Direkt zum Hauptbereich

Naan Kadavul (Bala, Indien 2009)


Den Rat einiger Astrologen befolgend, lässt ein Familienvater aus dem südlichen Tamil Nadu seinen Sohn Rudran (gespielt von Arya), damals noch ein Kind, in der Stadt Kasi (bei uns besser bekannt als Varanasi), hoch im Norden in Uttar Pradesh, zurück. Damit soll ein Unglück vermieden werden. Erst 14 Jahre später soll er wieder in die Familie aufgenommen werden können. Der Vater macht sich also auf die Suche nach ihm, nun voller Gewissensbisse und vor Angst geradezu wie gelähmt. Als er ihn schließlich findet, am Ufer des Ganges, ist aus seinem Sohn eine Mischung aus Gott und Monster geworden: ein Aghori. Das sind auf Friedhöfen lebende Asketen, die durch ausgiebige Meditation und starken Drogenkonsum einen quasi außerweltlichen mentalen Zustand erreichen, der sie zu gottgleichen Figuren macht. Sie beten Shiva an, tragen Ketten aus Leichenknochen, überschütten sich mit der Asche von verbrannten Toten und erlangen eine wie übernatürliche Fähigkeit, unwürdigen Sterbenden die Wiedergeburt zu verweigern. Um sie für immer ins Jenseits zu verbannen. Rudran ist dabei eine besonders imposante Figur mit seinen langen Haaren, gegrunzten oder gebrüllten Worten, seiner beeindruckenden körperlichen Präsenz, die aus jedem Gegenüber einen zitternden Wicht macht. Gesellschaftliche Regeln hat er vollständig aufgekündigt: für ihn spielt sich das Leben ausschließlich mit Opiumrauchen, Meditieren, dem Abhalten von religiösen Todesritualen und vor allem viel Schlafen ab. Und wenn es notwendig ist, schlägt er einen zusammen oder bringt ihn auch um.

Der Film lebt vor allem von der Präsenz seiner Hauptfigur, wie auch von der bedingungslosen Hingabe an Irrsinn und Größenwahn. Der Film klotzt, aber so richtig. Die Gewalt ist dabei nur ein Stück weit tamilische Craziness, etwa wenn sich der Aghori zum Sprung abdrückt, um seinem Gegner mal wieder den Schädel einzuschlagen. Der Film ist vor allem hart und brutal und extrem stimmungsvoll. Wie nachts die Leichen am Fluß verbrannt werden, zugleich die Asketen dort auf den Stufen leben (den "Ghats") und wie dann diese unglaublich tolle Musik überall eingesetzt wird, das sind Bilder, die man nicht vergessen können wird. Auch später, als der Sohn vom Vater nach Hause geführt wird, ändert sich nichts an seiner asozialen Einstellung. Ein paar Tage später, nachdem er mehrfach die Mutter beleidigt und die Schwester verprügelt hat, zieht er sich auf einen Berg zurück, auf dem sich ein Pilgertempel befindet. Dort findet er Unterschlupf bei verwahrlosten Mönchen, die in Dreckhöhlen leben, meditieren und ihr Bewußtsein erweitern. Aber auch mit der Bande an Bettlern macht er Bekanntschaft. Und das ist der zweite große Erzählstrang von Naan Kadavul - was soviel heißt wie Ich bin Gott

Da wird es sehr gesellschaftskritisch - und grotesk. Es geht nämlich um Menschenhändler, bzw. um ihre Opfer. In einer verlassenen, unterirdischen Tempelanlage haust ein Bettlerkönig, der seine Untergebenen mit äußerster Gewalt zur Arbeit zwingt. Um stets Nachschub zu haben, lässt er auch mal Kinder von seinen Helfershelfern entführen, die dann von ihm zugerichtet werden. Soll heißen: sie werden so lange von ihm geprügelt und "geformt", bis sich so starke und groteske Behinderungen einstellen, dass sie gar nicht mehr anders können, als für ihn zu arbeiten. Schon aus Abscheu also zahlen die Gläubigen ihr Almosen, wenn sie zum Tempel auf den Berg pilgern. Da gibt es Krüppel, Blinde, Behinderte, Verstümmelte, Transvestiten, Maskenträger, Kinder mit Down-Syndrom, Gestörte, Irre, Verzweifelte, oder auch nur: Alte. Wer den Zorn des Bosses heraufbeschwört, endet vielleicht mit einem Beckenbruch und kann fortan zur Arbeit kriechen. Das ist natürlich eine Anspielung auf den Horror-Klassiker Freaks (Tod Browning, 1932), aber natürlich auch ein ganz dunkles Kapitel in der indischen Geschichte selbst. Es vermittelt sich das Bild einer "Hölle auf Erden", in der diese ganzen Figuren ausweglos gefangen sind. Und einem Mädchen, das mit einem furchtbar entstellten aber stinkreichen Mann verheiratet (= an diesen verkauft) werden soll, wird das alles zuviel. Sie wendet sich an den Aghori, der ihr gegen die Häscher helfen soll, und der sich dann - eher aus einem Reiz-Reaktions-Automatismus heraus denn aus Mitmenschlichkeit - für sie einsetzt und die Verbrecher zum Teufel jagt. Naan Kadavul ist ein filmisches Inferno, ein Epos der Zerstörung, ein Faustschlag auf den Solarplexus. Dieser Film ist zurecht bereits ein Klassiker der Tamil New Wave, und wenn die beiden Erzählstränge besser verwoben worden wären, und nicht so lange Zeit parallel neben einander herliefen, ein echtes Meisterwerk. Im besten Sinne umwerfend.

Michael Schleeh




***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt

Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-j…