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Dienstag, 14. April 2015

Gangs of Wasseypur (Anurag Kashyap, Indien 2012) / pt. 1


Am Ende ist es ein Tanz im Feuer, im Feuergefecht, wenn Godfather Sardar Khan, Hauptfigur in diesem Epos, wie in einem Todesballett sich um sich selbst dreht, herumgewirbelt wird von den Kugeln, die seinen Körper durchlöchern. "The Killer" von John Woo fällt einem da ein, im Hintergrund die grellgelben Feuer- und Explosionswolken oder die Zeitlupentode bei Sam Peckinpah - bei Anurag Kashyap aber ohne das Pathos, das vielen westlichen Zuschauern zu pappig ist. Hier sind die Bilder grobkörnig, schlicht und direkt in ihrer Bedeutung, die nur sie selbst sind und als tiefere Lesart den Verweis auf die ihnen ähnlichen Filmbilder zulassen - aber nicht auf religiöse Elevatio, Verklärung oder gar auf eine Erlösung hinweisen. Und so ist auch der Begriff "Epos" eigentlich zu unscharf für diesen doch sehr langen Film, denn Epik trifft nicht den narrativen Gestus dieses Films, der in sich elliptisch ist, voller Auslassungen, sprunghaft, wenig erklärt und sowieso nicht wie ein klassisches Familienbild aufgebaut ist, auch wenn er hauptsächlich von den Generationen einer Familie erzählt.

Gut sechzig Jahre erzählte Zeit wird hier abgebildet, vor dem Hintergrund politischer Wirren, wie sie in Nordindien herrschten Anfang der fünfziger Jahre. Die im Titel genannten "Gangs" sind dann auch vielmehr verfeindete Familien, die in Rachefehden sich gegenseitig zu vernichten trachten. Erwähnter Sardar Khan steht bald im Zentrum der Erzählung, unsympathisch, monolithisch, egozentrisch, brutal. Ewige Rache hat er geschworen, um den Mord an seinem Vater zu vergelten. Rücksichtslos gegen andere, aber auch seine Libido kann er nicht im Zaume halten. Neben seiner Frau hat er noch eine Geliebte, die ein Kind von ihm bekommt. Auch diese Frau wird er zugrunde richten.

Eine wirkliche Sympathiefigur kommt erst spät mit seinem Sohn Faizal in den Film, gespielt vom umwerfenden Nawazuddin Siddiqui. Mit seiner wortkargen Präsenz dominiert er jede Szene, die er betritt. Er ist das Gesicht des indischen Independentfilms, wie öfters über ihn zu lesen ist. Dabei ist "Gangs of Wasseypur" keineswegs ein solcher, fürs große Kino habe Kashyap diesen Film gemacht, mit Geld aus Bollywood und für den internationalen Markt. Was nun auch gut funktioniert hat, siehe internationale Festivals, siehe DVD-Auswertungen. Eine generelle internationale Akzeptanz des zeitgenössischen indischen Kinos konnte aber auch dieser Film nicht lostreten und wird häufig wie ein lobenswerter Ausreißer behandelt. Schade, dass Imtiaz Alis "Highway" (gezeigt auf der Berlinale 2014) keine größeren Wellen schlug. Und aber: eigentlich wollte er nur Spaß haben mit diesem Film, so Kashyap, und er klebt tatsächlich etwas  weniger am individuellen Schicksal, der Tragödie eines Individuums, als etwa im ziemlich schönen Vorgänger "That Girl in Yellow Boots" (2010). Es ist dennoch eine zutiefst instabile Gesellschaft, die Kashyap in diesem großen und großartigen Wurf portraitiert, in der ein Leben in jeder Sekunde zu Ende gehen kann. Beruhigend ist auch das nicht gerade.

Michael Schleeh

Addendum: Internationale Fassungen (z.B. auf DVD) zweiteilen den Film in der Intermission. Im Original geht der Film also mit Pause über fünf Stunden. Hier habe ich aus Verfügbsarkeitsgründen nur den ersten besprochen.

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Mittwoch, 8. April 2015

The Kirishima Thing (Daihachi Yoshida, Japan 2012)


Es hat mich zunächst verwundert, wie erstaunlich viele positive Kommentare man im Netz zu diesem Film finden kann: wie authentisch er den japanischen Schulalltag abbilde, wie verstanden sich viele von diesem Film fühlen. Identifikationsangebote liefert THE KIRISHIMA THING tatsächlich zuhauf, entsprechend groß ist das Figurenarsenal. Man muss sich zurecht finden in zwei Gruppen Jungs (dem Volleyballclub und dem Filmclub), sowie einer Gruppe Mädchen um die schöne Lisa, die wiederum mit dem Volleyballstar Kirishima zusammen ist (und auch vorher schon mal, psst!, einen Freund hatte).

Die Pointe des Films ist nun die, dass besagter Kirishima, um den sich alles zu drehen scheint, verschwunden ist - und überhaupt nicht im Film auftaucht. Er ist ein klassischer MacGuffin. Auch die Gründe, weshalb er verschwunden ist, bieten viel Anlass zu Spekulationen, doch keiner weiß genaues, selbst Lisa nicht. Doch der Alltag geht weiter, Schule und Clubs von früh bis spät, und wie die Figuren dann ohne ihren Kirishima zurecht kommen und weiter machen, darum geht es in diesem Film.

Formal ist der Film ebenfalls interessant: im Ablauf von einer Woche, deren Tage in schwarzen Schrifttafeln eingeblendet werden, wählt Daihachi Yoshida verschiedene Perspektiven für seine Figuren, die dieselben Ereignisse aus ihren jeweils eigenen Blickwinkeln sehen. Da erscheint dann also viermal "Freitag", wenn dieser Freitag aus vier subjektiven Perspektiven heraus betrachtet wird. Natürlich mit den entsprechenden Bedeutungsverschiebungen, die sich durch die unterschiedlichen Betrachtungsrichtungen einstellen. Montiert ist das in lakonischen Szenen, die kommentarlos aufeinander folgen. Geradezu nüchtern, ohne Überdramatisierungen, Pomp oder Kitsch. Beinahe ganz ohne extradiegetische Musik. Die Spannung erwächst einzig aus dem Verhalten der jeweiligen Figur zum Geschehen. Oder beinahe. Viele Details am Wegesrand hat Yoshida eingebaut, die es zu entdecken gilt.

Und obwohl der Film ernstzunehmen ist, ist er doch zugleich sehr unterhaltsam und auch lustig - und viel weniger durchgeknallt als etwa Yoshidas schon im Titel punkig anhebender FUNUKE, SHOW SOME LOVE YOU LOSERS! Zwei Beispiele: zum einen wären da die Meta-Ironien des Filmclub-Debakels. Anstatt einen weiteren RomCom-Heuler nach Vorlage des betreuenden Lehrers zu drehen, beschließen die Filmnerds einen nach dem großen Vorbild George A. Romero gesinnten Zombie-Reisser zu schießen. Anarchie und Auflehnung auf dem Campus, also. Auf der Suche nach den geeigneten Drehorten dringen sie allerdings immer wieder in bereits von anderen Schülern besetzte Reservate vor, und müssen mit diesen ihre Anwesenheit aushandeln. Hier wächst der schüchterne Protagonist - der Regisseur mit Super 8-Kamera - über sich selbst hinaus, nimmt das Schicksal in die eigene Hand und reift nach und nach zum Helden heran (und gewinnt auch die Beachtung der begehrten Mitschülerin). Die er, Beispiel zwei, zufällig im Kino bei einem Screening von Shinya Tsukamotos Independent-Klassiker TETSUO - THE IRON MAN trifft. Der Traum aller Film-Nerds geht in Erfüllung! Daraufhin ist es natürlich um ihn geschehen.

Dabei belässt es Yoshida nun schönerweise nicht, spinnt den Tetsuo-Joke noch etwas weiter, greift ihn später wieder auf, spielt noch ein wenig mit ihm herum. Wie auch mit dem Angriff der Meteoriten-Zombies. Aber auch der Titel des Films hält eine Anspielung bereit, wenn man sich eine etwas wortgetreuere Übersetzung anschaut - die in etwa lautet: "Kirishima rät, verlasst die Clubs und beginnt euer Leben zu leben!" Eine deutliche Referenz zum Art Theatre Guild-Klassiker "Throw Away Your Books And Rally In The Streets". Und auch wenn die Gerüchte besagen, dass Kirishima sich für eine Aufnahmeprüfung der Universität vorbereitet, dann darf das mit Kenntnis des Originaltitels mit Fug und Recht bezweifelt werden. Ein großartiger Film, der leider, abgesehen von einigen Festivalauswertungen, zumindest in unseren Breiten etwas untergegangen ist. 

Michael Schleeh

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