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Mittwoch, 30. April 2014

Go Goa Gone (Raj Nidimoru & Krishna D.K., Indien 2013)


Auch in Indien rollt nun seit einiger Zeit verstärkt die Zombiewelle an - mit etwas Verspätung zwar, aber direkt auf durchaus internationalem Niveau. Interessant ist vor allem, wie nun vielerorts sofort abgewunken wird, ganz so, als ob das Bollywood nicht zugestanden werden dürfe, seine eigene Zombiekultur zu entwickeln. Aber anstatt sich auf die eigenen cine-kulturellen Traditionen zu besinnen, auf ein also durchaus reiches Erbe mit breitem Spektrum von spirituell Übersinnlichem bis hin zu immer wieder hanebüchenster Horrorfilmkultur (Ramsay-Brüder, Son of Dracula und derlei Delikatessen), schielt man nun hier direkt nach Amerika, um vermutlich ein junges Publikum ebendort abzuholen, wo es gerne sein würde: in eben jenem Amerika. Go Goa Gone spielt dann auch vor allem ausgerechnet dort, wo sich die meisten Westler aufhalten: in Goa, zumindest will es so das Klischee. Und in diesem Mix aus Zombieland und Hangover, aus Splatter- und Slackerkomödie, ist ordentlich Dampf angesagt. Denn offensiv gekifft wird hier wie in einem Apatow-Film, und das, dies die vielleicht ganz lustige Pointe - rettet die Anti-Helden dieses Films ausgerechnet davor, zu Zombies zu werden.

Denn nach einigen beziehungskistlichen Achterbahnfahrten, sowohl was die Liebe als auch die WG-Partner angeht, finden sich die Protagonisten im paradiesischen Goa wieder, wo man dann zu einer Insel hinausfahren will, auf der eine illegale Rave-Party stattfindet. Organisiert von den Schergen der russischen Mafia - anscheinend der heißeste Scheiß. Sex, Drogen und Musik, das sind die Ingredienzien, die auch indische berufsjugendliche Herzen höher schlagen lassen. Doch die Einnahme der roten Pillen, die einem dort auf einem Tablett angeboten werden, können sich die Helden des Films nicht leisten. Zum Glück, denn diese neue Chemie lässt alle Konsumenten über Nacht zu Zombies werden, die dann am nächsten Morgen in einem wilden Raubzug über die Insel ziehen - auf der Suche nach Menschenfleisch.

Indiens erste "Zom-Com" (= Zombie-Comedy, so die Werbung für den Film) ist auch bei der Kritik ein ziemlicher Erfolg gewesen. Man schätzt die frischen Einflüsse, die es vorher so noch nicht im Bollywoodkino gegeben habe. Nun, für westliche Augen ist es nun eben die Mixtur aus indischen und amerikanischen Komödienstandards, die hier ausgespielt werden, und da kann man durchaus sehr seinen Spaß haben. Es ist tatsächlich ein sehr unschuldig anmutender Spaß, der sich einem hier bietet, so kalkuliert der Film auch sein mag. Auch der bemüht hippe Drum&Bass-Soundtrack ist ein Indiz dafür, dass man dann doch noch etwas hinterherhinkt. Gleichwohl rummst es ordentlich und unterfüttert den Film energetisch mit massivem Drive - und ja, als sich dann auch noch der böse Mafia-Boss mit blondgefärbten Haaren als "Desi aus Delhi" outet, dann macht das schon ganz schöne Popcorn-Laune. Oder wenn einer der Protagonisten namens Hardik einer Amerikanerin am Strand beim Tanzen seinen Namen nennt, und die nur "hard dick" versteht. Go Goa Gone bietet am Ende, natürlich, auch den Stoff für eine Fortsetzung: Denn als dann schließlich die Flucht - unter Verlusten - gelungen ist, erreichen die Überlebenden wieder den Strand von Goa (natürlich nicht ohne nochmals deutlich in die Kamera gesprochen und den schlimmen Drogen, Zigaretten und dem Alkohol abgeschworen zu haben - eine Szene, die einem in unseren Breiten um die Ohren gehauen werden würde). Und auch dort, im Paradies auf Erden ist alles zerlegt und qualmende Asche. Der Kampf gegen die Zombies kann in die zweite Runde gehen.








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Sonntag, 27. April 2014

C.I.D. (Raj Khosla, Indien 1956)


Polizeiinspektor Shekhar (Dev Anand) untersucht den Mord an Zeitungsredakteur Shrivastav, gerät in der Folge zwischen zwei Frauen, eine eigensinnig und zugleich liebenswert (Shakila), die andere mysteriös und gefährlich (Waheeda Rehman), wird schließlich selbst des Mordes bezichtigt und muss in einem Gerichtsprozess seine Unschuld beweisen. Einige Unterweltgrößen tauchen auf, ziehen Fäden im Hintergrund. Wobei Shekhar und die hübsche, wie dann herauskommt, Tochter des vorgesetzten Polizeipräsidenten, Rekha, sich einander nähern und schließlich verlieben. Im Hintergrund juxt derweil Taschendieb Master (Johnny Walker) mit viel Slapstick und comic relief herum.

C.I.D. ist ein geradeaus geskripteter und zumeist recht spannend geratener Polizeifilm, der natürlich die Romanze nicht ausklammert und sich auch ordentlich beim Film Noir bedient. Amerikanische Genrefilme sind das Vorbild, das sieht man deutlich, auch an Kleinigkeiten wie schon in der Handhabung von Zigaretten unter Coolnessaspekten oder in der Inszenierung von modernen Geräten, Technik: Autos und vor allem Telefonen. So ungeschickt die Figuren den Hörer auf die Gabel legen wundert man sich, ob die moderne Technik der rasend schnellen Mitteilung überhaupt schon überall Einzug gehalten hat. Die Autofahrten selbst sind dabei nicht einmal besonders gelungen inszeniert, da fehlt es noch ordentlich an drive und Know-how, wie man so eine Verfolgung spannend in Szene setzt.

Die Songs hingegen sind wunderbar: Einfache Melodien mit starken Melodien, die durchaus die Handlung vorwärtstragen und nicht nur illustre Ausstattung sind. Dev Anand fällt ebenso positiv auf, kein Muskelmann, kein Macho, eher sensibel, still, zurückhaltend, gut aussehend. Er drängt sich nicht auf, bedrängt nie. Nur manchmal ein wenig ironisch flirtet er mit Rekha und ist ansonsten Kavalier. Das ist ziemlich ungewöhnlich, vor allem wenn man sich an die männliche Dominanz in Bimal Roys Devdas erinnert. Waheeda Rehman wird allerorten gelobt, wie sie hier den Film dominiere. Und Raj Khosla inszeniert sie auch so, das schöne Mysterium. Ganz am Anfang zeigt er sie nur von hinten, wie sie versucht einen Gangster mit Schmiergeld aus dem Gefängnis zu bekommen, telefonierend, ganz souverän. Eine geheimnisvolle Frau, die mit der Gefahr hantiert, als wäre es nichts. Dann irgendwann dreht sie sich um und das Bollywoodkino hat eine neue Lichtgestalt - und die männlichen Fans Stoff für nächtliche Träume. Die Femme Fatale regiert die Welt. Zumindest einen Filmtraum lang.

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Samstag, 26. April 2014

Devdas / देवदास (Bimal Roy, Indien 1955)


Mit der Zeile "A hot, sultry day in May,...", aufgeschlagen in einem dicken Buch mit großen Seiten und zugleich vorgelesen mit der gravitätischen Stimme eines Erzählers, die die Wichtigkeit der literarischen Vorlage des Films betont, beginnt Bimal Roys Devdas-Adaption von Sarat Chandra Chatterjees Romanvorlage. Es ist eine Überblendung aus dem Buch auf ein Schulgebäude auf dem Lande, aus dem schon die Stimmen der Kinder zu hören sind. Die Kamera senkt sich aus erhöhter Kranposition ab, hinab auf die Erde, aus der Literatur hinein in die (filmische) Wirklichkeit. Ein formvollendeter Establishing-shot.

In Devdas geht es um eines der großen klassischen Themen des indischen Kinos: die unmögliche Beziehung zwischen zwei Liebenden, die durch ihren gesellschaftlichen Status getrennt sind und die aufgrund der Schranken in den Köpfen der Menschen auch nicht zusammenfinden dürfen. In diesem Fall ist das besonders tragisch, da die beiden Charaktere Devdas Mukherjee (Dilip Kumar) und Parvati/Paro (Suchitra Sen) beide der angesehenen Kaste der Brahmanen angehören, wobei Devdas aber dennoch einer deutlich reicheren Familie mit höherem Status angehört, als Parvati. Außerdem scheint ein größeres Distinktionsbedürfnis seitens des Oberhaupts der Familie, des unnachgiebigen Vaters, vorzuherrschen, der eine Heirat der beiden untersagt. Devdas wird dann auch zum Studium an die Universität nach Kalkutta geschickt, und die verbindung zu Paro, mit der er seit frühen Kindheitstagen und aus Schulzeiten emotional liiert ist, reisst ab. So führt auch die oben erwähnte Eröffnungsszene ins Schulgebäude hinein, wo die beiden Kinder zusammen das Einmaleins lernen. Die Metaphern des indischen Kinos sind zugegebenermaßen manchmal etwas deutlich.

Im weiteren Verlauf dieses wunderbar souverän inszenierten Films kommen die Dinge aber anders als vermutet: Devdas stürzt ab, verfällt dem Alkohol. Kalkutta zeigt sich von seiner verruchten Seite, er beginnt eine platonische Affäre mit der schönen Chandramukhi (toll gespielt von Vyjayantimala), die in einem Bordell als Tänzerin arbeitet und die sich später fürsorglich um den innerlich zerrissenen und ziemlich vor den Hund gekommenen Devdas kümmert. Dieser missbraucht sie allerdings als seelische Stütze, obwohl sie offenkundig ein gemeinsames Leben mit ihm zu führen anstrebt. Parvati hingegen wird schließlich an einen älteren, ebenfalls fürsorglichen Mann verheiratet, der bereits zwei Töchter hat. 

Aber anstelle die Liebe zwischen Devdas und Parvati zu glorifizieren, wie es recht häufig in Besprechungen zu diesem Film geschieht, ist durchaus ein kritischer Blick angebracht. Es fällt mehrfach - und negativ - Devdas ruppige Art auf, die er schon als Kind Paro gegenüber anschlägt. Und dies nicht nur verbal, einmal ohrfeigt er sie sogar. Als sich Paro eines Nachts zu ihm schleicht und ihn zu überreden versucht, mit ihr zu fliehen,  traut er sich nicht und weist sie ab. Die verletzte Paro nun lässt ihrerseits Devdas immer wieder abblitzen. Dann, Zeichen seiner "großen Liebe" - es ist an Zynismus kaum mehr zu überbieten, zieht er ihr einen Ast durch das Gesicht. Ein brutaler Schlag, mit dem er sie für immer zeichnet. Wenn sie in den Spiegel schaue, dann soll die zurückbleibende Narbe Paro stets an ihren Devdas erinnern. Vor soviel Machismo fehlen einem die Worte.

Bimal Roys Devdas-Adaption gilt als die bereits sechste oder siebte ihrer Art, man findet widersprüchliche und unterschiedliche Angaben. Sie stellt zugleich ein Remake von Pramathesh Chandra Baruas bekannter Verfilmung von 1935 dar, bei der Bimal Roy selbst als Kameramann tätig war. Angeblich gibt es sogar eine noch frühere Stummfilm-Adaption von 1928 durch Naresh Mitra. Am Ende jedenfalls, da bleibt Devdas nur die Flucht in eine ungewisse Zukunft. Der Film lässt den todunglücklichen, sich auch im Selbstmitleid suhlenden Devdas vor seinen Problemen, ja vor seinem Leben davonlaufen. In endlosen Zugfahrten schließlich durch Indien driftend, wird er in einer Szene von seinem ebenfalls bereits verzweifelnden Begleiter gefragt: "Just tell me where you want to go!" Worauf Devdas lakonisch antwortet: "I want to run away from myself...There is no meaning to my life now." Ein Motto, das man dem Film getrost voranstellen könnte. Und ganz am Ende, wo die Erlösung aus dem irdischen Dasein höchsttragisch nur durch den Tod möglich scheint, da übernimmt dann auch der körperliche Verfall den Devdas ereilt, vom Film selbst Besitz: das kaputte Filmmaterial mit all seinen Ausbleichungen, Kratzern, zerstörten Flächen verengt den Fokus auf den Bildmittelpunkt, bis sich schließlich alles in konturlosem Weiß, oder, auf die Filmfigur bezogen, im Jenseits auflöst.

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Montag, 21. April 2014

Do Bigha Zamin / Two Acres of Land / Zwei Hektar Land (Bimal Roy, Indien 1953)


Shambu Maheto (Balraj Sahni) ist ein Kleinbauer in Westbengalen, der auf seinen Zwei Hektar Land Ackerbau betreibt und damit seine Familie versorgt. Seit Generationen ist das Grundstück Familienerbe und somit auch das einzig Wertvolle, was die Familie besitzt. Der zamindar, der Feudal- bzw. Grundherr, der auf dem Land eine Fabrikanlage bauen will, versucht es ihm abzuschwatzen, doch Shambhu bleibt stur. Er glaubt seinen Versprechungen nicht, nach denen die Industrialisierung allen ein besseres Leben bescheren werde. Allerdings ist auch Shambus Dickköpfigkeit kein so unproblematischer Charakterzug, denn einen Ertrag hat die Bewirtschaftung des Landstücks seit geraumer Zeit nicht mehr erbracht, da es schon seit Langem nicht mehr geregnet hat; eine - die bereits zweite - Dürre droht, die gesamte Ernte erneut zu vernichten. Die Situation ist also existenzgefährdend. Als er bei Shambu nichts erreicht, zwingt ihn Thakur, der Unternehmer, die in der Vergangenheit angehäuften Schulden zurückzuzahlen. Eine für Shambu enorme Schuld von 265 Rupien soll beglichen werden, ansonsten werde das Land versteigert und Thakur könne endlich seine Fabrik darauf bauen. Shambu sieht nur eine Chance: er muss nach Kalkutta und in der Großstadt schleunigst Geld verdienen.

Do Bigha Zameen gilt als großer Klassiker des indischen Neorealismus, und die Legende geht, dass Bimal Roy diesen Film drehte, nachdem er Vittorio de Sicas Ladri di biciclette gesehen hatte. Er muss sehr beeindruckt gewesen sein, und so erinnern nicht nur viele Szenen, vor allem dann die in Kalkutta gedrehten Straßenszenen an den italienischen Neorealismus, sondern auch Balraj Sahanis realistische Darstellung. Denn Shambu verdingt sich in Kalkutta als Rikschafahrer - zwar ein Knochenjob, aber ein für seine Verhältnisse einträglicher. Noch nie hat er so schnell so viel Geld verdient. Allerdings auf Kosten der Gesundheit (siehe das berühmt gewordene Rikscha-Rennen, bei dem er sich schwer verletzt). Sein Sohn Kanhaiya (Rattan Kumar) ist ihm heimlich nachgereist, gegen den Willen seiner Mutter Parvati (Nirupa Roy, eine Schauspielerin, die in fast 500 Filmen mitgespielt hat und ikonographisch die "leidende indische Mutterfigur" verkörperte), da er seinen Vater unterstützen will. Dieser arbeitet bald als Schuhputzer, da er sich mit einem anderen Straßenjungen anfreunden konnte, der ihn in seine Schuhputzergang aufnimmt. Später macht er allerdings Bekanntschaft mit einem Taschendieb, was zu etlichen Konflikten in der Vater-Sohn-Beziehung führt, und wo sich der Film dann in moralischer Rechtschaffenheit gerieren darf. Es ist eben doch nicht alles erlaubt, selbst wenn man bettelarm ist - vor allem, wen man noch etwas Ehrgefühl besitzt.

Do Bigha Zamin war auch international erfolgreich, lief 1954 im Wettbewerb in Cannes (Teinosuke Kinugasas großartiger Jigokumon hatte dann aber in diesem Jahr gewonnen), und in Karlovy Vary. In Indien selbst gewann er den wichtigsten Filmpreis: "Best Film" beim Filmfare Award. Er ist ein - vielleicht manchmal etwas zu sentimentaler - Autorenfilm, der auch kommerziell ein Erfolg wurde. Geholfen hat neben der berührenden Geschichte, die übrigens kein gutes Ende nimmt (und ursprünglich ein noch viel schlechteres hatte), sicherlich auch die Musik von Salil Chaudhury, der hier einig sehr schöne Songs geschrieben hat. Und auch kleine cineastische Meta-Verweise erlaubt sich der Film, etwa wenn die Straßenjungen zusammenhocken und sich erzählen, wie toll doch gestern das Kino war, wo man Raj Kapoors Awaara (1951) gesehen habe, nur um dann in einem mehrstimmigen Gesang begeistert den Titelsong Awara Hoon nachzusingen. Vielfach wird in der Literatur auch auf die realistische Darstellung des Alltags abgehoben. Sowohl was das Leben der Armen am Rande der Gesellschaft in verlassenen, heruntergekommenen Gebäuden wie in den Armenvierteln angeht, als auch Bimal Roys strenge Regie seiner Figuren, die nicht nur in zerrissenen Klamotten herumlaufen mussten, sonden diese etwa den gesamten Dreh über auch nicht waschen durften. Man sieht das gut an Kanhaiyas neuem Ringelpullover, den er vom ersten selbstverdienten Geld des Vaters geschenkt bekommt. Dieser wird im Verlauf des Films immer getragener, gammliger, dreckiger, löchriger, bis auch der schließlich nicht viel mehr als ein Lumpen ist. 

Am Ende sind die Zwei Hektar Land verloren, die Fabrik ist längst gebaut, als die Familie zurückkehrt. Der schwarze Rauch der Schornsteine bläst die Träume und Hoffnungen der Protagonisten hinfort und als es dann noch anfängt zu regnen, auf den harten und ausgetrockneten Boden, kann man das kaum anders als einen zynischen Kommentar auf das Schicksal des kleinen Mannes lesen. Für diese Leute ist kein passender Platz auf der Welt, sie werden vertrieben - aber auch in der Stadt ist, wie wir gesehen haben, keine Zukunft zu haben. Dort wartet nur die Kriminalität. Do Bigha Zamin ist ein bisweilen etwas sentimentales, aber mit Sicherheit sehr bedrückendes, sozialkritisches Drama des Parallel Cinema. 

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Freitag, 11. April 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: BLIND MASSAGE (Lou Ye) ~ SHADOW DAYS (Zhao Dayong) ~ THAT DEMON WITHIN (Dante Lam) ~ ICE POISON (Midi Z)

Ein Film von Lou Ye, TUI NA / BLIND MASSAGE, einem chinesischen Regisseur der sogenannten „sechsten Generation“, der mit der Zensurbehörde seines Landes schon seit Jahrzehnten immer wieder aneinandergerät. Seine Filme werden mindestens zensiert, meistens landen sie direkt auf dem Index. Und da ist es kein Wunder, dass dieser regimekritische Nestbeschmutzer ein Liebling europäischer Filmfestivals ist, die sich selbst allzu gerne progressiv und aufgeklärt präsentieren. Das könnte natürlich prinzipiell gewaltig abschrecken und zu trotziger Verweigerungshaltung führen – was natürlich auch wieder total albern wäre. Und dann: einer meiner chinesischen Lieblingsfilme stammt genau von diesem Lou Ye, es ist der in Shanghai spielende Film SUZHOU RIVER (2000). Vor allem seine suggestive Kameraarbeit ist es, die einen völlig fassungslos werden lässt, die immer wieder wie in einem zärtlichen Rausch die Bilder über den Plot dominiern lassen, und die mich damals schwerwiegend beeindruckt haben. So etwas hatte ich bis dahin schlicht noch nie in dieser Form gesehen. Und in seinem neuen Film ist das nicht viel anders, da geht es um die alltäglichen Sorgen und Nöte in einem Massagesalon in der Stadt Nanjing. Allerdings mit einer Besonderheit: alle Mitarbeiter sind blind. Dies ist dann freilich auch die große Herausforderung an den Filmemacher, diese vielgestaltige, komplexe Welt der Blinden den Sehenden mit dem Medium des Bildes erfahrbar zu machen. Also etwas sichtbar zu machen, was sich vollständig im Dunkeln abspielt. Eine der Figuren sagt dann auch sinngemäß an einer Stelle des Films, „die Normalen“ (so werden sie von den Blinden genannt) sehen das Licht, sie aber sähen die Dunkelheit. Eine wunderbare Dialogzeile, die Lou Ye mit vielen Unschärfesensibilitäten abzubilden weiß, mit der Tonspur verstärkt und kallibriert, mit Bewegungen, die andersartig wirken, evoziert. Dieser Film ist ein sinnliches Erlebnis, und die Freude über ihn wird nur dadurch etwas getrübt, dass er sein Ende nicht findet, und zu diesem immer wieder neu ansetzt. Insgesamt ein sehr souveräner, empfehlenswerter Film, der es sich schönerweise immer wieder erlaubt, von seinem Handlungsverlauf wegzudriften. 

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 Der chinesische Film SHADOW DAYS / GUI RI ZI von Regisseur Zhao Dayong ist ein waschechter Independentfilm, der völlig unterfinanziert sich durch eine lange Produktionsphase schleppte, und der überhaupt nicht mit der Absicht gedreht wurde, in China veröffentlicht zu werden. Warum man dann solche Filme überhaupt macht? Vielleicht, weil gerade solche gemacht werden müssen. Es geht darum, dass ein junges Paar von der Stadt in die Heimat des Mannes zurückkehrt, in ein beinah verlassenes, archaisch anmutendes Bergdorf, in dem der Onkel des Protagonisten Bürgermeister ist. Die Frau ist im fünften Monat schwanger. Der Onkel ist freilich ein Parteikader und der Ort hat seine Sollzahlen bezüglich der Ein-Kind-Politik nicht erreicht. Nachdem der Held ohne Skrupel sich an einem Kommando zur Reduzierung der Geburtenrate beteiligt, wird er vom Onkel hinters Licht geführt – denn sein eigenes Kind wird in seiner Abwesenheit gewaltsam abgetrieben. Doch damit hat der Schrecken noch keine Ende. SHADOW DAYS, das sind auch die Tage im Schatten Maos, der hier nur als demolierte Statue auftaucht – und dennoch alles regiert, überall präsent ist. Ein Film, der in großer Trübnis spielt – ständig ist alles vernebelt, die Flure düster, die Hinterhöfe schmutzig, Staub liegt auf allen Gegenständen. Scheint dann einmal die Sonne, ist man regelrecht geschockt – allein von der Schönheit der Landschaft, die dann gar nicht mehr passen will zu den gegen Ende immerzu ernster und grausamer werdenden Entwicklungen. Ab Mitte des Films etwa kommt dann noch ein merkwürdig deplatziert wirkender Hang zur Übersinnlichkeit in Form von Geistererscheinungen hinzu, wo urplötzlich den Figuren Menschen ohne Gesicht erscheinen, Säuglinge durch den Raum schweben, oder eine langhaarige Sadako in der Türe steht und den Kopf hängen lässt. Diese psychischen Projektionen verdeutlichen neben den individuellen Traumata auch das irreal Abartige des politischen Systems, das sich in die privaten Leben der Figuren hineinfrisst. Auch die ambivalente Figurenzeichnung, die auf plakativ-reduzierte schwarz/weiß-Malerei verzichtet – hier ist jeder gut und auch böse zugleich – macht den Film zu einem sehenswerten Beitrag.

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Zwei Seelen in einer Brust – das trifft auch auf Dante Lams Hongkong-Eruption THAT DEMON WITHIN / MO JING zu. Daniel Wu und Nick Cheung (letzterer eben noch fulminant in Soi Cheangs UNBEATABLE) liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel der hochexplosiven Art, in dem mal wieder ein good cop gone bad einen Verbrecher jagt, der so ein bißchen ein Supervillain ist wie des Batmans Joker. Dante Lam geizt nicht mit visuellen Reizen und haut alles raus, was man in die Luft jagen oder ins Groteske, Superlativistische hineinverzerren kann. MO JING ist kein Film der sensiblen Zurückhaltung, wohl aber ein hochprofessioneller Film des hyperbolischen Radikalexzesses, in dem jeder Subplot auserzählt und jedes Luftloch abgedichtet wird. Dadurch gewinnt der Film einen Raum, eine gar totalitäre Räumlichkeit, die einem die Luft abschnüren und zu Erstickungsanfällen führen kann – und so ist es dann auch dieser Film, der an seinen großartigen THE BEAST STALKER (2008) qualitativ anknüpfen kann. In einer völlig überbordenden Actionszene gegen Ende kracht ein sich mehrfach überschlagendes Auto in eine Tankstelle und löst eine Kettenreaktion an Folgeereignissen aus, wie man sie zuletzt, ja, vielleicht wirklich in BEAST STALKER bewundern konnte. Während des Films war allerdings eine große Abwanderung des Publikums zu beobachten, was nun nicht weiter verwundert, und vielleicht sogar für den Film und seine Kompromisslosigkeit spricht. THAT DEMON WITHIN ist eine völlig radikale, für so manchen ja vielleicht sogar nicht tolerierbare, unerträgliche Erfahrung. THAT DEMON WITHIN ist eine ganz besondere Leuchtrakete dieses Festivals – von solch mutigen Filmen hätten wir gerne mehr. 

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 In Midi Zs wunderschönen Film ICE POISON / BING DU kämpfen die ganz Armen um ein wenigstens in Ansätzen lebenswertes Dasein. Ein verarmter Bauer verpfändet seine Kuh um seinem Sohn einen Motorroller beschaffen zu können, mit dem er von nun an als Taxi oder Kurierfahrer arbeiten kann. Eine seiner ersten Kunden ist die wegen eines Todesfalls aus China nach Hause zurückkehrende Sanmei (die Sanmei aus POOR FOLK), mit der er so etwas wie eine Freundschaft beginnt. Sie aber bringt ihn schließlich auch dazu, kurzfristig als Drogenkurier einzuspringen und selbige Produkte (das „Ice“ aus dem Titel ist eine Meth-ähnliche Droge, die wie Heroin über Stanniolpapier heiß geraucht wird) zu konsumieren. Midi Z gelingt es auch mit seinem neuen Film, der thematisch offenkundig an sein bisheriges Werk anknüpft, ganz ohne Arthouse-Allüren eine sehr bewegende, dabei unaufdringlich Geschichte aus dem Alltag dieser Menschen zu erzählen. Dass auch in diesem Fim wieder lange Strecken auf dem Motorroller gefahren werden um ein bißchen Freiheit zu verspüren, nimmt man merkwürdigerweise ohne Vorbehalte hin, auch wenn man solche Szenen mittlerweile zur Genüge kennt. Vielleicht liegt es daran, dass dieselben Motive bei Midi Z auch das genaue Gegenteil bedeuten können: nämlich eine panische Flucht aus der Gefahrenzone Leben, oder einfach, ganz basal, um den Schergen des Drogenkartells zu entkommen. Besonders gelungen sind auch in diesem Film wieder die Figuren, deren Handeln völlig ohne Vorbehalte gezeigt werden, und auch das Abrutschen in die Kriminalität ohne moralischen Zeigefinger bleibt. Was passiert, passiert eben, und wird weder überhöht noch verkitscht. Bislang eindeutig einer meiner Favoriten des Festivals.

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Dieser Text ist zuerst bei negativ-film.de anläßlich der Berlinale 2014 erschienen - hier nun erneut und überarbeitet gepostet, da alle diese schönen Filme auch in Hong Kong auf dem Festival liefen.

Samstag, 5. April 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: Na pian hu shui / Lake August (Yang Heng, China 2014)


Ein junger Mann aus der Stadt betrauert den Tod seines Vaters und macht sich auf den Weg aufs Land in seine Heimat, in die Provinz Hunan, um den Vater zu beerdigen. Um sein Leben zu überdenken und neu zu ordnen. Zudem hat ihn eben seine Freundin verlassen. Sie hat sich dazu entschieden, einem erfolgreicheren und reicheren Mitbewerber das Glück über ihre Zukunft anzuvertrauen. Und da hat sie vielleicht gar nicht schlecht entschieden, denn dieser stille, zurückgezogene, aus ennui kettenrauchende Protagonist Ah Li (gespielt von Tian Li) hat weder etwas Liebenswertes, noch etwas besonders Attraktives an sich. Er lässt sich in den Tag hinein treiben, betrunken, wie auf einem Boot liegend, und auf das Wasser starrend. In einem Fischerdorf angekommen, das wohl in der Nähe seines Heimatortes liegt (eigentlich will er ja zur Beerdigung seines Vaters), landet der antriebslose Tagedieb in einer kleinen Pension, die von einem ehemaligen Schulkameraden namens Monkey und seiner Freundin Ah Fang (Shang Xiaoling) geführt wird. Monkey freundet sich direkt wieder an, Ah Li wehrt sich nicht dagegen, trinkt Bier mit ihm und starrt aufs Wasser. Sie jedoch scheint interessiert an ihm, denn auch ihr ist vor allem: sehr langweilig. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie was zusammen anfangen, doch auch das hat, wie man schon ahnt, keine Zukunft. Am Ende sehen wir Ah Li erneut wieder auf dem Dach seines Hauses, über die Stadt blickend, rauchend, und nichts hat sich verändert.

BETELNUT - Regisseur Yang Heng gilt als der Vertreter des chinesischen slow-cinema, das vor allem bei akademisch geprägten, asienfokussierten europäischen Filmfestivals - mit Vorliebe für den Independent-Film - gefeiert wird. Und Yang Hengs neuer Film, vom Rotterdamer Robert Bals Fund finanziert, erfüllt diese Erwartungshaltung vollkommen. Was man bekommt sind lange, statische Einstellung schöner Landschaftspanoramen, mal im Regen, mal im gleißenden Licht, sprachlose Protagonisten, die sich in ihren Schmerz zurückgezogen haben, etwas Politik (hier wird zur Feier des Parteitags ein Ballon an einer Hausfassade befestigt, was nicht so recht klappen will), den Alltag in seiner schnöden Alltäglichkeit, und eine rudimentär erzählte Geschichte, die hin und her driftet, scheinbar ohne konkretes Ziel. Natürlich keine Musik. Sympathischerweise wird so natürlich mit den üblichen Erzählmustern gebrochem, die anerkanntermaßen in unserem Kulturkreis zum guten Ton "gelungenen Erzählens" gehören. 

Und obwohl überall die Gefahr des Selbstzweckhaften wie des Prätentiösen lauert, umschifft Yang Heng diese Klippen sehr gekonnt (abgesehen vielleicht direkt von der ersten Einstellung, schmerzvoll auf dem Boot). Vielleicht gerade deswegen, weil er seine Bilder nicht mit einer Botschaft auflädt, die bedeutungsschwanger hinter ihnen dräut und ins Sichtbare drängt. Sie erscheinen für den Betrachter frei verfügbar zu sein, ganz so, als könne dieser mit ihnen machen, was er wolle. Dass man so gut wie überhaupt keinen Einblick in die Psyche, die Ängste und Nöte des Protagonisten bekommt, ist nicht verwunderlich. Das macht auch ihn zum leeren Blatt, das beschrieben werden kann - und wenn man in der ersten Stunde noch auf eine Regung hofft, die einen Zugang ermöglicht, so schreibt man das spätestens in der zweiten irgendwann ab. Und auch wenn sich das alles möglicherweise redundant und sehr langweilig anhört - das ist es dann dennoch nicht. In Yang Hengs Film lauert eine tieferliegende Spannung, etwas Rastloses trotz der Stille, die nie meditativ wirkt, sondern eher wie kurz vor dem Ausbruch - ohne dass man das direkt an ihm festmachen könnte. Möglicherweise sind das fragmentarische Überreste aus den Genremustern von Gangster- und Kriminellengeschichten, mit denen der Regisseur sonst, demontiert, zu spielen pflegt. Das Älltagliche steht bei Yang Heng wie auf der Kippe - es ist nur ein Schritt bis zu einer Schlägerei, zu einem Mord, in die Prostitution, in den Tod. In LAKE AUGUST ist das Besinnliche abhanden gekommen, das fragmentarische Ich steht zur Disposition.




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Donnerstag, 3. April 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: Atsumatta Hitotachi / Those Gathered (Shinji Imaoka, Japan 2013)

(c) HKIFF

Shinji Imaoka, ein Regisseur der ursprünglich aus dem Pink-Film-Gewerbe stammt, und den man bei uns im Westen am ehesten von seinen beiden Werken TASOGARE - IM ABENDROT und dem jüngst bei Rapid Eye Movies erschienenen UNDERWATER LOVE her kennt, legt mit THOSE GATHERED ein Post-Pinku-Beziehungsdrama vor, das sich hauptsächlich über die gestörten Sexualitäten seiner Protagonisten offenbart. Es ist ein Beziehungsgeflecht mit vielerlei Handlungssträngen, am signifikantesten gebündelt in der Praxis einer nymphomanen Psychologin, die aber nur einen der Anker in der in verschiedene Erzählungen hinein und aus verschiedenen Biographien herausdriftenden Geschichte darstellt. Und obwohl der Film alles andere als eine Komödie ist, vielmehr offenbart sich permanent das wirkliche Leiden seiner Protagonisten an den Normierungen der Gesellschaft, so ist er doch nicht ohne Humor. Ein Humor allerdings, der sich hinter den bitteren Erlebnissen der Figuren versteckt, nur langsam zum Vorschein kommt, und den man um so begieriger aufsaugt. 

THOSE GATHERED, diejenigen, die zusammenfanden, sind Versprengte einer moralisch restriktiven Gesellschaft, die Individuen zu Opfern und Täter stempelt, und die schwer an ihren Leiden zu tragen haben. Nicht alle Figuren und Schicksale bekommen im Film denselben Raum zugesprochen, manche Figuren bleiben zwangsläufig blasser. Sind somit eher Platzhalter für ein weiteres Krankheitssymptom als individuelle Figur; aber das schadet dem recht knapp gehaltenen Film (Pinkfilm-Länge von 62 Minuten) keineswegs. Da trotzdem individuelle Geschichten erzählt werden, bekommt der Film bisweilen etwas Miniatürliches, ohne dabei putzig oder schmunzlig zu werden. Dafür ist er dann doch immer viel zu bitter und aufwühlend - ohne sensationalistisch zu sein. Stets findet Imaoka die richtige Balance. Und wie souverän dieser Mann ist, das zeigt sich dann ganz am Ende, nachdem wir dem Gespräch der beiden Prostituierten beim Friseur lauschen durften, die einem jungen Mann Tipps in Liebesdingen erteilen und ihm die komplizierte Funktionsweise der Psyche der Frau erklären. Da findet der Film jubelnd und tanzend zu seinem Finale, euphorisch und mit einer Fuck You! - Einstellung, die ein bisschen anarchisch, aber definitiv segensreich ist. Toll!

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Mittwoch, 2. April 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: The Palace on the Sea / Hai shang huang gung (Midi Z, Taiwan/Myanmar 2014)


In Midi Zs jüngstem Film, einem Kurzfilm von nur 15 Minuten Länge, begegnen wir wieder der Protagonistin Sanmei, die wir bereits in seinen Filmen POOR FOLK und ICE POISON kennengelernt haben. Hier ist sie nun in Vietnam angekommen, will aber unbedingt wieder nach Hause, da sie sich im fremden Land verloren und einsam fühlt. Freilich äußert der Film das nicht konkret, vielmehr zeigt er es in ihrer Rastlosigkeit, die sie durch die Stadt und dann hin zum Meer treibt. Auf ihrem Weg begegnen ihr mehrere Personen, die sie beschwichtigen wollen, da hier doch alles besser sei und sie sich schon einleben werde. An einer Stelle wird dann auch die vierte Wand durchbrochen, als eine der Figuren in die Kamera spricht und ihre Meinung dem Zuschauer direkt gegenüber äußert. 

Im weiteren Verlauf nähert sie sich dem Palast am Meer (ob sie absichtlich dorthin will, oder ob es sie dahin verschlägt, weiß man nicht), ein riesiges, mehrstöckiges, schwimmendes altes Gebäude, eine Mischung aus Tempel und Hotel (hier verlassen mich meine Kenntnisse), das vorne am Kai des Hafens steht. Ein floating castle, vielleicht. In immer traumähnlicheren Bildern wandelt sie die Treppen hinauf, durch sie Säle, lässt sich durch das Gitterfenster von der Sonne bescheinen, während die Kamera in Schwenks und sanften Bewegungen folgt, manchmal in Zeitlupe. Die Tonspur, die schon die ganze Zeit über in kontrastierendem Verhältnis zu den Bildern stand und diese auch sabotiert hat, etwa durch das weg-muten der Sprechstimmen oder einen extremen, dumpfen Echoraum, durch ein unterschwelliges Rauschen und Brummen, ein Anschwellen der Bässe, wird hier zusätzlich zerknarzt und scharfkantig. Der Film bekommt etwas stark Außerweltliches, Apichatpong Weerasethakulisches. Er beschreibt eine Sehnsucht, keine Geschichte. THE PALACE ON THE SEA ist eher ein experimenteller Kunstfilm, keine Erzählung, beziehungsweise ein Grenzgänger. Er lockt uns mit narrativen Mitteln, um dann einen Bogen zu schlagen dorthin, worum es ihm eigentlich geht. Um visuelles Erzählen, um ein Filmemachen durch Bildsprache. Ganz starker Film, eine uneingeschränkte Empfehlung.

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Dienstag, 1. April 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: Siddharth (Richie Mehta, Kanada/Indien 2013)


 Der Junge mit Namen Siddharth, um den sich hier alles dreht, taucht nicht einmal im Film auf. Er ist Leerstelle und Motor zugleich, seine Abwesenheit Bedingung. Da die Familie Saini finanziell nicht mehr zurecht kommt, schickt der Vater den Buben in den Norden des Landes in eine Fabrik. Er selbst ist ein chain-wallah, ein fahrender Reißverschlussreparateur. Er durchstreift die Metropole Delhi Tag für Tag mit seinem Megaphon und bietet seine Dienste an. Dabei kommt die Familie kaum über die Runden. Als der Sohn vier Wochen später zum Diwali (hinduistisches "Festival der Lichter") nicht nach Hause zurückkehrt, forscht man beunruhigt nach und erfährt, dass der Junge bereits vor zwei Wochen weggelaufen sei. Allerdings ohne seine Sachen mitzunehmen. Die Polizei vermutet eher: Kindesentführung.

Mahendra macht sich also, zunächst widerständig, auf die Suche nach seinem Sohn, bis dass seine Sorge so groß wird, dass sie in Verzweiflung kippt. Weder hat man genug Geld, um überhaupt mit der Suche beginnen zu können, denn man kann es sich nicht leisten, einen Arbeitstag ausfallen zu lassen, noch die Möglichkeit oder Kompetenz, sich souverän dem Problem zu stellen. SIDDHARTH ist dann insofern auch die Geschichte einer späten, zweiten Reifung des Familienoberhaupts, da der ansonsten pflichtbewusste Mahendra nun gezwungen wird, sich durchzusetzen. Auch gegenüber den Behörden. Doch sobald es um Tabu-Themen wie eben Kindesarbeit oder Kindesentführung geht, stösst er auf scheinbar unüberbrückbare Widerstände. 

Das besonders Gelungene an SIDDHARTH ist sicherlich, dass all die sozialen Aspekte, die massiv gesellschaftskritischen Sprengstoff enthalten, nur im Vorbeigehen erzählt und nicht permanent mit der Moralkeule in den Vordergrund geschoben werden. Das funktioniert vor allem über den ausgezeichneten Cast, allen voran natürlich der Protagonist Mahendra, gespielt von Rajesh Tailang. Besonders erwähnenswert auch dessen Gattin, die ihrem in allen Dingen zu defensiven Mann die notwendigen Impulse geben kann (gespielt von Tannishta Chatterjee, die man vielleicht aus dem britischen Film BRICK LANE (2007) kennt). Auch wenn der Score, der manchesmal etwas zu dick emotionalisierend aufträgt, dann übers Ziel hinausschießt, kann der Film mit seinem authentischen Ansatz, der in der Alltagsgeschichte dieser Familie verankert ist, völlig überzeugen. Der Festivalkatalog verspricht - ein wenig reißerisch - ein packendes Drama, das den Protagonisten "to the shady world of child labour" führe. Nun, und gerade das geschieht eben nicht. Auf diese "dunkle Seite" kann er sich niemals begeben, er dringt nicht zu ihr hindurch, und kann also überhaupt nichts ausrichten. Gerade diese Tatsache ist dann auch das Drama, das SIDDHARTH zugrunde liegt: die eigene Machtlosigkeit vor einem abgeriegelten System der Kriminalität, die für den Normalbürger unerreichbar bleibt. Mahendra wird dazu gezwungen, Opfer zu bleiben.

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