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Sonntag, 30. August 2015

The Taking of Tiger Mountain (Tsui Hark, China / Hongkong 2014)



Tsui Harks jüngste 3D-Filmoper, die nach zwei Wochen Spielzeit das chinesische  Boxoffice zu neuen Höhenflügen gebracht hatte, hat ein paar wirklich herausragende Szenen zu bieten. Am Beeindruckendsten ist vielleicht der Kampf des Helden als Undercover-Agent Yang Zirong (Zhang Hanyu, der wenig wie Hugh Jackmans Wolverine aussieht) mit einem riesigen aggressiven Tiger, der ihn urplötzlich in der schneebedeckten Wildnis Nordchinas überfällt. Zirong flüchtet sich um Haaresbreite auf einen Baum, wo er aber beileibe nicht sicher. Der Tiger folgt ihm, mit List und Tücke, versteckt sich, springt hervor, schlägt die Krallen in den Stamm, dass es dem Helden einen Arm herausgerissen hätte. Ständige Absturzperspektiven. Alles in halbdunkler Nacht vor Gewitterhimmel, der einsame Tod im Schnee, die schwarzen Krähen.

So atmosphärisch wie spektakulär ist eigentlich der gesamte Film. Er erzählt die Geschichte (nach der literarischen Erzählung Tracks in the Snowy Forest von Qu Bo) einer Einheit der chinesischen Volksbefreiungsarmee, die, nach Ende des Zweiten Weltkriegs und Abzug der Japaner, in ein unkontrollierbar wildes Gebiet Nordchinas abgeordert wird, um den dort herrschenden Räuberbanden Einhalt zu gebieten. Vor allem die Unwegsamkeit des Geländes, als auch die prekäre Nahrungsmittelsituation, wie freilich die gnadenlose Brutalität der marodierenden Banden machen ihnen schwer zu schaffen. Da kristallisiert sich heraus, dass die Bande um den Anführer The Hawk (Tony Leung Ka-Fai) hinter allem steckt, die sich aber in einer uneinnehmbaren Bergzitadelle verschanzt haben: im Tiger Mountain. Der Trick soll also nun sein, Yang Zirong bei ihnen einzuschleusen, der, jetzt kommt wieder der Fantasy-Aspekt ins Spiel, drei geheime und sich ergänzende Karten an sich bringen muss, die es letztlich benötigt, um der Bande das Handwerk zu legen.

THE TAKING OF TIGER MOUNTAIN ist episches Spektakel auf großer Leinwand. Das ist mittlerweile die Spezialität von Tsui Hark. Wie er seine Fluchtpunkte einsetzt, die Kamera wirbeln lässt, in die Täler hinab und über die Bergklippen schranzt, das ist schon eine einzige Augenweide. Abenteuerfilm und Fantasy, Herr der Ringe-Assoziationen machen sich allenthalben breit, es wird zusammengerührt was reinpasst in diesen Actioneintopf. Es gibt sogar ein sehr ausführliches Akira Kurosawa-Zitat: In einer der größten und längsten Actionszenen, in der die zahlenmäßig weit überlegenen Banditen das kleine Bergbauerndorf einzunehmen versuchen, in dem sich die Einheit der PLA versteckt hält. Diese hecken einen Plan, wie man den anstürmenden Barbaren entgegentreten kann, und mit viel List und Tücke, versuchen sie sich zu wehren. Die Sieben Samurai ist das natürlich in Reinform, mit viel Bomben und Handgranaten spektakularisiert, aufgegangen im modernen Actionkino.

Soviele Genres hier zusammengerührt werden, und sosehr für wirklich jeden Geschmack was in diesem Film dabei sein dürfte, auch schöne Frauen mit roten Bäckchen sind dabei, so sehr fehlt es ihm an einer zwingenden Narration. Es ist wieder einmal der Fall des Alles-Ist-Möglich, aber nichts muss so richtig. Das zwingende Element fehlt, das den Zuschauer zu affizieren vermag, das ihn sprichwörtlich, vor Spannung beinah zerrissen auf der Stuhlkante hält. Das, was von allem zuviel ist, führt schnell zu Übersättigung, und so nimmt das Interesse im Mittelteil dann doch deutlich ab (bei mir). Ob die Schlucht, in die man hinunterstürzt nun 30 Meter tief ist oder 300, spielt halt keine Rolle mehr in dem Moment, wo man damit rechnen kann, dass es immer maximal tief ist. Oder wenn die Figuren aus den Karikaturen, die sie verkörpern, nicht mehr hervortreten können (Beispiel The Hawk himself), und man es nur noch mit Zitaten (oder Abziehbildern) von echten Figuren zu tun hat. Banditen mit Augenklappen, komischen Haaren, Gesichtstattoos und dick aufgetragenen Eyelinern, diese Richtung. Wenn Figuren nur noch Funktion sind und keine Individuen mehr. Oder wenn man eben schon vorher wieder weiß, wie das Gerummse am Ende ausgehen, und welche (auch: politische) Partei die Oberhand behalten wird. Der Zwang, immer weiter schauen zu müssen, hält sich dann doch in Grenzen, und die Option, die zumindest teilweise öden Strecken mit einem Blick aufs Smartphone zu überbrücken, dürfte für viele Zuschauer eine große Versuchung gewesen sein. Dieser eigentlich tolle Film krankt an einer Willkürlichkeit, die groteskerweise auf historischem Fundament gebaut ist. Deswegen vielleicht auch die vielen Verweise zu den realhistorischen Ereignissen, die aber letztlich nur noch wie eine vorgeschobene Historizität wirken, wie ein verkrampftes Alibi für freidrehende Willkür. Das ist schade, weil es das gar nicht gebraucht hätte. Wie auch die überflüssige Rahmenhandlung, die den Zuschauer immer wieder aus dem Geschehen herausreißt.

Michael Schleeh

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Samstag, 29. August 2015

Dharam Sankat Mein (Fuwad Khan, Indien 2015)



Im indischen Kino werden relativ häufig religiöse Differenzen thematisiert. Kein Wunder, kommt es doch in der Bevölkerung immer wieder zu massiven Diskrepanzen und sogar zu blutigen Ausschreitungen, bis hin zu wirklich schrecklichen Ereignissen. Nicht so häufig kommt es vor, dass diese Diskrepanzen in einer lockeren Komödie abgehandelt werden, zudem noch vermischt mit der universell im Masala-Kino vorherrschenden Heiratsproblematik. Die beiden Liebenden können nicht zueinander finden, weil... In diesem Film ist es ungewöhnlicherweise die Vaterfigur, durch die wir die Ereignisse betrachten und nicht durch die Augen der Liebenden. Mit dem ganz speziellen Dreh, dass hier der Vater, ein Hindu, im Nachlaß seiner Mutter eine Adoptionsurkunde von ihm selbst entdeckt: er wurde als Muslim geboren und dann von Adoptiveltern als Hindu groß gezogen. Ein Schock für Dharampal (Paresh Rawal), der Muslime überhaupt nicht leiden kann und mit dem einzigen Muslim in der Nachbarschaft, dem Rechtsanwalt Nawab Mehmood Nazeem Ali Shah Khan Bahadur (Annu Kapoor, you get it!), regelmäßig im Clinch liegt. Der gute Dharam jedoch will nun seinen biologischen Vater ausfindig machen, welcher unweit in einem Altersheim in den letzten Zügen liegt - und wird nicht zu ihm durchgelassen. Dort haben nur Muslime Zutritt, so der radikale Vorsteher des Ladens, und so muss sich Dharam an seinen Nachbarn wenden, dass dieser ihm den Islam nahe bringt. Dabei lernt er natürlich, dass die Unterschiede - zumindest inhaltlich - viel kleiner sind, als gedacht. Nebenbei deckt er noch das unsaubere Spiel eines Sektenführers auf, dem sein Sohn verfallen ist. Ein heilloses Durcheinander, also.

Und ein bisweilen sehr lustiges. Viel Situationskomik gibt es, Witzchen mit den verschiedenen Kopfbedeckungen, Gebetshaltungen, Riten. Doch man weiß natürlich, was am Ende dabei herauskommt, aus diesem wie auf Autopilot dahinfliegenden Film: wie die Religionen auch immer heißen mögen, letztlich predigen alle nur die Menschlichkeit. Und man solle sich doch vertragen und die Mitmenschlichkeit jedem zukommen lassen, egal wie und an was er glaubt. Das wichtigste sei der Friede in der Familie. Da kann kaum einer widersprechen, denn diese ist ihm im Laufe des Films auseinandergebrochen. Und auch die zu Tränen rührende Abschlußrede, ein großer moralischer Monolog fehlt nicht, um die Message deutlich zu machen. Abgesehen von diesen unvermeidlichen Standardsituationen macht der Film aber dennoch große Freude. Er ist temporeich, die Schauspieler alle durchweg sympathisch, Ahmedabad als Ort der Handlung wird immer wieder mit interessanten Schauplätzen eingeführt. Nicht umsonst spielt der Film gerade hier, ganz im Westen des Landes an der Arabischen  See. Ein sehr sehr dunkles Kapitel tut sich da auf im Zusammenprall der Religionen in der Region Gujarat. Dort, in der Stadt leben etwa 80% Hindus und 20% Moslems, hatten sich 2002 sehr schwere Unruhen (die "Gujarat Riots", das "Gujarat Pogrom") ereignet. Dabei sind laut Wikipedia etwa 800-2000 Muslime und 250 Hindus (je nach Quelle) ums Leben gekommen, weitere Tausende wurden verletzt. Übrigens: Narendra Modis Rolle in diesen Unruhen, viele sind der Ansicht, dass die Massaker absichtlich herbeigeführt wurden, ist noch nicht eindeutig geklärt. Gemeinhin wird angenommen, dass Modi mit für den Genozid verantwortlich zu machen sei, was freilich ein unfassbarer Skandal ist. In der Wikipedia findet sich dabei folgender Eintrag
"Modi's involvement in the 2002 events has continued to be debated. Several scholars have described them as a pogrom, while others have called them state terrorism. Summarising academic views on the subject, Martha Nussbaum said: 'There is by now a broad consensus that the Gujarat violence was a form of ethnic cleansing, that in many ways it was premeditated, and that it was carried out with the complicity of the state government and officers of the law.'"
Narendra Modi ist seit Mai 2014 der aktuelle Premierminister Indiens. Im Film Kai Po Che, den ich hier besprochen habe, werden diese schrecklichen Ereignisse eindrücklich thematisiert.

DHARAM SANKAT MEIN wird allerdings niemals auch nur annähernd so ernst, wie Abhishek Kapoors Film; dennoch merkt man von Beginn an, dass es ein sehr ernstes Thema ist, auf dem diese Komödie fußt. Sie macht es sich nicht leicht, missbraucht das Thema nicht für billige Witzeleien und in so kleinen Bemerkungen, wie denen, ob es dem Anwalt überhaupt gestattet werden sollte, in diesem Viertel zu leben, wird es schon sehr deutlich, wie tief die Gräben sind, die wir uns hier in Europa überhaupt nicht vorstellen können. Eine gelungene Komödie vor ernstem Hintergrund also, so mein Fazit, die sich in ihren Drehbuchabläufen etwas zu sehr auf ausgetretenen Pfaden bewegt und ruhig etwas mutiger und individueller hätte ausfallen dürfen. Die Halbwertszeit des Filmes wird, vermutlich, nicht besonders lange ausfallen. Das ist eigentlich schade für einen handwerklich so sauber gemachten Film.

Michael Schleeh

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Freitag, 28. August 2015

Die 10 besten Asiatischen Filme auf Netflix

On the Job (Erik Matti, 2013)

 Immer wieder wird auf den sozialen Netzwerken der Wunsch nach Orientierung laut: "Welchen Film meines Streaming-Anbieters soll ich heute Abend nur schauen?" liest man nicht gerade selten Sonntag abends auf Twitter, worauf eine Lawine an Empfehlungen von Leuten heranrollt, die sich alle selbst gerade nicht entscheiden können, was sie schauen wollen. Man finde sich nicht mehr zurecht, so der Tenor, im großen Nebeneinander, wo jede Anleitung fehlt und jede Kuratierung längst flöten gegangen und allenfalls durch die Dauer des Lizenzvertrages geregelt ist - da wünschen sich viele Tipps, was man denn nun sehen sollte. Abgesehen davon, dass man sowieso tendenziell soviel wie möglich sehen sollte, will ich, da mich eben auch immer wieder Anfragen erreichen, hier ein paar Tipps zum asiatischen Filmangebot geben (Disclaimer: ich bin erst seit kurzem bei Netflix und war zuvor bei mubi - deswegen habe ich vielleicht nicht die komplette Übersicht; außerdem habe natürlich auch ich nicht alles gesehen). Die Reihenfolge unten ist auch kein Ranking, sondern soll eher eine Sichtungsbewegung durch zahlreichen Möglichkeiten darstellen. Ich beschränke mich dabei auf zehn Filme, die man guten Gewissens jedem ans Herz legen, und die man jetzt über das Wochenende hinweg binge-watchen kann. Viel Spaß dabei:

1. NEW WORLD - Spannendes und extrem düsteres südkoreanisches Gangsterdrama mit einem tollen Cast und einem - wieder einmal - überragenden Choi Min-sik (aus OLDBOY), bei dem die Querelen zwischen Mafia und Polizei durch die Perspektive eines Undercover-cops dargestellt werden.

2. LIKE FATHER, LIKE SON - nicht Sion Sonos Exzesse, nicht Studio Ghiblis magische Animewelten: hier ein  ruhiges Familiendrama aus Japan (ein sehr beliebtes Genre im Land der aufgehenden Sonne) zur Abkühlung nach den koreanischen Hitzköpfen: inszeniert von Hirokazu Kore-eda, gezeigt auf allen Filmfestivals der Welt, und auf den Spuren des Altmeisters Yasujiro Ozu (TOKYO STORY): der Film erstrahlt in minimalistischer Eleganz. Zur Handlung, ganz einfach: Der Sohn wurde nach der Geburt vertauscht. Sehr berührend, aber ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Das ist die Kunst Kore-edas.

3. AS TEARS GO BY - Jeder kennt Wong Kar-wai, oder behauptet das zumindest. Sobald der Titel IN THE MOOD FOR LOVE genannt wird, da beginnt das große OH! und AH! auf jeder Party, die Cineasten stecken sich eine Zigarette an und nicken bedächtig. Ja, ein toller Film über die Liebe, oder was sie hätte sein können... chachacha. Die Regielegende hat ihre Karriere mit einem Film namens AS TEARS GO BY  begonnen, der an optischer Wucht seinen späteren Werken in nichts nachsteht. Den ich sogar toller finde als alles andere von ihm. Hier sieht man noch den ungestümen WKW, der grobkörnige Bilder ineinander knallen lässt - so erstrahlt die Liebe im Neonlicht Hong Kongs als existenzielle Grenzerfahrung im Funkenflug zwischen einem Kleingangster und einer schönen Frau. Vermittelt sich über Bilder, nicht über Dialoge. Deswegen heißt das Medium Film. Mit Andy Lau und Maggie Cheung. Einmal verbeugen, bitte.

4. BEYOND OUTRAGE - Takeshi Kitano wurde von allen geliebt. Bis er begann, in einer künstlerischen Krise Filme über den Künstler in der Krise zu machen. Die sind eigentlich allesamt toll, aber der Genreregisseur hatte damit sein Publikum verprellt. Dann die Rückkehr dorthin, wo er herkam: Dem Yakuza-Film. OUTRAGE war ein ruhiger Bastard, der hier seine Fortsetzung findet - in OUTRAGE BEYOND, wie der Film eigentlich heißt. Brutale Eruptionen im japanischen Zen-Garten, das ist Takeshi Kitano. Der Film ist keine Actionkanone, aber wenn er aufdreht, dann macht ihm keiner was vor. Beide Teile kann man mehrfach gucken, dann werden sie immer besser. Man kann aber auch einfach so mit diesem hier beginnen. Ist großartig, und hier habe ich etwas mehr zum Film geschrieben.

5. ILO ILO - ein Überraschungserfolg auf ein paar kleineren (und größeren) Filmfestivals aus Singapur. Na, wieviele Filme hast Du schon aus Singapur gesehen? Eben, genau deswegen schon: anschauen! Preise: z. B. Camera d’Or in Cannes, 2013. Eine Familiengeschichte. Eine neue philippinische Haushälterin. Und ein Sohn, der sie terrorisiert. Eine eifersüchtige Frau. Mehr braucht es manchmal nicht.

6. POETRY - Drama aus Südkorea. Regisseur Lee Chang-dong erzählt die Geschichte einer 60jährigen Frau, die sich für Gedichte interessiert und die zugleich an Alzheimer erkrankt ist. Hört sich nun nicht besonders erquicklich an, ich weiß, der Film ist aber völlig großartig. Sehr berührend, toll gefilmt mit wahnsinnig schönen Bildern. Koreanischer Alltag, präzise Beobachtungen. Ach, und nur, dass man sich nicht wundert: der Film hat auch ein paar sehr herbe Passagen zu bieten, keine Sorge. Lieblich ist der nicht. Bitte alles anschauen von diesem Regisseur.

7. LIKE SOMEONE IN LOVE - Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami fährt mit Rin Takanashi und Tadashi Okuno im Taxi durch Tokyo. Sie ist tags Studentin und nachts Prostituierte. Er ist viel älter und kocht gerne. Ihr Freund ist immer eifersüchtig. Der Film hat einen melancholischen Charme und fließt durch die Nacht und durch die Stadt. Lief bei uns auch im Kino (und, natürlich, auch in Cannes).

8. THE ADMIRAL: ROARING CURRENTS - episches Seeschlacht-Spektakel aus Korea um einen legendären General (namens "Yi" - ein Volksheld in seinem Heimatland), der sich strategisch geschickt die Strömungen vor der inselzerklüfteten Küste zunutze macht. Spektakulär, bildgewaltig und lange erwartet. Hier habe ich etwas mehr dazu geschrieben.

9. MOEBIUS - und nochmal Korea, der allseits geliebt/gehasste Kim Ki-duk mit einem aktuelle(re)n
Film, der die erhitzten Gemüter nun mit einer Geschichte aus dem Gefrierfach herunterkühlt. Es gibt viel Sex und Gewalt und Verzicht und ist definitiv nichts für schwache Nerven. Hier etwas ausführlicher von mir dazu.

10. ON THE JOB - ein enorm packender Thriller vom philippinischen Regisseur Erik Matti, der seine Figuren aus einem Gefängnis heraus Auftragsmorde begehen lässt. Wenn man diesen Film gesehen hat, fragt man sich, weshalb man soviel Zeit seines Leben mit langweiligen Schablonen-Thrillern aus (Land xyz, bitte einsetzen) verschwendet hat. Noch einmal ein Schneeland-Text dazu. Unbedingter Tipp!

Wer nun noch immer nicht genug hat, dem sei der neueste Film von Hongkong-Altmeister Tsui Hark empfohlen, von dem man überwiegend Gutes hört und liest. Ich selbst kenne ihn noch nicht, werde ihn mir aber auf jeden Fall dieses Wochenende anschauen:  THE TAKING OF TIGER MOUNTAIN. Klingt doch sehr vielversprechend. Noch einmal, also: Viel Spaß!

Michael Schleeh

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Mittwoch, 26. August 2015

Wild Animals (Kim Ki-duk, Südkorea 1997)


Eigentlich darf man über den Film gar nichts Wohlüberlegtes schreiben. Denn er selbst ist ein unbändig ruppiges Stück größter Orientierungslosigkeit und Verzweiflung, voller willkürlicher Zufälle, energetischen Eruptionen, höchster Gewalt, intimster Zärtlichkeit und grotesker Brutalität. Er wirft den Zuschauer von der einen Gefühlslage in die entgegengesetzte, unterlegt mit 80er Synthi- und arabischem Folklore-Pop. Grundiert mit der Verzweiflung zweier illegaler koreanischer Künstler (einer ein ehemaliger Soldat), die im "Milieu" von Paris zu Kleinkriminellen und schließlich zu Mördern werden. Die Frauen in diesem Film sind zwar allesamt begehrenswerte Wesen, müssen aber viel Leid und Gewalt ertragen und flüchten dann doch immer wieder in die Arme der falschen Männer. Und letztlich gilt auch für diese Männerbande, die ihre Homoerotik gut zu verbergen weiß: bros before hoes. Dennoch bringt der eine den anderen beinahe um. Schon für diesen frühen Film (davor gibt es nur noch das Debüt CROCODILES von 1996) gilt, was er später in einem Interview verlauten lässt: "Es geht mir dabei um eine Art von Magie, [...] um die Beziehung zwischen zwei Menschen, die allein in der Gewalt ihr adäquates Ausdrucksmittel findet." Kim Ki-duks Frankreich-Bewältigungsfilm: fehlen nur noch die Strandszenen eines obdachlosen Kunststudenten am Mittelmeer.

Und dann muss man erstmal über Sex reden. Gewalt und Sexualität stehen bei Kim immer im Zusammenhang (weswegen sein BAD GUY auch weitestgehend abgelehnt wird). Denis Lavant als Dealer und Zuhälter ist auch da, knetet die Brüste einer schönen Blonden; die Koreaner spritzen ab in der Porno-Kabine, während eine Prostituierte - übrigens ebenfalls Koreanerin und später deren Nemesis - die Hüften hinter der Scheibe kreisen lässt. Einer der beiden verliert bald den Kontakt zu dem, was man auch als Gangster noch so bringen kann. Rücksichtslose Gewalt gegen alle und jeden ist das, was bleibt. Und dann diese Grotesken: Ein Dealer vermöbelt seine Freundin wiederholt mit einer gefrorenen Forelle, die er aus dem Tiefkühlfach holt. Später wird er dann im gerechten Ausgleich, Zahn um Zahn, von ihr erstochen werden (bei Kinji Fukasaku gibt es übrigens auch eine solche Szene in einem seiner großen Gangsterfilme, wo einer auf dem Markt mit einem Fisch zusammengeschlagen wird). Einer der beiden Anti-Helden treibt es dann auch mit ihr, denn eigentlich ist sie Performance-Künstlerin und steht den ganzen Tag halbnackt im Park als Statue herum.

Die Bilder des Films sind ruppig, körnig, suchen nichts Schönes. Es ist, wie es ist. Hell oder dunkel, zu hell, zu dunkel. Nicht zu viele Positionen, eine gute genügt. Aber: Geht es runter ins Wasser, geht die Kamera auch ins Wasser. Soviel Aufwand muss sein. Kameramann ist übrigens Seo Jeong-min, der auch seinen nächsten Film, den großartigen THE BIRDCAGE INN (1998) ablichten wird, ein leider heute weitestgehend übersehenes erstes großes Meisterwerk voller trüber Existenzen. Einige Jahre später folgte für Seo dann noch Kims ebenfalls überragender ADDRESS UNKNOWN. In WILD ANIMALS ist man jedenfalls - zumindest ästhetisch - noch meilenweit von Kims berühmt gewordenen Gewässer-Filmen entfernt, von SEOM-THE ISLE und FRÜHLING, SOMMER, HERBST, WINTER... UND FRÜHLING und dem etwas weniger guten THE BOW. Der Film steigert sich in der Intensität vom erst noch recht zahmen Kunstraub der Prekariatsmaler, die ihre Beute auf der Straße an Passanten verkaufen, hin zum existenziellen Drama mit Mord und Totschlag. Und am Ende, da bleibt für alle Beteiligten nur die schlechteste aller möglichen Lösungen. Ein, wie ich finde, mit Einschränkungen wunderbarer, in der internationalen Rezeption eher schlecht wegkommender Film, der vor allem ein wenig an den mediokren französischen Schauspielern leidet. Es ist ein rarer und schwer zu bekommender Film, der aber nicht nur für Komplettisten sehenswert ist. Spröde muss man aber auch ein bisschen gut finden.

Michael Schleeh

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Montag, 24. August 2015

Kakera: A Piece Of Our Life (Momoko Ando, Japan 2009)


"I want to help people with something missing." Riko

Die zwei liegen nebeneinander im Bett, es ist früher morgen. Er schläft wie betäubt mit offenem Mund, sie ist schon länger wach. Außer den Tauben auf dem Balkon hört man nichts. Plötzlich läuft ihr eine Träne aus dem Augenwinkel, doch man hört keinen Ton. Angenervt zieht sie ihn kurz darauf an der Wange, und er wacht ebenso genervt auf, schlägt beinahe um sich. Dann springt er auf, rücksichtslos trampelt er über sie hinweg und schießt mit einer selbstgebauten Holzpistole die Tauben vom Balkon. Die Musik setzt ein. Vorspann. Traurigkeit schon am frühen Morgen, Traurigkeit, obwohl die Sonne scheint. Dann der Schnitt auf seinen kauenden Mund, wie er das Frühstück hineinmampft, sie, wie sie zurückhaltend an einem Stück Toast herumknabbert. Das Mädchen und der Rüpel, das Ende einer Beziehung? Auf dem Weg zur Arbeit oder wohin auch immer läuft er voraus, sie hintendrein. Sie reden nicht mit einander, es gibt wohl nicht viel zu sagen. Die Sonne blendet jetzt. Es ist eine strenge Wintersonne. Dann lässt er sie stehen, an der Bahn, und sagt: Bis morgen!, die Kamera bleibt ganz bei ihr, geht ihr wieder nach, zum Glück. Kakera, dein 'Piece of Life' ist Einsamkeit?

Jedenfalls ist Haru (Hikari Mitsushima), so heißt nämlich die Protagonistin, ein stilles und verschüchtertes Wesen. Und ein wenig trottelig ist sie auch. Wenn sie Milchkaffee trinkt, bemerkt sie den Milchbart nicht; wenn sie sich verspätet und zuhause aus der Tür stürzt, überschlägt sie sich beinahe. Haru jedenfalls lernt Riko (Eriko Nakamura) kennen, bzw. diese macht sich aktiv mit Haru bekannt. Man kann sich nicht vorstellen, dass Haru mal jemanden von sich aus anspricht. Riko hingegen wirkt in ihrer Offenheit ebenfalls befremdlich. Dass sie Haru nicht nur als Menschen, sondern als Freundin mit allem drum und dran haben möchte, macht sie früh schon klar. Schön ist es dann mit anzusehen, wie Haru auflebt und plötzlich selbst ganz schön wird, wenn sie lächelt. Das merkwürdige Misstrauen bleibt aber bestehen, das man gegenüber Riko hat: sie ist zwar nicht gerade pushy, aber so manche Szene fühlt sich leicht nach Grenzüberschreitung an. Sie sagt eben immer, was sie denkt. Und wenn sie denkt, dass sie Haru liebt, dann sagt sie ihr das auch. Das hat natürlich auch etwa total Befreiendes. Und gibt Haru den nötigen Kick, aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen.

KAKERA ist jedenfalls angenehm unprätentiös, aber auch nicht alles ist völlig überzeugend. In seiner Kameraführung ist der Film schon geradezu schlicht. Vielleicht sogar zu schlicht. Da hätte durchaus etwas mehr Formwillen walten dürfen. Die Bilder sehen bisweilen doch etwas zu sehr nach Fernsehen aus. Die Charaktere sind auch nicht gänzlich gelungen. Vor allem die Nebenfiguren sind etwas zu funktional geraten, zu übertrieben und zugespitzt auf charakterliche Spezialeigenschaften - und gerade deswegen häufig wenig glaubhaft. Da wird es hölzern, bleibt zu sehr an der Oberfläche und ausgerichtet auf die Zweckhaftigkeit gegenüber den Protagonistinnen. Der Soundtrack ist bisweilen etwas zu melodramatisch und schmalzig - in Momenten, in denen es einfach zu erwartbar ist. Und am Ende, um die Kritik abzuschließen, ja, da findet Film sein Ende nicht. Die letzten 15 Minuten sind zu zerfasert, da verliert er sich ausgerechnet im Bedürfnis dabei, alles zu Ende zu erzählen. Und man merkt: eigentlich wäre es viel schöner, wenn alle Handlungsstränge offen blieben - das Leben geht ja schließlich auch weiter.

Hikari Mitsushima kennt man als Yôko aus Sion Sonos LOVE EXPOSURE (und aus Sonos Langhaarhorror EXTE, dem düsteren und sehr erfolgreichen Thriller VILLAIN von Lee Sang-il und den Filmen der DEATH NOTE-Realverfilmungen), sie ist das Mädel, das auf den Plakaten immer den Stinkefinger hochhält. Außerdem ist sie mit Regisseur Yuya Ishii verheiratet (THE GREAT PASSAGE, SAWAKO DECIDES), was sicher auch ganz praktisch ist. Ganz interessant, wie sie hier völlig unbratzig auftritt und eine komplett andere Rolle spielt als in Sonos Film aus dem Jahr zuvor. KAKERA ist übrigens Momoko Andos Debutfilm. Im Moment ist sie stark auf dem aufsteigenden Ast, da sie mit ihrem zweiten Film, 0,5 MM, einige Erfolge feiert. Das liegt auch mit daran, dass sie ihre Schwester in der Hauptrolle besetzt hat, die gerade karrieremäßig durch die Decke geht: Sakura Ando. Die übrigens an der Seite von Hikari Matsushima wiederum in LOVE EXPOSURE mitgespielt hat. Sascha Schmidt vom Okaeri-Blog hat mit ihr bei der Nippon Connection ein Interview geführt, das unter anderem die Familienclan-Verhältnisse auch nochmal etwas aufdröselt. Wie im Titel bereits genannt: es ist ein echtes "Slice of Life"-Drama, geschrieben vom Alltag und dann doch spannend, wenn man nur genau genug hinschaut. KAKERA ist beim britischen Expat-Label Third Window Films als DVD erschienen und momentan für sehr kleines Geld zu haben.

Michael Schleeh

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Sonntag, 23. August 2015

Nastik (Pramod Chakravorty, Indien 1983)


"The devil played with us and God watched silently!"

"Der Atheist" ist ein astreiner Revenge-Thriller mit ordentlich komödiantischen Einlagen, für die nicht nur Amitabh Bachchan verantwortlich ist (der singt als Protagonist und Anti-Held, weil Tagedieb, auch beinah alle (sehr) schönen Songs). Los geht es erstmal sehr grausam und brutal, und mit einem Rückblick auf die Jugend des Helden namens Shankar: als dessen Vater, seines Zeichens Priester eines Dorftempels, plötzlich krank wird und er selbst die Gebete sprechen muss, bemerkt er die kriminellen Absichten des Landlords, der die wertvolle Statue des Tempels stehlen will. Als er dies zu verhindern versucht, wird der Vater, der sich kurz vor seinem Tod nochmal zum Tempel geschleppt hat um seinem Gott näher zu sein, von eben dem Gutsbesitzer mit einem Krummdolch ermordet. Der Täter heisst denn auch schlicht und feinsinnig "Tiger" (Amjad Khan), der in einem Rundumschlag auch noch die Mutter und Schwester Shankars über den Jordan schickt: in einer visuell eindrücklichen Feuersbrunst verbrennen sie bei lebendigem Leib. Kein Wunder ist der kleine Shankar davon traumatisiert und schwört ewige Rache.

Schnitt auf den erwachsenen Shankar, wie er von einer Brücke auf einen Zug springt und auf dem Dach entlang tanzend einen flotten Song zum Besten gibt - und so ist schnell klar, dem Typen kann keiner was, der ist dreist, frech, gut gelaunt, und so charmant, dass man besser die Tochter wegsperrt. Während in einer parallelen Handlung die kriminellen Machenschaften Tigers beleuchtet werden, der sich Glasaugen importieren lässt, in denen Diamanten versteckt sind, treffen die beiden total zufällig wieder aufeinander, während Shankar am Flughafen darauf wartet, dass ein ausländischer Protzwagen vorbeikommt, den er ausräubern kann. Zufällig ist das Tiger, den er aber nicht erkennt. Tiger trägt nun auch einen üppigen Wohlstands-Bauch vor sich her, schöne Koteletten, Goldringe als Zeichen seines Erfolges, und schmückt sich mit seiner Schwester, einer schönen Frau. Shankar nimmt ihm mit einem Trick dann die Diamanten ab, ohne zu wissen, was er da eigentlich hat (und eigentlich ist es noch etwas verdrechselter, was hier aber nicht so wichtig ist).

Der Film sieht umwerfend aus, in seiner körnigen 70er-Jahre Ästhetik (obwohl er von '83 ist), dazu noch diese riesigen Sonnenbrillen, Schlaghosen und eng geschneiderten Anzüge. Amitabh Bachchan trägt natürlich nichts unter dem Sakko außer einer beeindruckenden Menge an Brusthaar, das aus dem Ausschnitt quillt. Die heftig swingende Musik, die groovig jede Szene vorantreibt, tut ihr übriges, aus diesem Film eine sehr gute Unterhaltungsmaschine zu machen. Da ist es einem natürlich völlig egal, dass auch Shankar ein Gangster ist, schließlich hat er ein großes Herz, hilft den Bedürftigen und auch einem Mädchen, das mit dem Fahrrad stürzt. Genauso aber klaut er einem Geschäftsmann den Koffer aus dem Auto. Das Gefälle der sozialen Klassen scheint das weniger verwerflich, bzw. verzeihbar zu machen.

Was den Film dann aber so wirklich wahnsinnig toll macht, sind ab dem zweiten Drittel immer stärker hereindrängende James-Bond-Anleihen. Das beginnt mit dem berühmten E-Gitarren-Tremolo, das kurz anzitiert wird (vermutlich aus Rechtegründen nur sekundenkurz) und geht dann soweit, dass der verschlagene Bösewicht Tiger gleich Dr. No in einem Felsversteck im Berg haust, in einem aus mehreren Höhlen bestehenden verborgenen Unterschlupf. Dort arbeiten die Männer an mysteriösen Maschinen, stellen irgendwas her, es dröhnen Turbinen und es gibt auch eine vollverglaste Folterkammer, in die die Eindringlinge gesperrt werden können. Mittlerweile nämlich hat Shankar Verstärkung bekommen durch zwei weitere Meisterdiebe, einen Mann und eine Frau, die ebenfalls aus persönlichen Notlagen heraus auf die schiefe Bahn geraten sind (und denen man deshalb nicht böse sein kann - außerdem ist Tiger ja noch viel böser). NASTIK interessiert sich hier überhaupt nicht mehr für seinen eigentlichen, im Filmtitel genannten Plot, nämlich den von Gott abgefallenen oder sich abgewendet habenden Verbrecher, sondern macht Platz für 100% Action-Radau: spektakulärer, größer, schneller, gerissener. Denn so entkommen die Meisterdiebe jeder lebensgefährlichen Situation durch ihre Gerissenheit und Kaltschnäuzigkeit und Dank der Bereitschaft, kompromisslos zu handeln. Und wenn einer Hilfe braucht, dann ist man einen Kickboxsprung später für ihn da. Solidarität kills the bad guy. Als hätten wir das nicht schon vorher gewusst.

Durch eine ziemlich unvorhersehbare Wendung wird der Held (nach dem Kampf mit einer Abriss-Birne auf einer Baustelle - einer der vielen skurrilen Höhepunkte dieses tollen Films) wieder auf den rechten Weg zurückgeführt - gleichwohl hat sich seine Wut gegenüber der Unerbittlichkeit der Götter nicht verflüchtigt. Und wenn sich dann noch die Schwester des Tigers als love interest empfiehlt, könnte der Film aufgrund seiner Verkettungen beinahe noch in eine unvermutete Harmonie hineingleiten. Stimmungswechsel gehören ja zum Alltag im melodramatischen Bollywood und das wäre somit nichts Ungewöhnliches. Andererseits, der nächste Faustkampf nachts und in strömendem Regen ist auch nicht weit. In NASTIK scheint alles möglich, und am besten überzeugt man sich selbst von der Güte dieses abwechslungsreichen Films. Genre-Grenzen kennt dieser Film jedenfalls nicht, was ja ein allseits bekanntes Markenzeichen indischer (Masala-) Filme ist - und was mit westlichen Sehgewohnheiten nicht immer so einfach zu tolerieren ist. Mir hat er jedenfalls außerordentlich großen Spaß gemacht.

Michael Schleeh

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Freitag, 21. August 2015

Monster Hunt (Raman Hui, China 2015)


In China wird diese Arbeit des ehemaligen Dreamworks-Animators (Shrek, Kung Fu Panda) als Familienfilm beworben. Und tatsächlich gibt es auch ein paar süße Monster (die dann aber durchaus böse sein können), und sowieso sieht in diesem mystischen Königreich alles ganz familienfreundlich nach lustiger Mittelaltermarkt-Geschichte aus. Aber in dieser komplexen Gemengelage zwischen chinesischen Folktales und Fiktion geht es mitunter ganz schön gewalttätig zu. Nicht, dass hier Blut fließen würde. Aber es rummst so ordentlich durch den Wackelsessel im Hongkonger Multiplex, dass der Film sich direkt sehr eindrücklich in den Körper hinein fortsetzt.

Man fühlt sich wie in einem märchenhaften Historienfilm, in dem böse Drachen das - zuerst noch ungeborene Kind - der Monstersippe rauben wollen. Die Königin ist mit letzter Kraft entflohen, doch die Verfolger sind ihnen auf den Fersen. Da muss dann auch mal direkt ein ganzes Dorf dran glauben, wenn die brutalen Verfolger aus Rache und Vernichtungswut eben jenes in toto in ein Flammenmeer verwandeln. Auch gruselig: die Monster nehmen menschliche Züge an, um sich zu tarnen. Die menschliche Hülle wird überkopf über den Körper gestreift und sitzt wie eine zweite Haut. Man kann sich also niemals sicher sein, wer Mensch ist und wer Monster.



Natürlich ist es dann ein gutgläubiger Dorftrottel (Jing Boran, bekannter Sänger der Popgruppe BoBo), der den zukünftigen Prinzen retten muss - mit Hilfe einer schönen Kämpferin übrigens, deren Herz er zugleich erobert. Und zwar in dem Moment, in dem er über sich selbst hinauswächst und sie sich schließlich zu ihm hingezogen fühlt. Gespielt wird diese Rolle von Bai Baihe, die zuvor vor allem in romantischen Komödien zu Erfolg kam. In Monster Hunt leuchtet jede Szene, wenn sie auftritt und zu einem Lächeln ansetzt - wenn sie denn endlich mal lächelt. Ein großartiger, sehr gut choreographierter Unterhaltungsfilm mit Martial Arts-Einlagen (und bekannten Recken wie Eric Tsang in Nebenrollen), der sich in recht engen und durchaus vorhersehbaren Bahnen bewegt. Der aber derart temporeich ist, dass das überhaupt nicht stört. Zu recht ein riesiger Kassenhit in seinem Heimatlande. Ein Kinostart in Deutschland wäre sehr zu wünschen (laut filmstarts.de noch ohne Termin), und eine Empfehlung sei für Erwachsene und vielleicht für eher etwas ältere Kinder ausgesprochen.

Michael Schleeh

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Dienstag, 18. August 2015

To The Fore (Dante Lam, Hongkong / China 2015)


Mit viel Aufwand wurde dieser Film produziert: die Schauspieler mussten sechs Monate mit dem Rad trainieren, gedreht wurde in verschiedenen Ländern auf mehreren Kontinenten, die Hürde, sich als Mann die Beine zu rasieren war wohl für viele Darsteller nicht einfach. Kein Witz. Der taiwanesische Radhersteller Merida stellte über dreihundert Räder zur Verfügung. Nach dem großartigen UNBEATABLE also ein weiteres Sportler-Drama von Actionmaestro Dante Lam.

Und dennoch ist TO THE FORE im Kern wohl oder übel  nichts anderes als eine Liebesgeschichte. Zwei gut aussehende Sportler kämpfen um dieselbe Frau und ums gelbe Trikot. Und ein Koreaner will ihnen die Suppe vermiesen. Es ist der Sprung vom Amateur- zum Profisport, dabei kommen wie zwangsläufig ein paar zwischenmenschliche Ideale unter die Räder, einmal geht es im bedingungslosen Kampf auch um Doping.

Und dennoch, wie gesagt, geht es vor allem um die Liebe, und wenn es nicht klappt, dann wird gierig Whisky getrunken. Ein bestimmter Single Malt, wie so vieles in diesem Film: product placement allenthalben. Marken über Marken. Dass dieser hin- und herrschlingernde Film trotzdem oft Spaß macht, liegt auch und vor allem an den Actionszenen: mit der Kamera ist man hier mitten drin im Peloton. Jeder Sprint, Zweikampf, die Geschwindigkeit, die Kurven, die Bergpässe, die körperliche Erschöpfung, Massenkarambolagen, sich überschlagende Körper werden en detail gezeigt, atemlose Action verfilmt direkt vom Helm, Lenkrad, Schaltgetriebe.

Die Sache mit der Liebe in diesen Film ist, wie gesagt, leider etwas unbefriedigend. Zum einen ist und bleibt alles außerordentlich keusch und merkwürdig leidenschaftslos, aseptisch geradezu, zum anderen ist der Film ein klassischer Bechdel-Test-Verlierer. Komisches Frauenverständnis: Die Angebetete existiert nur im Verhältnis zum Mann, als Gegenstand der Eroberung oder als Trophäe. Sie hat keine einzige eigenständige Dialogzeile, die sie als autonomes Individuum etablieren würde, alles steht immerzu in Relation zum Lover. Kritisch sein darf sie nur mit tadelnden Blicken, persönliche Hürden und Traumata werden nur mit männlicher Hilfe überwunden (das Atmen, der Bungee-Sprung, die Verletzung). Am Ende, geradezu grotesk, kann sie nur wieder neu funktionieren mit dem vom Mann implantierten körperlichen Ersatzteil. Ein sehr trauriges Kapitel in diesem Film.

Die Zuschauer scheint das alles wenig zu stören. Die Frauen im Publikum um mich herum haben herzlich gelacht die ganze Zeit, und das ist nun ein weiterer Kern der Geschichte: der Film als Komödie. Auch so funktioniert er großartig: als Buddymovie, der Kapital aus den unterschiedlichen Charakteren der beiden Hauptfiguren schlägt. Das wirkt befreiend und ist ein hervorragender Katalysator für die nervenaufreibenden Actionszenen, für die Dante Lam so bekannt ist. Der Impact auf den menschlichen Körper wird hier mal nicht an Autos sondern direkt am Menschen gezeigt. Das hat ganz schön viel Power und tröstet darüber hinweg, dass der Film auch oft genug (auch optisch durch das krasse HD) wie eine billige Reklameveranstaltung wirkt.

Michael Schleeh

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Montag, 17. August 2015

Attack on Titan (Shinji Higuchi, Japan 2015)


Der Film wirft den Zuschauer gleich von Beginn an unmittelbar und mitten in die Handlung hinein. Ganz so, als wären die Rahmenbedingungen dieser postapokalyptischen Welt sowieso jedem bekannt (Mangaleser der Originalvorlage sind im Vorteil). Ein bisschen unausgelebte Liebessehnsucht zwischen Figuren, die man erst nach und nach kennenlernt. Ein bisschen bukolischer Schmalz, damit die Fallhöhe nachher größer ist. Ein bisschen Steampunk, damit man neben all dem künstlichen CGI noch was Handfestes hat. Ein bisschen Mittelaltermarkt in der Zukunft, damit die Fans von THE HUNGER GAMES / TRIBUTE VON PANEM sich direkt wohlfühlen können. Und dann kommen recht schnell schon die Titanen und ein barbarisches Gemetzel beginnt, dass einem Hören und Sehen vergeht.

ATTACK ON TITAN muss im Netz viel Schmäh, Schimpf und Schande einstecken, da sind wohl einige nicht zufrieden. Entweder wird das CGI beanstandet, das nicht die technische Perfektion habe, die so ein Film bräuchte; oder es werden die Abweichungen von der Mangavorlage moniert, man habe sich zu weit vom Original entfernt. Puristen mag das stören, die Film als Erfüllungsgehilfen für externe Ansprüche begreifen; mir persönlich ist das jedoch völlig schnurz. Ein Film ist ein eigenständiges Kunstwerk und kann sich im besten Falle sowieso nur einer Vorlage annähern, tendenziell. Es werden sich aber immer Abweichungen finden, im Negativen wie im Positiven. Wer penibler hinschaut, findet mehr, wer schon in der Vorlage nicht richtig aufmerksam war, wird immer unzufrieden sein.

Also: Irgendwann in der Zukunft haben sich die Menschen hinter riesige Schutzwälle zurückgezogen, da man sich vor den menschenfressenden Titanen schützen möchte. Die sind riesig und beinahe unzerstörbar (ganz ähnlich wie mit dem Nachtwachen-Erzählfaden bei GAME OF THRONES). Allerdings: seit zweihundert Jahren habe man schon keine Titanen mehr gesehen, und viele empfinden die Wälle weniger als Schutz denn als Gefängnis. Die drei Hauptfiguren planen auszubrechen - man weiß ja nicht, vielleicht erwartet einen ja auch das Paradies dort draußen?

Eines darf man sicherlich noch verraten: das ist eine gravierende Fehlannahme. Draußen ist nur Tod und Verwüstung und just in diesem Moment revanchieren sich die Mutanten dann auch mit einem Angriff auf die befestigte Stadt. Gegen Ende, wenn alles immer noch dramatischer werden muss, übersteuert der Film etwas, da verliert er das richtige Maß. Bis dahin aber ist das beste megalomanische Blockbusterunterhaltung, die einen in den Kinosessel presst. Die Hoffnung stirbt zwar bekanntlich zuletzt, in diesem Film aber stirbt sie gründlich. Aus diesen Ruinen kann eigentlich nichts mehr erwachsen. Auf Teil 2, der schon in den Startlöchern steht, darf man bereits gespannt sein - es wäre schön, wenn er die inszenatorische Dichte dieses ersten Teils erreichen würde.

Michael Schleeh

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Sonntag, 16. August 2015

Hong Kong International Summer Film Festival 2015: Piku (Shoojit Sircar, Indien 2015)


Man könnte natürlich ganz salopp und irgendwie provokant zum Besten geben, dass PIKU ein Film über Amitabh Bachchans Verdauung ist - schiebt er doch einen riesigen, angeschwollenen Bauch durch den ganzen Film und hat es sich als Hypochonder ganz gut eingerichtet. Ganz falsch liegt man damit nicht, und vielleicht sagt das auch etwas über den Starstatus gewisser Leute im indischen Kino aus. Er hat z.B. mit über 16 Millionen zwei Millionen mehr Follower auf Twitter als Shah Rukh Khan und zehn Millionen mehr als Tom Cruise. Aber eigentlich ist das Nicht-aufs-Klo-Können natürlich nur der Aufhänger, Dreh- und Angelpunkt für eine Komödie der autoritären Familienkonflikte, für ein Drama, in dem verschiedene Figuren Dinge lernen, ein Einsehen haben, vielleicht umdenken irgendwann.

Der Impuls kommt wie so oft (und schematisch) von außen: der Betreiber eines Taxiunternehmens (Irrfan Khan) treibt dem streitlustigen Alten (Amitabh Bachchan) den bengalischen Standesdünkel aus und empfiehlt sich so zugleich als eventueller Schwiegersohn für die Tochter, Architektin ihrerseits, die immerzu sehr auf Zack ist (nicht weniger großartig: eine herrische Deepika Padukone). Die drei Hauptdarsteller haben eine atemberaubende Dynamik miteinander, das ist alles tadellos gespielt und großartig inszeniert, mit lauten, schnellen Duellen und versteckten Blicken.

Im ersten Drittel sind die Wortgefechte allerdings so rasant geschnitten, dass man tatsächlich Mühe hat, überhaupt die Untertitel mitlesen zu können. Die Montage ist so dermaßen rasend, dass dem Zuschauer, der auf Untertitel angewiesen ist, manchmal das Filmbild flöten geht. Das ist ein bisschen schade, wird aber später besser, wenn das "Stilmittel Wortgefecht" etabliert ist und man weiß, wie sich die Protagonisten mit immer neu gefundenen Argumenten das letzte bisschen Nerv rauben. Für den Zuschauer ist das alles höchst unterhaltsam, die Szenen sind perfekt getimet, PIKU hat den ganzen Film über sowieso keinen einzigen Durchhänger.

Natürlich findet sich dann auch in PIKU das Derivat eines Liebesfilms, denn immerhin ist die Protagonistin schon 30 Jahre alt, und, wie der Vater gerne zum Besten gibt, beileibe keine Jungfrau mehr. Seitenhiebe auf standardisierte Bollywood-Themen finden sich zuhauf, Ironisierungen in großer Zahl. Etwa wenn der Vater gar nicht will, dass die Tochter heiratet, weil sich dann keiner mehr um ihn kümmert. Der Film aber baut Irrfan natürlich als möglichen Partner für Deepika auf, als Kontrahent zum Anwärter aus ihrem Büro, einem braven Unterstützer, der schnell überfordert ist, ebenfalls an Verdauungsproblemen leidet und somit ausscheidet als möglicher Kandidat. Unsexy. Ansonsten jongliert der Film noch mehrere Nebenerzählungen, vor allem was die Familiengeschichte angeht. Hier wird ein moderner Utilitarismus einem klassischen Bewahren von Traditionen gegenüber gestellt, und Deepika, die erfolgreiche Businessfrau aus New Delhi, muss entscheiden, ob sie dem Ruf ihrer bengalischen Wurzeln folgt. Das ist vom Drehbuch her manchmal etwas schematisch, aber dennoch höchst unterhaltsam. Und es gibt ja immer noch Irrfan, den verzweifelten Kopfschüttler, der sich das familiäre Desaster als Stellvertreter des Publikums von außen anschaut. Und sich entscheiden muss, ob er da wirklich ganz hinein will.

Michael Schleeh

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