinem sympathischen Lächlen (oder einem nackten Oberkörper), Begeisterungsrufe im Publikum auszulösen versteht. Dieser stürzt sich hinein in das Geflecht des Syndikats, entdeckt die geheimen Verbindungen, die bis in die höchsten Spitzen der Politik reichen - wo er übrigens auch auf den eigenen Schwiegervater trifft. Damit bringt er eine Lawine ins Rollen, die ihn mitzureißen droht. Hier sind alle korrupt, das gesamte Gesellschaftssystem.

ON THE JOB ist enorm packend inszeniert - alleine die Verfolgungsjagden sind völlig überwältigend. Dazu passt ein hypnotischer, einfach gehaltener Score, der ständig unter der Oberfläche pulsiert wie ein riesiger, unsichtbarer Motor. Außerdem hat man es hier mit zwei unglaublich sympathischen Protagonisten zu tun, sowohl der Cop als auch der Verbrecher stehen in der Gunst gleichwertig nebeneinander. Und dies ist dann doch etwas ungewöhnlich, da die ansonsten klar definierte Linie zwischen Gut und Böse in ON THE JOB vollkommen aufgelöst ist. Da wundert es dann auch nicht mehr, wenn das Publikum auch bei gelungenen Mordaktionen begeistert Beifall klatscht. Wie auch beim Humor konnte man deutliche Unterschiede in der kulturellen Prägung wahrnehmen. Bei manchen Szenen habe ich nicht verstanden, warum meine philippinischen Nebensitzer in heiteres Gelächter ausgebrochen sind. Für europäische Augen war da nichts Lustiges zu erkennen. ON THE JOB ist schnell, hart, und gritty. Sein Ruf eilt ihm voraus, und das zurecht.

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Sonntag, 23. März 2014

Hwayi: A Monster Boy / Hwai gwimuleul samkin ahyi (Jang Joon-hwan, Südkorea 2013)


Der Film hat keine Hemmungen, sein Trauma ins Bild zu setzen: Hwayi, ein siebzehnjähriger Junge, der als Kind von maskierten Kidnappern entführt wurde, fühlt sich in Stresssituationen von einem riesigen silberfarbenen Fabelwesen bedroht, das urplötzlich auftaucht und ihn bedrohlich anfaucht. Der Film lässt sich etwas Zeit damit, den Ursprung des Untiers herzuleiten; jedoch erklärt er sich natürlich aus den Erlebnissen der Kindheit der Hauptfigur, zusammengesetzt aus verschiedenen, prägenden Eindrücken dieser Zeit. Wörtlich übersetzt lautet der Filmtitel dann auch: derjenige, der das Monster gegessen hat.

Hwayi, ein merkwürdiger Kunstname nach einer seltenen Baumart. Da die Kidnapper eine Gärtnerei und Baumschule betreiben um sich einen bürgerlichen Anstrich zu verpassen, sind sie auf die kreative Idee verfallen, das Kind in einem Blumentrog fortzuschaffen, verborgen unter eben genau diesem Hwayi-Baum. Der Fortgang der Geschichte ist denkbar simpel: die fünf extrem gewalttätigen und sadistischen Männer ziehen Hwayi als ihren eigenen Sohn auf, freilich mit dem Ziel, einen für ihre Zwecke perfekten und hemmungslosen Nachwuchs zu finden. Doch Hwayi ist ein sanfter Junge, eher künstlerisch veranlagt, und bleibt hinter den Erwartungen zurück. Wenig später lernt er eine Mitschülerin kennen, verliebt sich ein wenig, und der Drang, auszubrechen, wird immer größer. Zugleich spitzt  sich aber die Situation der Gangster zu: bei einem job gone bad hockt ihnen ein ebenso rücksichtsloser Polizist im Genick, der nicht locker lässt.

Jang Joon-hwan hat sich viel Zeit gelassen nach seinem sehr erfolgreichen Film SAVE THE GREEN PLANET (2003), der auch auf internationalen Filmfestivals damals sehr erfolgreich war. Auch in HWAYI lassen sich feine Reste und Spuren seines grotesken Humors finden, insgesamt ist der Film aber vor allem: ironiefrei, hart, vielleicht sadistisch, manchesmal etwas übernatürlich. Toll gefilmt und mit beiden Beinen im Handwerk stehend (Kamera: Kim Ji-yong, A BITTERSWEET LIFE, THE LAST STAND) und mit einem gestreckten Spannungsbogen versehen, der über die gut zwei Stunden hinweg problemlos anhält, verfliegt der Film und kulminiert schließlich in einem auch auf der Soundspur herausragenden Exekutionsszenarium, dessen Vorgang ohne zu Spoilern nicht erklärt werden kann. Hier aber wird deutlich, wie enorm der Druck ist, der auf dem Jungen lastet - und dass eben genau dies der letzte Umkehrpunkt ist, von dem aus keiner mehr zurück kann. Danach wird alles anders sein, und wie so oft im koreanischen Kino, läuft literweise Blut über den Fußboden. 
 
Besonders hervorzuheben ist der ganz ausgezeichnete Cast des Films. Bis in die kleinste Nebenrolle finden sich hier großartige Schauspieler, von denen mindestens zwei erwähnt werden müssen: Yeo Jin-goo als Hwayi, ein TV-Sternchen in einer Feature-Film-Hauptrolle, der sich sehr beachtlich schlägt, wie auch der ebenfalls vom Fernsehen kommende Kim Yun-seok, der hier den besonders skrupellosen Anführer Suk-Tae spielt, und der sich schon als Bösewicht in THE YELLOW SEA beeindruckend im Gedächtnis verankern konnte. Der Film ruft allerdings nicht nur positive Resonanz hervor. Maggie Lee etwa äußert harsche Kritik in der Variety und fühlt sich von einem widerwärtigen Film förmlich abgestoßen. Ich würde ihr in fast allen Kritikpunkten widersprechen.

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Freitag, 21. März 2014

Tiktik: The Aswang Chronicles (Erik Matti, Philippinen 2013)


Der philippinische Kleinkriminelle Makoy (Dingdong Dantes) versucht seine Freundin Sonja (Lovi Poe) zurück zu gewinnen, die ihm frustriert davongelaufen ist - zu den Eltern aufs Dorf. Sie erwartet ein Kind von ihm, und er fühlt sich - zur Überraschung aller - verantwortlich. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass sie sehr gekränkt ist und ihn zum Teufel wünscht. Makoy verhält sich bei seiner Ankunft auf dem Land dann auch erstmal wie ein arroganter Volltrottel. Mit seinem zukünftigen Schwiegervater begibt er sich dann auf den Marktplätz, um für Sonjas Geburtstag ein Schwein zu besorgen. Die Preise sind ihnen aber zu hoch, da beschließen sie, es mal bei diesen Verrückten zu versuchen, die weit außerhalb in den Bergen eine eigene Siedlung gegründet haben. Dort werden sie wenig freundlich empfangen, bekommen aber ihre billige Sau, auch wenn sie sich etwas merkwürdig verhält. Kein Wunder, sie ist ein transformierter Aswang, ein Shapeshifter-Vampir, eine Geistergestalt, die es auf das ungeborene Baby Sonjas abgesehen hat.

Der Aswang ist eine der gruseligsten mythologischen Figuren, die mir bislang begegnet ist: der Dämon, der auch einem Hund ähneln kann,  saugt mit seiner langen spitzen Zunge durch den Bauchnabel hindurch das ungeborene Kind aus dem Unterleib der Frau heraus. Das ist auch durchaus keine überdrehte Erfindung, sondern eine tatsächlich existente mythologische Geisterfigur der philippinischen Folklore. Dieser Text dazu ist sehr lesenswert, aber nur für Hartgesottene geeignet. KHAVN de La Cruz' extrem harter Horrorfilm VAMPIRE OF QUEZON CITY (den ich hier besprochen habe) handelt übrigens ebenfalls von einer solchen Begegnung eines Aswangs mit einer jungen Frau.

Erik Mattis Film aber ist ganz anders gelagert. Anstatt mit schwarz-weißem Independent-Trash hat man es hier mit mittelklassigem CGI-Trash zu tun. TIKTIK wurde komplett vor Greenscreen im Studio gedreht und sieht entsprechend künstlich aus. Zumal dann eben das Budget doch nicht so besonders üppig gewesen sein dürfte. Diese überdrehte Gore-Comedy hat aber dennoch ihre Momente: immer wieder sehr unheimlich, vor allem in der ersten Hälfte, baut sich der Film langsam auf. Doch in der zweiten, besser: dem letzten Drittel, einem Belagerungsszenario wie in NIGHT OF THE LIVING DEAD, macht er alles wieder zunichte. In einem übertrieben gestalteten Schlachtorgasmus werden hier die Körper zerlegt, digitiale Hundemonster stürzen sich auf die armen Überlebenden in einer Weise, dass einem dieser Megalomanismus allen Spaß verdirbt. Da können leider auch die feinen Splitscreens nichts mehr retten. Umso schlimmer ist das, da man sieht, was für ein Potenzial in Erik Matti steckt. Vielleicht wird aber auch bald alles besser: ON THE JOB, sein neuster Film, soll dem Vernehmen nach der Hammer sein.

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Auf den Philippinen war der Film sehr erfolgreich und lief mehrere Wochen im Kino. Er bekam durchweg gute bis sehr gute Kritiken. Hier ist der Film ab 18 Jahren und beim Label Mad Dimension / Alive erschienen (21. 3. 2014). Er ist uncut und bietet eine deutsche Synchron- wie auch eine Originaltonspur auf Tagalog an. Dazu gibt es wählbare deutsche Untertitel. Als Bonus befindet sich noch der Trailer zum Film, sowie eine Trailersammlung des Labels auf der Scheibe. Schön schlicht also, oder aber: das absolute Minimalprogramm.

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Montag, 17. März 2014

Achhut Kanya / The Untouchable Girl (Franz Osten, Indien 1936)


Der Film beginnt recht bedeutungsschwanger an einem Bahnübergang: ein Wagen hält an der herabgelassenen Schranke, und während der Mann aussteigt um nach dem Zug zu sehen, entdeckt die Frau die Pistole, die ihm aus der Tasche gefallen ist. Sie weiß, dass er sie damit töten will, doch schicksalsergeben gibt sie ihm die Waffe zurück. Vor einem in der Nähe stehenden Grabstein wird ihnen, um die Wartezeit zu verkürzen, durch einen Geistlichen folgende Geschichte erzählt: wie es sich mit dieser merkwürdigen Grabstätte verhält und wer die sagenumwobene Kasturi war, der hier gehuldigt wird. Das Schicksal der Kasturi, einem "Dalit"-Mädchen, die der Kaste der Unberührbaren angehört, ist dann auch die Binnenerzählung, die eigentliche Haupthandlung des Films.

Kasturi (Devika Rani) und Pratap (Ashok Kumar) sind schon seit langem sehr ineinander verliebt, kennen sie sich doch schon aus der Zeit als Kinder. Doch die unüberbrückbaren Grenzen des Kastensystems erlauben keine Heirat aus Liebe: Pratap gehört zu den Brahmanen, der ehrenwerten und höchsten Kaste der indischen Bevölkerung. Diese Tatsache akzeptierend sind auch beide damit einverstanden, dass der andere eine gesellschaftlich anerkannte Eheverbindung eingehen wird. Und anders als man das von durchnormierter Filmkost erwarten würde, haben beide Glück: ihre Ehepartner sind liebenswerte Menschen, die sie lieben und sehr verehren. Jedoch: beide können das Sehnen in ihren Herzen nicht ganz unterdrücken. Aber vor allem sind es die sensiblen Partner, die erahnen, aus welchem Grund die ewig melancholisch gestimmten Lebenspartner unglücklich sind.

Dies wiederum kann nicht geduldet werden. Und so nimmt das Drama seinen Lauf mit den Einflüsterungen einer Neiderin, die das fragile Gefüge durch ein Betrugsszenario zum kollabieren bringen will. Wenn sie selbst schon kein Glück im Leben erfahren darf, dann soll das niemand dürfen!, derart scheint ihr Beweggrund zu sein. Hier gibt es dann eine fantastische Szene auf einem Marktplatz, der zugleich halb Jahrmarkt zu sein scheint - und mit Karussells und Magiern und Illusionisten aufwartet. Dort begegenen sich auch die beiden Liebenden wieder, ganz unverhofft - aber gerade eben so verdächtig, dass eine Verleumdung möglich wird.

Ebenso eindrücklich sind die dörflichen Szenen, wo sich das Leben in den verwinkelten Gassen zwischen den Hütten und Häusern abspielt. So etwa wird der Vater Prataps, praktizierender Arzt nach modernen Methoden, zum Ziel seines neidischen Kollegen, der sich durch mysteriöse Diagnosen und reichlich Humbug versucht, über Wasser zu halten. Der charakterlose Mann ist schließlich auch die Ursache für die erste große Kulmination im Film: eine Horde Männer, von diesem aufgehetzt, verwüstet Prataps Haus und Hof. Denn wenn sich der Mob einmal aufmacht, ist er kaum mehr zu bremsen. Prataps Vater, ein ruhiger und umsichtiger Mann, hat etwas zu viel Vertrauen in die menschliche Vernunft, was er bitter büßen muss. In diesen Szenen ist es ein weiteres Mal die Verbindung der Protagonisten über die Grenzen der Kasten hinweg, die zu Problemen führt. In diesem Fall besonders verwerflich natürlich deswegen, da dieses ultimative Tabu als lediglich behaupteter Vorwand missbraucht wird, um den Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. ACHHUT KANYA ist der erste Film der indischen Filmgeschichte, in dem dieses problematische Thema im Zentrum steht.

Die Produktionsfirma BOMBAY TALKIES war 1934 von Himanshu Rai gerade erst gegründet worden, da hatte er den Schneid - und nachdem die eigentlich männliche Hauptrolle ausgefallen war - den damals noch völlig unbekannten Ashok Kumar zu besetzen. Der war zwar bereits im Studio angestellt, aber lediglich als technischer Assistent im Labor. Die weibliche Hauptrolle spielte Rais Gattin Devika Rani, die nach Himanshu Rais späterem Nervenzusammenbruch die Leitung der Firma übernahm. Eine Folge aus den politischen Auswirkungen des zweiten Weltkriegs, da Rai  neben etlichem europäischem Equipment den aus München stammenden deutschen Regisseur Franz Osten verpflichten konnte (wie auch den Kameramann Josef Wirsching), um ein qualitativ hochwertigeres Kino herzustellen. Rai hatte Osten in Europa kennengelernt, wo er in London als Rechtsanwalt tätig gewesen war, wie auch später bei der deutsch-indischen Co-Produktion DIE LEUCHTE ASIENS (1925), ein Film über Gautama Buddha. Die britische Kolonialregierung hatte dann allerdings den Deutschen ein Beschäftigungsverbot erteilt, was zu o.g. Problemen führte.

Der Film zeichnet sich außerdem durch die Verwendung von Umgangssprache aus, etwas, was bis dahin im indischen Kino etwas Neues war, da dieses zu dieser Zeit noch häufig mythologische Fabeln und wilde, überformulierte Abenteuerschinken abbildete. Gleichwohl wird mancherorts gerade die Zeichnung des dörflichen Lebens in diesem Film als wenig realistisch, unecht und sogar verlogen kritisiert. Wie auch immer, die Darstellung Prataps als schüchternen jungen Mann durch Ashok Kumar, der allzu übertriebene Gesten der emotionalen Zerrissenheit zu vermeiden versteht, ist alleine schon die Sichtung wert - wie eigentlich alles an diesem spannenden und sauber ausgeführten Film, der seine Menschlichkeit über die sozialen Grenzen und die bornierte Verbohrtheit engstirniger Kleingeisterei stellt.





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Montag, 3. März 2014

Mahakaal / The Monster (Shyam & Tulsi Ramsay, Indien 1993)


Ein Monster mit Metall-Klauenhand und unbändger Mordlust dringt in die Träume der Studentin Anita (Archana Puran Singh) ein, terrorisiert sie und fügt ihr obskurerweise reale Verletzungen zu. Ein Beweis dafür, dass übersinnliche, übernatürliche Traumwelten über das reale Leben an Macht gewinnen. Auch ihre Freunde und sogar der hemdsärmelige Geliebte Prakash (Karan Shah) können der Heroine (die ein wenig wie eine indische Pam Grier aussieht) wenig helfen, ist sie in den besagten Momenten dem Monster doch völlig ausgeliefert und also wehrlos. Voller Panik irrt sie flüchtend durch lange unterirdische Gänge, stolpert durch nebelwallende Gefilde, verläuft sich in den Irrgärten opulenter Anwesen, fällt in Ohnmacht auf Friedhöfen und kerzenbeleuchteten Opferstätten, ja, sie versucht sogar, sich zur Wehr zu setzen. Doch gegen diesen Unhold, dieses Ungetüm ist kein Kraut gewachsen. Als ihre Freundin Seema schließlich ebenfalls in ihren Träumen von dem Monster heimgesucht wird, verfallen die Mädchen in kollektive Panik. Doch es ist bereits zu spät: kurz darauf wird Seema aus einem der Träume nicht mehr erwachen, das Tier hat sie geholt.

Aber nicht nur im Traum sind die Frauen Bestien und Grobianen ausgeliefert. Auch im normalen Leben haben sie es vor allem mit den Belästigungen durch nervige Mitstudenten oder mit Übergriffen von Perverslingen zu tun, die ihre sexuellen Gelüste notfalls mit Gewalt an ihnen zu stillen gedenken. Es finden sich einige Szenen im Film, in denen Anita und Seema in die Hände dieser marodierenden Banden fallen, und ihnen nur mit Glück, bzw. durch die Hilfe ihrer (männlichen) Freunde die Flucht gelingt. Die prügeln sich glücklicherweise, scheint's, besonders gern, und einer, der Kneipenbesitzer Canteen (!), der zugleich ein Michael Jackson-Impersonator ist (Johnny Lever), kann sogar Kung Fu. Anitas Vater hält von dem ganzen Quatsch nicht viel und weist sie hartherzig und mit autoritärer Strenge darauf hin, dass sie sich besser um ihr Studium kümmern soll, als mit den Jungs an den See zu fahren. Oder sich nachts von einem Untier überfallen zu lassen. Das Einfühlungsvermögen des Mannes ist nicht gerade verschwenderisch ausgeprägt.

Die Ramsay-Brüder haben mit diesem Film einen äußerst unterhaltsamen, wenn auch sehr debilen Trash-Film geschaffen, der keineswegs besonders gruslig oder gar schockierend wäre, sondern der viel eher einer Fahrt auf einer altbekannten, vielleicht etwas ausgeleierten Geisterbahn gleicht. Ein Film, der sich doch reichlich plump und überdeutlich bei den NIGHTMARE ON ELM STREET - Filmen bedient. Wiewohl die Figur des Unholds selbst eher einer Sparversion von Michael Myers aus HALLOWEEN gleicht. Aber dann plötzlich, wenn er sich erzürnt, verändert sich das Gesicht, wird faltig und narbig, wie eben das verbrannte von Freddy Krueger. MAHAKAAL geht hier allerdings mit einer Dreistigkeit vor, die man durchaus charmant finden kann. Und die Klauenhand, die kann auch als Handschuh gut fliegen bei Bedarf, und das Opfer in den Tod hinein würgen.

Gegner des Films sehen in ihm nichts als ein völlig gescheitertes und respektloses Remake eines amerikanischen Genreklassikers, und die Unbeholfenheit, mit der in MAHAKAAL von der Stimmungslage völlig verschiedene Szenen aneinandergekoppelt werden, als Beleidigung des guten Geschmacks - und den Beweis dafür, dass die Zeit der Ramsays als Götter im indischen Horrorolymp Anfang der 90er unweigerlich vorbei gewesen sei. Nun ja, es bleibt nun freilich immer noch die Möglichkeit, den Film als anarchische Groteske zu goutieren, und auf dieser Ebene funktioniert er in jedem Fall. Dass der Film offensichtlich ohne größeres Budget entstanden sein muss, hat ihm nicht wirklich geschadet. Es ist unfassbar toll anzuschauen, wie hier mit sehr viel Liebe zum Detail und Euphorie gearbeitet worden ist, um in quasi jeder Einstellung eine tolles, verqueres, schräges und überraschendes Bild herzustellen. Ohne Hemmungen wird hier überall geklaut (etwa auch bei den 36 KAMMERN DER SHAOLIN oder dem TODESNETZ DER GELBEN SPINNE), mit viel Trockeneis wird Atmosphäre generiert, und dann heißt es: Kreischen was das Zeug hält! Die Tonspur ist eine Delikatesse, da wird immerzu geklotzt und die Terrordissonanzen halten sich niemals zurück, soviel ist sicher. Ein paar gar nicht so üble Song & Dance-Szenen darf man dann völlig unvermittelt auch noch über sich ergehen lassen. Was besonders grotesk wirkt, etwa wenn am Strand plötzlich ein europäischer Softporno durchblitzt und sich die Kamera ungehemmt einem männlichen Blick andient, während es im nächsten Moment wieder voll in die Gruft geht und ein Hindu-Priester irgendetwas von vollendeten Kreisläufen, Familienerbe und Blutopfer brabbelt. Am Ende stellt sich dann heraus, dass der Herr Vater etwas mit der Angelegenheit zu tun hat - wer hätte das gedacht! Das ist toll, MAHAKAAL ist nochmal besser als der etwas wirre PURANI HAVELI, ein Geisterhausfilm und ebenfalls von den Ramsays, den ich hier bereits besprochen habe. Grotesk, ja, aber: sehr schön.

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