DVD BluRay

Montag, 27. Juli 2015

BiFan 2015: Love & Peace (Sion Sono, Japan 2015)


When a man loves a turtle: Salaryman Ryo Suzuki (Hiroki Hasegawa) wird von allen Kollegen permanent gemobbt. Kein Wunder, macht er doch fast alles falsch, hängen ihm tagein, tagaus die Mundwinkel herab und seine Schüchternheit versucht er hinter den langen Haaren zu verbergen. Außerdem hat er sich in eine Brillenschlange verkuckt, ebenfalls, natürlich, eine Außenseiterin (Kumiko Aso). Zum Trost für dieses trübe Dasein wendet sich der Einzelgänger abends an seine Schildkröte namens Pikadon (Pika, Pika-chan), die er auf dem Dach gefunden hat. Sie hat immer ein offenes Ohr für ihn und ist ihm treu ergeben.

Dass "Pikadon" auch der Name einer Atombombe ist, lernt man bald aus dem Fernsehen und lacht über die groteske Schere zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem - ahnt dabei natürlich die Wandlung zum Kaiju-Monsterfilm voraus. Das kommt dann auch, aber viel später. Davor wird das Tier per Toilette genrefilmgemäß unfreiwillig entsorgt und landet in der Kanalisation beim Weihnachtsmann (Toshiyuki Nishida). Ja. Genau. Der ist ein obdachloser Alkoholiker mit großem Herzen, der sich um all das kümmert, was Mensch wegwirft und nicht mehr gebrauchen kann. Und Ryo entwickelt sich derweil: zum Rockstar ("Wild Ryu" heißt er dann, und wird angekreischt von vielen schönen Mädchen, die ihn plötzlich lieben. Achtung: Mediensatire!).

Durchgeknallt? Hanebüchen? Freilich. Aber das war noch nicht alles - für hier soll es aber allemal genügen. Im System Sion Sono funktioniert das Aufeinanderprallen dieser zahlreichen Themen und Fantastereien, Märchen- und Traumweltkomplexe, auch Liebesschnulze und Monsterfilm dazwischengerührt, ein Musikfilm ebenfalls natürlich, ganz reibungslos. Als würde diese Welt eben so funktionieren und man hätte sein (von der Ratio geprägtes) Leben lang nur nicht genau genug hingeschaut. Weil Sion Sono das so konsequent durchzieht, sich nicht beirren lässt, den Zuschauer immer wieder mit noch einer weiteren Hookline, einem deftigen Punker-Riff oder einem Drücken auf die Tränendrüse voll in den Film hineinzieht. Das schlägt Funken, Feuerwerk auf der Leinwand und im Herzen des hingerissenen Zuschauers. Das ist allerbestes Flimmertheater!

Michael Schleeh

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Donnerstag, 23. Juli 2015

BiFan 2015: Korean Independents - The Stone / Dol (Cho Se-rae, Südkorea, 2014)


Was erstmal am stärksten wirkt: Die Hände hämmern die Steine aufs Spielbrett, und nur bei äußerster Erregung landet einer im Nirgendwo. Go ist ein Brettspiel großer Konzentration und Könnerschaft, und wenn einer mal durchdreht, dann kann er kein Meister sein. Vielleicht ist er dann "military level 3", wie einer der Gangster im Film, einer, dem die Selbstbeherrschung in den entscheidenden Momenten fehlt.

Das kann und soll man moralisch lesen als Metapher auf das Leben. Der Film bietet das an. Allerdings sind auch die Go-Spieler, die zu bescheiden sind, sich "Meister" zu nennen, nicht immer auf dem Pfad der Erleuchtung. Häufig sind es abgerissene Gestalten, die bei getürkten Matches die Kontrahenten ausnehmen. Diese Gambler sind dann eben auch schon Kleingangster, auch wenn die sich das nicht eingestehen wollen.

THE STONE ist ein fulminanter, dreckiger kleiner Independent-Film, gedreht mit dem Geld eines privaten Mäzens, wie beim anschließenden Q&A zu hören war. Gute Kamera, Seoul-Backstreets, häufig Nachtaufnahmen, Genrefilm. Keine Liebe, und natürlich: keine Väter.

Die Anti-Helden sind also beide auf der Suche nach dem, was ihnen gefehlt hat im Leben: Einem Vater. Und der viel ältere Gangsterboss zwingt den jungen Go-Meister dazu, dessen Lehrer zu sein - der Junge wird der Sensei des Älteren, dass er ihm die Kniffe und die mentale Einstellung zum Spiel nahe bringt. Am Ende zerfliegt alles, was eh schon immer brüchig war in den Querelen der Unterwelt.

Das Bucheon International Fantasy Film Festival im Süden von Seoul, Südkorea, schimpft sich das größte Genre-Filmfestival der Welt, was durchaus anzuzweifeln ist. Mit über 40 Vorstellungen pro Tag ist aber ordentlich Stoff vorhanden für ein paar cineastische Tage, die 11 Kinos sind alle gut zu Fuß oder dem Shuttle-Bus zu erreichen und die Betreuung durch den Staff ist vorbildlich. Die verschiedenen Sektionen wirken etwas willkürlich, allerdings finden sich schöne Glanzlichter, etwa die Retrospektive Simon Yam oder "I am (not) Sion Sono" (ein Spruch, geklaut und umformuliert bei KHAVN), der dann auch zu einem Filmmakers Gespräch vor Ort ist. Gezeigt werden auch seine beiden neuesten Filme TAG und LOVE & PEACE. Schön auch, dass im Programmheft bei allen Filmen das Abspielformat angegeben ist. Filme wie GERMAN ANGST, ALLELUJA oder ICH SEH ICH SEH sind hier übrigens ebenfalls zu sehen.

Michael Schleeh

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Sonntag, 5. Juli 2015

9413*, Hongkong/Seoul-Tagebuch, Teil 3

Es scheint, als habe die mediale Propaganda-Maschinerie ihr Ziel erreicht: Während sich für einen Flug nach Okinawa am Schalter nebenan früh eine beachtliche Warteschlange bildet, sind wir auf dem Flug nach Seoul insgesamt zu fünfzehnt - 10 maskierte Passagiere, 5 unmaskierte Crew-Mitglieder. Nun ist es ein früher Flug einer regionalen Hongkonger Billig-Airline, voll wäre das Flugzeug auch unter normalen Umständen wohl nicht gewesen. Dennoch hat die Situation etwas Gespenstisches.

Am Flughafen in Incheon dann ist davon wenig zu spüren. Eine Schleuse zum Temperaturmessen, ein paar Maskierte hier und da, aber sonst business as usual, so scheint es. Mein erster Eindruck von Seoul nach der knapp vierzigminütigen Fahrt in die Stadt: größer, weitläufiger als Hongkong und auch gemächlicher, einschließlich der wahrscheinlich langsamsten Rolltreppen, die es irgendwo auf der Welt gibt. Und was die nächsten Tage immer wieder zum Hindernis wird: fehlende Sprachkenntnisse allenthalben, hier Koreanisch, dort Englisch. Seoul als mein ganz persönliches 'Reich der Zeichen'. Das erschwert nicht zuletzt die Nahrungszufuhr erheblich, denn jenseits der 7-11-Shops (und lokaler Varianten, die es tatsächlich noch häufiger zu geben scheint als in Hongkong) und Coffee Shops, die, scheinbar einem aktuellen Trend folgend, wie hiesige DM-Drogerien aus dem Boden geschossen sind, fällt die Auswahl alles als andere als leicht. Restaurants gibt es genug, nur ist es selten klar, was es dort zu essen gibt und ob ich das dann auch bekommen würde. Überhaupt ist es von vielem zu viel. Ich gönne mir einen Tag Pause und arbeite im Hotelzimmer.

Am Mittwoch der erste Gang zum Korean Film Archive; Filmsichtungen, die ausschließlich dort möglich sind: GOLDEN OPERATION 70 IN HONG KONG, OPERATION TOKYO EXPO '70 (beide 1970, beide Choe In-hyeon), CORRESPONDENT IN TOKYO (1968, Kim Soo-yong), MAN AND WOMAN FROM HONG KONG (1970, Shin Kyeong-gyun) und viele andere - anti-kommunistische Propaganda-Melodramen im Gewand eines Bond-Abenteuers. Alles in ordentlichen Kopien als Video-on-Demand zur Verfügung gestellt, ohne Termine oder Reservierungen, wie das in Hongkong notwendig ist, weil RentnerInnen nicht auf ihre Kanton(opern)klassiker verzichten möchten (und gerne bei den Liedern mitsingen). Nicht übel. Tatsächlich warten ganze Genres darauf, im Detail erschlossen zu werden. Dass sich das Archiv in seinen ansonsten vorbildlichen DVD-Editionen vornehmlich auf Melodramen, Kriegsfilme, Komödien und Historienfilme eingeschossen hat und mithin einer hochkulturell geprägten Kanonbildung Vorschub leistet, ist durchaus beklagenswert. Immerhin ist mit Chung Chang-whas BONANZA (1961) gerade ein waschechter Genre-Titel erschienen und in der Cinematheque des Archivs läuft eine Filmreihe zu Horrormaestro Lee Yong-min (A BLOODTHIRSTY KILLER, 1965). Es wird aber mittelfristig wohl den Muttersprachlern vorbehalten sein, die zahlreichen Mandschurischen Western, Spionagefilme oder die muhyeop younghwa (das koreanische Äquivalent zu wuxia- und Samurai-Film) zu erforschen. Man fragt sich, was wohl passiert wäre, hätte man in Südkorea viel früher begonnen, über Exportmöglichkeiten nachzudenken und die Filme mit Untertitel auszustatten. So aber ist es den Koreanern lange Zeit genauso ergangen wie anderen populären Kinematografien Asiens, sei es Thailand, die Philippinen, Indonesien oder Malaysia: Abgesehen von kurzen Momenten internationaler Sichtbarkeit - man denke an Ko-Produktionen für die grindhouses und Bahnhofskinos-, blieben sie, sicher auch dank der Dominanz Hongkongs und Japans, regelrecht unsichtbar.

Nach einem weiteren Sichtungsmarathon im Archiv bin ich am Freitag mit Lee Myung-se verabredet, um den es nach seinem internationalen Erfolg mit NOWHERE TO HIDE (1999) trotz oder gerade wegen weiterer Arbeiten wie THE DUELIST (2005) und M (2007) zunehmend ruhiger geworden ist. Warum das so kam, ist eines der zentralen Themen unseres Gesprächs. Kurz gesagt: Lees Taktik, seine filmischen Experimente über Genre-Verpackungen an Investoren und Publikum zu bringen, ist aufgeflogen. Ich hatte auch immer das Gefühl, dass selbst NOWHERE TO HIDE bei einigen Kritikern, aber vor allem bei Genre-Fans eher auf Unverständnis stieß. Die koreanische Filmindustrie jedenfalls, darum wird es in den folgenden Gesprächen immer und immer wieder gehen, will sich einen Filmemacher wie Lee nicht mehr leisten. Trotz 50% Marktanteil geht man nun, vielleicht bis heute traumatisiert von Koreas HEAVEN'S GATE namens RESURRECTION OF THE LITTLE MATCH GIRL (2002, Jang Sun-woo), auf Nummer sicher. Der buchhalterische Ansatz gerade in der Drehbuchphase, den die Koreaner natürlich von Hollywoodpraktiken abgeschaut haben, hat Lee auch dazu bewogen, aus seinem letzten Projekt, MISTER K (als THE SPY: UNDERCOVER OPERATION 2013 unter der Regie von Lee Seung-jun realisiert), auszusteigen. Erschwerend kommt hinzu, dass Lee nicht mehr der Jüngste ist und die jüngeren Investoren nicht mit Respektspersonen verhandeln und im Zweifel für deren Gesichtsverlust sorgen wollen. Konfuzianische Werte vorgeschoben, um sich die Unliebsamen und die Unruhestifter vom Hals zu halten? Durchaus möglich.

Was auf tragische Weise im Laufe der nächsten Tage und Gespräche deutlich wird: Koreas Filmindustrie befindet sich in einer Krise, vielleicht in keiner wirtschaftlichen. Aber der Selbstmordversuch eines Altmeisters, der für einige der größten Hits der 1980er Jahre verantwortlich zeichnet, aber nun seit geraumer Zeit keinen Film gedreht hat, belegt: Irgendwas läuft gehörig falsch, und zwar auf eine äußerst hässliche Weise. Hätte er mit seinem Vorhaben Erfolg gehabt, wäre er nur einer von vielen in einer langen Reihe ähnlicher Schicksale.

Auch Kim Kuk-hyeong, der 1999 mit dem alptraumhaften Noir BLACK HOLE reüssierte und danach einige Zeit an seiner ehemaligen Alma Mater, dem Seoul Institute of the Arts, lehrte, zeigt mir lieber sein Autogramm von Hanna Schygulla, das er ihr auf einer Rucksacktour durch Europa abringen konnte, als über seine Karriere und die Filmindustrie zu sprechen. Seinen Kumpels, die er zum Treffen mitbringt - Shim Kwang-jin (A MASTERPIECE IN MY LIFE, 2000) und Park Chul-hee (NO MERCY FOR THE RUDE, 2006) -, ist es nur marginal besser ergangen.

Das gemeinsame Trinken von zu viel koreanischem Reiswein beschert mir erhebliche Kopfschmerzen, die die kurz darauf folgende Vorstellung von Oh Seung-uks THE SHAMELESS (Cannes 2015) fast unerträglich machen. Wenig hilfreich ist dabei, dass der Film ohne Untertitel gezeigt wird und ohnehin eher sperriger, ja hermetischer Natur ist. Oh ist einer der wenigen seiner Generation, die trotz aller Widrigkeiten einen zweiten Film fertigstellen konnten - wenn auch ganze fünfzehn Jahre (!) nach seinem ähnlich frostigen Debüt KILIMANJARO (2000). Zwischendurch war Oh als Produzent aktiv und schrieb ein schmales Büchlein zur Geschichte des koreanischen Actionfilms. Mein Vorhaben, ihn unter anderem dazu zu befragen, scheitert an einem zu vollen Terminplan. Dabei zeigt er sich bei der über einstündigen Podiumsdiskussion nach dem Film als durchaus lebendiger - und in meiner Situation allzu ausführlicher - Interview-Partner.


*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam: Neun von zehn sterben, im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht...

Stefan Borsos