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Freitag, 23. Mai 2014

L'Amant (Ryuichi Hiroki, Japan 2004)


Das stark eingefärbte, koreanische Plakat täuscht etwas darüber hinweg, wie sehr dieser Film entfärbt ist. Ja, geradezu trist anmutet in seinen Grau-Brauntönen, gleich so, als wäre hier immer Herbst und Winter ohne Sonne, Schnee, Eis und alle helleren Flächen, die einem in die Augen blitzen könnten. Die Geschichte, die hier erzäht wird, mag auf den ersten Blick ebenso trist erscheinen. Ist sie aber nicht. Es ist ein Film von Ryuichi Hiroki. Und Hiroki mag seine Frauen, auch wenn sie häufig in sich selbst zurückgezogene Zweiflerinnen sind, und bisweilen einen Hang zur Selbstzerstörung haben.

Was auf den ersten Blick wie eine erotische Amour-Fou-Erzählung anmuten mag, die man etwa im Pink-Film, aber auch bei den eher strukturfokussierten Schachbrettfilmen der Franzosen der Nouvelle Vague wie Marguerite Duras oder Alain Robbe-Grillet finden könnte, ist bei Hiroki ein Thema, das in eine ganz eigene Richtung geht. Der eigentliche Erotik-Content, der auf den Bildschirm fließt, ist dann auch beinahe kaum existent und findet fast ausschließlich im Kopf des Zuschauers statt. Und die Erzählung geht also so: ein alternder, sterbender Erotomane wünscht sich auf dem Sterbebett die Erfüllung seiner erotischen Traumvorstellung: drei Männer (hier genannt A, B und C) "mieten" sich für ein ganzes Jahr eine Frau, die ihnen sexuell zur freien Verfügung zu stehen hat. Hier ist es nun eine 17jähriges Schülerin, der sie den Namen Hanako geben und die ihnen ihren richtigen Namen nicht offenbart. Nach der Schule begibt sie in ein mondänes Haus, wo sie auf die drei dort lebenden Männer trifft; sie verbringt dort ihren Alltag mit Hausaufgabenmachen und dergleichen, wie eben auch in der steten Bereitschaft, sexuell für die Herren verfügbar zu sein. Für die drei (auch charakterlich unterschiedlichen) Männer aber interessiert sich der Film nicht, wie auch kaum für die sexuellen Handlungen. L'Amant ist ein Film über das junge Mädchen selbst, das erwachsen wird. Ein coming-of-age-Film also, und so tritt sie auch immer wieder als Erzählerin ihrer eigenen Geschichte in Erscheinung, etwa in Voice-Over-Kommentaren, die von einem weit späteren Zeitpunkt die Geschichte wie in einem Rückblick erzählen.  

Hanako begibt sich freiwillig in diese Situation. Warum, das wird nicht ganz klar. Vermutlich geht es ihr ums Geld, wie sie einmal sagt - dabei lebt sie eigentlich bei ihrer Mutter in gesicherten Verhältnissen - wenn auch die Familie zerrissen scheint, der Vater absent ist und niemals im Film auftaucht. Eine ihrer Schulfreundinnen aber bemerkt ihr merkwürdiges Verhalten schon allein deswegen, weil sie nachmittags keine Zeit mehr hat und sich überall rauszieht. Wie so häufig in Hirokis Filmen hat man es wieder mit einer Protagonistin zu tun, die eine Alleingängerin ist, die aus der Zeit und auch aus der Gesellschaft wie herausgefallen scheint, die irgendwie nur mitläuft ohne groß aufzufallen, hinter der sich aber eine eigene Welt offenbart, die zunächst verborgen ist. Eine mögliche Erklärung für ihr Handeln wäre die, dass sie selbst diese Zeit als eine definiert, die sie - für sich - zum Experiment bestimmt. Ein Jahr lang, so sagt sie einmal selbst, macht sie das. Und mit dem Erreichen des Schulabschlusses ist die Zeit unweigerlich vorbei. So bricht sie auch rigoros die Beziehung zu den Männern ab, als das Jahr vorüber ist, auch wenn sich mittlerweile persönliche Zuneigung und Gefühle entwickelt hatten. Keinesfalls darf man sich vorstellen, dass Hiroki seine Hanako in einer Opferrolle inszenieren würde. Vielmehr wächst sie zu einer souveränen Frau heran. Das japanische Kino hält sich eben nicht immer an die gängigen Moralvorstellungen unserer Gesellschaft.

Produziert wurde der Film vom Spiele-, Film- und Musikkonzern Happinet Pictures, und dafür, dass er zugleich eine Manga-Adaption ist, wirkt er doch auf verblüffende Weise wie ein nach Europa schielender Kunstfilm mit einem Fuß tief im Arthouse. Und auch hier wieder, wie in allen seinen Filmen: Hirokis feines Gespür für das Wechselspiel von Stille und Musik. Tolle, eingespielte Songs kommen einer Erlösung gleich, die Stille nicht wie eine aufgezwungene Künstlichkeit sondern wie eine stete Steigerung der Anspannung. Wenngleich der Film sich mir etwas verschlossener präsentiert hat (manchmal als geradezu hermetisch sogar) als andere Filme dieses tollen Regisseurs, der sicher einer der wichtigsten zeitgenössischen Filmemacher seines Landes ist, so kann er doch nichtsdestotrotz völlig überzeugen. Und man kann die Nippon Connection in Frankfurt nur dazu beglückwünschen, diesem Regisseur Jahr für Jahr die Treue zu halten und seinen neuesten Film auf dem Festival zu zeigen.

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Freitag, 16. Mai 2014

Nippon Connection 2014: Why Don't You Play In Hell? / Jigoku de Naze Warui (Sion Sono, Japan 2013)


Der Arm mit der Kamera ragt aus dem Leichenberg heraus - eine Szene, die hier auf dem Plakat satirisch überhöht dargestellt wird und eigentlich vom Ende des Filmes stammt. Dazu im Hintergrund: ein Blitz aus den Wolken, eine Szene ganz vom Beginn des Films, in der der Protagonist (ein Möchtegern-Regisseur) vor einem Gewitter davonrennt, nachdem er erkannt hat, was er wirklich und mit aller Leidenschaft sein will: ein Filmemacher. Der Blitz, der Funken, schlägt sinnbildlich in die Kamera ein. Why Don't You Play In Hell? ist also neben seiner Liebes- und Yakuzageschichte auch ein augenzwinkernder Film über das Filmemachen, das Filmevorführen, den 35mm-Fetisch, den Kinobesuch. Über inszeniertes, für kurze Zeit "geborgtes" Leben.

Denn die Liebesgeschichte zwischen dem Tölpel Koji im grünen Ringelshirt (Gen Hoshino) und der stahlharten Yakuza-Tochter Michiko (Fumi Nikaido) mit angeschrägter Frisur und Bombastbustier, die früher einmal mit einem Fernsehspot für Zahnpasta den Figuren im Film einen lebenslangen Ohrwurm bescherte und der sie bis in die Gegenwart verfolgt, ist zunächst eine lediglich befristete Angelegenheit. Die Partnerschaft wird erkauft, weil man sie braucht. Einmal um den Vater zu täuschen, ein andermal um die Zweisamkeit zu verlängern, die keine mehr ist. Paradoxerweise entsteht gerade da urplötzlich Zuneigung zwischen den Figuren.

Die eigentlichen Hauptfiguren aber sind der Möchtegern- bzw. Independent-Regisseur "Director Harata" (Hiroki Hasegawa) und der Gangsterboss Muto (Jun Kunimura), die beide mit ihren Darstellungen den Film dominieren. Hasegawa mit seiner ans Durchdrehen grenzenden Euphorie des völlig in seiner Bestimmung aufgehenden Regisseurs (und vermutlich das alter ego des jungen Sion Sono), als auch Kunimura, der als wandlungsfähigster Darsteller des Ensembles den verblüfften, liebvollen Familienvater genauso überzeugend rüberbringt, wie auch den im Overacting völlig aufgehenden, bellenden Yakuzaboss, der mit jeder Geste und jedem Augenzucken die gesamte Geschichte des japanischen Gangsterfilms herauf zu beschwören vermag.

Aber vor allem natürlich die realistischen Gangsterfilme Kinji Fukasakus. Denn Why Don't You Play In Hell? ist vor allem eine große, auch ironische Verbeugung vor dem Meister und den so genannten jitsuroku-Filmen von Fukasaku, der Anfang bis Mitte der 1970er Jahre mit seinem dokumentarischen Anspruch die berühmte Yakuza-Reihe Battles Without Honor and Humanity inszenierte. Die ihrerseits wiederum auf tatsächlichen Bandenkriegen in Hiroshima basierte - mit echten Gangstern im Cast. Was bei Kinji Fukasaku aber zu bitterbösen, völlig verstörenden und ultrabrutalen Reißern wurde, gerät bei Sion Sono immer wieder zu hysterisch überdrehtem Popkorn-Kino. Schön allerdings ist ihm die Meta-Initiationsszene gelungen, in der die jungen Filmemacher, die sich selbst die Fuck Bombers nennen, in einer Seitengasse auf den stark blutenden und taumelnden Yakuza Ikegami (Shinichi Tsutsumi) treffen, der gerade ein kleines Gemetzel hinter sich hat. Da sehen sie ihre Chance, einen echten, realistischen Gangsterfilm zu drehen. Und halten die Kamera drauf.

Der Film ist formal ein kaum verschachtelter Rückblick. Ein Erzähler, der Regisseur, erzählt die Ereignisse, wie sie sich vor zehn Jahren zugetragen hatten, und wie sich nun daraus die aktuelle Situation entspinnen konnte. Die Zeitsprünge sind nicht immer klar gekennzeichnet, da die Figuren natürlich dieselben sind und sich zumeist wenig markant durch Äußerlichkeiten unterscheiden. Das Tempo des Films ist generell hoch und dennoch zieht er sich nach einem furiosen Auftakt im zweiten Drittel ziemlich, kurz bevor ein blutrünstiges Finale das klassische japanische Wohnhaus, die Zentrale des verfeindeten Ikegami-Clans, in ein Schlachthaus verwandelt. Dieses Finale allerdings ist wiederum Teil eines Filmdrehs, da Boss Muto seiner Frau, die gerade zehn Jahre im Knast verbrachte,  versprochen hatte, ihre Tochter zu einem Filmstar zu machen und sie in einem Spielfilm auftreten zu lassen.  Ob diese letzte große Schlacht, in der die Gliedmaßen durch die Luft fliegen und die Blutfontänen die weißen Papierwände blutrot färben, echt ist oder nicht, das soll hier nicht verraten werden. Why Don't You Play In Hell? ist jedenfalls ein ziemliches Spektakel. Allerdings, möglicherweise, ein ziemlich selbstreferentielles, das sich in seinen Überdrehtheiten zu erschöpfen scheint.

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Samstag, 10. Mai 2014

Delhi Belly (Abhinay Deo, Indien 2011)



Delhi Belly ist eine mitunter sehr lustige, schwarze Komödie über drei Slacker, die in eine schlimme Sache hineingeraten: sie werden unbeabsichtigt zu Kurieren eines ins Land geschmuggelten Päckchens - das aufgrund einer Verwechslung dummerweise verloren geht. Die Mafia findet das jedoch wenig lustig und verfügt über zweifellos überzeugende Argumente, die verloren gegangene Schmuggelware zurückzufordern. Einer der Jungs verdirbt sich bei der Geschichte dann den Magen und ist fortan den Film über damit beschäftigt, eine Toilette zu finden, da es ihm beinahe sprichwörtlich den Arsch zerreisst. Der Film verwebt mehrere Erzählstränge miteinander und bildet somit ein unterhaltsames, eskapistisches Pastiche aus dem Leben der drei Männer und ihres Umfelds, die zusammen in einer heruntergekommenen WG wohnen.

Warum das so ist, wird eigentlich nicht ganz klar. Beruflich erfolgreich sind sie natürlich nicht, aber immerhin haben sie Jobs: Tashi ist Journalist (Imran Khan), Nitin Berry ist Photograph (Kunaal Roy Kapur), und Arup Cartoonist (Vir Das). Einer der Running Gags ist der, dass sie die Wasserrechnung nicht bezahlt haben, was bei Dünnpfiff aka "Delhi Belly" natürlich zu nicht nur olfaktorisch schwierigen Situationen führt. Nitin ist der arme, der hier leiden muss, und bedient sich dann im Kühlschrank bei Arups Orangensaft, um den Mist hinabzuspülen. Nitin hat aber auch die besonders kluge Idee, die die WG aus der Misere retten soll: er fotografiert den Vermieter beim Besuch eines Bordells und plant ihn zu erpressen. Aber damit nicht genug: Vom Arzt angewiesen, landet seine Stuhlprobe irrtümlich beim Gangsterboss (Vijay Raaz) auf dem Schreibtisch, der die geschmuggelten Diamanten in der Dose vermutet. Tashi hingegen, bereits glücklich verlobt, verliebt sich ungünstigerweise in seine Kollegin Menaka, und so wandert auch noch eine Liebesgeschichte in dieses Durcheinander hinein.

Delhi Belly macht Spaß, zweifellos, eine gewisse Zeit lang zumindest, aber irgendwann nerven die Fäkalwitze auch ein wenig. Auch wilde Ritte durch die Stadt, bei der sich die Protagonisten unter Burkas verstecken, sind nur bedingt lustig und geraten schlicht zu albernen Faux-Pas-Jokes, wenn eine der Figuren wie ein Idiot eine Sonnenbrille drüber trägt oder versucht aus einer Flasche zu trinken und - weil er die Handhabung nicht gewohnt ist - sich das Wasser über die Bekleidung kippt. Klar, dass dann der Schwindel auffliegen muss und alle dürfen mal lachen. Irgendwann dreht das dann auch hohl, vor allem gegen Ende, wo sich über die Disco-Fighter-Szenen eine Fortsetzung ankündigt und Aamir Khan seinen (viel zu langen) Cameo-Auftritte hat. Kurzum: ein schöner, respektloser Film, den man aus Indien so nicht unbedingt erwarten würde (ein Land, das einen mit der Einblendung seiner Anti-Raucher-Kampagnen endlos nerven kann) - die große Revolution, wie sie in einigen Reviews ausgerufen wird, kann ich in diesem Film aber nicht entdecken. Dafür hat man den letztlich sehr harmlosen Film dann doch wieder viel zu schnell vergessen.

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Mittwoch, 7. Mai 2014

Thuppakki / The Gun (A.R. Murugadoss, Indien 2012)


Thuppakki, ein tamilischer Actionthriller, der aber in Mumbai spielt, hält sich sehr gut in der IMDb mit einer Bewertung von 7,8 Punkten. Wo diese gute Bewertung herrührt, ist mir indes schleierhaft. Qualitäten irgendeiner Art kann der Film allenfalls auf einer subtilen subkutanen Ebene aufweisen, die mir verborgen geblieben ist. Sondern ganz im Gegenteil: er ist ein primitives, übles Ding. Sexistisch, peinlich, überdreht, erzkonservativ und auf groteske Weise gewaltverherrlichend. Die amerikanische NRA, die National Rifle Association samt Homefront-Fanatikerclub könnten sich Thuppakki in ihre Schulbibliothek stellen. Und der Protagonist, gespielt von Vijay, gibt seinen Armeeoffizier (der zugleich ein ultra-tougher Undercoveragent ist) mit einer schablonenenhaften Stümperhaftigkeit, die an normierte Grinse-Sammelklebebildchen von Fußballspieleralben erinnern. Er, der Agent in guter Sache, soll ein terroristisches Netzwerk in Mumbai aushebeln, das in jüngster Zeit durch Bombenanschläge die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt - wozu ihm jedes Mittel Recht ist. Da ist ein sadistisch inszenierer Kopfschuß noch eine Kleinigkeit, mit der Murugadoss seinen Helden Recht über die besonders üblen "sleeper cells" sprechen lässt. Und ganz am Ende, wenn man den Mist schließlich durchgestanden hat, dann werden auch noch die Heldentaten der Armeesoldaten gerühmt. Grauenhaft!

Auf einem Bahnhof freilich, wo sich die Heldenfiguren von ihren - heulenden - Angehörigen und jüngst angetrauten - und verzweifelten - Frauen verabschieden (die vermutlich schon schwanger sind Dank ihrer potenten Lenden), weil sie sich zurück zu ihrer fern entlegenen Einheit begeben müssen, im Dienste für ihr Land, für das sie sich zu opfern bereit sind, wird mit Pomp und Gefühl der Einsatzbereitschaft der Männer gehuldigt. Selbstlos sind sie, in ihrem Kampf. Agent Jagdish ist aber ein ganz besonders harter Hund, der überhaupt keine Hemmungen kennt, der auch Leib und Leben Unschuldiger einsetzt (sogar seiner eigenen Schwester!), um einen Selbstmordattentäter dingfest zu machen. Es folgt kurz darauf eine grauenhafte, verdrehte Rechtfertigungssuade, die eine solche Handlungsweise notwendig erscheinen lasse. Man mag es kaum glauben, mit was für einem zynischen Menschenbild dieser Film arbeitet - nur um sich selbst an seinem Actionplot aufzugeilen und sich in die eigene Tasche zu wirtschaften.

Natürlich, der Selbstmordattentäter ist dem Polizisten immer im Vorteil, da er auf sich selbst keine Rücksicht nimmt (ein "Vorsprung", der auch in Kathryn Bigelows Film The Hurt Locker thematisiert wird, und dort durch die Rücksichtslosigkeit des Helden gegen sich selbst eingeholt wird). In Thuppakki liegt der Fall aber anders. Denn Jagdish weitet diese Entscheidung auch auf sein Umfeld aus und beantwortet die Frage danach, ob der Tod eines Einzelnen (lies: Unschuldigen) die mögliche Verhinderung eines Todes Vieler rechtfertige eindeutig mit "Ja". Ohne den Einzelnen in die Entscheidung mit einzubeziehen. Und selbst diese Rücksichtslosigkeit wird als Hard Boiled-Element dem Agenten noch als Charakterplus gutgeschrieben; Und für den eigenen Film als Actionsequenz ausgeschlachtet. Ein unerträglicher, zynischer Film, den man sich definitiv ersparen sollte (von einer weiteren Kontroverse ganz zu schweigen). Schade um Kajal Aggarwals Leistung als love interest, die der einzige Lichtblick dieses Haufen filmischen Sondermülls darstellt. Nur mit Handschuhen anzufassen.

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Sonntag, 4. Mai 2014

Murder 3 (Vishesh Bhatt, Indien 2013)


Ein Fotograf, der kurz vor dem großen Durchbruch steht, wird von seiner Freundin verlassen. Sie wirft ihm vor, mit anderen Frauen fremd zu gehen - was er auch tut, aber nicht zugibt. Kurze Zeit später hat er auch schon eine neue, feste Geliebte, mit der er sich über den kaum vorhandenen, eher behaupteten Trennungsschmerz hinwegtröstet. Die Neue aber ist ein feinsinniges Wesen, bemerkt merkwürdige Vorgänge im Haus - Wasser, das sich im Waschbecken bewegt, Geräusche in den Rohren, plötzliche Stromausfälle. Sie hat Angst vor einem Geist, der möglicherweise von der prächtigen Residenz Besitz ergriffen haben könnte. Die beiden wohnen kurioserweise ausgerechnet in dem Haus, das die ehemalige Freundin, eine Architektin, hinterlassen hat - sie war nach der Trennung mysteriöserweise verschwunden. Plötzlich aber taucht die Polizei auf und verdächtigt ihn, die verschwundene Freundin ermordet zu haben.

Wie die beiden Vorgänger-Filme, die ebenfalls aus dem Hause Bhatt stammen und die gleichfalls Remakes von westlichen Filmen sind, so ist Murder 3 ein Aufguss eines kolumbianischen Thrillers names La Cara Oculta von Andrés Baiz. Das macht den Film aber leider nicht besser. Über eine Stunde lang quält man sich durch ein glossy-ges, stumpfes, langweiliges, klischeebeladenes, peinliches Märchen, dass es schon sehr viel Durchhaltevermögen braucht, um den Film nicht abzubrechen. Abgesehen davon, dass die männliche Hauptfigur ein unsympathischer und arroganter Mistkerl ist (Randeep Hooda als Vikram) und sein love interest Nishi (Sara Loren) als Dummchen daherkommt (kommen muss), bleibt die einzig interessante Figur die verschwundene Ex-Freundin Roshni (Aditi Rao Hydari) - sie erklärt dann auch, sie verlasse ihn, weil sie ihn nicht mehr kenne, er ihr fremd geworden sei - viel einfallen dazu tut ihm (und dem Script) allerdings nicht. Die Dialoge in Murder 3 sind allesamt nicht gerade besonders ausgefeilt. Dafür darf man die gesamte Spielzeit über etliche weichgespülte Rocksongs ertragen.

Mit der Plotvolte nach etwa gut einer Stunde hält dann allerdings endlich Spannung Einzug, und der Fokus verschiebt sich von Schönling Vikram auf die sowieso interessantere und darstellerisch vielschichtigere Roshni. Sowohl die in den Flashbacks eingefangenen, glücklichen Momente vergangener Tage als auch ihre aktuelle Situation, in der ihre Welt zur Hölle geht, spielt sie mit großer Überzeugung und Leidenschaft - während sich alles andere Personal Schaufensterpuppen gleich durch den Film schiebt. Spoilern will ich nicht, deshalb rate ich allen, bei Interesse sich nicht zuviel im Vorfeld über den Film zu informieren oder auch nur sich den Trailer anzuschauen. Der Überraschungseffekt ist noch mit das Beste, was der Film zu bieten hat - auch wenn das für einen Film letztlich ein Armutszeugnis ist. Der Film wird gegen Ende dann auch komplexer und entwickelt sich weg von den billigen Jump-Scares, mit denen er sich bislang in den ersten zwei Dritteln zufrieden gegeben hatte. So kann am Ende das Urteil nicht ganz so vernichtend ausfallen, wie man zunächst dachte - ein guter Film ist Murder 3 aber ganz sicher trotzdem nicht.

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Freitag, 2. Mai 2014

Rise of the Zombie (Devaki Singh & Luke Kenny, Indien 2013)


Es ist schon sehr spannend, wieviel schlechte Kritik dieses B-Movie in der Presse eingefahren hat. Dabei hat der Film sehr viel zu bieten und versucht aus seinen Schwächen, etwa vom niedrigen Budget herrührend, auf kreative Weise das Beste zu machen. Und das ist sympathisch und manchmal spannender als das, was üppig budgetierte Mainstreamer hinbekommen. Denn Rise of the Zombie unterläuft häufig die Erwartung des Zuschauers, wenn auch - zugegebenermaßen - nicht immer nur im positiven Sinne. Nur soviel zu Beginn: gefallen hat er mir letztlich ziemlich gut - trotz seiner offensichtlichen Schwächen.

Neil Parker ist ein passionierter Wildlife-Fotograf, der die meiste Zeit auf Reisen ist und seine privaten und sozialen Kontakte vernachlässigt. Auch seine Freundin bemängelt dies und droht ihm damit, ihn zu verlassen. Doch da ist Neil schon wieder beim nächsten Auftrag, in einem weit entlegenen Tal, wo er sein Zelt aufschlägt um seltene Tierarten, Flora und Fauna und Einsamkeit also, abzulichten. Dort führt er das Leben eines Einsiedlers und fühlt sich offensichtlich sehr am richtigen Platze. Als er beim Fotografieren aber eines Tags von einem Insekt gestochen wird und deser Tatsache, die sich bald in eine dicke Schwellung auswächst, keine Bedeutung schenkt, da beginnt er sich zu verändern. Er bekommt Halluzinationen, plötzliche Krämpfe und Schüttelfrost, Hunger auf Fleisch. Derweil frisst sich die Wunde den Arm hinauf und ergreift immer weiter Besitz von seinem Körper, bis Neil, einem Kannibalen gleich und wie in einem permanenten LSD-Rausch, lebende Tiere jagt und verspeist. Und bald sind es auch Menschen, die er, zufällig vorbeikommend, anfällt und verspeist. Neil verwandelt sich in einen delirierenden Zombie.

Rise of the Zombie ist unzweifelhaft der Film von Luke Kenny, der hier in Personalunion als Co-Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent auftritt. Der Film allerdings braucht sehr lange, bis er zu seinem Thema findet, doch die gesamte Zeit ist Neil, also Kenny, das vornehmliche Interesse der Kamera. Und er macht seine Sache gut. Vor allem in den späteren Szenen, in denen er seinem Wahnsinn anheim fällt, driftet er ganz wunderbar hinein und wieder heraus aus den verschiedenen Stadien der Verwunderung, der Angst, des Wahnsinns, des Entrücktseins und des Außer-Sich-Seins. Da der Film nur mit seinem Setting und den wenigen Schauspielern auskommen muss, bleibt so ein Großteil am Schnitt, der Montage und insbesondere der Tonspur / der Musik hängen, die hier vor allem für eine dichte Atmosphäre sorgen. Und da werden dann auch keine Kompromisse eingegangen, da wird gecuttet was das Zeug hält und die Tonspur dröhnt so asozial alles zu, dass es ein Pracht ist. Dass der Film darüber hinaus aber dennoch an seinem schwachen Drehbuch leidet, ist unübersehbar. Denn ab dem Moment, in dem Neil sich verändert, hat der Film eigentlich nichts mehr zu erzählen. Neil verwandelt sich eben in immer krassere Stadien der Zombiefizierung hinein, einen eigentlichen Plot gibt es aber nun nicht mehr. Nur die Freundin und der beste Freund machen sich langsam Sorgen und brechen zu ihm auf. Doch da liegen schon die Leichen um das Zelt herum. Und plötzlich, nach 90 Minuten ist der Film dann auch vorbei - ohne zu seinem Ende gekommen zu sein. Teil 2 wird freilich angekündigt (mit dem Titel Land of the Zombie) und man wird den Eindruck nicht los, hier hat jemand eine Filmidee auf zwei ganze Spielfilme gestreckt. Schade, denn dadurch verspielt Rise of the Zombie ein wenig sein Potenzial - wobei seine gemächliche Entwicklung zugleich auch seine Stärke ist. Wie auch immer: ein sehenswerter Horrorflick.

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