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Mittwoch, 21. Januar 2015

Moebius (Kim Ki-duk, Südkorea 2013)


Schon bei den Filmfestspielen von Venedig hatte Kim Ki-duks jüngster veröffentlichter Film für ordentlich Tumult gesorgt. Denn auch dieser ist wieder, nach dem großartigen Pièta von 2012 und dem überirdischen Arirang von 2011, nichts für sensible Vorschulkinder. Runterreduziert auf den Mikrokosmos Kleinfamilie, gutbürgerlich mit schönem Haus (= Anwesen) und mit permanent drohendem bourgeoisem Ennui gesegnet, rastet eines Tags die Gattin aus (toll: Lee Eun-woo in einer Doppelrolle), als sie ihren Mann beim Fremdgehen mit der Besitzerin eines Krämerladens (ebenfalls Lee, jetzt mit glatten Haaren) in der Nähe erwischt. Den Sohn interessiert das alles wenig, er läuft alienated und wie paralysiert durch seine Spätpubertät, blättert in Mangas und masturbiert, ja, irgendwie auch aus Langeweile. Bei der Attacke auf den Gatten (Cho Jae-hyun, aus Kims Address Unknown und Bad Guy) unterliegt sie dann aber, worauf sie in einer Kurzschlußhandlung die Gewalt auf den Sohn umlenkt und dem kleinen Wichser den Schwanz abschneidet (mit einem Messer, das bedeutungsschwanger unter einer Buddha-Statue liegt). Daraufhin rennt sie blutverschmiert hinaus in die Nacht und bleibt zunächst verschwunden.

Moebius ist fürwahr nichts für schwache Nerven. Den total durchästhetisierten Bildern stehen die extrem rohen Gewaltszenen gegenüber: vor allem aus den Bereichen Missbrauch, Inzucht und Vergewaltigung. Bilder, die häufig mit sexueller Lust kurzgeschlossen werden: Schmerz und Lust, das dunkle Brüderpaar. Während der Vater panikartig sich um eine Penistransplantation für den Sohn kümmert, nimmt dieser an einer Gruppenvergewaltigung durch eine Jugendbande an der Verkäuferin, der Mätresse des Vaters, teil, auch wenn der Sohn als einer von vieren dies nur mit rhythmischen Bewegungen simulieren kann. Später nimmt sie, das Opfer, sich höchstpersönlich und mithilfe eines Küchenmessers, ja, mit geradezu sadistischer Lust an der Rache der gewalttätigen, sexuellen Erlösung ihrer Kundschaft an. Hier wird sie also vom Opfer zur Täterin.

Der Film ist generell völlig überformuliert und strapaziert arg die Nerven mit einem Sammelsurium an thematisch schwergewichtigen, sexualpsychologischen Themen. Also alles irgendwie auch beim Alten. Den ästhetisierten und oft durch das Make-Up wie zu Masken geglätteten Gesichtern steht eine cam-Ästhetik gegenüber, die ihre immer leicht wackelnd-schwankenden Bilder wie im Vorbeigehen geschossen aussehen lassen. Und die auf diese Art immer eine Verunsicherung spüren lässt, keinen festen Grund, keinen Boden unter den Füßen zu haben. Dies eine geglückte und notwendige Balance um die Bildspannung aufrecht zu erhalten, damit der Film nicht in seinem Ästhetizismus und Formwillen erstarrt.

Im letzten Akt kehrt plötzlich die Gattin zurück, nun scheinbar geläutert. Der Sohn wird jetzt von ihr in Beschlag genommen, schon als er ganz offensichtlich in der ersten Nacht sexuell auf seine Mutter reagiert. Diese überschreitet natürlich sofort wieder jede Grenze und kümmert sich ganz selbstlos um das Kind. Die Auflösung des Konflikts driftet bei Kim schnell wieder in Richtung Gewalt, nichts kann mehr Einhalt gebieten. Alle Figuren sind in ihrem Gestörtsein schon weit über jedes Maß hinaus, zumal Kommunikation nirgends helfen kann, wenn niemals miteinander geredet wird. Denn auch in Moebius wird, man kennt es von Kims stummen Anti-Helden, kein einziges Wort geredet. Hier wird nur unter Qualen geschrieen und vor Lust gestöhnt. Musik gibt es freilich keine.

Kim Ki-duk präsentiert sich auch mit diesem Film, mit einer Art companion-Stück zu Pièta, wieder in Höchstform; aber auch als ein Künstler, der seine eigene Potenz nicht im Zaum halten kann. Auch Pièta hatte sich schon durch eine sehr spezielle Form der Nähe zwischen Mutter und Sohn ausgezeichnet. Kim, der Zyniker ohne Hemmungen, dem Publikum misanthropischen Frevel hinzuwerfen, und der es zugleich aber schafft, die Figuren plastisch entstehen zu lassen, in ihren grotesken Abgründen nahbar zu machen und sie an den Zuschauer heranrücken zu lassen. Das sind keine völlig fremden Menschen dort auf der Leinwand, man kann sie sogar bedauern und sich selbst in ihnen wiederfinden, keine Frage. Oft wird Kim vorgeworfen, ein Provokateur zu sein. Nicht übersehen darf man aber dabei, dass die Grenzüberschreitungen nicht um ihrer selbst Willen geschehen, sondern stets in der Auslotung extremer Gefühlswelten begründet liegen. Auch deswegen haben seine Filme eine solche Wucht, selbst wenn sie, wie hier, thematisch bisweilen arg überfrachtet sind. Die ganze Chose kann einem auch, ganz klar, einfach nur völlig auf die Nerven gehen.





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Freitag, 9. Januar 2015

Montage / Mongtajoo (Jung Geun-sub, Südkorea 2013)


Montage ist ein enorm in sich selbst verschlungener und verschachtelter Thriller um die Entführung eines kleines Mädchens, die nie aufgeklärt werden konnte - und nun, 15 Jahre später, ereignet sich die scheinbar selbe Tat von Neuem. Für Kommissar Chung-ho (überragend: Hong Sang-soo-Regular Kim Sang-kyung), der sich damals schon völlig rücksichtslos gegen sich selbst in den Fall hineinstürzte, ist klar, dass das nun wieder derselbe Täter ist. Diesmal aber will er ihm endgültig zuvorkommen, alles richtig machen und das Dilemma von damals auswetzen - und begibt sich in ein Labyrinth, das ihn erneut an seine Grenzen bringt. Was er entdeckt, ist eine schockierende Verkehrung der Verhältnisse, die nur noch von der Tragödie, die sich dahinter auftut, überboten wird.

Und eigentlich hat der Thriller alles, was so ein Film braucht: eine mehr oder weniger genrekonforme Baukasten-Story, in die man schnell reinkommt, tolle Schauspieler, kleine Detaileinfälle, die originell sind, eine oft ziemlich gute Kameraarbeit, teils sogar grotesken Humor. Und spannend ist er meistens auch noch, wenngleich man einen größeren Hänger in zweiten Drittel, einem arg ausgebauten Dénouement (das sich dann als Täuschung erweist), überstehen muss. Das größte Problem des Films ist indes seine erzwungene, ausgemacht montiert wirkende Struktur. Denn nicht nur die Lösung des Knotens liegt in der Montage von mehreren verschiedenen, kombiniert montierten Tonspuren, sondern auch die Entwicklung des narrativen Plots ist ein ständiges Spiel mit nachgeschobenen Offenbarungen unter Parallelisierung der zentralen Tathergänge, welche sich über eine Dekade voneinander getrennt abspielten. Das wirkt alles schrecklich bemüht und künstlich verschachtelt (natürlich, "gemacht" ist alles), aber es ist eben diese sehr auf den strukturellen Mechanismus der Informationspreisgabe fokussierte Narration, die den Film beschädigt. Und dann muss man hinzufügen: so richtig unvergessliche Szenen hat der in toto recht mediokre Film nun leider doch nicht vorzuweisen.







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Mittwoch, 7. Januar 2015

The Terror Live (Kim Byung-woo, Südkorea 2013)


Das Spannendste an The Terror Live waren für mich die panikartigen Managerhandlungen von Ha Jung-woo (alias Yoon Young-hwa), der sich, einmal seine große Story gerochen, in Position bringt, fit macht für die Exklusivberichterstattung des Bombenanschlags auf der Mapo-Brücke in Seoul, welche in Panoramadistanz zu seinem Businessfenster aus dem Wolkenkratzer dramatisch die Rauchsäulen aufsteigen lässt. Ein vermutlich terroristischer Anschlag mitten in der Hauptstadt Südkoreas, und er, der vom Management wegen Betrügereien und Glücksspiel abgesägt wurde und nun Frondienste leisten muss als Radiomoderator wittert sie, endlich die Chance, den alten Posten wieder zu ergattern. Und darum gilt nun: schnell sein, Hemd wechseln, Trinken, Anzug glätten, Krawatte binden, Stimme runterkriegen, Trinken, Verhandeln mit dem Chef, Exklusivrechte einfordern, Schreien, Hetzen, nur noch 12 Sekunden bis zur Sendung. So funktioniert dieser Film, in dem dann ein kriminalistischer Aspekt greift: denn der plötzliche Anrufer bei ihm, Live im Studio, hat ihn zum Gesprächs- und Verhandlungspartner bestimmt. Und dessen Forderung ist zugleich so einfach und so scheinbar unmöglich einzulösen (und, ja: moralisch gerecht ist das auch irgendwie): eine öffentliche, über den Sender getätigte Entschuldigung des Präsidenten des Landes für die Brückenbauer, die beim Bau eben jener Brücke ums Leben kamen.

Live ist allerdings der Film auch selbst, als Simulation, der eineinhalb Stunden in real time abläuft. Erzählzeit und erzählte Zeit fallen in eins, der Zuschauer begleitet Yoon durch diese knapp zwei Stunden seines Lebens. Soll eine intensivere Teilhabe simulieren, und ein schnelles Heranrücken an den Protagonisten - was nur bedingt funktioniert, da Moderator Yoon nicht gerade ein Sympath ist, getrieben von egoistischen Machtgefühlen und der Ausschlachterei von Ereignissen, deren menschliche Schicksale ihm egal sind. Hier hat die Nachricht einen Wert, und er will sie so teuer wie möglich verkaufen.

Der dritte Aspekt des Films ist das Setting, hoch oben im Studio des Wolkenkratzers. Dieses wird während des Films nie verlassen, allenfalls schaut man mit der Kamera nach draußen auf die Großstadt - und am Ende gibt es ein paar Außenaufnahmen, des Spektakels wegen. Eine klaustrophobische Atmosphäre wie etwa in Pontypool (2008) von Bruce McDonald aber stellt sich nicht wirklich ein, dafür sind die Glasfronten zu helle Durchlässe, die mit Equipment vollgestellten Gänge im Studio zu wenig hinderlich. Eher ist es der psychologische Aspekt, der ihn zum Thriller werden lässt: Yoon im komplexen Gefüge eines kapitalistischen Marktes, bei dem Sekunden über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Wenn der Film ganz am Ende schließlich noch zum Katastrophenfilm mutiert, so hat er sich im letzten Akt eindeutig übernommen. Hier wird der Terror dann wieder ausgelagert auf die Superlative des Eventkinos, die den psychologischen Ziselierungen in den Rücken fallen. Ha Jung-woo (The Yellow Sea, The Chaser) freilich spielt wieder ganz ausgezeichnet und die Zuschauer dankten es mit dem Kauf von Kinokarten. Ein Sommer-Blockbuster in Korea, und einer der fünfzig erfolgreichsten Filme an der Kinokasse seines Landes.

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Samstag, 3. Januar 2015

The Admiral: Roaring Currents / Myeongryang (Kim Han-min, Südkorea 2014)


Bei groß inszenierten Seeschlachten im asiatischen Raum dürfte einem recht schnell der tolle Red Cliff von John Woo (2008) in den Sinn kommen - ob Roaring Currents nun wirklich besser ist, wage ich nicht zu beurteilen. Er ist jedenfalls sehr überzeugend und macht eine Menge Spaß. Choi Min-sik als Aushängeschild spielt zudem ähnlich souverän, dabei natürlich nicht ganz so facettenreich wie zuletzt in New World oder im großartigen Nameless Gangster, die Hauptrolle als einen weithin gefürchteten, dabei eigensinnigen und schwer zu bändigenden Admiral. Ehrfürchtig wird sein Name geflüstert, und das sogar von seinen Gegnern, den Japanern; die zu Mittelalterzeiten Korea belagerten und nun im Oktober 1597 zum entscheidenden Schlag ausholen wollen. Angeheuert hat man noch einen bösartig dreinblickenden Piratenkapitän mit schwarzer Maske (irgendwo furchteinflößend zwischen Ran und Onibaba), der die Feldherren wie Bettnässer aussehen lässt. Der Haken an der Sache: Yi Sun-sin (Choi) stehen nur noch die Überreste der koreanischen Flotte zur Verfügung, ganze 12 Schlachtschiffe. Den Japanern, die sogar schon einen Stützpunkt an der koreanischen Küste haben, dagegen 200. Da kommt dem furchtlosen Admiral die Idee, sich die verwirrende Strömung in der Inselpassage zu Nutze zu machen - bei Ebbe und Flut entstehen starke Sogwirkungen und ein Strudel, der mächtiger ist als jedes Schlachtschiff.

Am Ende wird Yi Sun-sin die japanische Flotte besiegt haben und bis heute ist diese historische Figur ein koreanischer Nationalheld. Dass man also in diesem Film durch so einige Mobilmachungsreden inklusive Beschwörungen des Nationalstolzes hindurch muss, dürfte klar sein. Wie auch durch eine etwas überlange Exposition, die die historische Ausgangslage für die Schlacht herleitet. Übertrieben viel Zeit wird jedoch nicht gerade auf die Figuren verschwendet - man konzentriert sich auf den General und auf zwei, drei Nebenfiguren. Der Rest sind mehr oder weniger Statisten. Und auch die Seiten von "gut" und "böse" sind recht eindeutig geklärt - die Sympathien liegen bei den Koreanern, die gravierend in Unterzahl sind und gegen die japanischen Invasoren für die gute Sache kämpfen. Dennoch ist der Admiral keine reine Lichtgestalt: er führt eisern Regie, und in einer bemerkenswerten Szene, in der er Gnade walten lassen könnte, haut er kurzentschlossen einem Deserteur den Kopf von den Schultern. Aber worum es hier wirklich geht, ist die Seeschlacht. Und die ist dermaßen toll inszeniert (die gesamte zweite Stunde des Films), dass sie den Zuschauer schwer beeindruckt zurücklässt. Wie hier die Schiffe ineinander krachen und die Kanonen donnern (diese unfassbare Tonspur!), das ist schon sehr erlebenswert und selbst wenn man mittlerweile keine Lust mehr haben sollte auf großangelegte, koreanische Historienepen: Roaring Currents sollte man sich nicht entgehen lassen, wenn man professionelles Popcorn-Monumentalkino genießen möchte. Ein beeindruckender, spektakulärer Blockbuster.

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