DVD BluRay

Mittwoch, 30. September 2015

Paruthiveeran (Ameer Sultan, Indien 2007)


"We will spend our lifes here in jails down south!" (Paruthiveeran)

Bei einem turbulenten Dorffest kommt es zu einer Messerstecherei. Ameer Sultan inszneiert das minutiös, präzise und höchstspannend mit einer Kamera, die mitten im Getümmel ist, inmitten des Geschreis, der Songs, der Vielzahl der bespielten und geschlagenen Instrumente. Die Menschen tanzen und toben, Frauen kochen mittendrin auf der Erde oder in den Zelten, eine Ziegenherde läuft durchs Bild. Alle sind geschminkt, verkleidet, maskiert, getarnt also. Da kann es schnell zum Aufruhr kommen. Die Polizei ist da, vermutet was, aber die Mörder sind nicht doof. Messer wechseln schnell den Besitzer, werden versteckt, hervorgezogen, Kinder sind auch dabei. Ein Opfer ist hier nirgends sicher, ganz klar, selbst wenn man am Boden liegt merkt das keiner, erstmal.

Der Ort ist Paruthiyur, irgendwo auf dem Land nahe der Stadt Madurai in Tamil Nadu, Südindien. Der Held, hier deutlich: ein Anti-Held, Paruthiveeran. Er ist derjenige, der mit dem Messer zugestochen hat, doch das Gesetz fürchtet er nicht. Er kommt sowieso wieder schnell aus dem Gefängnis raus, die Kaution bezahlt der Clanchef. Überhaupt hier wieder diese Clans, die sich bekriegen seit Generationen. Da ist bei jedem Streit gleich Blutrache angesagt, kommuniziert wird ausdrücklich nur durch Anschreien, trifft man sich, dann nur mit einer Mannschaft Schläger zur Unterstützung. Und deswegen auch wieder ein ideales Feld für Romeo & Julia-Stoffe. Zwei die sich lieben und nicht zusammen finden dürfen. Väter, die ihre Töchter schlagen, Väter, die ihre Söhne schlagen, Männer, die sich gegenseitig schlagen. Und weil tamilisches Kino: sich meterweit durch die Luft werfen.

Die Luft ist ganz klar hier auf dem Land zwischen dem Fluß und den goldenen Kornfeldern unter blauem Himmel. Die Landschaft ist atemberaubend. Umso krasser der Gegensatz: diese brutalistische Schönheit der Panoramen und die Hässlichkeit und latente Brutalität des menschlichen Gegeneinander-Lebens. Die Kameraarbeit ist großartig in diesem Film, wie sie die Gewalt der Erzählung in die Gewalt der Bilder übersetzt; aber auch wie sie Gesichter einfängt, um die Figuren herumkreiselt und durch die Luft schwebt, über Anhöhen hinweg und dann in die Ferne hinein, das ist alles ganz wunderbar oder eben auch sehr schwer erträglich, beides zugleich. Das geht bis zu völlig deformierten Bildern in den Splitscreens, die offensichtlich dem Bildformat nicht angepasst wurden. Hier wird dem eigenen Film Gewalt angetan. Auch die Musik, sehr tribalistisch und minimalistisch in ihren Melodien, sehr schön gelungen. Lange Songs, zu den Trommeln setzt plötzlich noch eine langstilige Trompete ein, die Leute tanzen und hüpfen mehr in der Ekstase denn in einer Choreographie. Die Musik überwältigt die Leute, übertönt für diesen Moment die Gewalt in ihren Herzen - ist sie vorbei, kehrt direkt die Gewalt zurück. Während des Tanzes wird auch die Machete nicht aus der Hand gelegt.

Immer wieder auch Rückblicke in schwarz-weiß, in die Jugendtage von Veeran (das Spielfilmdebut des großartigen Schauspielers Karthi) und seiner Nachbarin und Freundin Mathutagu (nicht weniger toll gespielt von Priyamani), die er nach einem Sturz in einen tiefen Brunnen rettet. Sie verspricht ihm da, seine Frau zu werden, und eisern hält sie daran fest, auch wenn er aus der anderen Familie ist, auch wenn er ein Krimineller ist, der sein Leben in südlichen Gefängnissen verbringt. Sein Onkel scherzt einmal, ob sie nicht etwas so Schlimmes anstellen wollen, dass sie es bis ins Gefängnis von Madras (Chennai) schaffen, und Karthi lacht sich tot darüber, bevor er den nächsten vorbeiziehenden Straßenhändler überfällt. Ganz am Ende allerdings, wo er endlich die Liebe Matathagus annehmen kann, da geschieht etwas sehr Grausames, was alles verändert. Das sind nachtdunkle Bilder, die einem den Schlaf rauben können und Karthi löst diese Sackgassensituation mit der ihm eigenen Konsequenz, also mit der Machete. Ein großartiges Ende für einen großartigen Film, der mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurde und 2008 auf der Berlinale lief - ein Film aus einer anderen Welt.

Michael Schleeh

***

Sonntag, 27. September 2015

Patong Girl (Susanna Salonen, Thailand / Deutschland 2014)



Die deutsche Familie Schroeder verbringt den Weihnachtsurlaub im thailändischen Phuket, und während sich die Eltern immer wieder den Tag mit kleineren Streitereien versüßen, lernt der schüchterne Sohn Felix ("der Glückliche") die hübsche Thailänderin Fai kennen. Das Verknalltsein ist da, man ist gegenseitig entflammt, wenngleich die Eltern von Felix wenig von der Urlaubsliebelei halten. Zumal eine gewisse Rebecca zu hause auf ihren Felix wartet. Insbesondere die sich ach so vorurteilsfrei gebende Mutter ist voller Vorbehalte und unterstellt dem Mädchen niederste Absichten, da sie sowieso nur eine Prostituierte sein könne. Ihre eigenen Frustrationen lenkt sie in zunächst passiv-aggressiver Weise, dann aber immer offensiver werdend gegen ihren Mann, der sich genervt von seiner Frau distanziert und bald beginnt, die Position des Sohnes zu verteidigen. Aber eigentlich geht es in diesem Film um das junge Liebespaar, das nicht weiß, wie es mit dem fremden Leben im eigenen umgehen sollen, und was passiert, wenn Felix den Flug nach Hause, nach Deutschland nehmen soll.

Der Film, finanziert von einigen Förderanstalten und produziert vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF, sieht denn leider auch bisweilen aus wie ein ebensolcher Fernsehfilm, und nicht wie Kino (Detlev Bucks ganz ähnlicher Filmentwurf SAME SAME BUT DIFFERENT hatte - vor allem visuell - etwas mehr zu bieten). Im Getümmel des Exotischen fällt das aber nicht so ins Gewicht, dann doch aber eher die kurze Spieldauer von genau 89 fernsehtauglichen Minuten. Vor allem im letzten, interessanteren Drittel des Films, in welchem es die Protagonisten in das Heimatstädtchen von Fai im Norden Thailands verschlägt, wirkt er etwas gehetzt und am Ende doch recht gewaltsam verkürzt zu Ende gebracht. Zwanzig Minuten mehr, die auch den Konflikt in Fais Familie noch genauer hätten beleuchten können, hätten dem Film gut getan und wären seiner Geschichte angemessen gewesen. Schade, dass es auf der DVD keinen Extended Cut gibt. Abgesehen von einigen Stereotypen, die man von solchen gutgemeinten Message-Filmen immer präsentiert bekommt, ist der Film aber erstaunlich liebevoll erzählt; er nimmt sich Zeit für ruhige Momente und kleine Details. So wirkt die Liebesgeschichte erstaunlich plausibel und geradezu zärtlich, aber auch alle anderen Schauspieler sind nicht nur ihren Rollen gewachsen, sondern spielen diese ganz ausgezeichnet und mit großer Hingabe. PATONG GIRL ist ein unterhaltsam amüsanter und bisweilen kritischer Film, der Vorurteile beleuchtet und auch Geschlechterrollen verhandelt. In seiner Narration hätte das Regiedebut von Susanna Salonen aber gerne etwas wagemutiger sein dürfen. 

Zur DVD-Veröffentlichung: 

Die Tragikomödie PATONG GIRL ist am 11. September 2015 beim Label Neue Visionen / good!movies als DVD erschienen und bietet zum Originalton auf Deutsch (passagenweise auch Englisch und Thai) deutsche Untertitel für die fremdsprachigen Dialoge, sowie eine komplette englische Untertitelung an. Bonusmaterial ist kaum vorhanden außer einem Musikvideo, einer Behind-the-Scenes-Szene mit einem Bungee-Sprung und einem einzigen Outtake, einer kurzen Szene bei Fais Familie. Ansonsten finden sich noch weitere Trailer des Labels auf der Scheibe. Die DVD kann hier bei amazon.de erstanden werden.

Michael Schleeh

***

Mittwoch, 23. September 2015

No Smoking (Anurag Kashyap, Indien 2007)


Anurag Kashyaps mit dem experimentellen Filmemachen spielender Film nach einer Story von Stephen King ("Quitters Inc.") und im hippen Geiste eines THE GAME von David Fincher folgt dem Protagonisten namens K, "just K" (John Abraham), auf einer Höllenfahrt in die Abgründe Kalkuttas bzw. seiner eigenen Seele - und das nur, weil er mit dem Rauchen aufhören soll. Die Gattin drängt ihn. Denn Rauchen tut er wie ein Schlot, hat sich schon einen Ersatzlungenflügel von seinem Bruder einfügen lassen müssen. Und dennoch raucht er nicht nur nach dem Sex, sondern auch vor demselben. Und bei einem reichen, gut aussehenden Schnösel wie K ist eigentlich immer "vor dem Sex". Dass der Film bald anfängt zu nerven, wenn er von Stilbruch zu Stilbruch springt, verwundert nicht: zu wenig zwingend wirkt das alles, zu wenig plausibel oder herausgearbeitet. Selbstverliebtes Filmemachen. Warum zum Beispiel immer wieder Szenen mit den Comic-Sprechblasen im Bild? Warum die schwarz-weiß-Szenen in Stummfilmästhetik, wenn er sich an die Jugend erinnert? Weil die Ereignisse in der Vergangenheit liegen? Also bitte.

Freilich, einzelne Sequenzen sind auch toll gelungen, besonders die in der Höllenküche des Baba Bangali (Patesh Rawal), oder wie auch immer der unterhemdgewandete Schlachtmeister heißt, der ihn mit seinen Erpressungen im Griff behält. Sollte er wieder eine rauchen, dann... verliert er einen Finger, wird der Bruder gefoltert, die Frau umgebracht. Jedesmal ein bisschen schlimmer, bis er halt das Rauchen sein lässt. Das soll auch ausdrücken, wie schlimm eine Sucht sein kann; NO SMOKING offenbart aber auch einen Regisseur, der so besessen von seinem eigenen Film ist, dass er einfach jeden Scheiß zu machen scheint, der ihm als Universalgenie in die Birne springt. Wie gesagt, das wirkt willkürlich, wenig zwingend, aus einem Gedankenspiel wird zwanghaft schräges Kino. Abgefedert wird das auch nicht gerade durch das immer wieder alles überstrahlende Selbstbewußtsein des Helden, der mit seinem guten Look, seinen gegelten Haaren und sauber rasiertem Sixpack über der Gürtellinie derart idiotisch und deplaziert wirkt, dass es dem Zuschauer sehr schwer fällt, auch nur etwas Empathie für ihn aufzubringen. Auch ein Bad in der Wanne eines Luxushotels (voller Rosenblätter) ändert daran nichts, ganz im Gegenteil; genausowenig, wenn der Adonis machomäßig im Sessel flackt, einen Whisky schlürft und wichtig telephoniert, während seine Sekretärin ihm die Fußnägel knippst. Das ist kein Witz.

Michael Schleeh

***

Sonntag, 20. September 2015

Thilagar (B. Perumal Pillai, Indien 2015)


Die beiden Familien von Bose Pandian und Ugren Pandian sind schon lange verfeindet. Die Liebe zwischen zweier ihrer Kinder kann den Graben tragischerweise auch nicht überbrücken, ganz im Gegenteil: nach dem Mord an Bose eskaliert die Situation vollkommen und über Jahre hinweg wird nur noch mit Macheten kommuniziert. Das Haus kann keiner mehr verlassen ohne über die Schulter zu blicken. Vor allem als der nur noch vom Hass sich nährende Ugren seine drei Söhne verliert, ist mit Frieden überhaupt nicht mehr zu rechnen. Die Polizei, Recht und Gesetz kommen in diesem Film, in dem alle Macht bei den Clan-Ältesten liegt, quasi überhaupt nicht vor. Die dürfen am Ende nur die Leichen wegräumen. Da das ein bejammernswerter Zustand ist, wird dem Zuschauer im Abspann auch noch eins mit der Moralkeule übergezogen. Ein Voice-Over-Kommentar spricht sich ganz deutlich gegen den Hass und für die Nächstenliebe aus, nur so könne Frieden entstehen, eben durch die Vergebung von Schuld. Rache mache alles immer nur noch schlimmer. Nun ja, das hatte man eigentlich durchaus hinreichend verstanden.

Dieser aktuelle tamilische Film ist nun leider der am wenigsten überzeugende, den ich bisher gesehen habe. Abgesehen von einigen zähen Passagen, die nur mit Durchhaltevermögen zu überstehen sind, besteht der Film vor allem aus Übertreibungen. Larger than life wird hier ganz groß geschrieben, aber das Kondensat mag nicht so richtig schmecken. Der wie so häufig im tamilischen Film völlig übertriebene Inszenierungsstil kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass unterm Rockschoß eigentlich nicht allzuviel los ist. Zumindest in den Action-Szenen. Da können die langhaarigen Primitivlinge noch so oft vom Trampolin aus den Gebüschen heraus springen und laut grunzend die Macheten schwingen. Da fehlt es an Finesse, Budget, und darstellerischem Können. Und an gutem Geschmack freilich auch. Die Figuren, zumeist funktionale Schablonen, bleiben fremd und in der Distanz, sie besitzen so gut wie keine Biographien. Eine Nähe zu ihnen aufzubauen ist quasi nicht möglich.


Ganz missraten ist der Film aber nicht. Das bisweilen hohe Tempo lässt den Zuschauer dann doch immer weiter dran bleiben bis zum Schluss, indes, die ruhigen Szenen sind oftmals stärker und einprägsamer als die lauten und gewalttätigen. Mit der Sequenz beim Kali-Festival in Filmmitte etwa, das völlig atmosphärisch und unheimlich geraten ist und das dann zum Mord an Bose führt, ist dem Regisseur tatsächlich ein großartiger cineastischer Moment gelungen - der eigentliche Höhepunkt des Films. Wie in Trance bewegen sich hier die Menschenmassen in ekstatischem Tanz und Gesang, verkleidet mit langen Perücken, heraushängenden Zungen und grusligen schwarzen und roten Masken, mehreren Armen und Halsketten aus Totenköpfen (Kali ist im Hinduismus die Göttin der Zerstörung und des Todes (aber auch der Erneuerung)), eine wogende Menge, die Bose seinen Mördern in die Arme treibt, die im Getümmel leichtes Spiel mit ihm haben. Thilagar übrigens ist der Name des jungen Mannes, der sich am Anfang in die Tochter der anderen Familie verliebt hatte und der nun Bose rächen wird. Man sieht ihn oben auf dem Plakat - eindrucksvoller, auch als Schauspieler, ist aber eigentlich Bose selbst, der wie eine tamilische Variante von Rohit Shettys Singham wirkt, also ein bisschen wie der magnetische Ajay Devgn. Der Bezug verwundert nun wiederum nicht, da SINGHAM das Remake eines tamilischen Originals ist. Thilagar ist ein Film, den man sich mit etwas gutem Willen anschauen kann. Zwingend empfehlen möchte ich ihn aber nicht. Abgesehen von der oben genannten Szene.

Michael Schleeh

***

Donnerstag, 17. September 2015

Zombie Fight Club (Joe Chien, Taiwan 2014)



Joe Chiens Nachfolge-Film zum schon damals sehr geschmacklosen Debut ZOMBIE 108 haut wieder in dieselbe Kerbe. Sehr viele Zombies, sehr brutal, sehr misogyn. Und: Frauen haben bei Joe Chien nichts zu lachen, es sei denn, sie befinden sich unter dem Einfluß von bewußtseinserweiternden Drogen. Ansonsten dürfen sie schön den pushed up-Busen oder gleich das Hinterteil in die Kamera halten, bevor der Dominator anrückt und es ihnen mal so richtig besorgt. Ich glaube, so primitiv und animalisch habe ich das selten gesehen - und es ist offenkundig, dass wirklich alle Darstellerinnen ausschließlich wegen ihres Aussehens gecastet worden sind. Lasst alle Würde fahren, Herrgott! Hier hätte mich mal ein Behind-the-scenes-Special interessiert. Aber nun zum Film, der mit einem dystopischen Szenario startet, das ebenfalls keine Gefangenen macht. Und wenn dein eigenes Gehirn irgendwann kapituliert, dann geht es dir nicht anders, wie den Figuren im Film (oder Andy On, über dessen Karriere man sich nun endgültig Sorgen machen darf):

Taipeh wird überrollt von einer Zombieplage, die durch amerikanische Pharmapillen ins Land geschleppt wurde. SARS aus den USA importiert, quasi. Die Bewohner eines Hochhauses (siehe DREDD & THE RAID) scheinen mit die letzten Überlebenden zu sein und müssen irgendwie durchhalten. Wohin und wozu wird man sehen müssen. Alldieweil, sie kommen sowieso nicht weit. Die Zombies sind zwar nicht so aggressiv wie man das von Danny Boyles Langstreckenrennern gewohnt ist, aber die schiere Übermacht scheint unbezwingbar. Ein paar Drogenhändler und ihre HipHop-Schnallen, sowie ein bis zwei Männer einer Spezialeinheit retten sich in die Wohnung eines Lehrers, der gerade Besuch hat von ein paar Schülerinnen, denen er übrigens auch erotischerseits zugeneigt ist. Da Sex so wichtig ist wie Überleben, kann man sich denken, was nun für ein Zwischenspiel folgt. Nach etwa zwei Drittel bricht der Film dann plötzlich ab, wenn es die letzten Überlebenden in den Untergrund geschafft haben. Sprung in die Zukunft. Aber auch dort wartet nicht das Paradies. In einer bizarren Cage-Fight-Situation wie in einer römischen Arena müssen sie nun ums Überleben kämpfen, angeführt von einem debilen Irren, der irgendwie schwarze Lodenmäntel trägt und sich geriert wie von der Waffen-SS. Warum nicht alles machen, was man sich so ausdenken kann, Hauptsache, es wird gematscht! Mit Exploitation-Kino hat dieser crispe Hochglanz-Schmuh natürlich nicht das geringste zu tun, das sollte man keinesfalls verwechseln.

Zur DVD-Veröffentlichung: 

Das scheint also die Devise zu sein von Joe Chiens Filmemachen: Matschepampe. Eine zweite Chance wollte ich diesem Extremtransgressions-Regisseur durchaus einräumen, nachdem mir schon sein Erstling so auf den Magen geschlagen hatte. Besser finde ich das hier leider nicht, sondern von ganz ähnlicher, unterirdischer Qualität. ZOMBIE FIGHT CLUB ist vielleicht etwas für ganz besonders Hartgesottene, die vor nichts zurückschrecken. Auch nicht vor Tonnen von CGI-Gematsche. Es ist ein Wunder, dass die DVD von Mad Dimension ungeschnitten auf den Markt gekommen ist, so wie es hier zur Sache geht. FSK 18 prangt auf der Hülle, Uncut Edition (mit Wendecover). Den Ton gibt es im Original (Mandarin), sowie in deutscher Synchronisation. Deutsche Untertitel können zugeschaltet werden. Extras finden sich - bis auf die üblichen Werbetrailer - keine auf der DVD. Den Film kann man hier bei amazon erstehen. Und wer gerne in HD schaut, hier die Blu-Ray. VÖ-Termin in Deutschland war der 31. Juli 2015.

Michael Schleeh

***

Mittwoch, 16. September 2015

Yuddham Sei / Wage War (Mysskin, Indien 2011)


Nach KATHRATHU TAMIL nun der zweite Film in meiner kleinen tamilischen Filmreihe, die ich mir schon seit längerer Zeit vorgenommen habe. Dieser hier ist noch düsterer und brutaler, zwar einfacher, sprich: linearer in der Narration, aber insgesamt nicht weniger verstörend. Polizei-Officer J. Krishnamoorthy (gespielt von Cheran), still, zurückgezogen, ein harter Hund aber ohne hard boiled-Machismen, ist auf der Jagd nach einem Serienkiller, der seinen Opfern mit einer Kettensäge die Hände absäbelt und diese in einem Pappkarton gut auffindbar in der Öffentlichkeit platziert. Und somit die Polizei herausfordert. Zugleich ist allerdings seine Schwester verschwunden; JK vermutet, sie sei in die Hände von Menschenhändlern geraten. Ganz so schlimm ist es letztendlich zwar nicht, aber die Spuren der verschiedenen Verbrechen führen überraschend zusammen und am Ende sind die Bösewichte dichter dran am Helden, als man zunächst vermutete.

Filmen wie YUTHAM SEI würde man wünschen, sie wären auch in unseren Breiten präsenter - da würde die Akzeptanz "des indischen Films" (als ob das eine homogene Masse wäre) beim Genrepublikum mit Sicherheit um einiges steigen. Dieser Film kann nicht nur mit westlichen Standards mithalten, nein, er ist oft packender, bedrohlicher, roher, als das, was bei uns gemeinhin als Genrestandard so durchgeht. Der Soundtrack spielt dabei keine kleine Rolle. Elegische Töne der Hoffnungslosigkeit und des ungehemmten Pathos, auf eine gute, ans Hong Kong-Kino erinnernde Art, verdichten die Bilder zu einem kompakten Nervenzerrer, der auch in seinen ruhigen Momenten übrigens völlig zu überzeugen weiß. Da zeigt sich die Innovationsfreude, wie auch die Nähe zum asiatischen (Kampfkunst-)Film, für den das tamilische Kino aus Kollywood berühmt ist. An einer Stelle etwa fragt JK seine beiden Assistenten, ob sie Akira Kurosawas RASHOMON kennen würden, als es um die Glaubwürdigkeit verschiedener Zeugenaussagen geht. Alleine in Tamil Nadu entstehen übrigens 700-800 Filme pro Jahr.

Natürlich ist an diesem Film aber auch nicht alles völlig gelungen: Eine einzige Tanzszene nach dem Interval konnte ich nicht so richtig einordnen, die wirkt wie ein fremdes Ufo in diesem Film, akzidentiell auf dem Planeten Erde gelandet und führt Männer mit Bärten und lustigen Hosen vor. Sehr merkwürdig. Auch die Nebenfiguren werden kaum eingeführt und sind mehr oder weniger Staffage neben dem Helden. Die Regie, so überzeugend sie oft ist, verliert sich ein ums andere mal in formalen Spielereien wie Drehungen aus Überkopf-Perspektiven und Bullet Time - Effekten, oder auch in ständigen Entschleunigungen, Slow Motion-Dehnungen in den Nahkampfszenen, die vermuten lassen, dass hier nicht nur die Detailfreude an komplexer Kampftechnik herausgearbeitet werden soll, sondern auch mangelnde Skills, Wucht und Geschwindigkeit der Akteure camoufliert werden. Wie dem auch sei, drei oder vier Minuten später wird man wieder eingeholt von dieser Geschichte um Mord, Totschlag und Rache, und bei der Intensität der Darstellungen, etwa von Lakshmi Ramakrishnan, die als kahl geschorene Nemesis auftritt oder von Jayaprakash als Dr. Judas, verblassen die kleineren Schwächen zu Nebensächlichkeiten. Und wie JK, der stille harte Hund, mit einem Taschenmesser sieben Angreifer nachts auf einer Brücke fertig macht, ist in seiner low key-Trashiness ganz wunderbar gespielt - mit einer stoischen Miene wie aus einem Takeshi Kitano-Film.

Michael Schleeh

***

Sonntag, 13. September 2015

Kattradhu Thamizh aka. Kathratu Tamil / Learning Tamil (Ram, Indien 2007)


Man kann nun nicht gerade behaupten, dass der Tamilische Film in Westeuropa irgendeine Rolle spielen würde. Woran das liegt? Vermutlich an der üblichen kulturimperialistischen Impertinenz, die wie immer lieber Bauchnabelbeschau hält, als mal über den Tellerrand hinauszublicken. Die asiatischen Kinostarts 2015 in Deutschland zum Beispiel sprechen für sich: es ist dieses Jahr wieder einmal ein veritables Desaster, was cinephile Grenzgänger zu entnervend langen Wartezeiten auf punktuelle DVD-Veröffentlichungen zwingt, und weniger hemmungslose Ungeduldige zu den netzwärtigen Torrentseiten. Entweder kann man mit diesen Filmen tatsächlich hier  überhaupt kein Geld verdienen, oder man traut ihnen nichts zu. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Drei, vier einsame Seelen hätte es für diesen Nervenzertrümmerer in Berlin oder Köln vermutlich schon ins Kino getrieben, aber wer sonst sollte kommen? Das hier ist schließlich nicht LUNCHBOX mit Irrfan Khan.

Ram ist ein Regieneuling, der mit diesem Film ein fiebrig-nervöses Brett vorlegt. Es geht um einen jungen Mann (Jiiva), der sich entgegen aller Karriereprognosen darauf verlegt, Lehrer für tamilische Literatur und Sprache zu werden. Im aufkommenden IT-Boom in Indien ist man allerdings schnell desillusioniert und  auch bald abgehängt: während er gerade mal 2000 Rupien verdient, geht es seinen ehemaligen Studienkollegen blendend mit monatlich 200.000 Rs auf dem Konto. Daraufhin sieht er irgendwann rot, denn eine korrupte Gesellschaft treibt ihn in den Wahnsinn: ein verkommener Cop, der ihn schikaniert, ein Freier, der seine Jugendliebe (Anjali) misshandelt, Menschen, die ihn ausnutzen und einem Elternlosen keine Chance bieten. Aus Selbstschutz landet er als Tramp auf der Strasse und nach dem ersten, wie zufällig begangenen Mord, besorgt er sich eine Knarre und nimmt das Schicksal selbst in die Hand. Nicht als cooler Killer mit Todestrieb, sondern als am Wahnsinn entlang streifender Getriebener, der um sein Überleben kämpft.

Der Film über diesen Irrsinnigen ist demnach - folgerichtig - nicht linear erzählt. Der Inhalt wird zur Form. Er beginnt mit einem versuchten Selbstmordversuch, später dann eine lange Sequenz mit einem Interview. Dort blättert er seine Lebensgeschichte auf, die dann in Flashbacks erzählt wird. Aber immer wieder driftet der Film auch ab, tief in seine verschiedenen Erzählstränge hinein, verläuft sich auch manchmal, kämpft im zweiten Drittel trotz des Geweses um die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Am Ende ein geradezu klassischer Rahmen auf der endgültigen Reise ins Jenseits. Toll wie Ram das alles zusammenfügt, die fiebrigen Bilder, die zerrüttete Narration, die moderne, ekstatische Musik, die ganz anders als das übliche Kino von diesem Kontinent vor allem mit verstörenden Elementen zu begeistern weiß, oder auch mal mit loungigen Beats aus der Elektromaschine. Eine beeindruckende Leistung von allen Beteiligten, den Protagonisten, dem Bild, dem Schnitt, dem Buch. Die politische Dimension wäre etwas, das bei Zweitsichtung mein Interesse stärker auf sich zöge, wo etwas Recherche und Vorarbeit vonnöten wäre. Geht aber auch so, als Affektstimulans, als aufwühlendes Zeugnis einer zerrütteten Seele in moderner kapitalistischer Gesellschaft. Die zwar ein paar Gewinner, aber vor allem viele Verlierer produziert.

Michael Schleeh

***

Freitag, 11. September 2015

Real / Riaru: Kanzen naru kubinagaryu no hi (Kiyoshi Kurosawa, Japan 2013)


Die Filme von Kiyoshi Kurosawa sind mir im Laufe meines cinephilen Lebens ans Herz gewachsen. Seit ich damit begonnen habe, intensiver asiatisches Kino zu schauen, das war etwa ab 1998, begleitet mich dieser Regisseur. Und obwohl seine Filme in vielerlei Hinsicht sich immer sehr ähnlich sind, langweilen sie mich nie. Freilich, mitunter findet sich auch mal ein schwächerer Vertreter im Oeuvre - das macht aber nichts, denn einerseits finden sich in ihnen immer noch genug Kleinigkeiten, die interessant sind, und andererseits ist es ja auch beruhigend, nicht ständig mit Meisterwerken konfrontiert zu werden. Das würde man ja nicht aushalten. Und in diesem Punkt ähnelt er sehr einem anderen Meister, den ich verehre: Hong Sang-soo. Auch bei ihm sind sich die Filme sehr ähnlich, eher Variationen der immer selben Themen, immer weiter ausschreitend auf einem Feld, das dann doch sehr überschaubar ist. Aber zu entdecken gibt es da genug. Es sind zwei Autorenfilmer mit eigener Handschrift, Kurosawa mittlerweile deutlich stärker im Mainstream angekommen als der koreanische Kollege. Aber dann so ein Film wie THE SEVENTH CODE, der Russland-Film. Ganz gewiss nicht dramatisch, aber wunderbar offen, neu sich umschauend, Filme bei denen egal ist, ob die Hauptdarstellerin eine Sängerin ist, die das Studio in den Film gedrückt hat. Der Film schluckt alle Schwächen und verwandelt sie in Stärken. Auch REAL, ein merkwürdiger Science-Fiction-Film, funktioniert erstmal auf merkwürdige Weise mit seinen nicht immer gerade geglückten Computerbearbeitungen und offensichtlichen Budgetlimitierungen. Für viele Leute ist das nichts. Die suspension of disbelief des Zuschauers hört leider allzuoft dort auf, wo man die Komfortzone der Illusionsverstärkung verlassen muss. Dabei wäre sie oft gerade dort angebracht, wo man genau sieht, wie stark die Leistung und das Selbstbewußtsein des Regisseurs an den Stellen gewesen sein muss, an Stellen, wo man eigentlich die Augen etwas zukneifen muss. Und er oder sie den Film dann eben doch machen, gegen alle offensichtlichen Widerstände. Das ist doch viel schöner und näher am Leben, als immer dieser vorgetäuscht reibungslose Perfektionismus der glitzernden Oberflächen.

Wie eigentlich in fast allen seinen Filmen geraten die Protagonisten an den Rand der Welt, in einer bevorstehenden Dystopie, die damit droht, alles untergehen zu lassen. Landschaften sind ein Anzeichen dafür und anstehende Unwetter (CHARSIMA droht da so ganz besonders wunderbar am Ende). Hier ist es die völlig vernebelte Metropole, die eine Membran zu den Orten der Kindheit ist. Man kann aber nicht sicher sein, dass man in die REALe Welt zurückkehren kann, sobald man sich hinausgewagt hat. Ein bisschen was von einem Märchen hat das auch, daher auch die Glockenspielmusik, die Kurosawa hier, sonst aber eigentlich nie, einsetzt. Und einmal löst sich richtiggehend die Stadt auf, zerfließt nach oben hin weg wie eine Tuschezeichnung. Was natürlich inhaltlich dazu passt, dass die Protagonistin Atsumi (Haruka Ayase) eine bedingungslose Mangazeichenrin ist, ein Künstlerin. Sie liegt allerdings im Koma und ihr Freund Koichi (Takeru Sato), mit dem sie seit Kindheitstagen zusammen ist, lässt sich in einer Klinik auf ein neurologisches Experiment ein, das ihm erlaubt, eingespannt in eine Sci-Fi-Apparatur, über die gleichgeschalteten Gehirnströme in ihr Denken einzudringen um sie "von dort" zurückzuholen. Kurosawa macht das mit flirrenden Rändern an den Bildern, mit Wacklern und Verzerrungen, die eine alternative Realität andeuten. Dummerweise ist es eine, in der sie, die Anti-Heldin, noch etwas korrigieren kann, was ihr im realen Leben nicht mehr möglich ist (oder möglich scheint). Je länger sie in dieser Welt jedoch ist, wo sie auch zurückkann auf die Insel der Kindheit, in eine scheinbare Idylle, wo ein Unglück passierte und auch dort nochmal herumreparieren könnte an der eigenen Biographie, desto stärker wird der Zwang, ebendort zu bleiben. Aber vielleicht ist auch alles nochmal ganz anders, wenn sich die Level der Realitäten verschieben und übereinanderlegen. Und da kennt Kurosawa dann keine Hemmungen, plotmäßig und auch bildtechnisch aus dem vollen zu schöpfen.

Ebendort findet sich ein typischer Kurosawa-Schauplatz, auf den man lange warten musste in diesem Film: die Industriebrache. Ein ständig wiederkehrender Topos in seinen Filmen: die Vergänglichkeit der Welt und damit des menschlichen Daseins zeigt sich im verwitternden Beton und einsame Figuren streifen verlassen durch die Abbruchhallen, die nun eine Zeit- oder gar eine Dimensionsspalte sein könnte. Ein verlassener Vergnügungspark reckt die letzten Stahlarme in die Höhe, das zugehörige Luxus-Hotel ist längst verfallen. Auch hier eine raum-zeitliche Verdichtung, in diesem Symbol der Vergänglichkeit, das sogar begehbar ist und somit Grenzen aufweicht, durchlässig wird. Zur Membran. Dabei ist REAL eine eigentlich sehr romantische Geschichte, morbide zugleich, in der der Held seine Geliebte aus dem Jenseits zurückholen muss, es ist eine Variation auf Orpheus und Eurydike. Natürlich mit solchen Erweiterungen wie der des Kindheitstraumas, bei dem dann aus Zeichnungen tatsächlich echte Monster werden können, oder dem versuchten Selbstmord, der die Risse auch in der Psyche des Individuums aufzeigt. Am Ende treibt Kurosawa es in diesem Film vielleicht tatsächlich etwas weit, bis ins Extrem hinein - und Momente, die näher an der (also: unserer) Realität verbleiben, scheinen vielen Zuschauern und Fans eigentlich besser zu gefallen, wenn man die vielen wirklich extrem negativen Kritiken zu diesem Film in Betracht zieht. Wenn er, wie so häufig, das Unheimliche im Gewöhnlichen findet: das scheint eigentlich seine Stärke zu sein; Phänomene wie der Schatten an der Wand oder die plötzlich mit Wasser vollgelaufene Wohnung. Aber warum kann man ihn nicht machen lassen, wie er will! Kiyoshi Kurosawa soll natürlich durchaus überraschen dürfen.

Michael Schleeh

***

Mittwoch, 2. September 2015

Dil Dhadakne Do (Zoya Akhtar, Indien 2015)


Zoya Akhtars Dil Dhadakne Do ist eine romantische Komödie, die sich auf einem Kreuzfahrtschiff abspielt. Anders als man nun vermuten könnte, geht es hier weniger um die Kritik an zeitgenössischem upper class-Elitetourismus, als um die Darstellung der Irrungen und Wirrungen einer dysfunkionalen Familie aus dem Punjab. Der Film spielt hauptsächlich in Europa, da das Schiff über das Mittelmeer fährt. Zoya Akhtars zweiter Film kommt da in den Sinn, der extrem unterhaltsame Zindagi Na Milegi Dobara (2011), in dem drei Jugendfreunde eine Bachelor-Abschlußreise durch Spanien angetreten waren, und die nicht weniger turbulent war als das nun hier Gebotene. Man könnte beide Filme auch als Roadmovies bezeichnen (ein Gedanke, den Arsaib hier beim Yam Magazine etwas ausführlicher verfolgt), ein bislang noch relativ wenig ausgeprägtes Genre im Hindi-Kino, sieht man von ein paar Ausnahmen ab, wie etwa Anurag Basus Barfi! (eine Hommage an den "Tramp" von Charlie Chaplin) oder zuletzt Imtiaz Alis eindrücklichen Highway (2014), der das Motiv schon im Titel trägt, meinem momentanen Favoriten des indischen Kinos.

Das herumkreuzende Schiff ist natürlich als Metapher auf die verschlungenen Wege zu lesen, die das Leben nimmt. Geradeaus, so die Deutung, geht es niemals. Und das ausgerechnet bei den Mehras, dem erfolgreichen Unternehmergeschlecht, das nach außen hin stets die perfekte Familie darzustellen bemüht ist. Überall herrscht Harmonie. Freilich ist das reine Illusion, denn wie in jeder Familie wird viel eher der latenten Katastrophe Einhalt geboten, auch wenn das nicht alle Beteiligten wahr haben wollen. Natürlich geht es auch um die altbekannten Topoi: unerfüllte Liebe, schwierige Ehe, Ausbruch aus derselben, Existenzängste, das Aufbegehren gegen Autoritäten, Erwachsensein, Gender-Problematiken. Das ist vielleicht sowieso der spannendste Erzählstrang in diesem komplexen Geflecht: wie die Tochter Ayesha Mehra (sa-gen-haft: Priyanka Chopra) endlich all ihr Selbstbewußtsein zusammen nimmt und dem Vater gegenübertritt (und damit den konservativen Traditionen, die er repräsentiert), und aktiv etwas gegen ihre unglücklich verlaufende Ehe mit Manav (Rahul Bose) unternimmt. Im Fahrwasser unterstützt sie direkt noch ihren Bruder Kabir (Ranveer Singh), der sich in die herumstromernde Tänzerin Farah Ali (Anushka Sharma) verliebt hat. Diese eine selbstbewusste Frau, die für ihre individuelle Freiheit ihre muslimische Familie in England verlassen hat. Sehr zum Leidwesen des alten Mehra - Farah ist so überhaupt nicht die Tochter eines reichen Geschäftsmanns, mit der Kabir verkuppelt werden sollte, um die in die Pleite schlitternde Firma vor dem anstehenden Ruin zu retten. Man fühlt sich in Thronfolge-Schachereien aus dem europäischen Mittelalter versetzt.

Kamal Mehra (Anil Kapoor) ist ein mit großer Strenge regierender Patriarch, der keine Widerworte duldet und seine Kinder vor allem als "investment" begreift. Der Sohn soll natürlich die Firma übernehmen, auch wenn nicht zu übersehen ist, dass ihm dafür die geforderte Kaltblütigkeit (und Leidenschaft) fehlt, die Tochter soll ihm gefälligst bald ein Enkelkind gebären. Wie oben bereits erwähnt, hat Ayesha aber ganz andere Vorstellungen von ihrem Leben: Sie genießt es, erfolgreiche Geschäftsfrau zu sein und bedroht dadurch aber natürlich unbewusst den status quo ihres Vaters. Dieser ist nämlich ganz besonders stolz darauf, sein Imperium komplett aus eigener Kraft geschaffen zu heben - etwas, was Ayesha ebenso für sich in Anspruch nehmen kann, wenn auch auf kleinerer Ebene. Hier fühlt sich der Patriarch auf eigenem Territorium bedroht, ohne sich das eingestehen zu können. Und auch Ayeshas Gatte Manav hat deutlich konservativere Vorstellungen von ihrer unmittelbaren Zukunft, als seine erfolgreiche und dennoch stilvoll zurückhaltende Ehefrau. So ist es natürlich ein großer Schritt für sie, von allen Seiten eingeklemmt in autoritäre Strukturen, überhaupt an ihre Befreiung aus denselben zu denken. Das Ziel: eine Scheidung. Da steigt den Herren der Schöpfung die Zornesröte ins Gesicht. Von ihrer Mutter Nelam (Shefali Shetty) darf sie leider keine Hilfe erwarten, die steht seit Jahrzehnten unter der Knute ihres Mannes und hat sich in unglücklicher Ehe eingerichtet. Auch dass er sie mit jüngeren Frauen betrügt, frisst sie lieber in sich hinein, als ihn damit zu konfrontieren.

Ganz am Ende, da sitzt dann die Familie aber buchstäblich vereint "alle im selben Boot", einem Rettungsboot nämlich auf dem Weg in die bessere, gemeinsame Zukunft. Was dann doch etwas zuviel der symbolischen Bilder ist. Aber man frisst dem Cast auch wirklich aus der Hand, der hier super sympathisch auf schwankenden Planken durch den Plot tänzelt und von einem Dilemma ins nächste gerät. Natürlich spielt der Film mit etlichen Klischees, aber eben sehr effektiv und dadurch funktioniert er auf mehreren Ebenen zugleich: als Drama und Komödie, als gesellschaftskritische Satire, und vielleicht auch als Roadmovie. Kleines Leckerli: Erzähler des Films mit Voice-over-Kommentar ist der stets etwas müde wirkende Hund der Familie, der verwundert dem irren Treiben der Menschen zuschaut und eigentlich nur die ganze Zeit mit dem Kopf schütteln kann. Das ergibt natürlich schöne ironische Brechungen und legt mehr als einmal den Finger auf die Wunde. Und um noch einmal auf das Ende zurückzukommen: Bei einem Film, der darauf abzielt, Oberflächen und Oberflächlichkeiten zu demontieren, ist es auch folgerichtig, dass der Sohn Kabir in seinem Erweckungsmoment die Oberfläche, auf der sich der ganze Film (als Schiff) bewegt: die Meersoberfläche, durchstößt. Mit einem Kopfsprung taucht er in die Tiefe des Meeres ein und schwimmt dorthin, wohin sein Herz ihn leitet: zu seiner großen Liebe, die vor der verrückten Familie Mehra geflohen ist.

Michael Schleeh

***