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Mittwoch, 15. Oktober 2014

A Traffic Controller on Crossroads (?, Nordkorea 1986)


Ein wenig berührendes Drama - aber immerhin, ein wenig tut es das schon - um eine Verkehrspolizistin in Pyöngyang, die, neu in ihrem Job, alles ganz genau nimmt. So nimmt sie direkt einen Lastwagenfahrer hoch, der sich durch ungehöriges Schnellfahren bemerkbar macht. Als sie dann aber merkt, dass er der Lieferant für die eigene Waschmaschine ist, die Frau Mutter bestellt hat, überlegt sie, ihn davonkommen zu lassen; weil: schlechtes Gewissen (die Kreuzungen im Filmtitel sind also durchaus auch metaphorisch zu verstehen - Pflicht versus Gewissen, eventuelle romantische Verwicklungen usw.). Da gerät sie aber mit der Vorgesetzten aneinander, die, ebenfalls ein scharfer Hund, vor allem um die Sicherheit auf den Straßen besorgt ist. Da gibt es kein Pardon.

Letztlich ist dies aber ein Film über die Sicherheit auf den Straßen Nordkoreas. Ein Lehrfilm. Etliche Male wird über verschiedene Verstöße debattiert, die entsprechenden Straßenschilder werden sogleich eingeblendet, verschiedene Verkehrsdelikte geahndet, quasi Präzedenzfälle, aber die Damen von der Verkehrspolizei gehen sehr fürsorglich miteinander um. So sollte man das machen, verantwortungsbewußt und generell im Beruf. Auch mit den anderen Verkehrsteilnehmern übrigens, die sie mit sanfter Autorität belehren und zum Besseren bekehren. Einem müden LKW-Fahrer etwa wird ein einstündiger Tiefschlaf befohlen, den er dankend annimmt. Als ein anderer eine Panne hat, organisiert die Polizistin direkt einen Mechaniker. Einem weiteren hilft sie, bei einsetzendem Regen den Transporter abzudecken. Gemeinsam, so lernt man, geht's besser.

Inmitten all dieser netten Absurditäten der kommunistisch-sozialistischen Nächstenliebe findet sich ein Loblied auf die Straße und ihre Ordnungshüter, das sehr beschwingt und hymnisch-propagandistisch das tatkräftige Engagement besingt. Bei Tag und bei Nacht seien sie zur Stelle, bei Sonne und bei Regen, auf ihrer vielgeliebten Straße: "Oh, my lovely dear street!". Es hat etwas von einer Musical-Szene in einem Film der französischen Nouvelle Vague, wie da apart hin und her geschnitten wird:

  

Die Regenschirme von Pyöngyang gehen dann aber doch nicht soweit aus sich heraus, dass sie durcheinanderwirbeln würden. Immerhin wird am Ende die Arbeit der tatkräftigen Damen gewürdigt, und sie bekommen Blumen gereicht - und der Lastwagenfahrer, der gegen alle Regeln verstieß, lächelt nett herüber. Das Gute, das man tut, kommt wieder zu einem zurück. Interessant, dass es einen solchen Film ausgerechnet aus einem Land gibt, wo man eher mit weniger Verkehrsaufkommen rechnen würde. Aber gut. Alles in allem: ein bedenklicher Film, aber schön gemacht mit Einblicken in nordkoreanische Alltagsrealitäten - und dabei unterhaltsamer, als sich das nach meiner Beschreibung vielleicht anhören mag.

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Samstag, 4. Oktober 2014

Ploy (Pen-ek Ratanaruang, Thailand 2007)


Mit europäischem Geld (co-) finanziert und dann die Premiere in Cannes, da kann man schon ahnen, wes Kind Ploy ist. An der einheimischen Kinokasse ist er dann wohl auch ziemlich gefloppt, zu schwer und künstlerisch sei der Film. Und so fügt er sich auch wunderbar ins Oeuvre Ratanaruangs ein: ein traumähnlich langsamer, ruhiger Film, dessen Charaktere tief verunsichert sind. Wenn man, wie ich, zuerst den später produzierten Nymph gesehen hat, dann mutet einem Ploy wie eine Vorstufe zu diesem an. Selbes Thema, auseinanderbrechende Ehe, Krisenauslöser dann eine dritte Person von außen (dort die Waldnymphe, hier die junge Ploy (oben im Bild)), vierter Protagonist das Setting - dort der Wald, hier das Hotel. Der große Unterschied ist sicherlich, dass Ploy noch linearer abläuft, narrativer ist in seinem filmischen Gestus, seine Verstörung noch eher bereit ist, aufzulösen.

Das nicht mehr ganz junge Paar Dang und Wit kommt aus Amerika nach Bangkok geflogen, da Wits Vater verstorben ist. Er hat sie in ein edles Hotel eingebucht, man verbringt den Rest der Nacht im Jetlag-Standby-Modus und den darauf folgenden Tag ebenso. Die schöne Dang, einst erfolgreiche Schauspielerin, scheint mittlerweile kokainabhängig zu sein und auch mit alkoholischen Getränken pflegt sie ein enges Verhältnis. Beide sind in zweiter Ehe und auch hier kriselt es nun überdeutlich, nach acht Jahren Gemeinsamkeit. Sie möchte wieder die Liebe und Leichtigkeit des Anfangs, er kann immer weniger geben, desto mehr sie einfordert. Freilich ist sie selbst dabei nicht weniger egoistisch. Nachts an der Hotelbar nun lernt Wit die junge Ploy kennen, die ebenfalls die Nacht herumbringen muss, und Wit lädt sie dann aufs Zimmer ein, dort könne sie sich etwas ausruhen. Seine Gattin ist wenig erfreut darüber und unterstellt ihm sexuelle Absichten. Daraufhin eskaliert die Situation zusehends.

Parallel wird ein zweiter Handlungsstrang eingeführt mit zwei Hotelangestellten, die sich zu einem Stelldichein auf einem Zimmer treffen und dort der leidenschaftlichen, aber wie meditativen Liebe frönen. Als Gegenentwurf zum asexuellen Eheleben von Dang und Wit wirken diese Szenen unfassbar erotisch und voller Leidenschaft (wenngleich auch etwas offensichtlich und überdeutlich als Gegenentwurf gescriptet). Zugleich ist aber nie ganz klar, ob diese nicht nur von Ploy geträumt werden, bzw. eingebildet sind - später spricht einiges dafür, dass es lediglich Einbildungen waren. Aber auch Dangs plötzliches Verschwinden und ihre mysteriöse Entführung durch einen Vergewaltiger, dessen Opfer sie wird und dem sie kaum entkommen kann, wird an das harsche Aufwachen aus einem Alptraum Wits gekoppelt, sodass auch diese Episode nicht real erscheint. Aber mit letzter Gewissheit lässt sich das nicht sagen, und vermutlich kommt es darauf auch nicht an. Es ist eine Darstellung der Dämonen, von denen die Protagonisten dieses Filmes gejagt werden, die mit sich selbst und mit ihrer Lebenssituation im Unreinen sind. Etwas glatt und wie unberührar ist Ploy geraten, kalt, aber wunderbar eingefangen und mit einer tiefen Melancholie an modernen Transit-Orten festgehalten: am Flughafen, im Taxi, im Hotelzimmer, im Restaurant, an der Bar. Ein schöner Film über den Horror, den sich die Menschen selbst erschaffen.

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Mittwoch, 1. Oktober 2014

Nymph / Nang mai (Pen-ek Ratanaruang, Thailand 2009)


Ein junges Paar aus der Stadt, das sich mit unausgesprochenen Eheproblemen herumschlägt, verbringt einige Tage campend in einem Urwald. Der Ehemann, ein Photograph auf Motivsuche, wird dabei auf den Wanderungen durch den Wald von einem mächtigen und zugleich mysteriösen Baum in den Bann gezogen, der ihn zunehmend stärker fasziniert. Dieser scheint sich auch in Form einer mythologisch aufgeladenen, nackten Frau zu offenbaren, die den Photographen eines Nachts in den Wald hinein lockt, ihm das Bewußtsein raubt um ihn dann auf dem massiven Wurzelwerk am Ufer eines trägen Flusses zu verzehren. Die Ehefrau hingegen, die ihrerseits eine Affäre mit ihrem eleganten Boss führt, fühlt sich nach zweijährigem Seitensprung wieder zu ihrem Gatten hingezogen - nur ist der eben jetzt verschwunden. Sie macht sich nun in den Wald auf, ihn zu suchen, nachdem er ihr zuhause, als Geist möglicherweise, erschienen war. 

Pen-ek Ratanaruang entfernt sich immer weiter vom herkömmlichen Storytelling hin zu  einem Regisseur, der vor allem Stimmungen und seelischen Zustände einfängt. Und das mit ruhiger, gleitender Kamera und starker Unterstützung durch die tolle, suggestive Tonspur. Sehr deutlich wird das direkt am Beginn des Films, wenn die Kamera in einer etwa achtminütigen Sequenz ohne einen einzigen Schnitt durch den Wald gleitet, und irgendwann im Hintergrund, halb verdeckt von den Bäumen, eine Vergewaltigung beobachtet. Da wird sehr schnell deutlich, dass es sich hier mit Nymph nicht um elegisches Genießertum handelt, sondern um ein Grauen, das sich auf mehreren Ebenen abspielt und ins Leben hineinschleicht. In welcher Realitätsebene man sich allerdings gerade befindet, zeigt sich dann oft erst später. Vor allem da man auch keine Hinweise auf eine Verschiebung erhält, keine Marker, die eine Eindeutigkeit vermitteln würden. Alles wird einfach "realistisch" gezeigt, nebeneinander und ohne Hierarchie. Das macht die Orientierung oft nicht ganz leicht, spielt aber auch wiederum keine große Rolle, da man sich sowieso in den Film hineintreiben lassen muss, wie in die Betrachtung eines Gemäldes - das aber jede Kontemplation aufgrund seines Verstörungsfaktors verhindert. Die Wahrnehmung des filmischen Ereignisses an sich übernimmt die Oberhand vor allen kausallogischen Grübeleien. Und das macht auch einen großen Teil der Faszination dieses Filmes aus: diese ständige Verunsicherung auszuhalten.

Nymph ist kein klassischer Horrorfilm, eher eine Reise in eine natur-mythologische Verunsicherung hinein, die schamanistische, indigene Züge trägt. Wollte man einen anderen Filmemacher als Vergleich heranziehen, dann könnte man den Film als einen möglichen Geisterfilm von Apichatpong Weerasethakul bezeichnen (Tropical Malady-style) - was nicht so weit hergeholt ist, wenn man ihren Status als thailändische New-Wave-Regisseure berücksichtigt. Aber auch ohne Kenntnis der thailändischen Mythologie oder des Volksglaubens ermöglicht Nymph einem westlichen Publikum einen einfachen Zugang, so offen und durchlässig wie er sich präsentiert. Man wird von ihm angezogen, affiziert, eingesaugt und fasziniert, ganz genau so, wie es der Hauptfigur im Film widerfährt.








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