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Samstag, 28. Juni 2014

Parasite Doctor Suzune – Genesis / Kisei jui Suzune: genesis (Ryu Kaneda, Japan 2011)


“So also sieht Hentai aus, wenn man daraus einen Live-Action-Film macht!” – mit diesen Worten spottet ein User bei AsiaWiki über Parasite Doctor Suzune. Nun muss man wissen, ein Hentai ist eine völlig durchsexualisierte Variante der in Japan allseits beliebten riesengroßen Industrie der Mangakultur – und da gibt es alle möglichen Varianten, von harmlosem Blümchensex bis hin zur üblen Vergewaltigungsphantasie an Schulmädchen durch gefrustete Büromenschen. Warum es das gibt? Nun, die Darstellungen im normalen Spielfilm wären ganz einfach: verboten. Hier wird Verdrängtes, ansonsten Unmögliches kompensiert.

Parasite Doctor Suzune: Genesis springt mitten in die Geschichte hinein. Eine junge Büroangestellte überfällt urplötzlich unbändige Paarungslust, und schon bespringt sie ihren Abteilungsleiter. Zum Glück ist die spärlich bekleidete Suzune zur Stelle, denn schon kurz nachdem die manische Sexmaschine am Hosenschlitz des Vorgesetzten herumschmatzen konnte, greift sie behände ein: mit einem gezielten Griff in den Unterleib der Wütenden entfernt sie einen glibberigen Wurm, der eben, als gefährlicher Parasit, seinen Opfern eine unbändige Paarungslust einimpft. Aber eben auch: Kraft und Gewalt, was sie zu so etwas wie Sex-Zombies werden lässt. Es bleibt also alles in glaubwürdigem Rahmen.

Natürlich hat das alles einen Hintergrund, und der liegt, wer hätte es gedacht, in der Vergangenheit der Protagonistin selbst. Ein Trauma gilt es zu bewältigen mit dem Otosan, ihrem Herrn Papa. Und dieser ist Wissenschaftler. Erfahrene Genrespezialisten riechen nun freilich den Braten. Parasite Doctor Suzune: Genesis ist trotz aller hanebüchener Abstrusitäten gar nicht so langweilig und nervig, wie man meinen könnte – und wie man mancherorts liest...


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Sonntag, 15. Juni 2014

NIPPON CONNECTION 2014 - ein Festivalbericht


Wenn Naoki mit Satomi zusammen ist, Koji mit Tomoko, der brillentragende Hobbypunknerd Osamu mit „dem Hundegesicht“ Yuko – wie sie bösartig genannt wird – verkuppelt werden soll, sich Takashi währenddessen in Kaori verliebt, der und die eine vielleicht mal fremd geht, mit Satomi, Tomoko oder sonstwem, und man auch nicht genau weiß, was Satomi nachts eigentlich so treibt, wenn sie jobben geht – dann befindet man sich mitten in Daisuke Miuras turbulenter Komödie BE MY BABY (Koi no uzu, 2013). Ein Film, in dem permanent alles irgendwie auf dem Kopf steht. Ist der Titel Wunsch oder Befehl? Wohl beides, je nachdem. Wie in einem Kammerspiel schwatzt hier alles aufeinander ein, klettert übereinander drüber, auf der Suche nach der Spielekonsole etwa, die die ganze Zeit über zwitschert, schnattert und plärrt, sucht man nach Zigaretten, Bier oder Knabberspaß, klingelt zwischendurch die Tür, neue Gäste kommen, raucht die Kippe, raucht der Joint, kriegt einer einen Lachanfall, klingeln ständig irgendwelche Handys, redet einer… einen Moment lang zulange mit der falschen Frau. Der Auslöser zu einem Skandal, ganz klar. Dabei noch ein vorgetäuschter, denn eigentlich hat er, der Bösewicht des Films, ja schon genug von seiner Freundin und die Konfrontation wird inszeniert, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Um ihr die Schuld zuzuschieben, sie kleinzumachen, um sie endlich mit einem Alibigrund verlassen zu können. Weil man Schiss hat, die Wahrheit zu sagen: lieber ein bisschen Mindfuck – sie habe sich außerdem nicht um die neue Freundin soundso gekümmert, die alleine in der Ecke saß. Er ja auch nicht. Er brüllt aber lauter und findet noch ein weiteres (oder zwei oder drei), vorgeschobenes Argument, das er ihr in die Schuhe schieben kann. Mittzwanziger Freeter-/Furiita-Jobber ohne Lebensplan werden hier gezeigt, die sich so durchschlagen und nicht viel mehr tun, als ihren Beziehungsstatus (auch ständig auf allen sozialen Netzwerken) pflegen, auf der faulen Haut liegen, viel rauchen, Bier trinken, vögeln. Das wird gefilmt mit Handkamera, shaky, dicht dran, gut inszeniert mit Ruhepausen, die dann in ernsthaftere Gefilde abdriften, in die Paarkonstellationen, wo die Schauspieler auch zeigen dürfen, was sie können. BE MY BABY ist vom Regisseur von LOVE STRIKES! / MOTEKI (2011) und ein sehr gelungener, extrem unterhaltsamer Langfilm des ehemaligen Fernsehregisseurs Daisuke Miura.

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Über 100 Filme präsentiert die diesjährige 14. Ausgabe der Nippon Connection seinem Publikum, und wie in diesem Film BE MY BABY kann es auch abends im Foyer des Mousonturms dann ein riesiges Durcheinander werden, etwa wenn ein Film wie THE APOLOGY KING völlig ausverkauft ist. Überhaupt scheint die „neue“ Location, in die die Veranstaltung letztes Jahr bereits umgezogen war, vom Publikum sehr gut angenommen zu werden. Überhall hört man positive Stimmen zu der Kombination der beiden Festivalzentren Mousonturm – Naxoshalle, die nur hundert Meter auseinanderliegen (und die auch das Mal Seh’n Kino gut anschließen). Die Stimmung jedenfalls ist sehr gut, dicht, auch aufgrund der räumlichen Nähe. Lediglich die Schalldämpfung im Kino der Naxoshalle lässt etwas zu wünschen übrig, wenn es abends richtig voll wird und das Gemurmel der sich unterhaltenden Gäste hereindringt aus dem Foyer, das dann mit Pressecounter, Essensständen, Bar und Spieletischen zum Treffpunkt der Festivalbesucher wird.

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Dazu passt auch gut Shinobu Yaguchis irre Komödie ROBO-G (2012), in der drei Waschmaschinen-Ingenieure mal eben so einen Roboter entwickeln sollen, da sich ihr Firmenchef als progressiver Erneuerer auf einer Robotermesse präsentieren möchte. Es geht natürlich – alles schief. Und zwar in einem großen Scherbenhaufen. Die einzige Lösung: bißchen Schwindeln. Gefunden wird ein grantiger Rentner auf Sinnsuche, der in eben jenes Roboterkostüm klettern soll, um die drei Anti-Helden vor dem Ruin zu retten. Dass die Aktion eine lange Kette an wirklich zum Schreien komischer Ereignisse auslöst und nach sich zieht, muss kaum erwähnt werden, und so ist denn auch dieser Film vom Publikum sehr beklatscht worden. Yaguchi ist ein Meister des nicht nur sanften Humors und wird nicht umsonst als einer der wichtigen Erneuerer der japanischen Komödie nach 2000 angesehen. Man erinnere sich an seinen Film WATERBOYS (2001) oder den nicht weniger tollen SWING GILS (2004). Yaguchi ist übrigens auch ein Filmemacher, dessen Werke es in das Archiv der Japan Foundation geschafft haben. Kulturell relevant also für die neuere japanische Filmgeschichte. Ausrufezeichen.

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THE APOLOGY KING (2013) von Nobuo Mizuta ist hingegen das, was gemeinhin eine Groteske genannt wird. Mizuta verfilmt hier ein Drehbuch des extrem erfolgreichen Drehbuschschreibers (und Darstellers und Regisseurs) Kankuro Kudo (AMACHAN, YAJI AND KITA, MEMORIES OF MATSUKO, GO, MAIKO HAAAAN!), das in einem überdrehten Hirngespinst seine Prämisse findet: Yuzuru Kuroshima (der Komiker Sadao Abe mit Helmfrisur und quirky Klamotten) betreibt eine „Agentur für Entschuldigungen“, die die große Kunst des „Dogeza“, bzw, des „ultra-Dogeza“ (des Entschuldigens mittels des richtigen Verbeugens bzw. des Hinkniens) praktiziert. Natürlich wird hier die hochkomplexe japanische Entschuldigungskultur aufs Korn genommen, jeweils in einzelnen mehr oder weniger zusammenhängenden Kapiteln, die dann immer wieder tatsächlich tiefgründige Themen anschneiden. Aus einer grotesken Komödie wird so immer wieder auch ein ernsthaftes, in Momenten durchaus bitteres Drama – bei dem man aber stets weiß, dass das nächste Knallbonbon schon bald gezündet werden wird...


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Sonntag, 1. Juni 2014

Nippon Connection 2014: Lesson of the Evil / Aku no kyôten (Takashi Miike, Japan 2012)


Takashi Miike hat einen dunklen, sehr dunklen Film gemacht: tiefe Blautöne, die seine Bilder einhüllen, in Kälte, Einsamkeit, Verschlossenheit. Das Menschliche ist ihnen ziemlich ausgetrieben. Beinahe so stilisiert wie der umjubelte CONFESSIONS befinden wir uns auch hier an einer Schule, in der in diesem Film jedoch ein Serienmörder umgeht. Und der Zuschauer weiß schon früh Bescheid: es ist der gutaussehende, sympathische Lehrer Hasumi (Hideaki Ito), der Dank eines Kindheitstraumas nun so einige psychologische Defekte mitbringt. Auch er tötet zunächst seine Mutter (wie der Killer in Werner Herzogs My Son My Son, What Have Ye Done? - allerdings ein über weite Strecken tagheller Film), nun Hasumi aber, der Hand an seine Schüler legt. Im wörtlichen Sinne. Zuerst diejenigen, die ihm (und anderen) irgendwie quer kommen ("bullying"), dann aber auch Mädchen, mit denen er Sex hat, und so einige mehr. Eine merkwürdige, tranceartige Szene spielt den Compagnon namens Clay ein, einen Bruder im Geiste (wie auch in Taten) und Amerikaner, den er bei seinen Arbeitsverhältnissen in den USA kennenlernte - doch auch den macht er bald kalt - was kann schon so ein Amerikaner im Vergleich zu den Japanern! Miike rechnet hier auf Serienkillerebene nochmal mit dem alten Feind aus dem Zweiten Weltkrieg ab. Also: dieser Film ist irgendwie auch eine schwarze Komödie.

Auch mit über 50 Jahren haut Miike die Filme reihenweise heraus, alleine drei im Jahr 2012, insgesamt schon weit über 90 in seiner Karriere. Das ist ein Arbeiten am Gesamtwerk, das man sehr schätzen kann. Eines, das mit seinem japanischen Studiosystem schwer im Gegensatz zum europäischen Geniegedanken steht, und ich persönlich finde es bewundernswert, welches Niveau hier durchweg erreicht und gehalten wird. Allerdings, das muss man auch ganz deutlich sagen: eine persönliche Handschrift geht Lesson of the Evil weitestgehend ab. Zwar lassen sich einige Überdrehtheiten finden, die man sehr gut ins Schaffen Miikes einsortieren kann, overall gesehen ist dieser Film aber - so gut er unterhalten mag - recht gesichtslos. Eher die frühen Flme David Cronenbergs kommen einem in den Sinn, wenn urplötzlich mutierende Gewebewesen auftauchen und dem Protagonisten Teuflisches einflüstern. Das Böse materialisiert sich da ganz gegenständlich - und keineswegs ist das klar, ob das nur die wahnhaften Augen des durchgedrehten Lehrers Hasumin erkennen können. Vielmehr drängt der Film zur Annahme, Hasumin sei gerade kein Verrückter, sondern einer, der ein Spiel spiele.

Am Ende, als die Schüler über Nacht im Gebäude bleiben und das Abschlussfest vorbereiten, inklusive Geisterbahn, da kommt es zum erwartbaren Gemetzel. Und die Rücksichtslosigkeit, mit der hier das Splatterfest losgetreten wird, erstaunt schon. Zunächst müssen wieder die Schüler herhalten, die negativ aufgefallen waren. Das erinnert in seiner Gewalt gegen die Schulkinder doch sehr an Kinji Fukasakus Battle Royale, wo das Morden ebenfalls einen erzieherischen Effekt auf die Eleven haben soll und der sich völlig an den zynischen Praktiken einer durch die Medien irre gewordenen Gesellschaft besäuft. Oder an den nach Rache sinnenden Lehrer in Tetsuya Nakashimas Confessions. Lesson of the Evil ist da einfacher gestrickt, geradliniger vielleicht. Allzugerne vergisst man dabei allerdings, dass Hasumin ein Fan Betolt Brechts ist und dessen Dreigroschenoper verehrt. Mehrfach summt er das Lied, bzw. Die Moritat von Mackie Messer vor sich hin. Neben der bekannten Haifischstelle* am Beginn lautet die vorletzte Strophe so:

Und das große Feuer in Soho
Sieben Kinder und ein Greis
In der Menge Mackie Messer, den
Man nichts fragt, und der nichts weiß.

 So eben endet auch Miikes Film: mit einem großen Feuer im Schulgebäude. Und Mackie Messer aka. Hasumin verschwindet "in der Menge", da er sich als Unschuldigen tarnt. Der Übeltäter sei freilich dieser andere Lehrer gewesen, von dem alle immer sagten, er sei ein wenig verschroben gewesen. Um seine These zu belegen, verletzt er sich selbst am Kopf und legst sich Handschellen an. Man glaubt ihm, und er wird "nichts gefragt". Aber dann gibt es doch noch einen Twist, ein Ereignis, an das Hasumin nicht gedacht hatte. In so einem Chaos kann eben auch Mackie Messer noch etwas Wichtiges entgehen, so will es das Drehbuch. Lesson of the Evil ist ein schwer unterhaltsamer Film, und er bekommt offensichtlich eine Fortsetzung. An den großartigen 13 Assassins kommt er aber meines Erachtens nicht heran.

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Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.

Und es sind des Haifischs Flossen
Rot, wenn dieser Blut vergießt
Mackie Messer trägt ’nen Handschuh
Drauf man keine Untat liest

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